Plattendieb

24. Januar 2012

Da saß ich nun halbwüchsig mit Stereokopfhörer und Cassettenrecorder am Radio und schnitt auf Chromdioxid die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins westdeutsche Radioprogramm geschafft hatten,  doch es ging natürlich nichts über die Krone der Popmusik, das Vinyl: Singles oder, besser noch, Langspielplatten.

Weil das Taschengeld nicht reichte und es einfach nicht genug Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um alle meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe. Mit der Zeit wurde ich richtig dreist. Kurz im Laden umgeschaut, Platte untern Arm geklemmt, rausmarschiert. Aber trotz aller jungenhaften Routine, mein Herzklopfen blieb. Mein Herzklopfen und die Erleichterung, wenn ich das Geschäft verliess und niemand folgte mir. Das war der Kick überhaupt. Nicht erwischt zu werden.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich mittags aus der Schule kam und durch die City trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es geheimnisvoll, wenn mich Schulkameraden fragten, was ich nach der Schule in der Stadt trieb. Kleine Schallplattenfachgeschäfte wie das ZackZack am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Markt war. Zum Stehlen war es mir dort zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung.

Ausserdem kannte man die Leute mit der Zeit. Der Mitarbeiter im ZackZack, ein lässiger Macker aus Remscheid, der einen langen Kaschmirschal trug und am liebsten Maserati gefahren wäre, aber wie gesagt, er kam aus Remscheid, hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte, wenn ich den Laden betrat. Wie sollte man ihn da noch bestehlen. Gute menschliche Kontakte, lernte ich, vermasseln das kriminelle Geschäft.

Hatte ich genug Informationen, was sich auf dem Markt tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Mit einem Album unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge, große Schwester, kleiner Bruder, war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich mein Bestes gab.

Sehr schön stehlen liess sich im Kaufhof. Von der Plattenabteilung bis zum Ausgang war es nur einmal um die Ecke herum, schon war man draussen. Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich meine Beute möglichst locker heimbringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um mich in Sicherheit zu wiegen, na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien nichts.

Noch heute schlummern Tausende LP’s aus dieser Ära auf dem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.
„Deine Platten waren deine kleinen Nutten“, sagte die Gräfin einmal zu mir, „so abschätzig, wie du sie behandelt hast.“
Tatsächlich lag sie damit nicht mal falsch. Wenn ich mir einen runterholte, landete die Schlacke schon mal auf einer am Boden liegenden Scheibe und verstopfte die Poren.. ach, Popmusik, herrlich.

Als die Gräfin mich kennenlernte war ich 26, in der Spätphase meiner Popleidenschaft. Zwar war die Zeit des Stehlens längst passé, aber Platten kaufte ich mir noch. Die Popmusik nährte mich mit Schwärmerei, und ich musste ständig mit Schwärmerei genährt werden, sonst wurde mir schnell langweilig. Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George. Eine verwässerte Version, aber eine Verneigung vor Boy George, dem mit Culture Club eine der besten Popscheiben der frühen 80er gelungen war, und eine Hommage an das Original von Ken Boothe, Everything I own, eine wunderbar schlichte Reggaenummer, wie eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille, und hinterm Küchenschrank ein Ohrwurm, groß wie ein Gecko.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb jäh endete, gab es im ZackZack am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich gerne gehabt hätte, doch weder im Karstadt noch im Kaufhof waren die LP’s schon eingetroffen. Weil ich keine Lust hatte ohne Album abzuziehen, entschied ich mich notgedrungen für eine LP von Stephen Stills. Er war Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young gewesen, nun war er solo, ein Gitarrist, der nichts besonderes drauf hatte. Einen Song von seinem neuem Album hatte ich am Radio mitgeschnitten, ich mochte das Stück nicht besonders. Es war mir gleichgültig, und bei der Aufnahme hatte ich schon den Finger an der Rewind-Taste gehabt, um zurückzuspulen und zu löschen, doch dann entschied ich mich doch für den Song und nahm ihn zu Ende auf.

Ich hielt die Platte in der Hand. Ich bückte mich, um mir weiter unten im Regal ein weiteres Album anzuschauen. In der Hocke las ich ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so, in Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes zu tun, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich, stellte die andere LP zurück ins Regal und verließ die Musikabteilung.

Ich trug selten Tornister. Ich ging meist mit Umhängetasche in die Schule, und wenn wir sechs Stunden hatten und eine Menge Schulsachen einpacken mussten, nahm ich zusätzlich einen Stoffbeutel mit, oder eben eine Jutetasche.

„Wo hast du denn die Platte schon wieder her?“ fragte Mutter immer öfter, wenn ich mittags eine Scheibe aus der Tasche zog und es kaum abwarten konnte, ins neue Album reinzuhören.
„Geliehen“, antwortete ich knapp.
„Geliehen..? Schon wieder? Von wem?“
„Von Freunden.“
„Du hast aber ne Menge Freunde.“
„Ja.“

 

Entscheidend war stets der Moment, wenn ich das Kaufhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot einen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen, vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft stieg, verbrauchte Luft, schon tausend Mal gefressen, eine  Art Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, ob er nun rein oder raus wollte. Für mich waren es Schritte zwischen Himmel und Hölle, ein vergittertes Niemandsland, in dem alles möglich war, in dem es sogar (theoretisch) noch ein Zurück gab.

Dann trat ich hinaus auf den Mühlenplatz, das Heißluftgebläse noch im Ohr, und verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, in den Beinen, diesem Siegergefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen. Und dann passierte es doch. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem großzügigen Areal mit Grünflächen, Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, dazu seine tiefe männliche Stimme, „darf ich mal in deine Tasche gucken?“ mit dem vorangestellten „Junger Mann,“ zwei Worte, die alleine schon ausgereicht hatten, dass ich mir in die Hose machte, dass ich mich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, nein, ich hätte nicht klauen müssen, aber ich klaute mehr und mehr wegen des Gefühls der Befreiung, dem Kribbeln, dem Aufatmen. Die siebte Stunde war lange Zeit die große nebensächliche Krone meines Daseins. Nachdem ich erwischt worden war, klaute ich lange Zeit nichts mehr, nicht mal eine kleine Salmiakpastille.

Den Moment vorm Kaufhof hatte ein junger Pole mitgekriegt. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Ich kenne seinen Namen nicht, weder damals noch heute, doch sein entgeistertes Gesicht sehe ich noch vor mir: Du klaust..? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns gelegentlich über den Weg. Wir nickten uns kurz zu, das letzte Mal Anfang 2000, und immer noch war da dieser überraschte Ausdruck, festgefroren in seinem knochigen Gesicht, konserviert, herübergerettet aus dem Jahre 1975: Du klaust? Warum klaust du?

Na, weil ich noch keine tausend Scheiben zusammen hab, du Depp!

2011 in review

3. Januar 2012

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an.

(Merkwürdigerweise ziehen 500beine immer noch mehr Besucher an als glumm.wordpress.)

Hier ist eine Zusammenfassung:

Das Sydney Opera House bietet Platz für 2.700 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 56.000 mal besucht. Das entspräche etwa 21 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Sydney Opera House.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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All Time Top Twenty

01. Bumsen in der Badewanne

02. Nachtzug nach Budapest

03. Deutsche Junkies sind Petzliesen

04. Der unerhörte Exzess: Airen veröffentlicht Strobo im Sukultur-Verlag

05. Nur ein paar dumme Stunden

06. Babylon und ein doppelter Rittberger

07. Ich mag

08. Zwei schwarze Babes

09. Cinzano und Psilos

10. Feuerland

11. Transportschaden

12. Komma ich blute

13. Zahnarztstory No. 1

14. Kaputt geschrieben

15. Nordfrankreich humpelt

16. Der Schuss

17Ich ging rein und setzte Kaffee auf

18Frag die Engel auf LSD

19. Fotostrecke (6): Eigentlich eine lustige Stadt

20. Das Weib des Lyrikers

Zeit zum Schreiben

1. Januar 2012

Noch Wochen, nachdem ich den Preis erhalten hatte und in beiden Tageszeitungen der Stadt darüber berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

„Eh.. da kommt Bukowski! Wie siehts aus, Hank?“

„Stabil“, rief ich.

Kurz nach Neujahr ging morgens das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers unter die Erde kommen sollte. Mit seiner schweren Maschine hatte er eine Bürgersteigkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geknallt. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den wir vom Sehen aus dem Mumms kannten, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste, weil die Laboranten das Ergebnis nicht glauben wollten.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte „Momentchen..“, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. „Für dich“, flüsterte er, und machte sich auf die Socken. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren für ihn drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft und am helllichten Tag den Bürgersteig übersehen hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte zu tun.Was mich betraf, war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann.

„Herr Glumm?“

„Hm..“

„Buntenbach, Arbeitsamt. Guten Morgen, der Herr! Ausgeschlafen?“ Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, rückte mein Sachbearbeiter, ein fescher junger Mann mit Wohnsitz Köln, schon mit der unangenehmen Sprache raus: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet, sechs Monate. Bei Obi.

„Jau.. in der Eisenwarenabteilung! Die suchen einen tatkräftigen jungen Mann. Da hab ich doch gleich an den Herrn Glumm gedacht!“

Einen Moment glaubte ich, er wolle mich auf den Arm nehmen, doch wenn ein Vermittler des Arbeitsamts um diese frühe Uhrzeit anklingelt, will er einen eher nicht auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Der will einen loswerden. Vom Arm runter. Aus der Statistik raus. In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Ich war Mitte Zwanzig, in der Blüte meiner Jahre. Überall Spannkraft und andere dekorative Reste des dahinschwindenden Supervogels Jugend. Selbst wenn man nichts anderes tat, als von morgens bis abends auf der faulen Haut zu liegen, wuchsen einem noch Matratzenmuskeln.

