29. 12. 99
Zwei Tage vorm nächsten Jahrtausend sitzt Pepe abends in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung.
Er friert.
“Was machst du?” ruft seine Frau.
Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, der Fernseher läuft.
“Lesen”, antwortet Pepe matt.
“Was?”
“Lesen..”
“Ja. Aber was liest du?”
“Zeitung.”
Tatsächlich liegt die Zeitung vor ihm auf dem Teppich, doch unterm Lokalteil stecken die drei Pillen, die Paco ihm letztens in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.
Paco, der kleine Spanier.
“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Aber sei vorsichtig. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir richtig dreckig geht. Zum Antörnen ist das nichts.”
“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte Sherry später, seine Frau, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”
“Klar hätte ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen richtigen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich es heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Scheisse. Ist doch logisch, oder?”
“Na, super logisch.. Du machst immer die gleichen Fehler. Wie ein Mono-Plattenspieler, der seit hunderttausend Jahren dieselbe langweilige Single abnudelt.”
Noch liegen die Pillen vor ihm. Noch hadert Pepe. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man Pech hat, wird der Affe, den man ja vom Baum holen will, nur noch angefüttert.
Dann wird den Zellen noch das letzte Quentchen Opium entzogen und man sitzt da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean, von einem Moment zum nächsten.
Dann kannst du nur noch abwarten bis die Attacke vorüber ist.
(Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.)
Partiell antagonistischer Charakter..? Enzugssymptomatik? Ja, leck mich doch am Arsch, denkt Pepe. Mir ist jetzt schon kalt.
Wenn er das richtig kapiert, ist Subutex Opiat und Opiatblocker zugleich. Es dockt an der Stelle im Gehirn an, wo Opiate wirken, aber erst wenn die Rezeptoren wirklich frei sind, erlegt Subutex den Affen.
Na, ein richtiger Affe ist das nicht, der Pepe durch die Knochen geistert. Eher das Grauen vor der Nacht, die vor ihm liegt. Die ganzen Stunden, bis endlich der Morgen dämmert und er zum Doc latschen und das neue Rezept abholen kann für die Wochenration Methadon.
Für seinen über alles geliebten Apothekenzustand.
Der keinen Gott neben sich duldet.
Paco hat mal gesagt, dass er das nicht kapiert.
“Was kapierst du nicht?”
“Dass du von einem Ersatzmittel abhängig geworden bist. Methadon ist doch nur Ersatz. Warum nicht gleich beim Original bleiben?”
Da ist Pepe wütend geworden.
“Ich sag ja auch nichts zu deiner dämlichen Sauferei”, hat er geantwortet.
Er kann es auf den Tod nicht ab, wenn ein Süchtiger dem anderen seine (andere) Sucht vorhält.
“Selber süchtig nach Wodka, aber mir Vorhaltungen machen, weil ich Metha nehme. So ein Scheiss, Paco.”
Da hat der nur überrascht aufgekuckt und nichts mehr gesagt.
Warum zum Teufel soll ich mich auch erklären? denkt Pepe. Wem gegenüber? Freunden, der Staatsanwaltschaft? Der Schmiere?
Und wie oft hätten die es denn gern!?
Natürlich ist das alles eine große Scheisse. Der ewige Druck, genug von dem Stoff zu besitzen, damit es einem nicht schlecht geht. Diese ewige Verstopfung. Die Müdigkeit. Und die ganze Kohle, die dafür drauf geht, weil der Doc ihm nicht so viel verschreibt, wie er es gern im Hals hätte.
Und wenn Heroin, das Original, schon kein Publikumsknaller ist, dann ist Metha, der Ersatz, wirklich ein einsames Geschäft.
Man sitzt schließlich nicht in trauter Runde zusammen und kippt ein Töpfchen Methadon und lacht sich schlapp.
Pepe wiegt die Pillen in der Hand. Kann sich nicht entscheiden. Die Küchentür ist einen Spalt geöffnet, er sieht das blaue Licht des Fernsehapparats durch ihr Zimmer flackern.
Seine Frau lacht.
Sie ahnt nichts von seinem Dilemma.
Sie ahnt nicht, dass er in den letzten Tagen mal wieder zuviel Metha geschluckt hat und daher auf dem Trockenen sitzt. Auf dem trockenen Teppich in der Küche, wo er sich den Hintern an der Heizung verbrennt, aber weil die Kälte tief in den Knochen steckt, kann das Erdgas aus Russland noch so sehr bullern, es erreicht ihn nicht. Es bleibt stecken in den weiß lackierten, harten Heizungsrippen.
