“Moment mal..! Dann musst du als Schreiber sterben für ein Jahr..!?”
Sie kuckt mich scharf an.
Ein Blick wie ein wuchtiger, weiter Abstoß.
Hoffentlich krieg ich die Pille! Da kommt sie schon angeflogen.. Ich stoppe sie mit der Brust, lasse sie lässig abtropfen. Doch als ich das Leder weitergeben will, semmle ich voll drüber.
“Verflucht!”
Sterben als Schreiber für ein Jahr: Achtunddreissigstunden-Woche im Design-Institut, Einjahres-Vertrag. Wann zum Henker soll man da noch zum Schreiben kommen?
(Hilft wahrscheinlich nur die alte Methode, die auch früher schon nicht gegriffen hat: Einfach über Nacht ein paar weiße Blätter auslegen und in Gottvertrauen abwarten, ob die ganze Sache sich vielleicht von selbst schreibt, während man dem nächsten Arbeitstag entgegenschläft, traumlos.)
Mein Job wird sein, im frisch renovierten Kellergeschoß des Instituts eine Bibliothek in Betrieb zu nehmen, mit 270 Festmetern Design-Literatur. Die Schenkung eines emerierten Wuppertaler Design-Professors. Design, Design, Design. Was zum Teufel hab ich eigentlich mit Design am Hut?!
Ich seufze.
“Na, solange du noch lachen kannst”, meint die Gräfin.
“Das war kein Lachen”, sag ich, “das war designtes Stöhnen.”
Die ersten Tage muss ich nach Wuppertal, zum sammelwütigen Professor. Im Stadtteil Wichlinghausen hatte er extra in einem alten Loft drei Räume angemietet, um seine zehntausend Bücher plus Objekte zum Thema Design unterzubringen. Darüber hinaus sammelt er Pfeifenrauch.
Man erkennt kaum seine Umrisse.
“Herr Professor!?” ruf ich.
“Ich steh vor Ihnen, junger Mann..”
So jung bin ich gar nicht mehr, und ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob er das überhaupt so gesagt hat, man versteht ihn schlecht, in all dem Pfeifenqualm, der ihn umgibt.
Er führt ein großes Pfeifentäschchen mit, in dem sechs Pfeifen gerade abkühlen, während die siebte in Arbeit ist.
“Meine Frau hat mir was gehustet”, sagt er.
“Wegen dem vielen Pfeiferauchen?”
“Nein. Wegen den vielen Büchern.”
Er hustet.
Manchmal kuckt er einen ganz verschmitzt an, obwohl er doch schon pensioniert ist. Bestimmt siebzig. Wie eine Jazzsängerin. Als wollte sie ein neues Lied trällern. Kuckt er.
Wir packen alle Bücher und Design-Zeitschriften (form, Design) und Exponate in Umzugs-Kartons und Rollwagen, die die Spedition schon bereitgestellt hat.
Einmal greif ich nach einem Design-Exponat: Ein kleines Cola-Fläschchen, 0,33 Liter.
Mit zwei griffigen Dellen an den Seiten.
“Afri-Cola!” ruf ich voller Elan. “Das haben wir früher immer gesoffen!”
Doch ich greife vor. Zunächst mal sollte ich schildern, wie ich morgens nach Wichlinghausen komme, ohne Auto.
Es gibt mehrere Möglichkeiten.
Ich entscheide mich für die C64, eine Art Überlandbus, die bis Elberfeld fährt, wo ich in die Schwebebahn umsteige.
Endstation ist Oberbarmen, und Wichlinghausen ist um die Ecke. Eine arme Ecke. Scheint mir das Nachtgeschirr vom lieben Gott zu sein. Wenn der alte Knabe nachts mal raus muss.
Aber nicht zum Klo will.
Dann pieselt er in Wichlinghausen.
Pieselt, was ein Wort. Ich kotz gleich, Glumm.
Die C64 ist rappelvoll.
Ich ergattere den letzten Sitzplatz.
“Wollen Sie meinen Platz haben?” sorgt sich neben mir eine nette Frau um ein klappriges Mütterchen, das zugestiegen ist.
“Nee, lassen Sie mal. Ist ja genug Platz hier.”
Hm..? Platz!? Wovon redet das Wuppertaler Mütterchen? Ist doch alles besetzt hier. Das meint auch die nette Frau nebebn mir, aber die alte Dame lässt sich nicht umstimmen. Nein, sie will partout stehenbleiben.
Halsstarriges, klappriges Wuppertal, so kenne ich dich.
Es dauert auch gar nicht lange, und ich muss pissen. Das war ja klar. Wenn ich am Vormittag Bus fahre, läuft meine Blase grundsätzlich über, von all den doppelten Espressos, die ich zum Frühstück nehme, um hochzukommen.
Es ist eine Tragödie.
Ein Bus hat keine Toilette.
Und noch eine halbe Stunde bis Elberfeld.
Das schaff ich!
Oder auch nicht.
Das Mütterchen, ein Ärmchen tapfer in der Halte-Schlaufe, lächelt mich an.
Tapfer, das ja, aber wie ausgestopft.
Und ich auch. Also, ich meine, ich lächle mich auch an. Wie ausgestopft. Bloß keine Bewegung zu viel. Was soll ich auch sonst machen? Weinen?
Wenn ich jetzt weine, weint es Harn.
Während der Busfahrer die Strecke durchs Bergische Land abkurvt, kritzle ich ein paar schräge Beobachtungen in mein Notizbuch. Schräge Sätze, vom Kurvenfahren.
