Showaddywaddy! Hatten die überhaupt einen Hit?

Es gibt kuriose Mensch-Hund-Konstellationen. Beim Morgenspaziergang mit Frau Moll begegnet mir schon mal eine junge Frau, die vergnügt “frohe Weihnachten” wünscht, auch zu Ostern. Sie hat zwei Hunde, einen großen an der Leine und einen kleinen ohne Leine.

Hundebesitzer lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Da sind die Besitzansprüchler, die ihre Hunde ausnahmslos angeleint und nah am Mann führen, wie eine Aktentasche, meins! meins! meins!, und da sind die Free Jazzer, die ihren Tieren Auslauf gönnen und freie Entscheidung bei der Wegfindung. Eine grobe Einteilung, wie gesagt, und für die Innenstadt untauglich.

Der große an der Leine ist ein grauhaariger Wolfshund, ein gealterter Studienrat, der ein bisschen tollpatschig, aber würdevoll daherschreitet. Ewa zwei Meter dahinter folgt der kleinere, ebenso alte und graue Dackelmix, der nie ohne Ball in der Schnauze aus dem Haus geht. Ein Ball, mit dem er nie spielt, er trägt ihn bloß spazieren, Stunde um Stunde, mit dem stoischen Gesichtsausdruck des weißen Clowns.

Beide Hunde sind, auf ihre Weise, vollkommen autark. Sie reagieren niemals auf andere Hunde, die ihnen entgegenkommen, sie lasse jede Provokation ins Leere laufen und gehen ihres Weges. Es sind alte unabhängige Figuren, einsame Klasse, wie ihr Frauchen auch, das “frohe Weihnachten” wünscht, zu Ostern, eine mächtige Ostblockbrille auf der Nase.

*

Nein, sagte ich zur neuen Sachbearbeiterin des Job-Centers. Nein. Ich hab keine anderen Fertigkeiten vorzuweisen. Tut mir irgendwie leid.

*

“Wir beide sind zu nichts zu gebrauchen. Gott sei Dank.”

- Die Gräfin -

*

foto.sanne5

*

Mein neuer Zahnarzt lacht, sobald ich ihm in seiner Praxis über den Weg laufe. (Voll in den Stuhl rein. Bah.)

“Heute brauchen Sie keine Angst zu haben, Her Glumm, wir machen nur einen Abdruck.”

“Ist wahr? Sie haben doch bestimmt noch eine Überraschung für mich parat. Irgendwas linkes”, halte ich dagegen.

Er hat freundliche blaue Augen. Ein Blau, das frappierend genau mit dem Bildschirmschoner-Blau des Monitors über dem Zahnarztstuhl übereinstimmt. Das gehört richtig zusammen. Dazu kommt noch das mannshohe Triptychon an der Wand, eine Strandszene in der Südsee, ebenfalls in diesem satten Augenfarben-Hellblau des Zahnarzts. Hier greift ein Rädchen ins andere. Ich war vom ersten Moment an entspannt in seiner Praxis. Selbst die Stuhlassistenz tut es mir an: drei blonde Schnepfen, eine davon rothaarig.

“Ihr habt einen guten Chef”, sage ich. Nur eins stört: sein ungemein luschiger Händedruck. Was ihn entlastet: es scheint unter Ärzten weit verbreitet zu sein, das Händchen hinzuhalten wie einen kleinen feuchten Wedel. Vielleicht handelt es sich unbewusst um Bakterienabwehr, am liebsten würde der Doc gar nicht die Hand geben. (Muss er ja nicht. Aber er fängt ja immer damit an. Reicht die Flosse als erster. Ich bin da nicht scharf drauf. Kann in der Tasche bleiben, das Händchen. Die Bakterienkolonie.)

Die Termine vorher waren durch die Bank nicht so locker wie heute. Es musste gebohrt werden. Ich hab mich mal gefragt, woher das kommt, meine Angst vorm Zahnarzt. Ich geh den Dingen ja gern auf den Grund. Das heißt, ich nehme gern Witterung auf, nur stinken darf es nicht. Nicht zu sehr jedenfalls. Dann bin ich weg. Das Fenster auf, und ab durch die Mitte.

Angst vorm Zahnarzt, weil:

Sitze ich einmal im Stuhl und hab den Zahnarzt im Maul, komm ich nicht mehr raus aus der Nummer. Ich kann vielleicht schon noch weg, aber die Flucht macht keinen Sinn, weil ich den Schmerz, wegen dem ich gekommen bin, dann immer noch am Hals habe. Ich bin also dem Wohl und wehe einer fremden Person ausgeliefert. Wenn die will, macht die Eisbein aus mir.

