Deutsche Junkies sind Petzliesen

By glumm

1
Mit Mitte Dreißig steckt Pepe im Methadonprogramm fest, wie die meisten seiner Kumpel. Zum „Programm“ gehört, dass Pepe 60 Minuten pro Monat in der Drogenberatungsstelle einem Psychologen mit Schnauzbart gegenübersitzt, der ihm von seinem alten Hund erzählt, mit dem er gerne durch die Alpen wandert, dann darf Pepe wieder gehen, bis zum nächsten Monat, den nächsten Sixty Minutes, der nächsten kleinen Bello-Anekdote. Und Dr. Hilten, sein behandelnder Arzt? Der scheint kein anderes Rezept zu kennen, als das Ersatzgift Methadon langsam herunterzudosieren, alle vier Wochen einen halben Milliliter, „bis du auf Null bist. Dann kriegst du ein paar Beruhigungsmittel. Zusätzlich können wir Bio-Energetik machen.“ Dr. Hilten ist ein massiger Mann, der zuviel futtert, Fress-Buddha nennen ihn die Junkies. „Mit Bio-Energetik hast du in einer Viertelstunde keine Angst mehr. Vor gar nichts. Auch nicht vor einem cleanen Leben.“
„Tz. Als wär das so einfach“, murmelt Pepe.
„Es ist so einfach“, antwortet Dr. Hilten mit fester Stimme. „Du musst es nur versuchen.“
Ich will überhaupt nicht runterdosiert werden, ich will mein Metha, ich will meine Wärme, meinen Tank, denkt Pepe. Opiate sind nichts anderes als eine Rückkehr in den Mutterleib. Mit jeder Portion Gift tauche ich ein ins Fruchtwasser. Das mir mein Gewicht nimmt. Die Schwere. Das Leben da draußen.
„Nächsten Monat“, verspricht Pepe dem Doktor jeden Monat, „geh ich einen Halben runter“, worauf der Drogenarzt ihn anglotzt wie ein Bergführer, dem niemand folgt.

Es gibt Tage, da fragt sich auch Pepe, ob er, von frühen toxischen Knüllern und Schmuggelfahrten nach Rotterdam mal abgesehen, spannende Erfahrungen gemacht in den letzten Jahren. Viel fällt ihm nicht ein. Eigentlich gar nichts. Andererseits, was erleben andere Leute schon großartig. Die süchtig sind nach Shoppen. Nach Fressen und nach Arbeit. Erleben die etwa mehr? Haben die mehr zu erzählen?

Da war die Nacht in Rotterdam, als sie aus der verwanzten Dealerbude von Ali kamen und zum Auto gingen, und das hatte plötzlich nur noch drei Reifen. Und da sie ja schlecht einen Diebstahl anzeigen konnten, mit hundertzwanzig Gramm Heroin im Arsch, zogen sie in der Finsternis durchs marrokanische Viertel, auf der Suche nach einem Fiat 500, an dem sich ein Reifen abzwacken ließ. Als sie endlich einen gefunden hatten, ging die Sonne auf, und die Leute fuhren zur Arbeit während sie am Straßenrand zu zweit den Wagen mit den bloßen Händen aufbockten und ihrem Job nachgingen.

2
Pepe ist kein verbeulter Fixer, der auf dem Platz herumlungert und Heroin mit Pfützenwasser aufkocht, wenn er schußgeil ist und nichts anderes zur Hand hat. Pepe hat in den ganzen Jahren kein einziges Mal eine Spritze angepackt. Es war ihm zu sehr Technik. Zu sehr Loch im Arm. Eine Weile hat er das Pulver vom Blech geraucht, von Alu-Folie, bis er davon Asthma bekam, seitdem zieht er es durch die Nase.
Pepe ist einer der zahllosen unsichtbaren Süchtigen, die auf ihrer vom Amt finanzierten Bude hängen, in der bis in die Morgenstunden der Fernsehapparat plärrt, damit es wenigstens so klingt, als mache jemand den Mund auf. Und kommt doch mal Besuch, ist es natürlich Besuch aus der Szene, es wird getratscht und hergezogen über andere Junkies.
Deutsche Junkies sind Petzliesen.
Wer von wem um wieviel abgezockt wurde. Wer schmal und fertig aussieht. Wer auf den Strich geht trotz Hepatitis, wer Leberwerte um die 3000 hat, wer seine Alte beklaut. Wer bei den Bullen ausgesagt hat, vor allem, was. Selbst wer sich mit einer schlimmen Verstopfung, „drei Wochen hat der nicht mehr geschissen“, durch seine faden verhärteten Tage schleppt, findet Erwähnung. Wer im Knast sitzt. Wer wieder draußen ist, auf zwei Drittel, und gutes Kokain vertickt, kaum verschnitten, direkt aus Panama, kein polnisches Arbeiterkoks, die Rachel.
„Die Rachel..?! Die fertige Rachel? Die ist wieder draußen?“
„Die vertickt gutes Coke?“
„Hast du ihre Nummer?“
„Hm.. schon. Aber von mir hast du die nicht.“
„Nee. Is klar.“
Wer tot ist und so weiter.

