Archiv für Februar 2008

Nur ein paar dumme Stunden *

24. Februar 2008

Winter 2001. Abends hock ich in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung.
“Was machst du?” ruft die Gräfin. Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, der Fernseher läuft.
“Lesen”, antworte ich matt.
Tatsächlich liegt die Zeitung vor mir, doch unterm Lokalteil stecken drei Pillen, die der dicke Methadonhändler mir letztens in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.
“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Ist aber nichts zum Antörnen. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir dreckig geht.”

“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte sie später, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”
“Klar hätt ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich’s heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Mist. Ist doch logisch, oder?”
“Na, super logisch. Du bist wie ein Mono-Plattenspieler, der immer dieselbe langweilige verkratzte Single runternudelt, weißt du das!?”

Noch liegen die Pillen vor mir. Noch hadere ich. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man Pech hat, wird den Zellen  noch das letzte Quentchen Opium entzogen und dann sitzt du da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean von einem Moment auf den nächsten, dass  du nur noch abwarten kannst bis die Attacke vorüber ist. Und wenn es die ganze Nacht dauert..

Dabei hab ist das gar kein richtiger Affe, den ich schiebe. Es ist eher das Grauen vor der Nacht, die vor mir liegt. Dass der Affe sich anschleichen könnte bevor der Morgen dämmert und ich zum Doc kann, das neue Rezept abholen für die Wochenration Methadon. Für meinen über alles geliebten Apothekenzustand. Der keinen Gott neben sich duldet.

Ich wiege die Pillen in der Hand. Kann mich nicht entscheiden. Die Küchentür ist einen Spalt geöffnet, ich seh das blaue Licht des Fernsehapparats durchs Zimmer flackern. Sie ahnt nichts von meinem Dilemma. Sie ahnt nicht, dass ich mal wieder auf dem Trockenen sitze. Mit dem Rücken an der Heizung, die mir die Haut fast verbrennt, so sehr bullert sie, doch das Erdgas erreicht mich nicht, es verpufft in den lackierten, harten Heizungsrippen.

Ich ackere den Beipackzettel ein drittes Mal durch. Kann mich kaum konzentrieren. Die Worte fliehen über den faltigen Zettel und werfen Pünktchen auf; schräge Striche.

(Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.)

Weiter unten entdecke ich was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats. Vier Stunden, nur vier Stunden?! Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hab ich vor 18 Stunden genommen! Was sollte also schief gehen, wenn ich jetzt Subutex einwerfe? Damit ich über die Nacht komme. Andererseits weiß ich von Patienten, dass sie vor der ersten Einnahme von Subutex mindestens 36 Stunden clean bleiben mussten. 36 vedammte Stunden, und nicht lumpige vier.

JA WAS DENN NUN!??

Ich nehm die erste Pille à 2 mg in die Hand. Jetzt bloß nicht lange fackeln. Jetzt sublingual, jetzt unter die Zunge legen.. jetzt.. löst sich die erste Tablette schon langsam auf und sickert bitter durch meinen Schlund. Ich blättere in der Zeitung und warte. Ich horche in mich rein. Ob da was kommt. Warm anflutet. Natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nur ein Klacks. Was bringt wem ein Klacks.

Es dauert keine fünf Minuten, schon liegen die beiden restlichen Pillen unter der Zunge. Wenn schon, denn schon. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es richtet sich. Es reitet sich selbst über den Oxer. Egal, in welchem Alter du mit Heroin anfängst, egal, wieviel du über Heroin gelesen haben magst und wieviele Leute du kennst, die schon abgeschmiert sind, du weißt nicht wirklich, was auf dich zukommt, wenn du mit Heroin beginnst. Es ist das letzte große Abenteuer, und es kommt mit der Garantie daher, dass es daneben geht. Das immerhin ist bekannt. Doch wie es wirklich ist, jeden Morgen süchtig aufzuwachen und sich erstmal was besorgen zu müssen, damit du nicht durchdrehst vor Sorge, wie zum Teufel soll man das wissen, wenn man nie in diesen Schuhen steckte.

Jetzt.. wird es wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein. Doch nicht. Aber schlechter geht’s mir auch nicht. Oder? Eine halbe Stunde ist vergangen seit der ersten Pille, als ich mich zu ihr lege. Der Fernseher läuft, doch ich bin woanders mit meinen Gedanken. Allein mit meiner Sucht. Einsam. Einsam, weil ich mal wieder das Maul nicht aufkriege. Wenn Heroin, das Original, schon kein Publikumsknaller ist, dann ist Methadon ein wirklich einsames Geschäft. Wer sitzt schon in trauter Runde zusammen und kippt ein Töpfchen Metha nach dem anderen. Sie wundert sich, warum ich so still bin. “Ist was?” fragt sie, doch ich winke nur ab. “Ich bin müde.” Ich dreh mich zur Wand und schlafe auf der Stelle ein.

Als ich wach werde, steckt mein Brustkorb in Stahlzwingen. Ich bin klatschnass geschwitzt. Oh Gott.. mein Gott..!! Ich flüchte aus dem Bett. Bloß raus..!
“Was ist denn los?” wundert sich Konni.
Ich bin voll auf Affen. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an mir herunter. Ich hab nicht mal eine halbe Stunde geschlafen.
“Ich fühl mich.. scheiße!”
“Wie, du fühlst dich scheiße!? Was hast du angestellt!?”

Es ist, als wälze ich mich durch ein großes, überwürztes Feuer, als brenne ich licherloh. Ich flüchte ins Bad, vor den Spiegel. Riesige schwarze Bratpfannen glotzen mich an! Wie lang schon hab ich nicht mehr solche Pupillen gehabt. Mein Herz rast, als habe es Räder. Ich lass mich auf den Wannenrand nieder.
“Was hast du gemacht?” fragt sie ängstlich.
“Ich hab.. Scheisse gebaut. Ich hab Subutex genommen..”
“Du hast..? BIST DU BESCHEUERT!?? SUBUTEX! Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”
“Ich weiss..”
“Wie, du weisst!? Warum hast du es dann gemacht??”
“Ich dachte, also.. ich weiss nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte kaum noch Metha für heute.. Scheisse. Was mach ich denn.. jetzt..?!”

So jedenfalls halt ich die Nacht nicht aus, ich schreie, aber kein Ton kommt heraus. Ich renne durch die Wohnung, panisch, in Auflösung.
“Ich halt das nicht aus..!”
“Du hältst das aus”, versucht sie mich zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..”
Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen. Die ganze Nacht. Die ganzen Stunden. Bis zum Morgen. Bis acht Uhr. Bis der Doc aufmacht.

