Geplant war Ewigkeit (13): Die letzten Tage

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5. Februar 2014

Vaters desolater, an einen Schlaganfall erinnernder Zustand hält an. Er ist kiebig und laut, als ich am Nachmittag ins Altenheim komme. Er sitzt am Katzentisch vorm Schwesternzimmer, ein Bein lässig über die Armlehne seines Rollstuhls geschwungen, und beschimpft die Frauen, die im Halbkreis zusammensitzen, ihm den Rücken zugewandt, demonstrativ schweigend.

“Gut, dass mein Sohn kommt..!” ruft Vater, als er mich entdeckt. “Andreas! Sag den Frauleuten mal, ich hab denen nichts getan..!”

Ich grüße in die Runde, die eher einer Mauer gleicht, einer Mauer aus Kleidern und Augen, ernte aber kaum ein Nicken.

“Wem hast du nichts getan?”

Er macht große Augen.

“Na, den..en.. hier! Die wollen mich doch.. die wollen mich doch..”

“Ach, der bildet sich was ein”, wagt sich eine Stimme aus dem Halbkreis.

Da könnte was dran sein. In seiner jetzigen Verfassung ist die Aussenwelt für ihn eine einzige fortgesetzte Bedrohung. Ein falsches Wort, und es regt sich eine schwer zu definierende Wut in ihm. Der Franzose ist ihm auf den Fersen, der Engländer sowieso. Selbst wir Kinder kommen kaum an ihn heran.

“Du hast bestimmt was in den falschen Hals gekriegt..”, sag ich und tätschle seine Hand. Aber er ist kaum zu beruhigen.

“Doch, doch, doch..! Ich hab denen doch gar nichts getan. Die wollen mich.. wollen mich..”, er sucht nach den richtigen Worten, “.. die wollen mich.. ausliefern!”

Daher weht der Wind. Ausliefern.. Einige Tage zuvor kam er zu dem Schluss, von allen Gefangenschaften seines Lebens, (womit hauptsächlich die 2jährige Kriegsgefangenschaft in England gemeint war), sei die letzte die schlimmste:

das Alter.

Er fühlt sich gefangen. Die Frauen sind konkurrierende Mitgefangene, die Wärter das Pflegepersonal, das ganze Gebäude ein Lazarett. Das hatten wir schon einmal.

Vater wirkt ungepflegt, die Trainingsbuxe trägt er seit Tagen, nur das weiße Haar sieht top-schick aus, seit meine Schwester mit ihm beim Coiffeur um die Ecke war. Dass er mit seinem Charme alle Frisörinnen im Handstreich eroberte, so kennt man ihn. (“Einen anderen Kat? Wat is dat denn?” “Einen Undercut, Herr Glumm! Einen Undercut!” “Kenn ich nicht.”)

So kannte man ihn.

*

Seit einer Woche verfällt er zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen.

Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.

“Da tun wir dir erstmal die Zähne rein.”

Dass das Pflegepersonal ihm die Prothese so oft nicht einsetzt, hat seinen Grund: sie finden das Ding nicht. Ich hab es schon im Blumentopf gefunden, unterm Bett, im Gang vor seinem Zimmer. Niemand konnte sich erklären, wie es da gelandet war. Egal, ohne das Teil kann er nicht vernünftig kauen, und beim Sprechen schludert er die s-Töne und harten Buchstaben.

“Die Frauleute wollen mir an den Kragen”, sagt er gereizt. “Die Weibsbilder. Die hüppen doch nur hier rum. Wie die Flöhe.”

“Ach was, du hast bestimmt wieder schlecht geträumt beim Mittagsschlaf. Und wenn du dann wach wirst, denkst du, alle Leute wollen dir was.”

Er sitzt im Rollstuhl und blickt zu mir hoch. “Ja..?”

“Ja.”

Ich geh ins Bad, suche sein Gebiss. Es liegt am Handwaschbecken. Ich säubere es unter fliessend heißem Wasser.

“ANDREAS!!”

Was denn jetzt. Ich stoße die Tür auf. “Was?”

“ICH MUSS MAL PINKELN!” Er quengelt wie ein Kleinkind. “Ich muss mal!”

Ich seh ihn vor mir, wie er als Dreijähriger mit der Rassel auf einer umgedrehten dicken dash-Trommel herumhaut. Ich verlasse das Bad und drücke ihm die mit Super-Haftcreme eingeschmierte Prothese unter den Oberkiefer.