Dennoch war ich der Auffassung, dass man in meinem Fall eine Ausnahme machen sollte. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich viel Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich von der ganzen Sauferei wieder zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Vielleicht zwischen halb eins und eins. Aber da war Mittagspause. Langsam wurde ich sauer. Was ging da vor sich? Die herrschende Klasse rottete sich zusammen und forderte Maßnahmen. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

„Melden Sie sich in der Obi-Filiale!“ blaffte Buntenbach mich an. „Ihr Ansprechpartner ist der Filialleiter, ein Herr.. Moment.. Hafner!“

Ich saß da wie angeschossen. Es tat nicht weh, aber es floss Blut. Mein Blut. Ein halbes Jahr ABM im Baumarkt. Wenn ich von irgendetwas null Ahnung hatte, dann vom Heimwerkermilieu. Vom Typ Mensch, der in seiner Freizeit Fliegengitter zimmerte. Ich lotete alle Möglichkeiten aus, die Geschichte abzuwenden oder wenigstens eine Weile rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was Sinn gemacht hätte. Noch am gleichen Nachmittag rief ich den Filialleiter an, wir machten einen Termin aus fürs Vorstellungsgespräch. Als ich Karlos und den anderen Leuten davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm im Obi, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben und Nägeln, mit seinen zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.

„Dabei hat der gar keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der Glumm wichst auf Stumpen!“

Der Mitsubishi Boy freute sich darauf, mich mit dem Besen in der Hand zu erwischen, („aber na ja, wir haben alle schon mal Staub gefressen“), und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze Denunziantengesicht. „Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!“ Er drohte, mindestens zweimal die Woche als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen, oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen und Zigaretten rauchen, die Hand am Sack.

10. Januar, halb zehn.

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe vom Vorabend im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs.Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch Scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos früh am Morgen so lange das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern, dass ich mich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht frontal im Kissen eingepennt war.

„Mensch, siehst du aus“, hatte Karlos gemeint, „dafür müsste ein neuer Namen geschaffen werden.“

Die Obi-Filiale, ein Flachdachbau, groß wie ein Fußballfeld, lag an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine letzte Kippe und guckte mir das kommende Schlamassel durchs Panoramafenster an, bevor ich mich aufraffte und die Hölle betrat. Es war wie im Stadion unmittelbar vorm Punktspiel: Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstatmosphäre.Zum Warmmachen schoben Kunden halbleere Einkaufswagen übers Spielfeld.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter stierte erschöpft in den Pappbecher. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen orangefarbenen Kittel trug, drehte sich um.

„Hallo..“, sagte sie freundlich. Hinter ihr, im Stahlregal, stapelte sich ein Hügel Verkäuferkittel, straff gebügelt, nach meinem armen Leib schielend.

„Ich ähm suche den.. Filialleiter.“

„Im Büro“, meinte die Blondine.

„Ja gut. Büro. Und wo ist das Büro?“

„Na ja. Hinter dir. Brauchst dich nur umzudrehen.“

Filialleitung. Tatsächlich. Das Büro ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinauf führte. Das Ding war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder übersah ich Dinge, die ich nicht sehen wollte, selbst wenn sie groß waren wie Boxarenen. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.

„Ach, dann sind Sie das Vorstellungsgespräch.“

Hafner, Mitte Dreißig, war ein sportlicher Typ und soweit in Ordnung. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen vor Interesse, er gab sich jovial und so verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits, hatte ich nicht die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker machten, sehr schnell sehr unlocker wurden, geradezu bockig, und dann war mit Pferdestehlen Essig, wenn man sich nicht so entwickelte wie angedacht?

Rasch war geklärt, dass ich aus der ABM-Nummer nicht mehr heraus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Ich fragte mich, warum. „Handwerklich bin ich eine Null“, spielte ich meinen letzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, die Hände kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumeln zu lassen.

„Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.“

„Schön.. Aber was soll ich einem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung..“

„Ach was. Sie tragen die ersten ein, zwei Wochen keine Arbeitskleidung. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter.“

„Und wenn kein Mitarbeiter in der Nähe ist?“

„Na dann.. an den übernächsten.“

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über die Stuhllehne hängen wie ein abgenudeltes Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mir selbst schon wie der größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens vorkam, eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

„Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?“

„Also.. jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!“

Na schön. Ein Mann muss wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match im Raum steht. Nun ging es darum, so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein.

„Ich brauche Zeit zum Schreiben“, sagte ich.

„Was denn..? Sie müssen schreiben lernen!?“

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor.

„Short Stories? Was schreiben Sie denn? Interessant.“

„Na ja.. so Short Stories.“

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Das bedeutete noch drei Wochen Galgenfrist, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage-Woche, fürs gleiche kaum als Gehalt zu bezeichnende Gehalt. Immerhin! Da war nur noch eines.

„Sagen Sie, Herr Hafner, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?“

„Gerne. Wo denn? Welche Abteilung? Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?“

Wir blieben bei Eisenwaren.

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt, Vermittler Buntenbach musste noch seine Zustimmung erteilen. Während ich darauf wartete, dass er von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer sehr erbosten und ziemlich dicken Frau ausgeliefert. Sie blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

„Das wird immer schlimmer“, krächzte sie, ohne den Blick aus der Broschüre zu heben. Ich fragte mich, mit wem sie überhaupt sprach, denn da war niemand ausser mir. „Früher durfte ich hier meine beiden Pudel mitbringen, dann mussten beide draußen auf dem Flur warten, und heutzutage dürfen Hunde gar nicht mehr rein! Was glauben Sie, was los ist, wenn ich gleich nach Hause komm! Die reißen mir doch die Bude ab, wenn ich zwei Stunden nicht zu Hause bin! Und wer bezahlt mir den Schaden? Das Arbeitsamt etwa? Der feine Missjöh Buntenbach? Der doch wohl nicht, oder?“

Die Scharniere des Stuhls jammerten, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde noch lauter, beinah schrie sie mich jetzt an.

„Die blöden Weiber verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?“ Sie glotzte über den Rand der dünnen Broschüre hinweg. „WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER! DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!“

Ich war heilfroh, als Sachbearbeiter Buntenbach endlich aus der Pause zurück war. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine „32″ eingetragen hatte.

„Wieso denn nur zweiunddreißig Stunden?“

„Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können“, log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht weiter. Hauptsache, ich war aus der Statistik raus. Eine Weile. Für sechs Monate wurde ich nicht als arbeitssuchend geführt. Dafür war er hier angestellt. Das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft. Ein Missjöh. Aus Köln.

„So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern bis in die Puppen und am nächsten Tag ausschlafen“, sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und das mit der Feierei war auch nicht mehr so doll. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Er senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider.

„Sagen Sie, die verrückte Dicke, steht die immer noch auf dem Flur..?“

1. Februar, morgens, halb neun.

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste rennen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Busfahrern bereitete das Türe vor der Nase zuschlagen ein derartiges Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Gold und Silber in der Umkleidekabine der Stadtwerke. Dabei hatte ich diesmal noch Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder abzuwarten, und als das letzte endlich eingestiegen war, kam ich außer Puste angelaufen und zählte ihm drei einzelne Markstücke hin. Der Mann riss mürrisch ein Ticket vom Block, steckte die Münzen in seinen Kassenschlitz, und murrte los. In der Stadt angekommen, ließ ich mir in der Markthalle ein Schinken-Käse-Baguette zum Mitnehmen präparieren und stieg um in die Linie 681.

Ohligs, Haltestelle Rathaus.

Mit seiner Nähe zu Düsseldorf ist Ohligs eher ein Stadtteil der Landeshauptstadt, schicker und gemütlicher als der Rest von Solingen. LIEBE LEBEN OLIX knallte mich auf dem kurzen Fußweg zum Obi ein Graffiti an. Als ich den Parkplatz der Filiale erreichte, war es wie Knastantritt. Sechs Monate ohne Bewährung. Angeklagter, ein letztes Wort? Mir fiel nichts ein.

Ich steckte mir eine Kippe an und rauchte sie so weit runter, bis es mir fast den Zeigefinger ansengte. Ich war eine volle Stunde zu spät, die ließ sich eh nicht mehr aufholen. Die Eingangstür schob sich automatisch auseinander, drin war ich im riesigen Gemeinschaftstrakt. Verbrauchte Luft, Flutlicht, funktionelle Musik. Heimwerkergesichter, Teile der ADAC-Volksarmee. Ich nahm die Treppe zum Büro, aber das war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin hockte alleine am Tisch und blickte mich an.

„Na hallo..?“ flötete sie überrascht.

„Morgen“, sagte ich.

„..hat er sich Brötchen mitgebracht!“

Wie niedlich. „Das ist ein Baguette“, sagte ich.

Mit ihrem blonden Haar, vorne rund geschnitten, erinnerte sie mich an Prinz Eisenherz. „Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee“, meinte sie und stand vom Tisch auf. Sie stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie sie es schaffte, da reinzukommen. Vielleicht war sie auch seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie je wieder ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, wie immer, doch die waren limitiert und hauten allesamt nicht hin. Der Hintern war schlichtweg grandios. Er knackte bei jeder Bewegung, wie ein Lattenzaun in der Augusthitze.

„Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise..“

Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr du mir ruhig auf den Hintern, sagten ihre Bewegungen. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief voll, und sie schloss den Automaten zu.

„Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, ich hoffe, das macht nichts.“

Sie setzte sich zu mir. Leise, beinah schüchtern drang die Musik aus dem Laden zu uns in den Pausenraum, George Benson, You make me shiver, eine makellose Soul-Nummer, wie sanfte Wellen, die unsere Füße umspülten. Wir saßen nebeneinander, eng, doch mit Abstand. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber genau weiß, dass man sich bald kennenlernen wird, weil einem gar nichts anderes übrigbleibt, als künftige Kollegen.

Während ich an meinem Kaffee nippte, öffnete sie ganz selbstverständlich die Butterbrotdose und entnahm ihr eine Stulle. Wenn es irgendetwas gibt, wovor ich Horror habe, dann vor Situationen im Pausenraum, wo Kollegen das Frühstücksbrot auswickeln und Mahlzeit wünschen. Die Art Horror, die für mich gleichbedeutend mit dem Untergang jeder Zivilisation ist. Mit Erwachsenwerden. Mit Arbeiterschicksal, Angestelltenschicksal. Mit dem verdammten Kitteltier in mir.