“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer heraus. Es ist kurz vor Mitternacht. Natürlich springt der Anrufbeantworter an.
“Was hast du denn gedacht?“ sag ich. „Dass der Doc nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”
“Na, dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”

Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt. Hält mir den Hörer hin.
“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”
“Du kannst. Natürlich kannst du. Frag, was du machen sollst.”

Ich nehm den Hörer in die Hand. Dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.
“Ja..?”
“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört?”
“Hmm.. wer isn da?” nuschelt er, als habe er ein Kissen im Mund.
“Ich bin’s“, räuspere ich mich. „Ich hab scheiße gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”
“Experimentiert? Mit Subutex? Ja, das ist schlecht.”

Doktor Hilten ist ein stattlicher dicker Mann. Ein Fress-Buddha, der sich mit einer Trutzburg aus Fett schützt vor seinen süchtigen Patienten, die ihn mit ihrer Sucht zu sehr an die eigene Sucht erinnern. Er kann sie nicht leiden. Er hasst Junkies. Er hasst sich selbst.
“Da hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bißchen. Kann aber nichts passieren.”
“Ich fühl mich aber scheisse.. extrem. Ich mein.. sollte ich nicht Methadon nehmen, damit..”
“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”

Ich sag nichts mehr. Hat eh keinen Sinn. Sie beobachtet mich.
“Du schaffst das schon”, meint Hilten leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du es schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”
Ich leg auf. Tigere durch die Wohnung. Nur ein paar dumme Stunden. Arschloch! Die ganze verfluchte Nacht.. Und ich hab das Gefühl, dass es schlimmer wird. Das Gewebe zieht und zerrt und rüttelt an mir, wie der Wind an einem Gerüst.

Wieso zum Teufel hab ich auch alle drei Pillen auf einmal genommen?! Ich Idiot! Ich Trottel! Und jetzt hier rumheulen!
“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Bleib ruhig. Ich lass dir ne Wanne ein. Entspann dich”, meint die Gräfin. Ich höre sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem ich mich befinde. In meinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Was sich noch machen lässt. Wo ich noch was auftun kann. Schore, Metha, irgendwas. Ohne Kohle. WIESO STAND AUCH AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL WAS VON VIER STUNDEN!!?

Ich grapsche meine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar keine Kohle drin, aber Telefonnummern, von allen möglichen Leuten.
“Wohin willst du..?”
“Ich.. weiss nicht. Raus hier. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”
“Angelo? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT? Wenn du jetzt auf Subutex noch Metha nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das JETZT ein Zuckerschlecken gegen das, was dich DANACH erwartet! Lass das bloß sein!!” Ich hab sie lang nicht mehr so zornig erlebt.

Es ist Mitternacht durch. Alles wird immer enger, je länger ich warte und nichts unternehme. Es ist zwölf Uhr durch. Angelo kann ich von hier aus nicht anrufen, dann packt sie noch heut Nacht ihre Klamotten. Ich muss in die Telefonzelle, in eine, die noch Münzen nimmt. Auf der Klingenstrasse gibt es eine. Ich sag, dass ich ins Städtische gehe, in die Notaufnahme.
“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”
“Was soll passieren?”
“Dass ich umkippe. Keine Ahnung.”
“Ich kann dich doch fahren.”
“Nein..! Ich muss.. gehen. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann?”
“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, bist du auch gleich da.. in ner dreiviertel Stunde.”
“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich werd langsam gehen. Ich brauch ne Stunde bis dahin. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”

Ich sitzt auf dem Badewannenrand und schnüre schwerfällig die Stiefel. Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?
“Bau keinen Scheiss”, fleht sie.
“Ich hab keine Kohle für Scheisse bauen.”
“Ach nee, seit wann brauchst du Kohle, um Scheisse zu bauen?”

Ich kann nicht einen einzigen Cent vom Konto abheben. Es ist alles sinnlos. Und es wird immer später. Gleich ein Uhr.
“Mach dir keine Sorgen”, sag ich zu ihr an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte bibbernd. “Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”
“Soll ich dich nicht doch fahren?”
“Nein…! Nein.”

Fünf Grad unter Null. Vollmond. Wenn ich durch den Park gehe, in Richtung Telefonzelle, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will. Also mühe ich mich die steile Strasse hoch. Dreh mich um. Unsere gemeinsame Wohnung, hell erleuchtet. Ich seh sie nicht am Fenster. Sie will nicht wissen, wohin ich gehe. Ob ich sie betrüge. Ich dreh ab in den Park. Das zornige Schnattern der Enten. Meine Beine, schwach. Sie tun es nicht richtig. Als wäre ich auf weichgekochten Sohlen unterwegs.

Richtung Telefonzelle ist Richtung Angelo ist Richtung Müngstener Eisenbahn-Brücke, die höchste Deutschlands, 110 Meter hoch. Wo man den ganzen Scheiß unter sich lassen kann. Die Verwüstungen. Die inneren Debakel. Weg damit. Runter damit. Als ich die Telefonzelle erreiche, ein in der Dunkelheit erstrahlendes gelbes Juwel, hab ich kaum noch Kraft in den Beinen. Ich lege die Brieftasche auf den Fernsprecher. Da ist ein einziges 50 Cent-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Cent. Ich hab einen einzigen Schuss. Und dann finde ich die Telefonnummern nicht. Es sind dutzende von Zetteln in der scheiß Brieftasche, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern verzeichnet sind. Ich hab ihn zu Hause liegen lassen. Ich bin zu platt, um Scheisse zu brüllen.

Wie betäubt versuch ich mich an Angelos Handynummer zu erinnern. Ich werfe das 50 Cent-Stück ein. Probiere ein paar Nummern, aber ich hab dauernd einen Zahlendreher drin. Ich krieg es einfach nicht hin. Drücke die Gabel runter, bevor es zum Anschluss kommt, damit nichts flöten geht von den 50 Cent. Und dann versuch ich es doch, mit der Nummer, die ich für richtig halte. Es hebt jemand ab. Halb zwei in der Nacht. Eine fremde, eine weibliche Stimme.
“Schuldigung”, flüstere ich und leg sofort auf. 20 Cent sind weg. Runtertelefoniert. Verflucht. Ich krieg diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen. Aber schuldigung sagen zu irgender Tussi, das geht, du Pisser.