Ich stieg benommen in den Bus.

*

“Du lässt dein Dopekästchen verschmutzen und verstauben, das ich dir früher mal geschenkt habe, aus echtem Silber. Dann glänzt auch dein Leben nicht.”

- Die Gräfin -

*

cropped-foto-portraitglumm.jpg

*

“Du bist mir zu laut heute”, beschwert sie sich, als ich beim Rausgehen auf die Mülltonne klopfe mit der geballten Faust, einfach so, aus Jux und Dollerey. Einfach mal der Mülltonne guten Tag sagen, mein Gott, das kann doch mal eine Spur brutaler ausfallen!

“Na ja, warum nicht”, sagt sie, “aber nicht unbedingt dann, wenn ich neben dir stehe, und überhaupt: Du bist mir ein zu munteres Kerlchen heute. Ich will lieber meine Ruhe haben. Also, psst..”

Trotz Ruhebedürfnis begleitet sie Frau Moll und mich beim Spaziergang, sie hat die Luftlust. An Tagen wie heute, wo wir uns nicht entscheiden können, welchen Weg wir einschlagen sollen, folgen wir einfach dem Hund.

Immer dem Hund hinterher, der frisch gebürstet wie ein großes verdaddeltes Stofftier aussieht. Aus lauter Freude am Dasein, und weil es für unsere kleine Frau Moll in der Welt nichts schöneres gibt, als im Trio unterwegs zu sein, mit Frauchen und Herrchen, wirft sie sich auf den Rücken und streckt die xbeinigen Läufe in die Luft. Sie zappelt sich einen ab, schwer schnaufend – ein Schnauf- und Stofftier, das uns erst aus ihrer Shownummer entlässt, wenn sie meint, nun ist gut. Nun könnt ihr klatschen.

Ich frag die Gräfin, ob sie sich zufällig noch an SHOWADDYWADDY erinnere. Doch statt einer Antwort hält sie sich nur die Ohren zu.

“Sei doch nicht so laut, Mann..!”

Ich weiß gar nicht mehr, was die für einen Hit hatten. Hatten die überhaupt einen Hit, Showaddywaddy?! Ich hab sie oft mit den Rubettes verwechselt, die liefen in ähnlich albernen Bühnenanzügen herum und machten auf 50er Jahre Teddyboy mit Schmalzlocke. Sie trugen Creepers, Schuhe mit dezimeterdicker Kreppsohle und Hochwasserhosen, an denen die Ratten noch nagten. Bands wie Mud, Geordie, die Rubettes und Showaddywaddy hielten diese Art Rock’n Roll Aufguss-Kacke am dampfen.

Am besten fand ich, 14jährig, I CAN DO IT von den Rubettes. Die Nummer war wirklich wild. FROM MY HEAD RIGHT DOWN TO MY BLUE SUEDE SHOES, YEAH! I CAN DO IT! schoss es mir schon morgens auf dem Schulweg durch den Kopf. Wir brauchten kein iphone, uns brummte auch so der Schädel.

“Ist ja gut, ist ja schon gut”, murmelt sie entnervt, die Hände auf den Ohren. “Showwaddyywaddy.. klar.”

*

Ach so! Jetzt weiß ich auch, warum sich alle Männer, die mir an diesem Montagmorgen begegnen, so klein machen und an mir vorüberschleichen. Ich hab nicht nur meinen ausgeruhten No.1-Gang aufgelegt, ich trage auch noch mein militärgrünes Blouson und darunter die Kapuzenjacke, was mich insgesamt aufgepumpt und muskulös wirken lässt. Obwohl alles bloß Luft und Stoffpolster ist. Aber darauf kommt es ja nicht an, wie wir untern Männern wissen, oder doch nur in zweiter Linie. Am wichtigsten ist der Gang. Ob du auf den Gehwegen und Trottoirs dieser Welt als Mann unter Männern bestehst, darüber entscheidet allein dein Gang.

Die Beine.

Besonders, wenn du dich als Mann auf fremden Terrain befindest, ist es wichtig, wie du dich bewegt. Zu derb auf dicke Hose machen kann einem ähnlich schlecht bekommen wie schissriges Umherscharwenzeln. Die Typen kriegen immer zuerst die Schnauze poliert. Ist klar.

