Archiv für November 2007

Grauer Novembertag im Wald (Der Flair)

29. November 2007

An Regentagen aufwachen, nach dem 2ten großen Espresso mit dem Hund rausmarschieren, das neue Notizbuch einsauen, der Kuli pitschnass, der Ersatzkuli schreibt nicht..

„..für dich ist das Spaß, schon klar..“, murmle ich in Richtung Frau Moll, die wie ein wendiges kleines Waldmofa mit Kupferkinn durch den Forst kurvt,

während ich mich vorsichtig den Waldhang runterhangle, von Baumstamm zu Baumstamm, „du hast ja auch vier Pfoten, und ich nur zwei aalglatte Schuhe.“

Dieser graue Novembertag im Wald, wie prädestiniert für einen plötzlichen Leichenfund, wenn man die Pfade verlässt:

wartet man ja förmlich auf eine abgetrennte Hand, auf ein Haarbüschel mit Blutanhaftung, auf 1 graues, zu Staub werdendes Muttermal.

Nicht, dass ich scharf darauf wäre. Das nicht. Es ist auch nicht wichtig, ob da wirklich eine Hand aus dem Laub wächst.

Aber es riecht so. Nach Knochen, November, Novemberknochen:

Novemberleichen.

Zigeunerjunge

27. November 2007

Ich kann hergehen, wo ich will, diese Stadt hält an jeder verschissenen Ecke irgendeine Erinnerung parat.

Auf dem Weg zum Nordstadt-Türken, der ein gutes Kebap zusammenhaut, komm ich an der Karateschule vorbei, unter der früher mein alter Kumpel Benzini gewohnt hat. Natürlich hiess er nicht Benzini. Benzini war einer der Irren aus Einer flog übers Kuckucksnest, mit Jack Nicholson.
In dem Film stand Benzini meistens dumm rum und murmelte „ich bin müde“. Das hatte es Mario so angetan, dass er den Namen fortan als Pseudonym nutzte, auch für das Schild neben seiner Türklingel,
BENZINI.

„In mir fliesst uraltes Zigeunerblut“, prahlte Benzini gerne, und wer seinen drahtigen, mürrischen Vater kannte, der seine Tage in den Pinten der Nordstadt verlebte, mit pechschwarzem, glänzenden Haar, der musste zugeben, diese Ahnen-Theorie, die hatte etwas.
Da konnte was dran sein.

Benzini war nicht besonders gross, hatte aber Schultern wie Turnbarren, eine auffallend krumme Nase und kurze Beine, wie Säbel.
Ich meine, ich hab ja selbst O-Beine vom vielen Kicken, kein Thema, doch Benzinis Beine waren Waffen. Setzte er sie im Kampf ein, vor der Kneipe, hiess es für jeden Gegner Gute Nacht, Marie, und kein Bett.
„Ich bin ein Pechvogel“, sagte er gerne, „also muss ich besonders clever sein.“

Einmal, ich kam mittags von Lena, traf ich Benzini zufällig auf der Strasse. Wir waren beide auf dem Weg ins Mumms, um das erste Bier des Tages zu kaufen.
Verpennt gingen wir nebeneinander her.
„Ich hab heut Nacht gebumst, als ging es um die Weltmeisterschaft“, meinte ich schliesslich, einfach so, um das Schweigen zu beenden, worauf Benzini so dröhnend loslachen musste, dass er sich fast verschluckt hätte, beim anschliessenden Abhusten.

Noch zehn Jahre später klopfte er mir zur Begrüssung auf die Schulter, „he, Glumm, was macht die Bums-WM?“
Wenn ich dann „nix“ antwortete, „ich bums nicht mehr“, haute er nur noch fester zu.
„Glumm, du bist ein Schwanzlutscher geworden, obwohl..“, und nun schaute er an mir herunter, „..du gar keine Schwänze lutscht!“

Benzini hatte dauernd Stress mit den Bullen. Das fing schon mit sechzehn an, im Haus der Jugend, als er eine Mofa-Gang gründete, die Abrazzen.
Die Abrazzen mit ihren öligen, geschickten Mofafingern und Oberlippenschnäuzern jazzten die Zündapp- und Herkules-Motoren so unverschämt hoch, der damalige Richter hat sich kaum noch eingekriegt.
„Beschuldigter, Sie haben also die Autobahnzufahrt Detmold mit 130 Sachen genommen.. DIE AUTOBAHNZUFAHRT! MIT DEM MOFA!!“
So kassierte Benzini seine erste Jugendstrafe.