3
An einem Vormittag im Juli ist Pepe unterwegs zum Platz, wo in ein paar Minuten der Bus nach Elberfeld abfährt. Verpasst er den, kann er sich das Methadon-Rezept abschminken. Punkt zwölf macht die Praxis in Elberfeld dicht. Dann ist Sense. Das wird eng. Noch zehn Minuten, dann fährt der Bus ab, das sind nicht mal mehr zehn Minuten. Und doch macht Pepe noch einen schnellen Umweg zu den Bimbos und Polacken, die auf der Treppe vorm Kaufhof herumlümmeln und sich einen Spaß daraus machen, mit falschen Hundertmarkscheinen zu wedeln, einem Reklame-Gag.
Pepe hält Ausschau nach Schröder, der sich meist hier aufhält. An seinem Arbeitsplatz. Und da sitzt er schon. Schröder, alter Drecksack.
„Schröder..“, sagt Pepe nur und geht auf ihn zu.
Der nickt. „Willste was schnappen?“
„Geht auch für vierzig?“
„Nee, geht nich. Ich hab nur Fuffies. Abgepackt.“
„Kein Bubble dabei für vierzig?“
„Echt nich. Ist der Tarif. Fünfzig. Nix zu machen.“
Nix zu machen, nix zu machen.. so ein Schwachsinn. Natürlich ist da was zu machen. Noch kann Pepe die Aktion abblasen. Noch kann er Schröder sitzen lassen auf seinem versifften kleinen Arbeitsplatz auf der Treppe vorm Kaufhof, noch kann Pepe in den Bus steigen nach Elberfeld und sein Methadon-Rezept holen, in der Apotheke einlösen und beruhigt wieder nach Hause fahren mit der Take Home-Ration für die restliche Woche, ja, das alles könnte Pepe machen.
„Wie ist die Schore denn?“ fragt er Schröder. „Gut?“
Schröder guckt dämlich einem Passanten hinterher.
„Na, normal. Normale Bimboschore eben. Gut. Klar. Ist gute Schore.“
Was soll er auch darauf antworten? Dass seine Schore Dreck wäre? Dass man sie besser nicht kauft? Schwachsinn.
Pepe hat längst verloren. Nicht heute. Gestern. Als er ebenfalls auf dem Platz war und einen Bubble geschnappt hat. Sich deshalb heute grau fühlt und elend und klein und mies.
„Suchtdruck“ nennen das Leute wie Dr. Hilten und der Psychologe mit dem Schnauzbart. Dabei stimmt das nicht, ein Süchtiger leidet unter Entzugsdruck. Man will den scheiß Entzug weghaben. Das ist was anderes. Es führt lediglich zur Sucht.
„Was jetzt?“ fragt Schröder.
Pepe mag ihn nicht, diesen dünnhäutigen Alt-Junkie, der mit beleidigter Miene Bubbles vertickt. Als würde man ihn dazu nötigen. Als hätte irgendwer irgendwann beschlossen, ihn für den Rest seiner Tage hier auf die Treppenstufen zu setzen, wo er Drogen zu verticken hat. Um sie herum strömen die Leute zu den Bushaltestellen, niemand hat einen Blick für die Junkies. Trotzdem, Pepe ist nervös.
„Sollen wir nicht lieber woanders hin?“
„Quatsch. Ist ruhig heute“, meint Schröder cool. „Keine Bullen. Kein Problem.“
Schröder muss es ja wissen. Sitzt den ganzen Tag hier rum. Der Deal geht blitzschnell über den Handteller, Bubble gegen 50-Mark-Schein, ein Transfer, der Pepe auf der Stelle blank macht. Nicht mal Tabak kann er sich noch leisten. Von Metha ganz zu schweigen. Und die Schore sieht auf den ersten Blick nicht gerade bombig aus, zu dunkel. Als hätte Schröder die paar Prozent Heroin, die eh nur drin sind, auch noch mit Kakaopulver gestreckt.

Pepe hastet rüber zum Bahnsteig, wo die Linie 605 gerade vorfährt und die Türen öffnet. Obwohl der Trip nach Elberfeld sich eigentlich erledigt hat, steigt er ein. Pepe will so rasch wie möglich weg hier. Angeblich wird der Platz observiert, werden Fotos geschossen vom gegenüberliegenden Pressehaus aus.
Im Bus verzieht sich Pepe ganz nach hinten, in die letzte Bank. Studenten der Uni Wuppertal steigen zu, paar Rentnerinnen und Schulkinder. Eins hat ein Clever & Smart-Comic in Arbeit.
Am liebsten würde Pepe das Zellophansäckchen auf der Stelle aufbeißen, doch er muss sich gedulden. Geht nicht anders. Die Strecke nach Wuppertal ist zu kurvenreich, zu sehr Bergisches Land, als dass man sich auf die Schnelle was wegsniefen könnte. Wäre schließlich nicht das erste Mal, dass ihm das Zeugs mitten in der Aktion runterfällt und er in Panik über den Boden kriecht und sich alles in die Nase zieht, was auch nur entfernt nach Pulver aussieht. Hab Geduld, Pepe. Spätestens vor der übernächsten Ampel, die eine lange Rotphase hat, wird Zeit sein für ein schnelles effizientes Näschen.