Plötzlich fällt mir Ringo ein.. Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Ich hab ihn lang nicht mehr gesehen. Bestimmt ein halbes Jahr. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, in den späten 60ern. Eine Menge Leute sind damals gemeinsam aufgewachsen. Wir waren viele Jahre in der gleichen Schulklasse. Und auch wenn ich mich an die Handy-Nummer nicht erinnere, Ringos Festnetznummer steht wie eine 1 auf meinem inneren Display.

Vor ein paar Tagen hab ich noch seine Ex getroffen, die kleine Simone. Sie meinte, dass Ringo aus Angst vor der Schmiere kaum noch ans Telefon ginge. Ich wähle die Nummer. Nach dem zweiten Läuten hebt er ab.
“Jaa..?”

“Ich bin’s”, schnapp ich auf, als hätte ich mich verschluckt. “Wie siehts aus.. kannst du mir.. weiterhelfen?” Er braucht einen Moment, um meine Stimme zu erkennen. „Alter, bei mir siehts auch nicht gut aus.” Ringo atmet schwer, wie von weit her.
“Moment.. da ist.. du bist das doch?”
“Ja, sicher”, beeil ich mich. Noch 10 Cent. “Mir gehts dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht kommen soll. Ich brauch.. nicht viel.”
Ringo schwenkt um.
“Okay. Komm vorbei. Aber mach schnell.”
“Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich.”
“Mach hin. Ich hab ne Schlaftablette drin.”
Klick. Weg ist er.

Ich pack die Brieftasche ein und schleiche los. Es ist so eiskalt, ich friere und schwitze erst abwechselnd, dann gleichzeitig, und schließlich kann ich es nicht mehr auseinander halten, ob ich nun schwitze oder friere oder beides zusammen oder was los ist. Als ich die Abkürzung über den alten Güterbahnhof nehme, kriege ich kaum noch einen Fuß vor den anderen. Schneefall setzt ein. Ich halte mich an einem Bauzaun fest. Ein Wagen fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt rüber. Ein Taxifahrer. Hoffentlich sieht er mich, falls ich umkippe. Und hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, so bräsig, wie seine Stimme geklungen hat.

REVOLT lese ich an den alten Güterhallen. Da wollte wohl jemand REVOLTE sprayen, doch noch vor dem zweiten E kam die Bahnpolizei. Seither steht ein unfertiges, von der Witterung bearbeitete REVOLT an der Wand, dieser Zug endet hier.

Ringo öffnet in Unterhose und grünem OP-Hemd. Auf langen dünnen Beinen.

“Schließ ab”, sagt er knapp und geht schon mal vor. Seine Nase läuft. Er grinst. “Mitten in der Nacht.. Mann, dir muss es ja übel gehn..” Seine Bude ist überhitzt, seit Tagen nicht gelüftet. Aber aufgeräumt. Ringo ist penibel. Und ich könnte kotzen vor Knochenschwäche. Ringo dagegen ist nicht mal wacklig, trotz all dem Schnaps und der Schore und dem Koks und den Pillen, die er intus hat. Ich erzähle, was los ist.
“Alter! Subutex auf Reste von Metha! Wie bist du denn drauf!? Ich hab mal auf Subutex so die Panik gekriegt, ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!” Ringo ist laut. Wunderbar laut. “Ich war nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher Rotwein gesoffen hatte, war das ganze Klo ne fette rote Pfütze, wie von nem ausgebluteten Ochsen, Mann..Subutex auf Metha.. Scheisse! Wie bist du denn drauf, Alter?”

Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht. Er zieht ein Säckchen Heroin aus der Schublade.
“Ich hab aber keine Kohle”, sag ich.
“Kein Thema, Alter.. .” Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line über die Glasplatte. “Hier.. zieh das erst mal weg.”

Er verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft. Video.
“Außer Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo. Geil.”
Seine Augen fallen zu. Ich sitz unentschlossen vor derm Pulver. Weiß nicht, ob ich es wagen soll. Wenn es stimmt, was alle sagen, dann könnte danach alles nur noch schlimmer werden. Aber die Leute reden viel Müll.

“Schiss, Alter?” bellt Ringo. “Nimm doch erst mal die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”
Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Die Strasse ist gut zwanzig Zentimeter lang. Ein Gramm. Dafür könnte er locker einen Fuffie verlangen, auf der Platte.

Ich steh auf, ohne gesnieft zu haben, und lauf durch die heiße Bude. Hol nacheinander die Hieronymus Bosch-Figuren aus dem Regal, die Ringo aus Holland mitgebracht hat, wo sie an jeder Tankstellen verkauft werden. Verrückte kleine Figuren aus der verrückten Welt von Hieronymus Bosch, der wohl vom Mutterkorn genascht hat, ohne es jemals genommen zu haben.

Ich irre umher, setz mich an den Schreibtisch, steh wieder auf. Bin unschlüssig und schlapp, ich bin hibbelig..
„Alter, du machst mich wahnsinnig!“ ruft Ringo. Er bietet mir einen Schluck Beeren-Schnaps aus der großen Pulle an.
“Hier, Artilleriefeuer, Alter, ich dachte, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer, so ein Oma-Schnäpschen zum Kaffee. Aber Teufel auch, das Zeugs tut es. Das kommt sogar ziemlich dem nahe, warum ich irgendwann mal das Jägermeistersaufen angefangen hab. Was jetzt – nen Schluck?”
“Nee, keinen Schnaps. Bloß nicht.”

“Also, langsam werd ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – willst du nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an – kein Bock. Mann, warum holst du mich überhaupt mitten in der Nacht aus dem Bett? Um dauernd nee zu sagen?” Ich zieh die Strasse in einem einzigen gewaltigen Haps weg.
“So kenn ich dich”, wiehert Ringo. “Mit dem dicken Rüssel, Alter..!”
Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und plaudert und singt und kuckt Video, während ich gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa hocke und ununterbrochen Rad fahre, so sehr zucken die Beine. Ich strample und strample, und nur ganz allmählich wird mir wärmer und das Opiat wirkt. Ich leg mich lang und versuch zu schlafen. Ringo kommt rüber und deckt mich mit einer Baumwolldecke zu. Ich bin fast gerührt, wie sehr er sich um mich bemüht. Er legt sogar leise Jonathan Richman auf, weil er weiß, wie sehr ich ihn mag.