“So, einen Moment noch..”

“Ich muss mal!”

“Ja, ich weiss, aber es kann doch gar nichts passieren, du hast doch eine Windel an.”

“Eine.. Win.. del? Was verstehst du.. unter Windel?”

“Na, was du untenrum trägst, zum Beispiel..”

Das lässt er nicht gelten.

“ICH MUSS MAL!”

Von jähem Zorn übermannt versucht er sich im Rollstuhl sitzend die Trainingshose runterzuziehen, ein bockiges Kind, das den Eltern mal zeigen will, wie sehr es Pipi muss.

“UND GROSS AUCH!”

Ach, du Scheiße. Das ist nicht mein Ding.

“Moment, ich hol jemanden.”

Seine Lieblingspflegerin, eine echte Solingerin, blondiert, um die vierzig, stabil gebaut, Sommersprossen, hat Dienst. Sie ist die einzige, die Vater duzt. Sie setzt ihn ohne viel Aufhebens im Bad auf den Toilettenstuhl.

“Da kommt nichts..”, jammert Vater. “Jetzt, wo ich auf dem Klo sitze, kann ich nicht.”

“Ist ja auch kein Wunder”, entgegnet die Pflegerin. “Ist bestimmt schon alles in der Windel gelandet.”

“WAS?? WO IST DAS GELANDET?”

“In der Windel, alter Mann. W-I-N-D-E-L!! Schon mal gehört?”

Keine Reaktion. Dann:

“DA KOMMT DOCH WAS!”

“Na, Gottseidank.”

Um sechs bring ich ihn zurück nach vorn, in den Gang vorm großen Essensraum, aus dem man ihn verbannt hat, weil er es alleine nicht mehr gebacken kriegt.

“Wir brauchen morgens eine ganze Stunde, um ihn zu waschen und zu füttern, und das zu zweit”, erzählt eine andere Pflegerin, schwarzes krauses Haar, hager, auf dem Weg in die Zigarettenpause. “Füttern dauert so lang, weil er gar nicht mehr weiß, was er mit dem Löffel anstellen soll, den man ihm vor den Mund hält. Er guckt einen mit seinen treuen Augen an und ist ganz hilflos, und ehrlich gesagt, ich hoffe, Sie sehen es mir nach, aber wir alle denken das gleiche: Lieber Herrgott, hab Gnade mit diesem alten Mann und hole ihn heim..”

“Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann. An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, unf ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”

Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Meist spaßeshalber.

Er sitzt am Katzentisch, direkt vorm Schwesternzimmer. Zum Abendbrot hab ich ihm eine Pferdewurst mitgebracht.

“Das war richtig”, sagt Vater.

Zwischen ihm und den Frauen, die noch nicht in den Essensraum gewechselt sind, herrscht angespannte Atmosphäre. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber es ist etwas vorgefallen. Dabei sind die meisten Damen ganz okay, bis auf ein oder zwei, die einem Streit nur ungern aus dem Wege gehen.

“So”, sage ich zu Vater und platziere ihn samt Rolli am Katzentisch, “gleich gibts Pferdewurst.”

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Ich sehe den Herrgott regelrecht vor mir, wie er da oben auf seiner Himmelstribüne hockt und sich ins Fäustchen lacht, weil ich exakt in dem Moment, wo ich in der Innenstadt in die 698 umsteige, in eine dicke Frau reinlaufe, die ein Kaugummi aufbläst, groß wie eine Pampelmuse, und locker platzen lässt.

PLOPP.

(Muss der Kerl einen Spaß haben.)

*

6. Februar 2014

Um 13.52 zeichnet die Mailbox einen Anruf aus dem Altenheim auf.

Ihr Vater hat einen HB-Wert von 8,4. Der Doktor ist gerade da und hat eine Einlieferung ins Krankenhaus angeordnet. Rufen Sie bitte zurück?

Bevor ich zurückrufe, telefoniere ich eine Stunde mit meinen Geschwistern. Wir sind am Ende mit den Nerven.

*

Letzter Teil (14) folgt nächste Woche

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Der Blueshund

 

Geplant war Ewigkeit (12)

27. Januar 2014

Auf der Mailbox ist ein Anruf vom Altenheim.

Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Ihr Vater zum Röntgen im Krankenhaus ist. Er hatte heut Morgen ein dickes Hämatom an der Hüfte. Wir haben keine Ahnung, was passiert ist.

Allgemeine Chirurgie, Station 50. Der Bluterguss ist so massiv, dass Vater zur Vorsicht über Nacht bleiben muss. Genaueres kann mir niemand sagen, auch nicht der Krankenpfleger, der keinen Hehl aus seinem Schwulsein macht, gar nicht machen kann, weil er sonst ein Anderer wäre. Er bringt Vater einen Schnabelbecher Tee ans Bett.

“Möchten Sie auch etwas? Vielleicht Kaffee?”

“Nee, danke. Jetzt nicht.”

“Sie können sich jederzeit bedienen am Getränkewagen, draußen auf dem Gang. Müssen Sie nur gucken, ob der Kaffee auch wirklich noch ämm warm ist”, kichert er blöde.

Vater liegt in Zimmer 34. Im Laufe des Nachmittags soll ein Arzt die Station beehren, doch niemand weiß wann, auch nicht die resolute Stationsschwester. Sie beklagt, dass man Vater weder sein Hörgerät noch das lebenswichtige Asthmaspray mitgegeben hat.

“Ich kann das Spray zwar in unserer Apo bestellen, aber das dauuuert. Und dann ist Ihr Vater vielleicht gar nicht mehr hier.”

Zum Glück hat das Altenheim ihm die Versichertenkarte der Continental zugesteckt. Sie identifiziert ihn als Privatpatient, mit Anspruch auf Einbettzimmer und Chefarztbehandlung.

“Was soll ich mit Chefarzt, wenn ich tot bin”, murmelt Vater.

“Du bist doch noch gar nicht tot.”

“Aber demnächst.”

Als ich gegen 14 Uhr sein Zimmer betrete, wälzt er sich laut und unruhig im Schlaf. Ich lege den Rucksack ab und setze mich auf einen der Besucherstühle, schaue ihm beim Träumen zu. Er ist allein auf dem Zwei-Bett-Zimmer. Er wirft den Kopf auf dem Kissen hin und her, schreit nach seiner MAMA. Es ist die Heftigkeit, die mir zu schaffen macht, sein Ingrimm. Ich steh kurz davor mitzubrüllen.

“Ja..??” reißt er plötzlich die Augen auf. “Ach, du.. bist es..”

Er hüstelt schwach.

“Bin ich.. bist du schon lange hier?”

“Na ja. Ich wollte dich noch was schlafen lassen.”

“Das war richtig. Hier ist immer was los..”

“Ja, nie is nix”, sag ich im gleichen amüsierten Tonfall, den schon unser alter Onkel Willi aufzulegen pflegte, wenn ihm etwas zu viel wurde.

“Genau. Nie ist nix..”, wiederholt Vater und schaut aus dem Fenster.

Wir sind im fünften Stock. Der Ausblick beruhigt ihn, die Weite. Der Himmel. Die Erwähnung von Onkel Willi. Wir schweigen und schauen gemeinsam übers Land. Je älter ich werde, desto mehr genieße ich diese raren Momente, dieses sich-auflösen-in-den-Dingen, zu dem werden, was ein Januartag ist.

“Was steht dahinten für ein Turm”, fragt Vater, “dahinten.. zwischen.. den Wolken..?”

“Der hohe Schornstein? Das ist doch.. die Müllverbrennungsanlage. An der Sandstraße.”

“Ach ja. Stimmt. Hast du den Mann mitgebracht?”

“Hm..? Welchen Mann?”

“Na ja, der da sitzt, mit den roten Handschuhen.” Vater nickt in Richtung Tisch und blickt plötzlich so finster, als habe ihm der Teufel eine Plane ins Gesicht gezogen, die jeden günstigen Einfluss von außen abblockt.

“Wo sind..denn da rote Handschuhe”, sag ich.

“Was..?!”

“Da sind keine Handschuhe.”

“DA! DIE ROTEN.. HANDSCHUHE! ICH SEH SIE DOCH! DER MANN MIT DEN HANDSCHUHEN!”

Ich steh auf und geh zum Tisch.

“Da ist nur mein Rucksack, den hab ich auf dem Tisch abgestellt, der hat so rote Querstreifen..”

Er wartet einen Moment, lässt das Gesagte sacken. Es arbeitet in ihm. Ich halte den Rucksack hoch, drehe ihn nach allen Seiten, damit er ihn begutachten kann.