Vor ihm sitzen zwei ältere Damen und beklagen sich über das heftige Gewitter, das in der Nacht niedergegangen ist, nach drei Wochen alttestamentarischer Hitze.
„Frau Schnippering, mein Mann war nur noch am Ausstöpseln. Fernseher, Mikrowelle, Heimorgel, und, und, und. Dabei hatten wir seit einer Stunde gar keinen Strom mehr.“
„Stromausfall, Frau Wüstenhagen. Schlimm.“
Und dann zeigt die Ampel ausnahmsweise grün. Der Busfahrer gibt Gas. Verdammt. Da fährt es hin, das schnelle effiziente Näschen.
Als sich der Bus oben in Cronenberg bis auf den letzten Sitzplatz füllt, steigt Pepe entnervt aus. Das T-Shirt klitschnass, so heiß ist er mittlerweile auf Schore. Was er jetzt braucht, und zwar sofort, ist eine abgelegene Telefonzelle. Er klappert zwei, drei Nebenstrassen ab, und in der Nähe eines Altenstifts, unter einer Reihe hoher schattiger Bäume, findet er eine Telefonzelle, gut zwanzig Meter von der Strasse entfernt. In einem lichten Moment fragt sich Pepe, wann er eigentlich das letzte Mal soviel Umstände gemacht hat wegen einer einzigen beschissenen Nase.

Im Telefonhäuschen ist es stickig. Vorsichtig öffnet er den eingeschweißten Bubble, und gleich steht der Geruch von Schröder in der engen Kabine, gelbe Augen und Leberkrankheit. Pepe streut das Pulver aus übers aufgeschlagene Telefonbuch, hackt mit der Krankenkassen-Card die winzigen Körnchen noch feiner, teilt alles in zwei Lines auf, jede gut fingerlang. Ein Röhrchen zum Sniefen gerollt, aus dem Fahrausweis – kurz noch mal umdrehen, ob jemand kommt, dann die erste Line..
Pfah…
Brennt höllisch in der Nase, die Schaufel Chemie, beinah muss er kotzen, er kriegt so gerade noch die Kurve.
Gerade als er die zweite Line in Angriff nehmen will, nähert sich eine Passantin. Kleine Frau, dunkelhaarig, in Shorts. Das hat noch gefehlt. Scheiße. Sie verlangsamt ihren Schritt, bleibt stehen. Mist. Mist. Mist! Die will telefonieren. Mit übers Telefonbuch gebeugtem Oberkörper tarnt Pepe notdürftig das Pulver, doch dann denkt er, scheiß drauf, und zieht den Rest ruckzuck durch die Fahrkarte die Nase hoch.

Er stößt die Tür auf, wedelt wie doof mit seiner Plastik-Card, die irgendwie äh die Telefonkarte darstellen soll. Fragt scheinheilig, „Brauchen Sie lange?“, so als habe er im Telefonbuch nur eine Nummer gesucht und würde ihr nun gnädigerweise den Vortritt lassen. Die Frau grummelt irgendwas, vielleicht auf italienisch, lächelt unsicher. Pepe erwidert „Okay“ und hält ihr die Tür auf, wobei braunes Pulver aus seinem Nasenloch rieselt. Sie betritt irritiert das Telefonhäuschen, Pepe entfernt sich. Als er sich umdreht, dreißig Meter weiter, steht die Frau immer noch da und glotzt ihm nach.

Vielleicht will sie die Bullen anrufen.
„Komische Mann hier in Zelle! Schnüffelt in Buch.“
„SCHNÜFFELT IN BUCH??! WIR SIND SOFORT DA! HALTEN SIE IHN FEST!!“
„Komische Mann aber scho weg.. Allo? Allo..!“

Da er nun schon mal hier ist, läuft Pepe eine Runde durch Cronenberg, einem Ortsteil von Wuppertal, wo der Bayer-Konzern einst Heroin erfunden hat, als Mittel gegen Husten, und wo Pepe nun, Jahrzehnte später, einmal die Woche hinfährt, um sich ein Mittel verschreiben zu lassen, das ihm das Heroin ersetzten soll, weil es ihn süchtig gemacht hat, aber das Ersatzmittel macht auch süchtig. Welch lächerlicher Kreislauf, eine absurde Geschichte.

Pepe wartet auf die Wirkung, der Schweiß bricht ihm aus. Falls Schröder ihm Dreck vertickt haben sollte, sitzt er in der Patsche. Dann muss er nochmal Schore auftreiben, richtige Schore, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, nicht mal für Metha.

4
Als die Linie 605 auf dem Rückweg Richtung Innenstadt rumpelt, hat auch der letzte Krümel Gift Pepes Nase verlassen und rinnt ihm die Kehle hinunter. Er räuspert sich, ein lautes kratziges Räuspern, das sich bis in die vorderen Sitzreihen fortsetzt, eine La-Ola-Welle der Bronchien. Plötzlich räuspert sich der halbe Bus.

Schröder, dieser Drecksack! Mieser kleine Abzieher! Statt Heroin kursiert irgendein kakaofarbener Strychninverschnitt in seiner Blutbahn! VERDAMMT! Wie kann man auch einen Bubble kaufen von einem abgewrackten Altjunkie wie Schröder, von dem es in der Szene heißt, er koche Heroin im Cocktail mit Rohypnol auf und wanke wie ein Geistesgestörter durch die Nacht, bis die Bullen ihn abgreifen und ins LKH verfrachten.

Zornig steigt Pepe am Rathaus aus. Zornig auf sich selbst. Spielt er auf dem Weg zum Platz die Möglichkeiten durch, wie er dem Drecksack am besten entgegenzutreten hat.
„Eh, Schröder! Sag mal, war in dem scheiß Bubble von vorhin eigentlich auch ne Spur Heroin drin?“ hört Pepe seine Worte, wobei er die Rückforderung der fünfzig Mark mit einer gewaltigen Kopfnuss unterfüttert, einem Ca-dongg, der über den ganzen Platz hallen wird, damit auch der Letzte mitkriegt, dass man ihn, Pepe, besser nicht abzieht.