1982 kam das Pulver über die Stadt. Die erste grosse Welle. Heroin, Kokain, Amphetamine, das ganze Arsenal.
Weil Benzini nicht nur breit sein wollte, sondern auch ein gutes Geschäft witterte, stieg er in den Rauschgifthandel ein. Natürlich musste es gleich im Kilogrammbereich sein, darunter tat er es nicht, und mehr als einmal ist er in allerhöchster Not über die Dächer der Karateschule entkommen, auf der Flucht vor dem Rauschgiftdezernat.
Das glaubte er jedenfalls.
Denn als die Bullen wirklich kamen, traten sie einfach die Türe ein und standen im Zimmer.
Man verdonnerte ihn zu zwölf Monaten ohne Bewährung.

Als Benzini wieder draussen war, ging der Verkauf weiter, allerdings mit etwas mehr Umsicht. Hatte er mir ein Jahr zuvor noch eine launige Linie Arbeiterkoks gestreut, „WAT IS, GLUMM, NE NASE ATTA!?“, hiess es nun psst! Nicht so laut! Kannst du nicht leise sniefen? Putz dir erst mal die Nase, Kind!
Er hatte eine echte Bullenparanoia entwickelt.

Benzini jobbte auf dem Lager eines Lebensmittel-Grossisten, und die Arbeitszeit schloss eine zweistündige Mittagspause mit ein, die er in seiner Bude unter der Karateschule verbrachte, mit Pilleneinschmeissen und Bongrauchen.
Da ich damals ganz in der Nähe wohnte, besuchte ich ihn gelegentlich.
Punkt 13 Uhr stand ich auf der Matte.
Weniger wegen all dem Pillen-und Pulverzeugs, sondern um eine oder zwei Wasserpfeifen zu rauchen. Da hatte ich mehr Spaß dran, damals.

Die Wohnungstür war mittlerweile stahlverstärkt und mit Ketten und Sicherheits-Schlössern versehen, auch eine Alarmanlage hatte Benzini installiert, so merkwürdige Leuchtdioden.
Es sah aus wie in einem Puff, aber es roch besser.
Als Besucher war es nicht mehr möglich, die Wohnung einfach zu verlassen. Man musste schon den „Schlüsseldienst!“ anfordern, dann kam Benzini auf seinen Säbelbeinen angerotzt und grinste einen an, aus seiner unverschämt breiten Kinngarage.
„Weisste, was ich im Leben brauche, Glumm? Ne grosse Fresse voll Glück! Und jetzt mach nich son Lärm im Treppenhaus..“

Wenn ich dann an die Luft trat, endlich befreit vom Eingesperrtsein in Benzinis Bude, entfaltete das Haschisch erst seine euphorisierende Wirkung, und mehr als einmal komponierten meine durchbrennenden Hirnzellen eine Oper, wenn ich nach Hause schlenderte, nein, einen Umweg einschlug, weil es so super orgelte, pfiff, blitzte und textstrudelte in meinem Hirn.
Ich wünschte, ich wäre verdrahtet gewesen damals, angeschlossen an ein automatisches Aufzeichnungsgerät, dann müsste mein Herz sich heute nicht so abstrampeln, für ein paar Sätze wie im Rausch.

Shakespeare (Sommer 86)

26. November 2007

Astrid war dünn und hatte große Möpse. Ich lernte sie im WM-Sommer 1986 kennen, an einem schwülen Abend im Keller, einer Kneipe mit angeschlossenem Programmkino.

Der Keller war in den Katakomben einer ehemaligen Brauerei an der Schützenstrasse untergebracht, und wenn man die Treppe runterstieg, empfing einen dieser feuchte Hefegeruch, vom jahrzehntelangen Lagern der Bierfässer.

Man fühlte sich wie im Cavern Club in Liverpool. Auf Fässern, die als Stehtische dienten, brannten lange schwarze Kerzen, und DJ Coco, ein stadtbekannter Rock’n Roller, spielte Surfmusik der 60er.
Faster, faster. Feuchter, feuchter.

