LSD mit Pepe (2)

Mai 4, 2008 by glumm

1
LSD mit Pepe war eine runde Sache. Wir haben den schönsten Trip und den schlimmsten Trip miteinander geteilt.
Der schönste, ein Yellow Sunshine, unser erster überhaupt, kam auf hypnotisch ruhigen Sohlen daher, ein unaufdringlicher Gast an einem warmen Frühlingstag, der zum Kopfpicknick lud.

Spätere Trips waren meist mit Speed gepanschtes Zeugs, das hauptsächlich in die Beine ging und Unruhe stiftete, ohne den Spirit, ohne die große Entspannung.

Dass aber reines LSD auch eine künstliche Psychose, oder zumindest psychoseähnliche Zustände, auslösen kann, wenn man den falschen Zeitpunkt wählt, den falschen Ort und die doppelte Dosis, das sollte ich ein paar Wochen später erfahren.

2
Ostern 1978. Patti Smith kam nach Düsseldorf. Sie war so populär geworden, dass wir uns die Karten im Vorverkauf besorgen mussten. Das neue Album Easter war zwar nicht so gut wie Horses und Radio Ethopia, aber es enthielt mit Because the Night den ersten Single-Hit für Patti Smith, und die Tour durch Deutschland war so gut wie ausverkauft.

Ich fand vor allem das Debütalbum Horses großartig. Das Stück Birdland etwa war mehr als Musik, es war eine sechsminütige Landschaft aus Bäumen und Bass, und ihre erotisch hingerotzte Einleitung zu Gloria, “Jesus died for somebody’s sense but not mine“, hatte ich so oft gespielt, dass die LP an dieser Stelle loderte wie ein Scheiterhaufen.

Einen Tag vor dem Konzert rief Pepe an und meinte, sein Bruder könne was Acid klar machen.
Ob ich Bock hätte.
“Häh, für morgen?” fragte ich.
“Klar, Alter.”
“Auf einem Konzert auf Acid? Bist du verrückt?”
“Kein normaler Trip. Ein Yellow Sunshine..”

Das war was anderes. Ein Yellow Sunshine..
Ein Yellow Sunshine war die Türe, hinter der die Welt noch einmal erschaffen wurde, für ein paar Stunden, und man durfte einen Blick darauf werfen.

Als Auserwählter.

Trips gehörten in die Natur. Der Kopf sollte frei bleiben für die Eindrücke, die Gerüche, den Klang der eigenen Schritte. Man musste die Weite spüren können, schon eine einzige Wand konnte so fatal sein, dass nur noch Flucht blieb.
Wie sollte sich da erst eine Konzerthalle auswirken?

Andererseits war Musik unter LSD-Einfluss eine Welt für sich, und live konnte es vielleicht noch eine Spur irrer werden..
Aber unter ein paar tausend Leuten?

Freitag, früher Abend. Wir waren um sechs vorm Mumms verabredet. Pepe war da, der dicke Hansen, Schuh, ich, und zwei, drei andere Leute, an die ich mich nicht erinnere.

Weil Pepe den Trip nur mit mir teilen wollte, und nicht mit dem dicken Hansen, der auf Drogen eine Menge Probleme machen konnte, nahm er mich vorm Mumms beiseite.

“Mit Yellow Sunshine hat nicht geklappt”, sagte er, und ich war schon fast erleichtert, dass es nichts geben würde mit dem Experiment. “Aber mein Bruder hat einen Red Star besorgt. Die sollen noch besser sein.”
“Besser? Was heisst das?”
“Na, auch gut. Den können wir sogar vierteln und wären immer noch drauf wie der Teufel.”

Ich hatte kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache, aber ich wollte Pepe auch nicht alleine lassen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz: niemals alleine auf Trip gehen.

Warum wir aber den Red Star, einen gezackten roten Stern, gleich in zwei Hälften teilten statt erst mal zu vierteln und abzuwarten, das war schon fahrlässig.
Wir war siebzehn und übermütig.

Ich seh uns noch vorm Mumms, an den Parkscheinautomat gelehnt, wie jeder seine Hälfte runterschluckt, mit einem Schluck Bier hinterher..

Wir fuhren mit zwei Autos nach Düsseldorf. Während Pepe beim dicken Hansen eingestiegen war, fuhr ich beim Schuh mit. Schuh, der eigentlich Schuhmacher hiess, war ein charmanter langer Schlaks, der nicht viel Worte machte.

Während wir in seinem rotem Kasten-R4 über die Autobahn stotterten, setzte schon die Wirkung ein. Deutlich früher als sonst: so doll und so schnell hatte es mich noch nie erwischt.
Ich konnte kaum noch stillsitzen, so pumpte es in den Gliedern und ich war heilfroh, als wir nach einer Dreiviertelstunde auf den Parkplatz vor der Philipshalle einbogen.

Kaum war ich ausgestiegen, kam Pepe auf mich zugestürzt.
“Alter, was ist das denn..?!” zischte er, begleitet von einem verzerrten, aber immer noch spitzbübischen Lächeln.

Wir marschierten nebeneinander über den Parkplatz, der von den gleissenden Lichtern der mächtigen Laternenmasten geflutet wurde.
Wir fühlten uns wie Stars im Scheinwerferlicht, als enterten wir die Bühne, und das Gemurmel der Leute, die Richtung Kasse und Eingang strömten sowie der Sound der ankommenden Autos und Motorräder, alles verschmolz zu einem gigantischen “Welcome to the Philipshalle!”

Jemand liess einen Schlüsselbund fallen, ein Geräusch, als wären in einer Fabrikhalle hundert Meter Blech zu Boden geknallt, ich zuckte zusammen während Pepe staunend weiter ging, ohne es bemerkt zu haben. (Weil er wahrscheinlich in einer anderen Empfindung versank, die ich nicht mitkriegte.)

Das LSD, noch frisch, vibrierte bis in die letzte Faser; Autotüren schlugen zu; das Gelächter von Tausenden von Leuten, die, zurecht gemacht für die Show, sich voranwälzten im grellen Parkplatz-Licht, alles badete in Watt.

“Ich werd irre..”, hörte ich Pepe.

wird fortgesetzt

Vom Schreiten elektrischer Körper

April 26, 2008 by glumm

Die Gräfin ist geladen.
“Ich will eigentlich in die Normandie! Und was ist..? Nichts ist! Stattdessen renn ich wieder durch diesen scheiß Wald hier! Den hab ich schon tausend Mal gesehen.. diesen verfickten Scheißwald! Ich kenne jedes einzelne Reh mittlerweile! Dahinten das, weißt du, wie das heisst?! Renate!”

“Renate Tomate”, murmle ich.
Wir hatten geplant, ein paar Tage wegzufahren, müssen es aber verschieben, weil ein Kollege krank geworden ist.
“Wir fahren doch, im August. Sind nur noch.. ein paar Monate. Und dann hab ich lang und schmutzig Ferien. Ausserdem kennst du garantiert nicht JEDES Reh..”

Mh. Das kam nicht gut. Das hätte ich besser nicht sagen sollen. Nicht so jedenfalls, mit den Monaten.
“Ach, du! Immer nur Warten! Blödmann!”
Sie ist so zornig, dass der Kies wegspritzt unter ihren leichten Sandalen.

Den Blödmann hätte sie sich sparen können. Ich hasse Beleidigungen. Dann kocht es hoch in mir. Dann .. ach, Scheiße. Was soll’s. Sie hat ihr monatliches Frauenleiden, das sie selbst ihren Frontlader nennt. Ein empfindlicher Frontlader. Sie ist dann nicht die Prinzessin auf der Erbse, sie ist die Prinzessin auf der DNS einer Erbse.

Als wolle sie aus dem TV-Bild immer noch Helligkeit herausnehmen, obwohl es schon sturzdunkel ist.
Stockdunkel.
So ähnlich.
Was weiß ich denn.
Ich hab ein Männerleiden, das begann mit der Geburt und jetzt bin ich mittendrin und es wird nicht einfacher. Auf meine Erbsen-DNS.

Was ein Samstagvormittag.

Mann und Frau sind mit dem Hund unterwegs. Elektrische Körper schreiten durch den Kleingartenverein. Stöcke splittern unter ihren Sandalen, und Vögel, verstört, verirren sich in der Luft. Wissen nicht wohin. Wie weiter.

Selbst Haargummis, die auf dem Weg liegen, Teenagerfrisuren entfallen, ähneln heißen Tintenfischringen.
Bloss nicht drauftreten!
Brühgefahr!
Wundverbände!

Ein paar Schrebergartenkinder spielen lauthals Terrorist.
“In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben, sechs..”

Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen. Das schweisst zusammen, ein bißchen, immmerhin.
Ein bißchen zusammengeschweisst geht nicht..?
Entweder - oder?

Der Himmel ist eine Riesenpulle heute. Ich nehm einen Schluck, mit Wolkenschaum am Mund.
Auf dem Boden erneut ein Gespenst - diesmal Bonbonpapier.

Als wir am Bärenloch ankommen, hat sich die Lage tatsächlich beruhigt. Frau Moll, die hinter uns hergeschlichen ist, springt befreit in den grossen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das Stichlinge fischt.

“Ich hab schon sechzig Stück!” sagt die Kleine stolz.
“Kaulquappen?”
“Nee, Stichlinge..!“

Ich komm hinzu und glotz in den Eimer.
“Das sind doch keine Stichlinge, das sind glitschige Gürkchen.”
Mir hört heute niemand zu.
“Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?” tanzt das Mädchen um Frau Moll herum.

Die Gräfin ist schon im Teich, bis zu den Knöcheln, sie hat ihre zornigen Sandalen ausgezogen.
“Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge..!” ruft sie.

Das Mädchen zieht ihre Badelatschen ebenfalls aus und folgt der Gräfin ins Wasser.
“Vielleicht nuckeln die Stichlinge mir ja auch am Zeh!“
“Kannst du schwimmen?” fragt die Gräfin.
“Klar, aber doch nicht hier drin. Ist doch zu niedrig. Und ich hab Schiss vor den Karpfen. Da sind welche hier drin. So Oschis..”
Sie bückt sich und holt eine losgelöste Steinplatte aus dem Teich.
“Guck mal, was ein Oschi! Ein Mondoschi!”
“Eher ein Halbmond-Oschi”, meint die Gräfin, das Teil sieht aus wie ein halber Mühlstein und wiegt bestimmt.. was.

Das Mädchen lässt die Platte ins Wasser plumpsen.
“Hier, fühl mal meine Muckis!” sagt sie zur Gräfin. Die Beiden haben sich innerhalb von fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, Frau Moll paddelt hinterher, wie ein Welpe.
“Komisches Gefühl untem Fuss” ruft mir die Gräfin zu. “Als würde man über Leichen latschen.”

Als wir spät am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir einen Mann, der seiner Frau mal zeigen will, wie hoch er sein Portmanee werfen kann mit 500 Euro (!) drin, doch dann hat er Pech und die Börse verschwindet im dichten Geäst des Kastanienbaums.

Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wieder zu bekommen. Hochklettern geht nicht, der Stamm hat nämlich unten keine Äste. Also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in den Baum hoch, in der Hoffnung, die Börse so zu treffen, dass sie sich löst und runterfällt.

Irgendwann wird uns die Sache zu dumm, und da auch seine Frau nur noch “Blödmann!” zischelt, endet der Tag, wie er begonnen hat.
So ungefähr.

Aber besser.

Porschehändler

April 9, 2008 by glumm

“Moment mal..! Dann musst du als Schreiber sterben für ein Jahr..!?”
Sie kuckt mich scharf an.
Ein Blick wie ein wuchtiger, weiter Abstoß.

Hoffentlich krieg ich die Pille! Da kommt sie schon angeflogen.. Ich stoppe sie mit der Brust, lasse sie lässig abtropfen. Doch als ich das Leder weitergeben will, semmle ich voll drüber.
“Verflucht!”

Sterben als Schreiber für ein Jahr: Achtunddreissigstunden-Woche im Design-Institut, Einjahres-Vertrag. Wann zum Henker soll man da noch zum Schreiben kommen?

(Hilft wahrscheinlich nur die alte Methode, die auch früher schon nicht gegriffen hat: Einfach über Nacht ein paar weiße Blätter auslegen und in Gottvertrauen abwarten, ob die ganze Sache sich vielleicht von selbst schreibt, während man dem nächsten Arbeitstag entgegenschläft, traumlos.)

Mein Job wird sein, im frisch renovierten Kellergeschoß des Instituts eine Bibliothek in Betrieb zu nehmen, mit 270 Festmetern Design-Literatur. Die Schenkung eines emerierten Wuppertaler Design-Professors. Design, Design, Design. Was zum Teufel hab ich eigentlich mit Design am Hut?!
Ich seufze.
“Na, solange du noch lachen kannst”, meint die Gräfin.
“Das war kein Lachen”, sag ich, “das war designtes Stöhnen.”

Die ersten Tage muss ich nach Wuppertal, zum sammelwütigen Professor. Im Stadtteil Wichlinghausen hatte er extra in einem alten Loft drei Räume angemietet, um seine zehntausend Bücher plus Objekte zum Thema Design unterzubringen. Darüber hinaus sammelt er Pfeifenrauch.
Man erkennt kaum seine Umrisse.
“Herr Professor!?” ruf ich.
“Ich steh vor Ihnen, junger Mann..”

So jung bin ich gar nicht mehr, und ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob er das überhaupt so gesagt hat, man versteht ihn schlecht, in all dem Pfeifenqualm, der ihn umgibt.
Er führt ein großes Pfeifentäschchen mit, in dem sechs Pfeifen gerade abkühlen, während die siebte in Arbeit ist.

“Meine Frau hat mir was gehustet”, sagt er.
“Wegen dem vielen Pfeiferauchen?”
“Nein. Wegen den vielen Büchern.”
Er hustet.

Manchmal kuckt er einen ganz verschmitzt an, obwohl er doch schon pensioniert ist. Bestimmt siebzig. Wie eine Jazzsängerin. Als wollte sie ein neues Lied trällern. Kuckt er.

Wir packen alle Bücher und Design-Zeitschriften (form, Design) und Exponate in Umzugs-Kartons und Rollwagen, die die Spedition schon bereitgestellt hat.
Einmal greif ich nach einem Design-Exponat: Ein kleines Cola-Fläschchen, 0,33 Liter.
Mit zwei griffigen Dellen an den Seiten.
“Afri-Cola!” ruf ich voller Elan. “Das haben wir früher immer gesoffen!”

Doch ich greife vor. Zunächst mal sollte ich schildern, wie ich morgens nach Wichlinghausen komme, ohne Auto.
Es gibt mehrere Möglichkeiten.
Ich entscheide mich für die C64, eine Art Überlandbus, die bis Elberfeld fährt, wo ich in die Schwebebahn umsteige.

Endstation ist Oberbarmen, und Wichlinghausen ist um die Ecke. Eine arme Ecke. Scheint mir das Nachtgeschirr vom lieben Gott zu sein. Wenn der alte Knabe nachts mal raus muss.
Aber nicht zum Klo will.
Dann pieselt er in Wichlinghausen.
Pieselt, was ein Wort. Ich kotz gleich, Glumm.

Die C64 ist rappelvoll.
Ich ergattere den letzten Sitzplatz.
“Wollen Sie meinen Platz haben?” sorgt sich neben mir eine nette Frau um ein klappriges Mütterchen, das zugestiegen ist.
“Nee, lassen Sie mal. Ist ja genug Platz hier.”

Hm..? Platz!? Wovon redet das Wuppertaler Mütterchen? Ist doch alles besetzt hier. Das meint auch die nette Frau nebebn mir, aber die alte Dame lässt sich nicht umstimmen. Nein, sie will partout stehenbleiben.
Halsstarriges, klappriges Wuppertal, so kenne ich dich.