Tatsache. Schröder hängt vorm Kaufhof herum, wo die Bimbos ihre Ecke haben. Das sind die grössten Abzieher. Bimbos bescheißen die Leute nicht nur, wo sie können, die sind auch noch clean, im Gegensatz zu einheimischen Junkies, die sind wenigstens selber süchtig, beim Bescheißen.
Als Pepe auf Schröder zutritt, dreht der rasch sein Gesicht zur Seite. Eine Geste, die Pepe als Ausdruck seines schlechten Gewissens interpretiert, doch dann bemerkt er die beiden Gestalten, die links und rechts von Schröder sitzen, ihn merkwürdig in die Mangel nehmen. Normal gekleidete Gestalten, keine Bimbos, keine Junkies. Verdammt. Zivilbullen. Ohne einen weiteren Blick schlendert Pepe am Kaufhof vorüber.

Scheiße. Das wars dann. Morgen kann er Schröder nicht damit kommen, dass der Deal Beschiss war. Kein Dealer auf der ganzen Welt rückt am nächsten Tag einen Nachschlag heraus. Da kommen Argumente wie, „da bist du aber der einzige, der sich beschwert hat. Alle anderen waren zufrieden mit der Schore.“
Bla bla.
Kopfnuss.
Ca-dongg.
Vor dem Spiegel in der Auslage eines Modegeschäfts macht Pepe den ultimativen Pupillentest. Manchmal ist man breit und merkt es nicht, soll vorkommen. Pepe bekommt einen Mordsschreck: Pupillen, gross wie Bratpfannen. Jetzt muss er schleunigst was unternehmen, dass die Pupillen auf Stecknadelgröße schrumpfen, ohne einen Pfennig in der Tasche.

5
„ZUGRIFF!“
Die Stimme, das ist doch Kennie. Er sitzt auf der Terrasse des neuen italienischen Eiscafe und winkt feixend mit der Zeitung. Mit dem Stellenmarkt.
„Wie siehts aus, Pepe?“
„Schlecht“, sagt Pepe.
Obwohl: vielleicht lässt sich ja was reißen. Wenn Kennie schon mal so einen gutgelaunten Eindruck macht..
„Wo kann man denn was klarmachen? Ne Ahnung?“
„Eventuell, ja. Aber ich bin nicht flüssig“, antwortet Pepe.
„Macht nichts. Bin heute spendabel. Big Spender, ha ha!“
„Hast du ne Telefonkarte?“ fragt Pepe.
„Klar, Mann. Hier.“

Kennie war zehn Jahre clean gewesen. Dann hat er einen Telefonanruf gekriegt, der einer Kündigung gleichkam, und ehe er sich versah, saß er im Cabrio nach Dortmund, zu seiner alten Stammdealerin, die einzige Adresse, die er noch hatte. Unterwegs baute er einen kapitalen Auffahrunfall, ist mit dem Taxi weiter, (den Wagen ließ er der Einfachheit halber auf der Kriechspur stehen), eine Heidenkohle hat Kennie in den Sand gesetzt. Beim Aussteigen in Dortmund knickte er am Bordstein mit dem Fuß um, Achillessehnenriss: scheißegal alles. Nach beinah zehn Jahren Abstinenz hatte er von einer Sekunde auf die andere nur noch dieses eine Ziel im Kopf: einen Schuss setzen, einen Schuss setzen.. auf der Stelle, koste es, was es wolle.

Mittlerweile steckt Kennie im Methadonprogramm. Der Witz: als er clean war, zehn Jahre lang, war er in einer Drogenklinik fest als Therapeut angestellt. Gut dotierter Job, haha. Krisenfest. Deswegen quatscht er auch so viel. Mal träumt Kennie von der Eröffnung eines kombinierten Brauhauses/Cafes auf Westerland („Oder wo auch immer, jedenfalls keine stinknormale Kneipe, damit kann man heutzutage nix mehr reißen“), mal von dem Aufbau einer Art Unternehmungsberatung, die sich auf die optimale Nutzung vorhandener Räumlichkeiten in Unternehmen spezialisiert.
„Was glaubst du, wieviel Konzerne gar nicht wissen, dass sie zehn, zwanzig Zimmer leerstehen haben.“
„Kennie, ich probier’s mal bei meiner Connection“, fällt Pepe ihm entnervt ins Wort und stiefelt zur nächsten Telefonzelle. Diese blöde Stiefelei zu irgendeiner Telefonzelle geht ihm langsam auf den Sack. Ich sollte mir ein Handy zulegen, denkt Pepe.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wo man was checken kann, mit dem Geld von Kennie. Bei der Unke oder später bei Tonio. Pepe wählt die Nummer der Unke. Die Unke sitzt den grössten Teil ihres Tages auf der Couch und verkauft mit stämmigen, nackten Schenkeln („Puuh, ist heiß heute, oder?!“) Schore und Koks. Da sie beides selber schnupft, in rauhen Mengen, ist ihre Nase in der Regel verstopft und sie schnobert wie ein marodes Industriepferd. Der Anrufbeantworter springt an.
„Frau Doktor macht gerade Hausbesuche. In dringenden Fällen sprechen Sie ihre Mittleilung auf Band. Frau Doktor meldet sich dann zurück. Gute Besserung.“

Mist. Wenn die Unke erstmal ihre Runde macht, ist sie frühstens um Mitternacht wieder daheim. Und manchmal kommt sie gar nicht nach Hause und erzählt ihrer Kundschaft am nächsten Tag, sie habe bei ihrer lesbischen Freundin übernachtet, auch wenn die davon gar nichts ahnt, die angebliche Freundin, dass sie lesbisch sein soll.

