Studio 54

Als ich die 27 geschafft hatte und 28 wurde, lag das Problem auf der Hand – ich brannte vor Sorge: Worüber sollst du eigentlich schreiben, wenn die wilden Jahre vorüber sind – wenn Drogen keinen Spaß mehr machen, wenn Schnaps nur noch fad schmeckt und einen deprimiert, wenn man den Frauen nur noch hinterherschaut, weil man es immer so gehalten hat und wenn die Nacht nur noch zum Schlafen da ist und man früh um Sieben zur Arbeit hastet statt im Morgengrauen heimzukehren, im Schritt bekotzt, eine Zigarre im Gesicht – worüber zum Teufel soll man dann noch schreiben!!?  Dass man mit dem Hund rausgeht dreimal am Tag!!?

*

Typen wie mir, die das Glück hatten, nicht mit 27 zu sterben, obwohl sie doch alles dafür getan haben, um Aufnahme in den Klub 27 zu finden, solchen Typen bleibt nichts anderes übrig, als die Suppe ganz auszulöffeln und noch mal 27 Jahre draufzusatteln, bevor sie endlich gehen dürfen, sag ich abends zu ihr, überwältigt von der eigenen Schlauheit.

Na, dann hast du es ja dieses Jahr geschafft, rechnet sie kurz durch.

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28 – Teil 2

15. September 1988

Zwei Tage durchgesoffen, bis ich am Donnerstag komplett groggy wach werde. Bin so im Eimer, dass ich eine halbe Stunde auf dem Bettrand kaure und dumpf ins Sonnenlicht stiere, das von den Lamellen der Jalousie geschnitten wird. Mein Schädel dröhnt wie ein Moped in einem langen schmutzigen Tunnel, das Telefon klingelt.

Ich lass es klingeln. Bis mir einfällt, Moment.., ich hab ja Geburtstag. Du wirst 28. Da will jemand gratulieren. Erst maln Kaffee.

*

15.9. hört sich an, als wäre an diesem Tag genau ein Dreiviertel des Jahres um.

Ich bin allein in der Wohnung, Karlos ist auf dem Friedhof. Fetzen der vergangenen Nächte klopfen bei mir an, machen sich breit, vergebliche Versuche der Zuordnung. Beide Abende hintereinander beim Portugiesen an der Klauberger Straße versackt, Billard gespielt und beim Calamares-Essen jeden panierten Ring einzeln dick mit Zitrone eingeseift, die Finger riechen heute noch nach Zitrone. Besser als nach Fisch.

Mein Notizbuch liegt aufgeschlagen auf dem Küchentisch. Das Gekritzel ist schwer zu entziffern. Wenn man am Tag.. mit 10 Minuten Gutdraufsein auskommen muss, lese ich, es sind schwierige, besoffene Buchstaben. Zunächst stand da 15 Minuten, dann wurde die 15 durchgestrichen, weil 10 Minuten reichen müssen zum Gutdraufsein. Stimmt ja auch. Wollen wir mal nicht übertreiben. Und ganz unten auf der Seite, wie eine Kino-Reklame:

DER RITT NACH SCHALKE!

Endlich macht es klick. Punkt Mitternacht stand ich am Tresen und versprach mir selbst hoch und heilig, heute auf ein Tagesticket nach Schalke zu fahren. Wo ich schon immer hin wollte, wo ich noch nie hingekommen bin. In die Heimat der Idole meiner Jugend: Stan Libuda (An Gott kommt keiner vorbei, ausser Libuda), die Kremers-Brüder und Keeper Norbert Nigbur, dessen Nasenlöcher an Steckdosen erinnerten, seine Fäuste unter Strom. Das Telefon klingelt.

Raus hier.

*

Mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf. Von da aus 12. 24 Uhr weiter nach Gelsenkirchen. Mit achtundzwanzig Jahren fahr ich das erste Mal nach Schalke. Hochgefühl stellt sich ein. Ich hab die 27 geschafft, ich hab Jim Morrison bezwungen, ich bin auf dem Weg zur Glückauf-Kampfbahn. Nach Schalke. Wo es Kneipen geben soll, wo das Bier noch ne Mark kostet, wo Stan Libuda, der legendäre Rechtsaussen, Zigarren in seiner eigenen Lotto-Annahmestelle verhökert. Hoffentlich erwische ich meine zehn Minuten Gutdraufsein exakt in dem Moment, wo ich in seinen Laden reinmarschiere.

“Eine Cohiba, Herr Stan!”

