500beine

Zum neunten Geburtstag des 500beine-Blogs geh ich auf ein Kölsch in den Kotten. Der Kotten ist eine harte Trinkerkneipe am Neumarkt, härter als der Stahlhof, den es nicht mehr gibt, und fast so verrufen wie das Stonns, das es schon lange nicht mehr gibt.

Die geradlinig grimmige Möblierung des Kotten ist ganz aufs Stammpublikum zugeschnitten. Es setzt sich aus tätowierten Dachdeckern, Gerüstbauern und deren Kredite abstotternden tätowierten Bossen zusammen. Es gibt einen Haufen Kurzarbeit und einen kleinen Saal mit Bühne, wo schon vormittags Karaoke-Abende stattfinden. Im Winter spielen Punk-Bands zum Tanz auf, goldene Nächte, in denen sich Neo-Hippies aus dem Düsseldorfer Norden mit Gerüstbauern und Dachdeckern der Solinger Nordstadt verbrüdern, und es gibt jedes Mal reichlich auf die Mappe.

Lonnie kommt zur Tür rein. Er nimmt den grünen Filzhut vom Kopf, legt ihn auf dem Tresen ab und bestellt ein Bier. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das tatsächlich Lonnie ist, er hat sich die schummrigste Ecke des ganzen Ladens ausgesucht, außerdem haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.

Ich grinse in seine Richtung, er nimmt den Blick auf, wie ein Stier, der gleich abtaucht, erst dann grinst er zurück, bleibt aber auf Gefechtsstation. Ich geh rüber.

“Lonnie”, sag ich.

“Hallo”, sagt er.

Schon Mitte der Achtzigerjahre dokterte Lonnie, vielseitig talentiert, an einem Groß-Roman, einem Sittengemälde mit dem ebenso treffenden wie bombastischen Arbeitstitel Der Patientenplanet. Nach der Wende ging er nach Dresden und machte einen Haufen Geld im Neuwagengeschäft, fing wieder an zu trinken, verlor den Führerschein und kam zurück ins Mekka der Messer, pleite, verschuldet, total übersäuert.

Wir unterhalten uns ein bisschen, Lonnie bleibt merkwürdig zurückhaltend, so kenn ich ihn nicht, aber gut, die Leute verändern sich, man wird älter, langweiliger, verhaltener.

“Benzini mal gesehen?” frag ich, und das ist der Startschuss.

In diesem Moment reißt Lonnie die Augen auf und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, mit einer Vehemenz, als wären es Küchenkacheln.

“Jetzt weiß ich, wer du bist..!”

Er lacht so kraftvoll und ordinär wie früher im Mumms, als er der lauteste Patient von allen war.

“Ich kack ab! Der Glumm..!! Und ich bin die ganze Zeit am überlegen, wer ist der Arsch noch mal? Das gibt’s doch nicht. Alter, siehst du jung aus!”

“Quatsch, hier ist düster, das ist alles”, halte ich dagegen, das mit dem Babyface ist definitiv vorbei. Wenn ich in den Spiegel schaue, seh ich schwere teigige Backen, ich glänze wie eine Speckschwarte vor lauter Fleisch.

Wo ist meine Leichtigkeit hin?

“Ich weiss auch nicht”, meint Lonnie. “Wenn du mit Fünfzig eine Runde Schaukeln gehst auf dem Kinderspielplatz, bist du gestört wie früher nach drei Nächten am Tresen. Irre!”

In der folgenden Viertelstunde bringt Lonnie mich auf den neuesten Stand. Er erzählt, dass die Frau vom Joker an Krebs gestorben ist, dass der Löwenmann beim Sprung über NATO-Draht den linken Finger verloren hat, dass Meckenstock eine Weile in England lebte, mittlerweile aber schon wieder ein Jahr in der Stadt ist.

“Und du? Was machst du?” meint Lonnie. “Schreibste noch im Internet?”