Andere Connenction also. Tonio. Der ist nicht nur teurer als die Unke, er ist auch noch auf der Arbeit. Da kann Pepe erst in einer knappen Stunde anrufen. Was bleibt ihm also anderes übrig, als zurück ins Cafe und dem Geplapper von Kennie zu lauschen. Die Leberwerte. Der verdammte Alkohol. Der Jägermeister.
„Ist sogar so weit, dass ich trotz Methadon einen Affen schiebe, wenn ich mal einen Tag keinen Jägermeister saufe.“
Kennie plappert und plappert, dabei wartet er genauso wie Pepe nur darauf, dass es vier Uhr wird und Tonio, der Italiener, von der Arbeit kommt und Pepe endlich bei ihm anrufen kann.
„Wieso bist du eigentlich pleite?“ fragt Kennie.
„Weil ich mir schon einen Fuffie geholt hab.“
„Einen Fuffie? Du? So siehst du aber nicht aus.. mit deinen großen Pupillen.“
„Was ja auch Abzug.“
„Abzug?“ Kennie kichert. „Wer hat dich abgezogen?“
„Schröder.“
„Schröder? DER Schröder?“
„Genau der.“
„Alter, bist du bescheuert? Hast du mal in dem sein Gesicht geguckt? Da ist keine Kontur mehr zu sehen, von all den Drogen. Der sieht aus wie ein beschissener leerer Kanister.“
„Jaja, schon gut. Wieviel brauchst du überhaupt?“
„Einen Hunni“, meint Kennie.
Cool, denkt Pepe.

Um fünf vor vier steht er in der Telefonzelle. Tonio hat seit drei, vier Tagen ein neues Handy. Eine ellenlange Nummer, die Pepe trotzdem schon auswendig kennt.
„Halloo?“ meldet sich Tonio mit extratiefer Stimme, wie er das manchmal drauf hat. Den sonoren Geschäftsmann gibt.
„Ja, hier Pepe. Wie gehts?“
„Ja. Gut. Willst du mich besuchen?“
Pepe wird warm ums Herz.
„Genau. Hab ich vor.“
„Gut. In Ordnung. Wie lang willst du bleiben?“
Trotz Handy, das angeblich abhörsicher ist, besteht Tonio auf codierte Bestellungen.
„Zehn Minuten“, bestellt Pepe, was hundert Mark bedeutet. Fünf Minuten sind fünzig Mark usw.
Die Achillesferse des codierten Frage-Antwort-Spiels ist die Bekanntgabe des Übergabetreffpunkts, denn der variiert ständig. Sagt Tonio etwa: „Wir treffen uns dahinter“, so bedeutet dahinter HINTER der grossen Shell-Tankstelle, in deren Nähe er wohnt. Und sagt Tonio wir treffen uns „in der Stadt“, bedeutet das auf dem Parkplatz hinterm Rathaus. Und „Ich muss zum Zahnarzt“ meint als Treffpunkt die Praxis von Doktor Hilten, wo auch Tonio und seine Gina ihr tägliches Methadon abholen.

Heute ist es ganz schlimm. Tonio, in der Stadt unterwegs, drückt sich so lange vor der Bekanntgabe des Übergabepunktes, wie es nur geht.
„Äh, wo bist du? Zu hause?“ fragt er Pepe endlich.
„Nee, in der Stadt.“
„Ja… ich auch. Pass auf! Kennst du Ecke Kasinostrasse Oststrasse?“
„Klar“, sagt Pepe. „Gegenüber vom Friedhof.“
„Genau. Halbe Stunde.“
Hm. Das zum Thema codierte Bestellungen, denkt Pepe. Er legt auf.

„In ner halben Stunde“, sagt er zu Kennie. Der atmet auf. Sie überbrücken die Wartezeit mit zwei Pils und einer kleinen Marihuana-Lolle, was Kennie immens nervös macht, warum auch immer. Dann ist die Zeit um, er steckt Pepe den Hunni zu.
„Ich muss noch ein, zwei Besorgungen machen. Treffen wir uns wieder hier im Cafe?“
„Klar“, sagt Pepe und zieht los.
Ecke Kasino/Oststrasse. Pepe lässt sich auf den Stufen vor dem italienischen Frisör nieder. Und wartet. Wo bleibt der scheiß Itakker. Vielleicht lässt er sich von einem Landsmann die Haare schneiden. Als er schon aufstehen will, um in dem Frisörladen nachzuschauen, kommt ihm Tonio keuchend auf dem Rad entgegen.

6
„Ich zum Frisör, spinnst du? Gina schneidet mir die Haare!“
Sie tauschen Stoff gegen Geld.
„Oh nee, Tonio, Scheiße. Nicht schon wieder so ein dunkles Zeug!“ braust Pepe auf. Zwei Abzüge an einem Tag, das verkraftet kein Suchtherz.
„Quatsch, ist nicht dunkel. Nur die Folie drumrum ist dunkel, ich hatte keine andere. Die Schore ist die helle, wie immer“, klärt Tonio ihn auf.
Okay. Die helle ist wirklich gut.

