Gebell von fernen Höfen

Es gibt Leute, die treten in dein Leben, erledigen, was zu erledigen ist, und sind wieder weg, als hätte es sie nie gegeben. Wie dieser Typ aus der Ukraine. Verschlagener Gesichtsausdruck, spitze Ellbogen, ein Dope-Verticker, wie er auf Seite 34 in amerikanischen Short Storys an der Ecke steht, unauffällig und schlaksig auf Laufkundschaft wartend, zwei Dutzend Bubbles in den Backentaschen, verkaufsfertig portioniert und eingeschweisst.. so ein Typ eben.

Aber der Reihe nach.

Es ging mir nicht gut an diesem Vormittag. Doch zeig mir den Tag, an dem es mir gut ging, Ende der 90er Jahre. Vielleicht morgens um neun, kurz nach der ersten Nase, für zwanzig Minuten. Auf dem Fußweg in die Stadt lotete ich zum x-ten Mal in meinem Kopf die Möglichkeiten aus, wie ich an Pulver kommen könnte, doch nirgendwo ging was, alle Connections waren abgeklappert. Die Unke hatte mich auf den späten Nachmittag vertröstet, Tonio war seit Tagen verschollen und nicht erreichbar, und das Pulver, das Fleschkönigs vertickte, war von solch kranker Qualität, dass ich mein Geld auch gleich in dünne Scheisse wickeln konnte.

Ich setzte mich in den Bus nach Elberfeld. Eine ad hoc-Entscheidung. Die Fahrt dauerte mehr als eine halbe Stunde. Ich kniff die Arschbacken zusammen, damit keine Kacke rauslief.

In der Fußgängerzone geriet ich in einen komplett in schwarz gekleideten Pulk von Teenagern, der sich durch die Stadt schob, ein gruseliger Anblick. Ein einziger farbiger Klecks durchbrach die schwarze Front, ein gelber Briefkasten, der an der Wand hing und zweimal am Tag geleert wurde; daher hatte er das Recht, einen roten Punkt zu führen.

Zwei Handvoll schwarz gekleideter junger Leute vor einem quietschgelben Briefkasten mit rotem Punkt. Wahnsinn. Diese Stadt. Dieses Wuppertal. Links und rechts lauter Treppen, über mir das Rumpeln der Schwebebahn.

Das Gebell von fernen Höfen.

Zur Platte fahren war komplett gegen meine Gewohnheit. Ich hasste die Platte. Ich schaltete auf Sturm und ging auf ein, zwei unbekannte Gesichter zu, fragte, wo Gift zu schnappen wäre und erntete nur Schulterzucken.

“Ist tot Wuppertal. Kannst du vergessen.”

“Was ist mit Saft?”

Methadon etablierte sich damals als Zweitwährng in der Szene, wurde aber fast teurer gehandelt als das Original. Nur einige wenige lizensierte Ärzte stellten Rezepte aus. Das knappe Angebot konnte die Nachfrage kaum abdecken, auch wenn Metha einen Nachteil hatte: das Ausbleiben von Euphorie, wenn es anflutet. Vorteil: der Stoff hielt 24 Stunden an, und er war sauber. Eigentlich. Uneigentlich entstand schnell ein Schwarzmarkt, und die Leute panschten die mit einem gelben Trägerstoff versehene, bittersüß schmeckende Lösung mit allem, was sie in die Finger kriegten, Wasser, Spülmittel. Das war besonders dumm für Junkies, die schussgeil waren und sich Metha in die Vene ballerten.

“Ich hab mir einen Shake geschossen!” hörte man dann, weil weder Wasser noch Spülmittel etwas im Blutkreislauf verloren hatte. Die Leute, die verwässertes Methadon fixten, krampften, sobald sie die Pumpe aus dem Leib zogen, schlimmstenfalls wurden sie im Krankenhaus eingeliefert und notversorgt.

Natürlich blieb der Handel mit dem Ersatzstoff dem örtlichen Rauschgiftdezernat nicht verborgen. Sie fuhren in zivil Streife durch die Strassen und hatten leichtes Spiel: überall, wo Junkies zusammenstanden und miteinander kungelten, blitzten die roten Verschlusskappen der Plastiktöpfchen auf, in denen die Flüssigkeit gehandelt wurde.

Ojay, schwarzes Mausgesicht und seit dreissig Jahren auf allen möglichen Drogen, ein echtes Multitalent, stand am Springbrunnen, aus dem schon lange kein Wasser mehr sprudelte, und winkte mich heran. Wie viele Solinger hatte es ihn schon vor Jahren ins größere Wuppertal gezogen.

“Was suchst du, Alter, Metha?”

Ich nickte.

“Der Russe dahinten vertickt was.”

“Welcher Russe?”

“Na, der aus Kasachstan, hinten auf der anderen Seite.”

“Aus Kasachstan?”

“Ja. Oder Ukraine, was weiss ich denn, irgendson Schwarzkopp eben.”

Ich blickte rüber. “Der mit der Mütze?”

“Ja, genau. Der.”

Ich ging über die Strasse und sprach ihn an. Er stand vorm Schaufenster des Pressehauses und las in den ausgehängten Lokalseiten. Oder er tat so. Ein schlaksiger Vogel, einen Kopf größer als ich. Knochiges verschlagenes Gesicht, tiefsitzende Augen, Ballonmütze. Auf den ersten Blick traute ich ihm nicht über den Weg, andererseits hatte Ojay ihn empfohlen, und Ojay kannte ich noch aus alten Kifferzeiten. Ojay war okay.

“Du hast Saft zu verticken?”

“Wer sagt das?”

“Ojay.”

Der Russe nickte. “Wieviel brrauchst du?”

“Na, was geht.”

Scheisse. Der muss doch denken, ich hätte die Taschen voller Kohle, dachte ich, dabei hatte ich gerade mal einen Fuffie zusammen. Sei nicht albern. Nur weil er aus Russland ist, wird er dich nicht gleich abstechen.

“Fuffie”, setzte ich nach.

Er trug eine abgetragene Bomberjacke, seine lange schmale Nase ragte wie ein Holzsteg auf den See hinaus. Der Rest seines Gesichts war sumpfiges Gelände, Betreten auf eigene Gefahr. Junkies haften für ihre paar Kröten. Er sprach fast akzentfrei Deutsch, nur das r knurrte, wenn es seinen Adamsapfel passierte.

“Wir müssen meine Frrau wecken”, sagte er.

“Deine Frau? Wieso?” Ich wurde sofort misstrauisch. “Was hat die damit zu tun?”