Das Programmkino war mit Ohrensesseln und fadenscheinigen Sofas zugestellt, und Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt auf Morphin war, wohnte ein paar Häuser weiter ein finsterer Italo-Dealer, der seine Kundschaft gerne aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi, und wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, setzte ich mich nicht selten mutterseelenallein ins unterirdische Kino und schaute mir japanische Kunst- und Sexfilme an, bis ich wegdämmerte.

Im Sommer 86 war in Mexiko Fußball-WM und in den Zentren meiner Sucht regierten noch Bier und Schnaps und das Marihuana, das reichte.

Ich fand diesen Job im Turmhotel, als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten.

Wenn der Reisebus mit den Amis ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Hotel-Zimmer, und am nächsten Morgen, bei Abreise, schleppte ich alles zurück zum Bus. Dafür kassierte ich pro Gepäckstück zuerst einen Dollar, später einen Dollar fünfzig.

Bei im Schnitt 50 Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld überraschend freigiebig zeigten, (vermutlich gingen sie, wie in den USA üblich, davon aus, dass ich nur von ihrem tip lebte), waren 100 Dollar am Tag nicht selten.

Ich wurde Stammgast am Devisenschalter der Stadtsparkasse, wo ich jeden Morgen die grüne Marie in D-Mark umtauschte. In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war früh auf den Beinen, ich hatte Penunsen auf der Tasche, ich war braungebrannt.

Wenn die Sonne früh um neun auf die Dächer knallte, trug ich fingerdick Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, in Koexistenz mit Bremsen, Bienen, Hornissen, die mich für eine Speckschwarte hielten.

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus den Hörer abnehmen konnte.
Mein erstes Mobiltelefon.
Lena war dran. Die große, verflossene Liebe. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach langem Hin und Her.

“Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?” fragte sie.
Ich war überrascht.
“Klar”, sagte ich. “Warum nicht. Blöde Kuh.”

Dann legte ich mich wieder auf die Decke und wartete, dass es Abend wurde.
Beobachtete Spatzen, die auf der Teppichstange tändelten, und als der alten Frau Kohl, die nebenan in ihrem Campingstühlchen saß, beim Stricken der Wollknäuel aus der Hand fiel und den kleinen Hang runterrollte, liess ich ihn rollen.

Leben 1986, das war Verzetteln in Gesellschaft und Sortieren im Alleinsein, damals wie heute, aber das Alleinsein musste auch Alleinsein bleiben, sonst kriegte ich mich nicht sortiert. Was das mit dem Rollknäuel zu tun hatte? Keine Ahnung. Das ist zwanzig Jahre her. Motive sind längst verschollen, Gedanken über alle Berge.

Aber nicht die Geschehnisse.

Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete kackfrech um. Da lief Romeo gegen Julia.
“Romeo UND Julia!”

Wir lachten und ich schaltete natürlich wieder nach Mexiko, es ging hin und her, bis sie wütend auf meiner Brust trommelte.
“Du mit deinem dämlichen Fußball!”

Wir endeten bei Shakespeare.

Als sie verriet, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet sei, wurde ich wütend.
“Wenn du nur zum fernsehen gekommen bist, kannst du auch gleich wieder abhauen!”

Doch sie ging gar nicht darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände. Legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und kuckten Romeo gegen Julia. Ganz brav.
“Romeo UND Julia!”

Ich schaute sie mir von der Seite an. War sowieso besser, wenn sie in dieser Nacht nicht da blieb. Ich liebte diese Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da.

So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib..

Nun nervten mich ihre flüchtigen Küßchen. Die konnte sie sich an den Hut stecken. Es schellte. Harry und und der dicke Hansen flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.

“Stören wir?” grinste Harry. Er mochte Lena nicht besonders, und das beruhte auf Gegenseitigkeit.
“Nee, ist schon in Ordnung. Lena haut sowieso gleich ab”, sagte ich und fühlte mich ganz wohl dabei. 

Harry war besoffen. Er wollte unbedingt “Strasse der Sehnsucht” hören, den zerkratzten Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die Single, sonst keiner. Die wollte auch kein anderer besitzen. Aber ich hatte die Platte in diesem Sommer so oft gespielt, dass es nun andersherum war und die Leute die Edelschnulze forderten, während ich sie einfach nicht mehr hören konnte.