Später sitzen wir nebeneinander im Bett und verfolgen Außer Atem. Eine Szene, wo Belmondo 1959 ebenfalls im Bett sitzt, in Unterhose und Hut.
“Der zieht sich morgens immer den Hut auf, bevor er im Bett telefoniert”, johlt Ringo.
“Das Schlimmste ist Feigheit”, sagt Belmondo zu seiner amerikanischen Geliebten und nuckelt an einer Mais- Cigarette. Dann wechselt er den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
“Cool!” ruft Ringo. “Alter!”

* Für Ringo (1961 – 2007)

Publikum

17. Februar 2008

Wuppertal-Elberfeld, Literaturmarkt in der Volkshochschule 1985. Paar Bücherstände, paar Kaffeeschlürfer.

Ich bin eingeladen bis in die Nüstern. Hab Honk mit Lena. Mal wieder. Ist ja nichts neues. Eigentlich bin ich nur hier, um das Honorar einzusacken. Siebzig Mark. Das reicht für Samstagnacht in Babylon und einen doppelten Rittberger. Zuvor muss freilich eine Geschichte gelesen werden. Von mir selbst.

Dem Programm nach bin ich in dreißig Minuten an der Reihe, nach einer gewissen Magalena Müller.
„M. Müller in Dresden“ heißt ihre Story, so steht es im Programm.

Ich zieh mir am Weinstand die Becher rein. Neben mir ein Gel-Gesicht, das Kuchen ohne Ende in sich reinschaufelt, trockenen bröckeligen Sandkuchen, während mir die Seele rein und rausstolpert, so nervös bin ich. Ich bin immer nervös, wenn ich vor Publikum lese. Was heißt vor Publikum. Ich bin sogar nervös, wenn ich mir selber vorlese.

Ich bin allein gekommen. Kein Schwein hier, das mich kennt. Obwohl Wuppertal um die Ecke liegt. Ich hab überhaupt niemand was davon gesagt, dass ich heute hier lese. Es ist meine zweite Lesung.
„Zigarette aus!“ murrt die Aufseherin.

Die Tür zum Klassenzimmer öffnet sich, der Lese-Block vor mir ist zu Ende. Ich schieb mich mit anderen Besuchern in den Raum.

Als erste ist Magdalena Müller dran. Hinter den Tischen, in Hufeisenform aufgestellt, haben Fans ein kleines Transparent ausgerollt. MARIA!
Es sind lauter Frauen hier. Ich hab halbwegs einen im Kahn mittlerweile, genug jedenfalls, um nach vorn zur Tafel zu wackeln, da stehen noch mehr Frauen rum.

„Ich wollt nur mal fragen, ob ich vielleicht vor Karla lesen könnte, ich muss dringend weg.“
„Karla? Die heißt Maria!“
Wieso Maria?
„Scheisstypen!“ terzt eine andere Frau, sie ist blond und dürr. „Müsst euch ewig vordrängeln!“
Ich rutsche mit dem Hintern halb auf das Lehrerpult. Sehr lässig, halb besoffen.
„Wieso Scheißtyp..? Ich brauche nur zehn Minuten für meine Geschichte, und für eure.. Maria ist eine halbe Stunde angesetzt! Ausserdem kotzt mich das hier sowieso an.“
„Na und! Dann zieh doch Leine!“
„Ich brauch aber die Kohle.“
„Dann stell dich an und warte gefälligst, bist du an der Reihe bist!“
„Scheißtypen..!“
„Ich hab keine Zeit. Ich ..“
„Halt die Klappe!“
„Mieser kleiner Macho!“

Ich nehm einen Schluck Wein. Wieso kleiner Macho?
„Ich bin nicht klein“, sag ich.

Ich fühl mich wie im Supermarkt: ein Haufen Hühner mit überquellenden Einkaufswagen an der Kasse, ich dahinter mit zwei Zuckerplätzchen in der Hand. Wieso lassen die mich nicht vor?

„Bist du Karla?“ frag ich die blonde Dürre.
„Ma-ri-a!! Nee.. das ist Maria!“
Eine kraushaarige kleine Dichterin tritt aus dem Tross hervor. Unauffällig. Nett. Wieso sehen eigentlich alle Frauen, die Gedichte schreiben, unauffällig und nett aus?

„Karla, hör mal, kann ich vielleicht vor dir lesen? Ich brauche nicht mal zehn Minuten, und schon dampf ich ab. Versprochen!“
Stühle knarren. Sie guckt mir kaum in die Augen. Es zischelt in ihrem Rücken, „Laß den Scheißkerl nicht vor!“, doch sie will einfach ihren Frieden haben.
„Meinetwegen“, sagt sie leise. „Ich heiß aber Maria. Und ich schreib keine Gedichte, sondern Geschichten.“

Ich bleib auf dem Pult sitzen und leg los mit SCHARFER HUND, der Geschichte, in der Oelze gleich zu Beginn zum Telefon trudelt und „Müttergenesungswerk, Kuhvotze am Apparat!“ in die Muschel kräht.

Laute Pfiffe im Klassenraum, Buhrufe.
Und Krähenfüße überall.
„BOYKOTTIERT DAS SCHWEIN!“ kreischt die dürre Rädelsführerin, und der Damenchor poltert geschlossen hinaus.

Vor dem verbliebenen Häuflein, lauter Frauen, aber andere, rattere ich die Story runter bis zum Showdown, wo ich fünfzig Meter über der Stadt an einer Feuerleiter hänge – auf der Flucht vor einem Rottweiler. Keine Reaktion.
Nicht mal ein Hüsteln.
Ich zerknülle den Text und brause durch die Bankreihen.
„Eisiges dreckiges Wuppertal! Drecksgeschichte!“

Auf dem Flur spalieren die Schlangen und zischeln.
„Zigarette aus!“

28

5. Februar 2008

15. September 88

Zwei Tage durchgesoffen, bis ich am Donnerstag komplett im Eimer wach werde. Bin so groggy, dass ich eine halbe Stunde auf dem Rand vom Bett sitze und dumpf ins Sonnenlicht stiere, das durch die Jalousie auf den Teppichboden fällt. Der Schädel dröhnt wie ein Moped in einem langen schmutzigen Tunnel, das Telefon klingelt.

Ich lass klingeln.

Bis mir einfällt, Moment: ich hab ja Geburtstag. Du wirst 28.
Jemand will gratulieren.
Erst mal Kaffee.

Ich hocke in der Küche und nehm das Notizbuch in die Hand, das auf dem Küchentisch liegt. Aufgeschlagen, der letzte Satz ist nur schwer zu entziffern:
„Wenn man mit zehn Minuten Gutdraufsein auskommen muss pro Tag“, steht da in kritzligen Buchstaben.
Und darunter:
DER RITT NACH SCHALKE!

