Die oberen 10.000 Euro

Bielefeld Hauptbahnhof.
Ich vertrete mir die Beine bis der Anschlusszug kommt Richtung Osnabrück.
Da ich gern fremde Häuserzeilen lese, wenn ich unterwegs bin, seh ich mich in der City um, bringt aber nichts.

Ganze Strassenzüge verbergen sich unter blickdichter Plastikplane, selbst die Kaufhäuser sind geschlossen in Bielefeld, befinden sich im Jubiläums-Rückbau.
Diese Stadt möchte unter sich bleiben.
Das geht in Ordnung.

Was ich nicht akzeptieren kann, ist der winzige Raucherbereich auf dem Bahnsteig. Der ist so winzig und abweisend gestaltet, nicht mal für mich & meine Zigarette ist ausreichend Platz: Zur Hälfte glüht die Kippe in der Nichtraucherzone, was zu einer Kundgebung führt in einem vereinzelten, runzligen Nichtrauchergesicht: muß das sein?

Als der Regionalzug nach Osnabrück einfährt, durchbohren Silbersplitter die Luft, vom Fahrtwind aus sauerländischen Silberminen mitgeweht, und es riecht nach warmen Eiern und Gehacktes.
Was soll der Scheiss denn plötzlich?

Im Abteil, mir gegenüber, lässt sich ein älteres Ehepaar nieder.
Während sie sich angeregt mit ihm unterhält, greift der Mann mehrfach unbeholfen nach hinten.
Plötzlich hält er inne, mitten in der Bewegung, und klapst sich auf die Stirn.
“Jetzt will ich mich sogar schon im Zug anschnallen.”
Seine Frau quasselt weiter. Er glotzt mich an wie ein Opel Vectra Grau-Metallic.

In Bünde steig ich aus, da muss ich hin, ich bin da. Vom Bahnhof aus nehm ich ein Grossraum-Taxi zum Museumsplatz.
Bünde ist ein backsteinrotes Städtchen, hell und schlicht, die Leute führen Sakko und Muttererde spazieren, wie das so geht in Deutschland.
Der Termin ist um 14 Uhr.
Es ist 14 Uhr 05.

Da ich noch ein paar hundert Liter Luft brauche, frag ich mich vom Museumsplatz aus zu Fuß durch zu der Adresse, was Nerven kostet. Ich finde es empörend, wenn Einheimische in kleinen Kaffs partout ihre Strassennamen nicht beherrschen.
Noch niemals davon gehört haben.
“Heinestrasse? Hier in Bünde?!”
Erst als ich den Namen der Familie erwähne, die mich erwartet, wissen alles Bescheid.

Ich erreiche das Haus und schau es mir zunächst von aussen an, in aller Ruhe. Das hab ich von meinem Hund gelernt. Erst mal vorsichtig mit der Schnauze ran.
Zu spät bin ich so oder so schon.
Modernes Eigenheim. Zwei Etagen, aber nicht protzig. Daneben drei protzige Auto-Garagen. Ja, was denn nun?! Am Gartentor ist eine in Gold eingefasste Klingel.

(Alles in Ordnung. Es ist Messing.)

Als ich in das Wohnzimmer eintrete, empfangen von Rauhaardackel Tobi und dem graumelierten, sportiv nuschelnden Hausherren, denke ich zunächst: Bin ich hier im Hotel? Mit kontinentalem Frühstück? Muss ich wieder als Nachtportier ran? Woher wissen die das?
Der riesige Raum ist geschnitten wie ein Foyer, mit breiten Polstersesseln und Blick auf die Veranda, hinter der ein gepflegter englischer Garten ruft; Hummeln geben ein Konzert, es nieselt.

“Fritz Walter Wetter”, sag ich.

Der Fabrikant lächelt verständnislos und schüttelt mir lange die Hand, so lange, bis ich als der weitaus Jüngere das Händeschütteln sachte beende.
“Ich rufe mal eben meine Tochter an”, sagt er. “Und meine Frau. Die wollen dabei sein. Auf deren Mist ist das Ganze ja gewachsen.”