Der Fluch des selbst angeschobenen Kults.

Ich hatte also partout keinen Nerv, Peter Kraus aufzulegen, aber Harry und der dicke Hansen liessen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.

Lena verabschiedete sich rasch. Nicht schon wieder Peter Kraus..
“Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?” flüsterte sie. “Dazu hätt ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..”
“Meinetwegen”, sagte ich.
“Na ja, lass uns noch mal telefonieren”, sagte sie. “Ich ruf dich Sonntag an.”
Was sollte das denn?! Ach, scheiss drauf. Mit den Jungs machte ich das Bier leer, dann riefen wir ein Taxi.

Auf der Fahrt ins Mumms sangen wir drei eine a-capella-Version von “Strasse der Sehnsucht.” Ich gab vor, die Jungs zogen nach. Sogar der Taxifahrer fiel in den Refrain ein.
“Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das wär schön..”

Das Mumms war stille Klitsche an diesem Abend, die Leute hockten alle daheim und kuckten Fußball-WM. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Wir riefen ein Taxi. Es war derselbe Taxifahrer wie zuvor.

“Zur Strasse der Sehnsucht?”
“Immer, Meister. Immer.”

Und dann saß sie da im Keller, an diesem schlecht beleuchteten Ecktisch. Astrid. Sie fiel sofort ins Auge.
Während Harry am Tresen hocken blieb und weitersoff, verlegte ich mich ganz aufs Baggern, meine Spezialität zwischen dem elften und dreizehnten Bier. Genau in der Spanne.
Nur in der Spanne.

An dem Abend hatte ich Glück. Es funktionierte. Es war wie im Cavern Club. Ich faselte auf Schulenglisch drauflos, was Astrid prustend goutierte, und dazu spielte DJ Coco Balladen: This ole Devil called Love. Something (in the way she moves).
Es gab Abende, da passte alles. Ich war die Beatles, bis zum vierzehnten Bier.

Zwei Tage später.

Um zwei Uhr in der Nacht steh ich besoffen vorm Metropol in Gräfrath und kann mich nicht entscheiden, wohin. Nach Hause, oder in den Keller.
In einer dunklen Seitenstrasse halt ich  den Daumen raus und lass das Schicksal walten.

Tatsächlich hält der erstbeste Wagen an und nimmt mich mit, bis in die Stadt. Die letzten Meter bis in den Keller rudere ich den Hauswänden entlang. Ich hab nur eins im Kopf: Kucken, ob Astrid da ist. Ich hatte versprochen, sie anzurufen, was ich natürlich nicht eingehalten hab.

Im Keller bin ich dann schnurstracks auf sie zu. Es ist rappelvoll, und sie sitzt wieder in der dunklen Liverpooler Ecke.
Ihrem Hafen.

“Hör zu”, sag ich. “Ich hab nicht angerufen, weil ich Checkerei mit ner Frau hab, aber jetzt bin ich da. Nur wegen dir.”

(Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen..)

Von da an sind wir zwei Tage zusammen. Mit einer einzigen Unterbrechnung: als ich am nächsten Morgen Koffertragen muss. Sie wohnt in Wermelskirchen, einem Kaff im Oberbergischen.
Sie fährt mich in der Früh zum Turmhotel, wartet ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig bin.

Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnet, haben wir noch Zeit und bumsen im Auto.
Es ist so heiss, mir rinnt der Schweiss in die Augen.
Sie hat Möpse wie im Kino.

Danach fahren wir wieder nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die halbe Pulle über meine Hose verspritze.

Nachmittags tauchen Bekannte von Astrid auf, ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie können nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett liege mit einer Latte, die sie zwar nicht sehen, die aber die Atmosphäre bestimmt. Jedenfalls sind alle irritiert und froh, als die Beiden sich verabschieden.

In der folgenden Nacht ist es so heiss, dass wir ohne Decke schlafen, und als ich wach werde, ist es stockdunkel. Ich meine, normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, dann ist doch irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht scheint.
Oder die Ziffern eines Digitalweckers leuchten auf. Irgendetwas. Doch hier nicht.