Es dauert auch gar nicht lange, und ich muss pissen. Das war ja klar. Wenn ich am Vormittag Bus fahre, läuft meine Blase grundsätzlich über, von all den doppelten Espressos, die ich zum Frühstück nehme, um hochzukommen.

Es ist eine Tragödie.
Ein Bus hat keine Toilette.
Und noch eine halbe Stunde bis Elberfeld.

Das schaff ich!
Oder auch nicht.

Das Mütterchen, ein Ärmchen tapfer in der Halte-Schlaufe, lächelt mich an.
Tapfer, das ja, aber wie ausgestopft.
Und ich auch. Also, ich meine, ich lächle mich auch an. Wie ausgestopft. Bloß keine Bewegung zu viel. Was soll ich auch sonst machen? Weinen?
Wenn ich jetzt weine, weint es Harn.

Während der Busfahrer die Strecke durchs Bergische Land abkurvt, kritzle ich ein paar schräge Beobachtungen in mein Notizbuch. Schräge Sätze, vom Kurvenfahren.
Es passiert wie automatisch. Ich kann nichts dafür. Meine Hand greift zum Notizbuch, in dem der Stift eingewickelt ist, und dann notiere ich. Irgendwas. Eine Beobachtung, ein Gedanke, scheißegal. Paar Staben.
Damit ich einen Grund zum Leben hab.
Zum Sein.

Vom Hahner Berg aus führt die Strasse steil ins Tal runter, in den schummrigen Wupperkessel, in San Francisco typischen Serpentinen, was meine Blase endgültig aus der Fassung bringt. Vorbei an dickfelligeren Organen schwappt sie bis vorne durch und drückt unangenehm gegen den Unterbauch. Da, wo die Seele sitzt, nach Überzeugung meiner Mutter:
Im Unterbauch.

Ich muss mal.
Ich werd bekloppt.

Noch zehn Minuten.

Um mich abzulenken, lass ich den ersten Arbeitstag Revue passieren, bei geschlossenen Augen. Ich war ja gestern schon in Wichlinghausen, wo der Herrgott in der Nacht.. NEIN! NICHT ERWÄHNEN, DAS WORT!!

PIESELN!!

Oh Gott…!
Der Professor ist okay.
Wir können gut miteinander.

Solange ich solche Leute kennenlerne, kann ich ruhigen Gewissens live aus meinem Leben berichten. Das tut ja keinem weh. Sind alles furchtbar nette Menschen. Doch wenn mir der erste Drecksack über den Weg läuft, über den ich wahrheitsgemäß berichten müsste, dass er ein Drecksack ist, wird’s schwierig. Dann tu ich so, als spielte das Ganze gar nicht im Bergischen Land, nein, wir sind dann in Wiesbaden, wo ich als freischaffender Porschehändler mein Dasign bestreite, und schreibe hier einfach weiter.

Ist das clever.
Ich bin ganz ergriffen.
Ich muss pissen.

Kurz vor Elberfeld halten wir an einer Verkehrsampel. Rechts ist ein Kinderspielplatz, der mir bekannt vorkommt, irgendwie. War ich hier nicht schon mal..? Silvester 86 oder 87 oder 88..? Hab ich hier rumgesessen und eine Flasche Bier geleert, mutterseelenallein. Nur ich und mein Unterbauch und ein Wicküler Bier.
Ein historischer Ort.
Ich winke.
Hallo.
Ich muss mal.

In Elberfeld hetze ich ins Daily Coffee.
“Den Schlüssel fürs Klo!”
“Ist besetzt.”
“Nein..!! Einen Kaffee im Becher. Und den Schlüssel!”
“Ist besetzt. Ein Euro.”
“Ich denk, da ist besetzt..”
„Kaffee, ein Euro.“

Die nächsten zehn Minuten kommen direkt aus der Pipsel-Hölle. Was das ist, Pipseln?
Wenn man als kleiner Junge ganz dringend Pipi muss und sein Geschlechtsteil drückt, damit nichts rausläuft, das ist Pipseln.
Jedenfalls haben Karlos und ich das früher so genannt. Mädchen pipseln übrigens auch, wie man mir später glaubhaft versichert hat.
“Ihr habt doch gar nichts zum Pipseln!” höhnte ich.
Hätt ich besser nicht gesagt. Nicht so. Es folgte ein wildes Knubbeln! durch die Gräfin.

(Knubbeln: Wenn wir uns als pubertierende Knaben gegenseitig in die Eier gegriffen haben, auf dem Flur vom Haus der Jugend und auf dem Schulhof, das war Knubbeln.
Der gefürchteste Knubbler weit und breit war Mofa-Bastler Volkhard H., wegen seinen öligen Ritzelfingern auch Ölauge gerufen.
“Ölauge, du Pottsau! Deine Mutter bezahlt die Reinigung!”

Immerhin, der Kaffee im Daily Coffee, brühwarm, legt sich als Schlick auf meine Blase.
Aber nur kurz.
Dann geht nichts mehr.
Ich steh kurz vor dem Einnässen und laufe wie blöde durch den vollbesetzten Daily Coffee, pipselnd.

Zwei alte Damen stehen von ihrem Tisch auf, und helfen sich gegenseitig in den Mantel.
“Immer noch besetzt?” fragt mich die eine voller Mitgefühl.
Ich nicke.
Ich bin kaum noch durchblutet.
Ich bin ein käseweisser Harnhund.
“Müssen Sie mal an die Klotür klopfen”, sagt die Dame.
“Genau, junger Mann. Mal kräftig Bescheid sagen!” meint auch die zweite Dame.

Exakt in diesem Moment öffnet sich die Tür vom Herrenklo. Heraus tritt ein 17jähriger Bursche, der sofort in Empfang genommen wird, von seinen beiden Kumpels, die auf ihn warten.
“Mann, Alter, wie lange brauchst du denn?!”
“Wieso, wie lang? Ich war nur fünf Minuten weg..”
“Alter, ne halbe Stunde! Die Leute warten schon.”
“Sollen sie doch warten! Wenn ich mal kacken muss, muss ich mal kacken! Oder nich?!”

Ich reiss ihm den Schlüssel aus der Hand, der an einem plüschigen Anhänger steckt, einem nassen kleinen rosanen Elefanten.
Brrrrh!!

Als ich endlich, endlich vor dem Pissoir stehe, kommt erst gar nichts. Ich kann nicht pinkeln. Es hat zu lange gedauert.
Nur hinten heraus pfeift eine kleine Perlenkette, ein Geräusch, das die Grossmutter der Gräfin „Pricken“ genannt hat.
Pricken!

Dann schlage ich schwer das Wasser ab. Wie ein altes Kernkraftwerk. Ein stiller Brüter.

°°°
Neugier ist mein erster Wohnsitz

Komma ich blute

März 31, 2008 by glumm

Dezember 85. Düsseldorf Hauptbahnhof. Die Tür der Schnellbahn spreizt sich automatisch, ich trete auf den Bahnsteig. Unschlüssig, ob ich in den Puff soll.
Fühl mich eigentlich nicht danach, andererseits.. nun bin ich schon mal hier. Also, erst mal auf die Nordstrasse in den Eroscenter.

Vorm Eingang liegen zusammengekehrte, schmutzige Häufchen Schnee, wie schwarzes Pürree, und im Geschäft stehen Männer vor dem Schaukasten mit Spezialwerkzeug unbeholfen wie Kinder vor der Fleischtheke.

“Ich hätte gern.. äh.. von dem.. da..”
“Von dem hier, kleiner Mann?”
“Genau, ja! Von dem.. da.”
“Das ist Gehacktes. Rindergehacktes.”
“Ja.. ein Pfund..”
“Gut, ein Pfund. Für die Mutti, was? Sonst noch ein Wunsch?”
“N- nein. Auf wiedersehen.”

Hinten durch sind die Videokabinen. Eine ist noch frei. Ich geh rein und schließ die Tür ab. Riecht komisch. Nach tausend Männern und nach Anstalt. Cws air control. Rolle Kleenex.

Der Bildschirm hat 64 Programme, per Knopfdruck abrufbar,
und zwar “zur richtigen Zeit”, wie einem versprochen wird: Spürt der Wichser, dass es ihm gleich kommen wird, muß er den Knopf nur so lange drücken PUSH bis er in einem der 64 Pornofilme auf eine Szene stößt, wo es dem Akteur auch gerade kommt, zur dekorativen PUSH Ejukalala.

Ich hab eine Knastszene drin.

Wärter rammelt Inhaftierte, zweiter Wärter stößt hinzu, selbstrammelnd, wortlos, ich höre nur das Videostöhnen aus der Nachbarskabine.

..endlich kümmert ihr euch um mein Vötzchen.. hab ich auch was davon.. blas ihn mir wieder hoch.. und jetzt.. zwei Schwänze.. oh Mann.. das hat es ja nicht mal.. in Paris gegeben..

(DABEI WAR ES IN PARIS GENAUSO)

..super.. jaaa.. spritz alles raus.. gleich.. jaa.. jeeetzt.. hast du es geschafft.. He!
Ich bin auch noch da..!

Ich auch. Ich will aber gar nicht spritzen. Will nur meine Konstitution prüfen. Pimmel-TÜV. Er steht so dreiviertel. Schlechtes Zeichen. Zuviel gesoffen gestern. Kommt es mir im
Puff gleich zu schnell. Da kann ich mir auch gleich einen kloppen lassen. Kommt billiger.

Fragt sich bloß, wo der Puff überhaupt ist.

Ist schon ein paar Jahre her. Besoffen war ich und die Nutte war noch besoffener und wollte immer nur MEHR GELD, doch ich hatte kein MEHR GELD, ich war nur biergeil, da hat sie sich meine weiße Schirmmütze gekrallt, die ich spaßeshalber trug, als Trophäe, war mir doch egal.

Kann mich ansonsten nur erinnern, dass der Kasten “Hinterm Bahndamm” hieß, also lauf ich durchs Bahnhofsviertel, Hände in den Hosentaschen, mies drauf wegen Lena, einsam, auf der Suche nach dem Puff, nach einer Hure, Schwachsinn alles, aber es treibt mich voran unter dichten, fleckigen Wolken.

Mehr als eine Stunde lang irre ich im Kreis herum, ohne Mumm, jemanden nach dem Weg zu fragen.
Einmal begegnen mir zwei Jungs, unrasiert, in ihrer Mitte ein Kasten Altbier, die wissen doch bestimmt, wo der Puff ist, die hätte ich fragen können, aber als ich mich endlich dazu entschliesse, sind sie schon weg.

Wie ich so rumlaufe fällt mir auf, dass ich hier in der Gegend schon mal gewesen bin, vor ein paar Jahren, mit dem dicken Hansen, ein Piece checken.

Der Dealer wohnte in einer Sozialwohnung und Paterre war ein Kiosk, das weiß ich noch genau, die verkauften nämlich Kölschbier in Düsseldorf, das merkt man sich.

Nachdem der Dealer, ein langer, hektischer Kerl, uns endlich geöffnet hat, nach mehrmaligen Klingelzeichen, wurde die Türe gleich wieder verrammelt, mit schweren Eisenketten und diversen Sicherheitsschlössern.

Und das bei meiner Bullenparanoia.

Die Wohnung, ein düsteres Loch mit abgeschabtem Teppichboden, das Licht gelb und spärlich. Aus mannshohen Boxen dröhnte Rodigan’s Rockers durchs Wohnzimmer, die Reggae-Sendung auf BFBS, dem britischen Soldatensender im Rheinland, eine Reggaenummer nach der anderen, knüppellaut.

Wir sitzen zu dritt am Tisch, Hansen, ich, der Dealer, der kiloweise Material im Haus hat, zwei verschiedene Sorten, er bietet uns Rauchproben an.

Ich würd am liebsten auf der Stelle wieder abhauen, doch das Geld ist Hansens Geld und der hat die Ruhe weg. Er wippt mit den Füßen, er spielt mit dem Autoschlüssel. Er hat nicht die Ruhe weg, er hat Lust auf die Situation.

Wir rauchen Bong.

Der Reggae, der immergleiche Rhythmus, der Dealer, der plötzlich aufsteht und hin und hertigert, als erwarte er jeden Moment die Bullen oder den bulgarischen Lieferanten, dem er 10.000 Mücken schuldet, die ganze Atmosphäre ist es, die in mir das Haschisch implodieren läßt, das geht ganz schnell, das schiesst in mir hoch,

ich krieg Platzangst. ZU ENG ALLES. Ich mein, der Typ hat doch nicht umsonst seine scheiss Wohnungstür so verrammelt.

Es ist dieses schiefe Gefühl, dass mir die Mitte entzwei reisst, irreparabel, das Herz hämmert während der dicke Hansen einen dicken Brocken Türken in der Hand hält, er spielt damit, unbeeindruckt, der Dealer wiegt das Dope ab, für das sich Hansen entschieden hat, dieser verfluchte Reggae wuchtet meinen Leib aus, runterkommen, Glumm, komm, sag was, sag irgendetwas, egal, befrei dich, irgendwas belangloses, ich.. der Dealer scheint was zu bemerken, er kuckt so komisch zu mir rüber,

“Kennst du Soul Train..?” frag ich endlich, er versteht nicht, der Reggae, ich werd lauter, mit ausrutschender Stimme,
“..Soul Train.. läuft auch auf BFBS.. immer mittwochs..”,
da kuckt er weg, in seinen Bong, und meint lässig:
“Soul? Nee, Soul find ich nicht gut. Ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden.

Ich kann jetzt auch nicht gut finden, dass ich so blöde hier durchs Bahnhofsviertel stiefle, aber ich stiefle nun mal blöd durch die Gegend, so ist das nun mal, scheiss doch der Hund drauf, und so frag ich endlich einen Typ in meinem Alter, ob er weiß, wo dieser verdammte Puff ist.

“Durch den Tunnel, dann rechts und immer geradeaus.”

Hinterm Bahndamm. Genau. Ich erkenn es wieder.
Vorm Eingang zum Kontakthof steht eine Gruppe älterer Türken, sie lamentieren unterdrückt, rauchen.

Ich geh in den Hof.
Zwei Nutten lehnen an der Backsteinmauer.
“Kommste mit?”
Ich grinse.
“Da grinst der nur.”

Ich streife die unterste Fensterreihe ab, doch die meisten Vorhänge sind zugezogen. Auf den Scheiben stehen die Zimmernummern.
Manchmal auch ein Name. Gabi.
In der Hofmitte, an den Münzgeldautomaten, scharen sich die Freier, die den ganzen Tag hier rumlungern.

Plötzlich steht sie neben mir.
“Magst du dich verwöhnen lassen..?”
Lederstiefel, langes dunkles Haar, freundliche Augen.
“Weiß nicht.”
“Na, komm.”
Sie hakt sich bei mir unter.
Mit dem Lift fahren wir die drei Etagen hoch, ihr Zimmer hat Nummer 58.

“Das erste Mal hier?” fragt sie, als ich in dem engen Kabuff stehe, die Hände in den Taschen.
“Was.. nein.”
“Wieso guckst du dich dann so hier um?”

Ein Feldbett mit brauner Steppdecke, zwei Stühle, eine Schale mit Präservativen und Bonbons.
Das Radio läuft. Zum Glück nicht BFBS.
“Und, was möchtest du? Schön bumsen und blasen?”
Ich bin zu nervös zum bumsen.
Zuviel Handschweiß. Die Fischangst meiner Hände.
“Nur runterholen.”
“Och”, sagt sie enttäuscht und zieht sich nicht weiter aus. “Vierzig Mark. Warum nicht schön bumsen und blasen?”

