1
Unser erster Hund hieß Niete.
Niete war ein vanillefarbener Collie-Schäferhund-Mischling mit einem freundlichen Wesen, der wie ein offener Mantel auf die Menschen zuwehte. Bis auf Betrunkene und Schwarze, komischerweise. Auf die nicht.
Die wurden verbellt.
Wenn wir ins Mumms gingen, lief Niete die letzten hundert Meter voraus. Sie konnte es kaum abwarten. Kam sie in der Kneipe an, hörten wir es Jaulen und Kläffen wie in einem Western, aber es war nicht der Hund, der jaulte, sondern es waren die Mummsbesucher, die unsere kleine Niete begrüßten.
Vor allem Benno, der Stammgast aller Stammgäste, hatte sie in sein Herz geschlossen. Er spendierte Pferde-Frikadellen und Plätzchen bis Niete von ganz alleine abwinkte und sich für den Rest des Abends vor den Eingang legte, wo man über sie hinwegsteigen musste.
Die Dame verdaute.
2
Sie war sieben Jahre alt, an diesem Novembermontag 1993.
Wie immer, wenn ich sieben Nächte hintereinander als Nachtportier im Hotel abgesessen hatte, ging ich an meinem ersten freien Tag einen saufen.
“Treib’s nicht so doll”, sagte die Gräfin, die gerade im Keller eine Waschmaschine angeworfen hatte, “und sei leise, wenn du heut Nacht nach Hause kommst.”
Und: “Die Niete ist so komisch”, hatte sie gesagt, da stand ich schon in der Jacke im Flur. “Die schleicht so bedröppelt hinter mir her.”
Weil das so ganz ungewöhnlich nicht war, machte ich mich auf ins Mumms.
Nachts um halb drei kehrte ich heim, bekifft und blau, wie immer, und wie immer hab ich Niete noch mal kurz in den Garten gelassen zum Pipimachen, während ich in der Küche saß und mir dicke perverse Brote mit Gewürzketchup schmierte.
Als ich die Haustüre aufmachte, saß Niete merkwürdigerweise nicht schwanzwedelnd auf den Stufen, im Gegenteil, ich musste sie mehrmals rufen, bis sie endlich angeschlichen kam, mit eingezogenem Schwanz.
Dann kroch ich zur Gräfin ins Bett und pennte auf der Stelle ein.
3
Dienstagmorgen.
Uns fällt auf, dass Niete sich komisch bewegt. Ihr klappen dauernd die Hinterbeine weg.
Wir wissen nicht, was los ist.
Um elf ruft die Gräfin beim Tierarzt an. Die Spechstundenhilfe vertröstet uns auf 15 Uhr, wenn die Praxis wieder öffnet.
Mittags schellt es. Karlos.
“Die Niete ist krank”, sag ich, doch das etwas faul ist, merkt er auch so.
Anstatt laut kläffend zur Tür zu stürmen (”Mensch, Niete, halt die Klappe!”), liegt der Hund wie gelähmt unterm Küchentisch.
Nur zwei, drei bemühte Wuff-Laute gibt er von sich, dabei würde er sich ja gerne freuen.
“Dieter, was ist los mit dir?” sorgt sich Karlos und streichelt ihren Bauch, wobei ihm ihr Blick auffällt.
“Mit den Augen stimmt was nicht.”
Wir sitzen bis kurz vor drei in der Küche und die Gräfin wird zunehmend unruhig, macht sich Sorgen, zu lange zu warten mit dem Tierarzt.
“Es gibt auch noch andere Tierärzte. Die nicht mittags zumachen.”
Erste dunkle Vermutungen machen die Runde: einen Tag zuvor ist der Bruder vom dicken Hansen ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Diagnose: Hepatitis.
Wir reden nicht weiter darüber.
Um drei Uhr fahren wir zum Arzt. Ich hab Niete auf dem Arm. Sie kann sich mittlerweile nicht mehr bewegen.
Ich leg sie im Wartezimmer ab.
Während die Gräfin auf die Tierärztin wartet, rauch ich mit Karlos eine Kippe im Hinterhof.
Es ist kalt.
“Wo kann man denn gleich was klarmachen?” fragt Karlos.
Ich weiss, wo.
Niete liegt schon hell ausgeleuchtet im Behandlungszimmer auf dem Untersuchungstisch.
“Guck mal, die Niete ist ganz gelb”, sagt die Gräfin.
Sie zeigt mir Niete’s Bauch. Sogar die Zitzen sind gelb.