“Die hat das Metha.”

“Die hat.. ? Scheisse. Ich dachte, du hättest was dabei.”

Wir gingen bereits einige Schritte Richtung Bahnhofstunnel, er hatte sich in Bewegung gesetzt und ich folgte auf gleicher Höhe.

“Nein, nein. Meine Frrau bekommt Metha. Aber sie muss errst zum Doc. Mit Schwäbebahn.”

Ich blieb stehen.

“Na, Moment, was jetzt?! Sie muss erst zum Doc fahren, das Rezept holen, und dann auch noch in die Apo..?”

“Ja.”

“Das dauert doch..”

“.. mindestens ein, zwei Stunden, ja. Dafür ich mach billigerr.”

Sein Blick schweifte unaufhörlich hin und her, nichts in der Umgebung schien ihm zu entgehen. Passanten wurden beäugt, die Besatzungen vorbeifahrender Automobile. Ich fühlte mich zunehmend unwohl. Aus einer Ruck-zuck-Aktion entwickelte sich gerade eine den Vormittag ausfüllende Nummer, aber hatte ich eine Wahl? Es blieb nur die Option, auf der Platte rumzulungern und auf Leute zu warten, die ich nicht kannte und die nicht kommen würden – das war keine Option. Das war Scheissdreck. Das war Hühnerkacke.

Wir verliessen den Bahnhof, eilten durch Nebenstrassen, die ich noch nie gesehen hatte. Elberfeld war nicht mein Revier. Ich kannte gerade mal die Fußgängerzone. Ich betrat nahes Ausland.

“Zwei Töpfe können wir abgeben, a 10 Mililiter. Für zwanzig.”

“Okay”, sagte ich.

“Hast du saubere Pipi?” fragte er.

“Ja.”

“Wirklich sauber?”

“Ja natürlich.”

Junkies im Metha-Programm waren ständig scharf auf sauberen Urin, manche wurden wöchentlich auf Beikonsum getestet. Ich hatte extra was mitgenommen, aus dem Tiefkühlfach. Mittlerweile hatte es wahrscheinlich Körpertemperatur. Wir fuhren zwei Stationen mit dem Bus. Das Haus lag im Hinterhof. Zweite Etage. Strom abgedreht, kaum Möbel, Kündigungsklage. Das übliche.

Seine Frau saß rauchend auf der Couch und beobachtete mich nicht weiter, als wir das Zimmer betraten. Der Typ reichte mir ein leeres Jägermeisterfläschchen.

“Kannst du vollmachen mit Pipi?”

Als ich im Badezimmer des russischen Junkiepaars stand und Pisse abfüllte, bereitete ich mich innerlich auf einen Faustkampf vor. Der Flaschenhals des Jägermeister war zu klein, die Pisse lief voll drüber. Die Pisse lief warm über meine Finger und zu den Seiten des Fläschchen herunter. Als ich das Fläschchen zurückbrachte, abgespült, gab mir der Russe ein halbes Töpfchen Methadon.

“Hierr, ist noch Rest drin, kannst du schon haben. Vielleicht vier, fünf Milliliter. Kannst du schon haben. Damit es dir besserr geht. Entspann dich.”

Seine Frau las unbeteiligt in dem Roman. Knallrotes Paperback, kyrillische Buchstaben, darunter: CRIME – sowie ein Foto auf dem Umschlag, das Kalaschnikows und halbnackte Weiber zeigte, in schwarzen schusssicheren Netzstrümpfen.

Die Dinge liefen besser als erwartet.

Lonnies Nacht

Ich hatte es nicht mitgekriegt. Wirklich nicht. Der Bruder vom dicken Hansen und ich waren im Nebenzimmer gewesen, als es passierte. Und als ich aufstand und was zu trinken holen wollte, bekam ich so eben noch das Schwänzchen einer prekären Situation zu packen, und steckte sofort mittendrin.

Mitgefangen, mitgehangen.

Der Bruder vom dicken Hansen und ich hatten an diesem großzügigen Konferenztisch nebenan ein Blech geraucht und palavert, irgendein blödes Pulver-und Alk-Bla Bla, unschlagbare B-Film-Dialoge.

“Das hier ist doch kein Holz!”

“Aber Metall auch nicht.”

“Was denn dann?”

“Keine Ahnung. Kunststoff?”

“Ach was, das ist doch kein Kunststoff.”

“Nee, Kunststoff ist das nicht.”

“Sag ich doch. Aber irgendwas muss es ja sein..”

“Ja, irgendwas schon.. Vielleicht..”

“Plastik?”

“Nee! Kein Plastik! Ist doch kein.. PLASTIK!”

Es war nach Mitternacht und immer noch stickig im Haus, obwohl alle Türen auf Durchzug standen, auch die Veranda zum Stadtwald hin. Man hörte das Schnauben der Reitpferde, die unten im Stall standen und auf ein klärendes Gewitter warteten, man hörte Käuzchen, die sich in weit entfernten Bäumwipfeln ein Zwiegespräch lieferten.

Im Salon hockte der Rest: Siebels, sein Buddy Twing und Lonnie, der Gastgeber. Siebels, selbstverliebt, aber im Kern unsicher, eine vertrackte und häufig anzutreffende Mischung, hatte lange Jahre als Krankenpfleger gearbeitet, aber die Finger nicht vom Giftschrank lassen können. Eine doppelte Kurpackung Valium 10 kostete ihn schließlich den Job. Mit dem streng gescheitelten blonden Haarschopf und der fahrigen Gestik wirkte Siebels wie aus einem Hergé-Comic der Sechzigerjahre. Er hatte ein Faible für Germanenkult und Einstürzende Neubauten.

Ich bin unheimlich weiß, sagte er gern und mit düsterem Nachdruck, und ich komm aus dem Beton.

Neben Siebels lümmelte Twing auf dem Sofa und streckte alle viere von sich, er mochte es gern kommod. Twing war ein langjähriger Drogenkumpel von Siebels, ein Stehaufmännchen, ein Comeback Kid, das zwei Dekaden später an Krebs sterben sollte, kurioserweise zu dem Zeitpunkt, als Twing erstmals Vater geworden war, mit Mitte Fünfzig.

(Ich traf ihn frühmorgens in den City-Arkaden, es war keine sieben Uhr. Was machst du so früh in der Stadt? wunderte ich mich, und Twing offenbarte, dass man bei ihm tags zuvor Darmkrebs diagnostiziert hätte und er auf dem Weg zum Doc sei. Mir juckt schon die Ritze, grinste er lapidar, ich hab voll die Arschkarte gezogen, und verschwand in Hauseingang 110/112.)