Hier ist nur bodenlose undurchdringliche Schwärze um mich herum. Ich weiss nicht, wo ich bin. Ich fasse neben mich, und da liegt ein Körper, ich höre auch ein Atmen, aber ich weiss nicht, um wen es sich handelt.

Alles strebt weg von mir, stösst mich ab. Ich bin zu weit entfernt, um mich zu erreichen. Ich will in mir bleiben, suche einen Punkt in der Schwärze, der mir Nähe vermittelt, Orientierung.

Mein Herz ist in Panik, als ich aufstehe und mich der Länge nach hinlege. Dabei reisse ich den Ventilator mit zu Boden, der sofort anspringt.
“ICH SEH NICHTS!!”

Noch am selben Vormittag nehm ich den Überlandbus nach Hause.

Die alte Frau Kohl sitzt im Garten in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen und zieht sich Obsttorte rein mit Sahne. Sie winkt freundlich, als sie mich am Fenster stehen sieht.

Peter Kraus liegt auf dem Boden.

Der eisige Wind der Enttäuschung

22. November 2007

Manche Hunde haben per se einen Hang zum Rumlaufen wie Falschgeld, doch als ich gestern Abend von der Arbeit komm und die Tür aufschliesse, dreht sich Frau Moll junkernd im Kreis wie ein irre gewordener alter Seemann, irre geworden vom Ausnahmezustand:
stundenweises Alleinesein auf hoher See.

„Jetzt setz dich endlich auf deinen verfluchten Hintern, Herr Gott noch mal!!”

Es dauert keine drei Minuten, da steckt auch die Gräfin ihren Schlüssel in die Wohnungstüre und jetzt springt und kläfft und rülpst der Hund komplett im Dreieck: mal mich, mal die Gräfin, mal sich selbst im Flur-Spiegel an.

Sie freut sich, wie sie futtert. Rasant.
Brutal.

“Gehst du mit Frau Moll raus? Ich mach schon mal Essen”, meint die Blaublütige.
Das ist ein Wort.

Es wird eine nette, kleine Abendrunde über den feuchten Asphalt, der im Zwielicht glänzt wie Lakritze, bis tief in die Hofschaft Theegarten, wo ein warmer, roter Duft von Fachwerkhaus zu Fachwerkhaus wabert, als bade die Bio-Bäuerin in Bolognese, was meinen Magen endgültig weichkocht.

“Los, du Kostgänger!” feuere ich den Hund an, “Abendessen wartet!”

Das muß man Frau Moll nicht zweimal sagen. Sie läuft so weit voraus, ich verlier sie aus den Augen und erreiche sie erst wieder am Gartentörchen, wo sie hechelnd auf mich wartet.

So ist brav. Gleich gibt’s..

..ja, was?

Es ist doch Mittwoch..
Und Mittwoch ist Abendbrottag!
Da wird nicht gekocht, da bleibt die Küche kalt!

Es weht ein eisiger Wind durch dieses Haus, mittwochs.

Oh! sagte ich

22. November 2007

Eben bin ich im Daily Coffee in einen Mann reingelaufen, der am Boden lag . Ich hatte ihn schlicht übersehen. Ich meine, wer hat schon mitten am hellichten Tag einen Mann auf der Rechnung, der am Boden liegt, mit einer Zange in der Hand?

Er trug einen blauen Monteurskittel mit der Aufschrift „Klimatechnik“ und reparierte gerade die Kühltheke, als ich in etwas Weiches trat und er „autsch!“ aufmuckte.

„Oh..!“ sagte ich, und zog den Fuß aus seinem Bauch.

Irgendwie sah das unanständig aus, wie er da unten auf den Fliesen lag, im Neonschein des Bahnhofcafes. Und dann geschah alles gleichzeitig:

die überschminkte Servicekraft reichte einen Becher schwarzen Kaffee über die Theke, und der gut gekleidete Herr, der neben mir stand und alles mitbekam, wollte zulangen, „Ist der für mich?“, „Nee, für den jungen Mann neben Ihnen!“, also kuckte ich hoch, ob sie mich damit meinte, (bin ich denn immer noch jung?) und griff hastig nach dem Becher, wobei Kaffee über den Rand schwappte, voll auf den Monteur seinen Kittel drauf.