„Nutella“, grinste sie. „Gibt Muckis.“

Ich versuchte ein Lächeln.

„Ich hab dein Foto in der Zeitung gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?“

Ein paar Tage vor Silvester war ein Schwarz-Weiß-Foto im Tageblatt erschienen, das mich auf dem Pult sitzend vor einer Schulklasse zeigte. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Flicken auf der Jeans, nicht so sehr.. Glumm.

„Nee, Romane nicht..“ Was die Leute sich so vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. „Eher.. Geschichten.“

„Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?“

„Nee.. aus meinem Leben.“

„Aus deinem Leben?“ Sie glotzte mich an. „Ist das denn so super spannend?“

„Nee.“

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Kein hastiges Malocherfuttern, glücklicherweise, eher ein mausartiges Knabbern. Dennoch ahnte ich, dass es nicht gut gehen würde mit uns, auf Dauer. Sie erwartete eindeutig zu viel. Solche Menschen roch ich auf zehn Kilometer, und sie saß direkt neben mir. Was mich betraf, erwartete man am besten nichts. Gar nichts. Erst dann konnte ich allmählich kommen. Oder auch nicht.

„Veröffentlichst du auch richtig?“

Da hatten wir’s. Ein Schriftsteller veröffentlicht. Welches Thema ist demütigender für einen Autor ohne Buch. In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, „in also mehr ja so Stadtmagazinen“, doch es juckte sie ohnehin nicht weiter. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt.

„Ich hab das Bild von dir am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet..“

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, auch nach leisen und milden Vertretern dieser Zunft, doch ich fand nichts. Das Gesicht war hübsch, einladend sogar, aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit Verstellung zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Ein ehrlicher gradliniger Hintern. Ein famoses Teil. Den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er Blue Jeans erfand und was sich darin so alles verpacken ließ.

„Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst“, meinte sie. „Ich wohne auf der Baumstrasse, da kann ich dich im Auto mitnehmen. Wenn du willst.“

„Baumstrasse, och. Das ist ja um die Ecke.“

„Genau. Gut, ne?“

Ich wunderte mich einen Moment, dass ich sie noch nie gesehen hatte, doch vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche noch mal absolvierte, nur in umgekehrter Reihenfolge. Solche Leute bekam man nicht mal zu Gesicht, wenn sie auf derselben Etage wohnten.

„Dann musst du morgens nur kurz durch den Park“, sagte sie. „Du fährst doch kein Auto?“

„Stimmt.“

„Warum nicht?“

„Was, warum nicht?“

„Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Nur so.“

Ich war nicht alle Männer. Ich war ja nicht mal alle Menschen. Kaum hatte es mich gefreut, nicht jeden Morgen dem Bus nachrennen zu müssen, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinz Eisenherz sitzen zu müssen, Knackarsch hin oder her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, da konnte ich kein Gewäsch ertragen.

„Ich kann ich mich ja am Spritgeld beteiligen..“, hörte ich mich sagen.

„Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich.“

Na, da hatte sie recht. Sie begann dennoch zu rechnen.

„Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?“

„Drei.“

„Dann sind das hin und zurück sechs Mark am Tag..! Wie oft arbeitest du hier in der Woche?“

„Vier Tage.“

„Nanu? Nur vier? Na gut, macht vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Kannst du Bücher für kaufen. Für hundert Mark..“

Schriftsteller veröffentlichen Romane, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir zugelegt hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Ich las es alle drei Monate, zur Abhärtung. Unauffällig packte sie die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Universums.

„So, dann wollen wir mal..“

Ich riss mich zusammen.

„Und du? Seit wann arbeitest du hier?“ versuchte ich den Knastantritt hinaus zu zögern.

„Vier Jahre. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber Arschlöcher findest du überall.“

„Vielleicht bin ich ja auch ein Arschloch.“

„Ja, vielleicht..“, lachte sie. „Ich bin die Gabi.“

„Ich der Glumm.“

„Weiß ich doch.“

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar und Klammern drin, Mitte vierzig vielleicht und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich sie zuvor nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, besonders unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Frau wrang das Putztuch aus, und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Filialleiter Hafner rief mich ins Büro. Er hatte ein steifes Fußballerbecken, mit dem er durch die Gänge schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Er zeigte sich von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir nun meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passen wollte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte zufrieden meinen Blick, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es ist niemals wieder aufgetaucht.

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurde der Chef ärgerlich, weil ich meine Arbeit immer noch ohne den verräterischen Kittel erledigte. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen abzuwimmeln. Nun aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das, sollte man meinen. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, musste ich mich nur weiterhin normal verhalten und unauffällig bleiben, schon war ich aus der Schusslinie und niemand kam auf die Idee, ich wäre es gewesen, der den Fischteich des Nachbarn mit Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und es wird dir nichts geschehen. Guck aus der Wäsche wie ein Auto, und der Berufsverkehr läuft wie geschmiert.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Tag an schief. Weil ich nun Kittel trug, traten die Kunden ungeniert auf mich zu: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige einhundertundvier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute den ersten Tag hier, da wenden Sie sich besser an.. Oh, sagten da die Leute, natürlich, ist ja klar, Ihr erster Tag, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie gut sein, dankeschön, junger Mann.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Lug und Trug. Er wurde richtig böse. Sein Fußballerbecken schaukelte hin und her, wie eine volle Krippe zur Winterzeit.

„Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!“

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben. Dafür reichte schon ein einfacher kleiner Taschenkalender, den ich jeden Morgen aufschlug.

„Bewegungsmelder suchen Sie? Tut mir leid, der Herr, dass ich Ihnen da nicht weiterhelfen kann, aber ich hab heute erst meinen vierundsechzigsten Tag hier..“

„Ach so! Der vierundsechzigste erst! Nee, ist klar, junger Mann!!“

 

Dialog, spätabends im Bett

30. Dezember 2011

„Was suchst du?“

„Anderen Stift.“

„Du hast doch einen in der Hand.“

„Ja schon.“

„Schreibt der nicht?“

„Nicht so gut.“

„Ah..“

Pause.

„Oder hat der Angst im Dunkeln?“

*

Drei Zebras (Ruth, Steffi, Susanne)

29. Dezember 2011

Das Bild. Es hängt seit einer Weile in unserer Wohnung, und ich grüße es gelegentlich, wenn wir uns über den Weg laufen. Es zählt zu meinen Evergreens aus ihrer Feder. Warum es „Drei Zebras“ heisst, bleibt ihr Geheimnis. Für mich ist es das Bild, in dem einer Figur von einer anderen ein Lächeln eingerückt oder entzogen wird, je nach Blickwinkel, jedenfalls mit lockerer Hand, als wäre es eine Fritte. Aber das wäre ja auch ein langer umständlicher Titel.

trois zebren.

*

Neulich treffen wir eine langjährige Freundin der Gräfin oben auf der Wupperstrasse, zwischen dem Grill am Kannenhof und dem Discountermarkt.

„Schöne England-Bilder hast du gemalt“, sagt die langjährige Freundin. „Hab ich im Blog gesehen.“

„Bilder? Wieso Bilder?“ entgegnet die Gräfin, irritiert vom Plural. Sie wusste von England I, dem Bild, das ich mit ihrer freundlichen Genehmigung veröffentlichte, nicht aber von England II, davon war nie die Rede. „Das ist doch noch gar nicht fertig.. Da bin ich noch dran!“

„Oh weh“, meint die Freundin leicht zerknirscht, „ich wusste ja gar nicht, dass du nicht wusstest, dass er es schon.. ämm..“

„Schon gut“, sag ich.

„Nein, nix schon gut. Nimm das da raus. Das ist noch nicht fertig. Du weisst genau, dass ich das nicht leiden mag. Frag mich, bevor du ein Bild von mir reinstellst. Das hatten wir doch so abgemacht..“

„Ja, schon, klar. Aber mir gefällt das Bild, so wie es ist.“

„Das sagst du, aber solange ich der Meinung bin, dass da noch was dran getan werden muss.. Mit deinen Texten kannst du ja machen, was du willst, obwohl ich das auch nicht gut finde, wenn du deine Sachen zu schnell auf die Seite stellst und dann erst überarbeitest. Deine verdammte Anerkennungssucht..“

etc pp.

Das Resümee, aber da sind wir längst daheim: „Weisst du was, Kupferstecher? Ein Roman wird dir erst gelingen, wenn du Lust auf Dauer und Tiefe hast. Bis dahin bleibst du ein Shorty.“

Ich muss versprechen, England II vom Blog zu nehmen, hoch & heilig, aber das ist so eine Sache: Ich finde es besser, die alte Version drin zu lassen und später die fertige hinzuzufügen. Dann kann man das schön vergleichen.

Sollte also einer von euch Halunken demnächst zufällig unseren Weg kreuzen, oben auf der pulsierenden Wupperstrasse, zwischen Discounter und Pizzabude, schön die Klappe halten, wenn das Thema Großbritannien auch nur ansatzweise erwähnt, berührt, befummelt, angeschnitten, gestreift oder tangiert wird. Das gibt sonst langen Hafer: von der Konsistenz her.

*

Worte des Jahres:

„Im Großen und Ganzen sind die Menschen widerlich. Im Kleinen geht’s.“

*

„Falls jemand anruft: Ich bin wieder in der Pubertät.“

- Die Gräfin -

*

..

Geburt und Tod sind eine Lunte, die von beiden Enden aufeinander zu brennt und sich in der Mitte trifft, der Lebensmitte, wo dann all die existentiellen Fragen auflaufen. Wer bin ich? Was soll das?

Wann knallts?

..

Die rigorosen Dinge

Weihnachtsfeier

24. Dezember 2011

Die Weihnachtsfeier fiel flach, keiner hatte Lust auf einen Abend beim Italiener oder Griechen, stattdessen gingen wir mittags eine Runde Kegeln. Wir, das waren die sechs Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts, drei Männer und drei Frauen.