Ansonsten ist es nicht verkehrt im richtigen Moment einen Gang zurück zu schalten und sich zurückzuziehen. Wie es ja überhaupt in der ganzen Testosteron-Show darauf ankommt, im richtigen Moment einen Gang zurück zu schalten und sich zurückzuziehen.

Aber manchmal führt kein Weg daran vorbei. Manchmal muss man als Mann den Lauten machen, muss man die breiten Schultern mal richtig aussingen lassen, muss man die Trompete mit allem Schmutz befüllen, dem man habhaft werden kann, nur um die Anderen zu blenden und ein Solo zu braten – kurz, prägnant, pam pam pam!

Hau ab, du.

Es ist Montagmorgen, neun Uhr, und ich schiebe mich übers Trottoir wie ein Brecher durchs Packeis, man hört Schiffsplanken knirschen in wilder See, doch ich halte Kurs. Feuer in den jungen Augen, die Arme abgewinkelt gehts Richtung Tankstelle. Ein Meisterringer, der vorm Training die Turnmatten in die Halle trägt, zwei links, zwei rechts. Wehe, ein Kerl hat mir wieder den letzten SPIEGEL weggeschnappt!

Einen SPIEGEL, bitte.

*

Wer von uns beiden mitten in der Nacht aufs Klo muss und dabei zufällig dem Hund in die Arme läuft, der in ebendiesem Moment von einem seiner diversen Schlafplätze zum nächsten rotiert, den übermannt schon mal ein Gefühl, als würde man in der Finsternis auf eine einsame Spaziergängerin treffen.

Man beäugt sich kurz, und gähnt seines Weges.

*

Garrincha, die brasilianische Fußball-Legende der 50er und 60er Jahre, war ein seltener Urwaldvogel (“Garrincha”) und leidenschaftlich naiver Mensch. Das Geld, das er bei seinem Verein Botafogo verdiente, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es lieber zu Hause im Kleiderschrank. In seinen besten Jahren musste sich schon die ganze Familie vor dem Schrank versammeln, um die Tür zuzukriegen. Und ohne die Nachbarn ging gar nichts.

Garrincha hatte ein O- und ein X-Bein. Er war eigentlich ein Behinderter, mit verkrüppelten Beinen und deformiertem Rückgrat. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er die verrücktesten Dribblings, tanzte die Gegner aus und belästigte sie, er liess sie hinter sich stehen wie gründelnde Enten. Manch einer wurde so übel, dass sie sich an der Eckfahne übergeben musste.

Garrincha fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

- Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war – so stehts auf seinem Grabstein geschrieben.

500beine

Zum neunten Geburtstag des 500beine-Blogs geh ich auf ein Kölsch in den Kotten. Der Kotten ist eine harte Trinkerkneipe am Neumarkt, härter als der Stahlhof, den es nicht mehr gibt, und fast so verrufen wie das Stonns, das es schon lange nicht mehr gibt.

Die geradlinig grimmige Möblierung des Kotten ist ganz aufs Stammpublikum zugeschnitten. Es setzt sich aus tätowierten Dachdeckern, Gerüstbauern und deren Kredite abstotternden tätowierten Bossen zusammen. Es gibt einen Haufen Kurzarbeit und einen kleinen Saal mit Bühne, wo schon vormittags Karaoke-Abende stattfinden. Im Winter spielen Punk-Bands zum Tanz auf, goldene Nächte, in denen sich Neo-Hippies aus dem Düsseldorfer Norden mit Gerüstbauern und Dachdeckern der Solinger Nordstadt verbrüdern, und es gibt jedes Mal reichlich auf die Mappe.

Lonnie kommt zur Tür rein. Er nimmt den grünen Filzhut vom Kopf, legt ihn auf dem Tresen ab und bestellt ein Bier. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das tatsächlich Lonnie ist, er hat sich die schummrigste Ecke des ganzen Ladens ausgesucht, außerdem haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.

Ich grinse in seine Richtung, er nimmt den Blick auf, wie ein Stier, der gleich abtaucht, erst dann grinst er zurück, bleibt aber auf Gefechtsstation. Ich geh rüber.

“Lonnie”, sag ich.

“Hallo”, sagt er.

Schon Mitte der Achtzigerjahre dokterte Lonnie, vielseitig talentiert, an einem Groß-Roman, einem Sittengemälde mit dem ebenso treffenden wie bombastischen Arbeitstitel Der Patientenplanet. Nach der Wende ging er nach Dresden und machte einen Haufen Geld im Neuwagengeschäft, fing wieder an zu trinken, verlor den Führerschein und kam zurück ins Mekka der Messer, pleite, verschuldet, total übersäuert.