Er überlegt.

“Wie heißt deine Seite noch mal..? Moment! Sag nix!”

Sein grüner Filzhut liegt vor ihm auf dem Tresen. Er nimmt ihn in die Hand, spielt damit herum.

“Was war das noch, verflixt.. irgendwas mit Dackelpfoten, oder? Nee, wah?”

Er denkt angestrengt nach, die Augen zugekniffen, kommt aber nicht drauf.

“Der Joker liest die Seite immer, Benzini auch.. Ich komm gleich drauf. Ich habs auf der Zunge. Irgendwas.. mit Dackelpfoten! Nee!”

“So ähnlich. Ist ne orthopädische Seite”, helfe ich nach. “Fünfhundert..”

“.. Strümpfe?!”

Lonnies Faust schnellt auf den Tresen nieder, das Bierglas macht einen Bocksprung.

“Wusst ich’s doch! 500 Stützstrümpfe!”

*

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Buh-Rufe aus dem Sanatorium

Das Ende der Afri-Cola Kindheit

Meine erste Coca Cola war 1967 eine Afri-Cola, der man in der Flaschenmitte zwei Kerben eingedengelt hatte, um klar zustellen: Massa, ich hab zwei Puppen flach gelegt! Keine Ahnung. Ich war sieben Jahre alt.

Wir Kinder aus der Hasseldelle waren verrückt nach Afri-Cola. Sie schmeckte nicht sonderlich nach Afrika, trotz der Palme im Logo, sie lag eher breit und nordamerikanisch im Mund, ein bisschen wie das Kettcar, mit dem ich den Bürgersteig runtersauste und dabei Hits aus dem Radio schmetterte, die in meinem siebenjährigen Kopf alle wie MISSES APPLEBEE klangen.

Für eine Literflasche Afri-Cola legten wir Picos unser Taschengeld zusammen, sechzig Pfennige für eine große Terrine dunkel sprudelndem afro-amerikanischen Glitter. Wir trafen uns bei der spitznasigen Frau Drexelius, die über ihre klitzekleine Trinkhalle wachte wie eine Vogelmama über ihre Brut – oder wir gingen gleich rüber zum großen Getränkehandel, wenn wir ausnahmsweise genug Patte für mehrere Pullen Brause hatten.

Ein Jahr später wurden in der Hasseldelle die Fundamente für eine Hochhaussiedlung gelegt. Ein ganzer Stadtteil sollte aus dem Boden gestampft werden. Die Hasseldelle war eine alte Siedlung im Grünen mit weiten Kornfeldern und Wiesen zum Fußballspielen. Im Sommer campierten am Waldrand die Zigeuner, deren Wagenburgen wir Kinder nicht zu nah treten durften, also traten wir ihnen so nah wie möglich, ohne gesehen zu werden.

Einer der ersten Opfer der Umgestaltung war der Getränkehandel, er musste weichen. Zweites Opfer: der Kiosk von Frau Drexelius. Drittes Opfer: wir. Da meine Eltern kein “Klein-Chicago” um sich herum haben wollten, planten sie den Wegzug.

Das Ende der Afri-Cola Kindheit.

Noch aber machte ich mit anderen Jungs die Rohbauten unsicher, die großartige Spielplätze abgaben. Nichts ist spannender als Baustellen, kaputte Leitern, Mörtel. Und urplötzlich liegt der Dieter Rupp splitternackt im Kellerschacht und strahlt uns an, mit einem riesigen erigierten schneeweißen Glied.

Wer über das männliche Genital schreibt, hat ein Problem: Nenn ich es Pimmel oder Latte, Rohr oder Schwanz, Lümmel, Penis oder Riemen, medizinisch oder Schweinkram, es bleibt eine schwierige Entscheidung – bis auf den Fall von Dieter Rupp, 1969, nackig im Neubauschacht an der Hasseldelle, da war die Sache sonnenklar. Was uns da anblitzte im Frühlingslicht, das war ein Glied, ein 1a schneeweißes Glied, durchzogen von blauen Adern und erstaunlich stramm für sein Alter und ohne ein einziges Haar am Sack.