*

“Der Glumm ist ein Schwanzlutscher geworden..”, kanzelte mich Benzini beim Portugiesen am Billardtisch ab und blickte an mir ratlos rauf und runter, “.. obwohl der Glumm überhaupt keine Schwänze lutscht!”

Ich musste lachen, aber es war die Art Lachen, die noch in einem gepanzerten Fahrzeug wehtut. Natürlich hatte Benzini gewaltig einen in der Krone, als er das sagte, den Billardqueue in der Hand, bereit zum nächsten Stoß, mit seinem stieren 4 Promille-, 4 Tüten-Blick, doch er traf voll ins Schwarze. Woher zum Henker sollte Benzini auch wissen, was mit mir los war. Dass ich den Tinnitus gerade mühsam hinter mich gebracht hatte, mit Ach und Krach, und dass es immer noch Tage gab, wo ich kaum ein Wort rauskriegte, weil innendrin alles nur leer war.

Und ich ging ja nicht damit hausieren, wenn ich schlecht drauf war. Wer nicht zufällig zum kleinen Kreis der Eingeweihten zählte, der sah nur einen Kerl vor sich, der sich durch seine Tage quälte.

Karlos wusste von den Ohrgeräuschen, Schnaat auch. Die Gräfin war so nah dran, sie hörte die Geräusche fast schon, und meine Mutter war eingeweiht, das wars. Ansonsten sah ich an den Blicken, was die Leute dachten: Der Kerl trinkt zuviel. Natürlich trank ich zuviel. Was ich auch tat, was ich auch anpackte, es war grundsätzlich zu viel. Zu viel, oder gar nichts.

Der 28. Geburtstag war in unseren Kreisen etwas besonderes, der 28. galt etwas. Der 28. war das Bergfest. Man hatte die 27 tatsächlich geschafft.

Kaputtgehen hatte uns in jungen Jahren fasziniert, jetzt passte es nicht mehr. Sich permanent selbst zerstören, daran fand kaum noch jemand Gefallen. Was nun nicht hiess, dass es niemand mehr anpackte, das beschleunigte Kaputtgehen So einfach die Finger davon lassen, es war gar nicht so einfach..

Lonnie war beim Portugiesen immerhin so freundlich gewesen, mir am Vorabend des 28. Geburtstags derart kräftig auf die Schultern zu hämmern, als wäre er der Gerichtsvollzieher, der einen Beschluss zu verkünden hatte: “Weisst du, Glumm, was dich so sympathisch macht?” dröhnte er durchs Vereinsheim der portugiesischen Arbeiter, aufgehübscht mit ein paar Geranien und anderen Versatzstücken deutsch-portugiesischer Freundschaft. “Dass du voll einen an der Klatsche hast!!”

*

Auf nach Gelsenkirchen. Den Geburtstag feiert unser Andreas in der Fremde.

“Ich bin ein genauso versoffener Hund wie du”, meint ein pfeifeziehender wackeliger Penner, die Nase jodverschmiert, in der Schalterhalle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zum anderen Penner, der eine Fahne kalter Scheisse hinter sich herzieht.

Ich glaub, ich trinke heute lieber kein Bier.

Wo ist denn hier ein Telefon? Ich hab was zu erledigen. Damit auch im kommenden Winter ein Paar feste Schuhe an meinen Füßen sind, war mit meiner Mutter eigentlich ein kleiner Einkaufsbummel abgesprochen. Ich rufe sie vom Bahnsteig aus an.

“Mutti, ich bin unterwegs nach Schalke.”

“Wieso? Ist da heute ein Spiel? “

“Nee. Ich fahr nur so dahin. “

“Dann fall nicht unter die Räuber, Junge. Und kauf dir nicht wieder Fussballschuhe!”

Im Nahverkehrszug nach Gelsenkirchen über Duisburg-Meiderich, zweite Klasse, Raucherabteil, klappe ich den Aschenbecher auf, und ein Wölkchen Qualm bringt mir ein Geburtstagständchen. Bei jedem Halt rollt eine leere Bierdose durch das Abteil. Kein Schaffner hält es für nötig, mich zu kontrollieren, dabei bin ich heute doch ausnahmsweise mal zu gültig.

“ZUGESTIEGEN JEMAND!?”

Da ist er schon.

In Oberhausen steigt ein Kerl zu, gegerbte Haut, leichtes Reisegepäck. Er erzählt gleich, dass er das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Oberhausen gewesen sei, auf einer Geburtstagsparty.

“Was ist bloß aus dem Ruhrgebiet geworden?” meint er bedauernd, er lebt mittlerweile in Saarbrücken. “Total tote Hose.”