Ich lege zwei Zwanziger auf den Tisch, die sie sich gleich grabscht und in eine Dose steckt.
“Dann mach dir es mal bequem.”
Ich setz mich auf den Bettrand, hab keine Lust mich auszuziehen nur für einen runterholen.
“Schwanz waschen?” fragt sie noch.
“Nachher.”

Ich lass die Jeans runter, sie setzt sich halb nackt dazu, ihren Pulli bis knapp über den Busen hochgeschoben.
“Wirklich nur wichsen.. hallelujah? Nicht schön bumsen und blasen?!”
“Nur wichsen.. hallelujah.”
“Dann leg dich mal zurück.”

Sie reißt ein Kleenextuch aus der Schachtel und breitet es in Spritzrichtung über meinem Bauch aus.
“Magst du geile Bilder sehen?”
Ich mag nicht.
Dann macht sie es. Ich guck zu.
Sie guckt zu.
Sie macht es gut. Gekonnt.
Ich fummele ihr ein bisschen an den Titten rum, lass es aber schnell wieder, es ist einfach zu ..nuttig.
Als ich komme, ruft sie: “Spritz in die Luft”, und ich muss beim abspritzen lachen, fast.

Sie lächelt und reicht mir noch ein Kleenex.
“Ging schnell..”, sag ich, halb fragend.
“Geht so, bei manchen muss ich das Ding nur mal anfassen, dann kommen sie schon.”
Sie geht zum Waschbecken.
“Komm, Schwanz waschen.”
“Lass mal”, sag ich, “ich riech gern nach mir.”
“Na, okay. Jetzt hast du schön leergespritzt und du weißt, dass ich gut bin, kommst du später noch mal wieder, schön bumsen und blasen.”
“Mh”, sag ich und nehme die Treppe.

Im Kontakthof schnitz ich mir was markantes um den Mund herum, wer weiß, ob nicht einer von den Pennern hier mitgekriegt hat, wie ich mit der Kleinen im Puff verschwunden bin, und jetzt, gerade mal zehn Minuten später, bin ich schon wieder draußen.
“Schnellspritzer!” höre ich sie mich verhöhnen, “Dreimal hoch, dreimal runter, hahaha!”, also schnitz ich mir eine Maske, will sagen: ich hab mit der Nutte nur ein Geschäft abgewickelt oder sie erdrosselt oder was weiß ich denn.

So lüge ich mich bis zum Ausgang, wo die Türken stehen und lamentieren und Pistazienschalen ausspucken, und natürlich
hat niemand etwas mitgekriegt von meiner Schnitzarbeit, geschweige denn mich ausgelacht: Männer im Puff interessieren sich für alles mögliche, nur nicht für andere Männer.

Ich will weg aus dem Viertel.
Steuer die nächste Haltestelle an.
Mit der Straßenbahn Richtung Altstadt.

Morgen ist Heiligabend, die Menschen haben es eilig. Schieben sich in Kolonnen an den Schaufenstern vorüber, nur vorm Kaufhaus Horten sehe ich einen Jungen stehen, der mit Brille und Sheriffstern, zu seinen Füssen eine Zigarrenkiste mit Münzen, in aller Seelenruhe Adventslieder trällert, fünf Minuten vorm Stimmbruch.

Ich mache Rast an einer Bratwurstbude.
“Drei Reibekuchen.”
“Mit Apfelmus?”
“Mit Apfelmus.”
Das einzig Wahre nach einem nietigen Bordellbesuch.
Der Koch, er trägt eine weiße Mütze, reicht mir die öligen Kartoffelplätzchen auf einem Pappteller und erkundigt sich bei dem Mann neben mir:
“May I help you, Sir?”
Ich guck mich um.
“Yeah, Sir. We want a Wurst.”
Ich frage mich, woran der Koch den Amerikaner gleich als Amerikaner identifiziert hat, er steckt in einer schlabbrigen, karierten Stoffhose und glotzt so WASP aus der restlichen Wäsche, na gut.

“You want this one?”
Die Mütze nickt in Richtung Schwenkrost, auf dem eine Reihe Thüringer Rostbratwürste verkokeln.
Der Tourist schaut sich unsicher um, nach seiner Gattin, die in etwa zwanzig Metern Entfernung das gemeinsame Gepäck
hütet.
“Well.. from Heidelberg, this Wurst?”
“Heidelberg?!” Die Mütze nickt abermals. “Sure, Heidelberg.”
“Alright, Sir. Two Heidelberger.”

Apfelmusbekleckert reih ich mich wieder ein in den vorweihnachtlichen Strom, beobachte die Beine der Passanten als liefen sie alleine herum, was eine Weile Spaß macht, aber dann öde wird.
Ich überlege, ob ich mich vielleicht ans Rheinufer setzen soll, eine Runde Frachtkähne zählen, also die, die rheinaufwärts kommen, gegen die, die rheinabwärts schippern, an sich ein spannendes Spielchen, aber dafür ist es zu kalt, zu nass.

Von der Helligkeit der Schaufenster angezogen, bleib ich schließlich doch stehen, vor einem Frisörsalon.
Eigentlich könnte ich mir ja die Haare schneiden lassen.
Immer nur Locken, dicke unordentliche Locken, seit ewigen Zeiten.
Ich komm mir überhaupt so siffig vor.
Keine Alte guckt mich mehr mit dem Arsch an.

Ich geh rein.
“Womit kann ich dienen?”
Ich hab keine Lust zu reden und mach mit der Hand eine Scherenbewegung, schrabb, schrabb.
Ob ich einen Termin habe?
“Ich habe nicht oft Termine.”
Der vollbärtige Führer, Geschäftsführer nehme ich an, mustert mich geringschätzig auf gleicher Augenhöhe und überfliegt eine offenliegende Kladde.
“Siebzehn Uhr hätte ich etwas frei.”
“Sie… und jetzt gleich geht’s nicht?!”
“Nein, leider. Sie sehen ja, alles besetzt. Tut mir leid.”

Mir nicht. Ich finde, er stinkt, und probiere es in zwei, drei anderen Salons, bei Gina schließlich habe ich Glück.
Kleiner Palast.
Sie hilft mir aus der Jacke und bietet mir einen Platz an.
So ein Tischchen mit bequemen Sesseln drum herum.
“Möchtest du einen Kaffee?”
Endlich mal nicht diese dämliche Düsseldorfer Siezerei.
“Kaffee, ja.”
Sie serviert ihn postwendend, lauwarm.
Von einem Stapel Illustrierte nehme ich mir die oberste, ein Düsseldorfer Stadtmagazin, Zeitgeist-Geseier von Leuten, die für eine Szene schreiben, die längst verreckt ist, an ihren eigenen Leuten.

..aber was red ich hier überhaupt?
Gina hilft mir da raus.
“Kommst du mit?”
Vor einer Batterie von zwanzig Spiegeln stehen lederne Drehstühle, Gina führt mich zu einem, der frei ist.
Sie greift mir ins Haar.
“Guck mal - gefällt dir das so? Steht dir viel besser, kommen deine Augen mehr zur Geltung.”
Augen. Die ist gut. Trübe Glubscher seh ich. Rotunterlaufenes Material. Junge, sehe ich lädiert aus. Bin ich froh, wenn der Mist runter ist.

“Stehst du mal eben auf?”
Sie bindet mir einen hellblauen Kittel um. Blau ist für Jungens, oder wie?
“Noch einen Kaffee?”
Bloß nicht.
Ich setz mich wieder und schau mir ein bisschen die ganzen Stylisten an, wie sie um die Kundschaft herumwieseln und
dabei Konservation machen, mit nervös zuckenden Augenlidern.

“Kommst du mal mit?”
Ich bin hier nur am Mitkommen.
Diesmal nicht mit Gina, sondern mit einer dezent Rothaarigen.
Es geht eine Etage höher, zum Haare waschen.
“Such dir ein Waschbecken aus.”
Ich nehme das erstbeste.
Behutsam drückt sie meinen Kopf in die Nackenschale, und schon braust das Wasser warm durch mein Haar.
“Ist die Temperatur angenehm so?”
“Hm.. ja.”
Es gluckert leise im Abfluss.
Sie legt Shampoo auf, dass mir ja nichts in die Augen läuft, die sind rot genug, und massiert meine Kopfhaut, ich schließe die Augen und entspanne mich, endlich, zum ersten Male heute, und fast scheint es, als mache sie es zärtlicher als unbedingt nötig, aber vielleicht ist es nur der Hygiene wegen, egal, heute bin ich für alles am Löhnen, erst für die Hure, damit sie mir einen runterholt, jetzt für die Frisöse, dass sie mir einen krault.

“So.” Sie rubbelt mein Haar trocken. “Fertig.”
Die Treppe wieder runter auf meinen Drehstuhl.
“Magst du noch einen Kaffee?” kommt Gina an.
Will die mich verscheißern?! Sie reicht mir den TEMPO, den ich wortlos ablege, und dann fängt sie an zu schneiden.
Und zu reden.
Sie redet und schneidet und redet, dass ich mich nach einer Weile genötigt sehe, auch mal was zu sagen, bloß - was?
Ihr französisches Aussehen verleitet mich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei.
Sie lacht.
“Nein. Italienerin.”
Gott sei Dank.
“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.”
Scheiße.
Sie trägt ein schwarzes Leibchen, das jede Menge Bauch herzeigt, und während sie nun mit scharfem Schnitt in mein krauses Haar fährt, versuch ich ein Stück von ihrem Busen zu erhaschen, aber der ist gut und feste versteckt, keine
Chance.

Schließlich ist der Struwwel entpetert, und Gina rasiert mir den Nacken aus.
Bin hart an der Grenze zum Hautkopf.
Doch, sehr diszipliniert.
Gina föhnt. Gina gelt.
“Pass mal auf”, sagt sie. “Gleich auf der Strasse guckt sich jedes Mädel nach dir um.”
“Ich nehme dich beim Wort”, sag ich.
Sie reicht mir ihre Visitenkarte.
“Wenn du mich mal weiterempfehlen möchtest..”

Draußen beisst es mir im Nacken, sehr ungewohnt, dieser freie Zugang zur Kälte.
Ich taxiere die schönen Frauen, he, alle mal herschauen, der Glumm war beim Frisör, doch die Resonanz lässt zu wünschen übrig. Was möglicherweise auch an meinen Klamotten liegt. An der ausgebeulten Jeans, mit Mus bekleckert.
Also - keine halbe Sachen! Eine neue Hose muss her.
Warenhaus. Hier sind die neuen Ganzen. Sachen. Hosen. Herrenmieder. Stangenware.
Aus Jux probiere ich eine Bundfaltenhose an, die passt sogar, ist mir dann aber doch zu affig.
Was mir gefällt, das sind schwarze verwaschene Jeans in Karottenform.
Ich nehme mir ein paar solcher Hosen mit in die Umkleidekabine, die riecht nach grober Leberwurst.
Oder sind das meine Schweißfüsse?
Hat die Nutte aber nichts von gesagt.
Allerdings hab ich mich da gar nicht ausgezogen.
Richtig.

Eine Hose ist mir zu weit, schlabbert an der Taille, die nächste Karotte ist zu kurz, und eine weitere zu eng.
Ich komme einfach nicht zurecht mit den amerikanischen Größen.
Gebe entnervt auf.
Stolpere draußen durch die einbrechende Dunkelheit, die Weihnachtseinkäufer.
Kein Schwein nimmt Notiz von mir.

Ich versuche es im Karstadt.
Gehe zielstrebig auf den Verkäufer zu, einen Asiaten mit dünnem roten Lederschlips.
“Meine Bundweite, bitte”, sage ich.
Er versteht nicht, ich wiederhole, er versteht und holt ein Zentimeterband.
“Was suchen Sie denn?”
“Schwarze Jeans. Karottenform”, erkläre ich bündig, er nickt und verschwindet und schleppt wenig später einen Haufen Hosen an, nur nicht diejenige, von der ich rede.

Ein deutscher Ober-Verkäufer stößt hinzu.
“Kann ich Ihnen weiterhelfen..?”
Er bedeutet dem Chinesen, dass er sich vom Acker machen soll, und ist oberfreundlich. Zu mir.
“Mein Kollege ist ganz neu hier”, sagt er entschuldigend, und ich trage dem Glattarsch auf, mir eine Jeans zu suchen, er bringt mir drei Stück in verschiedenen Größen, ich mache Leberwurst aus der Kabine, die Jeans passen alle drei, mehr oder weniger, ich entscheide mich für die engere und behalte sie gleich an.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, dennoch versuche ich das weibliche Düsseldorf zu provozieren mit flackernden Blicken.
An der Straßenbahn- Haltestelle Richtung Hauptbahnhof gelingt dann tatsächlich ein längerer Augenflirt mit einer hinreißenden Dunkelhaarigen, bis sie einsteigt und abrauscht ohne sich noch mal umzudrehen, die blöde Kuh.

Schnellbahn zurück nach Solingen.
Ich starre nur noch aus dem Fenster.
Dingsda e pericoloso. Bitte nicht hinauslehnen.
Ja genau.
Mein Gegenüber, ein älterer Türke, macht mich per Handzeichen auf das Kärtchen aufmerksam, das mir aus der Jackentasche gerutscht ist.
Ich hebe es auf.
Endstation.

Noch vom Bahnsteig aus rufe ich die Nummer an und frage, was sie mir denn da versprochen habe, so leichthin.
“Wie..? Wer.. spricht denn da?”
“Na, der Typ, dem du heute die Locken geschnitten hast!”
“Ah.. ja, und was hab ich dir versprochen?”
“Dass sich jedes Mädel nach mir umguckt! Das haut nicht hin! Das ist eine Lüge!”
Gina gackert.
“Du darfst nicht aufgeben.”
“Ja”, sag ich, und leg auf.

Die Niete

März 14, 2008 by glumm

1
Unser erster Hund hieß Niete.

Niete war ein vanillefarbener Collie-Schäferhund-Mischling mit einem freundlichen Wesen, der wie ein offener Mantel auf die Menschen zuwehte. Bis auf Betrunkene und Schwarze, komischerweise. Auf die nicht.
Die wurden verbellt.

Wenn wir ins Mumms gingen, lief Niete die letzten hundert Meter voraus. Sie konnte es kaum abwarten. Kam sie in der Kneipe an, hörten wir es Jaulen und Kläffen wie in einem Western, aber es war nicht der Hund, der jaulte, sondern es waren die Mummsbesucher, die unsere kleine Niete begrüßten.

Vor allem Benno, der Stammgast aller Stammgäste, hatte sie in sein Herz geschlossen. Er spendierte Pferde-Frikadellen und Plätzchen bis Niete von ganz alleine abwinkte und sich für den Rest des Abends vor den Eingang legte, wo man über sie hinwegsteigen musste.

Die Dame verdaute.

2
Sie war sieben Jahre alt, an diesem Novembermontag 1993.
Wie immer, wenn ich sieben Nächte hintereinander als Nachtportier im Hotel abgesessen hatte, ging ich an meinem ersten freien Tag einen saufen.
“Treib’s nicht so doll”, sagte die Gräfin, die gerade im Keller eine Waschmaschine angeworfen hatte, “und sei leise, wenn du heut Nacht nach Hause kommst.”

Und: “Die Niete ist so komisch”, hatte sie gesagt, da stand ich schon in der Jacke im Flur. “Die schleicht so bedröppelt hinter mir her.”
Weil das so ganz ungewöhnlich nicht war, machte ich mich auf ins Mumms.

Nachts um halb drei kehrte ich heim, bekifft und blau, wie immer, und wie immer hab ich Niete noch mal kurz in den Garten gelassen zum Pipimachen, während ich in der Küche saß und mir dicke perverse Brote mit Gewürzketchup schmierte.