Dieter ist schon lange verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet bei der Stadt. Neulich haben wir uns kurz unterhalten, der übliche Mist, wie teuer und doof alles geworden ist, aber innerlich habe ich den Hut gezogen, aus Respekt, ja, aus Ehrerbietung für diesen ersten weißen Hai, der mir je über den Weg gelaufen ist.

*

Kurz vor dem Umzug verliebte ich mich in Karina. Das Haus, in dem sie wohnte, stand nicht weit entfernt. Ein Reihenhaus. Ein Neubau. Nach der Schule ging ich hin, setzte mich gegenüber auf die Mauer, und wartete. Ob sie am Fenster erschien. Ob sie nach mir schaute. Ich war verliebt, und sie wusste nichts davon.

Karina war älter als ich, nicht viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, neun ist und man selber ist erst acht, dann ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Sommer 1969.

Ein verstörender Sommer. Ich saß wie auf Zündplättchen, wenn ich auf sie wartete. Auf ihr Erscheinen. Filmaufnahmen und Fotos aus dieser Zeit zeigen Straßenschlachten und Wasserwerfer, doch für mich gab es nur dieses Mädchen mit langem Haar und weißer Haut. Sie trug weiße Strümpfchen und Lackmäntelchen mit Gürtelschnalle. Ich saß auf der Mauer und blickte zu ihrem Fenster hoch. Ich wartete auf ein Zeichen, auf eine Bewegung hinter der Gardine.

Noch heute sehe ich mich dort sitzen, Stunde um Stunde, bis es dunkel wird. Sie war ein Engel in einem weißen Lackmäntelchen, doch sie zeigte sich nicht. Das Haus lag ruhig da.

Niemals geschah etwas.

Einmal kam ihr Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Mauer saß und seinen Wünschen nachhing.

Er schloss die Haustüre auf. Niemand begrüßte ihn. Seine Frau nicht, nicht die Tochter. Nicht mal der Hund kam angelaufen. Es gab keinen Hund. Ein verlorener Mann, eine tote Seele. Niemand freute sich auf ihn, wenn er nach Hause kam.

Ihr Zimmer war oben im ersten Stock. Manchmal bewegte sich die weiße Gardine. Ich war nicht sicher. Vielleicht glaubte ich auch nur, die Gardine bewege sich, weil ich sie so sehr ins Visier genommen hatte. Weil ich es so sehr wollte.

Das Häuschen war das erste in einer Reihe von fünf Häusern, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus weißem Beton lehnten sie aneinander. Daneben standen Flachdachbungalows mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade erst angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Staub strich um die Häuser, Bauschutt und Splitter. Mir brannten die Augen. Ich war glücklich.

Daheim spielte ich Schlager und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky waren der Soundtrack meiner ersten großen Liebe.

Dich mit Anderen teilen kann ich nicht.

Am Nachmittag kletterte ich auf mein Mäuerchen, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Munition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung.

Das Haus lag ruhig da.

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Geplant war Ewigkeit (13): Die letzten Tage

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5. Februar 2014

Vaters desolater, an einen Schlaganfall erinnernder Zustand hält an. Er ist kiebig und laut, als ich am Nachmittag ins Altenheim komme. Er sitzt am Katzentisch vorm Schwesternzimmer, ein Bein lässig über die Armlehne seines Rollstuhls geschwungen, und beschimpft die Frauen, die im Halbkreis zusammensitzen, ihm den Rücken zugewandt, demonstrativ schweigend.

“Gut, dass mein Sohn kommt..!” ruft Vater, als er mich entdeckt. “Andreas! Sag den Frauleuten mal, ich hab denen nichts getan..!”