Wir unterhalten uns ein bisschen, Lonnie bleibt merkwürdig zurückhaltend, so kenn ich ihn nicht, aber gut, die Leute verändern sich, man wird älter, langweiliger, verhaltener.

“Benzini mal gesehen?” frag ich, und das ist der Startschuss.

In diesem Moment reißt Lonnie die Augen auf und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, mit einer Vehemenz, als wären es Küchenkacheln.

“Jetzt weiß ich, wer du bist..!”

Er lacht so kraftvoll und ordinär wie früher im Mumms, als er der lauteste Patient von allen war.

“Ich kack ab! Der Glumm..!! Und ich bin die ganze Zeit am überlegen, wer ist der Arsch noch mal? Das gibt’s doch nicht. Alter, siehst du jung aus!”

“Quatsch, hier ist düster, das ist alles”, halte ich dagegen, das mit dem Babyface ist definitiv vorbei. Wenn ich in den Spiegel schaue, seh ich schwere teigige Backen, ich glänze wie eine Speckschwarte vor lauter Fleisch.

Wo ist meine Leichtigkeit hin?

“Ich weiss auch nicht”, meint Lonnie. “Wenn du mit Fünfzig eine Runde Schaukeln gehst auf dem Kinderspielplatz, bist du gestört wie früher nach drei Nächten am Tresen. Irre!”

In der folgenden Viertelstunde bringt Lonnie mich auf den neuesten Stand. Er erzählt, dass die Frau vom Joker an Krebs gestorben ist, dass der Löwenmann beim Sprung über NATO-Draht den linken Finger verloren hat, dass Meckenstock eine Weile in England lebte, mittlerweile aber schon wieder ein Jahr in der Stadt ist.

“Und du? Was machst du?” meint Lonnie. “Schreibste noch im Internet?”

Er überlegt.

“Wie heißt deine Seite noch mal..? Moment! Sag nix!”

Sein grüner Filzhut liegt vor ihm auf dem Tresen. Er nimmt ihn in die Hand, spielt damit herum.

“Was war das noch, verflixt.. irgendwas mit Dackelpfoten, oder? Nee, wah?”

Er denkt angestrengt nach, die Augen zugekniffen, kommt aber nicht drauf.

“Der Joker liest die Seite immer, Benzini auch.. Ich komm gleich drauf. Ich habs auf der Zunge. Irgendwas.. mit Dackelpfoten! Nee!”

“So ähnlich. Ist ne orthopädische Seite”, helfe ich nach. “Fünfhundert..”

“.. Strümpfe?!”

Lonnies Faust schnellt auf den Tresen nieder, das Bierglas macht einen Bocksprung.

“Wusst ich’s doch! 500 Stützstrümpfe!”

*

cropped-san-blumeimkopp-gross.jpg500beine zeigen

Buh-Rufe aus dem Sanatorium

Das Ende der Afri-Cola Kindheit

Meine erste Coca Cola war 1967 eine Afri-Cola, der man in der Flaschenmitte zwei Kerben eingedengelt hatte, um klar zustellen: Massa, ich hab zwei Puppen flach gelegt! Keine Ahnung. Ich war sieben Jahre alt.

Wir Kinder aus der Hasseldelle waren verrückt nach Afri-Cola. Sie schmeckte nicht sonderlich nach Afrika, trotz der Palme im Logo, sie lag eher breit und nordamerikanisch im Mund, ein bisschen wie das Kettcar, mit dem ich den Bürgersteig runtersauste und dabei Hits aus dem Radio schmetterte, die in meinem siebenjährigen Kopf alle wie MISSES APPLEBEE klangen.

Für eine Literflasche Afri-Cola legten wir Picos unser Taschengeld zusammen, sechzig Pfennige für eine große Terrine dunkel sprudelndem afro-amerikanischen Glitter. Wir trafen uns bei der spitznasigen Frau Drexelius, die über ihre klitzekleine Trinkhalle wachte wie eine Vogelmama über ihre Brut – oder wir gingen gleich rüber zum großen Getränkehandel, wenn wir ausnahmsweise genug Patte für mehrere Pullen Brause hatten.

Ein Jahr später wurden in der Hasseldelle die Fundamente für eine Hochhaussiedlung gelegt. Ein ganzer Stadtteil sollte aus dem Boden gestampft werden. Die Hasseldelle war eine alte Siedlung im Grünen mit weiten Kornfeldern und Wiesen zum Fußballspielen. Im Sommer campierten am Waldrand die Zigeuner, deren Wagenburgen wir Kinder nicht zu nah treten durften, also traten wir ihnen so nah wie möglich, ohne gesehen zu werden.