Als ich die Haustüre aufmachte, saß Niete merkwürdigerweise nicht schwanzwedelnd auf den Stufen, im Gegenteil, ich musste sie mehrmals rufen, bis sie endlich angeschlichen kam, mit eingezogenem Schwanz.
Dann kroch ich zur Gräfin ins Bett und pennte auf der Stelle ein.

3
Dienstagmorgen.
Uns fällt auf, dass Niete sich komisch bewegt. Ihr klappen dauernd die Hinterbeine weg.
Wir wissen nicht, was los ist.

Um elf ruft die Gräfin beim Tierarzt an. Die Spechstundenhilfe vertröstet uns auf 15 Uhr, wenn die Praxis wieder öffnet.

Mittags schellt es. Karlos.
“Die Niete ist krank”, sag ich, doch das etwas faul ist, merkt er auch so.
Anstatt laut kläffend zur Tür zu stürmen (”Mensch, Niete, halt die Klappe!”), liegt der Hund wie gelähmt unterm Küchentisch.
Nur zwei, drei bemühte Wuff-Laute gibt er von sich, dabei würde er sich ja gerne freuen.
“Dieter, was ist los mit dir?” sorgt sich Karlos und streichelt ihren Bauch, wobei ihm ihr Blick auffällt.
“Mit den Augen stimmt was nicht.”

Wir sitzen bis kurz vor drei in der Küche und die Gräfin wird zunehmend unruhig, macht sich Sorgen, zu lange zu warten mit dem Tierarzt.
“Es gibt auch noch andere Tierärzte. Die nicht mittags zumachen.”
Erste dunkle Vermutungen machen die Runde: einen Tag zuvor ist der Bruder vom dicken Hansen ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Diagnose: Hepatitis.
Wir reden nicht weiter darüber.

Um drei Uhr fahren wir zum Arzt. Ich hab Niete auf dem Arm. Sie kann sich mittlerweile nicht mehr bewegen.
Ich leg sie im Wartezimmer ab.
Während die Gräfin auf die Tierärztin wartet, rauch ich mit Karlos eine Kippe im Hinterhof.
Es ist kalt.
“Wo kann man denn gleich was klarmachen?” fragt Karlos.
Ich weiss, wo.

Niete liegt schon hell ausgeleuchtet im Behandlungszimmer auf dem Untersuchungstisch.
“Guck mal, die Niete ist ganz gelb”, sagt die Gräfin.
Sie zeigt mir Niete’s Bauch. Sogar die Zitzen sind gelb.
Wir fragen uns, wo die Ärztin bleibt. Wir hören ihre Stimme. Wahrscheinlich kriegt im Nebenzimmer irgendeine Scheisskatze ihre Impfung verpasst.

Als die Ärztin endlich eintritt, eine sportive Erscheinung in perfekt sitzender weisser Arzthose, ist “Gelbsucht” ihr erstes Wort, und ob wir einen Kaffee möchten.
Die Gräfin, die auf einem Hocker direkt am OP-Tisch sitzt und Niete krault, nimmt einen Becher, ich nicht.

Die Ärztin untersucht Zahnfleisch, Augen, erkundigt sich nach der letzten Impfung, Farbe des Stuhlgangs und so weiter.
Sie schiebt Niete ein Thermometer in den Hintern.
41 Fieber.
“Das an sich ist schon lebensbedrohlich. Ich würde Ihnen ja empfehlen, den Hund in die Klinik nach Duisburg zu bringen. Da ist er die ganze Nacht unter Beobachtung.”

Die Gräfin und ich gucken uns an. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Tierklinik ist teuer und besteht auf Barzahlung. Wir sind so gut wie blank.
Die Ärztin nimmt uns die Entscheidung aus der Hand.
“Wir können es auch hier versuchen.”

Während Niete an den Tropf angeschlossen wird, erklärt sie uns, dass man hohes Fieber bei Hunden lediglich am auffälligen Verhalten erkenne. Wegknicken der Läufe, Lähmungserscheinungen.
“Eine heisse Stirn haben Hunde nicht.”

Weil Niete noch eine halbe Stunde am Tropf hängen muss, bevor wir sie mitnehmen können, fahr ich mit Karlos in die Stadt, auf ein Bier und ein Pack schecken.
Ich fühl mich wie ein Arschloch. Der Hund kämpft mit dem Tod und mir fällt nichts besseres ein, als mich breit zu machen. In Karlos Wagen ziehen wir eine Nase, bevor er mich zurückfährt in die Praxis.

Ich kann von aussen in das Behandlungszimmer gucken, und es zerreisst mir das Herz, dieses Bild, wie die Gräfin am Tisch sitzt, den kranken Hund streichelnd und wie traurig und verloren sie zum Fenster hinausschaut, wobei ihr Blick in der Gardine hängen bleibt, ohne dass sie mich draussen wahrnimmt.

Als ich den Behandlungsraum betrete, schaut sie auf, als sähe sie mich zum ersten Mal in ihrem Leben.
Wir kaufen in der Apotheke ein Thermometer und bringen Niete nach Hause.

Abends gibt es Hähnchen. Das ist natürlich gemein, schliesslich ist Geflügel Niete’s Lieblingsspeise, aber sie hat keinen Hunger, trinkt auch kaum Wasser, obwohl sie Durst hat vom Fieber, aber sie kotzt alles gleich wieder aus, wie Galle.

Während wir ohne Sinn für den Geschmack zu Abend essen, versucht Niete aus dem Zimmer der Gräfin, wo sie auf ihrer Schmusedecke liegt, zu uns zu kommen, es gelingt ihr aber nicht. Sie schleppt sich ein Stück vorwärts und bricht zusammen.
Man kann es nicht mitansehen, aber sie will unbedingt bei uns sein, bei uns unterm Küchentisch.
Die Gräfin setzt sich daraufhin zu ihr auf den Boden und isst dort den Hähnchen-Teller.

Spät am Abend tragen wir Niete nach draussen, gleich ins Gebüsch gegenüber vom Eingang, nicht in den Garten. Vielleicht muss sie ja mal.
Weil sie nicht von alleine stehen kann, halten wir sie fest, doch sie versucht einen Schritt zu machen, es ist dunkel, es macht platsch!, dann fällt sie um, mitten in ihre Scheisse rein, wie ich vermute. Wir tragen sie in die Küche zurück und sehen die Bescherung: der Hintern ist urin-und blutverschmiert.

Die Gräfin ruft die Nummer der Tiernotärztin an. Die wiegelt ab, meint, Blut im Urin sei nicht ungewöhnlich bei diesem Krankheitsbild.
Ich bekomme den Eindruck, dass man Niete schon aufgegeben hat, es uns aber nicht direkt sagen will.

Ich bin groggy genug, um etwas zu schlafen, doch immer wenn ich in der Nacht wach werde, höre ich das Piepsen des Digital-Thermometers und die Gräfin wechselt die kalten Umschläge, mit denen sie das Fieber tatsächlich zeitweilig unter 40 Grad drücken kann.

Sie schläft so gut wie gar nicht.
Sie ist gereizt, sagt dauernd “Niete, jetzt bleib doch mal ruhig”, weil Niete sich immer wieder aufzurichten versucht, was aber nur noch mit dem Kopf klappt.
Es sieht so sinnlos aus.

4
Morgens um sieben klopft ihr Herz so doll, dass ich glaube, es springt gleich heraus.
Um viertel vor Acht fahren wir langsam in die Praxis.

“Um ehrlich zu sein, ich hab heute nicht mehr mit Ihnen gerechnet”, sagt die Tierärztin.
Einmal, als die Gräfin aus dem Zimmer ist, streichle ich Niete’s Fell und flüstere “Tja, kleine Niete, das war’s dann wohl”, so tobt ihr kleines Hundeherz.

Diesmal bekommt sie einen Herzkatheter, mit Vitamin K gegen Rattengift. Wieso das nicht schon gestern geschehen ist, frage ich nicht.
Später erscheint auch der Doktor. Ein leger gekleideter Mann und Bartträger, der Tiere nicht so gerne anfassen mag.
Er ist ratlos.
Blut im Urin, Stuhlgang gestern normal, das Fieber ein wenig gesunken.
Er sitzt nachdenklich da, die Finger im Bart.
“Haben Sie geröntgt?” fragt er die Ärztin. Die verneint.

Wir stehen die meiste Zeit still dabei, wir haken nicht nach, wir sind gelähmt.
Wir haben Angst.

Wo wir mit dem Hund gewesen seien, will er wissen, am Sonntag, dem Tag, bevor die ersten Symptome aufgetreten sind. Wir waren nur im Park, und am Abend haben wir den Hund kurz in den Garten gelassen.
Mehr nicht.
Er vermutet eine Vergiftung.

Der Venenkatheter wird abgestöpselt und Niete kommt wieder an den Tropf.
Diesmal nehmen wir ihn mit.
Die Ärztin, die zunehmend flüchtiger wird, erklärt uns noch, wie wir den Tropf anlegen müssen, wenn wir daheim sind.
“Wie lange dauert es, falls Niete doch wieder auf die Beine kommt”, frage ich sie, beinahe trotzig.
“Zwei, drei Wochen”, sagt sie, guckt aber schnell weg.

Beim Bezahlen vorne am Tresen erzählt eine Frau der Gräfin, dass ihr Mops sechs Wochen lang Gelbsucht gehabt hätte, und nun sei er wieder kerngesund. Da schöpfen wir ein bisschen Hoffnung, obwohl ihr kleiner Zuckerhund alles andere als kerngesund aussieht.

Zuhause legen wir Niete eine Wolldecke in die Küche.
“Dann müssen wir dich die nächste Zeit aber schön verhätscheln”, sag ich noch, da muss sie kotzen.
Es ist wieder Galle.
“Schnell!” sagt die Gräfin.
Ich soll ein Handtuch drunterschieben.

Niete versucht zum x-ten Male, ihr Köpfchen zu heben, es sieht so furchtbar schief aus, und sie seufzt so schwer, wie ich sie noch nie seufzen gehört hab. Ihre Zunge schiebt sich ganz klein aus der Schnauze heraus, und die Gräfin, in Tränen aufgelöst, wiegt sie im Arm.
“Nietee! Nein! Nicht..!”

Es klingt, als ersticke der Hund, ich laufe hilflos im Rücken der Gräfin herum.
“Andi, mach den Tropf dran!” ruft sie verzweifelt und ich hantiere ungeschickt an dem Beutel herum, da setzt das Herz aus.
Niete atmet noch, jedenfalls kommt Luft, es ist fast ein Auspusten, und in ihrer Panik versucht die Gräfin, den Hund noch durch die Nase zu beatmen.
“Halt durch, Niete..”
Die Gräfin klagt laut, ich bin still.
Niete liegt drei Stunden lang tot in der Küche, auf der Decke.

5
Mittags geh ich zu den Gärtnern und leihe mir zwei Spaten und eine Schubkarre.
Das Grab muss mindestens einen halben Meter tief sein, hat der Tierarzt noch gesagt, als ich ihn angerufen hab, weil wir zunächst nicht wussten, wo und wie wir Niete beerdigen sollen.

Es ist ein grauer, nieseliger Novembertag. Die Gräfin schiebt die Karre, auf der Nietes Körper liegt, in die Decke gehüllt. Ihre Schnauze guckt ein Stück heraus.
Ich trage die Spaten und geh voraus.

Hinter der Fußballwiese ist ein Stück brach liegendes Land, wo im Sommer meterhoch die Brennessel stehen. Da können wir sie immerzu besuchen, da hat sie ihre Ruhe. Und gleich nebenan dümpelt der Bach.

Während die Gräfin praktisch ununterbrochen schluchzt und weint, als wir das Grab ausheben, setzen meine Tränen erst mit dem Begräbnis ein.
Der Tod hat immer zwei Orte: wo er zulangt, und wo er bleibt.

Der Ort des Todes hinterlässt ein Loch. Das Loch in der Küche.
Wir sitzen Stunde um Stunde am Küchentisch und wissen nicht, wie uns geschieht.

6
Wir bleiben die ganze Woche beieinander, wir flüchten aus der Wohnung, wir machen einen Tagesausflug nach Kaiserswerth, wir gehen ins Kino, und wir machen einen langen Spaziergang an einem stürmischen Novembersonntag, wie zum Hohn, fast vier Stunden lang, haben wir doch mit Niete zum Schluss kaum noch ausgedehnte Touren unternommen.
Wir waren faul geworden.

Nun waren wir auf der Flucht vor dem Loch in unserer Küche, wir schauten jeden Tag nach dem Grab.
Die Todesursache blieb im Dunkeln.
“Ihr Hund hat uns ja keine Zeit gelassen”, hatte der Tierarzt am Telefon noch bedauert und uns von der Möglichkeit berichtet, Niete nach Krefeld zu bringen, ins staatliche Veterinärinstitut, zur Feststellung der genauen Todesursache. Aber wir hätten den Hund danach nicht zurückgekriegt. Und wer weiss, was man mit ihr alles angestellt hätte.

Die Gräfin macht sich Vorwürfe, zu spät zum Arzt gegangen zu sein, überhaupt zu sorglos gewesen zu sein, in der letzten Zeit.
“Nicht mal ein Thermometer hatten wir im Haus.”
Sie glaubt, dass die Niete hätte gerettet werden können, wäre das Fieber früher festgestellt worden.
Ich mag dieses “hätte” nicht.
Ich kann mit “hätte” nichts anfangen.

Ich versuchte dagegen zu halten, dass Niete ein prima Hundeleben hatte. Leine um den Hals war ihr weitgehend unbekannt, sie durfte nach Herzenslust herumstöbern, Kaninchen jagen, Jungbullen aufschrecken.
Ausserdem hatte sie sieben Jahre lang einen extralässigen Schutzengel gehabt. Sie hätte ein gutes dutzend Mal vorher tot sein können.

Da gab es diese Szene auf den Bahnschienen im Wald, auf denen Niete wie angewurzelt stehen geblieben war, hechelnd, nach einer erfolglosen Karnickeljagd.
Ich hatte geschrieen wie ein durchdrehender Oberst, sie solle von den Schienen wegkommen, und erst in allerletzter Sekunde bequemte sie sich, die Bohlen zu verlassen, keine fünf Sekunden, bevor die hupende Lokomotive die Stelle erreichte.
Danach war ich so erleichtert gewesen, es war das einzige Mal, dass sie von mir Prügel bezog.

Die emaillierte Wasserschüssel steht noch sieben Tage später nach Nietes Tod an ihrem angestammten Platz in der Ecke, während ihr Napf mittlerweile gespült ist.
Weil die Gräfin dem Tod so nahe wie möglich sein möchte, damit wir nicht so schnell vergessen und wieder in unseren Trott verfallen, isst sie einmal sogar aus dem Napf. Und das weiße Hemd, das sie beim Sterben trug und am Ärmel getrocknete Blutflecken aufweist, wechselt sie erst am Ende der Woche.

Ist das schon Kult?
Beweinen wir uns selbst?

7
Einmal war ich auf dem Pott, da hörte ich Nietes Bellen, draussen vor der Tür. So schnell hab ich mir nie wieder den Hintern abgeputzt.
Erst draussen hörte ich, dass es ein ganz anderer Hund war, ein ganz anderes Bellen.

Sieben Jahre waren wir zu diesem Zeitpunkt zusammen, und die ganzen sieben Jahre war Niete dabei gewesen. Wir hatten “Die kleine Niete aus unserer Strasse” gesungen.
Wir waren ein Trio.
Wie heute.

Watzmann

März 8, 2008 by glumm

Samstagmorgen im Heimwerkermarkt, Filiale Ohligs.

Während die Sonne durch die Glasfront brennt, lümmelt Oelze in der Gartenmöbel-Ausstellung auf der Hollywoodschaukel. Er stößt sich mit der Ferse ab und der Wippwind lindert die Luft, die stickig ist überm Königssee, der Fototapete, die Oelze mit Herrn Niebur angekleistert hat.