Ich grüße in die Runde, die eher einer Mauer gleicht, einer Mauer aus Kleidern und Augen, ernte aber kaum ein Nicken.

“Wem hast du nichts getan?”

Er macht große Augen.

“Na, den..en.. hier! Die wollen mich doch.. die wollen mich doch..”

“Ach, der bildet sich was ein”, wagt sich eine Stimme aus dem Halbkreis.

Da könnte was dran sein. In seiner jetzigen Verfassung ist die Aussenwelt für ihn eine einzige fortgesetzte Bedrohung. Ein falsches Wort, und es regt sich eine schwer zu definierende Wut in ihm. Der Franzose ist ihm auf den Fersen, der Engländer sowieso. Selbst wir Kinder kommen kaum an ihn heran.

“Du hast bestimmt was in den falschen Hals gekriegt..”, sag ich und tätschle seine Hand. Aber er ist kaum zu beruhigen.

“Doch, doch, doch..! Ich hab denen doch gar nichts getan. Die wollen mich.. wollen mich..”, er sucht nach den richtigen Worten, “.. die wollen mich.. ausliefern!”

Daher weht der Wind. Ausliefern.. Einige Tage zuvor kam er zu dem Schluss, von allen Gefangenschaften seines Lebens, (womit hauptsächlich die 2jährige Kriegsgefangenschaft in England gemeint war), sei die letzte die schlimmste:

das Alter.

Er fühlt sich gefangen. Die Frauen sind konkurrierende Mitgefangene, die Wärter das Pflegepersonal, das ganze Gebäude ein Lazarett. Das hatten wir schon einmal.

Vater wirkt ungepflegt, die Trainingsbuxe trägt er seit Tagen, nur das weiße Haar sieht top-schick aus, seit meine Schwester mit ihm beim Coiffeur um die Ecke war. Dass er mit seinem Charme alle Frisörinnen im Handstreich eroberte, so kennt man ihn. (“Einen anderen Kat? Wat is dat denn?” “Einen Undercut, Herr Glumm! Einen Undercut!” “Kenn ich nicht.”)

So kannte man ihn.

*

Seit einer Woche verfällt er zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen.

Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.

“Da tun wir dir erstmal die Zähne rein.”

Dass das Pflegepersonal ihm die Prothese so oft nicht einsetzt, hat seinen Grund: sie finden das Ding nicht. Ich hab es schon im Blumentopf gefunden, unterm Bett, im Gang vor seinem Zimmer. Niemand konnte sich erklären, wie es da gelandet war. Egal, ohne das Teil kann er nicht vernünftig kauen, und beim Sprechen schludert er die s-Töne und harten Buchstaben.

“Die Frauleute wollen mir an den Kragen”, sagt er gereizt. “Die Weibsbilder. Die hüppen doch nur hier rum. Wie die Flöhe.”

“Ach was, du hast bestimmt wieder schlecht geträumt beim Mittagsschlaf. Und wenn du dann wach wirst, denkst du, alle Leute wollen dir was.”

Er sitzt im Rollstuhl und blickt zu mir hoch. “Ja..?”

“Ja.”

Ich geh ins Bad, suche sein Gebiss. Es liegt am Handwaschbecken. Ich säubere es unter fliessend heißem Wasser.

“ANDREAS!!”

Was denn jetzt. Ich stoße die Tür auf. “Was?”

“ICH MUSS MAL PINKELN!” Er quengelt wie ein Kleinkind. “Ich muss mal!”

Ich seh ihn vor mir, wie er als Dreijähriger mit der Rassel auf einer umgedrehten dicken dash-Trommel herumhaut. Ich verlasse das Bad und drücke ihm die mit Super-Haftcreme eingeschmierte Prothese unter den Oberkiefer.

“So, einen Moment noch..”

“Ich muss mal!”

“Ja, ich weiss, aber es kann doch gar nichts passieren, du hast doch eine Windel an.”

