Keine Ahnung, was aus Becks geworden ist. Zu Beginn der 80er zog er nach Wuppertal und wurde Vater, danach hab ich nie wieder von ihm gehört.
Becks war ein Acidhead. Er hatte kein einziges Haar auf dem Kopf, nicht mal Augenbrauen. Meist trug er ein unauffälliges Toupet.
Er lachte gern, oft und hektisch. Einmal zog er mich beseite und meinte verschwörerisch:
“Ich bin unheimlich weiß, und ich komm aus dem Beton, glaub mir das.”
Ich glaubte es ihm.
Becks bewohnte eine Dachkammer im Haus seiner Tante. Das Haus stand abgelegen am Rande der Felder, weit hinter der Hofschaft Theegarten, und wer ihn besuchen wollte, musste einen langen Spaziergang auf sich nehmen.
Es war Sonntagmorgen, ich war früh unterwegs, mit einem dicken Kater. Bei jedem Schritt hatte ich das Gefühl, die Nervenmöbel stiessen durch die Schädeldecke. Wie Nägel. Nicht mal die frische Luft brachte Linderung, so platt war ich.
Unterwegs musste ich plötzlich scheissen. Aufhalten liess sich das nicht mehr, also liess ich den Arschbacken ihren Willen und setzte einen mordsmäßigen Pernod-Schiss in den Wald.
Es stank zum Himmel.
Dafür war die Form in Ordnung: ein Hufeisen.
Ich putzte mir den Hintern mit Laub ab, was gut funktionierte, es war schließlich Herbst und jede Menge Klopapier lag in der Gegend rum.
Dann marschierte ich weiter zum Haus der Tante.
Ich schellte. Becks hatte seine eigene Türklingel, doch es tat sich nichts. Wir hatten am Abend zuvor soviel gekifft und Pernod in uns reingeschüttet bis Becks kotzen musste und abgehauen war.
Plötzlich stand seine Tante im Morgenrock in der Haustüre. Eine verschrobene, untersetzte Person.
“Morgen”, sagte ich. “Ich wollte ihren, äh.. den Becks besuchen. Wir sind verabredet. Aber er..”
“Ja, der Gute schläft noch. Kommen Sie nur herein, junger Mann. “
Die Tante erinnerte mich an das Weib aus dem Märchen vom kleinen Muck, das jeden Tag um die gleiche Zeit die Katzen aus der Nachbarschaft zusammentrommelte:
“Herbei, herbei, fertig ist der Katzenbrei..!”
So jedenfalls hatte ich mir als Kind das Weib vorgestellt. Hutzelig und vergessen von der Welt, aber gebraucht von den Katzen.
“Gehen Sie nur die Treppe hoch, und wecken Sie den Guten auf.. nur zu.”
Der Gute. Ich klopfte oben an seiner Tür, keine Reaktion. Bevor ich die Klinke runterdrückte, wartete ich einen Moment. Man wusste nie, ob ROLLO einen ansprang. ROLLO war ein aggressiver Kater und völlig durch den Wind, neurotisch bis unter die Krallen. Ich hatte mächtig Respekt vor ihm. Respekt, was red ich, ich hatte Schiss vor dem schwarzen, dicken Monster, das niemals schnurrte.
Nur angriff.
Es konnte durchaus passieren, dass wir oben bei Becks saßen und was rauchten und die riesige Nordmanntanne, die im Garten stand, nadelte friedlich durch die geöffnete Dachluke ins Zimmer rein, da sprang ROLLO einen unvermittelt an, von der gegenüberliegenden Sesselkante aus. Einfach so. Ohne Motiv.
Und wenn man es dann nicht schaffte, schnell genug abzutauchen, hatte man enorme Schwierigkeiten im Gesicht.
So Tatzen.
ROLLO war die bekloppteste Katze, die ich kannte.
Ich öffnete langsam die Tür. Das Zimmer war dunkel. Ich bemerkte eine rasche Bewegung im Bett, und hörte ein Stöhnen. Das war nicht ROLLO. Das war Becks.
Ich machte Licht.
“he..!?”
Das kleine Zimmer stank nach kaltem Tabak und Anis. Sein Toupet war runter gerutscht, und Becks kahler Schädel drehte sich in meine Richtung.
“Was..? Bist du.. ach? Doof..??”
Er hatte nicht nur eine Glatze, er trug auch eine starke Brille, ohne die er aufgeschmissen war. Seine Augen waren die eines Albinos. Ständig gerötet, wie dauerbekifft.
Wie er nun im Bett lag und wach wurde, tat er mir fast ein bißchen leid. Toupet weg, Brille verrutscht, und dabei so verkatert, dass ich es klimpern hörte in seinem nackten Schädel, als er sich mühselig auf den Bettrand setzte.
Routiniert schob er die Hand unter die Decke und fummelte seine Brille hervor.
Als sie endlich auf seiner Nase saß, fasste er sich an den Kopf.
“Scheissdreck..”
Wieder langte er unter die Decke, doch diesmal ohne Erfolg. Er hob fluchend das Kissen an, und da lag seine Echthar-Perücke. Er setzte sie auf und glotzte mich verquollen an.
Seine linke Backe hing schief herunter, vom Pennen. Irgendwo im Haus schien jemand zu singen.
“Mann, siehst du Scheisse aus”, sagte ich.
“Arschloch”, antwortete Becks.
Ich blieb eine halbe Stunde, und noch eine volle.
Schlagworte: Geschichte, Story, Literatur, Saufen, Drogen, Alkohol, Freunde, 70er Jahre, Pernod, Kiffen, Spass, Sonntagmorgen, Writing, Short Stories, Gesellschaft, Allgemeines
November 21, 2007 um 10:27 Uhr vormittags
zick zack bullenpack!
das war eigentlich mein kommentar für den 500beine eintrag, aber dann lass ich ihn eben hier. schön, dass sie eine zweite ausweichseite haben.
November 21, 2007 um 11:17 Uhr vormittags
Schöne Matratze, werter Wortzaubermeister Glumm.
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
November 22, 2007 um 11:02 Uhr vormittags
Ich kann drüben schon wieder nicht kommentieren.
Bleibt das jetzt hier?
Habe jetzt vergessen, was ich sagen wollte. Scheiß myblog, die sind schuld. Und Rollo, die Saquekatze.
November 22, 2007 um 11:09 Uhr vormittags
keine ahnung. wenn das mit myblog so weitergeht,
bestimmt.