Als wir die Bahn betraten, im Keller eines jugoslawischen Restaurants an der Stadtgrenze zu Haan, fühlte ich mich einen Moment, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Vitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV, wo ich in den 70er Jahren Fußball gespielt hatte.

„Was darf ich zu trinken bringen?“

Der dicke Wirt, gleichzeitig auch Koch der Spelunke, ein bißchen schmuddelig, ein bißchen unhöflich, „mir sind Stammgäste lieber“, sprach sein abweisender Blick, trocknete seine Hände an der Schürze ab. Während die Kollegen schon bestellten, keiner trank Alkohol, schwankte ich noch zwischen Cola und einem Kaffee. Prinzipiell tendierte ich zum Kaffee, erinnerte mich aber dunkel an die vorgekochte Filterbrühe, die im Vereinslokal des RSV aus versteckten Thermoskannen ausgeschenkt wurde, im Bedarfsfall. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er ausschenke, deutschen oder auch italienischen.

Der Stift in seiner Hand zappelte unwirsch hin und her, wie ein Kasperle.

„Ich hab Capuccino da, ich hab Latte Macchiato da..“, er schnappte nach Luft, „ich hab Cafe Latte, ich hab Espresso, ich hab..“

Das wollte ich alles gar nicht alles wissen. Ich hatte bloß Schiss vor deutschem Filterkaffee.

„Na schön, ich nehm italienischen Kaffee“, sagte ich, „aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.“

„Ohne cremigen Schaum?“

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher, eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

„Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf.“

„Aber nicht bei uns zuhause“, sagte ich. „Wenn ich Espresso koche, dann pechschwarz. Ohne Cremehütchen. Den muss man zur Not auch rauchen können. Das muss mehr eine Zigarre sein, der Espresso.“

„Espresso, gut.“  Der Wirt war wieder im Spiel. „Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, und wenn Sie mögen,“ sein Mund spöttelte ein wenig, „auch einen zweifachen, einen dreifachen.. Und nach dem Essen eine schöne Zigarre.“

„Schön“, sagte ich. „Aber ohne Schaum.“

„Wie ohne Schaum!?“

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich nicht wie ein Angeber dastand, der nur Blödsinn verzapfte, ging ich ins Detail.

„Also, wir kochen unseren Espresso in silbernen Edelstahl-Kännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt. Sie wissen schon, der Design-Klassiker aus Italien.“

„Ach so“, meinte der Geschäftsführer besänftigt, „von Bialetti, in der eckigen facettenreichen Linie..“

„Genau. Moka.“

„Aber haben die nicht auch Schaum obenauf, wenn der Espresso darin aufkocht?“

„Nee, eben nicht“, antwortete ich genervt. Ich wollte eigentlich nur keinen Filterkaffee trinken, das konnte doch nicht so schwer sein. Der Wirt stand immer noch am Tisch, mit Stift und Block in der Hand, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation klärte.

„Wissen Sie was? Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zuhause trinkt!“ klopfte er mir auf die Schulter.

„Danke“, sagte ich erschöpft.

Ich bekam einen dreifachen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut.

Dann wurde gekegelt. Wir spielten Fuchsjagd, wir spielten Tag & Nacht, dann In die Vollen und zum Abschluß Abräumen. Dunja, unsere junge diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die ein Projekt für einen großen deutschen Waschmittelhersteller abgeschlossen und dem Institut ordentlich Geld in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich KACKSTUHL!, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild, das auf der Anzeigetafel aufleuchtete, einem Klositz ähnelte.

Maggy, unsere Praktikantin, eine eher unscheinbare Person, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Sie war halt anwesend. Sie war da. Als der Wirt die nächste Runde Getränke brachte und die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau endete zum 31. Dezember. Das Schnitzel Jutta war mit Ananas.

Ich saß zwischen unserem hellwachen Maschinenbauer, einem Diplom-Ingenieur, und der Lurz, der Sekretärin, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe hatte, sondern auch eine chronische Entzündung der Sehnen, kegelte sie aus beiden Händen. Sie nahm Anlauf und ließ die Kugel einfach auf den Boden plumpsen. Sie hoffte, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Es sah ein bißchen so aus, als würde sie im Stehen gebären. Das klappte ganz gut, es polterte ordentlich, und die Kugel lief gemütlich übers Holz.

Genau wie ich hatte der Geschäftsführer die Turnschuhe vergessen, aber im Gegensatz zu mir lief er nun nicht die ganze Zeit auf Strümpfen herum, (das Kegeln in Straßenschuhen war streng untersagt), sondern schlüpfte jedes Mal aus seinen edlen Lederslippern, wenn er an der Reihe war. Dann nahm er auf Strümpfen Anlauf wie ein Volleyballer für einen Schmetterball, stoppte kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel schwungvoll in die Gosse. Auf diese Weise brachte er es auf sage und schreibe acht Pudel hintereinander. Er lernte einfach nicht hinzu, bekam aber rote Bäckchen und gewann somit wieder ein wenig Mitgefühl.

„Und kess sieht’s auch aus!“ rief die Lurz schadenfroh.

Der Maschinenbauer, links neben mir, war eine halbe Stunde vor den anderen Kollegen gekommen, um sich einzuwerfen. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig, der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte stets gewinnen. Dagegen war nichts einzuwenden, das ging in Ordnung. Und was mich betraf, Bibliothekar des Design-Instituts, so endete mein dritter Jahresvertrag nacheinander zum 30. Januar. Wir waren ein Team auf Abruf. Eigentlich gingen fast alle, oder mussten gehen, bis auf den Geschäftsführer und Dunja, die hochgewachsene Designerin.

„HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!“ feuerte sie mich an, als ich das Abräumen mit dem letzten Wurf für mich entscheiden konnte. Sie wollte mich damit nervös machen, damit ich einen Pudel landete, was im Kollegenkreis so gut ankam, dass sich spontan ein Betriebs-Chor bildete.

„HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!“ donnerte es über die gut isolierte Holzbahn, „HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!“, und als der schmuddelige dicke Wirt das Essen hereinbrachte und mitbekam, wer mit Loser gemeint war, schlug sein Stift im Takt gegen die Tischkante.

Selbst ich sang eine Strophe mit und warf eine verdammte 4, worauf ich das Abräumen tatsächlich auf den letzten Drücker noch verlor, was aber niemand mitkriegte, da nun die Speisen aufgetragen wurden. Ich war nicht sonderlich hungrig und begnügte mich mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, da hausgemacht in diesem speziellen Spelunken-Fall bedeutete, dass die Gulaschsuppe aus der hauseigenen Chemiekanone stammte. Das Fleisch schmeckte verdächtig nach Brom, und ich legte bald den Löffel nieder.

Die Kollegen hatten mehr Pech. Vor ihnen standen stattliche Portionen auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten, Schnitzel Jutta und Entenbrust und sonst noch allerhand, doch während der gesamten Mahlzeit vernahm ich kein einziges mmiam, nicht mal ein leise bekräftigendes „lecker..“  oder wenigstens ein Grunzen, nichts. Selbst Sekretärin Lurz, die den Jugo an der Stadtgrenze zu Haan immerhin empfohlen hatte, (Motiv: die sagenhaft leckeren selbstgemachten Kroketten, meisterlich geradezu), schob ihren Teller schweigend von sich weg, bis er fast über den Tischrand gerutscht wäre.

„Vielleicht ist das so.. mild gewürzt, damit man sich nicht aufregt beim Essen“, vermutete der Geschäftsführer jovial.

Dunja, die lustlos in ihrem vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte, hatte als Erste die Nase voll.

„Also, was das hier Schönes sein soll..“, sagte sie und hob mit der Gabel ein undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe, „..weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat hier..“, sie zog die Augenbraue hoch, „..ist aufgewärmt und viel zu bitter.“ Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden ihre Gnade, „aber die sind aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.“

Dunja war es auch, die mir gegen Ende der Veranstaltung einen Bierdeckel herüber schob, damit ich den Spruch des Tages in meine nächste Story einarbeiten konnte.

„Herr Glumm“, stand da in Schönschrift, „soll der Looser sein.“

 

 

„Loser mit zwei o?“ fragte ich mit raschem Blick auf den Bierdeckel, eher nebenbei, doch sofort blökte mir die Lurz ins Ohr: „Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Das stimmt ja auch!“

„Quatsch. Loser schreibt man mit einem o. Nicht mit zwei.“

Die Sekretärin war sofort auf 180. Ganz abgesehen vom Frust über den Fraß in dieser Schmierbude,  die sie empfohlen hatte, war  sie immer schnell auf 180, das war ihre Art. Ich mochte sie trotzdem. Sie war geradeaus, damit konnte ich umgehen.

„DU willst MIR erzählen“, rief sie aufgebracht und eine Erbse rollte ihr aus dem Hals, „wie man Loser schreibt?!“

Sie spielte damit auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater berufsbedingt verschlagen hatte, damals in den späten 70ern. Seither fühlte sie sich als Native Speaker, der man besser nichts auf englisch erzählte. Dummerweise wußte ich aber nun mal, wie man Loser schreibt. Was sollte ich machen. Ich konnte ja schlecht so tun, als ob ich das nicht gewusst hätte.

„Es gibt zwar ein to loose mit doppel o, da hast du recht, aber das bedeutet etwas anderes als to lose mit einem o“, erwiderte ich scharf.

„Nämlich??“

„Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.“

„Quatsch!“ Die Lurz speite Gift, sie schlug um sich. „Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Wie Dunja es geschrieben hat!“

Dunja war sich da nicht so sicher.

„Ich hab das zwar mit zwei o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. mit doppel o. Also, ich weiß nicht genau. Könnte beides stimmen. Mit einem o, mit zwei o’s..“

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, stand auf, lief herum, setzte sich wieder. Sie war ganz blass geworden, und zerzaust.

„Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit doppel o. Oder..? Ich weiß nicht, glaub ich..“

Der Geschäftsführer hielt sich aus dem Disput ganz heraus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, hatte keine Meinung, rief aber: „HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, EGAL OB MIT EINEM ODER ZWEI O!“, verbunden mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter. In den drei Jahren unserer Zusammenarbeit hatten wir eine Menge Zigaretten geraucht, im Hof vor der Bibliothek. Nun forderte er die Lurz und mich auf, die Sache im Ring zu klären, mit einer Runde Schlammcatchen, „oben ohne!“ Das ließ die Sekretärin wieder aufmüpfig werden.

„Loser mit einem o, so ein Blödsinn! Kannst du ja im Internet nachgucken! Ich bin mir hundertpro sicher!“

„Man sollte sich niemals zu sicher sein!“ entgegnete ich mit einer Entschiedenheit, die mich selbst einen Moment unsicher werden ließ, wie gewisse Dinge geschrieben werden.

„Mir reichts! Ich kriege das jetzt raus!“ rief Dunja.

Sie schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hoch in den Gastraum, weil der Handy-Empfang unten auf der Kegelbahn gestört war. Sie wollte die Sache klären. Im Internet. Nach to lose googeln. Als sie keine Minute später zurückkehrte, wurde sie mit Tischgeklopfe und ansteigendem Kegelbahngeschnatter empfangen.

„TA! TA!“ sagte sie und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein o. „Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.“

„Sag ich doch“, sagte ich.

„Glaub ich trotzdem nicht“, meinte die Lurz beleidigt. Sie war es auch gewesen, die im Institut die gleichzeitige Anrede DU und HERR GLUMM eingeführt hatte, eine schöne Sache, die lange Zeit Bestand gehabt hatte. Mit anderen Worten: Ich suchte keinen Streit mit ihr. Ich bin auch nicht sonderlich rechthaberisch. Ich bin überhaupt kein extremer Typ, im Gegenteil, ich trete oft auf wie Monsieur Moderat persönlich. Aber innendrin bin ich ein stillgelegter Hochofen. Ausserdem, hier ging es darum, wie man Luser schreibt, da durfte es keinerlei Unklarheit geben.

Sonst ist man verloren.

Der Welten Gebell

22. Dezember 2011

Das Gebell mancher Strassenköter erinnert an Seehunde. Es klingt, als verschluckten sie das eigene Gebell, als wollten sie es zum Ursprungsort zurückreiten, ALLES ZURÜCK AUF START, über den Kehlkopf schnurstracks zurück in den Unterbauch, wo alles Gebell beginnt. Das sind die Seelenhunde.

Man erkennt sie an ihrem Gebell.

*

Im Coppel-Park, keine hundert Schritte entfernt, sind Goldwespen zu Hause, kleine Fledermäuse, Stockenten und ein junger Fischreiher, der aber nur sporadisch auftaucht. Seine Flügel werfen Schatten, wenn er über uns hinwegsegelt, so groß ist er.

Ein furchtloser Bursche, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher war bedächtig, er war vorsichtig, man durfte sich ihm nicht nähern, schon schwang er sich auf und verschwand.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Er drehte eine ausladende Runde über den Park und landete auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer. Psst, sagte ich zum Hund und bewegte mich auf die Häuserzeile zu, deren Rückfront zum Park zeigt. Davor liegen die Gartenparzellen der Mieter, Blockhütten, Blumenrabatte. Es dauerte seine Zeit. Den Fischreiher liess ich nicht aus den Augen, bei jedem Schritt vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfürst stand, bewegungslos zeichnete sich seine Silhouette gegen den Himmel ab. Als wir uns bis auf dreißig Meter genähert hatten und stehen blieben, entdeckte ich, das es nur ein Wetterhühnchen war. Oder wie die Viecher heissen.

*

Irgendwo in Parknähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzen, wie sie das nennen, in Gefrierbeuteln verpackt gegen die nasse Witterung. Schundromane zumeist, aber gelegentlich ist auch mal ein Treffer darunter. Der wird sofort verhaftet und landet bei uns daheim auf dem Küchentisch und wird so schnell nicht wieder freigesetzt, wie es seine Bestimmung wäre, nach Lehrmeinung der Bookcrosser.

„Aber irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen“, meint die Gräfin weise und ich nicke angetan. Das hat sie schön gesagt.

*

Da freut man sich ja immer, wenn man durch die Anlagen geht und beobachtet Kinder, die Sachen spielen, die man selbst als Kind schon gespielt hat. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, Völkerball. Das ist natürlich nostalgischer Blödsinn. Sollen sie doch neue Spiele erfinden. Wer hat Muffen vorm weißen Vollweib.

*

„Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte ich schreiend weglaufen“, meint sie und hält inne. „Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen.“

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich ihr bloß von einem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnet ist und der so geheimnislos nach Pisse stank.

*

Abends sammeln sich die Enten am Teich und tuscheln. Ein Erpel lacht auf, laut und unverschämt. Manchmal wird daraus auch ein Mannschaftsschnattern.

*

Eigentlich mag sie dieses ganze Säugetierdasein nicht.

„Diese neun Monate Daumenlutschen in einem dominanten Muttertier sind irgendwie.. wie soll ich sagen, anstrengend und auch ein bißchen eklig. Auch faszinierend, mit der ganzen Nabelschnur und alles, klar, dolle Geschichte, aber so als Pflanze heranreifen, das ist doch viel ordentlicher“, sagt sie.

„Oder als Ei.“

*

„Meinst du, wir haben noch zwanzig Jahre Zeit?“

Sie hat gelesen, dass man 25 Jahre braucht, um sein Ziel zu erreichen, und fünf Jahre sind schon um. Eher sechs oder sieben. Die wir uns schon bemühen.

„Noch zwanzig Jahre, hm, könnte eng werden“, sag ich, „aber wenn wir Glück haben.. viel Glück,  dann .. ja, könnte es klappen.“

Aber sie ist schon woanders. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Kohl.

„Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?“

Ich schau auf die Uhr.

„Wann? Jetzt?“

„Na.. ab jetzt.“

Drei Minuten. Zwanzig Jahre. What a difference a day makes. Das Blanchieren von Zeit.

*

*

„Ich versuche Talkshows voll zu vermeiden, weil ich mich dabei doch nur aufrege. Weil die ganze Quasselei nur mein Weltbild bestätigt, das ich nicht bestätigt haben will. Während du dich über so was amüsierst. Für dich ist das wie ein Zoobesuch. Du hast ja früher auch Aktenzeichen XY geguckt. All diese furchtbaren Menschen.“

- Die Gräfin -

England II/Chevy Chase

19. Dezember 2011

Endgültige Version

*

Sie malt wie sie redet wie sie ist. Eine schöne Frau mit einem Spot Dunkelheit im Gesicht.

Mich interessiert eigentlich alles im Leben, von Esoterik bis Arschabwischen: eine reichhaltige Palette.

*

Man kriegt im Leben selten, was man will, aber immer, was man braucht.

*

„Ich glaub, ich fahr Heiligabend runter in die Werkstatt, um neun, und male Jesus“, sagt sie.

„Wieso um neun?“

„Um neun? Hab ich nicht gesagt.“

„Natürlich hast du das gesagt: um neun.“

„Ach was. Du bist ballhörig, aber auf deine ganz spezielle Art. Du hörst immer nur, was du hören willst. Ausserdem.. um neun Uhr morgens oder um neun Uhr abends?“

„Keine Ahnung.“

„Wie, keine Ahnung!? Du musst doch ein Gefühl gehabt haben, als ich das angeblich gesagt habe.“

„Abends.“

„Abends? Da ist es doch dunkel. Na schön, als Jesus starb, als er endlich tot war, war es wahrscheinlich auch dunkel, oder?“

„Keine Ahnung.“

„Mann, wovon hast du eigentlich Ahnung? Hm. Gut.. Fahre ich eben Heiligabend runter in die Werkstatt und male Jesus Christus. Warum auch nicht. Ist eh nichts los, Heiligabend. Oder kommt was im Fernsehen?“

„Doch, ja, da kommt Chevy Chase, Schöne Bescherung, wie jedes Jahr..“ Ich summe leise Bing Crosby auf  hawaiisch.

„OH! IST WAHR?“

„Ja.“

„OH! ME-LEEE KA-LIKKI-MAKKA!!“

„Genau.“

„Dann muss das olle Jesukind warten.“

„Sag ich doch.“

England

15. Dezember 2011

England I (für Renate), Acryl, Susanne Eggert

größer hier auf citronenbusen

*

Das ist sowieso mein Traum. Flanellhosen tragen, an der Küste sitzen, Whisky trinken. Jedenfalls was Scharfes in der Hand halten.

- Die Gräfin -

Der weisse Prinz

12. Dezember 2011

Schon bevor er Freitagabends im überfüllten Mumms aufkreuzte, hörte man von der Straße her seinen heiseren Gesang:

„Linkes Bein hüpft hin und her, rechtes Bein tut sich nicht schwer, zwei Beine geh’n von ganz allein, in das nächste Wirtshaus rein..“

Das Lied hatte er irgendwo aufgeschnappt, doch wie immer, wenn er irgendwo etwas aufschnappte, was ihm gefiel, machte er es zu seiner eigenen Sache. Die Eingangstür flog auf, und eine kapitale Kinnlade schob sich um die Säule herum und schaufelte sich den Weg zum Tresen frei, wie ein Löffelbagger.

„Platz da, ihr Haderlumpen!“

Benzini war da. Das Wochenende konnte losgehen.

Sonntagnacht, ein Uhr. Das Wochenende war praktisch gelaufen. Als der Zapfer die letzte Runde einläutete, ließen Benzini und ich das Mumms hinter uns und zogen Richtung Eissporthalle, um seinen Wagen abzuholen. Unsere Schritte hallten durch die verlassen daliegende Fußgängerzone, vorbei an den leeren Fabrikhallen und efeubewachsenen alten Villen der Schneidwarenfabrikanten, die in der Dunkelheit dastanden wie die Herren Konsul beim letzten Stehempfang, mit ratlosem Häppchengesicht.

Benzini rotzte auf den Boden.

