Winter 2001. Abends hock ich in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung.
“Was machst du?” ruft die Gräfin. Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, der Fernseher läuft.
“Lesen”, antworte ich matt.
Tatsächlich liegt die Zeitung vor mir, doch unterm Lokalteil stecken drei Pillen, die der dicke Methadonhändler mir letztens in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.
“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Ist aber nichts zum Antörnen. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir dreckig geht.”
“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte sie später, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”
“Klar hätt ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich’s heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Mist. Ist doch logisch, oder?”
“Na, super logisch. Du bist wie ein Mono-Plattenspieler, der immer dieselbe langweilige verkratzte Single runternudelt, weißt du das!?”
Noch liegen die Pillen vor mir. Noch hadere ich. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man Pech hat, wird den Zellen noch das letzte Quentchen Opium entzogen und dann sitzt du da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean von einem Moment auf den nächsten, dass du nur noch abwarten kannst bis die Attacke vorüber ist. Und wenn es die ganze Nacht dauert..
Dabei hab ist das gar kein richtiger Affe, den ich schiebe. Es ist eher das Grauen vor der Nacht, die vor mir liegt. Dass der Affe sich anschleichen könnte bevor der Morgen dämmert und ich zum Doc kann, das neue Rezept abholen für die Wochenration Methadon. Für meinen über alles geliebten Apothekenzustand. Der keinen Gott neben sich duldet.
Ich wiege die Pillen in der Hand. Kann mich nicht entscheiden. Die Küchentür ist einen Spalt geöffnet, ich seh das blaue Licht des Fernsehapparats durchs Zimmer flackern. Sie ahnt nichts von meinem Dilemma. Sie ahnt nicht, dass ich mal wieder auf dem Trockenen sitze. Mit dem Rücken an der Heizung, die mir die Haut fast verbrennt, so sehr bullert sie, doch das Erdgas erreicht mich nicht, es verpufft in den lackierten, harten Heizungsrippen.
Ich ackere den Beipackzettel ein drittes Mal durch. Kann mich kaum konzentrieren. Die Worte fliehen über den faltigen Zettel und werfen Pünktchen auf; schräge Striche.
(Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.)
Weiter unten entdecke ich was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats. Vier Stunden, nur vier Stunden?! Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hab ich vor 18 Stunden genommen! Was sollte also schief gehen, wenn ich jetzt Subutex einwerfe? Damit ich über die Nacht komme. Andererseits weiß ich von Patienten, dass sie vor der ersten Einnahme von Subutex mindestens 36 Stunden clean bleiben mussten. 36 vedammte Stunden, und nicht lumpige vier.
JA WAS DENN NUN!??
Ich nehm die erste Pille à 2 mg in die Hand. Jetzt bloß nicht lange fackeln. Jetzt sublingual, jetzt unter die Zunge legen.. jetzt.. löst sich die erste Tablette schon langsam auf und sickert bitter durch meinen Schlund. Ich blättere in der Zeitung und warte. Ich horche in mich rein. Ob da was kommt. Warm anflutet. Natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nur ein Klacks. Was bringt wem ein Klacks.
Es dauert keine fünf Minuten, schon liegen die beiden restlichen Pillen unter der Zunge. Wenn schon, denn schon. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es richtet sich. Es reitet sich selbst über den Oxer. Egal, in welchem Alter du mit Heroin anfängst, egal, wieviel du über Heroin gelesen haben magst und wieviele Leute du kennst, die schon abgeschmiert sind, du weißt nicht wirklich, was auf dich zukommt, wenn du mit Heroin beginnst. Es ist das letzte große Abenteuer, und es kommt mit der Garantie daher, dass es daneben geht. Das immerhin ist bekannt. Doch wie es wirklich ist, jeden Morgen süchtig aufzuwachen und sich erstmal was besorgen zu müssen, damit du nicht durchdrehst vor Sorge, wie zum Teufel soll man das wissen, wenn man nie in diesen Schuhen steckte.
