Das nächste Leben

Je länger ich als Nachtportier jobbte, desto schulterzuckender versah ich den Dienst. Zuletzt waren fünf Jahre um und es gab Nächte, in denen ich meinem Schulterzucken nur noch mit Schulterzucken begegnete.
Ernst nehmen konnte ich das nicht mehr.
Ich hatte die Nase voll.
Sogar mein Chef wusste sich nicht mehr zu helfen.
“Herr Glumm, was machen Sie überhaupt noch hier? Warum suchen Sie sich nicht was anderes..?”
Ich zuckte mit den Schultern.

Meist verbrachte ich die Nächte mit Pulver vollgepumpt vorm Kabelfernseher, der knisterte wie ein Kaminfeuer vom jahrelangen Nonstopbetrieb.
Eigentlich wartete ich nur auf eine Implosion, dann wäre die Sache endlich gegessen gewesen.
Ich selbst fühlte mich unfähig, an meinem Zustand etwas zu ändern.
Ich wartete einfach ab.

Zeit hatte ich genug. Es gab doch bestimmt noch ein Leben, nach diesem hier. Das konnte nicht das einzige sein. Da musste noch eins kommen.
Eins, wo ich noch mal richtig losleben könnte.
So richtig.

“Hallo..!” rief jemand von der Rezeption her.
“Ja?” gab ich zurück, aus dem Büro.
“Ich bin’s!”
Wie, ich bin’s? Wer ist ich?
“Zimmer 40.”
Ich nahm den Blick vom Bildschirm. Es war mitten in der Nacht. Drei Uhr.
Kurz nach drei.
“Schmattke”, fügte die Stimme hinzu.

Der Öko-Bauer vom zwölften Stock. Der hatte mich schon in der Nacht zuvor vollgesabbelt, von seinem Öko-Bauernhof in Niedersachsen, wo er zwanzig verschiedene Kartoffelsorten anbaute, längst vergessene Sorten, beinah ausgestorben.
Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln.
Er war so penetrant begeistert gewesen von seinen Kartoffeln, dass ich ihn mir schliesslich beim Masturbieren vorstellte, das Ejakulat war Pürree.

“Moment”, seufzte ich, “ich komme”, und zog die Schlappen an, die vom Chef. Ich hätte mir auch von zuhause ein Paar Slippers mitbringen können, aber die Schlappen vom Chef gingen schon in Ordnung. Ich hatte mich dran gewöhnt, und der Chef wusste Bescheid. Das nahm ich jedenfalls an, hatte mich doch seine Frau einmal in den Chef-Puschen überrascht, früh am Morgen.
Sehr früh am Morgen.
“Ooh! Herr Glumm!” rief sie. “Sie tragen ja HAARGENAU dieselben Gesundheitsschluffen wie mein Mann!”

“Hal-looh!”
Der Öko-Bauer.
“Ich hab drei nette Damen dabei!”
Damen? Drei? Der?!
Wo hatte der denn drei Damen aufgegabelt, mitten in der Nacht?!
Das musste ich sehen. Ich schlappte hinter die Rezeption.

“Ich hab drei nette Damen dabei”, wiederholte er fröhlich und strahlte.
“Guten Abend, junger Mann”, sagten die Damen.
“Nabend”, sagte ich.
Das Trio bestand aus Mitfünfzgerinnen, der Dauerwelle auf ewig ausgeliefert.

“Die standen unten an der Tür”, erklärte Schmattke und sein Schnauzbart bewegte sich mit. “Da hab ich sie reingelassen. Wir können die Damen doch nicht erfrieren lassen da draussen.”
Na sicher, du Pürreetrottel. Draussen war Sommernacht, zwanzig Grad.
“Richtig”, sagte ich. “Gut gemacht.”

“Hätten Sie denn ein Zimmerchen für uns drei, ein billiges?” fragte eine der Damen, aber ich hätte gar nicht sagen können, wer von den Dreien es gesagt hatte. Irgendwie schien jede was beigesteuert zu haben.
Famose Sache.
Die 3 ist ja ein mystische Zahl. Wo sie auftaucht, da geschieht etwas, kommt Energie ins Spiel.
Die 3 ist eine heilige und eine gefährliche Zahl.
Meine Energiezahl ist die 1.

Die Damen wirkten erschöpft. Eine roch nach einem sehr süßlichen Parfum, das sie wie eine Leine hinter sich her zog, als sie den Frühstücksraum begutachtete. Eine Leine, an der nasse Drops hingen.
“Ein Zimmer hab ich noch”, meinte ich mit Blick auf den Belegungsplan, “das gross genug ist, um noch ein Bett beizustellen. Wir haben nämlich nur Doppel und Einzel.”
“Das wäre aber schön, junger Mann.”

Die Drei akklimatisierten sich allmählich. Plapperten durcheinander. Es wurde heftiger. Ich reagierte genervt.
Hatten die denn keinen Anführer?! Männer hatten immer einen Anführer. Da wusste man als Nachtportier, wohin man zu gucken hatte.