„Was glaubt Jacki eigentlich, wer sie ist? Chicoree! Dass ich nicht.. lache!“

Der Zorn hatte ihn ernüchtert und mit jeder neuerlichen Aufwallung in seinem Blut wurde ein weiterer Schnaps vernichtet, während ich nur mühsam Schritt hielt. Jacki war eine leicht unterkühlte Mumms-Kellnerin mit blonden Zöpfen, der Benzini seit langem nachstellte. An diesem Abend hatte es zunächst gut ausgesehen. Ausserordentlich gut sogar. Endlich hatte sie seinem Drängen nachgegeben.

„Jungs, ich bin vorne! Ich bin so was von vorne“, war Benzini ausser sich vor Freude auf mich zugetorkelt. Jacki und er hatten geknutscht und gefummelt auf dem Gang runter zum Pott, „wie zwei scheißheiße Teenies!“ Was danach vorgefallen war, keine Ahnung, jedenfalls sah man, wie Jacki die rote Kellnerinnenschürze in die Ecke pfefferte und  abhaute,  Benzini hektisch hinterher, ein untersetzter kräftiger Gangster auf Säbelbeinen. Es dauerte keine Minute, und er kehrte zurück, alleine, fluchend, zehn Jahre gealtert. Seither fluchte und rotzte er quasi in einem fort.

Der Parkplatz hinter der Eissporthalle war leer bis auf Benzinis Wagen, den wir Mittags dort geparkt hatten.

„Wir müssen uns ranhalten“, grunzte Benzini und ließ den Motor kommen. „Ist schon zwei Uhr. Fast zu spät.“

„Ist immer zu spät“, gähnte ich.

„Halt die Fresse, Glumm.“

Ich sah ihn mir von der Seite an. Seinen vierschrötigen Schädel hätte man auch auf der Osterinsel aufstellen können, zwischen den anderen Steinlegenden: Benzini, der Kater Karlo der Südsee.

„Wat is?“ stierte er zu mir rüber.

„Na nix. Mach los.“

Unser Ziel war das Getaway, die angesagteste Rockdisco im Bergischen. Offiziell schloss der Schuppen schon um zwei Uhr, doch inoffiziell konnte es auch drei, halb vier werden. Darauf bauten wir. Das war unsere Chance.

„Das schaffen wir“, raunte Benzini. „Ich geb Gas, bis ich in meinen Stiefeln sterbe!“

„Oder in Pantöffelchen“, murmelte ich.

Benzini fuhr Auto, als hätte er ein Military-Pferd unterm Hintern, vor ihm schwieriges Gelände und jede Menge Konkurrenz. „LASS GEHN, FURY!“ liess er an guten Tagen die Zügel schleifen, an anderen kam er aus dem Treten und Brüllen nicht heraus:  „GOTTVERDAMMTER KLEPPER, ICH MACH PFERDEGULASCH AUS DIR!!“

Nach seiner Lehre als KFZ-Mechaniker hatte er eine Weile auf einer US Air Base bei Heidelberg gejobbt, als einer der wenigen Zivilen. Nun war er wieder in der Stadt und importierte amerikanische Strassenkreuzer und Gangsterschlitten. Privat mochte er es eine Nummer kleiner. Er fuhr einen weißen NSU Prinz Baujahr 71, mit integrierter Bordbar in der Heckablage, gleich neben der Batterie. Zur Grundausstattung gehörte eine Pulle Strohrum für Notfälle, ein bißchen Beerenwein und Tonic, sowie mindestens eine Flasche Gin. Ungeöffnet. Beefeater in der Regel. Gordon’s Dry ging auch in Ordnung.

Gin war unser Hauptnahrungsmittel. Gin machte ordentlich besoffen, auf die britische Art. Der Beigeschmack von billigem Parfüm, das Renommee einer alles gleichschaltenden Zukunftsdroge, das ganze lauwarm abgemischt mit Tonic oder O-Saft, runter damit – brrrh.. Innerhalb kürzester Frist verzeichneten alle Beteiligten zehn, zwanzig Pfund Übergewicht. Nur vom Ginsaufen. Beefeater.

Gordon’s Dry war auch in Ordnung.

„Na sicher hat Jacki einen Dachschaden“, sagte ich. „Alle Alten haben einen Dachschaden. Das ist doch das Schöne an den Alten. Oder nicht.“

„Das Schöne, das Schöne..“, brummelte Benzini mit rußiger Stimme. Er war zutiefst beleidigt. Er war verletzt. „Die kann mich mal, die blöde Funz. Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?“ Er zündete sich eine Camel ohne an.

„Was war eigentlich los?“

„Na nix“, maulte er. „Das isses ja. Gar nix war los. Und plötzlich haut die ab.“

„Quatsch. Keine Alte haut einfach so ab.“

„Ach nee?! Weg ist weg. Drauf geschissen.“

Wie an den meisten Sonntagen waren wir schon seit den Mittagsstunden zusammen. Es hatte sich mit der Zeit so eingespielt. Der Grund war simpel: Sonntags öffnete das Mumms, unsere Zentrale, von der aus sämtliche Aktionen sternmarschmäßig ihren Anfang nahmen, erst um 18 Uhr. Da blieb viel Zeit für zu Hause bleiben, tumb in den Fernsehapparat stieren und den Kater pflegen.

Spätestens nach dem Mittagessen kam Benzini im weissen NSU Prinz vorgeprescht, mit einem Getöse, als würde er notlanden. Er hatte die Nase voll vom Sonntag. Von dieser verdammten Langeweile. Von Dressurreiten im ZDF und Margaret Rutherford im Ersten. Meine Mutter blickte aus dem Fenster.

„Da kommt der Zigeuner“, stöhnte sie.

„In mir fließt uraltes Zigeunerblut“, kokettierte Benzini gerne. Angeblich gab es in der langen Linie seiner Vorfahren rumänische Trickdiebe und Bänkelsänger. Ob es stimmte, konnte keiner sagen, aber wir glaubten es gern.

„Mach hin, du taube Nuss!“ brüllte er und stiess die Beifahrertür auf. Kaum hatte ich einen halb Fuß im NSU, gab er Gas, mit fliegender Türe.

„TÜR ZU!“

Die Pistenbar in der Eissporthalle öffnete Punkt zwölf, Sonntags war Happy Hour. Ausnahme: wenn im Winter Discolaufzeit war. Dann waren 50 Pfennig Discoaufschlag fällig, pro Drink. Aus Protest blieben Benzini und ich im weißen Prinz sitzen, hörten die Greatest Hits der Kinks und nippten an der Bordbar. Aber niemals Strohrum. Der lag bei neunzig Prozent. Der war nur für Notfälle. Es war Sonntagmittag. Ein Notfall.

„Ich hol den Strohrum rüber“, sagte ich und kletterte nach hinten.

Das Rumsitzen im Auto und Kinks hören nervte spätestens dann, wenn Apeman das zweite Mal durchgelaufen war. „I’m a King Kong Man, I’m a Voodoo Man, I’m an Apeman.“ Los, in die Pistenbar. Wir bestellten große Bier und ein Skatblatt. Bauernskat war unsere Spezialität. Eine Variante von Skat, wenn man bloß zu zweit ist und Langeweile hat. Wenn der dritte Mann fehlt.

„He, Glumm, auf dem Tisch gehn se kaputt!“ stieß Benzini mich an, wenn ich selbstvergessen den Mädels nachglotzte, die in der Eislaufhalle ihre Runden drehten und die Mini-Röcke hochwarfen. Ich machte den Stich, dann passierte nichts mehr. Man hörte nur noch das Kratzen der gehärteten Kufen auf dem Eis und das Malmen von Benzinis kapitaler Kinnlade. So ein Sonntagmittag in der Pistenbar konnte verdammt einschläfernd sein.

Meistens blieb es bei zwei, drei Bier und einigen Partien Bauernskat, bis es endlich sechs Uhr war und die Zentrale auf der Mummstrasse öffnete. Aber es passierte immer mal wieder, dass wir 100 Mark auf dem Deckel hatten und die Eissporthalle stratzevoll verliessen.

Einmal, im Winter, kurz vor sechs, torkelten wir der nahen Schwertstrasse entlang, als Benzini vor Solingens Traditions-Gymnasium, höherer Lehrbetrieb für Jungen seit 1841, krakeelend zusammenbrach.

„MAHHAAAAAH..!!“

Er legte sich lang und zog eine wilde Show ab, das hatte ich noch nicht gesehen. Er rotierte und schubberte über den vom Schneeregen nassen Bürgersteig wie ein Breakdancer, ein tollwütiger B-Boy. Schon nach den ersten Drehungen hatte er ein Loch in der Jacke, am Schulterstück. Da es bereits dämmerte, hatte er sich für den Nervenzusammenbruch den Lichtkegel einer Straßenlaterne ausgeguckt. Das war obligatorisch. Benzini wollte gesehen werden, wenn er den Irren gab. Nichts war schlimmer, als nicht gesehen zu werden, wenn man durchdrehte. Es sah aus wie im B-Western, aber in voll ausgeleuchtetem Cinemascope, und ich war der Producer im Hintergrund, der mit fahrigen Fingern im Drehbuch blätterte, um zu sehen, was da los war.

Nur: ich fand nichts.

Benzini war schon das ganze Wochenende neben den Schuhen gewesen. In der Nacht auf Samstag, als wir morgens um drei im weissen Prinz aus dem Getaway gekommen waren, hatte er den armen Hitler aus dem Schlaf geklingelt und gebollert. Hitler, ein türkischer Landsmann, führte eine Snackbude am Schlagbaum und war penibel darauf bedacht, keinen Ärger mit dem Ordnungsamt zu haben. Dazu gehörte auch, nach Ladenschluß kein Bier oder Spirituosen zu verkaufen. Er hielt sich verzweifelt an alle Vorschriften, der kleine graue Mann aus Anatolien, dem ein schnurgerader Schnurrbart wuchs, doch wenn ein kräftiger weißer Löffelbagger, der im selben Haus unterhalb der Karateschule wohnte, mitten in der Nacht gegen seine Tür bollerte und Flaschenbier verlangte, dann wusste auch Hitler sich nicht mehr zu helfen.