„Isses denn bald gut!??“ schnaufte er. 

„Jo“, sagte ich, aber ehrlich gesagt: das war nicht mehr als eine bloße Vermutung.

Schwierigkeiten

21. November 2007

Becks ist einer von den Leuten, von denen ich keine Ahnung hab, was aus ihnen geworden ist. Zu Beginn der 80er zog er nach Wuppertal und wurde Vater, danach hab ich nie wieder von ihm gehört.

Becks hatte kein einziges Haar am Körper, nicht am Sack, nicht auf dem Kopf, er hatte nicht einmal Augenbrauen.

Meist trug er ein unauffälliges blondes Toupet. War er jedoch betrunken, verlor es seinen Halt und rutschte über seinen Schädel, dann saß es mal da und mal dort, es sah aus wie verrutschte Eierpanade.

Becks bewohnte eine Dachkammer im Haus seiner Tante. Das Haus stand abgelegen am Rande der Felder, weit hinter der Hofschaft Theegarten. Wer ihn besuchen wollte, brauchte ein Auto oder musste einen langen Spaziergang auf sich nehmen.

Es war Sonntagmorgen, ich war früh unterwegs, mit einem dicken Kater. Bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, meine Nervenmöbel stiessen bald durch die Schädeldecke. Nicht mal die frische Luft brachte mir Linderung, so verkatert war ich.

Unterwegs, auf den Feldern, musste ich plötzlich scheissen. Aufhalten liess sich das nicht mehr, also liess ich den Arschbacken ihren Willen und setzte einen mordsmäßigen Pernod-Schiss in die Büsche. Es stank zum Himmel. Dafür war die Form in Ordnung: ein schönes Hufeisen.

Ich putzte mir den Hintern mit Laub ab, was gut funktionierte, es war schließlich Herbst und jede Menge Klopapier lag in der Gegend rum.

Dann marschierte ich weiter zum Haus der Tante. Ich schellte. Becks hatte seine eigene Türklingel, doch es tat sich nichts. Wir hatten am Abend zuvor gekifft und Pernod in uns reingeschüttet, bis Becks kotzen musste und abgehauen war.

Mit einem Mal stand seine Tante im Morgenrock in der Haustüre. Eine verschrobene, untersetzte Person.

„Morgen“, sagte ich. „Ich wollte ihren, äh.. den Becks besuchen. Wir sind verabredet. Aber er..“

„Ja, der Gute schläft noch. Kommen Sie nur herein, junger Mann. „

Es war ein bißchen, als hätte ich Karlos besucht, der auch unterm Dach wohnte, doch Karlos hatte Haare am Sack und schlief noch. Außerdem wohnte er woanders. Blödsinn alles.

Die Tante sah aus wie das Weib aus dem Märchen vom kleinen Muck, das jeden Tag um die gleiche Zeit die Katzen aus der Nachbarschaft zusammentrommelte, „Herbei, herbei, fertig ist der Katzenbrei..!“

So jedenfalls hatte ich mir als Kind das Weib in dem Märchen aus Tausendundeiner Nacht vorgestellt. Hutzelig und vergessen von der Welt, aber gebraucht von den Katzen.

„Gehen Sie nur die Treppe hoch, und wecken Sie den Guten auf.. nur zu.“

Den Guten. Die war gut. Ich ging hoch, klopfte an seiner Tür. Keine Reaktion. Bevor ich nun die Klinke herunterdrückte, wartete ich einen Moment, man wusste nämlich nie, ob Rollo einen ansprang. Rollo, ein aggressiver hochneurotischer Kater. Ich hatte mächtig Respekt vor ihm. Respekt? Ach was, ich hatte Schiss vor dem schwarzen dicken Monster, das niemals schnurrte. Nur angriff.

Es konnte durchaus passieren, dass wir oben bei Becks saßen und einen Bong rauchten, während die riesige Nordmanntanne, die im Garten stand, friedlich durch die geöffnete Dachluke ins Zimmer nadelte, da sprang Rollo einen unvermittelt an, von der gegenüberliegenden Sesselkante aus. Einfach so. Ohne Motiv. Was heißt einen? MICH! Und wenn man ich es dann nicht schaffte, schnell genug abzutauchen, hatte man enorme Schwierigkeiten im Gesicht. ICH! So Tatzen. Rollo war die bekloppteste Katze, die ich je kennengelernt hatte.