Er bietet mir Platz an und verschwindet mit seinem Hansi am Ohr in der Diele. Mit dem Handy mein ich. Ich glaub, ich bin jetzt doch nervös. Jetzt, wo ich hier bin. Verdammt. Geht doch um nix, versuch ich mich zu beruhigen. Nur um Euro.
“Der ist jetzt hier, ja”, hör ich ihn in der Diele nuscheln. Ein kleiner, energischer Mann. Die 85 Jahre sind ihm nicht anzusehen.

Der Rauhaardackel schnuppert an meinen Schuhe. Der Hose.
“Der riecht meine Hündin”, sag ich zum Hausherren, als der wieder reinkommt. “Die ist heiss.”
Er nickt.
“So, ja. Die Hündin.. ach, die Damen warten schon. Wir müssen ein paar Strassen weiter. Fahren Sie mit mir oder in Ihrem eigenen..?”
“Ich fahr kein Auto.”
Er schnappt sich den Wagenschlüssel vom Haken und zwinkert.
“Wie lang ist der Lappen denn weg?”
“Nein.. ich meine, ich fahre überhaupt kein Auto.”
“Gut. Hab ich keine Probleme mit.”

In der Garage wartet eine schwere Limousine. Ich muss beim Einsteigen den Kopf einziehen. Edles Interieur. Urwaldholz.
“Sie können sich den Sitz einstellen.”
“Schon in Ordnung. Wohin gehts denn?”
“Na, in den Betrieb.”

“Als ich meinem Vater davon erzählt hab, dass ich nach Bünde fahre, hat er nur gesagt: Bünde? Zigarren und Möbel”, sag ich, während wir den gleichen Weg, den ich eben zu Fuß und per Taxi bewältigt habe, wieder zurückfahren.
“Ja, Bünde war früher das Zentrum der deutschen Zigarrenindustrie.”
Für sein Alter fährt der Seniorchef einen coolen Stiefel.
“Praktisch jede Familie hatte im Erdgeschoss eine kleine Manufaktur. Na, lang her. Gibts so nicht mehr. Da vorn.. IMPERIAL.. die hatten früher sechzehntausend Mitarbeiter. Heute noch fünfundzwanzig, dreissig. Ist alles kaputt. Und da sind wir schon.”

Er biegt auf den Parkplatz eines grossen Geschäftskomplexes ein.
Langgezogener 70er-Jahre-Bau.
Abschätzig zeigt er auf “Flexy”, ein “Import-Export-Ding, Sie wissen schon.”
Er zwinkert wie er nuschelt: man muss schon sehr nah dran sein.
Wir betreten seine Reich durch den Hintereingang.

Von einem langen Korridor gehen Büroräume ab, die freitagnachmittags spärlich besetzt und nur durch Glasscheiben voneinander getrennt sind. Hier hat jeder jeden im Blick. Nicht eine Pflanze entdecke ich. Arbeit, Arbeit, Arbeit.
Der kleine alte Mann, der durchs Leben federt wie ein Mitdreissiger, führt mich in einen Besprechungsraum.
“Nehmen Sie Platz, legen Sie ab. Ich hol meine Tochter und meine Frau.”

Auf dem Glastisch wartet Kaffeegeschirr. Ein Kaffee wär nicht schlecht jetzt. Da steht auch eine Thermoskanne. Aber es riecht keinen Hacken nach Kaffee hier. Ist das womöglich gar kein Kaffee? Saufen die hier Tee im tiefen Westfalen am Nachmittag? Dann bin ich aber angeschissen.
Na gut. Ist ja auch keine Kaffeestube. Ich bin ja nicht zum Kaffeetrinken hier.

Die Tür schnappt auf. Der Alte und seine Tochter. Ich hatte einige Male e-mail-Kontakt mit ihr.
Sie ist jünger als erwartet.
“Unser Nesthäkchen”, stellt der Chef sie mir vor.
Vielleicht dreissig. Hübsche Zähne. Jeans.
“Hallo”, sagen wir.