Pepe ackert den Beipackzettel ein drittes Mal durch. Kann sich kaum konzentrieren. Die Worte fliehen wie Pferdchen über den faltigen Zettel und werfen Pünktchen auf; schräge Striche.
Ich reite mich mal wieder nur selbst über den Oxer in die nächste Scheiße, mit den Nüstern stürz ich.
Meine ganz spezielle Spezialität, denkt er.
Paco hatte schon Recht. “Du machst immer und immer wieder den gleichen Fehler!”
Nein, gar nicht wahr. Das war nicht Paco, das hat Sherry gesagt. Und sein Doc.
Scheiß der Hund drauf.
Auf dem Beipackzettel entdeckt Pepe was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats.
Wie jetzt, doch nur 4 Stunden?!
Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hat Pepe letzte Nacht um 3 Uhr genommen. Das ist achtzehn Stunden her!
Und viel war ja auch nicht mehr übrig. Lausige 5 ml. Der Rest vom gelben Fest.
Was also kann da schief gehen, wenn er jetzt Subutex einwirft? Damit ihm wärmer wird. Damit die Nacht ihren Schrecken verliert.
Vier Stunden..?
Andererseits weiß Pepe von Leuten, die auf Subutex umgestiegen sind, dass sie vor der ersten Einnahme mindestens 36 Stunden clean bleiben mussten.
36! Stunden, nicht vier.
JA WAS DENN JETZT!??
Es bleibt ein Vabanquespiel. So schlimm wird’s schon nicht werden, denkt Pepe.
Selbst wenn es schief gehen sollte, morgen früh kann ich ja zum Doc und mein Metha holen, dann geht’s mir wieder besser. Mein gelbes Saufopium. Dämlicher Gedanke. Kann ich lieber gleich die Finger davon lassen und bis morgen früh warten.
Er nimmt die erste der drei Subutex-Pillen à 2 mg in die Hand.
Jetzt nicht mehr lange fackeln.
Jetzt sublingual, jetzt unter die Zunge legen.. jetzt..
ist es schon passiert.
Als sich die erste Tablette aufgelöst hat und bitter durch seinen Schlund sickert, blättert er die Zeitung durch und wartet. Horcht in sich hinein.
Ob da was klingelt.
Warm anflutet.
Nichts, natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nicht mit 2 mg Metha zu vergleichen. Ist ja nur ein Klacks. Was bringt ein Klacks?
Er wartet keine Viertelstunde, dann legt er die beiden restlichen Pillen unter die Zunge. Wenn schon, denn schon. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es richtet.
Es reitet.
Sich selbst.
Pepe sitzt vor der Heizung. Es wird wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein. Keine Ahnung.
Aber schlechter geht’s ihm auch nicht.
Oder doch!?
Eine halbe Stunde ist vergangen seit der ersten Pille, als er sich zu Sherry legt. Der Fernseher läuft, doch er ist woanders mit seinen Gedanken.
Allein mit meiner Sucht.
Einsam.
Einsam, weil er mal wieder das Maul nicht aufgekriegt hat.
Sie wundert sich, warum er so still ist.
“Ist was?” fragt sie, doch Pepe winkt nur ab.
“Ich bin müde.”
Er dreht sich zur Wand und schläft auf der Stelle ein.
Als er wach wird, steckt sein Brustkorb in Stahlzwingen. Er ist klatschnass geschwitzt. Oh Gott.. oh mein Gott..!! ist sein erster Gedanke, er flüchtet aus dem Bett. Raus hier. Bloß raus..!
“Was ist denn los?” wundert sich Sherry.
Pepe ist voll auf Affe. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an ihm herunter.
Er hat nicht mal eine halbe Stunde geschlafen.
“Ich fühl mich.. scheisse..”
“Wie, du fühlst dich scheisse!? Was hast du angestellt!?”
Pepe ist es, als wälze er sich durch ein großes, überwürztes Feuer, als brenne er licherloh. Er flüchtet ins Bad, steht vorm Spiegel.
Riesige schwarze Bratpfannen glotzen ihn an! Wie lang hat er nicht mehr solche Pupillen gehabt. Sein Herz rast. Er lässt sich auf den Wannenrand nieder.