Damit ich nicht vergesse, was ich mir um Mitternacht am Tresen versprochen hab: heute auf ein Tagesticket nach Gelsenkirchen zu fahren. Mir selbst als Geburtstaggeschenk. Wo ich schon immer mal hin wollte. In die Heimat der Idole meiner Jugend: Stan Libuda (An Gott kommt keiner vorbei, ausser Libuda) und Norbert Nigbur, dem Torhüter mit den Nasenlöchern wie eine Steckdose und Fäusten unter Strom.

Das Telefon klingelt.
Ich muss raus hier.

Mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf. Von da aus gehts dann um 12 Uhr 24 weiter nach Gelsenkirchen. Mit achtundzwanzig Jahren das erste Mal nach Schalke. Da soll es Kneipen geben, wo das Bier noch ne Mark kostet, und Stan Libuda, der legendäre Rechtsaussen, verkauft Zigarren in seiner Lotto-Annahmestelle. Hoffentlich erwische ich meine zehn Minuten Gutraufsein, wenn ich in seinen Laden reinmarschiere.
„Eine Cohiba, Herr Stan!“

„Ich bin ein genauso versoffener Hund wie du“, meint ein pfeifeziehender, wackeliger Penner, die Nase jodverschmiert, in der Schalterhalle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zum anderen Penner, der eine Fahne kalter Scheisse hinter sich herzieht.
Ich glaube, ich trinke heute lieber mal kein Bier.
Wo ist denn hier ein Telefon?
Damit im kommenden Winter ein Paar feste Schuhe an meinen Füßen sind, war mit meiner Mutter eigentlich ein kleiner Einkaufsbummel abgesprochen. Ich rufe sie vom Bahnsteig aus an.
„Mutti, ich bin unterwegs nach Schalke.“
„Wieso? Ist da heute ein Spiel? „
„Nee. Ich fahr nur so dahin. „
„Dann fall nicht unter die Räuber, Junge. Und kauf dir nicht wieder Fussballschuhe!“

Im Nahverkehrszug nach Gelsenkirchen über Duisburg-Meiderich, zweite Klasse, Raucherabteil, klappe ich den Aschenbecher auf, und ein Wölkchen Qualm bringt mir ein Geburtstagständchen. Bei jedem Halt rollt eine leere Bierdose durch das Abteil. Kein Schaffner hält es für nötig, mich zu kontrollieren, dabei bin ich heute doch ausnahmsweise mal zu gültig.
„ZUGESTIEGEN JEMAND!?“
Da ist er schon.

In Oberhausen steigt ein Kerl zu, gegerbte Haut, leichtes Reisegepäck. Er erzählt gleich, dass er das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Oberhausen gewesen sei, auf einer Geburtstagsparty.
„Was ist bloß aus dem Ruhrgebiet geworden?“ meint er bedauernd, er lebt mittlerweile in Saarbrücken. „Total tote Hose.“
Als er aussteigt, rollt die Bierdose in die andere Ecke.

In Gelsenkirchen finde ich Schalke nicht. Bin wohl mit dem Linienbus einfach durchgefahren, ohne es mitzubekommen. Also wieder zurück. Diesmal frage ich beim Fahrer nach, wo ich raus muss.
„Wo willste denn hin, Jung?“
„Na, zum Stadion.“
„Zum Parkstadion?“
„Nein, zum altem Stadion. Glückaufkampfbahn.“
„Wat willste denn da? Ist doch total tote Hose da!“

Erst mal auf zwei Pils ins Schalker Vereinsheim. Frau Wirtin ist nicht gut zu sprechen auf einen der beiden Gäste. Der hat einen im Kahn und will immerzu singen und sucht sein Pils. Dann gibt er eine Lokalrunde.
„Mutter..“, meint er zur Wirtin, aber die hört das nicht gern.
„Da vorn ist die Tür, da schubs ich dich gleich raus.“
„Wenn Schalke verliert, geh ich sowieso nach Hause“, lallt er.
Frau Wirtin bringt mir ein Pils.
„Is dat Steno?“ meint sie mit einem kurzen Blick auf mein Notizbuch. „Kann doch kein Schwein lesen.“

Das einzig Blau-Weisse, das noch durch Gelsenkirchen-Schalke fährt, ist ein Tanklastwagen von ARAL, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle.
„Mein Gott, nee! Ich brauch doch nich zu betteln für ein klein Bierchen, hab ich nich nötig!“ (Kriegt kein Bier mehr, verlässt Vereinsheim.)
Ich auch.

Ich guck mir Schalke an. Das Stadtviertel. Kleine Häuschen. Ein türkischer Junge im königsblauen Trainingsanzug humpelt an mir vorüber. Sonst ist niemand auf der Strasse zu sehen.
Ein paar Graffitis.
TÜRKEN UND SCHWULE AN DIE WAND
SATANSPENIS
BLOCK II – WIR FERWESEN

Hinter der Arbeitersiedlung dann das alte, verrottende Fussballstadion. Die legendäre Glückauf-Kampfbahn. Ein einziges Schild weist darauf hin. Die Tore sind verschlossen. Ich klettere über einen Zaun und finde mich auf der Gegengerade wieder. Zwischen den Stufen wuchert Unkraut. Ich latsche über den gut erhaltenen Rasen rüber zur Tribüne. Höre dreissigtausend Knappen „SCHALLL-KEE“ brüllen. Rolf Rüssmann nimmt Anlauf zum Freistoss – Pfostenschuss!

Ich sitze auf der Ehrentribüne. Links die Stadtautobahn nach Bochum. Die dunkelrot lackierten Sitzplätze unter mir sind mit dickem Staub überzogen, die Gitter zwischen Spielfeld und Rängen ausnahmslos niedergerissen. Eine Reklametafel ist übriggeblieben: AFRI-COLA.
200 METER ZUM BLOCK II – ASIS UNERWÜNSCHT
Ein paar Minuten bleibe ich sitzen, einfach mal sitzen und denken, verdammt – aber es will sich keine Ehrfurcht einstellen. Als ich aufstehe, um das Stadion zu verlassen, steht in der Kurve dieser Mann. Erregter Mann, so eine Art Platzwart vielleicht.
„JA, WAT IS DAT DANN?!“ brüllt er, die unvermeidliche Töle an der Leine. „GANZ SCHNELL RUNTER DA! DAT WOLLN WIR HIER ERST GAR NICH ANFANGEN, WOLL!?“

In aller Ruhe latsche ich zurück über den Rasen, steige die Stufen der Gegengerade hoch und verschwinde wie ich reingekommen bin, über den Zaun.
Vorm Stadion kniet ein Junge auf dem Radweg. Er öffnet vorsichtig eine Portionspackung Kaffeesahne, neben ihm wartet ein Kätzchen.