Als dann noch die Ehefrau dazukommt, das Haar aufgetürmt wie eine schwarze Gospelchorsängerin, allerdings auf westfälische Art eingedampft, ist die Entscheidungsrunde komplett.
Mit den Augen taste ich weiter den Raum ab. Liegen die zehntausend Scheinchen vielleicht schon irgendwo rum? Und was ist mit Kaffee?
“Kaffee?” fragt die Dame des Hauses, und tatsächlich: ihre Stimme ist tiefer Südstaatensoul.
“Gerne”, sag ich, wie nebenbei.
“Unser Vater”, sagt sie und meint ihren Mann, “hat ein aufregendes Leben geführt, das muss festgehalten werden, für die Kinder und die Enkel. Wenn die später mal fragen, wie war Opa denn überhaupt..”

Die nächste Stunde vergeht schnell, und obwohl die ganze Situation eine Art psycholgischer Eiertanz ist, fühle ich mich nicht unwohl. Wenn man sich drei fremden Personen gegenüber sieht, die einen permanent taxieren, dann ist es oberstes Gebot, alle Drei abwechselnd anzusehen, während ich rede, während ich zuhöre, während ich verstohlen nach der Währung suche. Die Scheinchen.
Den Seniorchef behalt ich länger im Blick. Mit ihm werde ich es schliesslich hauptsächlich zu tun haben, sollte die Sache klappen.
So ein Boden will vorbereitet sein. Getränkt. Mit Chemie.

Einmal kuck ich an mir runter und denke, Mann, hast du heute grosse Hände.

Auf die Frage, wieviele solcher Biografien ich denn schon geschrieben habe, für Nichtprominente, antworte ich dreist: “Drei.”
Dann der Knackpunkt des Nachmittags. Das Geld. Dafür muss der Alte den Raum kurz verlassen. Es soll ja ein Geschenk sein, zu seinem 85. Geburtstag, auch wenn er von dem Geschenk schon weiss.
“Immer, wenn es spannend wird, muss ich rausgehen”, feixt er.
“Macht doch nichts”, sag ich. “Fritz Walter wartet schon draussen.”
Da lächelt der Chef, endlich.
FRITZ WALTER WETTER.

Wir verbleiben so, dass die Tochter sich meldet, sobald eine Entscheidung gefallen ist.
Der Familienrat muss noch tagen.
Hm.

Rückfahrt.
Bahnsteig 3.
Raucherzone.

“Du bist schon ein richtiger alter Reisehase”, sagt die schick gekleidete Grossmutter zu ihrem Enkelchen, während sie eine lange weiße Damenzigarette inhaliert. Kim. Gibt’s die noch? Ich bin baff.
“Ich bin kein Hase”, sagt der Junge.
“Nein, du bist kein Hase. Mit diesem Einspruch habe ich ja gerechnet. Und du hast natürlich Recht. Du bist ein erfahrener Reisejunge.”
“Ein erfahrener?” Der Junge ist ratlos.
“Erfahren. Das bedeutet, du bist schon sehr oft mit der Eisenbahn gefahren. Mit dem Zug.”

Der Junge hopst mit seinen kurzen Beinen auf dem Schoß der Grossmutter, sein Kopf baumelt hin und her, gleich hat er die glühende Kippe seiner Omi im Maul, wenn er nicht aufpasst.
“Wo kommt der Zug denn her, Oma?”
“Aus Köln kommt der Zug.”
“Warum kommt der Zug zu spät, Oma?”
“Wegen einer Störung.. Da kommt er!”

Was man alles für Leute sieht, wenn man mit der Eisenbahn fährt.
Mir gegenüber sitzt ein junger Mann. Sein Schädel hat die Form einer Kaffeebohne, die aufrecht steht.
Wenn der unterwegs Lust auf ein Tässchen kriegt, muss er das Köpfchen nur in kochend heisses Wasser stecken, hin und herziehen, fertig ist das Gedeck.
Praktisch.