Sherry kommt hinzu.
“Was hast du gemacht?”
“Ich hab.. Scheisse gebaut. Ich hab Subutex genommen..”
“Du hast..? BIST DU BESCHEUERT!?? Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”
“Ich weiss..”
“Wie, du weisst!? Warum hast du es dann gemacht??”
“Ich dachte, also.. ich weiss nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte zu wenig Metha für heute.. Scheisse. Was mach ich jetzt??!”
So jedenfalls halt ich die Nacht nicht aus, schreit Pepe, aber kein Ton kommt raus.
Er rennt durch die Wohnung, panisch, in Auflösung.
“Ich halt das nicht aus..”
“Du hältst das aus”, versucht sie ihn zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..”
Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen. Die ganze Nacht. Die ganzen Stunden.
“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer von Doktor Hilten heraus, der Pepe substituiert.
Es ist kurz vor Mitternacht, als sie die Nummer wählt. Natürlich springt der Anrufbeantworter an.
“Was hast du denn gedacht? Dass der nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”
“Na, dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”
Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt.
Hält Pepe den Hörer hin.
“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”
“Du kannst. Natürlich kannst du. Du kannst reden. Rede mit ihm. Frag, was du machen sollst.”
Er nimmt den Hörer in die Hand. Dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.
“Ja..?”
“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört? Schlafen Sie schon?”
“Hmm.. Wer is da?”
Es klingt, als habe er ein Kissen im Mund.
Er räuspert sich.
“Ich bin’s, Pepe. Ich hab Scheisse gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”
“Experimentiert? Mit Subutex? Was redest du da? Ja, das ist scheisse.”
Doktor Hilten ist ein großer stattlicher Mann. Er liegt im Bett. Er spricht leise.
Es raschelt im Hintergrund.
“Da hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bißchen. Kann aber nichts passieren.”
“Ich fühl mich aber scheisse.. extrem. Könnten Sie nicht..? Ich mein.. sollte ich nicht Methadon nehmen, damit..”
“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”
Pepe sagt nichts mehr. Hat eh keinen Sinn.
Die Gräfin beobachtet ihn.
“Du schaffst das schon”, meint der Doc leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”
Pepe legt auf. Tigert durch die Wohnung. Weiß nicht, was er machen soll. Die ganze verfluchte Nacht..
“Das halt ich nicht aus bis acht Uhr..!”
“Ich denk bis sieben.”
“Um sieben macht der Doc auf. Aber das Rezept in der Apotheke kann ich erst um acht einlösen.”
Abwechselnd hockt er zitternd vor der bullernden Heizung oder tigert ins Bad, wo ihn schwarzen Bratpfannen anstieren.
Wo sind seine harten kleinen Opiumpupillen hin!?
Wieso hab ich alle drei Pillen auf einmal genommen?! Du Idiot! Trottel! Und jetzt hier rumheulen!
Er steigert sich immer mehr rein.
“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Komm, bleib ruhig. Ich mach dir ne Wärmflasche. Ich lass dir ne Wanne ein. Ja, leg dich einfach in die heisse Wanne und entspann dich.”
Pepe hört sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem er sich befindet.
In seinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Was er noch machen kann. Wo man jetzt was auftun kann. Um diese Zeit. Schore, Metha, irgendwas.
Vier Stunden.. WIESO STAND AUCH AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL WAS VON VIER STUNDEN!!?
Er holt seine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar keine Kohle drin, aber Telefonnummern.
“Wohin willst du..?” fragt Sherry ängstlich.
“Ich.. weiss nicht. Raus hier. Ich halt das nicht aus, hier drinnen. Die ganze Nacht.. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”
“Angelo?”
“Von dem besorg ich mir schon mal was..”
“Was denn?”
“Na, Metha..”
“METHA?? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT?”
Er steckt die Brieftasche ein. Auch wenn das Blödsinn ist, denn selbst falls Angelo was übrig hat, tut er es nur gegen Bargeld raus. Angelo verleiht nichts.
Und Pepe ist blank.
“Wenn du jetzt auf Subutex noch Metha nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das JETZT ein Zuckerschlecken gegen das, was dich DANACH erwartet! Lass das bloß sein!!”
Pepe hat sie lang nicht mehr so zornig erlebt.
“Wenn du das machst, bin ich morgen weg!”
Scheisse. Scheisse!!
