Hoffmann Chicago

By glumm

Alles an Hoffmann Chicago war krumm und verbaut.
Er hatte O-Beine, einen bösen Buckel und keinen Hals. Sein Schädel steckte unmittelbar auf den Schultern und leuchtete wie ein dicker feuerroter Lampion.
Bluthochdruck, nannte das der Doktor.
Und hätte man die Kopfhaut von Hoffmann Chicago angestochen, das Blut wäre in einer einzigen Fontäne gegen die Wände der Bierhalle geflappt.
Doch das tat niemand.

Die Kinder fürchteten Hoffmann Chicago, weil sein Gesicht so vernarbt war, aber sie mochten ihn auch. Er hatte immer etwas für sie in der Tasche.
Eine Zigarette, Pfefferminze.
Auch die Älteren begegneten ihm mit einer seltenen Misching aus Spott und Hochachtung. Hoffmann Chicago war eine Rarität im Ort, und eine Rarität ist immer auch eine Art Instanz.

Chicago hatte man seinem Nachnamen angefügt, weil er mit seiner Verbrechervisage direkt aus der US-Metropole am Lake Michigan zu kommen schien. Als hätte sich Al Capone ins Sauerland verirrt, den einheimischen Slang angenommen und wäre dann geblieben. Aus Bequemlichkeit.
Vielleicht auch weil die Geschäfte so gut liefen, im Sauerland. Aber nein. Hier endete die Ähnlichkeit.
Hoffmann Chicago war meist pleite.

Lange Jahre arbeitete er in der örtlichen Leiterfabrik.
Wenn er um fünf Uhr Feierabend hatte, wechselte er einfach einen Steinwurf weiter in seine Stammkneipe, die Bierhalle.
Die Bierhalle war eine für ihren maroden Zustand berüchtigte Lokalität, die nur noch von vier umstehenden Pappeln aufrecht gehalten wurde, sonst wäre sie in sich zusammengestürzt.

Das Klo der Bierhalle bestand aus einer langen Pissrinne. Darüber war eine winzige Fensterscheibe angebracht, an der sich im Winter keine normalen Eiskristalle, sondern regelrechte Pissnelken bildeten.
„Kommt mal gucken!“ schallte es nicht selten vom Klo herüber, wenn Hoffmann Chicago ein besonders tolles Exemplar gesichtet hatte.
„Sieht aus wie ne Rose mit nem Rucksack hinten drauf!“

Eine Damenklo gab es übrigens nicht, wozu auch, Damen wurden nicht geduldet. Bis auf die blonde Ursel, die Bedienung, die am Wochenende kam. Da sie einen niedlichen, kleinen Zitronenbusen hatte, wurde sie von den Stammgästen liebevoll Zitrönchen gerufen.
„Zitröönchen! Noch ein Halbes!“

Hoffmann Chicago hatte kein Interesse an weiteren Damenbekanntschaften, also verbrachte er die Abende am Tresen der Bierhalle und plauderte aus seinem Leben.
Wie er gleich nach dem Krieg, als die Engländer Besatzungsmacht waren, eine Wette gewonnen hatte, gegen einen Tommy, wie die britischen Soldaten genannt wurden.
„Zwei Beine hab ich mir gebrochen, aber das wars wert!“ strahlte Hoffmann Chicago noch bei der fünfzigsten Schilderung der heroischen Tat.

In einer bitterkalten Winternacht 1949, nach dem zwanzigsten Bier und zehn Korn, hatte er gewettet, dass er von der weltbekannten Sprungschanze im Ort herunterspringen würde. Wetteinsatz war ein Kasten Bier.
Der Tommy nannte ihn erst einen Crazy Fool, dann Bloody Bastard.
„I am Hoffman Chicago!“ antwortete Hoffmann und kletterte über den Zaun der Leiterfabrik, um dort die Skier seines Chefs auszuborgen.

Weit nach Mitternacht war es, und stockdunkel. Der Schanzentisch in Winterberg wurde matt beleuchtet von zwei aufgestellten Taschenlampen.
Als Hoffmann Chicago dann tatsächlich die verschneite Spur runtersauste, verpasste er am Schanzentisch den Absprung, trudelte vielleicht noch zwanzig, dreissig Meter weit durch die Luft, bis er wie ein Stein zu Boden fiel.
Mit dem ersten Tageslicht wurde er von einem britischen Militärhubschrauber ins Hospital nach Soest ausgeflogen.
Die Beinbrüche waren kompliziert.

