Wuppertal-Elberfeld, Literaturmarkt in der Volkshochschule 1985. Paar Bücherstände, paar Kaffeeschlürfer.
Ich bin eingeladen bis in die Nüstern. Hab Honk mit Lena. Mal wieder. Ist ja nichts neues. Eigentlich bin ich nur hier, um das Honorar einzusacken. Siebzig Mark. Das reicht für Samstagnacht in Babylon und einen doppelten Rittberger. Zuvor muss freilich eine Geschichte gelesen werden. Von mir selbst.
Dem Programm nach bin ich in dreißig Minuten an der Reihe, nach einer gewissen Magalena Müller.
„M. Müller in Dresden“ heißt ihre Story, so steht es im Programm.
Ich zieh mir am Weinstand die Becher rein. Neben mir ein Gel-Gesicht, das Kuchen ohne Ende in sich reinschaufelt, trockenen bröckeligen Sandkuchen, während mir die Seele rein und rausstolpert, so nervös bin ich. Ich bin immer nervös, wenn ich vor Publikum lese. Was heißt vor Publikum. Ich bin sogar nervös, wenn ich mir selber vorlese.
Ich bin allein gekommen. Kein Schwein hier, das mich kennt. Obwohl Wuppertal um die Ecke liegt. Ich hab überhaupt niemand was davon gesagt, dass ich heute hier lese. Es ist meine zweite Lesung.
„Zigarette aus!“ murrt die Aufseherin.
Die Tür zum Klassenzimmer öffnet sich, der Lese-Block vor mir ist zu Ende. Ich schieb mich mit anderen Besuchern in den Raum.
Als erste ist Magdalena Müller dran. Hinter den Tischen, in Hufeisenform aufgestellt, haben Fans ein kleines Transparent ausgerollt. MARIA!
Es sind lauter Frauen hier. Ich hab halbwegs einen im Kahn mittlerweile, genug jedenfalls, um nach vorn zur Tafel zu wackeln, da stehen noch mehr Frauen rum.
„Ich wollt nur mal fragen, ob ich vielleicht vor Karla lesen könnte, ich muss dringend weg.“
„Karla? Die heißt Maria!“
Wieso Maria?
„Scheisstypen!“ terzt eine andere Frau, sie ist blond und dürr. „Müsst euch ewig vordrängeln!“
Ich rutsche mit dem Hintern halb auf das Lehrerpult. Sehr lässig, halb besoffen.
„Wieso Scheißtyp..? Ich brauche nur zehn Minuten für meine Geschichte, und für eure.. Maria ist eine halbe Stunde angesetzt! Ausserdem kotzt mich das hier sowieso an.“
„Na und! Dann zieh doch Leine!“
„Ich brauch aber die Kohle.“
„Dann stell dich an und warte gefälligst, bist du an der Reihe bist!“
„Scheißtypen..!“
„Ich hab keine Zeit. Ich ..“
„Halt die Klappe!“
„Mieser kleiner Macho!“
Ich nehm einen Schluck Wein. Wieso kleiner Macho?
„Ich bin nicht klein“, sag ich.
Ich fühl mich wie im Supermarkt: ein Haufen Hühner mit überquellenden Einkaufswagen an der Kasse, ich dahinter mit zwei Zuckerplätzchen in der Hand. Wieso lassen die mich nicht vor?
„Bist du Karla?“ frag ich die blonde Dürre.
„Ma-ri-a!! Nee.. das ist Maria!“
Eine kraushaarige kleine Dichterin tritt aus dem Tross hervor. Unauffällig. Nett. Wieso sehen eigentlich alle Frauen, die Gedichte schreiben, unauffällig und nett aus?
„Karla, hör mal, kann ich vielleicht vor dir lesen? Ich brauche nicht mal zehn Minuten, und schon dampf ich ab. Versprochen!“
Stühle knarren. Sie guckt mir kaum in die Augen. Es zischelt in ihrem Rücken, „Laß den Scheißkerl nicht vor!“, doch sie will einfach ihren Frieden haben.
„Meinetwegen“, sagt sie leise. „Ich heiß aber Maria. Und ich schreib keine Gedichte, sondern Geschichten.“
Ich bleib auf dem Pult sitzen und leg los mit SCHARFER HUND, der Geschichte, in der Oelze gleich zu Beginn zum Telefon trudelt und „Müttergenesungswerk, Kuhvotze am Apparat!“ in die Muschel kräht.
Laute Pfiffe im Klassenraum, Buhrufe.
Und Krähenfüße überall.
„BOYKOTTIERT DAS SCHWEIN!“ kreischt die dürre Rädelsführerin, und der Damenchor poltert geschlossen hinaus.
Vor dem verbliebenen Häuflein, lauter Frauen, aber andere, rattere ich die Story runter bis zum Showdown, wo ich fünfzig Meter über der Stadt an einer Feuerleiter hänge – auf der Flucht vor einem Rottweiler. Keine Reaktion.
Nicht mal ein Hüsteln.
Ich zerknülle den Text und brause durch die Bankreihen.
„Eisiges dreckiges Wuppertal! Drecksgeschichte!“
Auf dem Flur spalieren die Schlangen und zischeln.
„Zigarette aus!“
Schlagworte: Allgemeines, Alltag, Glumm, Gräfin, Kultur, Lesen, Literatur, Stories
17. Februar 2008 um 11:01 |
Zu Uni-Zeiten hatte ein Kumpel von mir immer den Plan, seinen Hosenlatz zu öffnen, ins Zimmer des Frauen-Referats (lila Wände, viele Teekannen) zu marschieren und zu sagen: „Mir ist da ein Knopf abgegangen, ob eine Damen mir den wieder annähen könnte?“. Hat er leider nie getan, zu meinem ganz tiefen Kummer.
Und heute wurde ich entschädigt. DANKE!!!
18. Februar 2008 um 11:48 |
‘nette’ geschichte, krauselig und nett, nee wirklich .. hat mich grad richtig gefesselt .. und dann flog auch mir der letzte .. knopp noch vonner latzhose .. die aber nicht lila ist, schöner guido .. schreib man fein .. so weiter .. linse jetzt öfter mal rein .. skurril & amüsant .. ahoi PeT
18. Februar 2008 um 1:58 |
Täglich, wenn ich täglich lesen könnte, ließe mich die b_equemlichkeit nur so etwas tun, würde ich lesen, hier.
Ski
18. Februar 2008 um 9:37 |
Was für eine Scheiße, werter Herr Glumm,
und Sie mittendurch.
Respekt
Ihr Erdge Schoss
19. Februar 2008 um 9:54 |
Das summiert sich halt alles. Und dann. Sehn wir ja.
Weiter! Wir sehn immer weiter.
Nein, und wir denken nicht zu Ende, Glumm, wir nicht!
Sackzement.
Irgendwann kommt wieder Stroh, dann Holz, dann Homeland unter die Füsse. So lange aber muß der Mensch sich quälen.
Lichtgeblitzdingst:
Dein Schmitz
30. Juli 2008 um 9:44 |
Hallo,
mein Kommentar bezieht sich auf „nur ein paar dumme Stunden“:
Ich würde diesen Text gerne in meinem Blog unter Quellenangabe veröffentlichen.
Füe eine positive Rückantwort wäre ich dankbar.
A.