Tatsächlich heisst es in der Szene, dass man einen miesen Subutex-Trip aushalten muss.
Dass jede Form von Morphium, die man zusätzlich einwirft, alles nur noch schlimmer macht..
Die Nummer von seinem Psycho-Doc fällt Pepe in die Hand. Der psychosozialen Betreuung. Die liegt auch dem Schrank. “Ruf an, wenn was ist”, hat er mehrfach angeboten.
Es ist Mitternacht durch.
Alles wird immer enger, je länger Pepe wartet und nichts unternimmt. Es ist zwölf Uhr durch. Da geht doch kein Schwein mehr ans Telefon. Kein Junkie, kein Psycho-Doc.
Niemand!
Aber Angelo kann ich von hier aus nicht anrufen, dann brennt die Hütte, denkt Pepe. Ich muss in die Telefonzelle. Auf der Klingenstrasse steht eine, die nimmt noch Münzen. Wenn Angelo überhaupt ans Telefon geht. Wenn der überhaupt zu Hause ist. Wenn der noch nicht pennt. Wenn der überhaupt was zum Abgeben hat.
Wenn, wenn, wenn.. Scheisse!
SCHEISSE!!
Er wählt die Nummer vom Psycho-Doc. Ein Hippiedoktor. Der wohnt in Bonn. Was will Pepe überhaupt von ihm?
Metha hat der sowieso nicht.
Seine Frau hebt ab.
“Ja..?”
“Ja, hier ist .. Kann ich..?”
“Oh. Mein Mann ist oben, der schläft schon. Worum gehts denn?”
“Äh.. nee, das bringt jetzt nichts. Wenn er schon schläft..”
“Ja, der schläft schon..”
“Frag sie doch wegen Subutex, was du da machen kannst”, flüstert Sherry eindringlich, aber Pepe legt den Hörer auf.
“Woher soll die das denn wissen?!”
Wieder tigert er durch die Zimmer.
“Ich halt das nicht aus hier heut Nacht. Ich muss raus.”
Er muss was unternehmen. Aber er will sie auch nicht mit ihrer Angst zu Hause lassen, dass er sich was antut..
Er sagt, dass er ins Städtische geht, in die Notaufnahme.
“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”
“Was soll passieren?”
“Dass ich durchdrehe. Umkippe. Was weiss ich. Keine Ahnung.”
“Ich kann dich doch fahren.”
“Nein..! Ich muss.. gehen. Unterwegs sein. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann? Sitz ich da.”
“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, sitzt du auch gleich da.. in ner dreiviertel Stunde.”
“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich werd langsam gehen. Ich brauch ne Stunde bis dahin. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”
Er sitzt auf dem Bettrand und schnürt schwerfällig die neuen Stiefel.
Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?
“Bau keinen Scheiss”, fleht sie. “Bitte..”
“Ich hab keine Kohle für Scheisse bauen.”
“Seit wann brauchst du Kohle, um Scheisse zu bauen..”
Pepe ist so blank, er kann nichts vom Konto abheben. Keine Chance.
Es ist alles sinnlos.
Und es wird immer später. Gleich ein Uhr. Da geht kein Schwein mehr ans Telefon.
In ihm baut sich mehr und mehr eine Angst auf, wie 1978 auf dem schief gelaufenen LSD-Trip. Als Pepe beim Patti Smith-Konzert in Düsseldorf war und nur noch tot sein wollte, damit es endlich aufhört. Damit die zerschossenen Fratzen, die ihm entgegeneilten, als die Deckenbeleuchtung noch brannte, endlich verschwanden. Damit der Disco-Bass von “Miss you” von den Stones, der als 100.000-Watt-Bombe durch seinen Leib jagte und alles in kleine Strom-Teilchen zerlegte, aufhörte.
Damit es endlich, endlich aufhörte!! Und er den pumpenden Film nicht mehr aushalten musste, der sich vor ihm abspulte. Doch die Phillipshalle, ein Flachbau, gab keine Möglichkeit, sich irgendwo runterstürzen. Da war kein Treppenhaus, kein Dach zum Hochklettern und Runterstürzen.