Unter der Autobahnbrücke ist ein Getrommel in Gange, ich vermute schon einen einsamen Stadtschlagzeuger in den zementierten Zwischenräumen, doch als ich genauer hinhöre, ordne ich das monotone Geräusch eher den Lastwagen zu, die über die Brückennähte rollen.
Ein wütend hingerotztes Graffiti:
KÖLSCH UND ATEMNOT!

Auf dem Weg aus Schalke hinaus dribble ich durch eine abgewetzte Reihenhaussiedlung. Kissen auf der Fensterbank, jeder hat seinen eigenen kleinen Garten. Ein Junge steht auf der Haustreppe, fragt seinen laubfegenden Vater:
„Heute ist Donnerstag, ne?“
Er steckt sich eine Camel an.

Ich lande in Gelsenkirchen-Hessler, in einer anderen Vereinskneipe. FC Olympia Hessler 63.
Frohe Botschaft Hessler!
„Wann ist Schalke eigentlich zum letzten Mal Meister geworden?“ frage ich die Männer am Tresen.
„58, glaub ich.“
Genervt vom Rumstiefeln und angeschlagen vom Suff der letzten Tage fühle ich mich fiebrig, ohne dass Fieber wirklich austritt, fühl mich seitlich in den Tunnel gepfiffen. Auf dem Boden der Kneipe entdecke ich einen kleinen gelben Plastikwassernapf für Miniaturhunde, ich bin gerührt, siebenundzwanzig Jahre sind um. Ich habe Geburtstag und bin in Gelsenkirchen. Ich sehne mich zwanzig Jahre zurück, die Ohren am Kofferradio Bajazzo von Telefunken, samstags, den Bundesliga-Reportagen lauschend, wenn Stan Libuda zum Tanz aufspielte.
Wo ist eigentlich dem Libuda seine Zigarrenbude?
Und wieso ist der FC Olympia Hessler nicht berühmt geworden? Wieso der FC Schalke?

Die Männer am Tresen haben sich zum Skat niedergelassen.
„Hat der die Zehn! Leck mich am Arsch!“
Die Schnäpse werden als „Schweinchen“ geordert.
„Manni, bring noch fünf Pils!“
„Schweinchen dabei?“
„Sicher!“
„Fünf?“
„Fünf! Und wat is mit dem Käffchen fürn Heinz? Schon durchgeträllert?“

Am Tresen ist ausser mir nur ein Jeansheld übriggeblieben, mit klobigen Beinen, die nach Ketchup riechen. Seine Gesichtshaut ist rein. Männer mit reiner Gesichtshaut sind verdächtig. Mehrmals und ungefragt tut er kund, wie sehr ihm „Mercedes Benz“ von Janis Joplin in CD-Qualität gefalle.
„Einfach a-capella is dat! Dat is super!“
„My friends all drive Porsche“, singt sogar der Wirt mit, und mir schlafen die Füße ein.

Rückfahrt über Düsseldorf. Überall müde Donnerstagsmenschen beim Nickerchen. Mir gegenüber ein Schulmädchen. Sie schnübbelt Süssigkeiten aus ihrer Bonbontüte, die sie nach jeder Entnahme wieder verschliesst, sehr ordentlich und selbstvergessen untersucht sie auch den Mückenstich an ihrem Ellbogen, speichelreibend, ein einziges Mal verzieht sie ihren Mundwinkel, als sie einen sauren Drop erwischt.

In drei Tagen hat die Gräfin Geburtstag. Eigentlich wollte ich ihr ein blaues Nachthemd bauen, als Geschenk. Ich liebe es, wenn sie abends im Nachthemdchen durch die Wohnung huscht. Ich werde später noch bei ihr reinschneien. Das werde ich tun.
Um zehn Uhr abends komm ich in Solingen an. Vorm alten Hauptbahnhof warten die Taxis.
Ein Taxi.
„Zum Mumms“, sag ich.
„Mumms? Da ist doch tote Hose, donnerstags“, meint der Fahrer.
Der soll die Klappe halten und Taxifahren.

Endlich steh ich am Tresen. Das Mumms ist mein Wohnzimmer, und es sind Bekannte da. Weil mein Kugelschreiber leer ist, leih ich mir von Marina, der Zapferin mit dem netten Schürzchen, einen Stift mit roter Mine.
„Ich hätte auch gern einen Kuli mit roter Mine“, sag ich zu Karlos, der schon ziemlich hinüber ist.
„Ich kann dir meine rote Fresse leihen“, erwidert der.
Ich bin daheim.

Babylon & ein doppelter Rittberger

1. Februar 2008

Sommer 1986. Deutschland steht im Finale der Fußball-WM in Mexiko und in der Werkstatt des Schreinerkollektivs steigt die jährliche Party inklusive Sektfrühstück. Schon früh am Nachmittag knubbeln sich die Mädels in dünnen violetten Jäckchen und schwarzen Netzstrümpfen im Hof, die Jungs tragen Blue Jeans und T-Shirt. Man wartet auf Neuankömmlinge, die man cool begrüßt, wenn man sie kennt, oder die man ignoriert, wenn man sie nicht kennen will. Man muss ja nicht jeden kennen wollen.

Ich steh mit einem Bier im Schatten der Werkstatt und halte Ausschau nach Benzini. Der muss hier irgendwo unterwegs sein, auf Krücken, er hat immer noch sein Bein in Gips. In der Werkstatt beginnen Soon Come ihre Instrumente zu stimmen. Soon Come, eine Reggaeband, Lokalgrößen mit einem jungen Drummer, der den Beat staubtrocken klopft und dabei so wild und attraktiv sein langes Haar in Szene setzt, als trommle er in der Muppetshow.