Pepe geht auf den Friedhof und verzieht sich aufs Männerklo. Macht sich erst mal ein gutes Näschen, knotet den Bubble zu. Knotet ihn wieder auf, streut sich noch ein Näsches, knotet den Bubble zu. Überlegt, ob er sich auf die Schnelle vielleicht noch ein kleines Näschen.. Nur ein kleines bisschen noch. Ein Näschen nur. Scheiss drauf.

Als Kennie ihm auf der Kasinostrasse begegnet, er hat keine Ruhe gehabt im Cafe zu warten, trägt der links einen Strauß Rosen in Packpapier, rechts einen Fisch in dünnem Fischeinwickelpapier.
„Kennie!“ ruft Pepe. „Wohin!? Party?“
„Nach Hause.“
„Ah, machst es dir gemütlich.“
„Sicher. Den Fisch in die Blumen stecken, alles auf die Heizung, halbe Stunde voll aufdrehen, fertig ist der Budenzauber.“
„Feine Sache“, sagt Pepe und steckt ihm den Bubble zu, den Rest vom Hunni.
„Sicher.“

7
Am nächsten Mittag. Bevor Pepe nach Elberfeld aufbricht, hängt er eher unhungrig im McDonalds herum und knabbert an einem Cheeseburger, als die Türe aufschnappt, und wer kommt da rein?
Fleschkönigs.
„Das gibts doch nicht! Der alte Flesch!“
„He.. Pepe.“
Sie fallen sich in die Arme.
„Ich dachte, du wärst tot!“ meint Pepe.
„Nee, Alter, noch nich. Noch nich. Noch leb ich, Alter.“

Und wie Flesch lebt! Wie immer nämlich. Die BILD-Zeitung leger unter den Arm geklemmt wie ein Banker die FAZ, das rot gelockte Haar schulterlang, Schneidezähne im Eimer, Sonnenbrille X-Large.
„Na gut, die Leber ist was angeschlagen, aber noch bin ich auf dem Schirm, Alter.“
Er züngelt nach dem Cheeseburger in Pepes Hand.
„Seit wann frisst du denn so ne Ami-Pappe, Alter!“
Das letzte Mal gesehen haben sich die Beiden in den chaotischen Tagen nach dem Brandanschlag, Pfingsten 1993, als türkische Kids und Autonome aus dem ganzen Rheinland angereist waren und durch die glasklirrende Innenstadt sprinteten, während die Jungs von der GSG 9 in dunklen Einfahrten parat standen, von der Landesregierung zum Nichtstun verdonnert. („Gaanz vorsichtiger Schlagstockeinsatz der Polizei“/RTL-Nachrichten, Ende Mai ‘93).

Drei Tage lang war Pepe auf der Strasse gewesen, endlich mal was los in diesem Kaff, eine gesetzlose Demo jagte die nächste, und als er gerade in der Nähe war, klingelte er bei Fleschkönigs das verabredete Klingelzeichen. Als Pepe in die Wohnung kam, bot sich ihm ein grotesker Anblick. Bis zum Kragen abgefüllt mit Heroin und Koks-Cocktails fläzten sich Flesch und ein schweigsamer Kumpel vor der Glotze herum, in der gerade eine Live-Reportage von den Krawallen rund um den Schlagbaum in der Nordstadt zu sehen war. Über sechstausend Bullen waren in der Stadt, ein Meer aus weißen Helmen und Schlagstöcken.
„Flesch, was hältst du von der Sache?“ fragte Pepe, und Fleschkönigs antwortete, die Augen auf Halbmast: „Alter, ich guck mir das seit Tagen an, hier im Fernsehen mein ich, aber unten auf der Strasse? Nee, ist mir zu heftig, Alter. Das muss ich nicht haben, hör mal.“
Da wohnte Flesch mitten im Kampfgetümmel, hatte aber nicht ein einziges Mal den Fuß vor die Türe gesetzt. Andererseits, was soll ein Junkie auch draußen, solange er nur genug Material im Haus hat und im Fernsehen alles live zu sehen ist, was sich vor der Türe abspielt.

Ein paar Monate später war Fleschkönigs verschwunden. Wie vom Paralleluniversum verschluckt. Keiner wusste was genaues, nicht mal sein schweigsamer Kumpel. Gerüchte machten die Runde. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer geheimnisvollen Spezial-Klinik in New England dem Tode entgegen, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Nordspanien verhaftet worden.
„Wo hast du denn nun gesteckt, all die Jahre?“ fragt Pepe.
„Na, ne Weile in Rotterdam“, sagt Flesch. „Drei Jahre in nem Zigeunerlager, unter Messerwerfern und Feuerschluckern. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und so einen grossen Puffi-Hund, hör mal.“
Bis ihn der internationale Haftbefehl doch noch ereilt hat, und Flesch die letzten achtzehn Monate in Wuppertal absitzen musste.
„Im Knast hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, du verstehst.“
Er macht eine Geste, als ob Pepe schon Bescheid wisse, und nimmt die Sonnenbrille ab.
„Und sonst? Was macht das Gift?“ fragt Pepe.
Flesch kommt näher. Seine Pupillen, harte kleine Diamanten.
„Na, du kennst das ja. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, zum Naschen, wer sagt da nein..“
Er wird leise.
„Ich will hier nicht den Lauten machen, aber einen Bubble kann ich noch abdrücken. Einen von elf, hab ich gesten Abend in Hannover klargemacht, auf der Platte.“
„Auf der Platte in Hannover?“ wundert sich Pepe.
„Ja, da hab ich Messebau gemacht, als Vertretung. Mann, ich sag dir, Hannover hat ne härtere Platte als Rotterdam. Da schleichen hundert Fertige um einen rum und die wollen alle was für dich klarmachen, für zehn, zwanzig Mark. Da war ich mit meinem Hunni natürlich der König. Hab ich elf fette Bubbles für gekriegt.“
„Der König von Hannover mit elf Bubbles!“ flachst Pepe.
„Wie gesagt, einen kann ich abdrücken, eins a Material“, meint Flesch. „Musst du wissen, hör mal.“
Sie einigen sich auf einen Zwanni.
„Ist wirklich eins a, der Stoff, da knallt dir der Schädel auf den Tisch, versprochen.. Hör mal, Pepe, im Moment wohn ich noch bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse, aber demnächst mach ich ne Wagenburg auf. In Rotterdam hab ich Blut geleckt. Ich such ein paar Leute, die mitmachen und nen Wohnwagen haben. Grundstück hab ich schon. Ein verlassener Schrottplatz, was meinst du? Interesse? Kannst mich ja mal besuchen kommen.“
„Auf dem Schrottplatz?“
„Nee, bei den Hühnern. Bin da noch ne Weile gemeldet.“