Lonnie saß direkt am Kamin. Er war wie gewohnt sturzbetrunken und der lauteste von allen. Er hatte diese raubeinige Stimme, die auf der Stelle alte Westernfilme mit John Wayne aufleben liess.

“Reiten kann ich! Kein Thema..! Hab ich gelernt.. schon als Pico!”

“Du musst doch nicht reiten können, um einen Reiter zu synchronisieren, es reicht, wenn du dich so anhörst, als ob du reiten könntest!” feixte Siebels. Er versuchte Lonnie deutlich zu machen, dass mit dem Synchronisieren von Spielfilmen gutes Geld zu verdienen sei.

“Ja schon! Aber als ob bin ich noch besser als in echt, hörmal!”

Lonnie krähte vor Vergnügen und wechselte vom Sessel rüber aufs Kingsize-Sofa, wo er zwischen Siebels und Twing Platz nahm. Mit dem jüngeren Bruder vom dicken Hansen, der am Konservatorium Rotterdam Jazzmusik studierte, und mir waren wir zu fünft in dieser Nacht. Fünf Slacker, fünf Herumtreiber, die sich das Recht herausnahmen, die Tage zu vertändeln – bloß um zu sehen, was am Ende dabei rumkommt. Auch wenn jedermann wusste, was am Ende dabei rumkommt, wenn man den Teufel einlädt mitzufeiern. Wenn man zwar nicht stramm auf Ergebnis spielt, das Ergebnis aber gleichwohl feststeht, von Anfang an, bei Drink Nummer Eins, Nase Nummer Eins, Blow Nummer Eins.

Mit Ende zwanzig hatten wir das Alter erreicht, wo deutlich wurde, dass es so nicht weitergehen konnte, doch anstatt die Pulvershow in Würde ausklingen zu lassen, gaben wir noch mal richtig Gas – lieber in staubigen Stiefeln abkratzen als in der Kantine tot vom Stuhl zu rutschen, in der Mittagspause, ein allerletztes Schirmchen-Dessert in Reichweite.

Slacker wie wir, Heroin und Bier!

Na, großartig. Mit Ende zwanzig war ich es immer noch gewohnt, in entfernten Ecken der Stadt aufzuwachen und mich verbeult und verkatert vom Acker zu machen. Wir verbummelten die Tage wie Teenager und warfen alles ein, auf dem das Wort Droge eingraviert war, bis zu dieser stickig warmen Sommernacht, als Knall auf Fall eine Überdosis dazwischen sauste, ein Zwischenfall, eine dumme Geschichte zur falschen Zeit.

Etwas, das niemand gebrauchen konnte.

*

Was zum Henker..?!

Ich blieb im Durchgang stehen und sah verblüfft zu, wie Siebels die Spritze aus Lonnies Arm zog. Im ersten Moment hielt ich es für Fake, für eine Art .. na ja, Probebohrung, bis ich begriff, das geschah wirklich. Scheisse, der kann Lonnie doch keinen Druck setzen! Das geht doch nie und nimmer gut! Lonnie ist doch.. kein Junkie!

Schon krachte Lonnie zusammen, auf dem Sofa.

Lonnie war nicht mal ein Gelegenheitsuser, er war ein Trinker. Wenn er einmal anfing zu trinken, trank er tagelang durch, er konnte nicht aufhören zu trinken und zu krakeelen.

“DREI PIMMEL MÜSSTE MAN HABEN, JUNGS – DREI! EINEN ZUM PINKELN, EINEN ZUM POPPEN, EINEN FÜR DEN SHOWROOM!”

Wenn er einen Lauf hatte, war er voller Ideen. Einmal schaffte er das Drehbuch für einen Science Fiction Film bis zur Hälfte, es sah richtig gut aus. Der Plot:  Aliens aus einer anderen Galaxie landeten auf der Erde, auf der Suche nach Futter. Sie ernährten sich von Lärm, elektrischem Licht und Dummheit, sie fühlten sich auf der Erde wie im Schlaraffenland. Sie machten reiche Beute, bis Seite 43.

Dann war Sense und Lonnie besoffen.

*

Sofort brach Panik aus. “LONNIE..! LONNIE!!” Siebels verpasste ihm klatschende Backpfeifen – paff paff paff. “MACH DIE AUGEN AUF, LONNNNIE!” Twing kam hinzu, zu zweit nahmen sie Lonnie in die Mangel, brachten ihn zum Stehen, versuchten seinen Kreislauf in Schwung zu bringen, in dem sie ihn zum Gehen animierten.

DU SOLLST DIE AUGEN AUFMACHEN, LONNIE!!

Es war ein erbärmliches Bild. Zwei gestandene, vom Wuchs aber eher schmächtige Junkies schleppten den in sich zusammengesunkenen Säufer-Hausherrn durchs Wohnzimmer, und der stolperte hinterher, so gut es ging, kraftlos, das Blut vergiftet von Morphin.

Bis Mitternacht hatten wir in einem von Schnaken und Mücken verseuchten Biergarten an der Wupper gesessen, und als es darum ging, wo feiern wir weiter, lud Lonnie uns ein, die Nacht bei ihm zu verbringen, im Haus der verreisten Eltern.

MEINE ALTEN SIND IN TIMBUKTU! MA-HAAA!

Lonnie lief blau an, er war ohne Bewusstsein. Jetzt zählte jede Sekunde. Twing begann hektisch die üblichen Junkutensilien einzusammeln, Siebels suchte seine Jacke. Sein Blick war leer, gehetzt. Es sind immer die leeren, die gehetzten Blicke.

“Ich hau ab”, sagte er, fast trotzig.

“Hier haut keiner ab.”

Ich war selbst überrascht, dass die Worte von mir sein sollten. Ausser blöd gucken war von mir noch nichts gekommen, was irgendwie zur Rettung Lonnies beigetragen hätte. Natürlich hatte ich uns die ganze Scheiße nicht eingebrockt, klar, aber Lonnie deswegen verrecken lassen? Weil ich nicht schuld war..!??

Auch der Bruder vom dicken Hansen hielt sich im Hintergrund. Wie nicht anders zu erwarten war. In der Not ist man nicht plötzlich ein anderer, das macht keinen Sinn. Wenn es um Leben und Tod geht, reagiert der Mensch wie unter Brennglas. Es lässt sich schnell erkennen, aus welchem Holz einer geschnitzt ist.

