Astrid war dünn und hatte große Möpse. Ich lernte sie im WM-Sommer 1986 kennen, an einem schwülen Abend im Keller, einer Kneipe mit angeschlossenem Programmkino.
Der Keller war in den Katakomben einer ehemaligen Brauerei an der Schützenstrasse untergebracht, und wenn man die Treppe runterstieg, empfing einen dieser feuchte Hefegeruch, vom jahrzehntelangen Lagern der Bierfässer.
Man fühlte sich wie im Cavern Club in Liverpool. Auf Fässern, die als Stehtische dienten, brannten lange schwarze Kerzen, und DJ Coco, ein stadtbekannter Rock’n Roller, spielte Surfmusik der 60er.
Faster, faster. Feuchter, feuchter.
Das Programmkino war mit Ohrensesseln und fadenscheinigen Sofas zugestellt, und Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt auf Morphin war, wohnte ein paar Häuser weiter ein finsterer Italo-Dealer, der seine Kundschaft gerne aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi, und wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, setzte ich mich nicht selten mutterseelenallein ins unterirdische Kino und schaute mir japanische Kunst- und Sexfilme an, bis ich wegdämmerte.
Im Sommer 86 war in Mexiko Fußball-WM und in den Zentren meiner Sucht regierten noch Bier und Schnaps und das Marihuana, das reichte.
Ich fand diesen Job im Turmhotel, als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten.
Wenn der Reisebus mit den Amis ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Hotel-Zimmer, und am nächsten Morgen, bei Abreise, schleppte ich alles zurück zum Bus. Dafür kassierte ich pro Gepäckstück zuerst einen Dollar, später einen Dollar fünfzig.
Bei im Schnitt 50 Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld überraschend freigiebig zeigten, (vermutlich gingen sie, wie in den USA üblich, davon aus, dass ich nur von ihrem tip lebte), waren 100 Dollar am Tag nicht selten.
Ich wurde Stammgast am Devisenschalter der Stadtsparkasse, wo ich jeden Morgen die grüne Marie in D-Mark umtauschte. In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war früh auf den Beinen, ich hatte Penunsen auf der Tasche, ich war braungebrannt.
Wenn die Sonne früh um neun auf die Dächer knallte, trug ich fingerdick Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, in Koexistenz mit Bremsen, Bienen, Hornissen, die mich für eine Speckschwarte hielten.
Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus den Hörer abnehmen konnte.
Mein erstes Mobiltelefon.
Lena war dran. Die große, verflossene Liebe. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach langem Hin und Her.
“Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?” fragte sie.
Ich war überrascht.
“Klar”, sagte ich. “Warum nicht. Blöde Kuh.”
Dann legte ich mich wieder auf die Decke und wartete, dass es Abend wurde.
Beobachtete Spatzen, die auf der Teppichstange tändelten, und als der alten Frau Kohl, die nebenan in ihrem Campingstühlchen saß, beim Stricken der Wollknäuel aus der Hand fiel und den kleinen Hang runterrollte, liess ich ihn rollen.
Leben 1986, das war Verzetteln in Gesellschaft und Sortieren im Alleinsein, damals wie heute, aber das Alleinsein musste auch Alleinsein bleiben, sonst kriegte ich mich nicht sortiert. Was das mit dem Rollknäuel zu tun hatte? Keine Ahnung. Das ist zwanzig Jahre her. Motive sind längst verschollen, Gedanken über alle Berge.
Aber nicht die Geschehnisse.
Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete kackfrech um. Da lief Romeo gegen Julia.
“Romeo UND Julia!”
Wir lachten und ich schaltete natürlich wieder nach Mexiko, es ging hin und her, bis sie wütend auf meiner Brust trommelte.
“Du mit deinem dämlichen Fußball!”
Wir endeten bei Shakespeare.
Als sie verriet, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet sei, wurde ich wütend.
“Wenn du nur zum fernsehen gekommen bist, kannst du auch gleich wieder abhauen!”
Doch sie ging gar nicht darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände. Legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und kuckten Romeo gegen Julia. Ganz brav.
“Romeo UND Julia!”
Ich schaute sie mir von der Seite an. War sowieso besser, wenn sie in dieser Nacht nicht da blieb. Ich liebte diese Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da.
So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib..
Nun nervten mich ihre flüchtigen Küßchen. Die konnte sie sich an den Hut stecken. Es schellte. Harry und und der dicke Hansen flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.
“Stören wir?” grinste Harry. Er mochte Lena nicht besonders, und das beruhte auf Gegenseitigkeit.
“Nee, ist schon in Ordnung. Lena haut sowieso gleich ab”, sagte ich und fühlte mich ganz wohl dabei.
Harry war besoffen. Er wollte unbedingt “Strasse der Sehnsucht” hören, den zerkratzten Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die Single, sonst keiner. Die wollte auch kein anderer besitzen. Aber ich hatte die Platte in diesem Sommer so oft gespielt, dass es nun andersherum war und die Leute die Edelschnulze forderten, während ich sie einfach nicht mehr hören konnte.