Es passiert wie automatisch. Ich kann nichts dafür. Meine Hand greift zum Notizbuch, in dem der Stift eingewickelt ist, und dann notiere ich. Irgendwas. Eine Beobachtung, ein Gedanke, scheißegal. Paar Staben.
Damit ich einen Grund zum Leben hab.
Zum Sein.
Vom Hahner Berg aus führt die Strasse steil ins Tal runter, in den schummrigen Wupperkessel, in San Francisco typischen Serpentinen, was meine Blase endgültig aus der Fassung bringt. Vorbei an dickfelligeren Organen schwappt sie bis vorne durch und drückt unangenehm gegen den Unterbauch. Da, wo die Seele sitzt, nach Überzeugung meiner Mutter:
Im Unterbauch.
Ich muss mal.
Ich werd bekloppt.
Noch zehn Minuten.
Um mich abzulenken, lass ich den ersten Arbeitstag Revue passieren, bei geschlossenen Augen. Ich war ja gestern schon in Wichlinghausen, wo der Herrgott in der Nacht.. NEIN! NICHT ERWÄHNEN, DAS WORT!!
PIESELN!!
Oh Gott…!
Der Professor ist okay.
Wir können gut miteinander.
Solange ich solche Leute kennenlerne, kann ich ruhigen Gewissens live aus meinem Leben berichten. Das tut ja keinem weh. Sind alles furchtbar nette Menschen. Doch wenn mir der erste Drecksack über den Weg läuft, über den ich wahrheitsgemäß berichten müsste, dass er ein Drecksack ist, wird’s schwierig. Dann tu ich so, als spielte das Ganze gar nicht im Bergischen Land, nein, wir sind dann in Wiesbaden, wo ich als freischaffender Porschehändler mein Dasign bestreite, und schreibe hier einfach weiter.
Ist das clever.
Ich bin ganz ergriffen.
Ich muss pissen.
Kurz vor Elberfeld halten wir an einer Verkehrsampel. Rechts ist ein Kinderspielplatz, der mir bekannt vorkommt, irgendwie. War ich hier nicht schon mal..? Silvester 86 oder 87 oder 88..? Hab ich hier rumgesessen und eine Flasche Bier geleert, mutterseelenallein. Nur ich und mein Unterbauch und ein Wicküler Bier.
Ein historischer Ort.
Ich winke.
Hallo.
Ich muss mal.
In Elberfeld hetze ich ins Daily Coffee.
“Den Schlüssel fürs Klo!”
“Ist besetzt.”
“Nein..!! Einen Kaffee im Becher. Und den Schlüssel!”
“Ist besetzt. Ein Euro.”
“Ich denk, da ist besetzt..”
„Kaffee, ein Euro.“
Die nächsten zehn Minuten kommen direkt aus der Pipsel-Hölle. Was das ist, Pipseln?
Wenn man als kleiner Junge ganz dringend Pipi muss und sein Geschlechtsteil drückt, damit nichts rausläuft, das ist Pipseln.
Jedenfalls haben Karlos und ich das früher so genannt. Mädchen pipseln übrigens auch, wie man mir später glaubhaft versichert hat.
“Ihr habt doch gar nichts zum Pipseln!” höhnte ich.
Hätt ich besser nicht gesagt. Nicht so. Es folgte ein wildes Knubbeln! durch die Gräfin.
(Knubbeln: Wenn wir uns als pubertierende Knaben gegenseitig in die Eier gegriffen haben, auf dem Flur vom Haus der Jugend und auf dem Schulhof, das war Knubbeln.
Der gefürchteste Knubbler weit und breit war Mofa-Bastler Volkhard H., wegen seinen öligen Ritzelfingern auch Ölauge gerufen.
“Ölauge, du Pottsau! Deine Mutter bezahlt die Reinigung!”
Immerhin, der Kaffee im Daily Coffee, brühwarm, legt sich als Schlick auf meine Blase.
Aber nur kurz.
Dann geht nichts mehr.
Ich steh kurz vor dem Einnässen und laufe wie blöde durch den vollbesetzten Daily Coffee, pipselnd.
Zwei alte Damen stehen von ihrem Tisch auf, und helfen sich gegenseitig in den Mantel.
“Immer noch besetzt?” fragt mich die eine voller Mitgefühl.
Ich nicke.
Ich bin kaum noch durchblutet.
Ich bin ein käseweisser Harnhund.
“Müssen Sie mal an die Klotür klopfen”, sagt die Dame.
“Genau, junger Mann. Mal kräftig Bescheid sagen!” meint auch die zweite Dame.
Exakt in diesem Moment öffnet sich die Tür vom Herrenklo. Heraus tritt ein 17jähriger Bursche, der sofort in Empfang genommen wird, von seinen beiden Kumpels, die auf ihn warten.
“Mann, Alter, wie lange brauchst du denn?!”
“Wieso, wie lang? Ich war nur fünf Minuten weg..”
“Alter, ne halbe Stunde! Die Leute warten schon.”
“Sollen sie doch warten! Wenn ich mal kacken muss, muss ich mal kacken! Oder nich?!”
Ich reiss ihm den Schlüssel aus der Hand, der an einem plüschigen Anhänger steckt, einem nassen kleinen rosanen Elefanten.
Brrrrh!!
Als ich endlich, endlich vor dem Pissoir stehe, kommt erst gar nichts. Ich kann nicht pinkeln. Es hat zu lange gedauert.
Nur hinten heraus pfeift eine kleine Perlenkette, ein Geräusch, das die Grossmutter der Gräfin „Pricken“ genannt hat.
Pricken!
Dann schlage ich schwer das Wasser ab. Wie ein altes Kernkraftwerk. Ein stiller Brüter.