“Das ist kein Holz!” “Ja, was ist es dann? Kunststoff?” “Quatsch! Ist doch kein Kunststoff!” “Aber irgendwas muss es doch sein!”

“Wir müssen den Notarzt rufen”, sagte ich.

“Dann ruf doch den Notarzt!” rief Twing. “Aber ohne mich!”

“Mach endlich einer die scheiß Musik aus!”

Im carraragefliesten Korridor, wo der Telefonapparat stand, ein altmodisches Teil mit Wählscheibe, wählte ich die 112. “Wenn wir jetzt abhauen, sind wir dran wegen unterlassener Hilfeleistung. Dann sind wir verdammte Mörder!”

Das saß. Dabei ging es mir in diesem Moment weniger um Lonnies Leben, ich hatte bloß Muffen vor etwaigen Konsequenzen. Während auch Siebels sich besann und zur Herzdruckmassage überging und darüber fast die Nerven verlor, LONNNIE, KOMM SCHON, REISS DIE SCHEISS AUGEN AUF, verschwand Twing aufs Klo.

“Ich muss kotzen!”

Der Bruder vom dicken Hansen und ich liefen auf die Straße, um den Krankenwagen abzupassen. Die hell erleuchtete Stadtvilla im Stil eines spanischen Landhauses, Lonnies Eltern hatten mit Rollkoffern ein Vermögen gemacht, stand am Ende einer steil abfallenden Sackgasse. Die plötzliche Kühle des nahen Stadtwalds, die Sterne am Himmel, ihr unbeteiligtes Funkeln, alles nahm seinen Gang, als wäre nichts geschehen, als kämpfte niemand um sein Leben, nirgendwo auf der Welt.

Es war nichts zu hören, auch aus dem Haus nicht.

Selbst in den Stallungen war es still geworden, und die Käuzchen waren Schlafen gegangen in den Baumwipfeln.

Vielleicht ist er schon tot, dachte ich, als sich endlich der Ambulanzwagen näherte, im Schritttempo. Der Bruder vom dicken Hansen winkte, doch der Wagen blieb mit kreisendem Blaulicht stehen, ohne Sirene, weit oben am Berg.

“Nein..! Die sehen uns nicht!”

Sie suchten die richtige Hausnummer. Der Schein einer Taschenlampe schnüffelte durch die Nacht, Hansens Bruder pfiff wie irre durch die Finger. Endlich bemerkte man uns. Der Rettungswagen rollte mit ausgeschaltetem Motor die Straße runter, ein Arzt sprang heraus, den Notkoffer schwingend.

“Hier ist jemand kollabiert?”

Während wir das Haus über den Flur betraten, berichtete ich, dass Lonnie gesoffen hätte wie ein Loch und plötzlich umgekippt sei.

“Und was hat der Gute noch intus, außer Alkohol mein ich?”

“Weiß nicht”, log ich.

Der Doc schaute belämmert aus der Wäsche. “Ja also das müssen wir schon genau wissen, um die richtigen Maßnahmen einleiten zu können.”

“Irgendwelche Hammer-Pillen.. keine Ahnung.”

Lonnie lag ausgestreckt im Salon, direkt vor dem Kamin mit den handgeschmiedeten Gittern. Der Doc und sein Assistent mühten sich, ihn zu stabilisieren, sie veranstalteten einigen Wirbel. Umverpackungen von Medikamenten flogen durch den Salon, ein Venenzugang wurde gelegt. Niemand von uns rückte mit der Sprache raus, was wirklich passiert war, da konnte der Doktor noch so sehr dazwischen funken. Auch wenn Lonnies Überdosis uns ernüchtert hatte, wir funktionierten trotzdem nicht richtig, wir waren trotzdem auf Pulver. Natürlich durfte ein Rettungssanitäter nicht die Bullen informieren, wenn bei einem Einsatz Drogen eine Rolle spielten, das war uns schon bewusst, er hatte Schweigepflicht, und dennoch – niemand wusste, wie sich diese Nacht noch entwickeln würde.

Was, wenn Leon nicht mehr aufwachte? Wer hätte Schuld an seinem Tod? Wer würde wen verraten, wer wen decken, wenn es hart auf hart käme? Und warum überhaupt dichthalten? Einer würde sowieso plappern. Es war eine gefährliche Situation. Vier linke Kimmen, ein Halbtoter, zwei Sanitäter.

Urplötzlich berührte uns das Grundthema der Zivilisation, des Menschen unter Menschen: Bist du ein Mörder, oder bist du kein Mörder? Kann ich dir trauen, oder kann ich dir nicht trauen?

“Heroin”, sagte ich endlich. “Er hat.. Heroin gespritzt..”

Jetzt ging es blitzschnell. Der Rettungsarzt zog ein Gegenmittel auf und injizierte es. In Nullkommanichts lag Lonnie festgeschnallt auf der Tragebahre und wurde in den Rettungswagen geschoben – Abfahrt.

Wir räumten auf, wir saugten die ganze Hütte, wir spülten Gläser, wir trockneten ab. Wir vernichteten alles, was irgendwie mit Pulver in Verbindung gekommen war, jeden Fitzel Aluminiumfolie, Zigarettenfilter, Papers. Niemand machte Siebels einen Vorwurf, dass er einem stadtbekannten Säufer Heroin gespritzt hatte. Lonnie musste den Druck geradezu erbettelt haben – und, wie ich staunend erfuhr, nicht zum ersten Mal.

“Ich hab bloß eine Messerspitze aufgekocht”, stammelte Siebels, “Mann, das war doch nur ein Fliegenschiss!”

Wir waren erschöpft wie nach einem Zehnkampf. Das Ergebnis blieb zunächst unklar, es galt das Fotofinish abzuwarten. Hatten wir zu lange gezögert, bis die Notfallmediziner endlich wussten, was zu tun war? War Lonnies Gehirn zu lange unterversorgt gewesen mit Sauerstoff? Noch bevor die Ambulanz losgefahren war, hatte ich diese Frage dem Doc gestellt, doch der wollte sich nicht festlegen.

Der Bruder vom dicken Hansen und ich blieben den Rest der Nacht zusammen. Wir fuhren zu ihm nach Hause, blowten das übriggebliebene Pulver weg. Bei Sonnenaufgang riefen wir im Krankenhaus an, erkundigten uns nach Lonnies Gesundheitszustand. Erst rückte der Nachtpfleger keine Information raus, später erfuhren wir immerhin, dass Lonnie bei Bewusstsein war. Und dass wir gegen acht Uhr kommen könnten, um ihn abzuholen.