„Hast du Benzini gesehen?“ frag ich den dicken Hansen.
„Benzini..? Mh, schon. Der ist eben mit der kleinen Blonden abgehauen..“
„Kleinen Blonden? Welcher kleinen Blonden?“
„Na, der Junkiebraut.. wie heißt die noch?“
Hansen fährt sich durchs Haar.
„Babsi?“ sag ich.
„Babsi. Genau. Die sind zusammen weg.“
„Wohin?“
„Woher soll ich das wissen. Hinten in den Wald, glaub ich. Bestimmt ficken.“
Ich zapf mir ein Kölsch und lauf über den sonnengefluteten Hof, schon leicht einen in der Krone. Es ist gerade mal Mittag. Wie zum Teufel soll ich das bis zum Endspiel durchhalten? Ich muß Benzini finden. Der hat Koks auf der Tasche. Koks hält fit. Fitter als Alk allemal. Und wenn er sich mit Babsi verdünnisiert hat, ziehen die beiden sich garantiert was weg. Von wegen ficken. Babsi mag keinen Sex. Sie kann überhaupt nicht verstehen, was die Typen immer für einen Wind darum machen. „Die wollen doch nur abrotzen und pennen sofort danach ein. Was soll der ganze Heckmeck also?“

Weit können sie nicht sein, mit Benzini auf Krücken. Er ist beim American Football hart gefoult worden. Erzählt er. In Wahrheit hat er sich nach dem Match der Steelers gegen die Düsseldorfer Panther beim Duschen auf die Fresse gelegt, als er Shampoo in den Augen hatte. So hat es mir jedenfalls Milton erzählt. Und der war dabei. Andererseits, Milton erzählt ne Menge Scheiße.

Hinter der Schreinerwerkstatt führt ein schmaler Pfad in den Wald. Ich schnapp mir noch ein Bier und mach mich auf die Suche. Ich balanciere einer lehmigen Traktorspur entlang, bis nach nicht mal dreißig Metern ein eingezäuntes Gelände kommt. Baustelle. Eltern haften.
Benzini höre ich schon von weitem.
„Keiner fickt Conni so gut wie ich!“
Ich zwänge mich durch ein Loch im Drahtzaun, wobei meine Jacke was abkriegt, richtig aufratscht an der Schulter. „Scheiße!“ Mein Lieblingslumpen.
Benzini und Babsi lümmeln auf verschlissenen Campingstühlen und rauchen einen Joint. Das ist schon mal besser als nichts.
„Die dumme Sau!“ krächzt Benzini, das Gipsbein auf den wackligen Tisch abgelegt, und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Wodkaflasche. Auf Resten von Teerpappe, die wie ein Steg den morastigen Boden überbrücken, stakse ich vorsichtig auf die beiden zu.
„Ach nee, guck an – der Glumm! Will er wieder einen kiffen!“
Benzini grinst übers ganze, kantige Zigeunergesicht.
„Na, hallo“, meint Babsi freundlich.
Der Joint ist schon mehr als zur Hälfte abgebrannt.
„Wenn du Connie meinst“, sag ich zu Benzini, „die hat sich eben mit dem glatzköpfigen Fotograf dadurch getan.“
Benzini spuckt den Fusel aus.
„Die dumme Sau!!“
„Schönen Schnäuzer haste dir wachsen lassen“, meint Babsi zu mir. Sie hantiert an ihrem Gürtel, löst ihn aus dem Hosenbund. „Steht dir gut.“
„Scheiß Weiber!“ flucht Benzini.
„Mach dir nix draus“, meint Babsi, „vielleicht fickt der Fotograf sie nicht so gut wie du. Dann hast du Glück gehabt. Dann holst du sie dir wieder. Ist doch kein Akt. Ein Fotograf, pff.. Was ist das schon. Ein Knipser.“
Der Wind trägt den Reggae-Sound aus der Werkstatt herüber. Soon Come werden frenetisch gefeiert bevor sie überhaupt loslegen.
„Gleich fliegt seine Mähne wieder“, sag ich.
„Wa? Wer fliegt?“ motzt Benzini. „Der Fotograf?“
„Quatsch. Der Drummer.“
Babsi legt sich ihren dünnen roten Ledergürtel um den Oberarm, zieht eine Schlaufe. Erst jetzt seh ich auf dem Tisch die Pumpe liegen, fertig präpariert. Daneben, von ihrer Handtasche halb verdeckt, ein angekohlter Löffel und ein Sturmfeuerzeug. Benzini glotzt mich an, aus ernüchterten glasigen Augen.
„Keiner fickt Conni so gut wie ich.“
„Schön für dich“, meint Babsi kühl. „Kannst du mir einen setzen?“
„Hau bloß ab. Will ich nix mit zu tun haben. Damit bin ich fertig.“
Mich fragt sie erst gar nicht.
„Kein Koks da?“ guck ich zu Benzini rüber.
„Nee. Alles weg.“
Scheiße.

Babsi sucht eine brauchbare Vene. Ihre Armbeuge ist voller blauer Flecke und verhornter Haut. Sieht nach Unfall aus. Ein Unfall nach dem anderen. Eine Unfallserie.
„Dann zieh wenigstens den Gürtel stramm..“
Benzini greift widerwillig nach der Schlaufe, zieht sie stramm. Babsi findet eine Vene.
„Gibts doch nicht..“, murmelt sie, „tatsächlich“, und setzt die Nadel an. „Stramm!“
Es klappt auf Anhieb. Gleichmäßig füllt sie ihren Blutkreislauf mit der braunen Pampe, dann legt sie die Spritze ab und öffnet den Gürtel. „Normalerweise muss ich den Arm erst mit heißen Lappen bearbeiten, damit sich überhaupt was brauchbares auftut..“ Sie drückt seufzend einen Finger auf die Einstichstelle, ihr Kinn sackt in Zeitlupe nieder.