“Eine.. Win.. del? Was verstehst du.. unter Windel?”

“Na, was du untenrum trägst, zum Beispiel..”

Das lässt er nicht gelten.

“ICH MUSS MAL!”

Von jähem Zorn übermannt versucht er sich im Rollstuhl sitzend die Trainingshose runterzuziehen, ein bockiges Kind, das den Eltern mal zeigen will, wie sehr es Pipi muss.

“UND GROSS AUCH!”

Ach, du Scheiße. Das ist nicht mein Ding.

“Moment, ich hol jemanden.”

Seine Lieblingspflegerin, eine echte Solingerin, blondiert, um die vierzig, stabil gebaut, Sommersprossen, hat Dienst. Sie ist die einzige, die Vater duzt. Sie setzt ihn ohne viel Aufhebens im Bad auf den Toilettenstuhl.

“Da kommt nichts..”, jammert Vater. “Jetzt, wo ich auf dem Klo sitze, kann ich nicht.”

“Ist ja auch kein Wunder”, entgegnet die Pflegerin. “Ist bestimmt schon alles in der Windel gelandet.”

“WAS?? WO IST DAS GELANDET?”

“In der Windel, alter Mann. W-I-N-D-E-L!! Schon mal gehört?”

Keine Reaktion. Dann:

“DA KOMMT DOCH WAS!”

“Na, Gottseidank.”

Um sechs bring ich ihn zurück nach vorn, in den Gang vorm großen Essensraum, aus dem man ihn verbannt hat, weil er es alleine nicht mehr gebacken kriegt.

“Wir brauchen morgens eine ganze Stunde, um ihn zu waschen und zu füttern, und das zu zweit”, erzählt eine andere Pflegerin, schwarzes krauses Haar, hager, auf dem Weg in die Zigarettenpause. “Füttern dauert so lang, weil er gar nicht mehr weiß, was er mit dem Löffel anstellen soll, den man ihm vor den Mund hält. Er guckt einen mit seinen treuen Augen an und ist ganz hilflos, und ehrlich gesagt, ich hoffe, Sie sehen es mir nach, aber wir alle denken das gleiche: Lieber Herrgott, hab Gnade mit diesem alten Mann und hole ihn heim..”

“Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann. An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, unf ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”

Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Meist spaßeshalber.

Er sitzt am Katzentisch, direkt vorm Schwesternzimmer. Zum Abendbrot hab ich ihm eine Pferdewurst mitgebracht.

“Das war richtig”, sagt Vater.

Zwischen ihm und den Frauen, die noch nicht in den Essensraum gewechselt sind, herrscht angespannte Atmosphäre. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber es ist etwas vorgefallen. Dabei sind die meisten Damen ganz okay, bis auf ein oder zwei, die einem Streit nur ungern aus dem Wege gehen.

“So”, sage ich zu Vater und platziere ihn samt Rolli am Katzentisch, “gleich gibts Pferdewurst.”

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Ich sehe den Herrgott regelrecht vor mir, wie er da oben auf seiner Himmelstribüne hockt und sich ins Fäustchen lacht, weil ich exakt in dem Moment, wo ich in der Innenstadt in die 698 umsteige, in eine dicke Frau reinlaufe, die ein Kaugummi aufbläst, groß wie eine Pampelmuse, und locker platzen lässt.

PLOPP.

(Muss der Kerl einen Spaß haben.)

*

6. Februar 2014

Um 13.52 zeichnet die Mailbox einen Anruf aus dem Altenheim auf.

Ihr Vater hat einen HB-Wert von 8,4. Der Doktor ist gerade da und hat eine Einlieferung ins Krankenhaus angeordnet. Rufen Sie bitte zurück?

Bevor ich zurückrufe, telefoniere ich eine Stunde mit meinen Geschwistern. Wir sind am Ende mit den Nerven.

*

Letzter Teil (14) folgt nächste Woche

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Der Blueshund