Der Bruder vom dicken Hansen war ein schläfriger und gutmütiger Bursche, ein talentierter Musiker, die Finger ständig an der Hosennaht, um den Takt mitzuklopfen. Es gab Tage, da warfen wir einfach die Congas und Bongos auf den Rücksitz seines Golfs und fuhren raus ins Grüne, eine Lolle dampfen und trommeln. Das waren Sachen, die konnte man mit dem Bruder vom dicken Hansen prima machen, er war der richtige Mann für unkomplizierte spontane Aktionen.

Mitten im Drogen-Tohuwabohu der späten Achtzigerjahre packte er seine sieben Sachen und verschwand nach Havanna, wo er das Konservatorium für Musik besuchte sowie einheimische Kokainhändler. Er heiratete eine Kubanerin und zeugte ein Kind mit ihr. Jahre später führte er mir das Hochzeitsvideo vor. Ich war irritiert, wie isoliert er in der Familie erschien, doch unglücklich war er nicht.

Er kehrte in die Heimat zurück und machte da weiter, wo er aufgehört hatte. Neu war nur der Voodoo-Schrein, den er in einem Schrank eingebaut hatte und mit kleinen Gegenständen bestückte, die ihm etwas bedeuteten. Nicht mal sein Bruder wusste davon. Niemand wusste davon. Nicht, dass er sich dafür geschämt hätte. Er fürchtete nur, der Zauber könne verfliegen, der Altar entweiht werden, sollte ein Ungläubiger einen Blick darauf werfen.

In diesen frühen Morgenstunden aber gestattete er mir den Einblick in seine kleine karibische Welt. Nicht sehr lange, keine zwanzig Sekunden lang schaute ich in eine sehnsüchtig flackernde Installation aus kleinen Kerzen, die ihr Licht gegen ein mit rotem Glanzpapier ausgekleidetes Schrankfach warfen, ein Mini-Voodoo-Club, in dessen Mitte ein winziger Weihwasser-Kessel schaukelte – ich sah ein Amulett und rote Gebetsfähnchen, handgefertigt in Tibet, und Lamettastreifen. “Ahora es mejor”, hörte ich Hansens Bruder wie im Gebet. Wir haben nie wieder ein Wort über diese Szene verloren.

Ich hatte auch keinerlei Fragen.

Als es hell wurde, kündigte sich der nächste heiße Sommertag an, auch wenn er sich zunächst bedeckt hielt und nicht mehr als eine graue Pinnwand abgab. Noch hatten wir keine genaue Nachricht, in welchem Zustand Lonnie war. Wir fragten uns, warum wir so feige gewesen waren und so lange gewartet hatten, ob Feigheit ein Charakterzug in uns Deutschen war.

Ich erzählte, dass ich manchmal dieses Spiel spielte, wenn ich durch die Stadt ging. Wäre der Kerl da vorn, der mit dem Käppi an der Fußgängerampel, wäre der bei den Nazis als Mitläufer mitgelaufen? Und was war mit mir? Hätte ich den Mumm gehabt, jüdische Nachbarn zu verstecken, unter Einsatz meines Lebens? Hätte ich mich gegen das herrschende System gestellt, ausgerechnet ich mit meinem Hang zum Unsichtbarmachen, um die Dinge beobachten zu können, aus sicherem Versteck heraus? Wo ich es nicht mal gebacken kriegte, dem Notarzt die Wahrheit zu sagen, wenn es um Leben und Tod eines Kameraden ging?

Wir kamen überein, dass wir in der Nazizeit die Nähe fetter drogensüchtiger Spitzenfunktionäre der NSDAP gesucht hätten, um leichter ans Morphium zu gelangen.

“Wie hieß nochmal der fette süchtige Doktor, Goebbels?”

“Nee, Goebbels war das Hinkebein, Göring war der Doc. Die deutsche Morphiumszene 1944, die verdammte Platte, das war Hermann Göring höchstpersönlich.”

Punkt acht fuhren wir am Eingang des Klinikums vor. Wie der Zufall es wollte, kam uns genau in dem Augenblick Lonnie entgegen, untergehakt bei seiner bildhübschen Freundin. Lonnie wirkte wie ein Boxer, der nach schwerem Knockout langsam wieder auf die Beine kam. Er war blass, er bibberte vor Kälte, aber er war okay. Er würde keinerlei Schäden zurückbehalten, liess er uns sofort wissen.

“Habt ihr gedacht, ihr könntet Staub und Asche aus mir machen, wa? Ja Scheiße, ihr Schlaumeier.”

Erinnerung an die Nacht hatte er so gut wie keine. Bis auf diesen einen kurzen Moment, als der Notarztwagen vorm Haus losgefahren war und er durch einen Schlitz das zittrige Blaulicht auf dem Dach sehen konnte. Er fühlte sich wie in einem gewaltigen Flipper gefangen.

“Freispiel! dachte ich.”

Geplant war Ewigkeit (15)

 08. Februar 2014

Mein Bruder holt mich mit dem Wagen ab, wir fahren gemeinsam ins Krankenhaus. Ich kenne kaum einen, der so echt rüberkommt wie dein Bruder, sagte die Gräfin mal zu mir, man hat bei ihm nie das Gefühl, dass er einem was vorspielt.

“Und kein anderer kratzt sich so entspannt am Sack”, fügte sie hinzu, “egal, ob einer guckt.”

Mein Bruder, sieben Jahre jünger, während meine Schwester sieben Jahre älter ist als ich, hat eine Krankenschwester als Frau, zwei kleine Jungs, bretonische Quessant-Schafe in wechselnder Anzahl sowie drei bis vier Katzen, die von Zeit zu Zeit tote Mäuse ins Haus kotzen.

Samstagmittag. Die Luft ist so mild, es duftet nach Honigmelone. Vater liegt auf der B 12, Gastro-Enterologie. Er ist weiterhin allein auf dem Zweibettzimmer. Er freut sich uns zu sehen. Ich suche seine Hand zur Begrüßung. Am Ende mag ich alles an ihm. Das weiße Haar, seine verschorfte Haut, die eigenartigen Fingernägel, groß wie Maikäferpanzer und brüchig, aber nicht von der vielen harten Arbeit, wie ich immer glaubte. Tatsächlich hatte sich ein langlebiger Pilz eingenistet und rauschende Feste gefeiert in den Nägeln.

Vater ist gar nicht mal übel drauf, im Vergleich zu den letzten Tagen. Nur sehr schwach. Aber er gibt sein bestes. Es ist der vorletzte Tag seines Lebens.

“Re-de ich deut-lich..? Ver-steht ihr mich?!”