„Mann, laß den armen Kerl in Ruhe“, hatten Karlos und ich noch versucht auf Benzini einzuwirken, aber nur  halbherzig, schließlich waren wir genauso durstig und scharf auf Bier. Wir saßen in der Bredouille. Nur Benzini wußte, was er wollte. Er wusste immer, was er wollte, und wenn er es nicht bekam, ging er zu Boden wie ein ungehöriges Balg und krakeelte solange, bis er es bekam.

„ZEHN KÖLSCH, HITLER! AUF KOMMI!“

„Psst..! Machen bittäh keine laute Herrrmann.. bittäh“, wiegelte der kleine Mann aus Anatolien ab und füllte eine große Plastiktüte mit Flaschenbier und drückte leise die Türe zu. Immerhin hatten wir für ein großzügiges Trinkgeld zusammengeworfen.

Der arme Hitler.

„Glumm, du Schwanzlutscher, hilf mir hoch!“ grunzte Benzini gegenüber vom Gymnasium, aber ich wusste Bescheid. Reichte ich ihm tatsächlich die Hand, würde er mich nur  in die Tiefe ziehen und sich kaputtlachen. Am Tresen war ich oft genug auf solche Spielchen reingefallen. Benzini klopfte einem auf den Brustkorb, he, was hast du da!? Und wenn man dann an sich hinunterguckte, bekam man einen Nasenstüber versetzt, lässig mit dem Stinkefinger. Das war so richtig nach seinem Geschmack. Er war ein sehr verlässlicher Bursche. Traditionsbewusst. Mit Säbelbeinen und rußigem Timbre.

Ich ließ ihn gewähren auf dem Trottoir und ging einfach weiter. Tat so, als wüsste ich nicht, zu wem er gehörte. Sorry, kenn ich nicht, den Penner. Ist mir zugelaufen. Dummerweise war ich aber selbst so abgefüllt, dass ich in den Straßenverkehr geriet, was die Autofahrer zu wütenden Ausweichmanövern zwang. Benzini krümmte sich vor Lachen, auf dem Beton. Wagen fuhren im Schritttempo vorüber, die Fahrer wollten sehen, was da los war. Benzini zeigte jedem den Muschifinger und blökte wie ein Viehdieb. Es war die pure Testosteronshow.

Natürlich, auch Männerfreundschaften handeln von nichts anderem als Liebe. Karlos steckte mir einmal zum Geburtstag ein abgegriffenes Taschenbuch vom Flohmarkt in den Briefkasten, ohne jegliche begleitenden Worte. Einfach nur das Buch, fertig. Es war Ich denke of an Piroschka, eine wehmütige kleine Ballade von der unschuldigen ersten Liebe. Das Zusammensein mit Benzini hingegen bedeutete ständig die Machtfrage. Er wollte immerzu klären, wie weit er gehen konnte, wer wen dominierte. Es war ein Kräftemessen wie unter jungen Ziegenböcken, deren Geweihe aneinanderkrachten. Diesmal jedoch gab es keinen Sieger. Ich hatte nicht die Macht, ihn von dem Blödsinn abzubringen, den er auf dem Asphalt anstellte, er hatte nicht die Macht, mich in die Tiefe zu reissen, damit ich mich sinnlos auf dem Boden co-wälzte. Wir wankten durch die feuchten Malteser Gründe Richtung Mummstrasse. Unentschieden war ein guter Ausgangspunkt unter Freunden. Es war eh alles nur Testosteron, und Bauernskat am Sonntag.

Mit Benzini war es wie beim Fußball. Vielleicht konnten wir deshalb so gut miteinander, auch wenn wir nicht die dicksten Freunde waren. Er nannte mich stets seinen elftbesten Freund, aber er nannte alle seine Kumpel seinen elftbesten Freund. Im Hobbyteam der Mumms Kickers spielte er Verteidiger, er war ein ungemütlicher Gegenspieler. Stürmern wie mir, ich spielte bei den Anarchos, stand er neunzig Minuten lang auf dem Fuß, er war unerbittlich. Sobald man den Ball in Besitz hatte, kam er angewatzt und stocherte einem mit den ungelenken Füßen solange zwischen den Beinen herum, bis er die Pille zu packen bekam und ins Aus spitzelte, mit diesem dreckigen Grinsen im Anschlag.

Sein Herz aber gehörte dem American Football, seit er auf der US-Airbase gejobbt hatte. Nachdem er zurück in der Heimat war, stieg er bei den Steelers ein und spielte Bundesliga. Obwohl er spät mit dem Sport begonnen hatte, schaffte Benzini noch den Sprung ins Nationalteam. Zwei A-Länderspiele bestritt er Anfang der 80er Jahre im Rahmen einer Italienreise, auch wenn er die halbe Zeit breit war.

Abgesehen von unseren Bauernskatsonntagen waren wir zumeist im Trio unterwegs, mit Karlos als drittem Mann. Eine Weile war noch ein Vierter mit im Bunde, ein verschlagener Bursche namens Zerra. Er war mit fünfzehn von der Schule geflogen, weil er alles vermöbelte, was ihm komisch kam. Er machte stets kurzen Prozess. Ein, zwei präzise Handkantenschläge, ein trockenes Knacken, dann war nichts mehr zu hören. Nicht mal ein Mucks.

Zerra war der einzige echte Schläger, mit dem ich näher zu tun hatte. Zwar hatte auch Benzini etwas von einem Schläger, aber es fehlte ihm an Brutalität. Er hatte ein zu gutes Herz. Auf seine Art war er sogar schüchtern. Der Premiumproll, den er so gerne gab, war größtenteils Attitüde, eine selbstgezimmerte Showtreppe, die Benzini gekonnt hinabstieg, Stufe um Stufe auskostend. Ich mochte ihn sehr.

Als wir Zerra kennenlernten, hatte ihn sein Alter gerade vor die Tür gesetzt. Er lebte mit seinem Bluthund, der ohne Unterlass an der Kette lag und den man so gut wie nie zu Gesicht bekam, in einem leerstehenden Abbruchhaus am Frankfurter Damm – ohne Strom, ohne Heizung, nur mit Kerzenlicht. Zerra war eine Ein-Mann-Hausbesetzung. Das Haus stand der zukünftigen Stadtautobahn im Wege, die Bagger konnten jeden Tag anrücken.

„Und dann?“ fragte ich. „Was machst du dann?“

„Da wird sich schon was finden, Alter. Weißt du, wir haben doch alle dieselbe Mami. Die wird schon für mich sorgen.“

Zerra hatte ein ziemliches Schoss raus. Manchmal wünschte ich mir, ihn zu packen und alles, was falsch gelaufen war in seinem Leben, aus ihm herauszuschütteln. Und dann mal sehen, was noch übrig blieb. Ob man damit arbeiten konnte. Er hatte es nicht leicht, keine Frage. Während Benzini, Karlos und ich noch bei den Eltern wohnten und das Leben auf Autopilot justieren und geniessen konnten, war er ganz auf sich gestellt. Er sprach leise und grinste einen dabei so schief und herausfordernd an, als könne er jeden Moment zuschlagen. Nur vor uns hatte er Respekt. Ihm schien das Herz überzulaufen, als wir einmal zu viert untergehakt aus dem großen Mühlenhof-Kino kamen, wo wir Quadrophenia von den Who gesehen hatten.

We are Mods! We are Mods!“ brüllten wir beseelt von den Filmszenen am Strand von Brighton, wo sich Rocker und Mods gegenseitig aus dem Parka geprügelt hatten, und zogen durch die Stadt. Wären uns zu diesem Zeitpunkt irgendwelche Ledernacken über den Weg gelaufen, Zerra hätte sie ganz allein kurz und klein geschlagen, ohne Vorwarnung. Doch es gab keine Rocker in der Stadt. Wir waren ja nicht mal Mods, aber wen scherte das schon – Zerra war überglücklich. Endlich hatte er Freunde gefunden. Bis die Nacht hereinbrach und er mutterseelenallein zum Abbruchhaus am Frankfurter Damm marschierte, wo zum Wärmen nur der Bluthund blieb.

„Wieso nur?“ sagte er zu mir. „Weißt du, der Hund spürt doch, dass ich seine Wärme brauche, wenn ich friere. Das macht ihn stolz. Das macht ihn glücklich. Er wird gebraucht. Mein Hund erfährt Liebe. Machst du jemanden stolz und glücklich?“

Mir fiel erst nichts ein.

Dann: “Na, doch. Dich, Zerra.“

Anfangs hielt ich ihn für einen Analphabeten, doch dann fand ich heraus, dass er mehr Bücher las als wir alle zusammen. Bücher, aus denen er sich seine eigene Straßenphilosophie zusammensetzte. Sie erlaubte ihm, sich alles nehmen zu dürfen, was er zum Leben brauchte. Jahre später wurde ich zufällig Zeuge einer für Zerra typischen Situation. Weil er einen Heroin-Affen hatte, aber keinen Pfennig Geld in der Tasche, nahm er einem Junkie, mit dem er für einen Deal verabredet war, sämtliche Packs ab, die er bei sich trug. Er musste dafür nicht einmal laut werden. Ich schlag dich zu Brei, wenn du die Packs nicht freiwillig rausrückst, raunte sein Blick. Was sollte Dirk H. machen. Einen Kopf kleiner, dünn und klapprig, und nicht die Bohne asozial. Er weinte. Das bisschen Pulver war alles, was er besaß. Er sah mich hilfesuchend an. Ich saß in der Nähe und wartete auf den Bus, genau wie er. Er bettelte mich an, tonlos. Ich sehe ihn noch dasitzen, unterm Dach der Bushaltestelle. Er wusste, dass ich Zerra von früher kannte, doch es war allers schon zu lange her, ich konnte nichts für ihn tun. Und Zerra? Er vermied jeden Blickkontakt mit mir.