Jetzt.. wird es wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein. Doch nicht. Aber schlechter geht’s mir auch nicht. Oder? Eine halbe Stunde ist vergangen seit der ersten Pille, als ich mich zu ihr lege. Der Fernseher läuft, doch ich bin woanders mit meinen Gedanken. Allein mit meiner Sucht. Einsam. Einsam, weil ich mal wieder das Maul nicht aufkriege. Wenn Heroin, das Original, schon kein Publikumsknaller ist, dann ist Methadon ein wirklich einsames Geschäft. Wer sitzt schon in trauter Runde zusammen und kippt ein Töpfchen Metha nach dem anderen. Sie wundert sich, warum ich so still bin. “Ist was?” fragt sie, doch ich winke nur ab. “Ich bin müde.” Ich dreh mich zur Wand und schlafe auf der Stelle ein.
Als ich wach werde, steckt mein Brustkorb in Stahlzwingen. Ich bin klatschnass geschwitzt. Oh Gott.. mein Gott..!! Ich flüchte aus dem Bett. Bloß raus..!
“Was ist denn los?” wundert sich Konni.
Ich bin voll auf Affen. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an mir herunter. Ich hab nicht mal eine halbe Stunde geschlafen.
“Ich fühl mich.. scheiße!”
“Wie, du fühlst dich scheiße!? Was hast du angestellt!?”
Es ist, als wälze ich mich durch ein großes, überwürztes Feuer, als brenne ich licherloh. Ich flüchte ins Bad, vor den Spiegel. Riesige schwarze Bratpfannen glotzen mich an! Wie lang schon hab ich nicht mehr solche Pupillen gehabt. Mein Herz rast, als habe es Räder. Ich lass mich auf den Wannenrand nieder.
“Was hast du gemacht?” fragt sie ängstlich.
“Ich hab.. Scheisse gebaut. Ich hab Subutex genommen..”
“Du hast..? BIST DU BESCHEUERT!?? SUBUTEX! Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”
“Ich weiss..”
“Wie, du weisst!? Warum hast du es dann gemacht??”
“Ich dachte, also.. ich weiss nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte kaum noch Metha für heute.. Scheisse. Was mach ich denn.. jetzt..?!”
So jedenfalls halt ich die Nacht nicht aus, ich schreie, aber kein Ton kommt heraus. Ich renne durch die Wohnung, panisch, in Auflösung.
“Ich halt das nicht aus..!”
“Du hältst das aus”, versucht sie mich zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..”
Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen. Die ganze Nacht. Die ganzen Stunden. Bis zum Morgen. Bis acht Uhr. Bis der Doc aufmacht.
“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer heraus. Es ist kurz vor Mitternacht. Natürlich springt der Anrufbeantworter an.
“Was hast du denn gedacht?“ sag ich. „Dass der Doc nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”
“Na, dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”
Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt. Hält mir den Hörer hin.
“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”
“Du kannst. Natürlich kannst du. Frag, was du machen sollst.”
Ich nehm den Hörer in die Hand. Dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.
“Ja..?”
“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört?”
“Hmm.. wer isn da?” nuschelt er, als habe er ein Kissen im Mund.
“Ich bin’s“, räuspere ich mich. „Ich hab scheiße gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”
“Experimentiert? Mit Subutex? Ja, das ist schlecht.”
Doktor Hilten ist ein stattlicher dicker Mann. Ein Fress-Buddha, der sich mit einer Trutzburg aus Fett schützt vor seinen süchtigen Patienten, die ihn mit ihrer Sucht zu sehr an die eigene Sucht erinnern. Er kann sie nicht leiden. Er hasst Junkies. Er hasst sich selbst.
“Da hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bißchen. Kann aber nichts passieren.”
“Ich fühl mich aber scheisse.. extrem. Ich mein.. sollte ich nicht Methadon nehmen, damit..”
“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”
Ich sag nichts mehr. Hat eh keinen Sinn. Sie beobachtet mich.
“Du schaffst das schon”, meint Hilten leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du es schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”
Ich leg auf. Tigere durch die Wohnung. Nur ein paar dumme Stunden. Arschloch! Die ganze verfluchte Nacht.. Und ich hab das Gefühl, dass es schlimmer wird. Das Gewebe zieht und zerrt und rüttelt an mir, wie der Wind an einem Gerüst.