In der Bierhalle existierten gleich mehrere skurrile Apparate. So auch die „Grosse Willi“, ein Williams-Kegelautomat aus den frühen 50ern, bei dem man mit der Flipperkugel neun weisse Kegel abräumen musste.
Die fünf Meter lange Stretch-Ausführung gab es ausserhalb der USA nur zweimal: im Vergnügungspark Tivoli zu Kopenhagen und in der Bierhalle in Winterberg/Sauerland.

Da Hoffmann Chicago bemerkenswerte feinmechanische Fertigkeiten besaß, trotz verknorpelter Wurstfinger, war er der Einzige, der den Kegelautomat wieder zum Laufen bringen konnte, wenn sich die Fäden, an denen die Kegel hingen, mal wieder ineinander verhaspelt hatten, wie neun Weiber, die in wilden hysterischen Wellen aufeinander einquasselten.
„Hoffmann Chicago, mach die Grosse Willi wieder flott!“ rief Zitrönchen dann immer.

Die Bierhalle besaß auch eine Musikbox, eine Wurlitzer.
Bei ihrer Anschaffung zu Beginn der 60er Jahre wurde sie einmal neu bestückt, mit den damals angesagten Singles, und danach nie wieder.
Die Singles blieben beinahe fünfundzwanzig Jahre dieselben.
Drückte Hoffmann Chicago 1964 die Taste C3, dann erklang Sascha Distel, sein Lieblingssänger, „Der Platz neben mir bleibt leer“, und das funktionierte auch im Jahre 1985, mit exakt derselben Taste, C3.
„Wonderful“, schwärmte Hoffmann Chicago, hatte er sich doch unterdessen einen internationalen Lebensstil zugelegt: er orderte mitunter einen Gin Tonic in der Bierhalle.

1986 ging Hoffmann Chicago in Rente, ein Jahr später schloss die Leiterfabrik, zwei Jahre später fiel die Bierhalle in sich zusammen, in einer stürmischen Herbstnacht.
Zehn Tage drauf fand man Hoffmann Chicago tot auf der Parkbank.
Zitrönchen weinte sehr.

Seine krumme Nase hatte er übrigens immer gerne damit erklärt, dass ihm seine Kumpel mal einen bösen Streich gespielt hätten, in der schlechten Zeit, als die Leute ihren Kaffee noch selber mahlen mussten.
Da hätten sie ihm einen Pariser in die Kaffeemühle gesteckt.
„Ich sitz da und bin am Drehen und am Drehen und das wird immer schwerer, bis ich irgendwann denke, Mensch, Hoffmann Chicago, was ist da los? Und als ich loslasse, haut es mir den Schwengel volle Kanne vor den Zinken! Deswegen!“

Das stimmte natürlich hinten und vorne nicht, war aber auch egal. Je älter Hoffmann Chicago wurde, desto mehr wurde er zur Kultfigur, jedenfalls für die Jugendlichen. Wenn die freitagabends das Wochenende einläuteten, gingen sie erst einmal in die Bierhalle.
Gucken, was Hoffmann Chicago so treibt.

Wenn man in die Kneipe reinkam, hockte er links am Tresen, immer an der gleichen Stelle. Meist hatte er eine Zigarre in Arbeit. Von seinem Urgrossvater hatte er noch die Tradition übernommen, wie man eine 42er Fehlfarbe wirklich zu Ende raucht. Dazu stopfte er den übriggebliebenen Stumpen in einen Mundaufsatz aus Pappe, aus dem er die Zigarre dann komplett wegrauchte. Nicht einmal ein letzter Kringel Rauch blieb übrig.
Aber der bleibt ja eigentlich nie übrig.

Schlagworte: ,

Eine Antwort zu „Hoffmann Chicago“

  1. Phil sagt:

    Das ist immer noch eine meiner Lieblingsgeschichten; insbesondere wegen dem Präser in der Kaffeemühle :-)

Eine Antwort schreiben