Oelze wippt, Oelze seufzt. Bei so einem Wetter tut er normalerweise keinen Handschlag. Das tut er jetzt zwar auch nicht, doch statt hier herumzuwippen würde er lieber mit der Gräfin den Watzmann hoch hüften und ihr die Sonnenstrahlen stehlen.
Ach, Gräfin. Du schöne Neue.

Verknallt knöpft Oelze den Kittel zu und schlappt eine Runde durch die Elektro-Abteilung, wo gerade ein Frühkonzert gegeben wird. Jemand probiert die diversen Türschellen, Glocken und Gongs durch.
„Junger Mann, ich habe da ein Problem“, wendet sich vertrauensvoll ein Rentner an Oelze. Der nickt mitfühlend auf.
„So? Was denn?“
„Also, ich habe ein Hock-Klosett zu Hause, so was Französisches, Sie wissen schon. Jetzt ist der Wasserdruck des Spülers aber so hoch, dass er mir nach dem .. öh…immer den.. na, Sie wissen schon, über die Füße schiebt, öh.“
„Also, ich weiß auch nicht“, rätselt Oelze, „da wenden sie sich am besten an unseren Gerd. Kommen Sie mal mit.“

In der Sanitär-Abteilung übt Klosett-Gerd Dahl, der grundsätzlich in schwarzer Skihose aufläuft und überhaupt aussieht wie ein alpiner Tanzlehrer, eine verzwickte Schrittfolge vor dem Art-deco-Spiegel.
„Ich hab da ein Problem..“, setzt der Rentner erneut an, und der Fachmann erteilt Rat.
„An Ihrem Spülkasten befindet sich eine Regulierschraube, die drehen Sie einfach ein Stück heraus. Oder noch einfacher, Sie kaufen sich einen Druckminderer. Aber am einfachsten: Sie kacken mittig in den Trichter! Hahaha!“
Eigentlich ist Dahl ganz in Ordnung, denkt Oelze. Wenn der nur nicht so verflucht nach einem Tanzlehrer aussehen würde.

Oelze spaziert zur Warenannahme. Vielleicht ist ja etwas angeliefert worden, irgendein Zeugs, das man Preisauszeichnen und Einregalen kann.
„Herr Niebur, wie sieht’s aus? Kleine Palette für mich?“
Herr Niebur sitzt am Pult und wienert seine Schuhe.
„Nee Jung, heut ist Samstag, da kommt hier nix mehr. Hab ich den andern auch schon gesagt.“

„OH SCHEISSE!“ flucht Hansa, gleich nebenan in der Holz-Abteilung. Hansa bedient die Säge und hat sich einmal mehr geirrt: statt einem Regalbrett die Kundschaft zersägt.
„Dem Hansa muss was über die Leber gelaufen sein“, glänzt Herr Niebur und schließt Lappen und Schuhbürste weg. „Ist schon sein Dritter heut.“
„ACHTZIG MAL FÜNFUNDZWANZIG!“ macht Hansa sich Mut. „Die Maße stimmen doch!“
„Das wird den Chef aber freuen“, meint Oelze und wuchtet seinerseits das Rolltor zur Rampe hoch. Der Frühling hält voll drauf, in der Ferne glitzert der Watzmann, mit seiner Kuppe aus ewigem Schnee.

Oelze lehnt sich an BÖCKELMANN, den Müllcontainer. Der verzehrt gerne geschlitzte Kartonage, mit ein bisschen Styropor drunter gemischt, dann brummt er friedlich und man kann prima mit ihm schwatzen, im Moment jedoch wirkt er ganz gram, in seinem Rostbraun.
„He, Oelze..“, spricht er mit schwacher Stimme, „..wirf doch mal einen Karton ein, von Gutbrod, wie letztens..“
Oelze erinnert sich.
„Der war klasse, was?“
Unter den Produzenten von Hollywoodschaukeln ist Gutbrod derjenige, der seine Gerätschaften in stabile, würzige Kartons verpackt, die exakt BÖCKELMANNS Geschmack treffen.
„Aber heute ist Ebbe, alter Knabe. Tut mir leid.“
Enttäuscht schließt BÖCKELMANN seine Klappe, „..schungg!“, und Oelze wird von Herrn Niebur gerufen.

„Hier ist doch was für dich, mein Jung. Eine Palette Rucksäcke, steht hinten in der Ecke. Aber auf dem Bogen fehlen die Preise, da musst du dich an den Eichkater wenden.“
Eichkater, stellvertretender Filialleiter, ist zwar ein pfiffiges Kerlchen, lungert aber die halbe Zeit in den Katakomben herum, wo er zwischen den Bilanz-Ordnern der vergangenen Jahre gut fünfzig Pötte Brauselutscher versteckt hält. Die sind eigentlich für die Kinder der Kundschaft bestimmt.
Oelze greift nach dem Wareneingangs-Bogen.
„Herr Niebur, falls Sie irgendwo einen Krümel Styropor auftreiben..“
„..dann werfe ich den in den BÖCKELMANN“, verspricht Herr Niebur, nebenan brüllt Hansa: „VERFLUCHT!!“, „Blutbad“, strahlt Niebur, „rekordverdächtig!“

Oelze schlendert Richtung Pausenraum, vorbei an den Kassenboxen, da sitzt die Geibel, das Relikt. Zickige Zähne, Dauerwelle, zerreißt sie sich das Maul über Klosett-Gerd Dahl, der ihr soeben eine Fehlgeburt gewünscht hat, übers Wochenende.
„Mit dir Tanzsack bin ich fertig!“ schnattert sie ihm hinterher und nimmt einen zornigen Schluck aus der Schnabeltasse.
Auch Oelze bietet sie die Zähne.
„Tagedieb!“ faucht sie ihn an. „Du willst doch gar nicht arbeiten, du…du Bergsteiger!“

Oelze steigt die Stufen zum Pausenraum hoch, wo Eichkater auf einem Autositzheizkissen mit Zigarettenanzünder probesitzt. In seinem Nacken wühlen Daumen und Zeigefinger von Gabi, der blonden Sekretärin, die Oelze morgens mit zur Arbeit nimmt.
Gerade versucht sie, Eichkater einen Pickel auszudrücken. Oder ist das ein Grützbeutel?
„Gabi, lass doch.. Der Pickel fällt von ganz alleine ab.“
Doch Gabi lässt nicht locker, bis Eichkater der Kragen platzt.
„Verdammt, Gabi.. das tut weh, wenn du so daran knibbelst!“

Auf dem Stuhl gegenüber brütet Klosett-Gerd über einer Stuyvesant.
„Gestern im Ersten gesehen, über die Elbfischer?“
„Nee“ sagt Eichkater genervt, und Gabi quiekt auf, weil der fette Pickel sich öffnet.
„Da hat’s vor zwanzig Jahren noch mehr als tausend Fischer gegeben, an der Elbe, und heute gibt’s noch ganze zwölf, musst du dir mal vorstellen, und dann haben sie auch die Fische gezeigt, die sie mittlerweile aus der Elbe rausholen, mit Beulenpest und alles, ich sag euch, ich rühr kein Fischstäbchen mehr an.“
„Halt doch mal still!“ beschwert sich Gabi, weil Eichkater losprustet, plötzlich „..pffft!“ der Eiter, Gabi schreit: „Das Schwein bespritzt mich!“, und Eichkater röhrt: “Jetzt brauch ich aber erst mal was zum Lutschen!“
„Einen Moment“, schaltet Oelze sich ein, „ich hab hier einen Bogen, auf dem fehlen die Preise.“
Hastig überfliegt Eichkater das Papier, „Rucksäcke? Musst du den Gerd fragen“, und verschwindet in der süßen Kühle der Katakomben.

Klosett-Gerd feuert die nächste Sruyvesant.
„Die Rucksäcke kannst du zu den Gartenmöbeln fahren, Preise bring ich später rüber.“
„In Ordnung“, meint Oelze, stiefelt aber zunächst eine Etage tiefer zum Personal-Klo, wo er hin und wieder eine Rote Zora durchzieht. Während Oelze die Purpfeife bebröselt, hört er ein Knistern aus dem Archiv nebenan, ganz leis’, die Lutscherfolien.
„So ein Schleckermaul!“ lobt Oelze den stellvertretenden Filialleiter und steigt leicht bekifft wieder in den Laden hoch.

„JUHUUU!“ kreischt die Geibel, das Relikt, in ihrer Kassenbox, und schwingt einen zusammengeklappten Schirm, Taschenformat. „DEN HAT MIR EIN STAMMKUNDE GESCHENKT, OB DER WOHL BEI KNIRPS ARBEITET, VIELLEICHT IST ES JA DER DIREKTOR, IST ZWAR NUR SO EIN KLEINER, KOSTET IM GESCHÄFT HÖCHSTENS EINEN ZEHNER, ABER IMMERHIN, GESCHENKT IST GESCHENKT!“
Oelze fragt sich, mit wem sie überhaupt redet, weil alles sich abwendet, nur Klosett-Gerd Dahl schielt aus dem Pausenraum und zwinkert Oelze zu.
„Die Geibel hat ein neues Hobby. Sie züchtet Pilzkulturen.“
Oelze kann den Gag nicht mehr hören.
„In ihrer Muschi, ich weiß.“

Er flieht vor dem Inferno aus Lärm und gleißendem Neonlicht und verkrümelt sich eine Weile am Dübel-Center, wo es in der Regel recht ruhig zugeht. Außerdem hat man hier einen guten Blick auf die Kollegen, etwa den Praktikanten, der an Gondel 16 mal wieder mit dem Besen zugange ist.
Der Praktikant, ein Bär von einem Praktikanten mit riesigen, haarigen Armen, hat den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als um Gondel 16 herum zu fegen, den Blick zu Boden, in Demut. In spätestens zehn Tagen wird er einen Graben gezogen haben, metertief, und niemanden wird es aufgefallen sein, schon gar nicht der Kundschaft, die Gondel 16 weitestgehend meidet, sind dort doch härteste Ladenhüter im Angebot.
„Och, ich hab kein Bock mehr..“, singt Oelze vor sich hin, da sieht er aus den Augenwinkeln ein schweres Fußballerbecken auf sich zurollen.
Der Chef, ziemlich verärgert!
„Nichts zu tun ausser blöd rumdübeln, Oelze? Der Eichkater hat doch bestimmt was für dich! Ist ja nicht so, als wären wir hier bei armen Leuten. Wo ist der Eichkater überhaupt..? Eichkater!“
Oelze weiß auch nicht.
„Aber morgen hab ich wieder Bock!“
„Was? Wie? Morgen ist doch Ihr freier Tag! Eichkater..! EICHKATER!!?“
„Hier Chef!“
Zwischen Lampenständern und Zubehör ragt in der Elektro-Abteilung ein Lollie hervor, mit Brause.
Oelze wundert sich, wie Eichkater es so schnell aus dem Keller herauf geschafft hat, aber das wird das Geheimnis seines stellvertretenden Erfolgs bleiben.

Am Dübel-Center ordnet Oelze auch die letzte Schachtel ordentlich an den Haken, pikobello ist die Gondel jetzt, da lässt sich keine weitere Minute herausschinden, und bevor der Chef auf die Idee kommt, er, Oelze, solle an der Säge aushelfen, beim Gemetzel, schnappt er sich lieber die Palette Rucksäcke in der Warenannahme.

Herr Niebur sattelt gerade seine orangefarbene Elektroameise.
„Ah, gut dass du kommst, Oelze! Ich reite mal eben rüber zum Kiosk. Pass solang hier auf, aber vergiss nicht das Tor zu schliessen, falls du doch gehst.“
„Mach ich“, meint Oelze und spaziert auf die Rampe.

Die Vögel zwitschern, der Watzmann summt ein Liedchen, nur BÖCKELMANN pfeift auf dem letzten Loch.
„He, Oelze..“
Der tätschelt den Container.
„Tut mir leid, alter Knabe, ich hab nichts für dich.“
Er überlegt.
„Na ja, ein paar Brauselutscher hab ich natürlich in der Tasche, für den Eichkater, für alle Fälle.“
BÖCKELMANN ist alles andere als begeistert.
„Daran hab ich mir schon mal bös den Magen verdorben.“
Er öffnet seine Klappe, einen Spalt nur, und Oelze füttert ihn mit einigen Lollies, bis BÖCKELMANN schäumt: „Lass gut sein, bäh..!“

„So, dann mal ran an die Rucksäcke“, spuckt auch Oelze, allerdings in die Hände, und sucht sich einen Hubwagen. Pumpt die Gabeln unter die Palette mit den Rucksäcken und fährt los. Die stickige Luft im Laden macht ihn ganz benommen, und eine Weile fühlt sich Oelze, als führe er hier gar nicht durch die Gänge, sondern mitten durch sein Herz, wo er auf die Gräfin stößt. Ihr Gesicht fließt nah und warm, ihre Nasenflügel beben, und Oelze fährt Parallelslalom…
„JUNGER MANN, GEHÖREN SIE ZUM HAUS HIER?!“
Ein Greis im Rollstuhl knittert auf Oelze zu.
„Sozusagen..“
„WO KRIEG ICH DENN HIER ANSTREICHSACHEN?? ICH SEH SO SCHLECHT!“
„In unserer Farben & Tapeten.“
„HÄÄ?“
„FARBEN UND TAPETEN! ICH ZEIG IHNEN DEN WEG!“

Oelze kurvt mit der Palette Rucksäcke voraus, der Rollstuhl schnurrt hinterher, streift in einem engen Gang die Schnäppchen-Gondel, die klirrend zu Boden geht.
„WAT IS DAT SO LAUT HIER, JUNGER MANN??!“
Oelze ist in hundert von einhundert Fällen heilfroh, wenn er die Kundschaft wieder vom Hals hat.
„WEGEN IHREN ANSTREICHSACHEN, DA WENDEN SIE SICH LIEBER AN UNSEREN HERRN HELLMANN, DER IST DA SPEZIALIST!“
„Wah..? Wer..? Hell..mann..??“
„WEGEN IHREN ANSTREICHSACHEN!“
„Anstreich..? Nein, ich..“
Hellmann, im ganzen Bergischen Land berüchtigt für seine einnehmende Art, hat ganz in der Nähe gerade nichts zu tun.
„IN WELCHER FARBE MÖCHTE DER HERR DENN STREICHEN, BITTE SEHR?“
„Streichen, ich? Nein..ich meine, das ist nicht für mich, mehr für meinen Sohn…“
„ACH WAS, DAS MACHEN WIR BEIDE SCHON“, schreit Hellmann, und schiebt den Alten in sein Revier, „JETZT KOMMEN SIE ERST MAL MIT.“
„Mein Sohn“, winselt der Greis, „sollte vielleicht doch besser selbst vorbeischauen..“
Zu spät. Hellmann hat ihn bereits in der Mache.
„SOO, ZUR ENTSPANNUNG GIBT’S ERSTMAL EIN KÜSSKEN, NICHT WAHR!“
Oelze sieht zu, dass er Land gewinnt, samt seinen Rucksäcken.