Als er aussteigt, rollt die Bierdose in die andere Ecke.

In Gelsenkirchen finde ich Schalke nicht. Den Stadtteil. Bin wohl mit dem Linienbus einfach durchgefahren, ohne es mitzubekommen. Also wieder zurück. Diesmal frage ich vorn beim Fahrer nach, wo ich aussteigen muss.

“Wo willste denn hin, Jung?”

“Na, nach Schalke, zum Stadion.”

“Zum Parkstadion?”

“Nein, zum altem Stadion. Glückaufkampfbahn.”

“Wat willste denn da? Ist doch total tote Hose da!”

Erst mal auf zwei Pils ins Schalker Vereinsheim. Frau Wirtin ist nicht gut zu sprechen auf einen der beiden Gäste. Er hat schwer einen sitzen und will immerzu singen und sucht sein Pilsglas.

Dann gibt er eine Lokalrunde.

“Mutter..”, meint er zur Wirtin, aber die hört das nicht gern.

“Da vorn ist die Tür, da schubs ich dich gleich raus.”

“Wenn Schalke am Samstag verliert, geh ich sowieso nach Hause”, lallt er.

Frau Wirtin bringt mir ein Pils.

“Is dat Steno?” meint sie mit einem kurzen Blick auf mein Notizbuch. “Kann doch kein Schwein lesen.”

Das einzig Blau-Weisse, das noch durch Gelsenkirchen-Schalke fährt, ist ein Tanklastwagen von ARAL, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle.

“Mein Gott, nee! Ich brauch doch nich zu betteln für ein klein Bierchen, hab ich nich nötig!” (Kriegt kein Bier mehr, verlässt das Vereinsheim.)

Ich auch.

Jetzt aber. Ich guck mir Schalke an. Das Stadtviertel. Kleine Häuschen. Ein türkischer Junge im königsblauen Trainingsanzug humpelt an mir vorüber. Sonst ist niemand auf der Strasse zu sehen. Ein paar Graffitis. TÜRKEN UND SCHWULE AN DIE WAND
SATANSPENIS
BLOCK II – WIR FERWESEN

Hinter der Arbeitersiedlung dann das alte, verrottende Fussballstadion. Die legendäre Glückauf-Kampfbahn. Die Zugangstore sind verschlossen. Ich klettere über einen Zaun und finde mich auf der Gegengerade wieder. Zwischen den Stufen wuchert Unkraut. Ich latsche über den gut erhaltenen Rasen rüber zur Tribüne. Höre dreissigtausend Knappen “SCHALLL-KEE” brüllen. Erwin Kremers nimmt Anlauf zum Freistoss – Pfostenschuss!

Ich sitze auf der Ehrentribüne. Links dröhnt die Stadtautobahn nach Bochum. Die dunkelrot lackierten Sitzplätze sind mit dickem Staub überzogen, die Gitter zwischen Spielfeld und Rängen ausnahmslos niedergerissen. Eine einzige lumpige Reklametafel am Spielfeldrand ist übriggeblieben:

AFRI-COLA.

200 METER ZUM BLOCK II – ASIS UNERWÜNSCHT!

Ein paar Minuten bleibe ich sitzen, einfach mal sitzen und denken, verdammt – aber es will sich keine Ehrfurcht einstellen. Mann, ich bin in der Glückaufkampfbahn, denk ich. Wie oft hab ich als Pico am Radio gehangen und den Reportern gelauscht, die von hier berichtet haben.  Als ich aufstehe, um das Stadion zu verlassen, steht in der Kurve dieser Mann. Erregter Mann, so eine Art Platzwart vielleicht.

“JA, WAT IS DAT DANN?!” brüllt er mich an, die unvermeidliche Töle an der Leine. “GANZ SCHNELL RUNTER DA! DAT WOLLN WIR HIER ERST GAR NICH ANFANGEN, WOLL!?”

In aller Ruhe latsche ich zurück über den Rasen, steige die Stufen der Gegengerade hoch und verschwinde wie ich reingekommen bin, über den Zaun.

Vorm Stadion kniet ein Junge auf dem Radweg. Er öffnet vorsichtig eine Portionspackung Kaffeesahne, neben ihm wartet schon sein Kätzchen.

Unter der Autobahnbrücke ist ein Getrommel in Gange, ich vermute schon einen einsamen Stadtschlagzeuger in den zementierten Zwischenräumen, doch als ich genauer hinhöre, ordne ich das monotone Geräusch eher den Lastwagen zu, die über die Brückennähte rollen.