“Ach so”, sagt er. “Ja dann.”

In der folgenden halben Stunde dämmert Vater immer wieder weg, er röchelt und schnarcht, ruft so etwas wie “WA.. WAAH..WA WAAH..WA..WAA..!” Ein störrischer alter Esel, der keinen Meter mehr weiter will. Bis hierhin – und nicht weiter. Ich bin ratlos. Die fliegenden Stimmungswechsel sind neu.

Da ich aus Erfahrung weiß, wie schnell Vater friert, (und weil ich ihm etwas gutes tun will), stelle ich beide Heizkörper auf volle Pulle. Innerhalb weniger Minuten heizt sich der Raum dermaßen auf, dass Vater die Bettdecke fortstrampelt und keucht.

“Ist zu heiß?” frag ich und will aufstehen, um das Thermostat wieder herunter zu drehen, doch Vater meint nur lapidar:

“nö.”

Es ist 17 Uhr.

“So so”, sagt Vater.

Fortan bewältigt er das meiste, was es zu sagen gibt, in einem schnörkellosen Singsang.

Seine volltönende warme, ja, die Buchstaben wärmende Stimme war sein Markenzeichen. Nach der Beerdigung kam Karlos zu mir und meinte, niemand hätte je schöner und runder seinen Namen ausgesprochen. Und eine Angehörige verriet, unter fast konspirativen Umständen am Grab, dass Vater der letzte in der Familie gewesen sei, der so schön Plätzker sagen konnte, Platt für Gebäck, Plätzchen.

Und so war auch die Erkenntnis, dass ich Vaters Stimme niemals wieder hören würde, die bestürzendste aller ersten Erkenntnisse nach seinem Tod.

Der schwule Pfleger bringt Vater einen TRIFLO-Atemtrainer ans Bett, und ich steh kurz davor ihm das Gerät aus der Hand zu reissen und aus dem Fenster zu werfen. Fünfter Stock – weg damit! Wie um Himmels willen soll ein demenzkranker alter Mann in seiner Verfassung ein solches Gerät handhaben, um die Lunge zu kräftigen!? Als der Pfleger seinen Bullshit bemerkt, schleicht er aus dem Zimmer. Ich blicke ihm hinterher und frage mich, wieso zum Henker ich ihm jedes Mal das Attribut schwul anhänge. Wäre er hetero, würde ich auch nicht jedes Mal denken, da kommt der Hetero-Pfleger.

“Junge, Junge.. haben die ein weites Auslieferungs-Terrain”, staunt Vater. Er hält eine leere Flasche Mineralwasser in der Hand und studiert das Etikett. “Hier, der.. Abfüller.. oder wie soll ich sagen.. der ja, der Abfüller. Ist dir das noch nicht aufgefallen, wohin der überall sein Wasser aus..liefert? In welch großen Radius?”

Manchmal bin ich sprachlos, wie nüchtern und geradlinig er immer noch in der Lage ist, gewisse Dinge zu benennen. Welche Gedanken er sich macht. Als wir von Onkel Willi sprechen, erinnert sich Vater an die Zeit in den Sechzigerjahren, als Onkel Willi als Dachdecker arbeitete. Einmal unterlief ihm ein Missgeschick. Beim Decken eines Daches verbrannte er sich die Finger in brodelnd heißem Bitumen.

“Man konnte die Haut von der Hand ziehen”, erzählt Vater, “wie warme Lakritze.”

“Warst du dabei?”

“Nö.”

*

30, Januar 2014

Am Morgen ruft das Klinikum an.

“Ihr Vater wird zurück ins Altenheim verlegt. Das Hämatom hat sich als Prellung entpuppt. Es ist nichts gebrochen.”

Die ganze Aktion war also überflüssig. Wieder mal. Dabei ist für Demenzkranke jede Verlegung, jede Ortsveränderung Gift, und sei sie auch noch so kurzfristig. Wir Geschwister beschließen, dass Vater ohne unser Einverständnis nicht mehr verlegt werden darf. Was sich so nicht bewerkstelligen lässt. Um Leben zu retten, darf ihn weiterhin jeder Arzt jederzeit ins Klinikum einweisen.