In der Holz-Abteilung steht Hansa an der Säge, mit Ohrschutz, daneben ein Kunde.
„Würden Sie mir die Latte hier in zwei Teile sägen? Da will ich mir ein Fliegengitter draus bauen, aber so kriege ich die Latte doch nicht in mein Auto verstaut.“
„WELCHE LATTE?“ klagt Hansa.
„Nun ja, die Latte hier eben…“
„DAS IST EINE ZWO-VIERZEHNER, DIN-GENORMT, PASST FÜR JEDEN AUTOTYP, SELBST MINICOOPER!“
Der Kunde kommt ins Schwitzen.
„Schon…aber dann muss ich…die Latte aus dem Fenster raushängen..“
„DIE ZWO-VIERZEHNER?“
„..die Zwo-Vierzehner..das tue ich nicht so gerne, könnten Sie nicht eventuell doch…mal eben in Ihre Säge..?“
„KEINE SÄGE, EIN PRÄZISIONS-SCHNEIDER IST DAS, PASST DIE ZWO-VIERZEHNER GAR NICHT REIN, ZU SCHMAL!“
„Oh..ja, und mit einer Handsäge?“
Hansa läuft rot an, eine brenzlige Färbung für die Kundschaft.
„WAS ZUM TEUFEL FÜR EINE HANDSÄGE DENN??“
„äh..nun..mit der hand…sägen..“
„SIE SPRECHEN VON EINEM FUCHSSCHWANZ!“
„Genau!“
„DA KLEBT BLUT DRAN.“

Oelze wirft einen Blick auf die Wanduhr. Gleich ist Mittag. Dann werden hier alle nervös.
„JA, MENSCH, IST DENN HIER NIEMAND, KEIN ABTEILUNGSLEITER ODER SO WAS, DER EINEM MAL EINE VERNÜNFTIGE ANTWORT GEBEN KANN?!“ erregt sich irgendwo eine weibliche Kundin, aber niemand schert sich darum, schon gar nicht Eichkater, der stellvertretende Filialleiter, der an Gondel 16 das Sortiment ausdiskutiert, mit einem Firmen-Vertreter.

„Schon die Verpackung wird von der Kundschaft gar nicht angenommen“, beschwert sich Eichkater und hält ein eingeschweißtes Schlüsselloch in die Höhe. „Trotz optimaler Platzierung ist der Umsatz gleich Null.“
Wenn Eichkater nicht gerade zwischen den Bilanzen rumlutscht, ist er ein gnadenloser Fighter.
„Da sind wir mit der anderen Firma besser gefahren!“
Der Vertreterfisch windet sich.
„Verstehe ich nicht, in anderen Filialen wird der Artikel gefressen wie Scheiße.“
„Andere Filialen, andere Filialen“, schmettert Eichkater ab, „wir sind hier nicht in einer Ihrer gottverdammten anderen Filialen, sondern im tiefen Ohligs!“
Erbost entreisst er dem Praktikanten den Besenstiel, will damit einknüppeln auf den Fisch, der blitzschnell eine Handvoll Lollies hervorzaubert.

Auch Oelze kriegt allmählich Hunger. Legt mit dem Hubwagen einen Zahn zu, doch plötzlich herrscht helle Aufregung um ihn herum: Alles sprintet in Richtung der Gartenmöbel-Ausstellung, auch Klosett-Gerd Dahl kommt in einer interessanten Schrittfolge daherscharwenzelt.

„Heut Abend geh ich schön schwofen, mit meiner Alten.“
„Wollen die alle in die Gartenabteilung?“ erkundigt sich Oelze mit einem mulmigen Gefühl.
„Exaktemang“, meint Dahl, „da soll irgendwas passiert sein.“
Zur Sicherheit schnappt sich Oelze einen der Rucksäcke von der Palette, bevor er Gerd folgt. Die Garten-Abteilung ist ein einziges Menschenknäuel, mittendrin der Chef, der umständlich mit der Unfalltrage hantiert.
In der Menge brodelt es.
„…Hollywoodschaukel eingestürzt…!“
„…ganze Familie beim Probeschaukeln ertrunken…!“
„…im Königssee…!!“
„WELCHER VOLLIDIOT HAT DAS DING ZUSAMMENGESCHRAUBT??“ platzt der Chef.
„Bestimmt der Oelze!“ schnattert das Relikt, die Geibel. „Der hat doch zwei linke Hände!“
“Der hat überhaupt keine Hände!”
„DA IST ER!!“

Die Köpfe fliegen herum, Oelze nimmt die Beine in die Hand, merkt, dass er so nicht vom Fleck kommt, lässt sie wieder ab und rennt los. Beinahe rammt er dabei Herrn Niebur, der auf seiner Ameise dahergeritten kommt.
„ICH HAB DIR DOCH EXTRA GESAGT, DU SOLLST DAS ROLLTOR SCHLIESSEN, WENN DU GEHST! IRGENDWELCHE DEPPEN HABEN DEN BÖCKELMANN MIT LUTSCHERFOLIEN ZUGEQUAST!!“
„DAS IST JA WOHL DER GIPEL!“ zetert die Geibel, „BAAH!“

Höchste Eisenbahn! Mit einem Sprung über das Drehkreuz flüchtet Oelze hinaus auf den Parkplatz, tritt dabei mit dem Außenrist gegen einen Einkaufswagen, „Ne Flanke wie ne Bratwurst!“ brüllt der Chef, der ihm auf den Fersen ist, „STEHENGEBLIEBEN!“
Oelze saust um die Ecke, rein in den Kiosk, wo er sich zum Frühstück regelmäßig die warmen Salinos abholt, und verbarrikadiert sich.
„VIER PFUND PROVIANT FÜR DEN RUCKSACK UND DAS TELEFON!“ pfeift er die Verkäuferin an. Die bleibt gelassen.
„Kleinen Gipfelsturm arrangieren, Herr Oelze, mit Ihrem Schatz?“
„Aber ja doch“, versichert Oelze, „die Konkurrenz schläft nicht!“, und tatsächlich, „Hü, Oelze..“, kommt BÖCKELMANN hektisch angeraschelt. „Nümm müch müt.“

Nur ein paar dumme Stunden *

Februar 24, 2008 by glumm

29. 12. 99

Zwei Tage vorm nächsten Jahrtausend sitzt Pepe abends in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung.
Er friert.

“Was machst du?” ruft seine Frau.
Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, der Fernseher läuft.
“Lesen”, antwortet Pepe matt.
“Was?”
“Lesen..”
“Ja. Aber was liest du?”
“Zeitung.”

Tatsächlich liegt die Zeitung vor ihm auf dem Teppich, doch unterm Lokalteil stecken die drei Pillen, die Paco ihm letztens in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.
Paco, der kleine Spanier.
“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Aber sei vorsichtig. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir richtig dreckig geht. Zum Antörnen ist das nichts.”

“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte Sherry später, seine Frau, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”
“Klar hätte ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen richtigen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich es heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Scheisse. Ist doch logisch, oder?”
“Na, super logisch.. Du machst immer die gleichen Fehler. Wie ein Mono-Plattenspieler, der seit hunderttausend Jahren dieselbe langweilige Single abnudelt.”

Noch liegen die Pillen vor ihm. Noch hadert Pepe. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man Pech hat, wird der Affe, den man ja vom Baum holen will, nur noch angefüttert.
Dann wird den Zellen noch das letzte Quentchen Opium entzogen und man sitzt da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean, von einem Moment zum nächsten.
Dann kannst du nur noch abwarten bis die Attacke vorüber ist.

(Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.)

Partiell antagonistischer Charakter..? Enzugssymptomatik? Ja, leck mich doch am Arsch, denkt Pepe. Mir ist jetzt schon kalt.
Wenn er das richtig kapiert, ist Subutex Opiat und Opiatblocker zugleich. Es dockt an der Stelle im Gehirn an, wo Opiate wirken, aber erst wenn die Rezeptoren wirklich frei sind, erlegt Subutex den Affen.

Na, ein richtiger Affe ist das nicht, der Pepe durch die Knochen geistert. Eher das Grauen vor der Nacht, die vor ihm liegt. Die ganzen Stunden, bis endlich der Morgen dämmert und er zum Doc latschen und das neue Rezept abholen kann für die Wochenration Methadon.
Für seinen über alles geliebten Apothekenzustand.
Der keinen Gott neben sich duldet.

Paco hat mal gesagt, dass er das nicht kapiert.
“Was kapierst du nicht?”
“Dass du von einem Ersatzmittel abhängig geworden bist. Methadon ist doch nur Ersatz. Warum nicht gleich beim Original bleiben?”
Da ist Pepe wütend geworden.
“Ich sag ja auch nichts zu deiner dämlichen Sauferei”, hat er geantwortet.
Er kann es auf den Tod nicht ab, wenn ein Süchtiger dem anderen seine (andere) Sucht vorhält.
“Selber süchtig nach Wodka, aber mir Vorhaltungen machen, weil ich Metha nehme. So ein Scheiss, Paco.”
Da hat der nur überrascht aufgekuckt und nichts mehr gesagt.

Warum zum Teufel soll ich mich auch erklären? denkt Pepe. Wem gegenüber? Freunden, der Staatsanwaltschaft? Der Schmiere?
Und wie oft hätten die es denn gern!?

Natürlich ist das alles eine große Scheisse. Der ewige Druck, genug von dem Stoff zu besitzen, damit es einem nicht schlecht geht. Diese ewige Verstopfung. Die Müdigkeit. Und die ganze Kohle, die dafür drauf geht, weil der Doc ihm nicht so viel verschreibt, wie er es gern im Hals hätte.

Und wenn Heroin, das Original, schon kein Publikumsknaller ist, dann ist Metha, der Ersatz, wirklich ein einsames Geschäft.
Man sitzt schließlich nicht in trauter Runde zusammen und kippt ein Töpfchen Methadon und lacht sich schlapp.

Pepe wiegt die Pillen in der Hand. Kann sich nicht entscheiden. Die Küchentür ist einen Spalt geöffnet, er sieht das blaue Licht des Fernsehapparats durch ihr Zimmer flackern.
Seine Frau lacht.
Sie ahnt nichts von seinem Dilemma.
Sie ahnt nicht, dass er in den letzten Tagen mal wieder zuviel Metha geschluckt hat und daher auf dem Trockenen sitzt. Auf dem trockenen Teppich in der Küche, wo er sich den Hintern an der Heizung verbrennt, aber weil die Kälte tief in den Knochen steckt, kann das Erdgas aus Russland noch so sehr bullern, es erreicht ihn nicht. Es bleibt stecken in den weiß lackierten, harten Heizungsrippen.

Pepe ackert den Beipackzettel ein drittes Mal durch. Kann sich kaum konzentrieren. Die Worte fliehen wie Pferdchen über den faltigen Zettel und werfen Pünktchen auf; schräge Striche.

Ich reite mich mal wieder nur selbst über den Oxer in die nächste Scheiße, mit den Nüstern stürz ich.
Meine ganz spezielle Spezialität, denkt er.

Paco hatte schon Recht. “Du machst immer und immer wieder den gleichen Fehler!”
Nein, gar nicht wahr. Das war nicht Paco, das hat Sherry gesagt. Und sein Doc.
Scheiß der Hund drauf.

Auf dem Beipackzettel entdeckt Pepe was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats.
Wie jetzt, doch nur 4 Stunden?!
Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hat Pepe letzte Nacht um 3 Uhr genommen. Das ist achtzehn Stunden her!
Und viel war ja auch nicht mehr übrig. Lausige 5 ml. Der Rest vom gelben Fest.
Was also kann da schief gehen, wenn er jetzt Subutex einwirft? Damit ihm wärmer wird. Damit die Nacht ihren Schrecken verliert.

Vier Stunden..?

Andererseits weiß Pepe von Leuten, die auf Subutex umgestiegen sind, dass sie vor der ersten Einnahme mindestens 36 Stunden clean bleiben mussten.
36! Stunden, nicht vier.

JA WAS DENN JETZT!??

Es bleibt ein Vabanquespiel. So schlimm wird’s schon nicht werden, denkt Pepe.
Selbst wenn es schief gehen sollte, morgen früh kann ich ja zum Doc und mein Metha holen, dann geht’s mir wieder besser. Mein gelbes Saufopium. Dämlicher Gedanke. Kann ich lieber gleich die Finger davon lassen und bis morgen früh warten.

Er nimmt die erste der drei Subutex-Pillen à 2 mg in die Hand.
Jetzt nicht mehr lange fackeln.
Jetzt sublingual, jetzt unter die Zunge legen.. jetzt..
ist es schon passiert.

Als sich die erste Tablette aufgelöst hat und bitter durch seinen Schlund sickert, blättert er die Zeitung durch und wartet. Horcht in sich hinein.
Ob da was klingelt.
Warm anflutet.
Nichts, natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nicht mit 2 mg Metha zu vergleichen. Ist ja nur ein Klacks. Was bringt ein Klacks?

Er wartet keine Viertelstunde, dann legt er die beiden restlichen Pillen unter die Zunge. Wenn schon, denn schon. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es richtet.
Es reitet.
Sich selbst.

Pepe sitzt vor der Heizung. Es wird wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein. Keine Ahnung.
Aber schlechter geht’s ihm auch nicht.
Oder doch!?

Eine halbe Stunde ist vergangen seit der ersten Pille, als er sich zu Sherry legt. Der Fernseher läuft, doch er ist woanders mit seinen Gedanken.
Allein mit meiner Sucht.
Einsam.
Einsam, weil er mal wieder das Maul nicht aufgekriegt hat.

Sie wundert sich, warum er so still ist.
“Ist was?” fragt sie, doch Pepe winkt nur ab.
“Ich bin müde.”
Er dreht sich zur Wand und schläft auf der Stelle ein.

Als er wach wird, steckt sein Brustkorb in Stahlzwingen. Er ist klatschnass geschwitzt. Oh Gott.. oh mein Gott..!! ist sein erster Gedanke, er flüchtet aus dem Bett. Raus hier. Bloß raus..!
“Was ist denn los?” wundert sich Sherry.
Pepe ist voll auf Affe. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an ihm herunter.
Er hat nicht mal eine halbe Stunde geschlafen.
“Ich fühl mich.. scheisse..”
“Wie, du fühlst dich scheisse!? Was hast du angestellt!?”

Pepe ist es, als wälze er sich durch ein großes, überwürztes Feuer, als brenne er licherloh. Er flüchtet ins Bad, steht vorm Spiegel.
Riesige schwarze Bratpfannen glotzen ihn an! Wie lang hat er nicht mehr solche Pupillen gehabt. Sein Herz rast. Er lässt sich auf den Wannenrand nieder.
Sherry kommt hinzu.
“Was hast du gemacht?”
“Ich hab.. Scheisse gebaut. Ich hab Subutex genommen..”
“Du hast..? BIST DU BESCHEUERT!?? Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”
“Ich weiss..”
“Wie, du weisst!? Warum hast du es dann gemacht??”
“Ich dachte, also.. ich weiss nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte zu wenig Metha für heute.. Scheisse. Was mach ich jetzt??!”

So jedenfalls halt ich die Nacht nicht aus, schreit Pepe, aber kein Ton kommt raus.
Er rennt durch die Wohnung, panisch, in Auflösung.
“Ich halt das nicht aus..”
“Du hältst das aus”, versucht sie ihn zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..”
Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen. Die ganze Nacht. Die ganzen Stunden.

“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer von Doktor Hilten heraus, der Pepe substituiert.
Es ist kurz vor Mitternacht, als sie die Nummer wählt. Natürlich springt der Anrufbeantworter an.
“Was hast du denn gedacht? Dass der nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”
“Na, dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”

Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt.
Hält Pepe den Hörer hin.
“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”
“Du kannst. Natürlich kannst du. Du kannst reden. Rede mit ihm. Frag, was du machen sollst.”

Er nimmt den Hörer in die Hand. Dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.
“Ja..?”
“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört? Schlafen Sie schon?”
“Hmm.. Wer is da?”
Es klingt, als habe er ein Kissen im Mund.
Er räuspert sich.