Er formt die Worte sorgsam und so bedächtig wie möglich, und dennoch. Man möchte ihm bei jedem neuen Satz unter die Arme greifen. Seine merkwürdige Körperlosigkeit erinnert an einen Kosmonauten im Weltraum, der schon halb aus dem Anzug ist.

Zwischendurch jähe Verstimmung.

“Seit wann gibt es hier Polizei-Hühnersuppe zu essen!?”

Mein Bruder blickt mich an. Wir lachen, aber nur wir beide, Vater lacht nicht.

“Ihr lacht! Warum lacht ihr?”

Na, Moment. Womöglich wähnt er sich in Gefangenschaft. Polizei-Hühnersuppe.. Womöglich ist es gleich wieder so weit, und die Franzosen kochen einen scheiß Kaffee. Aber die Tommies sind feine Menschen: “Da lass ich nichts drauf kommen! Die haben uns immer anständig behandelt, die Tommies..!” Wir hatten das alles schon mal. Wenn es ganz dicke kommt, wähnt er sich in Kriegsgefangenschaft. Dann lauert die Bedrohung selbst in der Suppenschüssel.

“Hier, die Polizeisuppe.. probiert ihr mal.”

Ich nehme einen Löffel.

“Schmeckt doch gut.. bisschen kalt vielleicht.”

“Ja sicher schmeckt die gut! Jetzt schon! Jetzt schmeckt die Suppe auch gut. Wisst ihr auch warum..?”

Er lenkt unsere Blicke zum Fußende des Krankenbetts, er bewegt gemächlich den dicken Zeh.

“Deswegen.”

“Weswegen.. was?” fragt mein Bruder.

“Wie weswegen was..? Die Suppe schmeckt besser, wenn ich den Fuß.. hier so.. an.. hebe..  Dann ist sie nicht so salzig.”

Jetzt lachen wir alle drei. Keine Ahnung, ob er uns nur auf den Arm nehmen will oder ob er in letzter Sekunde versucht, den Hals aus der selbstgebastelten Schlinge zu ziehen – ist auch egal. Während ich ihn behutsam füttere, Löffel für Löffel, beobachtet er mich auf eine Weise, als versuche er sich alles genau einzuprägen. Damit er später was zu erzählen hat, im Himmel unter der Erde. Und wie er meinen Bruder beäugt, der einen Stuhl heranholt und sich ans Bett setzt, während ich den Löffel in den Teller tunke und mit Suppe fülle, dann den Löffel an seine Lippe führe, “gut so..?”, ja, nickt Vater und schlürft die Brühe, die ihm sichtlich gut tut.

“Hühnersuppe, ausgerechnet..”, meint mein Bruder leise.

Hühnersuppe war zeitlebens Vaters Spezialität, sein erklärtes Elixier. Das Akkordeon unter den Speisen. Nach Mutters Tod hatten wir Kinder für ständigen Nachschub an Dosensuppen mit Hühnerfleisch zu sorgen, wobei die Hochzeitssuppe von Sonnen Bassermann den Vogel abschoss, eine Nudelsuppe mit Hühnerfleischeinlage. Niemals konnten sich genug Hochzeitssuppen im Vorratsschrank stapeln. Darin sah es aus wie in einer Schiessbude auf der Kirmes. Hühnersuppen von Sonnen Bassermann hatten es ihm ähnlich angetan wie meiner Mutter früher die Hefte von Readers Digest. Vater hätte Hochzeitssuppen von Sonnen Bassermann auch gleich abonnieren können.

Das größte war natürlich, wenn die Gräfin ein Bio-Huhn kaufte und die Hühnersuppe selbst kochte, davon musste ich Vater jedes mal etwas mitbringen. Das waren die Tage, an denen ich mit Rucksack und Hund zu Vater spazierte. Schon am gleichen Abend hatte er die erste doppelte Portion verputzt, und weil es so lecker war, folgte gleich am nächsten Morgen Teller Nummer 3, und zum zweiten Frühstück der Rest. Wenn ich ihn mittags anrief, um mich nach der Hühnersuppe zu erkundigen, war nichts mehr da. Nur seiner Stimme war das Labsal noch anzuhören.

“Bestell der Susanne einen ganz lieben Gruß von mir, sie hat wieder für die Könige gekocht.”

Während ich Vater füttere, unterhält er sich mit meinem Bruder. Es ist ein Gefühl, als füttere ich einen großen alten Kiebitz. Oder ein zu groß geratenes kränkelndes Käuzchen, das uh-uhh macht. Sein Anblick tröstet mich ungemein. Die Tatsache, dass er noch in der Welt ist.

Ich bekomme die Unterhaltung der beiden gar nicht mit, es ist das übliche Frotzeln, das die beiden an den Tag legen und auf das ich lange Zeit eifersüchtig war. Auf ihre Handwerkerkunst und das wissen-wie-Dinge-funktionieren-Herz, das meinen Vater und meinen Bruder verbindet und mich ausschliesst, weil ich zwei linke Hände hab und keinerlei Vorstellung davon, wie etwas funktioniert.

Zum Beispiel technisch.

Die Unterhaltung fliegt an mir vorüber, und ich steige tief hinab in Vaters Blick. In diesen sonderbar glasigen Ende-des-Lebens-Blick, als sähe er schon, was hinter der Ecke wartet. Ein Blick, den man Menschen schenkt, die einen mit einer besonderen Tat überraschen, die man ihnen so nicht zugetraut hat, und so richtig mag man es immer noch nicht glauben. Ich glaube fast, er hält seine Söhne für Gevatter Tod, und der hat sein schönstes Geschenk dabei.

“Da ist ja ordentlich Fleisch drin”, staunt mein Bruder, als er mich beim Füttern ablöst.

“Fleisch..? Ja. Da ist ordentlich was drin.”

Der Bereitschaftsarzt klopft an. Er klärt uns über Vaters Hämoglobin-Werte auf, (“die sind im Keller”), es besteht Verdacht auf einen kleinen Schlaganfall, (ach, jetzt doch?), Vater hat Wasser in den Beinen und eine Lungenentzündung. Zu seinen üblichen anderthalb Dutzend Herz-, Asthma- und Psycho-Pillen werden obendrauf Entwässerungstabletten und Entzündungshemmer gereicht.

“Ja, ist lecker”, sagt Vater einfach so ins Blaue hinein.

“Wenn er morgen in dieser Verfassung ist, können wir ihn zurückverlegen ins Altenheim.”