*

2. Februar 2014

Im Altenheim entdecke ich ihn erstmals am Katzentisch, der stets unter besonderer Beobachtung des Schwesternzimmers steht. Als ich mich seinem Rollstuhl nähere, kriege ich einen Schreck: Sein Gesicht hängt halbseitig herunter, wie nach einem Schlaganfall.

“Papa..!”

Er schaut mich ratlos an, aus blutunterlaufenen Augen. Ist erschrocken, weil ich erschrocken bin.

“Was ist denn mit meinem Vater passiert!??” wende ich mich konsterniert an den erstbesten Pfleger. Es ist der Knabe, der jedes Mal einen solch ahnungslosen Eindruck vermittelt, als wäre er eben zur Schicht erschienen und müsse sich nun erst mal einen Überblick verschaffen, auch wenn er bereits seit sieben Stunden im Einsatz ist und gleich Feierabend hat. Dabei grient er so hölzern und verlegen aus der Wäche, wie auch ich gern mal aus der Wäsche griene, wenn ich von etwas keinerlei Ahnung habe, aber intuitiv spüre, dass genau das von mir erwartet wird – Ahnung.

“Weiß ich auch nicht, was mit ihm ist”, antwortet der Pfleger schließlich. “Ihr Vater ist schon die ganze Zeit so, seit er aus dem Krankenhaus zurück ist.”

Als Vater mich kommen sieht, fällt ihm mein Name nicht ein. Bzw. die erste Silbe kriegt er noch zusammen, doch nach “An..” ist Schluss. Er blickt mich mit entsetzten Augen an, die rechte Backe verzerrt und nach unten durchhängend, das Gesicht verunstaltet. Ein haltloser Mensch, dem Untergang geweiht.

“Hallo Papa.”

Ich streichle seine Schultern. Er trägt einen dicken Schlabberlatz um den Hals. Zum ersten Mal, dass ich so etwas an ihm sehe. Er spricht so undeutlich, ich verstehe ihn nicht, so sehr ich mich bemühe. Der hat doch einen Schlaganfall gehabt, murmle ich.

Was? sagt Vater.

Moment, sag ich.

Ich schnappe mir die Pflegerin aus dem Osten, mit der meine Schwester auf dem Kriegsfuß steht. Sie hält sie für eine Schwarzmalerin, die stets das schlimmste erwartet und dann solange wartet, bis etwas Schlimmes eintritt, damit sie sagen kann: ja, seht her! Hab ich doch gleich gesagt! Ich mag die Pflegerin auch nicht besonders, bin aber nicht so streng mit ihr. Sie spürt das. Sie berichtet, dass wegen des schlechten Zustands meines Vaters der Hausarzt heut morgen da gewesen sei, doch seine Untersuchung brachte nichts neues, “außer der Prellung an der Hüfte.”

“Ja, aber schauen Sie sich ihn doch an, er hat doch einen Schlaganfall gehabt, oder nicht?”

“Na, das muss nicht sein, das kann auch von den vielen starken Schmerzmitteln kommen, in Kombination mit all den Pillen, die er sowieso Tag für Tag einnimmt, dass die Gesichtszüge so.. entgleisen.”

Sie schaut zu ihm rüber.

“Wenn er die Schmerzmittel aber nicht nimmt, schreit er vor Schmerzen. So eine Prellung tut weh.”

Ich brauche geschlagene zehn Minuten, um mich auf das Bild einzustellen, das Vater abgibt. Vor ihm steht schon das Abendbrot. Ein Teller mit zwei belegten Broten, dazu ein Becher Joghurt, ein Glas warme Milch und das Töpfchen Tabletten zur Nacht – um kurz nach Fünf am Nachmittag.

Dass er jetzt am Katzentisch sitzt, hat natürlich Bedeutung: er ist in der zweituntersten Kaste gelandet. Am Katzentisch sitzt nur, wer sein Brot nicht mehr selbständig schmieren können. Darunter kommen nur noch die Bettlägerigen.

Vater redet so lallend und schleppend, dass ich ihn kaum verstehe. Mal ist er der Auffassung, in Spanien zu sein, mal blickt er mich verzagt an und will wissen: “Wo sind wir hier? Sag doch!”

“Im Altenheim, Papa.”

“Im.. Alten.. heim??”

“Ja. Wo du dein Zimmer hast.”

Das scheint ihm einzuleuchten. Aber Spanien ist noch nicht abgehakt.

