Ein Vieh in den Strassen

Manchmal sind die Geschichten noch warm, wenn ich mich an den Schreibtisch setze. Wie Brötchen aus der Bäckerei, wo die Verkäuferin einem aufgeregt hinterherschnattert, “die Tüte nicht zumachen, junger Mann, die sind ofenwarm. Die müssen noch atmen. Die werden sonst weich!”

“Die Brötchen?”

“DIE GESCHICHTEN!”

*

Freitag früh, halb acht. Das Morgenrot steigt über die Dächer, als ich mit dem Hund die Abkürzung in die Stadt nehme, über den alten evangelischen Friedhof bis zur Cronenberger Straße, wo sich der Berufsverkehr bewegt, Stoßstange an Stoßstange, wie dicke langsame gefräßige Freitagstiere.

Wir stehen auf dem Bürgersteig und warten auf eine Lücke im Verkehr, und ich wundere mich, warum Frau Moll knurrt, vernehmlich knurrt. Dann wundere ich mich nicht mehr. Auf der anderen Straßenseite beugt sich dieser hochaufgeschossene Kerl über seinen Schlittenhund. Ein Malamut. Ein verzogenes Monster, das uns schon öfters in die Quere gekommen ist. Es mag uns nicht. Es würde am liebsten jeden Knochen einzeln aus Frau Moll heraus beißen und an sich selbst verfüttern, warum auch immer. Wir haben dem großen Hund nie etwas zu leide getan.

Dass sein Besitzer den Malamut stets nur mit Maulkorb ausführt, kann zweierlei bedeuten: Entweder hat der Hund den geforderten Wesenstest nicht bestanden oder er ist schon mal über einen Menschen hergefallen und hat ein Stück herausgebissen oder beides plus schlimmeres.

Schön. Dann geh ich jetzt langsam mal stiften.

Einfach den ganzen Weg zurück, die Emilienstraße runter, über den Friedhof, entlang der Trasse zum Coppel-Park, und dann bin ich auch fast schon wieder zu Hause.

Stattdessen bleibe ich wie angewurzelt stehen und beobachte, wie der Kerl am Hals seines Malamuts zugange ist. Irgendwas scheint mit dem Maulkorb zu sein. Vielleicht justiert er das Ding, keine Ahnung, es lässt sich von hier aus nicht erkennen, zu viele Autos versperren die Sicht.

Na, jetzt reicht’s.

“Komm”, sag ich zu Frau Moll und will den Weg zurück antreten, da seh ich, wie der Schlittenhund in unsere Richtung glotzt. Er hat uns entdeckt, zwischen den grunzenden Benzintieren hindurch. Ich höre ihn bellen, ein einziges Mal nur, nicht mal laut, nur erschreckend heiser und tief wie die U-Bahn, und dann prescht er los. Das Herrchen, völlig überrascht, erwischt gerade noch die wegschlirrende Leine, hält sie fest, gerät ins Stolpern und legt sich der Länge nach hin. Der Malamut zieht vorwärts und schleift das Herrchen hinter sich her, wie einen Schlitten, mittelschwer beladen. Das ist kein Auftrag für ihn. Dafür sind Malamuts gezüchtet. Zum Schlitten hinter sich herziehen. Oder Herrchen.

Wäre in diesem Moment ein Wagen gekommen, Hund und Herrchen wären platt gewesen, doch die folgenden Autos bremsen geistesgegenwärtig ab und bilden eine Art Slapstick-Gasse, in der die Polarlokomotive sein bäuchlings rutschendes Herrchen langsam über den Asphalt zieht, den Mittelstreifen passierend, Meter für Meter, immer schön Frau Moll und mir entgegen..

“Junge, nun bloß die Leine nicht loslassen”, bete ich, “bloß nicht loslassen, mein Freund..”

Bewegen kann ich mich leider nicht. Ich befinde mich auf tief verklebtem Gelände. Es ist, als wären die Füße von unten angebohrt und mit Stangen fixiert. Auch Frau Moll staunt nur. Zum Glück hat das Herrchen genug Mumm und hält die Hundeleine umklammert, kann sie sogar kürzer fassen, bis er die Gewalt über den Malamut erlangt und sich aufrappelt.

“HÖRST DU WOHL AUF!!” schreit er ihn an.

Gute Idee. Find ich auch.

Findet der Malamut jetzt nicht so. Er bäumt sich auf, keine drei, vier Meter entfernt blicke ich in seine eisigen Augen, ich sehe das Fletschen der Zähne, ich denke: Wieso zum Henker sehe ich seine Zähne..?! NA, WEIL DA KEIN MAULKORB DRUM IST! DESWEGEN!! Der blitzende Drahtverhau liegt auf dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite.

Ich geh kaputt.

“Schön ruhig bleiben, Molli”, wispere ich

Wir bewegen uns rückwärts die Emilienstraße runter, ruckartig, zwei nervenschwache Roboter, bis wir aus dem Blickfeld der beiden Irren verschwunden sind.

Auf dem Friedhof setze ich mich auf die Bank und dreh mir eine Kippe. Ich zittere. Der Tabak fällt aus der Kippe. Ich rauche trotzdem. Hätte der Knabe das Monster nicht halten können, ohne Maulkorb.. Ich stöhne und blicke in den Himmel. Das Morgenrot hat sich in ein saftiges Orange verwandelt. Mein orangefarbenes Schicksal. Auch Frau Moll hebt wie zum Dank die Pfote.