Sobald der Doc das Zimmer verlassen hat, erzählt uns Vater von der vergangenen Nacht. Er habe Besuch von zwei Männern erhalten, die zu ihm ans Krankenbett traten. Herr Glumm? Wir müssen Ihnen etwas mitteilen. Sie haben nicht mehr lange zu leben. Sie sterben bald.

Vater erzählt es ruhig und für seine geschwächte Stimme so klar und gefasst, mein Bruder und ich sind ganz still geworden. Eine Infusion gluckert, er trägt eine Nasensonde, damit er besser Luft kriegt, der Geschirrwagen quietscht über den Gang.

Von allen Gefangenschaften.. in meinem Leben.. ist die letzte.. die schlimmste.., sagt Vater. Das Alter.

“Ich muss mir doch keine Vorwürfe machen..?”Er schaut uns beide an – mit diesem kleinen Fragezeichen in der Luft. “Was ich alles falsch gemacht hab..”

“Ach was, du musst dir keine Vorwürfe machen..”, sag ich, aber Vater ist nicht überzeugt.

“Was bleibt von meinem Leben schon übrig..”

Er ist ganz niedergeschlagen plötzlich. Seine Hand ruht in meiner. Nicht, dass er sie gesucht hätte. Ich hab sie mir genommen, und er hat es sich gefallen lassen. Ich steige tief in seinen Blick. Im Tod werden wir alle der Affe, von dem wir abstammen. Der Speck zieht sich aus dem Gesicht, man magert ab bis auf die Augenhöhlen – ein Konterfei, das verblüffend einem Schimpansen gleicht: das Kinn vorgeschoben, ja vorgewölbt, und die hohe Stirn.

Schweigen im Zimmer. Da er so langsam und überdeutlich spricht, ist schon vor Beendigung eines Satzes klar, worauf er hinaus will, was meinem Bruder und mir etwas Extra-Zeit verschafft, um eine Antwort zu finden auf die Frage, die ein ganzes Menschenleben umfasst, die womöglich so etwas wie ein Urteil darstellt über die Lebensleistung eines Menschen.

Was bleibt schon übrig..

Das bisschen Exra-Zeit plus die normale Stille nach der Frage, “was bleibt..?”, ist zu viel. Mich überfällt Panik, dass ich keine Antwort finde. Dass ich eine Antwort schuldig bleiben muss in diesem wichtigen Moment. Auch von der gegenüberliegenden Seite des Krankenbetts, von meinem Bruder, registriere ich nur ein unwirsches Zucken.

Ein Moment, der mich in seiner Unerbittlichkeit an die Situation erinnert, als nach Mutters Tod der Pfaffe im Zuge seiner Vorbereitungen für die Andacht bei uns anfragte, was sie eigentlich für ein Mensch gewesen sei, ob wir uns dazu einige Gedanken machen könnten, schliesslich habe er, der Pfaffe, Mutter nicht gekannt.

Und wie ich auf dem Fußweg zum Treffen darüber nachdenken musste, die ganze Zeit, fast zwanghaft, “WER WAR MUTTER..?”, und fast daran verzweifelt wäre.

“Immerhin hast du drei Kinder in die Welt gesetzt, mit Mutters Hilfe. Das ist schon einiges mehr, als manch Anderer sagen kann..”, rettet mein Bruder den Moment, mit der schlichten Wahrheit. Ein breites Lächeln huscht über Vaters Gesicht. “Und zwar drei Kinder, auf die ich stolz bin!”

Das Zimmer glüht vor Erbauung.

“Mit dem Sterben, ja.. das ist so eine Sache”, flüstert die Gräfin spätabends, wir liegen im Bett. Sie hat darüber nachgedacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass wir Menschen unsterblich sind.

“Und wenn doch einer stirbt, na dann hat es eben nicht geklappt – wieder mal.. Das enttäuscht uns so am Tod.”

Geplant war Ewigkeit (14)

Obwohl ich mit seinen Kriegserinnerungen aufgewachsen bin, konnte ich ihn mir nur schwer als Soldat vorstellen, und als Krieger schon gar nicht. Ich brachte es nicht zusammen. Männer, die in den Krieg ziehen, waren für mich Kerle in Panzergräben, die nichts lieber taten, als Granaten in die Hand zu nehmen, die nicht zögerten zu töten, wenn der Befehl kam. Wie war so eine Testosteronmaschine in Einklang zu bringen mit meinem ruhigen, stets überlegt handelnden, souveränen und friedliebenden Vater?

Normandie, Frühjahr 1944.

“An der Front schrien die jungen deutschen Soldaten alle durcheinander, vor Angst”, erzählte Vater, “und sie schrien nicht etwa um Hilfe, sie schrien MUTTER!”

Sie wurden Grünschnäbel gerufen, die 16, 17jährigen Jungs, die mit der NS-Propaganda groß geworden waren. An der Front trichterte man ihnen ein, dass die ersten Reihen der vorrückenden Amis aus lauter Negern bestanden, die mit blitzenden Buschmessern zwischen den Zähnen kämpften, große wilde schwarze Tiere, die man sofort und ohne Gnade töten musste, sollte man auf sie treffen, sonst schlachteten sie dich ab, ohne mit der schwarzen Wimper zu zucken.

Vater diente als Melder. Jeder Zug hatte zwei Melder, und so war es reiner Zufall, dass der Kollege aus Breslau Dienst hatte, an diesem Morgen im Frühjahr 44.

Der Auftrag lautete, eine Nachricht an einen Offizier zu überbringen, der mit seiner Einheit am gegenüberliegenden Flussufer stationiert war. Dazu musste eine strategisch wichtige Brücke überquert werden, die unter sporadischem amerikanischen Panzerbeschuss stand.

Der Melder aus Breslau hatte die Hälfte der Brücke zurückgelegt, als sie bombardiert wurde. Er wurde glatt entzwei gerissen. Vater sah Bauchfell und Gedärme des Kameraden am Brückengeländer herunterhängen, wie Fondue-Käse, der Fäden zieht, und die Beine des armen Tropfes wurden immer länger, wie Tentakeln, schleimige Tentakeln, bis auch diese rissen und den Torso und samt gespaltenem Schädel dem Flusswasser übergaben.

“Das hättest ja auch genauso gut du sein können”, meinte ich vorsichtig.

“Na sicher. Ich hab einfach Glück gehabt, dass ich keinen Dienst hatte.. Sonst säßen wir jetzt nicht hier. Ich nicht, weil es mich erwischt hätte, du nicht, weil es dich nie gegeben hätte.”