“Wo ist das Gold?” fragt er, und als in diesem Moment einer der Pfleger den Gang entlangkommt, hält Vater ihn überraschend behende am Ärmel fest. “Wo ist das Gold..??”

Der Pfleger bleibt stehen und entscheidet sich, mitzuspielen.

“Bitte was, Herr Glumm?”

“Da.. das Gold, die Goldkante..”

Er spürt, wie durcheinander er ist. Speichel rinnt aus den Mundwinkeln, sammelt sich im Grübchen, von wo es weiterläuft, den Hals hinab. Er ist überaus ordentlich rasiert, stelle ich fest. Sein Vorstoß Spanien und Gold betreffend bleibt ohne Ergebnis, niemand kann weiterhelfen.

“Das Gold ist in Spanien, da scheint die Sonne”, unternehme ich einen Versuch.

In Ordnung, Vater lächelt.

Zum Katzentisch gehört auch die weichliche alte Frau im Rollstuhl, die ihre Hände nach jedem Besucher ausstreckt, der vorübergeht. Sie ist mit ihrem Abendessen beschäftigt, spuckt angekautes Brot in ihren Schoß, sabbert heftig. Der Boden um ihren Rollstuhl herum ist eingespeichelt und übersät mit Brotkrumen und Aufschnittresten und Fürbitte. Sie babbelt in einer geheimnisvollen Kunstsprache und blickt aus verweinten Augen in die Welt. Die Frau macht mich fertig. Sie macht mich hilflos. Es sind ihre Augen, die sicher einmal die Augen einer fröhlichen Frau waren, Augen, die sich nun nichts sehnlicher wünschen, als noch einmal angenommen zu werden.

“Ich kann gar nicht mehr richtig sprechen”, meint Papa in einem Moment, als er ausnahmsweise auf Anhieb und gut zu verstehen ist. Sogar ihm selbst geht der Widerspruch auf, und er lächelt mit Verzögerung.

“Ja”, sag ich. “Scheiße, ne.”

Er nickt, und schaut woanders hin.

“Ich hätte.. nie gedacht, dass es mal.. so weit.. kommt.” Er mahnt sich selber dazu, deutlich zu reden, koste es ihn noch so viel Anstrengung. Ich bewundere seine Tapferkeit. Er gibt nicht auf. Es ist wie beim Scrabble, wo man ein Bänkchen mit Buchstaben vor sich hat, mit denen man auskommen muss. Jedes Wort, jede Silbe muss mühsam vom Bänkchen geholt und auf dem Brett an die richtige Stelle gesetzt werden. Vater ist der Tiefseetaucher des Scrabble. Ein Apnoetaucher. Zu schnelles Auftauchen lässt ihn stottern.

“Ich überfordere dich, Andreas, nicht wahr?”

“Ach was”, sag ich überrascht. Dabei ist er damit näher an der Wahrheit, als mir lieb ist.

Die Pflegerin bittet Vater und mich ins Büro. Es geht darum, dass man für ihn ein gepolstertes Kleidungsstück anschaffen will, das bei einem Sturz abfedert. Eine Art Rücken-Protektor, wenn ich es recht verstehe. Wie Skirennfahrer es tragen.

“Dann fehlt nur noch ein Helm, und du kannst mit deinem Rollator in Cortina d’Ampezzo starten.”

“WAS?!” fragt Vater.

“DANN KANNST DU GOLD HOLEN BEI DER NÄCHSTEN OLYMPIADE!”

Er lächelt versonnen.

Nach dem Abendbrot füttere ich ihn mit Joghurt, Löffel für Löffel.

“Wenn der Jung da ist, schmeckt es gleich besser, nicht wahr, Herr Glumm?” meint die nette Küchenfee, die beim Abendbrot hilft.

Doch Vater ist unruhig heute, das Füttern ist nicht einfach, nichts ist einfach heute. Nur eines ist sonnenklar für ihn.

“Wir können gleich los”, sagt er in einem selbstverständlichen Ton, als warteten wir schon seit Tagen auf nichts anderes.

“Wohin?” frag ich.

Er blickt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle.

“Also, Andre..as – ich bitte dich!”

Dann vergisst er, was er sagen wollte. Ich bleib anderthalb Stunden. Als ich um sieben Uhr im Bus sitze, bin ich k.o. wie nach dem nächsten schweren seelischen Training.

Fortsetzung in Teil 13