Benzini packt mit beiden Händen nach seinem Gipsbein und hebt es vom Tisch.
„Die blöde Fotze!“
Er schnappt sich die Krücke und richtet sich an ihr auf. Steckt die halbvolle Wodkaflasche in die Jackentasche und humpelt überraschend behende davon, über die Baustelle.
„Wohin?“ ruf ich.
„Connie ficken!“
„Die ist weg“, sag ich, „Connie ist weg. Glaub mir.“
„Ach.. scheiß Weiber!“
Mit geschlossenen Augen genießt Babsi den Kick, ihr Kopf wippt hin und her, ein bräsiges Pendel. Ich lass mich neben sie nieder, auf dem Campingstühlchen, das Benzini freigegeben hat.
Obwohl der Rohbau schon zwei Stockwerke hoch gezogen ist, wirkt die Baustelle, als wäre dem Bauherren die Kohle ausgegangen. Überall zerbrochene Ziegelsteine, Säcke voller Glaswolle sind aufgerissen, ein Zementmischer liegt verbeult auf der Nase.
Auch wenn ich nur zwei, dreimal gezogen hab, ich bin so bekifft, ich kann nicht sitzen bleiben. Ich muß mich bewegen. Hinter dem Rohbau rutsche ich eine Böschung runter, in der Hocke, auf das Nachbargrundstück. Da sind zwei Jungs, die in einem Kirschbaum herumturnen und feixen.
„Ich bin Pathologe!“ sagt der eine.
„Werft mal ein paar Kirschen runter“, ruf ich.
„Was..?“
„Kirschen,“ sag ich. „Schickt mal ein paar runter.“
„Wie viele?“
„Weiß nicht.. sechs? Sechs Kirschen für zwei Leute.“
Der Junge trägt ein grün-weißes Fußballtrikot.
„Spielst du bei Britannia?“
Er nickt.
„D-Jugend?“
Er nickt.
„D1?“
„Klar, was soll ich denn in der D2?! Bist du Hellseher?“
Sie pflücken Kirschen, werfen sie in meine Richtung. Ich sammle sie auf und geh zurück zu Babsi. Die scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass ich weg war.
„Wenn ich Glück hab und treff ne Vene, die noch intakt ist, bin ich schneller als ein Franzose, der seinen Pastis runterstürzt, glaub mir das“, leiert sie, die Augen geschlossen.
„Ach ja?“ frag ich, doch sie hört mich nicht in ihrer Apotheke.
Als sie aufwacht, nur Sekunden später, verstreut sie sofort ihre Schminkutensilien über den Tisch. Hat allerhand zu tun, mit einem Mal. Zieht ihre Lidschatten nach, vor ihrem Handspiegel. Der hat einen langen Riss in der Mitte.
Ich frage Babsi, was die Schore eigentlich noch bringt, nach all den Jahren.
„Schore macht mich rundum zufrieden.“ Sie bemüht sich deutlich zu reden, doch die Worte hängen ihr von den Lippen wie nasse Wäsche von der Leine. „Da könnte Adonis in der Tür stehen.. wär mir egal. Ich lass alles stehen für gute Schore.“
Mühsam pudert sie die Wangen. Sie trifft nicht immer das Gesicht. Ab und zu kriegt die Luft was ab.
„..ich.. ich hab zu viel Gefühle.. die passen nicht alle in einen Menschen.. wenn ich clean bin, platze ich. Dann bin ich ein einziger großer Mensch, eine einzige große Frau.. eine einzige kleine Frau.. mit zu vielen Gefühlen, versteht du..?“
Babsi, eine drahtige, eigentlich hübsche Person, entwickelt ungeahnte Energien, wenn sie mal nicht breit ist. Eigentlich ist sie immer breit. Am Montag geht sie in Therapie. Die vierte.
„Alkohol ist beschissener, glaub mir das. Wenn ich voll bin, verliere ich so was von den Plan. Letzte Woche bin ich in Wermelskirchen in so ner Pinte versackt, weiß der Kuckuck, wie ich da gelandet bin. Jedenfalls labern mich drei Typen an. Ob ich Lust zu kiffen hätte. Klar, sag ich. Logo, klar doch. Wir also nach draußen zum Auto. Auf dem Parkplatz fällt der erste über mich her. Die beiden anderen stehen drumrum und glotzen. Haben sich wohl gedacht, die Alte ist so knülle, können wir eben mal alle drei drüberrutschen. Ja, Junge. Aber nicht mit mir.“ Sie gluckst. „Aber nicht mit Babsi. Ich hab nämlich meine Stöckelschuhe an und trete um mich wie eine Furie. Erwisch den Ersten im Gesicht. Voll auf die Nase, voll auf den Höcker. Blut spritzt dem Arsch aus der Nase, ne richtige Fontäne schießt da raus. Hättest du die beiden anderen Feiglinge mal sehen sollen, wie schnell die sich dadurch getan haben. Nicht mit mir. Die werden das so schnell nicht mehr versuchen, glaub mir das. Jedenfalls.. nicht bei mir.“
„Hey, du Hellseher! Was ist mit den Kirschen? Wollt ihr noch mehr?“
Die Jungs stehen am Rand der Baustelle, sind die Böschung raufgekraxelt. Ich frag mich, wie lange die beiden uns schon zuhören. Babsi dreht sich um.
„Wo kommen denn die Kurzen her, Alter..?“
„Vom Kirschenpflücken“, sag ich und halt Babsi eine Kirsche hin, doch sie will nicht.
„Bloß nicht. Von so was muss ich kotzen.“
Binnen einer Sekunde hat sie die Burschen vergessen und legt einen brombeerroten Lippenstift auf, der in einem langen Strich nach unten hin verrutscht. Wie ein Komma, das die Schreibmaschine in die falsche Zeile setzt.
„Ihr scheiß Fixer!“
Benzini ist zurück. Duckt sich durch das Loch im Bauzaun und humpelt auf den Tisch zu. Plötzlich bleibt er stehen. Bückt sich nach einem Wackerstein, und pfeffert ihn auf den umgestürzt im Matsch liegenden Zementmischer. Donngg!ggg! – ein dumpfer Gottesdienst.
„Los! Wir spielen Startbahn West! Oder Wackersdorf!“
Er hebt einen zweiten Stein auf und wirft ihn mit aller Gewalt auf den Bauzaun, dass es nur so pfeift. Die Jungs türmen den Abhang runter, und Babsi wird munter.
„Heeyy..?“
„ALLE MANN AUF DIE COPS!“ krächzt Benzini. „SOLINGEN IST BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER! HE-JAAA!!“
Er reicht mir den Wodka rüber. Ich nehm einen Schluck.
„Babylon und ein doppelter Rittberger? Wo hast du das denn her?“
„Pfft. Keine Ahnung. Aus meinem Traum. Ich bin wach geworden und hatte das im Kopf, SOLINGEN IST BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER. Warum? Stimmt das nicht, oder wie?“
Ich nehm eine Hand voll Lehm, backe alles zu einem Klumpen zusammen und laufe „BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER!“ skandierend auf den Zaun zu – klatsche den Schmand gegen das Betreten Verboten-Schild.
„RÄUMEN SIE UMGEHEND DAS GELÄNDE!“ imitiert Benzini einen Befehl durchs Polizei-Megaphon. „SONST GIBBET HAUE!!“
„Scheiße. Seid ihr fertig“, murmelt Babsi.