Tatsächlich hätte Mutter einen anderen Mann kennengelernt, sie hätte andere Kinder geboren, es wären andere Geschichten erzählt worden, wäre der Dienstplan ein anderer gewesen, damals, im Frühling 44.

Was für ein wahlloser Blödsinn dieses Dasein ist.

“Am Ende waren alle Kameraden entweder tot oder verwundet, ich war der einzige aus dem alten Zug, der noch lebte. Als Melder, das war mein Glück. Ein Melder ist ständig in Bewegung, man bietet kein festes Ziel.”

Da Vater so ausgiebig von früher erzählte, blieb die Familiengeschichte meiner Mutter oft im Hintergrund, doch wenn es um den unmittelbaren Schrecken ging, den der Zweite Weltkrieg in den Alltag brachte, waren die spärlichen Erinnerungen meiner Mutter hilfreicher.

Wenn sie erzählte, hockte man als blutjunges BDM-Mädchen in den überfüllten Luftschutzkellern der Heimatstadt und hörte das Pfeifen und Brummen der Flieger, die Einschläge ringsherum. Man hörte Gebete im Keller, lauter und flehender nach jedem Bombeneinschlag, man hörte Kindergeschrei. Jede neue Detonation ließ das Haus erzittern. Putz rieselte von Decken und Wänden, der Staub machte die Luft zum Ersticken dick und die Gesichter weiß.

Wenn Mutter erzählte, sah man alte Menschen verrückt geworden vor Angst aus klaustrophobisch engen Bunkern fliehen, auf der Strasse erfasste sie der Feuersturm, wo sie als brennende Fackeln endeten.

Was denkt der Mensch, wenn er brennt, dachte ich, wenn Mutter erzählte, und Vater drehte sich sorgsam zur Seite.

DAS BILD VOM TRINKEN, Susanne Eggert, 2014

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Anstatt irgendwelche lächerlichen Kühlschränke zu “erfinden”, die übers Internet Milch nachbestellen, wenn die alte Packung leer ist, sollten sich die Erfinder von heute lieber um wirklich relevante Dinge kümmern. Etwa um den unerbittlichen Kampf unter Geschwistern um die beste Zitze der Mutter. Da geht’s wirklich um die MILCH.

Die 50 besten Pop-Platten der Welt (6): You’re so vain, Carly Simon

Ich war 14, als ich mir 20 Super Pop Hits kaufte, eine großartige Zusammenstellung der Firma WEA mit Songs der Beach Boys, Aretha Franklin, den Doobie Brothers, den Stones, (“Brown Sugar”), Otis Redding u.a.

Die Nummer, die mich auf dieser Compliation aber am meisten beeindruckte, die ich immer und immer wieder hörte, bis die Nadel des Plattenspielers von ganz allein an dieser Stelle einschwenkte und halt machte, das war Track 2,

You’re so vain, Carly Simon.

(Bis heute hält sich großporig das Gerücht, Carly Simon habe mit der Zeile You’re so vain, you probably think this song is about you.. Mick Jagger gemeint.)

You’re so vain hat dieses einmalige Intro. Ich bin seit jenen fernen WEA-Tagen ein großer Freund von Auftakt, von Beginn, von Einstieg. Die ersten 10 bis 20 Sekunden eines Songs sind für mich gleichbedeutend mit Geburt. Jedes Mal geht das Leben von vorn los, wenn einer dieser Songs einsetzt, deren Macher ein goldenenes Händchen hatten an diesem Studiotag.

Das legendäre Bass-Intro zu You’re so vain spielt Klaus Voormann, der schon bei den Beatles eingesprungen war und den Bass bei Walk on the wild side von Lou Reed zupfte. Es klingt, als rolle Voormann Kupferdraht durch seine Hände, und wenn dann noch das Piano hinzukommt, seh ich Warren Beatty auf einer Hollywood-Party einreiten, in einer lauen Sommernacht, HERE I AM! GEHTS LOS?!

 

Nachtrag: Zum Tod von Kevin Ayers

Es ist komplett an mir vorbeigegangen, der Tod von Kevin Ayers (68), einem meiner Favoriten im Popgeschäft. Er starb am 18. Februar 2013 im südfranzösischen Dorf Montolieu, seiner letzten Wahlheimat.

Es begann 1976. Ich kaufte mir sein ebenso eingängiges wie schräges Solo-Album YES, WE HAVE NO MANANAS, und wurde ein treu ergebener Fan. Er war witzig und auf eine subversive Art warmherzig, und wenn er traurig war, schmunzelte er. Er konnte nicht anders. Er hätte berühmt werden müssen, berühmter jedenfalls, als er war, doch im richtigen Moment tat er garantiert das falsche und war aus dem Rennen.

Kevin Ayers zu hören war oft so intim, als säße er einem im Cafe gegenüber, draussen geht ein Landregen nieder, man teilt eine Flasche Wein, im Aschenbecher verdampft der Zigarillo.

Wie soll man da berühmt werden.

Der Zufall wollte es, dass Ayers mit den Wizards of Twiddly 1995 in meiner Heimatstadt ein Konzert gab, zu einer Zeit, als ich für die Lokalpresse gelegentlich Konzertkritiken schrieb. Als ich hörte, dass Ayers kam, sicherte ich mir den Termin, und ich nahm die Gräfin und Karlos mit.

Vor dem Konzert interviewte ich ihn. Wir saßen uns in der Garderobe gegenüber, die eher an ein kleines Klassenzimmer erinnerte. Ich mit Notizbuch und vollgepumpt mit Schore, Kevin Ayers blass, zurückhaltend. Ich hatte keine Ahnung, das er gerade dabei war, seine Heroinsucht zu bekämpfen. Er kam gegen Ende des Gesprächs selbst auf das Thema zu sprechen, und ich liess den Stift sinken und zeigte mit dem Finger auf meine winzigen diamantharten Pupillen, I’m on Heroin, too.

I see, meinte er.

Wir liefen uns spät am Abend noch mal über den Weg, und für einen kurzen Moment hatte ich den Eindruck, als wolle er am liebsten rüberkommen und mich fragen, ob ich einen Blow auf der Tasche hätte, doch dann entschied er sich anders und machte kehrt.

Eins dieser kleinen Meisterwerke, wie nur Kevin Ayers es konnte: Thank you very much aus dem Jahr 1992

If I sing something blue
dedicated to you
don’t believe that I’m sad
Oh no I’m only dreaming

And the taste of your kiss
I remember and miss
but at least now I know
what it’s like to have kissed you

And if you feel any pain
in this sleepy refrain
it’s only my imagination..