8
Die Praxis von Doktor Hilten liegt in der Fußgängerzone. Da Pepe sein Kommen telefonisch angekündigt hat, müsste das Methadon-Rezept bereits fertig sein. Die Bruckner, eine agile Sprechstundenkraft, die stets mehrere Dinge gleichzeitig erledigt, telefoniert gerade und stöbert dabei in der gewaltigen Patientenkartei.
Als sie endlich den Hörer auflegt, schiebt Pepe wie üblich den Fünfer Rezeptgebühr über den Tresen. Die Bruckner gibt seine Daten in den Rechner ein, guckt auf den Computerbildschirm.
„Tja, mein Freund und Kupferstecher, heute ist eine UK fällig.“
„UK? Schon wieder? Ich hab doch erst letzte Woche..“
„Tja, wir müssen vier UK’s pro Quartal machen. So stehts geschrieben. Dazu sind wir verpflichtet, mein Freund.“
Den Kupferstecher lässt sie weg.
Das hat noch gefehlt. Von der Schore, die Flesch ihm abgedrückt hat, ist Pepe breit wie lange nicht. Seine Pupillen sind Stecknadelköpfe. Die Bruckner reicht einen Plastikbecher rüber. Für die Urin-Kontrolle.
„Oder möchten Sie gleich zum Doktor rein?“
„Nee“, beeilt sich Pepe, „schon in Ordnung.“

Vielleicht trifft er ja auf dem Pott jemanden, der saubere Pisse hat. Wär ja möglich. Pepe steht mit dem leeren Plastikbecher vorm Handwaschbecken und wartet. Kommt ein Junkie rein, fragt Pepe, ob er sauberes Urin abdrücken könne, doch entweder haben die Leute ebenfalls Beikonsum gehabt oder Pepe erntet überhaupt keine Antwort. Nach zehn Minuten gibt Pepe auf, und stellt einen nur spärlich gefüllten Urinbecher („Reicht das? Mehr geht nicht.“) im Labor ab. Dann nimmt er im Warteraum Platz. Manchmal hat man ja Glück und das Rezept wird einem schon ausgehändigt, bevor das Drogen-Screening durch ist. Dann heisst es schnell um die Ecke in die Apotheke und das BTM-Rezept einlösen, bevor die Bruckner in der Praxis das Ergebnis parat hat. Ist man nämlich positiv auf ein Opiat getestet, heisst es mindestens zwei Monate lang jeden Tag nach Elberfeld fahren, und sich das Meta abzuholen, statt alle sieben Tage einen Vorrat mitnehmen zu dürfen. Dann ist man „aus der Bundesliga abgestiegen“, wie Dr. Hilten das nennt, wenn man aus der Take Home-Regelung raus ist.

Als Pepe so da sitzt, zwischen zwanzig anderen Patienten, steckt Dr. Hilten seinen Kopf aus dem Chefzimmer. Sein Habicht-Blick trifft zufällig Pepe. Sie gucken sich an, Pepe guckt weg, zu spät. Der Doc hat ihn regelrecht fixiert, auch wenn der ganze Vorgang nur eine Sekunde gedauert hat. Eine Sekunde Hass reicht.
Dauert keine zwei Minuten, da winkt der Doc Pepe ins Chefzimmer. Und kommt gleich zur Sache.
„Was haben Sie denn für Pupillen?“
Diese verfluchten hell-grünen Augen, denkt Pepe. Da bleibt nichts verborgen.
„EIGENTLICH MÜSSTE ICH KNALLHART SEIN GEGENÜBER PATIENTEN WIE SIE EINER SIND!“ brüllt der Doc unvermittelt los. „SIE WOLLEN GAR NICHT ENTZIEHEN, SIE WOLLEN AUCH OHNE HEROIN GUT DRAUF SEIN!“

Moment mal.. der vertut sich. Der glaubt, ich hätte zuviel Methadon geschluckt und darum so winzige Pupillen, denkt Pepe.
„Ich äh hab heut morgen.. ich bin..“, setzt Pepe konfus an, doch der Doc scheint einen schlechten Tag zu haben: demonstrativ zerreisst er das Methadon-Rezept (wo hat er das denn her, plötzlich?) in zwei Teile.
„UND JETZT RAUS MIT IHNEN!“
„Doktor Hilten, ich geb ja zu, ich hab heute.. die vergangene Tage zu viel genommen, ich hab Stress.. mit meiner Freundin, und damit ich keinen.. Beikonsum..“