Einer der ersten Opfer der Umgestaltung war der Getränkehandel, er musste weichen. Zweites Opfer: der Kiosk von Frau Drexelius. Drittes Opfer: wir. Da meine Eltern kein “Klein-Chicago” um sich herum haben wollten, planten sie den Wegzug.

Das Ende der Afri-Cola Kindheit.

Noch aber machte ich mit anderen Jungs die Rohbauten unsicher, die großartige Spielplätze abgaben. Nichts ist spannender als Baustellen, kaputte Leitern, Mörtel. Und urplötzlich liegt der Dieter Rupp splitternackt im Kellerschacht und strahlt uns an, mit einem riesigen erigierten schneeweißen Glied.

Wer über das männliche Genital schreibt, hat ein Problem: Nenn ich es Pimmel oder Latte, Rohr oder Schwanz, Lümmel, Penis oder Riemen, medizinisch oder Schweinkram, es bleibt eine schwierige Entscheidung – bis auf den Fall von Dieter Rupp, 1969, nackig im Neubauschacht an der Hasseldelle, da war die Sache sonnenklar. Was uns da anblitzte im Frühlingslicht, das war ein Glied, ein 1a schneeweißes Glied, durchzogen von blauen Adern und erstaunlich stramm für sein Alter und ohne ein einziges Haar am Sack.

Dieter ist schon lange verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet bei der Stadt. Neulich haben wir uns kurz unterhalten, der übliche Mist, wie teuer und doof alles geworden ist, aber innerlich habe ich den Hut gezogen, aus Respekt, ja, aus Ehrerbietung für diesen ersten weißen Hai, der mir je über den Weg gelaufen ist.

*

Kurz vor dem Umzug verliebte ich mich in Karina. Das Haus, in dem sie wohnte, stand nicht weit entfernt. Ein Reihenhaus. Ein Neubau. Nach der Schule ging ich hin, setzte mich gegenüber auf die Mauer, und wartete. Ob sie am Fenster erschien. Ob sie nach mir schaute. Ich war verliebt, und sie wusste nichts davon.

Karina war älter als ich, nicht viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, neun ist und man selber ist erst acht, dann ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Sommer 1969.

Ein verstörender Sommer. Ich saß wie auf Zündplättchen, wenn ich auf sie wartete. Auf ihr Erscheinen. Filmaufnahmen und Fotos aus dieser Zeit zeigen Straßenschlachten und Wasserwerfer, doch für mich gab es nur dieses Mädchen mit langem Haar und weißer Haut. Sie trug weiße Strümpfchen und Lackmäntelchen mit Gürtelschnalle. Ich saß auf der Mauer und blickte zu ihrem Fenster hoch. Ich wartete auf ein Zeichen, auf eine Bewegung hinter der Gardine.

Noch heute sehe ich mich dort sitzen, Stunde um Stunde, bis es dunkel wird. Sie war ein Engel in einem weißen Lackmäntelchen, doch sie zeigte sich nicht. Das Haus lag ruhig da.

Niemals geschah etwas.

Einmal kam ihr Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Mauer saß und seinen Wünschen nachhing.

Er schloss die Haustüre auf. Niemand begrüßte ihn. Seine Frau nicht, nicht die Tochter. Nicht mal der Hund kam angelaufen. Es gab keinen Hund. Ein verlorener Mann, eine tote Seele. Niemand freute sich auf ihn, wenn er nach Hause kam.

Ihr Zimmer war oben im ersten Stock. Manchmal bewegte sich die weiße Gardine. Ich war nicht sicher. Vielleicht glaubte ich auch nur, die Gardine bewege sich, weil ich sie so sehr ins Visier genommen hatte. Weil ich es so sehr wollte.

Das Häuschen war das erste in einer Reihe von fünf Häusern, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus weißem Beton lehnten sie aneinander. Daneben standen Flachdachbungalows mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade erst angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Staub strich um die Häuser, Bauschutt und Splitter. Mir brannten die Augen. Ich war glücklich.

Daheim spielte ich Schlager und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky waren der Soundtrack meiner ersten großen Liebe.

Dich mit Anderen teilen kann ich nicht.

Am Nachmittag kletterte ich auf mein Mäuerchen, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Munition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung.

Das Haus lag ruhig da.

*foto.kinderwagen.big