Der Fluch des selbst angeschobenen Kults.
Ich hatte also partout keinen Nerv, Peter Kraus aufzulegen, aber Harry und der dicke Hansen liessen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.
Lena verabschiedete sich rasch. Nicht schon wieder Peter Kraus..
“Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?” flüsterte sie. “Dazu hätt ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..”
“Meinetwegen”, sagte ich.
“Na ja, lass uns noch mal telefonieren”, sagte sie. “Ich ruf dich Sonntag an.”
Was sollte das denn?! Ach, scheiss drauf. Mit den Jungs machte ich das Bier leer, dann riefen wir ein Taxi.
Auf der Fahrt ins Mumms sangen wir drei eine a-capella-Version von “Strasse der Sehnsucht.” Ich gab vor, die Jungs zogen nach. Sogar der Taxifahrer fiel in den Refrain ein.
“Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das wär schön..”
Das Mumms war stille Klitsche an diesem Abend, die Leute hockten alle daheim und kuckten Fußball-WM. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Wir riefen ein Taxi. Es war derselbe Taxifahrer wie zuvor.
“Zur Strasse der Sehnsucht?”
“Immer, Meister. Immer.”
Und dann saß sie da im Keller, an diesem schlecht beleuchteten Ecktisch. Astrid. Sie fiel sofort ins Auge.
Während Harry am Tresen hocken blieb und weitersoff, verlegte ich mich ganz aufs Baggern, meine Spezialität zwischen dem elften und dreizehnten Bier. Genau in der Spanne.
Nur in der Spanne.
An dem Abend hatte ich Glück. Es funktionierte. Es war wie im Cavern Club. Ich faselte auf Schulenglisch drauflos, was Astrid prustend goutierte, und dazu spielte DJ Coco Balladen: This ole Devil called Love. Something (in the way she moves).
Es gab Abende, da passte alles. Ich war die Beatles, bis zum vierzehnten Bier.
Zwei Tage später.
Um zwei Uhr in der Nacht steh ich besoffen vorm Metropol in Gräfrath und kann mich nicht entscheiden, wohin. Nach Hause, oder in den Keller.
In einer dunklen Seitenstrasse halt ich den Daumen raus und lass das Schicksal walten.
Tatsächlich hält der erstbeste Wagen an und nimmt mich mit, bis in die Stadt. Die letzten Meter bis in den Keller rudere ich den Hauswänden entlang. Ich hab nur eins im Kopf: Kucken, ob Astrid da ist. Ich hatte versprochen, sie anzurufen, was ich natürlich nicht eingehalten hab.
Im Keller bin ich dann schnurstracks auf sie zu. Es ist rappelvoll, und sie sitzt wieder in der dunklen Liverpooler Ecke.
Ihrem Hafen.
“Hör zu”, sag ich. “Ich hab nicht angerufen, weil ich Checkerei mit ner Frau hab, aber jetzt bin ich da. Nur wegen dir.”
(Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen..)
Von da an sind wir zwei Tage zusammen. Mit einer einzigen Unterbrechnung: als ich am nächsten Morgen Koffertragen muss. Sie wohnt in Wermelskirchen, einem Kaff im Oberbergischen.
Sie fährt mich in der Früh zum Turmhotel, wartet ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig bin.
Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnet, haben wir noch Zeit und bumsen im Auto.
Es ist so heiss, mir rinnt der Schweiss in die Augen.
Sie hat Möpse wie im Kino.
Danach fahren wir wieder nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die halbe Pulle über meine Hose verspritze.
Nachmittags tauchen Bekannte von Astrid auf, ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie können nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett liege mit einer Latte, die sie zwar nicht sehen, die aber die Atmosphäre bestimmt. Jedenfalls sind alle irritiert und froh, als die Beiden sich verabschieden.
In der folgenden Nacht ist es so heiss, dass wir ohne Decke schlafen, und als ich wach werde, ist es stockdunkel. Ich meine, normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, dann ist doch irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht scheint.
Oder die Ziffern eines Digitalweckers leuchten auf. Irgendetwas. Doch hier nicht.
Hier ist nur bodenlose undurchdringliche Schwärze um mich herum. Ich weiss nicht, wo ich bin. Ich fasse neben mich, und da liegt ein Körper, ich höre auch ein Atmen, aber ich weiss nicht, um wen es sich handelt.
Alles strebt weg von mir, stösst mich ab. Ich bin zu weit entfernt, um mich zu erreichen. Ich will in mir bleiben, suche einen Punkt in der Schwärze, der mir Nähe vermittelt, Orientierung.
Mein Herz ist in Panik, als ich aufstehe und mich der Länge nach hinlege. Dabei reisse ich den Ventilator mit zu Boden, der sofort anspringt.
“ICH SEH NICHTS!!”
Noch am selben Vormittag nehm ich den Überlandbus nach Hause.
Die alte Frau Kohl sitzt im Garten in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen und zieht sich Obsttorte rein mit Sahne. Sie winkt freundlich, als sie mich am Fenster stehen sieht.
Peter Kraus liegt auf dem Boden.