Wieso zum Teufel hab ich auch alle drei Pillen auf einmal genommen?! Ich Idiot! Ich Trottel! Und jetzt hier rumheulen!
“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Bleib ruhig. Ich lass dir ne Wanne ein. Entspann dich”, meint die Gräfin. Ich höre sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem ich mich befinde. In meinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Was sich noch machen lässt. Wo ich noch was auftun kann. Schore, Metha, irgendwas. Ohne Kohle. WIESO STAND AUCH AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL WAS VON VIER STUNDEN!!?
Ich grapsche meine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar keine Kohle drin, aber Telefonnummern, von allen möglichen Leuten.
“Wohin willst du..?”
“Ich.. weiss nicht. Raus hier. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”
“Angelo? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT? Wenn du jetzt auf Subutex noch Metha nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das JETZT ein Zuckerschlecken gegen das, was dich DANACH erwartet! Lass das bloß sein!!” Ich hab sie lang nicht mehr so zornig erlebt.
Es ist Mitternacht durch. Alles wird immer enger, je länger ich warte und nichts unternehme. Es ist zwölf Uhr durch. Angelo kann ich von hier aus nicht anrufen, dann packt sie noch heut Nacht ihre Klamotten. Ich muss in die Telefonzelle, in eine, die noch Münzen nimmt. Auf der Klingenstrasse gibt es eine. Ich sag, dass ich ins Städtische gehe, in die Notaufnahme.
“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”
“Was soll passieren?”
“Dass ich umkippe. Keine Ahnung.”
“Ich kann dich doch fahren.”
“Nein..! Ich muss.. gehen. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann?”
“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, bist du auch gleich da.. in ner dreiviertel Stunde.”
“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich werd langsam gehen. Ich brauch ne Stunde bis dahin. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”
Ich sitzt auf dem Badewannenrand und schnüre schwerfällig die Stiefel. Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?
“Bau keinen Scheiss”, fleht sie.
“Ich hab keine Kohle für Scheisse bauen.”
“Ach nee, seit wann brauchst du Kohle, um Scheisse zu bauen?”
Ich kann nicht einen einzigen Cent vom Konto abheben. Es ist alles sinnlos. Und es wird immer später. Gleich ein Uhr.
“Mach dir keine Sorgen”, sag ich zu ihr an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte bibbernd. “Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”
“Soll ich dich nicht doch fahren?”
“Nein…! Nein.”
Fünf Grad unter Null. Vollmond. Wenn ich durch den Park gehe, in Richtung Telefonzelle, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will. Also mühe ich mich die steile Strasse hoch. Dreh mich um. Unsere gemeinsame Wohnung, hell erleuchtet. Ich seh sie nicht am Fenster. Sie will nicht wissen, wohin ich gehe. Ob ich sie betrüge. Ich dreh ab in den Park. Das zornige Schnattern der Enten. Meine Beine, schwach. Sie tun es nicht richtig. Als wäre ich auf weichgekochten Sohlen unterwegs.
Richtung Telefonzelle ist Richtung Angelo ist Richtung Müngstener Eisenbahn-Brücke, die höchste Deutschlands, 110 Meter hoch. Wo man den ganzen Scheiß unter sich lassen kann. Die Verwüstungen. Die inneren Debakel. Weg damit. Runter damit. Als ich die Telefonzelle erreiche, ein in der Dunkelheit erstrahlendes gelbes Juwel, hab ich kaum noch Kraft in den Beinen. Ich lege die Brieftasche auf den Fernsprecher. Da ist ein einziges 50 Cent-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Cent. Ich hab einen einzigen Schuss. Und dann finde ich die Telefonnummern nicht. Es sind dutzende von Zetteln in der scheiß Brieftasche, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern verzeichnet sind. Ich hab ihn zu Hause liegen lassen. Ich bin zu platt, um Scheisse zu brüllen.