“Ich bin’s, Pepe. Ich hab Scheisse gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”
“Experimentiert? Mit Subutex? Was redest du da? Ja, das ist scheisse.”
Doktor Hilten ist ein großer stattlicher Mann. Er liegt im Bett. Er spricht leise.
Es raschelt im Hintergrund.
“Da hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bißchen. Kann aber nichts passieren.”
“Ich fühl mich aber scheisse.. extrem. Könnten Sie nicht..? Ich mein.. sollte ich nicht Methadon nehmen, damit..”
“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”

Pepe sagt nichts mehr. Hat eh keinen Sinn.
Die Gräfin beobachtet ihn.
“Du schaffst das schon”, meint der Doc leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”

Pepe legt auf. Tigert durch die Wohnung. Weiß nicht, was er machen soll. Die ganze verfluchte Nacht..
“Das halt ich nicht aus bis acht Uhr..!”
“Ich denk bis sieben.”
“Um sieben macht der Doc auf. Aber das Rezept in der Apotheke kann ich erst um acht einlösen.”

Abwechselnd hockt er zitternd vor der bullernden Heizung oder tigert ins Bad, wo ihn schwarzen Bratpfannen anstieren.
Wo sind seine harten kleinen Opiumpupillen hin!?
Wieso hab ich alle drei Pillen auf einmal genommen?! Du Idiot! Trottel! Und jetzt hier rumheulen!
Er steigert sich immer mehr rein.

“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Komm, bleib ruhig. Ich mach dir ne Wärmflasche. Ich lass dir ne Wanne ein. Ja, leg dich einfach in die heisse Wanne und entspann dich.”
Pepe hört sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem er sich befindet.
In seinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Was er noch machen kann. Wo man jetzt was auftun kann. Um diese Zeit. Schore, Metha, irgendwas.

Vier Stunden.. WIESO STAND AUCH AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL WAS VON VIER STUNDEN!!?

Er holt seine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar keine Kohle drin, aber Telefonnummern.
“Wohin willst du..?” fragt Sherry ängstlich.
“Ich.. weiss nicht. Raus hier. Ich halt das nicht aus, hier drinnen. Die ganze Nacht.. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”
“Angelo?”
“Von dem besorg ich mir schon mal was..”
“Was denn?”
“Na, Metha..”
“METHA?? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT?”

Er steckt die Brieftasche ein. Auch wenn das Blödsinn ist, denn selbst falls Angelo was übrig hat, tut er es nur gegen Bargeld raus. Angelo verleiht nichts.
Und Pepe ist blank.

“Wenn du jetzt auf Subutex noch Metha nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das JETZT ein Zuckerschlecken gegen das, was dich DANACH erwartet! Lass das bloß sein!!”
Pepe hat sie lang nicht mehr so zornig erlebt.
“Wenn du das machst, bin ich morgen weg!”
Scheisse. Scheisse!!

Tatsächlich heisst es in der Szene, dass man einen miesen Subutex-Trip aushalten muss.
Dass jede Form von Morphium, die man zusätzlich einwirft, alles nur noch schlimmer macht..

Die Nummer von seinem Psycho-Doc fällt Pepe in die Hand. Der psychosozialen Betreuung. Die liegt auch dem Schrank. “Ruf an, wenn was ist”, hat er mehrfach angeboten.
Es ist Mitternacht durch.
Alles wird immer enger, je länger Pepe wartet und nichts unternimmt. Es ist zwölf Uhr durch. Da geht doch kein Schwein mehr ans Telefon. Kein Junkie, kein Psycho-Doc.
Niemand!

Aber Angelo kann ich von hier aus nicht anrufen, dann brennt die Hütte, denkt Pepe. Ich muss in die Telefonzelle. Auf der Klingenstrasse steht eine, die nimmt noch Münzen. Wenn Angelo überhaupt ans Telefon geht. Wenn der überhaupt zu Hause ist. Wenn der noch nicht pennt. Wenn der überhaupt was zum Abgeben hat.
Wenn, wenn, wenn.. Scheisse!

SCHEISSE!!

Er wählt die Nummer vom Psycho-Doc. Ein Hippiedoktor. Der wohnt in Bonn. Was will Pepe überhaupt von ihm?
Metha hat der sowieso nicht.
Seine Frau hebt ab.
“Ja..?”
“Ja, hier ist .. Kann ich..?”
“Oh. Mein Mann ist oben, der schläft schon. Worum gehts denn?”
“Äh.. nee, das bringt jetzt nichts. Wenn er schon schläft..”
“Ja, der schläft schon..”
“Frag sie doch wegen Subutex, was du da machen kannst”, flüstert Sherry eindringlich, aber Pepe legt den Hörer auf.
“Woher soll die das denn wissen?!”

Wieder tigert er durch die Zimmer.
“Ich halt das nicht aus hier heut Nacht. Ich muss raus.”
Er muss was unternehmen. Aber er will sie auch nicht mit ihrer Angst zu Hause lassen, dass er sich was antut..
Er sagt, dass er ins Städtische geht, in die Notaufnahme.
“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”
“Was soll passieren?”
“Dass ich durchdrehe. Umkippe. Was weiss ich. Keine Ahnung.”
“Ich kann dich doch fahren.”
“Nein..! Ich muss.. gehen. Unterwegs sein. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann? Sitz ich da.”
“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, sitzt du auch gleich da.. in ner dreiviertel Stunde.”
“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich werd langsam gehen. Ich brauch ne Stunde bis dahin. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”

Er sitzt auf dem Bettrand und schnürt schwerfällig die neuen Stiefel.
Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?
“Bau keinen Scheiss”, fleht sie. “Bitte..”
“Ich hab keine Kohle für Scheisse bauen.”
“Seit wann brauchst du Kohle, um Scheisse zu bauen..”

Pepe ist so blank, er kann nichts vom Konto abheben. Keine Chance.
Es ist alles sinnlos.
Und es wird immer später. Gleich ein Uhr. Da geht kein Schwein mehr ans Telefon.

In ihm baut sich mehr und mehr eine Angst auf, wie 1978 auf dem schief gelaufenen LSD-Trip. Als Pepe beim Patti Smith-Konzert in Düsseldorf war und nur noch tot sein wollte, damit es endlich aufhört. Damit die zerschossenen Fratzen, die ihm entgegeneilten, als die Deckenbeleuchtung noch brannte, endlich verschwanden. Damit der Disco-Bass von “Miss you” von den Stones, der als 100.000-Watt-Bombe durch seinen Leib jagte und alles in kleine Strom-Teilchen zerlegte, aufhörte.

Damit es endlich, endlich aufhörte!! Und er den pumpenden Film nicht mehr aushalten musste, der sich vor ihm abspulte. Doch die Phillipshalle, ein Flachbau, gab keine Möglichkeit, sich irgendwo runterstürzen. Da war kein Treppenhaus, kein Dach zum Hochklettern und Runterstürzen.

“Merken die das denn nicht??” fasste Pepe sich an den Kopf, als seine Optik komplett durcheinander geriet. Er sah
das Publikum, das vor Konzertbeginn auf die Ränge strömte, in Panik über die Sitze flüchten. Überall sah Pepe Menschen in Panik, aber die Leute um ihn herum, in unmittelbarer Nähe, ließen sich allesamt nichts anmerken. Setzten sich auf den Hallenboden und bewegten sich lässig zu “Miss you” von den Stones, als wäre nichts geschehen.

“JA, MERKEN DIE DENN NICHTS!!!?”

In Pepes Kopf taucht die Müngstener Brücke auf, die höchste Eisenbahnbrücke in Deutschland, oben am Schaberg. Er muß nur die steile Klingenstrasse hoch. 110 Meter hoch. Eine Million Nieten. Wo man den Scheiß hinter sich lassen kann. Die Verwüstungen.
Die inneren Debakel.

“Mach dir keine Sorgen”, sagt Pepe zu Sherry an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte und Angst und Schwäche bibbernd.
“Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”
“Soll ich dich nicht doch fahren?”
“Nein.”

Es ist fünf Grad unter Null.
Wenn ich durch den Park gehe, in Richtung Telefonzelle Klingenstrasse, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will, denkt Pepe. Also müht er sich erst den Berg hoch. Und dreht sich um.

Die gemeinsame Wohnung, hell erleuchtet, alle Lichter an. Er sieht sie nicht am Fenster. Ihre Ungewissheit, was er jetzt macht, schmerzt, doch er kann nicht anders.
Pepe dreht ab und geht durch den Park. Die Enten schnattern wütend, als sich seine Schritte nähern.
Die Beine tun es nicht richtig. Sie sind schwach.
Kaum Autos unterwegs.
Laternen.
Der Schnee ist nass.

Richtung Telefonzelle ist Richtung Angelo ist Richtung Brücke, 110 Meter hoch.
Als Pepe die Telefonzelle erreicht, die in der Dunkelheit strahlt wie ein altes gelbes Juwel, hat er kaum noch Kraft in den Beinen.
Er zieht die Türe auf, holt die Brieftasche aus der Jacke und legt sie auf dem Fernsprecher ab. Da ist ein einziges 50 Pfennig-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Pfennig. Ein einziger Schuss. Der muss sitzen.

Und dann.. findet Pepe die Telefonnummern in der Brieftasche nicht. Da sind dutzende von Zetteln drin, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern drauf sind. Oh mein Gott.. er hat ihn zu Hause liegen lassen..
Er ist zu schwach, um Scheisse zu brüllen.

Er versucht sich an Angelos Handynummer zu erinnern, wie betäubt. Die Scheiben der Zelle sind beschmiert mit knappen Eddingbotschaften. Ich liebe, ich hasse. Er wirft das 50 Pfennig Stück ein. Probiert ein paar Nummern, aber er hat dauernd einen Zahlendreher drin. Er kriegt es nicht hin. Drückt jedes Mal die Gabel runter, bevor es zum Anschluss kommt, damit kein Geld flöten geht.

Und dann versucht er es doch. Mit der Nummer, die er für richtig hält.
Es hebt tatsächlich jemand ab. Es ist halb zwei in der Nacht. Donnerstagnacht.
Eine fremde weibliche Stimme.
“Schuldigung”, flüstert Pepe und leg sofort auf.
20 Pfennig sind weg. Runtertelefoniert. Er kriegt diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen! Aber ’schuldigung sagen.. das geht, du Scheißer!

Plötzlich fällt ihm Ringo ein. Was ist mit Ringo..? Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Pepe hat ihn lang nicht gesehen. Bestimmt ein Jahr. Oder ein halbes. Sie sind zusammen aufgewachsen.

Eine Menge Leute sind damals zusammen aufgewachsen.

An die Handy-Nummer erinnert sich Pepe nicht, aber Ringos Festnetznummer steht wie eine 1 auf seinem inneren Display.
Fragt sich nur, ob das was bringt.
Er hat vor einigen Tagen Simone getroffen, mit der Ringo lange zusammen war, und sie erzählte, dass er aus Angst vor der Schmiere nur selten das Telefon abhebt.

Pepe hat die Nummer schon gewählt. Nach dem zweiten Läuten hebt Ringo ab.
“Jaa..?”
Verpennt. Von ganz weit her.
“Ich bin’s”, schnappt Pepe auf. Als hätte er sich verschluckt. “Wie siehts aus.. kannst du mir.. weiterhelfen?”
“Alter, bei mir siehts auch nicht gut aus. Übel sogar..”

Ringo atmet schwer.
“Moment.. da ist.. ist da der.. bist du das, Pepe.?”
“Ja, sicher”, beeilt er sich. Er hab noch einen Groschen drauf. “Ich bin in einer Telefonzelle, mir gehts dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht komm. Ich brauch.. nicht viel.”
Ringo schwenkt um.
“Okay. Dann komm vorbei. Aber mach schnell.”
“Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich.”
“Mh.. ja. Mach hin. Ich hab Schlaftabletten drin.”
Klick. Weg ist er.

Pepe packt die Brieftasche ein und schleicht los. Er hat keine Kraft mehr. Die Nacht ist so eiskalt, er friert und schwitzt erst abwechselnd, dann gleichzeitig, und schließlich kann er es nicht mehr auseinander halten, ob er nun schwitzt oder friert.
Er ist froh, dass er sich auf den Beinen halten kann.

Als er die Abkürzung über den alten Güterbahnhof nimmt, der zur Kunstmeile umgebaut wird, kriegt er kaum noch einen Fuß vor den anderen.
Dichter Schneefall setzt ein.
Pepe hält sich an einem Bauzaun fest.
Ein Wagen fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt herüber. Pepe erkennt die Taxi-Beleuchtung auf dem Autodach.
Hoffentlich sieht er das noch, wenn ich jetzt umkippe.
Und hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, auf seinen Schlaftabletten, so bräsig, wie seine Stimme klang.

Falls er mein Klingeln nicht hört, bin ich geliefert. Ich hab kein Kleingeld mehr zum Telefonieren.
Ich hab überhaupt keinen Pfennig Kohle in der Tasche.

Pepe schellt zwei Mal kurz hintereinander. Dann eine Pause - und noch zwei Mal kurz. Das Zeichen, das Ringo ihm mal anvertraut hat.
Und das sonst nur seine Mutter kennt. Hm, ja.

Es dauert keine fünf Sekunden, da summt der elektrische Türöffner. Gott sei Dank. Pepe schleppt sich die Treppe hoch.
Erste Etage.
Ringo, in Unterhose und T-Shirt.
Auf langen, dünnen Beinen.
“Schließ ab”, sagt er knapp und geht schon mal vor. Der Schlüssel der Etagentür steckt von innen, und Pepe dreht ihn um.
“Schließ zwei mal ab! Ist besser.”

Als Pepe die Bude betritt, steht Ringo vorm Rechner und singt laut vor sich hin. Irgendeinen Blödsinn.
“Ich hab eine Affinitäääät.. zu Pförtnern..!”
Ringo-Blödsinn. Seine Nase läuft.
Er grinst.
“Mitten in der Nacht.. Mann, dir muss es ja schlecht gehn..”

Seine Bude ist überhitzt. Nicht gelüftet seit Tagen. Aber aufgeräumt. Wie immer.
Ringo ist penibel.
Und Pepe könnte kotzen vor Knochenschwäche.
“Als würd ich von innen verfeuert.”

Ringo wackelt, ist aber nicht bräsig, trotz all dem Schnaps, der Schore, dem Koks, den Pillen, all den Sachen, die er intus hat.
“Erzähl. Was is los?”
“Ich hab Subutex genommen, auf Metha. Also auf Reste von Metha..”
“Alter! Subutex auf Metha! Wie bist du denn drauf!? Da fährt man einen gewaltig üblen Streifen. Scheisse..”

Ringo setzt sich auf den Bettrand und kratzt sich am Sack.
“Mir ist das mal passiert, da hab ich voll die Panik gekriegt, hör mal. Ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!”
Pepe zieht die dicke Jacke aus und setzt sich aufs schwarze Ledersofa.

Ringo ist laut. Wunderbar laut. Hauptsache laut, und Leben..
“Da war ich nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher noch Rotwein gesoffen hab, war das ganze Klo ne fette rote Lache. Mann, war das übel! Subutex auf Metha..Scheisse. Wie bist du denn drauf..”

Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht und wo er seine Schore verwaltet.
Er zieht ein Säckchen aus der Schublade.
“Ich hab aber keine Kohle”, sagt Pepe.
“Kein Thema, Alter. Aber so gut bestückt bin ich nicht. Ich muss mich morgen wieder frisch machen. Wärst du besser gestern übel abgefahren, da hätt ich dich richtig fett breit gemacht, Alter. Na, mal sehn..”

Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line braunes Pulver über die Glasplatte.
Chkkkrrr..
“Hier.. zieh das erst mal weg.”
Er überlässt Pepe den Chef-Sitz, und verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft.
“Außer Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo. Geil.”
Seine Augen klappen zu.

Pepe sitz unentschlossen vor der Line. Weiß nicht, ob er es wagen soll. Wenn das stimmt, was alle sagen, wenn also alles noch schlimmer wird..? Manchmal reden die Leute auch große Scheisse. Diese Art von “vier-Stunden”-Scheisse. Er kann sich nicht entscheiden.