Und dann ist da noch dieses andere eisenbahnfahrende Gesicht. Das wirkt sehr gespalten. Die linke Hälfte war auf der Klötzchenschule Prügelknabe und hat die Hucke vollgekriegt, die rechte, hübschere Hälfte hat das kleine Latinum und würde sicherlich einen guten Job machen, wäre die linke Gesichtshälfte nicht so, na, Klötzchenschule.

Oder da vorne im Gang, das stille Gesicht.
Ist das wirklich noch ein Antlitz, frage ich mich, lässt sich das noch so bezeichnen, oder ist das schon ein Stummfilm?
Ganze Gesichtsbereiche wirken wie verödet.
Kein Kontakt möglich.

Ich blicke aus dem Abteilfenster. Es nieselt ununterbrochen. Fritz-Walter-Wetter. Vielleicht lieg ich ja schon 3:2 in Führung und weiss gar nichts davon.
“Puscas! Immer wieder Puscas..!”
Während ich leise meine Sachen kommentiere, spuckt hinter mir ein Student so laut in sein Handy, ich muss mithören, ob ich will oder nicht.

Er teilt dem anderen unsichtbaren Teilnehmer des Gesprächs mit, dass er “gerade in Enn-Err-Wehh” unterwegs sei, irgendwo in Westfalen, “den Namen vom letzten Bahnhof hab ich vergessen. Es pisst die ganze Zeit. Was? .. Nee. .. Politischer Liberalismus war das Thema an der Uni. Der Dozent ist total jung und erinnert mich irgendwie an den Typ, der den Eiskalten Engel spielt. Ich komm jetzt nicht auf den Namen. Der spielt den Eiskalten Engel. Wie heisst der noch..?”
Das wiederholt er zirka fünf Mal bis ich die Nase voll habe und mich umdrehe zu ihm.
“Alain Delon”, sag ich, “heisst der.”
Der Student glotzt verblüfft.
“Ja, kann sein..”, murmelt er in den mobilen Telefonapparat. “Was..? Nein.. hier hat gerade jemand Alain Delon gesagt..”

Im Original “Le Samurai”, das hätte ich noch anfügen sollen. Schliesslich handelt es sich um einen der Lieblingsfilme der Gräfin.
“Da gibt es die einsamste Filmszene überhaupt”, hat sie mal behauptet. Die Szene nämlich, in der der eiskalte Engel nach Hause kommt und man eine Weile nur das Geträller des Kanarienvogels hört.
Sonst nichts. Nur Zwitschern.
Geträller.

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5 Antworten zu “Die oberen 10.000 Euro”

  1. Hans Atom sagt:

    Ich möchte mal rein geschäftlich gratulieren! Aber auch sonst so. Richtig schlimm lachen musste ich bei dem Typ, der sich im Zug anschnallen wollte und immer nach hinten gegriffen hat! Für sowas hab ich immer wat übrig. Bedauerlicherweise werden solche Details in der Fabrikanten-Biografie fehlen. Ich frag mich wie der wird, so ein langer Text ganz ohne Leute im Bus, Platzwärter auf Schalke, Beisitzer, Hunde, Leute an der Bar und ihre seltsamen Handlungen und Dialoge, ohne diesen ganzen Quatsch, der irgendwie so ernst manchmal wirkt.

    Grüße,

    hans atom

  2. glumm sagt:

    Na, da würd ich ja gern danke sagen, lieber Hans.
    Aber das geht nicht.
    Der Text ist nämlich schon anderthalb Jahre alt, und aus der Geschichte ist nichts geworden.

    Aber der Ausflug war okay.

    Es waren zwei Ausflüge.
    Beide okay.

  3. LadyMarguerite sagt:

    Dafür ist eine gute Geschichte draus geworden.

  4. Hans Atom sagt:

    Trotzdem eine dicke Gratulation….und zwar zu allem! Bald kommt hoffentlich die nächste Anfrage nach einer Biografie. Und dann werde ich mich wieder fragen, wie das so ist - ohne Hunde und Platzwärter und Leute, die sich im Zug anschnallen müssen.

  5. amadea sagt:

    Ach wie schön - gekämmte und gescheitelte Weinberge.

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