Wie betäubt versuch ich mich an Angelos Handynummer zu erinnern. Ich werfe das 50 Cent-Stück ein. Probiere ein paar Nummern, aber ich hab dauernd einen Zahlendreher drin. Ich krieg es einfach nicht hin. Drücke die Gabel runter, bevor es zum Anschluss kommt, damit nichts flöten geht von den 50 Cent. Und dann versuch ich es doch, mit der Nummer, die ich für richtig halte. Es hebt jemand ab. Halb zwei in der Nacht. Eine fremde, eine weibliche Stimme.
“Schuldigung”, flüstere ich und leg sofort auf. 20 Cent sind weg. Runtertelefoniert. Verflucht. Ich krieg diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen. Aber schuldigung sagen zu irgender Tussi, das geht, du Pisser.
Plötzlich fällt mir Ringo ein.. Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Ich hab ihn lang nicht mehr gesehen. Bestimmt ein halbes Jahr. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, in den späten 60ern. Eine Menge Leute sind damals gemeinsam aufgewachsen. Wir waren viele Jahre in der gleichen Schulklasse. Und auch wenn ich mich an die Handy-Nummer nicht erinnere, Ringos Festnetznummer steht wie eine 1 auf meinem inneren Display.
Vor ein paar Tagen hab ich noch seine Ex getroffen, die kleine Simone. Sie meinte, dass Ringo aus Angst vor der Schmiere kaum noch ans Telefon ginge. Ich wähle die Nummer. Nach dem zweiten Läuten hebt er ab.
“Jaa..?”
“Ich bin’s”, schnapp ich auf, als hätte ich mich verschluckt. “Wie siehts aus.. kannst du mir.. weiterhelfen?” Er braucht einen Moment, um meine Stimme zu erkennen. „Alter, bei mir siehts auch nicht gut aus.” Ringo atmet schwer, wie von weit her.
“Moment.. da ist.. du bist das doch?”
“Ja, sicher”, beeil ich mich. Noch 10 Cent. “Mir gehts dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht kommen soll. Ich brauch.. nicht viel.”
Ringo schwenkt um.
“Okay. Komm vorbei. Aber mach schnell.”
“Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich.”
“Mach hin. Ich hab ne Schlaftablette drin.”
Klick. Weg ist er.
Ich pack die Brieftasche ein und schleiche los. Es ist so eiskalt, ich friere und schwitze erst abwechselnd, dann gleichzeitig, und schließlich kann ich es nicht mehr auseinander halten, ob ich nun schwitze oder friere oder beides zusammen oder was los ist. Als ich die Abkürzung über den alten Güterbahnhof nehme, kriege ich kaum noch einen Fuß vor den anderen. Schneefall setzt ein. Ich halte mich an einem Bauzaun fest. Ein Wagen fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt rüber. Ein Taxifahrer. Hoffentlich sieht er mich, falls ich umkippe. Und hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, so bräsig, wie seine Stimme geklungen hat.
REVOLT lese ich an den alten Güterhallen. Da wollte wohl jemand REVOLTE sprayen, doch noch vor dem zweiten E kam die Bahnpolizei. Seither steht ein unfertiges, von der Witterung bearbeitete REVOLT an der Wand, dieser Zug endet hier.
Ringo öffnet in Unterhose und grünem OP-Hemd. Auf langen dünnen Beinen.
“Schließ ab”, sagt er knapp und geht schon mal vor. Seine Nase läuft. Er grinst. “Mitten in der Nacht.. Mann, dir muss es ja übel gehn..” Seine Bude ist überhitzt, seit Tagen nicht gelüftet. Aber aufgeräumt. Ringo ist penibel. Und ich könnte kotzen vor Knochenschwäche. Ringo dagegen ist nicht mal wacklig, trotz all dem Schnaps und der Schore und dem Koks und den Pillen, die er intus hat. Ich erzähle, was los ist.
“Alter! Subutex auf Reste von Metha! Wie bist du denn drauf!? Ich hab mal auf Subutex so die Panik gekriegt, ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!” Ringo ist laut. Wunderbar laut. “Ich war nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher Rotwein gesoffen hatte, war das ganze Klo ne fette rote Pfütze, wie von nem ausgebluteten Ochsen, Mann..Subutex auf Metha.. Scheisse! Wie bist du denn drauf, Alter?”
Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht. Er zieht ein Säckchen Heroin aus der Schublade.
“Ich hab aber keine Kohle”, sag ich.
“Kein Thema, Alter.. .” Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line über die Glasplatte. “Hier.. zieh das erst mal weg.”
Er verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft. Video.
“Außer Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo. Geil.”
Seine Augen fallen zu. Ich sitz unentschlossen vor derm Pulver. Weiß nicht, ob ich es wagen soll. Wenn es stimmt, was alle sagen, dann könnte danach alles nur noch schlimmer werden. Aber die Leute reden viel Müll.
“Schiss, Alter?” bellt Ringo. “Nimm doch erst mal die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”
Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Die Strasse ist gut zwanzig Zentimeter lang. Ein Gramm. Dafür könnte er locker einen Fuffie verlangen, auf der Platte.
Ich steh auf, ohne gesnieft zu haben, und lauf durch die heiße Bude. Hol nacheinander die Hieronymus Bosch-Figuren aus dem Regal, die Ringo aus Holland mitgebracht hat, wo sie an jeder Tankstellen verkauft werden. Verrückte kleine Figuren aus der verrückten Welt von Hieronymus Bosch, der wohl vom Mutterkorn genascht hat, ohne es jemals genommen zu haben.
Ich irre umher, setz mich an den Schreibtisch, steh wieder auf. Bin unschlüssig und schlapp, ich bin hibbelig..
„Alter, du machst mich wahnsinnig!“ ruft Ringo. Er bietet mir einen Schluck Beeren-Schnaps aus der großen Pulle an.
“Hier, Artilleriefeuer, Alter, ich dachte, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer, so ein Oma-Schnäpschen zum Kaffee. Aber Teufel auch, das Zeugs tut es. Das kommt sogar ziemlich dem nahe, warum ich irgendwann mal das Jägermeistersaufen angefangen hab. Was jetzt – nen Schluck?”
“Nee, keinen Schnaps. Bloß nicht.”
“Also, langsam werd ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – willst du nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an – kein Bock. Mann, warum holst du mich überhaupt mitten in der Nacht aus dem Bett? Um dauernd nee zu sagen?” Ich zieh die Strasse in einem einzigen gewaltigen Haps weg.
“So kenn ich dich”, wiehert Ringo. “Mit dem dicken Rüssel, Alter..!”
Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und plaudert und singt und kuckt Video, während ich gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa hocke und ununterbrochen Rad fahre, so sehr zucken die Beine. Ich strample und strample, und nur ganz allmählich wird mir wärmer und das Opiat wirkt. Ich leg mich lang und versuch zu schlafen. Ringo kommt rüber und deckt mich mit einer Baumwolldecke zu. Ich bin fast gerührt, wie sehr er sich um mich bemüht. Er legt sogar leise Jonathan Richman auf, weil er weiß, wie sehr ich ihn mag.
Später sitzen wir nebeneinander im Bett und verfolgen Außer Atem. Eine Szene, wo Belmondo 1959 ebenfalls im Bett sitzt, in Unterhose und Hut.
“Der zieht sich morgens immer den Hut auf, bevor er im Bett telefoniert”, johlt Ringo.
“Das Schlimmste ist Feigheit”, sagt Belmondo zu seiner amerikanischen Geliebten und nuckelt an einer Mais- Cigarette. Dann wechselt er den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
“Cool!” ruft Ringo. “Alter!”
* Für Ringo (1961 – 2007)
24. Februar 2008 um 6:08
Gut geschrieben, Meister. Jetzt, wo ich wieder atmen kann bleibt nur noch zu sagen: gut dass ich den „Affen“ nicht kenne. Gut, dass der Kelch an mir vorüber ging. Hatte nur dran genippt, das hat mir gereicht.
26. Februar 2008 um 6:19
Wahnsinnig gut geschrieben.
26. Februar 2008 um 10:20
Teufel, du.
Teuflisch gut.
2. März 2008 um 6:53
Bin schwer beeindruckt.
22. Oktober 2009 um 11:56
[...] für Ringo: Nur ein paar dumme Stunden Geschichte auf 500beine: Eine Nacht im [...]