“Was ist, Alter?” bellt Ringo. “Keinen Bock?”
“Ich weiss nicht, ob ich damit nicht noch übler drauf komm.”
“Mh. Nimm doch erst mal nur die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”

Die Line liegt vor Pepe, er hat den Strohhalm schon in der Hand. Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Die Strasse ist gut zwanzig Zentimeter lang. Ein Gramm. Dafür könnte er locker einen Fuffie verlangen. Einen Hunni. Auf der Strasse.

Pepe steht auf, ohne gesnieft zu haben, und läuft durch die überheizte Bude. Holt nacheinander die Hieronymus Bosch Figuren aus dem Regal, die Ringo aus Holland mitgebracht hat, wo sie an Tankstellen verkauft werden. All diese verrückten Figuren aus der verrückten Welt von Hieronymus Bosch, der auf LSD war, ohne es jemals genommen zu haben. Mittelalter- LSD.

Pepe irrt umher, setzt sich an den Schreibtisch, steht wieder auf.
„Alter, du machst mich kribbelig!“ ruft Ringo und bietet Pepe Beeren-Schnaps aus der großen Pulle an.
“Hier, Baby, Artilleriefeuer! Alter, ich dachte, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer, ein Oma- Schnäpschen zum Kaffee.. Aber Teufel, das Zeugs tut es wirklich. Hier, vierzig Prozent. Kommt so ziemlich dem nahe, warum ich irgendwann mal das Jägermeistersaufen angefangen hab. Artilleriefeuer, Baby! Nimm einen Schluck! Mach dich locker, Alter!”

Pepe winkt ab.
“Nee, lass mal, keinen Schnaps. Bloß nicht.”
“Also, langsam werd ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – willst du nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an - auch keinen Bock. Mann, warum holst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett??”

Pepe steckt den Strohhalm ins Nasenloch und zieht die Strasse in einem einzigen Haps weg, so feste, dass es in der Nase lodert.
“So kenn ich dich”, wiehert Ringo. “Mit dem dicken Rüssel, Alter..!”

Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und plaudert und singt und kuckt Video, während Pepe gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa hockt und ununterbrochen Rad fährt, so sehr zucken seine Beine.
Er strampelt und strampelt wie ein Hamster im Rad und nur ganz allmählich wird ihm etwas wärmer, und der Affe klingt ab.

Einmal legt Pepe sich lang und versucht ein wenig zu schlafen. Ringo kommt leise rüber und deckt ihn mit einer Baumwolldecke zu. Dann sucht er auf seinem Rechner die Datei mit den Songs von Jonathan Richman, die er vor Jahren aus dem Internet gezogen und auf CD gebrannt hat.
Nur für Pepe.
Das beruhigt ihn zusätzlich, er ist fast gerührt, wie sehr Ringo sich bemüht.

Irgendwann sitzen die Beiden nebeneinander im Bett und kucken Video.
Außer Atem.
“Den kuck ich mir glatt noch zehn Mal an, Alter..”, meint Ringo. “So cool ist der.”
Belmondo sitzt 1959 im Bett, in Unterhose und Hut.
“Der zieht sich morgens immer den Hut auf, bevor er im Bett telefoniert”, erklärt Ringo begeistert.

“Das Schlimmste ist Feigheit”, sagt Belmondo zu seiner amerikanischen Geliebten und nuckelt an einer Mais- Cigarette.
Dann wechselt er den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
“Cool!” johlt Ringo. “Alter!”

Um fünf Uhr morgens ruft er ein Taxi, das er auch gleich bezahlt.
“Hier, das müssten reichen.”
“Kriegst du wieder, die Kohle”, sagt Pepe.
“Kein Thema, Alter. Kein Thema..”
__________________________________________________
* Für Ringo (1961-2007)

Publukum

Februar 17, 2008 by glumm

Wuppertal-Elberfeld, 1985.
Literaturmarkt in der Volkshochschule.
Paar Bücherstände, paar Kaffeeschlürfer.

Ich bin eingeladen bis in die Nüstern. Hab Honk mit Lena. Mal wieder. Ist ja nichts neues. Eigentlich bin ich nur hier, um das Honorar einzusacken. Siebzig Mark. Das reicht für die Samstagnacht in Solingen und Babylon und einen doppelten Rittberger. Zuvor muss freilich die Geschichte noch gelesen werden. Von mir selbst.

Dem Programm nach bin ich in dreissig Minuten dran. Nach einer M. Müller.
“M. Müller in Dresden” heisst ihre Story.

Ich zieh mir am Weinstand die Becher rein. Neben mir ein Gel-Gesicht, das schaufelt Kuchen ohne Ende in sich rein, während bei mir die Seele rein und rausstolpert. Ich bin nervös. Ich bin immer nervös, wenn ich vor Publukum lesen muss. Ich bin sogar nervös, wenn ich mir selber was vorlese.

Ich bin alleine hier. Kein Schwein kennt mich. Obwohl Wuppertal um die Ecke liegt. Ich glaub, ich hab überhaupt niemandem etwas davon gesagt, dass ich heute hier lese. Es ist meine zweite Lesung.

“Die Zigarette aus!” murrt die Aufseherin.
Dann geht die Tür zu einem Klassenzimmer auf. Der Lese-Block vor mir ist zu Ende.
Ich schiebe mich mit anderen Besuchern in den Raum.

Als nächste ist M. Müller dran. Hinter den Tischen, in Hufeisenform aufgestellt, haben Fans ein Transparent ausgerollt.
GO, MARIA, GO!
Es sind lauter Frauen hier. Mittlerweile hab ich halbwegs einen im Kahn. Ich wackle nach vorn zur Tafel. Da stehen noch mehr Frauen.
“Ich wollt nur mal fragen, ob ich vielleicht vor Karla lesen könnte, ich muss dringend weg.”
“Karla? Die heisst Maria!”
“Scheisstypen!” terzt eine andere, blonde Dürre. “Müsst euch ewig vordrängeln!”
Ich rutsch mit dem Hintern halb auf das Lehrerpult. Sehr lässig, halb besoffen.
“Wieso Scheisstyp..? Ich brauche nur zehn Minuten für meine Geschichte, und für eure Frau Müller ist eine halbe Stunde angesetzt, und ausserdem kotzt mich das hier sowieso an.”
“Na und! Dann zieh doch Leine!”
“Ich brauch die Kohle. Für Babylon.”
“Dann stell dich an und warte gefälligst!”
“Ich habe keine Zeit. Ich ..”
“Halt die Klappe!”
“Mieser kleiner Macho!”

Ich nehme einen Schluck Wein. Wieso kleiner Macho?
“Ich bin nicht klein”, sag ich.
Ich fühle mich wie im Supermarkt: ein Haufen Hühner mit überquellenden Einkaufswagen an der Kasse, ich dahinter mit zwei Zuckerplätzchen in der Hand. Wieso lassen die mich nicht vor?
“Bist du Karla?” frage ich die Blonde.
“Nein.. das ist Maria!”

Eine kraushaarige Dichterin tritt aus dem Tross hervor. Unauffällig sieht sie aus. Nett. Wieso sehen eigentlich alle Frauen, die Gedichte schreiben, unauffällig und nett aus?

“Karla, hör mal, kann ich vielleicht vor dir lesen? Ich brauche nicht mal zehn Minuten, und schon dampf ich ab. Versprochen!”
Stühle knarren.
Sie will einfach ihren Frieden haben.
“Meinetwegen”, sagt sie leise. “Ich heisse aber Maria. Und ich schreib keine Gedichte, sondern Geschichten.”

“Scheisstyp!” giftet die dürre Blonde an ihrer Seite.
Ich bleib auf dem Pult sitzen und leg los mit SCHARFER HUND, der Geschichte, in der Oelze gleich zu Beginn zum Telefon trudelt und “Müttergenesungswerk, Kuhvotze am Apparat!” in die Muschel kräht.

Laute Pfiffe im Klassenraum. Buhrufe.
Und Krähenfüße überall.
“BOYKOTTIERT DAS SCHWEIN!” kreischt die dünne Rädelsführerin, und der Damenchor poltert geschlossen hinaus.

Vor dem verbliebenen Häuflein, lauter Frauen, aber andere, rattere ich die Story runter bis zum Showdown, wo ich fünfzig Meter über der Stadt an einer Feuerleiter hänge - auf der Flucht vor einem Rottweiler.
Keine Reaktion.
Nicht mal ein Hüsteln.
Ich zerknülle den Text und brause durch die Bankreihen.
“Eisiges dreckiges Wuppertal! Drecksgeschichte!”

Auf dem Flur spalieren die Schlangen und zischeln.
„Die Zigarette aus!“

28

Februar 5, 2008 by glumm

15. September 88

Zwei Tage durchgesoffen, bis ich am Donnerstag komplett im Eimer wach werde. Bin so groggy, dass ich eine halbe Stunde auf dem Rand vom Bett sitze und dumpf ins Sonnenlicht stiere, das durch die Jalousie auf den Teppichboden fällt. Der Schädel dröhnt wie ein Moped in einem langen schmutzigen Tunnel, und dann klingelt das Telefon.

Ich lass klingeln.

Bis mir einfällt, Moment: ich hab ja Geburtstag. Du wirst 28.
Jemand will gratulieren.
Erst mal Kaffee.

Ich hocke in der Küche und nehm das Notizbuch in die Hand, das auf dem Küchentisch liegt. Aufgeschlagen, der letzte Satz ist nur schwer zu entziffern:
“Wenn man mit zehn Minuten Gutdraufsein auskommen muss pro Tag”, steht da in kritzligen Buchstaben.
Und darunter:
DER RITT NACH SCHALKE!

Damit ich nicht vergesse, was ich mir um Mitternacht am Tresen versprochen hab: heute auf ein Tagesticket nach Gelsenkirchen zu fahren. Mir selbst als Geburtstaggeschenk. Wo ich schon immer mal hin wollte. In die Heimat der Idole meiner Jugend: Stan Libuda (An Gott kommt keiner vorbei, ausser Libuda) und Norbert Nigbur, dem Torhüter mit den Nasenlöchern wie eine Steckdose und Fäusten unter Strom.

Das Telefon klingelt.
Ich muss raus hier.

Mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf. Von da aus gehts dann um 12 Uhr 24 weiter nach Gelsenkirchen. Mit achtundzwanzig Jahren das erste Mal nach Schalke. Da soll es Kneipen geben, wo das Bier noch ne Mark kostet, und Stan Libuda, der legendäre Rechtsaussen, verkauft Zigarren in seiner Lotto-Annahmestelle. Hoffentlich erwische ich meine zehn Minuten Gutraufsein, wenn ich in seinen Laden reinmarschiere.
“Eine Cohiba, Herr Stan!”

“Ich bin ein genauso versoffener Hund wie du”, meint ein pfeifeziehender, wackeliger Penner, die Nase jodverschmiert, in der Schalterhalle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zum anderen Penner, der eine Fahne kalter Scheisse hinter sich herzieht.
Ich glaube, ich trinke heute lieber mal kein Bier.
Wo ist denn hier ein Telefon?
Damit im kommenden Winter ein Paar feste Schuhe an meinen Füßen sind, war mit meiner Mutter eigentlich ein kleiner Einkaufsbummel abgesprochen. Ich rufe sie vom Bahnsteig aus an.
“Mutti, ich bin unterwegs nach Schalke.”
“Wieso? Ist da heute ein Spiel? “
“Nee. Ich fahr nur so dahin. “
“Dann fall nicht unter die Räuber, Junge. Und kauf dir nicht wieder Fussballschuhe!”

Im Nahverkehrszug nach Gelsenkirchen über Duisburg-Meiderich, zweite Klasse, Raucherabteil, klappe ich den Aschenbecher auf, und ein Wölkchen Qualm bringt mir ein Geburtstagständchen. Bei jedem Halt rollt eine leere Bierdose durch das Abteil. Kein Schaffner hält es für nötig, mich zu kontrollieren, dabei bin ich heute doch ausnahmsweise mal zu gültig.
“ZUGESTIEGEN JEMAND!?”
Da ist er schon.

In Oberhausen steigt ein Kerl zu, gegerbte Haut, leichtes Reisegepäck. Er erzählt gleich, dass er das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Oberhausen gewesen sei, auf einer Geburtstagsparty.
“Was ist bloß aus dem Ruhrgebiet geworden?” meint er bedauernd, er lebt mittlerweile in Saarbrücken. “Total tote Hose.”
Als er aussteigt, rollt die Bierdose in die andere Ecke.

In Gelsenkirchen finde ich Schalke nicht. Bin wohl mit dem Linienbus einfach durchgefahren, ohne es mitzubekommen. Also wieder zurück. Diesmal frage ich beim Fahrer nach, wo ich raus muss.
“Wo willste denn hin, Jung?”
“Na, zum Stadion.”
“Zum Parkstadion?”
“Nein, zum altem Stadion. Glückaufkampfbahn.”
“Wat willste denn da? Ist doch total tote Hose da!”

Erst mal auf zwei Pils ins Schalker Vereinsheim. Frau Wirtin ist nicht gut zu sprechen auf einen der beiden Gäste. Der hat einen im Kahn und will immerzu singen und sucht sein Pils. Dann gibt er eine Lokalrunde.
“Mutter..”, meint er zur Wirtin, aber die hört das nicht gern.
“Da vorn ist die Tür, da schubs ich dich gleich raus.”
“Wenn Schalke verliert, geh ich sowieso nach Hause”, lallt er.
Frau Wirtin bringt mir ein Pils.
“Is dat Steno?” meint sie mit einem kurzen Blick auf mein Notizbuch. “Kann doch kein Schwein lesen.”

Das einzig Blau-Weisse, das noch durch Gelsenkirchen-Schalke fährt, ist ein Tanklastwagen von ARAL, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle.
“Mein Gott, nee! Ich brauch doch nich zu betteln für ein klein Bierchen, hab ich nich nötig!” (Kriegt kein Bier mehr, verlässt Vereinsheim.)
Ich auch.

Ich guck mir Schalke an. Das Stadtviertel. Kleine Häuschen. Ein türkischer Junge im königsblauen Trainingsanzug humpelt an mir vorüber. Sonst ist niemand auf der Strasse zu sehen.
Ein paar Graffitis.
TÜRKEN UND SCHWULE AN DIE WAND
SATANSPENIS
BLOCK II - WIR FERWESEN

Hinter der Arbeitersiedlung dann das alte, verrottende Fussballstadion. Die legendäre Glückauf-Kampfbahn. Ein einziges Schild weist darauf hin. Die Tore sind verschlossen. Ich klettere über einen Zaun und finde mich auf der Gegengerade wieder. Zwischen den Stufen wuchert Unkraut. Ich latsche über den gut erhaltenen Rasen rüber zur Tribüne. Höre dreissigtausend Knappen “SCHALLL-KEE” brüllen. Rolf Rüssmann nimmt Anlauf zum Freistoss - Pfostenschuss!

Ich sitze auf der Ehrentribüne. Links die Stadtautobahn nach Bochum. Die dunkelrot lackierten Sitzplätze unter mir sind mit dickem Staub überzogen, die Gitter zwischen Spielfeld und Rängen ausnahmslos niedergerissen. Eine Reklametafel ist übriggeblieben: AFRI-COLA.
200 METER ZUM BLOCK II - ASIS UNERWÜNSCHT
Ein paar Minuten bleibe ich sitzen, einfach mal sitzen und denken, verdammt - aber es will sich keine Ehrfurcht einstellen. Als ich aufstehe, um das Stadion zu verlassen, steht in der Kurve dieser Mann. Erregter Mann, so eine Art Platzwart vielleicht.
“JA, WAT IS DAT DANN?!” brüllt er, die unvermeidliche Töle an der Leine. “GA