Wir fragen uns, wo die Ärztin bleibt. Wir hören ihre Stimme. Wahrscheinlich kriegt im Nebenzimmer irgendeine Scheisskatze ihre Impfung verpasst.
Als die Ärztin endlich eintritt, eine sportive Erscheinung in perfekt sitzender weisser Arzthose, ist “Gelbsucht” ihr erstes Wort, und ob wir einen Kaffee möchten.
Die Gräfin, die auf einem Hocker direkt am OP-Tisch sitzt und Niete krault, nimmt einen Becher, ich nicht.
Die Ärztin untersucht Zahnfleisch, Augen, erkundigt sich nach der letzten Impfung, Farbe des Stuhlgangs und so weiter.
Sie schiebt Niete ein Thermometer in den Hintern.
41 Fieber.
“Das an sich ist schon lebensbedrohlich. Ich würde Ihnen ja empfehlen, den Hund in die Klinik nach Duisburg zu bringen. Da ist er die ganze Nacht unter Beobachtung.”
Die Gräfin und ich gucken uns an. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Tierklinik ist teuer und besteht auf Barzahlung. Wir sind so gut wie blank.
Die Ärztin nimmt uns die Entscheidung aus der Hand.
“Wir können es auch hier versuchen.”
Während Niete an den Tropf angeschlossen wird, erklärt sie uns, dass man hohes Fieber bei Hunden lediglich am auffälligen Verhalten erkenne. Wegknicken der Läufe, Lähmungserscheinungen.
“Eine heisse Stirn haben Hunde nicht.”
Weil Niete noch eine halbe Stunde am Tropf hängen muss, bevor wir sie mitnehmen können, fahr ich mit Karlos in die Stadt, auf ein Bier und ein Pack schecken.
Ich fühl mich wie ein Arschloch. Der Hund kämpft mit dem Tod und mir fällt nichts besseres ein, als mich breit zu machen. In Karlos Wagen ziehen wir eine Nase, bevor er mich zurückfährt in die Praxis.
Ich kann von aussen in das Behandlungszimmer gucken, und es zerreisst mir das Herz, dieses Bild, wie die Gräfin am Tisch sitzt, den kranken Hund streichelnd und wie traurig und verloren sie zum Fenster hinausschaut, wobei ihr Blick in der Gardine hängen bleibt, ohne dass sie mich draussen wahrnimmt.
Als ich den Behandlungsraum betrete, schaut sie auf, als sähe sie mich zum ersten Mal in ihrem Leben.
Wir kaufen in der Apotheke ein Thermometer und bringen Niete nach Hause.
Abends gibt es Hähnchen. Das ist natürlich gemein, schliesslich ist Geflügel Niete’s Lieblingsspeise, aber sie hat keinen Hunger, trinkt auch kaum Wasser, obwohl sie Durst hat vom Fieber, aber sie kotzt alles gleich wieder aus, wie Galle.
Während wir ohne Sinn für den Geschmack zu Abend essen, versucht Niete aus dem Zimmer der Gräfin, wo sie auf ihrer Schmusedecke liegt, zu uns zu kommen, es gelingt ihr aber nicht. Sie schleppt sich ein Stück vorwärts und bricht zusammen.
Man kann es nicht mitansehen, aber sie will unbedingt bei uns sein, bei uns unterm Küchentisch.
Die Gräfin setzt sich daraufhin zu ihr auf den Boden und isst dort den Hähnchen-Teller.
Spät am Abend tragen wir Niete nach draussen, gleich ins Gebüsch gegenüber vom Eingang, nicht in den Garten. Vielleicht muss sie ja mal.
Weil sie nicht von alleine stehen kann, halten wir sie fest, doch sie versucht einen Schritt zu machen, es ist dunkel, es macht platsch!, dann fällt sie um, mitten in ihre Scheisse rein, wie ich vermute. Wir tragen sie in die Küche zurück und sehen die Bescherung: der Hintern ist urin-und blutverschmiert.
Die Gräfin ruft die Nummer der Tiernotärztin an. Die wiegelt ab, meint, Blut im Urin sei nicht ungewöhnlich bei diesem Krankheitsbild.
Ich bekomme den Eindruck, dass man Niete schon aufgegeben hat, es uns aber nicht direkt sagen will.
Ich bin groggy genug, um etwas zu schlafen, doch immer wenn ich in der Nacht wach werde, höre ich das Piepsen des Digital-Thermometers und die Gräfin wechselt die kalten Umschläge, mit denen sie das Fieber tatsächlich zeitweilig unter 40 Grad drücken kann.