“Merken die das denn nicht??” fasste Pepe sich an den Kopf, als seine Optik komplett durcheinander geriet. Er sah
das Publikum, das vor Konzertbeginn auf die Ränge strömte, in Panik über die Sitze flüchten. Überall sah Pepe Menschen in Panik, aber die Leute um ihn herum, in unmittelbarer Nähe, ließen sich allesamt nichts anmerken. Setzten sich auf den Hallenboden und bewegten sich lässig zu “Miss you” von den Stones, als wäre nichts geschehen.
“JA, MERKEN DIE DENN NICHTS!!!?”
In Pepes Kopf taucht die Müngstener Brücke auf, die höchste Eisenbahnbrücke in Deutschland, oben am Schaberg. Er muß nur die steile Klingenstrasse hoch. 110 Meter hoch. Eine Million Nieten. Wo man den Scheiß hinter sich lassen kann. Die Verwüstungen.
Die inneren Debakel.
“Mach dir keine Sorgen”, sagt Pepe zu Sherry an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte und Angst und Schwäche bibbernd.
“Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”
“Soll ich dich nicht doch fahren?”
“Nein.”
Es ist fünf Grad unter Null.
Wenn ich durch den Park gehe, in Richtung Telefonzelle Klingenstrasse, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will, denkt Pepe. Also müht er sich erst den Berg hoch. Und dreht sich um.
Die gemeinsame Wohnung, hell erleuchtet, alle Lichter an. Er sieht sie nicht am Fenster. Ihre Ungewissheit, was er jetzt macht, schmerzt, doch er kann nicht anders.
Pepe dreht ab und geht durch den Park. Die Enten schnattern wütend, als sich seine Schritte nähern.
Die Beine tun es nicht richtig. Sie sind schwach.
Kaum Autos unterwegs.
Laternen.
Der Schnee ist nass.
Richtung Telefonzelle ist Richtung Angelo ist Richtung Brücke, 110 Meter hoch.
Als Pepe die Telefonzelle erreicht, die in der Dunkelheit strahlt wie ein altes gelbes Juwel, hat er kaum noch Kraft in den Beinen.
Er zieht die Türe auf, holt die Brieftasche aus der Jacke und legt sie auf dem Fernsprecher ab. Da ist ein einziges 50 Pfennig-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Pfennig. Ein einziger Schuss. Der muss sitzen.
Und dann.. findet Pepe die Telefonnummern in der Brieftasche nicht. Da sind dutzende von Zetteln drin, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern drauf sind. Oh mein Gott.. er hat ihn zu Hause liegen lassen..
Er ist zu schwach, um Scheisse zu brüllen.
Er versucht sich an Angelos Handynummer zu erinnern, wie betäubt. Die Scheiben der Zelle sind beschmiert mit knappen Eddingbotschaften. Ich liebe, ich hasse. Er wirft das 50 Pfennig Stück ein. Probiert ein paar Nummern, aber er hat dauernd einen Zahlendreher drin. Er kriegt es nicht hin. Drückt jedes Mal die Gabel runter, bevor es zum Anschluss kommt, damit kein Geld flöten geht.
Und dann versucht er es doch. Mit der Nummer, die er für richtig hält.
Es hebt tatsächlich jemand ab. Es ist halb zwei in der Nacht. Donnerstagnacht.
Eine fremde weibliche Stimme.
“Schuldigung”, flüstert Pepe und leg sofort auf.
20 Pfennig sind weg. Runtertelefoniert. Er kriegt diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen! Aber ’schuldigung sagen.. das geht, du Scheißer!
Plötzlich fällt ihm Ringo ein. Was ist mit Ringo..? Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Pepe hat ihn lang nicht gesehen. Bestimmt ein Jahr. Oder ein halbes. Sie sind zusammen aufgewachsen.
Eine Menge Leute sind damals zusammen aufgewachsen.
An die Handy-Nummer erinnert sich Pepe nicht, aber Ringos Festnetznummer steht wie eine 1 auf seinem inneren Display.
Fragt sich nur, ob das was bringt.
Er hat vor einigen Tagen Simone getroffen, mit der Ringo lange zusammen war, und sie erzählte, dass er aus Angst vor der Schmiere nur selten das Telefon abhebt.
Pepe hat die Nummer schon gewählt. Nach dem zweiten Läuten hebt Ringo ab.
“Jaa..?”
Verpennt. Von ganz weit her.
“Ich bin’s”, schnappt Pepe auf. Als hätte er sich verschluckt. “Wie siehts aus.. kannst du mir.. weiterhelfen?”
“Alter, bei mir siehts auch nicht gut aus. Übel sogar..”