“Eigentlich müssten wir drei Hübschen ja jetzt im Reisebus sitzen..”
“..fünf Stunden haben wir unten auf den Bus gewartet..”
“..der sollte uns vorm Karstadt abholen, junger Mann.. aber da kam kein Bus..”
“Doch, Manu.. da kamen doch sogar zwei Busse, ja, Herta?!”
“Ja, natürlich! Aber die waren voll..”
“..und die waren voll, aber die beiden Fahrer sagten, da kommt noch einer..”
“..noch ein Bus..”
“..ein Extra-Bus, nur für uns, weil die zwei davor voll waren..”
“..aber da kam keiner.”
Sie waren ganz niedergeschlagen.
“Woher kommen Sie denn?” warf der Öko-Bauer ein. Der war ja auch noch da.
“Aus Schwerte!” sang das Trio aus einem Mund.
Der Öko schwieg.
War der nicht fröhlich gewesen, eben noch?
“Und wohin wollten Sie.. reisen?” übernahm ich.
“An die Blumen-Rivieira!”
Stolz huschte über drei aufopferungsvoll geschminkte Gesichter.
“Nach Monaco!”
“Und dann hat einer von den Busfahrern gesagt..”
“..von den beiden Fahrern, die ganz früh da waren, wir sollten warten, spätestens um ein Uhr würden wir abgeholt werden..”
“..von einem Extrabus.”
“..und jetzt ist es halb vier durch.. und kein Bus..”

Ratlosigkeit legte sich über die Rezeption. Der Stoff kam mir bekannt vor.
So Mull.
Der Öko sagte unvermittelt gute Nacht und zog sich auf sein Zimmer zurück, ein gutes Päckchen Pürree anrühren, nahm ich an.
Um die ganze Sache zu beschleunigen, senkte ich den Zimmerpreis eigenmächtig für ein Dreier-Zimmer von 170 auf 70 Mark.
Das war mehr als fair.
“Und die Nacht hat ja nur noch ein paar Stündchen”, fügte ich hinzu, aber eigentlich wartete ich ja nur darauf, endlich wieder allein vor meinem Kamin sitzen zu können, ein kleines Serien-Highlight reinziehen.
Meine Ruhe haben.
Ein Näschen.

“Tja, was bleibt uns anderes übrig, Herta.. was meinst du?”
“Und wir wollten an die Blumen-Rivieira..!”
“Müssen wir wohl in den sauren Apfel beissen, Herta.”
“..nach Monaco!!”
“Reichen Sie die Rechnung doch beim Reiseveranstalter ein”, schlug ich noch vor. “Das muss der Ihnen doch ersetzen, die Übernachtung.”

Das Trio war kurz still, dann schnatterte es wieder durcheinander, bis Herta ein Machtwort sprach.
“Kinder, ihr bringt den armen Mann ja ganz durcheinander!”
Endlich. Ein Anführer.
Herta!
“Sagen Sie.. Gibts hier eine Bar in der Nähe?”
“Eine Bar..? Schwierig”, sagte ich. “Hier gibts mehr Kneipen als Bars.. und dann um diese Uhrzeit..”
Ich überlegte.
“Kommen Sie mal mit.”

Sie folgten mir in den Frühstücksraum, zu den grossen Panoramafenstern im elften Stock.
“Sehen Sie das da unten, gegenüber? Das blaue Licht?”
“Die blaue Leuchtreklame?”
“Ja, genau. Die haben noch auf, glaub ich.”
“Wie.. heisst das?”
“Finale”, sag ich.
“Finale?”
“Und das ist eine Bar? Das Finale?”
“Na ja.. so eine Art Bar..”
“So eine Art Bar?”
“Was ist das denn, so eine Art Bar, junger Mann?”
“Also, von all den Kneipen hier ringsum ist das Finale noch am ehesten eine Bar!” rief ich.
“Am ehesten.. eine Bar?”
“Was denn jetzt, Kneipe oder Bar?”
“Gibts da auch Frauen? Oder nur Männer?”
“Eine Art Bar, hihi..”
“Junger Mann, sagen Sie, haben sie Bridge-Karten?”
“Das ist aber eine schöne Aussicht hier!”

Am nächsten Tag ging ich zum Doktor, den ich aus der Schule kannte, und liess mich krankschreiben. Als ich sechs Wochen später immer noch krankgeschrieben war, übernahm die Ortskrankenkasse die Lohnfortzahlung und der Chef kündigte mir.
Ich wartete auf Geld vom Arbeitsamt. Die Sache war geritzt. Das nächste Leben konnte beginnen. Wann ging es denn eigentlich los?

Schlagworte: , , , , , , ,

3 Antworten zu “Das nächste Leben”

  1. matz-o-man sagt:

    …ein gutes Päckchen Pürree anrühren…

    hehe. sehr guter Text! Besonders die Stelle.

  2. Tilla Pe sagt:

    Jepp.
    Literatur.
    Gut!

  3. LadyMarguerite sagt:

    Hilfe! Blumenriviera … eine kleine Mittelklassemusik …
    Dein Text dagegen, der hat Klasse. Und die Mittel, um gut zu sein :-)

Eine Antwort hinterlassen