Ich drückte langsam die Türklinke herunter. Das Zimmer war dunkel. Es stank nach kaltem Tabak und Anis. Ich bemerkte eine rasche Bewegung im Bett, und hörte ein Stöhnen. Das war nicht Rollo, Gottseidank, das war Becks.

Ich machte Licht.

„He..!?“

Becks Toupet war runtergerutscht, sein kahler Schädel schraubte sich mühsam in meine Richtung.

„Glumm..? Bist du.. ach, doof..??“

Becks hatte nicht nur keine Haare, er trug auch eine Brille mit monströs starken Gläsern, ohne die er aufgeschmissen war. Seine Augen waren die eines Albinos. Ständig gerötet, wie dauerbekifft. Und wie er nun da in seinem Sonntags-Bettchen lag, glatzköpfig, nach Anis stinkend, tat er mir ein bißchen leid. Ich sah zu, wie er routiniert die Hand unter die Decke schob und seine Brille hervorfischte.

Als sie endlich auf seiner Nase saß, fasste er sich an den Kopf.

„Scheissdreck..“, fluchte er.

Wieder langte er unter die Decke, doch diesmal ohne Erfolg. Er hob fluchend das Kissen an, und da lag sie, seine blonde Echthar-Perücke. Er setzte sie auf und glotzte mich verquollen an.

Seine linke Backe hing schief herunter, vom langen Pennen. Irgendwo im Haus schien jemand zu singen. Irgendwo unten, im Keller.

„Mann, siehst du Scheisse aus“, sagte ich.

„Arschloch“, antwortete Becks.

Ich blieb eine halbe Stunde, und dann noch eine volle.

Ich ging rein und setzte Kaffee auf

20. November 2007

Eine Zeitlang lieferte die Gräfin Obst und Gemüse aus für einen Bio-Hof in Gräfrath, am Rande der Stadt.
Wenn am folgenden Tag eine Früh-Tour auf dem Plan stand, kehrte sie abends nicht zum Hof zurück, sie nahm den Firmenwagen mit nach Hause.
Das war bequemer.
Es war Mittwochmorgen, als sie mich kurz nach sechs aufweckte, mit einem dampfenden Becher Espresso.
Oh, wie freundlich.
„Monsieur, kuck mal raus.“
„Mh..?“
Im gleichen Moment hörte ich schon das Scheppern der Schaufeln, das Fegen der Besen: die Siedlung war komplett zugeschneit.
„Kannst du den Wagen schon mal frei machen? Ich schaff das sonst nicht.“
„Für dich tu ich doch mehreres“, räusperte ich mich.
„Hm?“
„Alles.“
„Gut.“
Ich trank den Espresso und kuckte ein paar Minuten Morgenmagazin. Wettervorhersage.
„Von Holland ziehen neue Schneewolken heran. Hat man das schon mal gehört? Von Holland! Tz!“
„Dann schneit’s Käse, oder wie?!“
„Jo. Schnittschnee“.
Ich rollte mir eine Kippe.
„Kannst du die nicht draussen rauchen?“
Was Frauen so alles mitkriegten. Sogar das Lecken der Zunge über den Klebestreifen des Papierchens morgens um zehn nach sechs in einem anderen Zimmer.
Ich zog meinen Hut, und dann den dicken Anorak und Gummistiefel an, und nahm Frau Moll mit raus. Schnee verehrte sie wie einen König. Sobald die ersten Flocken in den Garten trudelten, war der Hund nicht mehr zu halten.
Das ist auch heute noch so.
„Wenn du Bratkartoffeln riechst, wedelst du genauso“, meinte die Gräfin mal.
Hunde und Männer, das ist sowieso alles dasselbe.

Es war lausig kalt an diesem Dezembermorgen, und der Neuschnee um diese Uhrzeit noch keine nasse Angelegenheit. Der Vollmond stand am Himmel wie eine stramme Kochmütze und tunkte den Kannenhof in eine Kulisse wie eine überbelichtete Fotografie
Die Gräfin tauchte kurz am Fenster auf.
„Du kannst später noch genug Fotos machen!“ signalisierte sie. „Und jetzt mach hin und bummel nicht!“

Ich war nicht der einzige um diese frühe Uhrzeit. Das Eis wurde von den Autoscheiben gekratzt, und von den Hauswänden hallte das Schaben der Kehrschaufeln wider, überall knirschte und knarzte es, während Frau Moll frenetisch durch den Vorgarten tobte.