Ringo atmet schwer.
“Moment.. da ist.. ist da der.. bist du das, Pepe.?”
“Ja, sicher”, beeilt er sich. Er hab noch einen Groschen drauf. “Ich bin in einer Telefonzelle, mir gehts dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht komm. Ich brauch.. nicht viel.”
Ringo schwenkt um.
“Okay. Dann komm vorbei. Aber mach schnell.”
“Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich.”
“Mh.. ja. Mach hin. Ich hab Schlaftabletten drin.”
Klick. Weg ist er.
Pepe packt die Brieftasche ein und schleicht los. Er hat keine Kraft mehr. Die Nacht ist so eiskalt, er friert und schwitzt erst abwechselnd, dann gleichzeitig, und schließlich kann er es nicht mehr auseinander halten, ob er nun schwitzt oder friert.
Er ist froh, dass er sich auf den Beinen halten kann.
Als er die Abkürzung über den alten Güterbahnhof nimmt, der zur Kunstmeile umgebaut wird, kriegt er kaum noch einen Fuß vor den anderen.
Dichter Schneefall setzt ein.
Pepe hält sich an einem Bauzaun fest.
Ein Wagen fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt herüber. Pepe erkennt die Taxi-Beleuchtung auf dem Autodach.
Hoffentlich sieht er das noch, wenn ich jetzt umkippe.
Und hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, auf seinen Schlaftabletten, so bräsig, wie seine Stimme klang.
Falls er mein Klingeln nicht hört, bin ich geliefert. Ich hab kein Kleingeld mehr zum Telefonieren.
Ich hab überhaupt keinen Pfennig Kohle in der Tasche.
Pepe schellt zwei Mal kurz hintereinander. Dann eine Pause - und noch zwei Mal kurz. Das Zeichen, das Ringo ihm mal anvertraut hat.
Und das sonst nur seine Mutter kennt. Hm, ja.
Es dauert keine fünf Sekunden, da summt der elektrische Türöffner. Gott sei Dank. Pepe schleppt sich die Treppe hoch.
Erste Etage.
Ringo, in Unterhose und T-Shirt.
Auf langen, dünnen Beinen.
“Schließ ab”, sagt er knapp und geht schon mal vor. Der Schlüssel der Etagentür steckt von innen, und Pepe dreht ihn um.
“Schließ zwei mal ab! Ist besser.”
Als Pepe die Bude betritt, steht Ringo vorm Rechner und singt laut vor sich hin. Irgendeinen Blödsinn.
“Ich hab eine Affinitäääät.. zu Pförtnern..!”
Ringo-Blödsinn. Seine Nase läuft.
Er grinst.
“Mitten in der Nacht.. Mann, dir muss es ja schlecht gehn..”
Seine Bude ist überhitzt. Nicht gelüftet seit Tagen. Aber aufgeräumt. Wie immer.
Ringo ist penibel.
Und Pepe könnte kotzen vor Knochenschwäche.
“Als würd ich von innen verfeuert.”
Ringo wackelt, ist aber nicht bräsig, trotz all dem Schnaps, der Schore, dem Koks, den Pillen, all den Sachen, die er intus hat.
“Erzähl. Was is los?”
“Ich hab Subutex genommen, auf Metha. Also auf Reste von Metha..”
“Alter! Subutex auf Metha! Wie bist du denn drauf!? Da fährt man einen gewaltig üblen Streifen. Scheisse..”
Ringo setzt sich auf den Bettrand und kratzt sich am Sack.
“Mir ist das mal passiert, da hab ich voll die Panik gekriegt, hör mal. Ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!”
Pepe zieht die dicke Jacke aus und setzt sich aufs schwarze Ledersofa.
Ringo ist laut. Wunderbar laut. Hauptsache laut, und Leben..
“Da war ich nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher noch Rotwein gesoffen hab, war das ganze Klo ne fette rote Lache. Mann, war das übel! Subutex auf Metha..Scheisse. Wie bist du denn drauf..”
Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht und wo er seine Schore verwaltet.
Er zieht ein Säckchen aus der Schublade.
“Ich hab aber keine Kohle”, sagt Pepe.
“Kein Thema, Alter. Aber so gut bestückt bin ich nicht. Ich muss mich morgen wieder frisch machen. Wärst du besser gestern übel abgefahren, da hätt ich dich richtig fett breit gemacht, Alter. Na, mal sehn..”
Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line braunes Pulver über die Glasplatte.
Chkkkrrr..
“Hier.. zieh das erst mal weg.”
Er überlässt Pepe den Chef-Sitz, und verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft.
“Außer Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo. Geil.”
Seine Augen klappen zu.
Pepe sitz unentschlossen vor der Line. Weiß nicht, ob er es wagen soll. Wenn das stimmt, was alle sagen, wenn also alles noch schlimmer wird..? Manchmal reden die Leute auch große Scheisse. Diese Art von “vier-Stunden”-Scheisse. Er kann sich nicht entscheiden.
“Was ist, Alter?” bellt Ringo. “Keinen Bock?”
“Ich weiss nicht, ob ich damit nicht noch übler drauf komm.”
“Mh. Nimm doch erst mal nur die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”
Die Line liegt vor Pepe, er hat den Strohhalm schon in der Hand. Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Die Strasse ist gut zwanzig Zentimeter lang. Ein Gramm. Dafür könnte er locker einen Fuffie verlangen. Einen Hunni. Auf der Strasse.
Pepe steht auf, ohne gesnieft zu haben, und läuft durch die überheizte Bude. Holt nacheinander die Hieronymus Bosch Figuren aus dem Regal, die Ringo aus Holland mitgebracht hat, wo sie an Tankstellen verkauft werden. All diese verrückten Figuren aus der verrückten Welt von Hieronymus Bosch, der auf LSD war, ohne es jemals genommen zu haben. Mittelalter- LSD.
Pepe irrt umher, setzt sich an den Schreibtisch, steht wieder auf.
„Alter, du machst mich kribbelig!“ ruft Ringo und bietet Pepe Beeren-Schnaps aus der großen Pulle an.
“Hier, Baby, Artilleriefeuer! Alter, ich dachte, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer, ein Oma- Schnäpschen zum Kaffee.. Aber Teufel, das Zeugs tut es wirklich. Hier, vierzig Prozent. Kommt so ziemlich dem nahe, warum ich irgendwann mal das Jägermeistersaufen angefangen hab. Artilleriefeuer, Baby! Nimm einen Schluck! Mach dich locker, Alter!”
Pepe winkt ab.
“Nee, lass mal, keinen Schnaps. Bloß nicht.”
“Also, langsam werd ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – willst du nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an - auch keinen Bock. Mann, warum holst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett??”
Pepe steckt den Strohhalm ins Nasenloch und zieht die Strasse in einem einzigen Haps weg, so feste, dass es in der Nase lodert.
“So kenn ich dich”, wiehert Ringo. “Mit dem dicken Rüssel, Alter..!”
Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und plaudert und singt und kuckt Video, während Pepe gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa hockt und ununterbrochen Rad fährt, so sehr zucken seine Beine.
Er strampelt und strampelt wie ein Hamster im Rad und nur ganz allmählich wird ihm etwas wärmer, und der Affe klingt ab.
Einmal legt Pepe sich lang und versucht ein wenig zu schlafen. Ringo kommt leise rüber und deckt ihn mit einer Baumwolldecke zu. Dann sucht er auf seinem Rechner die Datei mit den Songs von Jonathan Richman, die er vor Jahren aus dem Internet gezogen und auf CD gebrannt hat.
Nur für Pepe.
Das beruhigt ihn zusätzlich, er ist fast gerührt, wie sehr Ringo sich bemüht.
Irgendwann sitzen die Beiden nebeneinander im Bett und kucken Video.
Außer Atem.
“Den kuck ich mir glatt noch zehn Mal an, Alter..”, meint Ringo. “So cool ist der.”
Belmondo sitzt 1959 im Bett, in Unterhose und Hut.
“Der zieht sich morgens immer den Hut auf, bevor er im Bett telefoniert”, erklärt Ringo begeistert.
“Das Schlimmste ist Feigheit”, sagt Belmondo zu seiner amerikanischen Geliebten und nuckelt an einer Mais- Cigarette.
Dann wechselt er den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
“Cool!” johlt Ringo. “Alter!”
Um fünf Uhr morgens ruft er ein Taxi, das er auch gleich bezahlt.
“Hier, das müssten reichen.”
“Kriegst du wieder, die Kohle”, sagt Pepe.
“Kein Thema, Alter. Kein Thema..”
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* Für Ringo (1961-2007)