Benzini hatte den Motor wieder ausgeschaltet. Er kam nicht darüber hinweg, wie es gelaufen war mit Jacki.

„Erst macht die Funz mich heiß, und ne halbe Stunde später lässt sie mich dastehen wie einen dummen Jungen, da soll mal einer durchblicken.. Nur weil ich einen Joke gemacht hab? Ich denk, Frauen wollen Männer mit Humor. Oder was wollen Frauen?“

„Im Zweifelsfall“, erwiderte ich, „immer das andere.“

Wir waren noch keinen Meter weit gekommen. Wir standen auf dem Parkplatz hinter der Eissporthalle und hörten Kinks. Die Songs hatten durchweg 15 Jahre auf dem Buckel, aber das machte nichts. Ray Davies sang uns aus dem Herzen. Er sang von Rüden, die am liebsten faul in der Sonne liegen und sich den Sack lecken, er sang von uns. Mochten Gleichaltrige die Zukunft planen und nach Brotberufen greifen, unsere Party ging weiter, auch ohne Einladung. Im NSU, in Pistenbars, am Baggerloch, auf dem Trottoir gegenüber dem Gymnasium, egal wo.

Where have all the good times gone„, lautete der Schlachtruf im Schwenkbereich des ewigen Sommers. Wir waren bereit zum Kampf. Wichtige Schlachten, wir ahnten es, erledigen sich nur im Überdruss. Oder sie schwelen weiter bis zum jüngsten Tag.

„So jetzt! Ab die Post!“

Der Motor heulte auf, Benzini heizte der Boxengasse entlang bis er die Bismarckstrasse erreichte und nach rechts abzweigte. Warum Benzini plötzlich meinte, losfahren zu müssen, wusste ich nicht. Ich fuhr kein Auto, ich mischte mich niemals ein. Ich korrigierte niemals einen Fahrstil, ich stieg nicht automatisch mit in die Eisen, wenn es brenzlig wurde vor der Kurve, ich war der perfekte Beifahrer. Hauptsache, wir blieben in der Spur. Und solange man mich nicht tötete, war mir alles recht.

Wir erwischten den Bordstein der Verkehrsinsel, als wir in den Kreisverkehr einbogen. Auch wenn der NSU den Bordstein nur tuschierte, der Wagen begann sich sofort zu drehen, wie ein Kreisel, drei Mal, vier Mal, um die eigene Achse. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, bis wir endlich zum Stehen kamen. In Fahrtrichtung. Wir hatten Massel gehabt. Rote Bremslichter in der Ferne.

„Scheiße, was war das denn?!“ rief ich.

Benzini sprach kein Wort. Er war bleich. Die Augen zum Schlitz verformt, trat er das Gaspedal durch. Das Ganze kam mir vor wie in einem Actionfilm, eine Nummer, die niemand geplant hatte, aber perfekt gelaufen war. Benzini und der weiße Prinz in: Masseltoff!  Dann hörten wir es. Gleichzeitig. Es flapperte, irgendwo tief unterm Wagen. Ein stetes Gubbeln, der weisse Prinz rutschte leicht zur Seite weg.

„Ein Platten! Na Scheisse! Das hat noch gefehlt!!“ Benzini hielt an, stieg aus. Er trat gegen die Karre. „Erst zieht die Funz Leine, und jetzt hab ich auch noch einen Platten! Ich kotz gleich um mich!!“

Mit geplatztem Reifen flapperten wir die Strasse hoch bis Hästen, von wo es nur noch bergab ging, in Richtung Getaway. Benzini schaltete den Motor aus, wir rollten die Serpentinen hinunter. Ohne Licht. Im Blindflug. Flapp. Flapp. Benzini klebte an der Windschutzscheibe. „Ich seh nix, verdammt!“ Es flapperte ohne Unterlass, wie ein Tonband, das gerissen war, aber sich unaufhörlich weiterdrehte.

„Ich mach mir die scheiß Felge im Arsch, verdammt!“

Natürlich hätte man aussteigen können, den Wagen abstellen und per Anhalter weiter, aber im besoffenen Kopf war das keine Option. Es ging darum, nicht von der Schmiere erwischt zu werden. Ein rein sportlicher Ansatz. Ohne den Motor noch mal anzuwerfen, steuerte Benzini den riesigen Parkplatz vorm Getaway an. Stoppte unmittelbar vor einer erleuchteten Telefonzelle, um Licht zu haben für den Reifenwechsel.

„Lass uns erst was trinken, bevor das Getto dicht macht“, meinte ich, weil ich keine Lust hatte, mir die Hände dreckig zu machen.

Das legendäre Getaway in Glüder, einem idyllischen Tal an der Wupper, stand direkt gegenüber dem Campingplatz und war ein großes muffiges Rockding, das Publikum aus der ganzen Region anzog. Besonders Motorradfahrer nutzten den Laden gerne als Ziel einer Wochenendtour, aber in einer Sonntagnacht war bloß Stammpublikum übrig. Verstocktes bergisches Gesindel. Der gute alte Jay, eigentlich zum Gläsereinsammeln engagiert, hing stockbesoffen überm Flipper, in voller Länge.

„Jay, schmieriger Arschlappen“, zwickte ihn Benzini, „du hast hundert Freispiele!“, doch Jay öffnete nicht mal die Augen, mambelte nur „verpiss dich“ und schlief weiter. Wir bestellten Bier und Rapidos an der Bar gegenüber der Tanzfläche. Die Rapidos gaben mir den Rest. Mir fielen dauernd die Augen zu, während Benzini gegen die laute Rockmusik ankrächzte. Es ging immer noch um Jacki. Sie liess ihm keine Ruh.

„.. auf dem Garagendach hinterm Mumms fängt sie wieder an, von Chicoree zu schwärmen. Das juckt mich doch nicht, hab ich gesagt. Ich hör Kinks und Stones, kein Jazz. Ja klar, hat sie gelacht, ihr hört doch alle Kinks.“

„Stimmt doch“, warf ich hundemüde ein.

„Ja, aber wie sie das gesagt hat, als wären die Kinks Asis und ihr Chicoree der König der Welt.“

„Chicoree? Was redest du immer von dem bitteren Scheißgemüse? Was soll das?“

„Wie Chicorre?! Chick Corea, du Schwanzlutscher, nicht Chicoree! Der spielt am Mittwoch in Dortmund. Ob ich mitkomme, hat sie gefragt. Nee, hab ich gesagt, in der Westfalenhalle ist die Akustik wie in ner riesigen Badeanstalt, ohne mich, ausserdem ist Jazz Pussymusik. Un ab da war Sense. Nur wegen so nem Scheiss. Haut die ab. Die kann mich mal. War doch nur Spaß. Was soll ich mit ner Funz ohne Humor. Oder?“

Jay war aufgewacht und stieg vom Flipper. Er hatte Pupillen, groß wie Wagenräder. Er war gar nicht betrunken, er war auf Pilzen. Auf Psilos. Psilocybin, und er hatte nichts besseres zu tun, als mir den Mund wässrig zu machen. Angeblich gab es gleich hinterm Campingplatz eine kleine Pferdewiese, auf der die saftigsten Mushrooms wuchsen.

„Kannst du gar nicht verfehlen“, meinte er und erklärte mir den Weg.

Kurzentschlossen stieg ich in der Dunkelheit die Wiese runter, während Benzini oben auf dem Parkplatz versuchte, den Reifen zu wechseln. Als ich auf etwas trat, das sich wie ein Haufen störrischer Zweige anfühlte, bückte ich mich. Das waren keine Zweige – das war NATO-Draht.

„AUA!“ schrie ich verspätet. „VERDAMMTE SCHEISSE!!“

Komischerweise spürte ich nichts, rein gar nichts. Ich war zu müde und zu betrunken, um überhaupt noch etwas zu spüren. Was zum Teufel machte ich hier überhaupt!? Pilze suchen mitten in der Nacht? Welche beschissenen Pilze!? Was sollte ich mit Psilos in meinem Zustand? Ich wollte nur noch ins Bett. Ich sah zum Parkplatz hoch. Benzini winkte mir zu, vorm NSU hockend.

„Komm hoch und hilf mir endlich, Schwanzlutscher!“

Woher wusste er, wo ich war? Er konnte mich unmöglich gesehen haben in der Dunkelheit! Benzini hatte seherische Qualitäten!

„Quatsch. Ich hab dich da unten um Hilfe schreien gehört“, sagte er, als ich auf dem Parkplatz ankam. Da er ohne Wagenheber arbeiten musste, hatte er den weissen Prinz kurzerhand auf dem rechten Oberschenkel aufgebockt. Die Radkappe lag vor der Telefonzelle.

„Versuch du mal, die Pelle aufzuziehen. Ich halt die Kiste oben. Brauchst du nur draufstecken und die Muttern festziehen.“

„Womit?“

„Na, dem Schraubenschlüssel!“

„Wo..?“

„DA!!“

Kaum hatte ich den Ersatzreifen in der Hand, verlor ich das Gleichgewicht und taumelte rückwärts. Ich stolperte und flog der Länge nach hin, in die hell erleuchtete, geöffnete Telefonzelle. Im Fallen riss ich den Telefonhörer von der Gabel, er gongte gegen die Seitenscheibe. Ich lag auf dem Rücken, zu überrascht, um Scheiße zu brüllen. Aufstehen ging auch nicht. Es war, als wäre ich in eine fremde Dekoration gestürzt, mit der ich nichts anfangen konnte. Der Hörer baumelte hin und her, das Baumeln liess aber schon nach und wurde langsamer. Benzini stöhnte auf, ließ den Wagen vom Oberschenkel ab und holte sich den Ersatzreifen.

Zehn Minuten später war das Ding aufgeschraubt. Benzini hatte es allein hingekriegt. Er fuhr die paar Meter bis zur Telefonzelle, um mich einzusammeln.

„Steig sein, du Sack! Mach schon! Steh auf!!“

Ich mühte mich auf den Beifahrersitz. Kaum hatte ich einen halben Fuß drin, gab er Gas. Mit fliegender Türe.

„TÜR ZU!!“

*


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