Einmal versank sie so tief im Schnee, dass nur noch ihre Nasenlöcher hervorlugten, wie zwei Pfefferstreuer.

Der Firmenwagen, ein weißer VW-Transporter, stand direkt unter unserem Fenster. Zunächst schaufelte ich die Reifen frei, damit der Wagen überhaupt vom Fleck kommen konnte.
Von hier unten, aus der Sackgasse, brauchte man Anlauf, um es den steilen Kannenhof hoch zu schaffen, der vom städtischen Räumdienst nicht angefahren wurde.

Dann holte ich Handfeger und Eiskratzer aus dem Keller, und ackerte drauflos. Meine Lunge pumpte und rasselte, meine Finger wurden steif vor Kälte, und als ich zwischendurch in den Aussenspiegel blickte, kuckte mich ein Eskimo an, der in seinem Leben zuviel Feuer eingeatmet hatte: knallrot, das Gesicht.

Zwanzig Minuten später war der Wagen von Schnee und Eis befreit. Sah gut aus. Das blitzte förmlich. Selbst Frau Moll bellte einmal laut und kräftig:
„Gut gemacht, Boss!“

„Was machst du denn da..?!“
Die Gräfin stand plötzlich da und glotzte mich entgeistert an, in ihrem Napoleonmantel.
„Nach was sieht das denn aus?“ erwiderte ich, aber ihre großen, halb belustigten Augen verunsicherten mich.

Sie stapfte den zugeschneiten Gehweg hoch.
„Hast du dir den Wagen mal genauer angekuckt..?“
„Wieso?!“
Während ich mich umdrehte, begriff ich schon: auf der Seitentür fehlte die Reklame.
BIO-HOF CLEMENTIN – IHR FRISCHEBAUER. Das stand da nicht. Das stand nirgendwo. Auf der Strasse hatte nur jemand „Michi“ in den Schnee geschrieben, mit den Fingern, „ich bin fein.“

Aber wo stiefelte die Gräfin hin? Und wieso blieb sie vor diesem anderen VW-Bus stehen? Und warum schloss sie ihn auf? Woher hatte sie den Schlüssel für diesen fremden Wagen..?!
Nein, ich bin nicht fein, dachte ich.
Nein. Ich.. ICH HATTE EINE BESCHISSENE HALBE STUNDE LANG IN KÄSIGER HOLLANDKÄLTE DEN FALSCHEN TRANSPORTER IN DER MACHE GEHABT!

Die Gräfin gab Gas, wobei der Wagen wegrutschte wie eine Seifenkiste, doch dann fing sich der Sprinter und sie bretterte lässig aus dem Seitenfenster winkend den Kannenhof hoch, während Unmengen Schneehütchen von ihrem Autodach kullerten.

Ich stand da, in Anorak und Gummistiefeln, Atemwölkchen produzierend, als mich jemand von der Seite anmurmelte.
„Morjn..“

Der Nachbar, ich kannte ihn entfernt vom Sehen, schloss seinen VW-Bus auf, der scheckheftgepflegt unter unserem Fenster parkte.
Vom Fahrersitz aus blickte er mich achselzuckend an und brauste los, auf nagelneuen Winterreifen, und ich bekam was ab, am Ohr.

Ich fischte mit steifen Fingern die Eisbröckchen aus dem Haar und sah Frau Moll dabei zu, wie sie durch den Schnee kugelte.
Unermüdlich, dieser Hund.
Ich ging rein und setzte Kaffee auf.

Genie

20. November 2007

Alle Genies, also die großen Genies, ich meine die wirklich ganz großen Genies, sind nicht zur Schule gegangen. Alle ganz großen Genies haben etwas Animalisches. Bedrohliches. Man weiß nie, was sie als nächstes tun..

ZUM BEISPIEL EIN WEBLOG AUF WORDPRESS ERÖFFNEN!!

Oder eine rote Hundsrose züchten.

Unerhört.