Ein wütend hingerotztes Graffiti: KÖLSCH UND ATEMNOT!

Auf dem Weg aus Schalke hinaus dribble ich durch eine abgewetzte Reihenhaussiedlung. Kissen auf der Fensterbank, jeder hat seinen eigenen kleinen Garten. Ein Junge steht auf der Haustreppe, fragt seinen laubfegenden Vater, “Heute ist Donnerstag, ne?”, und steckt sich eine Camel an.

Ich lande in Gelsenkirchen-Hessler, in einer anderen Vereinskneipe. FC Olympia Hessler 63. Frohe Botschaft Hessler!

“Wann ist Schalke eigentlich zum letzten Mal Meister geworden?” frage ich die Männer am Tresen.

“58, glaub ich.”

Genervt vom Rumstiefeln und angeschlagen vom Suff der letzten Tage fühle ich mich fiebrig, ohne dass Fieber wirklich austritt, ich fühl mich seitlich in den Tunnel gepfiffen. Auf dem Boden der Kneipe entdecke ich einen kleinen gelben Plastikwassernapf für Miniaturhunde, ich bin gerührt, siebenundzwanzig Jahre sind um. Ich habe Geburtstag und bin in Gelsenkirchen. Ich sehne mich zwanzig Jahre zurück, die Ohren am Kofferradio Bajazzo von Telefunken, samstags, den Bundesliga-Reportagen lauschend, wenn Stan Libuda zum Tanz aufspielte. Wo ist eigentlich dem Libuda seine legendäre Zigarrenbude? Und wieso ist der FC Olympia Hessler nicht berühmt geworden? Wieso der FC Schalke?

Die Männer am Tresen haben sich zum Skat niedergelassen.
“Hat der die Zehn! Leck mich am Arsch!” Die Schnäpse werden als “Schweinchen” geordert. “Manni, bring noch fünf Pils!”

“Schweinchen dabei?”

“Sicher!”

“Fünf?”

“Fünf! Und wat is mit dem Käffchen fürn Heinz? Schon durchgeträllert?”

Am Tresen ist ausser mir nur ein Jeansheld übriggeblieben, mit klobigen Beinen, die irgendwie nach Ketchup riechen. Seine Gesichtshaut ist rein. Männer mit reiner Gesichtshaut sind verdächtig. Mehrmals und ungefragt tut er kund, wie sehr ihm “Mercedes Benz” von Janis Joplin in CD-Qualität gefalle.

“Einfach a-capella is dat! Dat is super!”

“My friends all drive Porsche”, singt sogar der Wirt mit, und mir schlafen die Füße ein.

Rückfahrt über Düsseldorf. Überall müde Donnerstagsmenschen beim Nickerchen. Mir gegenüber sitzt ein Schulmädchen. Sie schnübbelt Süssigkeiten aus ihrer Bonbontüte, die sie nach jeder Entnahme wieder verschliesst, sehr ordentlich und selbstvergessen untersucht sie auch den Mückenstich an ihrem Ellbogen, speichelreibend, ein einziges Mal verzieht sie ihren Mundwinkel, als sie einen sauren Drop erwischt.

Und ich? Was ist mit mir? Ich kann doch nicht schon wieder eine rauchen, nur weil ich im Raucherabteil sitze.

In vier Tagen hat die Gräfin Geburtstag. Eigentlich wollte ich ihr ein blaues Nachthemd bauen, so als Geschenk. Ich liebe es, wenn sie abends im Nachthemdchen durch die Wohnung huscht. Ich werde später noch bei ihr reinschneien. Das werde ich tun. Um zehn Uhr abends komm ich in Solingen an. Vorm alten Hauptbahnhof wartet eine Batterie Taxis.

“Zum Mumms”, sag ich.

“Mumms? Da ist doch tote Hose, donnerstags”, meint der Fahrer.

Der soll die Klappe halten und Taxifahren.

Endlich am Tresen. Das Mumms ist mein Wohnzimmer, es sind lauter Bekannte da. Weil mein Kugelschreiber leer ist, leih ich mir von Marina, der Zapferin mit dem netten Schürzchen, einen Stift mit roter Mine.

“Ich hätte auch gern einen Kuli mit roter Mine”, sag ich zu Karlos, der schon ziemlich hinüber ist.

“Ich kann dir meine rote Fresse leihen”, erwidert der.

Ich bin daheim.

*

Für Luca Hammer, der genau an diesem Tag geboren wurde.

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28 (Teil 1)