Sie schläft so gut wie gar nicht.
Sie ist gereizt, sagt dauernd “Niete, jetzt bleib doch mal ruhig”, weil Niete sich immer wieder aufzurichten versucht, was aber nur noch mit dem Kopf klappt.
Es sieht so sinnlos aus.
4
Morgens um sieben klopft ihr Herz so doll, dass ich glaube, es springt gleich heraus.
Um viertel vor Acht fahren wir langsam in die Praxis.
“Um ehrlich zu sein, ich hab heute nicht mehr mit Ihnen gerechnet”, sagt die Tierärztin.
Einmal, als die Gräfin aus dem Zimmer ist, streichle ich Niete’s Fell und flüstere “Tja, kleine Niete, das war’s dann wohl”, so tobt ihr kleines Hundeherz.
Diesmal bekommt sie einen Herzkatheter, mit Vitamin K gegen Rattengift. Wieso das nicht schon gestern geschehen ist, frage ich nicht.
Später erscheint auch der Doktor. Ein leger gekleideter Mann und Bartträger, der Tiere nicht so gerne anfassen mag.
Er ist ratlos.
Blut im Urin, Stuhlgang gestern normal, das Fieber ein wenig gesunken.
Er sitzt nachdenklich da, die Finger im Bart.
“Haben Sie geröntgt?” fragt er die Ärztin. Die verneint.
Wir stehen die meiste Zeit still dabei, wir haken nicht nach, wir sind gelähmt.
Wir haben Angst.
Wo wir mit dem Hund gewesen seien, will er wissen, am Sonntag, dem Tag, bevor die ersten Symptome aufgetreten sind. Wir waren nur im Park, und am Abend haben wir den Hund kurz in den Garten gelassen.
Mehr nicht.
Er vermutet eine Vergiftung.
Der Venenkatheter wird abgestöpselt und Niete kommt wieder an den Tropf.
Diesmal nehmen wir ihn mit.
Die Ärztin, die zunehmend flüchtiger wird, erklärt uns noch, wie wir den Tropf anlegen müssen, wenn wir daheim sind.
“Wie lange dauert es, falls Niete doch wieder auf die Beine kommt”, frage ich sie, beinahe trotzig.
“Zwei, drei Wochen”, sagt sie, guckt aber schnell weg.
Beim Bezahlen vorne am Tresen erzählt eine Frau der Gräfin, dass ihr Mops sechs Wochen lang Gelbsucht gehabt hätte, und nun sei er wieder kerngesund. Da schöpfen wir ein bisschen Hoffnung, obwohl ihr kleiner Zuckerhund alles andere als kerngesund aussieht.
Zuhause legen wir Niete eine Wolldecke in die Küche.
“Dann müssen wir dich die nächste Zeit aber schön verhätscheln”, sag ich noch, da muss sie kotzen.
Es ist wieder Galle.
“Schnell!” sagt die Gräfin.
Ich soll ein Handtuch drunterschieben.
Niete versucht zum x-ten Male, ihr Köpfchen zu heben, es sieht so furchtbar schief aus, und sie seufzt so schwer, wie ich sie noch nie seufzen gehört hab. Ihre Zunge schiebt sich ganz klein aus der Schnauze heraus, und die Gräfin, in Tränen aufgelöst, wiegt sie im Arm.
“Nietee! Nein! Nicht..!”
Es klingt, als ersticke der Hund, ich laufe hilflos im Rücken der Gräfin herum.
“Andi, mach den Tropf dran!” ruft sie verzweifelt und ich hantiere ungeschickt an dem Beutel herum, da setzt das Herz aus.
Niete atmet noch, jedenfalls kommt Luft, es ist fast ein Auspusten, und in ihrer Panik versucht die Gräfin, den Hund noch durch die Nase zu beatmen.
“Halt durch, Niete..”
Die Gräfin klagt laut, ich bin still.
Niete liegt drei Stunden lang tot in der Küche, auf der Decke.
5
Mittags geh ich zu den Gärtnern und leihe mir zwei Spaten und eine Schubkarre.
Das Grab muss mindestens einen halben Meter tief sein, hat der Tierarzt noch gesagt, als ich ihn angerufen hab, weil wir zunächst nicht wussten, wo und wie wir Niete beerdigen sollen.