Während Pepe irgendetwas faselt, fasst er den Entschluss, hier so lange sitzen zu bleiben, bis er ein neues Rezept in den Händen hat, und sollte es auch das letzte sein, was er von Dr.Hilten bekommt. Der tippt unwirsch auf seiner PC-Tastatur herum.
„WIE OFT KOMMEN SIE? EINMAL DIE WOCHE?!“
„Ja, alle sieben Tage.“
Das könnte ihn besänftigen. Schliesslich ist Pepe genau im Rhythmus. Keinen Tag zu früh.
Doktor Hilten scheint einen Gang zurückzuschalten. Er seufzt.
„Wissen Sie eigentlich, dass Sie Methadon zutiefst unterschätzen? Ein Methadon-Entzug ist um ein vielfaches härter als ein Heroin-Entzug.“
Das ist Pepe nicht neu. Das ist Dauerthema in der Szene. Dennoch lauscht er den Worten des Doktors, als höre er dies alles zum ersten Male.
„Ein Methadon-Entzug dauert mindestens sechs Wochen, und geht vor allem nach vier Tagen erst richtig los. Jedenfalls wenn man mit dem Saft so maßlos umgeht wie Sie.“
Er will wissen, wie viel Pepe heute genommen habe.
„Zehn Milliliter“, tischt Pepe ihm auf.
Das wäre das doppelte der verordneten Tageshöchstdosis, und es ist grade mal Mittag.
„So, zehn also. Und wie kommen Sie dann mit den sechs Töpfen eine Woche lang aus, wenn Sie das saufen wie Wasser?“
„Das hab ich ja nur heute gemacht.. und gestern.“

Für einen kurzen Moment erschaudert Pepe bei der Vorstellung, dass die Bruckner jetzt zur Türe reinkommt, mit dem Ergebnis des Drogentests in den Händen:
Positiv auf Heroin getestet!
Dann wäre Pepe auf ganzer Linie erledigt..
„..das war das letzte Mal, Doktor, versprochen!“ hört Pepe sich reden.
Der winkt genervt ab.
„Ich kenn euch Vögel doch. Wenn euch das Wasser bis zum Halse steht, erzählt ihr einem das Blaue vom Himmel. Was wir machen ist folgendes: Ich seh Sie in vierzehn Tagen hier wieder. Fangen sie mit acht Milliliter an und dosieren sich jeden Tag ein bisschen runter bis Sie wieder auf fünf sind. Sie werden sehen, das funktioniert. Wenn nicht, müssen Sie sich Nachschub auf dem Schwarzmarkt besorgen, oder wo auch immer, ist mir egal..“

Er begleitet Pepe zur Tür und ruft der Bruckner zu, sie solle ein neues Rezept ausstellen. Im Warteraum sind alle Blicke auf Pepe gerichtet. Pepe wiederum guckt an der Rezeption vorbei, zum Labor. Da steht sein Becher, auf dem Tablett. Wahrscheinlich noch nicht getestet worden.
„Noch mal Glück gehabt“, meint die Bruckner, während der Drucker rattert.
Pepe fühlt sich sturzclean.

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11 Antworten zu „Deutsche Junkies sind Petzliesen“

  1. minotaurus sagt:

    kommt da noch mehr? würde mich freuen.
    ziellose junkie geschichte, irgendwie – so wie das leben (stell ich mir vor) eben ziellos wird, wenn man süchtig ist, abgesehen vom magnetischen Nordpol: der stoff. und wo man ihn herbekommt, fürs nächste mal.
    und in der zwischenzeit: warten, alte geschichten, tratschen. dummes zeug labern. man erlebt ja nix.

  2. minotaurus sagt:

    hatte übrigens erst gelesen: deutsche junkies sind polizisten.

  3. HinRichter sagt:

    @minotaurus

    ich bin zwar nicht auf schore, aber mein leben hat trotzdem die gleiche ziellose ausrichtung. ;-)
    junkies sind wir doch alle, jeder nach anderem stoff.

  4. Herr Jeh sagt:

    Intensive Geschichte.
    Gute Geschichte!

    Auch gut: Mit Kapiteln. :)

  5. zeilentitan sagt:

    Ich hab die Protagonisten dieser Geschichte fast schon bildlich vor Augen gehabt. Als Solinger, der mit den Örtlichkeiten was anfangen kann, kommt die Story noch intensiver rüber. Ich geb den anderen Leuten Recht, du solltest wirklich ein Buch schreiben.

    Gruß

    Glummi

  6. LadyMarguerite sagt:

    Sehr gut geschrieben. Du hast mich an den Bildschirm gefesselt, und jetzt tränen mir die Augen. (Papier ist wirklich besser ;-)

  7. Tilla Pe sagt:

    Was steht der Produktion auf Papier eigentlich entgegen?

  8. glumm sagt:

    der fehlende mut eines verlegers. einer verlegerin. einer verlegergroß
    familie.

    geld.

  9. LadyMarguerite sagt:

    Für die große Literatur fehlte den Verlegern schon immer der Mut …

  10. amadea sagt:

    Phew – What a story – Da krieg ich Gänsehaut.

  11. Jackster sagt:

    Realty bites! Und? Kriegt Pepe irgendwann die Kurve? Oder doch Rotterdam?

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