Es ist ein grauer, nieseliger Novembertag. Die Gräfin schiebt die Karre, auf der Nietes Körper liegt, in die Decke gehüllt. Ihre Schnauze guckt ein Stück heraus.
Ich trage die Spaten und geh voraus.
Hinter der Fußballwiese ist ein Stück brach liegendes Land, wo im Sommer meterhoch die Brennessel stehen. Da können wir sie immerzu besuchen, da hat sie ihre Ruhe. Und gleich nebenan dümpelt der Bach.
Während die Gräfin praktisch ununterbrochen schluchzt und weint, als wir das Grab ausheben, setzen meine Tränen erst mit dem Begräbnis ein.
Der Tod hat immer zwei Orte: wo er zulangt, und wo er bleibt.
Der Ort des Todes hinterlässt ein Loch. Das Loch in der Küche.
Wir sitzen Stunde um Stunde am Küchentisch und wissen nicht, wie uns geschieht.
6
Wir bleiben die ganze Woche beieinander, wir flüchten aus der Wohnung, wir machen einen Tagesausflug nach Kaiserswerth, wir gehen ins Kino, und wir machen einen langen Spaziergang an einem stürmischen Novembersonntag, wie zum Hohn, fast vier Stunden lang, haben wir doch mit Niete zum Schluss kaum noch ausgedehnte Touren unternommen.
Wir waren faul geworden.
Nun waren wir auf der Flucht vor dem Loch in unserer Küche, wir schauten jeden Tag nach dem Grab.
Die Todesursache blieb im Dunkeln.
“Ihr Hund hat uns ja keine Zeit gelassen”, hatte der Tierarzt am Telefon noch bedauert und uns von der Möglichkeit berichtet, Niete nach Krefeld zu bringen, ins staatliche Veterinärinstitut, zur Feststellung der genauen Todesursache. Aber wir hätten den Hund danach nicht zurückgekriegt. Und wer weiss, was man mit ihr alles angestellt hätte.
Die Gräfin macht sich Vorwürfe, zu spät zum Arzt gegangen zu sein, überhaupt zu sorglos gewesen zu sein, in der letzten Zeit.
“Nicht mal ein Thermometer hatten wir im Haus.”
Sie glaubt, dass die Niete hätte gerettet werden können, wäre das Fieber früher festgestellt worden.
Ich mag dieses “hätte” nicht.
Ich kann mit “hätte” nichts anfangen.
Ich versuchte dagegen zu halten, dass Niete ein prima Hundeleben hatte. Leine um den Hals war ihr weitgehend unbekannt, sie durfte nach Herzenslust herumstöbern, Kaninchen jagen, Jungbullen aufschrecken.
Ausserdem hatte sie sieben Jahre lang einen extralässigen Schutzengel gehabt. Sie hätte ein gutes dutzend Mal vorher tot sein können.
Da gab es diese Szene auf den Bahnschienen im Wald, auf denen Niete wie angewurzelt stehen geblieben war, hechelnd, nach einer erfolglosen Karnickeljagd.
Ich hatte geschrieen wie ein durchdrehender Oberst, sie solle von den Schienen wegkommen, und erst in allerletzter Sekunde bequemte sie sich, die Bohlen zu verlassen, keine fünf Sekunden, bevor die hupende Lokomotive die Stelle erreichte.
Danach war ich so erleichtert gewesen, es war das einzige Mal, dass sie von mir Prügel bezog.
Die emaillierte Wasserschüssel steht noch sieben Tage später nach Nietes Tod an ihrem angestammten Platz in der Ecke, während ihr Napf mittlerweile gespült ist.
Weil die Gräfin dem Tod so nahe wie möglich sein möchte, damit wir nicht so schnell vergessen und wieder in unseren Trott verfallen, isst sie einmal sogar aus dem Napf. Und das weiße Hemd, das sie beim Sterben trug und am Ärmel getrocknete Blutflecken aufweist, wechselt sie erst am Ende der Woche.
Ist das schon Kult?
Beweinen wir uns selbst?
7
Einmal war ich auf dem Pott, da hörte ich Nietes Bellen, draussen vor der Tür. So schnell hab ich mir nie wieder den Hintern abgeputzt.
Erst draussen hörte ich, dass es ein ganz anderer Hund war, ein ganz anderes Bellen.
Sieben Jahre waren wir zu diesem Zeitpunkt zusammen, und die ganzen sieben Jahre war Niete dabei gewesen. Wir hatten “Die kleine Niete aus unserer Strasse” gesungen.
Wir waren ein Trio.
Wie heute.
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