1
Den ganzen Tag lauf ich durch die Gegend und versuch sie zu erreichen.
Am Abend steh ich in der nächsten verfluchten Telefonzelle, unten am Werwolf, wähl die Nummer und endlich, sie ist zu Hause.
„Lena..“, sag ich.
Sie sagt nichts. Ich höre nur das Radio. Ihr kleines Transistorradio.
„Wie gehts?“
Schweigen.
Ein Feuerzeug klickt. Ist sie alleine? Ist jemand da?
Ich kann nicht anders: „Sag mal, sind wir eigentlich noch zusammen?“
Sie zieht an einer Zigarette.
„Ich glaub.. nicht.“
„Was? Du glaubst.. nicht..?“
Ein Plakat starrt mich an: FUNKTAXI.
„Und warum..? Wegen einem anderen?“
Sie zögert.
„Ja..“
„Ist er da?“
„Ja schon.. aber du kennst ihn nicht..“
„Gib ihn mir mal!“
„Was, jetzt?“
„Natürlich jetzt!“
Ich weiß selbst nicht, was ich von ihm will. Auf der Straße stürmen die Autos vorüber. Die Scheiben der Telefonzelle, beschlagen von meinem Atem.
„Schreiber“, meldet sich eine Stimme, so förmlich, als säße der Mann im Büro, und seine Sekretärin hätte gerade durchgestellt.
„Hör zu, Junge. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?“
„Spielt das ne Rolle?“
Ich werde wütend.
„HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?“
„Spielt das ne Rolle?“
„Wenn es keine Rolle spielt“, äffe ich ihn nach, „dann gib es doch zu! Feigling!“
Lena ist wieder am Apparat.
„He, jetzt bleib mal cool..“
„Cool bleiben!? Ich komm jetzt bei dir vorbei und wehe, du bist nicht da! Der Typ kann meinetwegen da bleiben..“
„Ja, komm vorbei“, meint sie beschwichtigend, „Aber soll der echt hier bleiben?“
„Er kann auch verschwinden.“
Ich stürze aus der Telefonzelle in die nächstbeste Kneipe. Kölsch und 103er auf ex, Videoclips auf dem Bildschirm. Madonna. Like a virgin.
Like the very first time.
Auf dem Weg zur Teufelsinsel, wo Lena wohnt, pocht es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen? Unvorstellbar. Von einem Tag auf den nächsten soll alles vorbei sein. Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen.
Gleich wird sie mir sagen, warum es aus ist, und ich werde ihr ausgeliefert sein.
Lena zittert mindestens genauso. Wir sitzen vorm Nachtstromspeicher und schauen uns kaum in die Augen. Was neues will sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, bei meinen Eltern Mittagessen.
„Immer der gleiche Streifen.“
Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gebe keine Zukunft.
Alles, was sie sagt, zerreißt mich in Stücke, nur die Klamotten halten mich beieinander.
„Was ist mit dem Typ?“
„Der ist nett.“
„Bist du verliebt?“
„Ich glaub. Ja..“
Sie will mich in die Arme nehmen, doch ich stoße sie fort. Stürme aus der Wohnung. Wie oft bin ich aus der Wohnung gestürmt, wenn wir Streit hatten, jedes Mal ist Lena mir nachgerannt, sogar nachts auf Strümpfen, auf Asphalt, im Winter, jetzt kommt sie nicht.
Ich seh sie am Fenster stehen, eine Erscheinung, und stiefle los.
Stiefle durch die Winternacht. Der strengste Winter seit Jahren. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer.
Schneehaufen türmen sich.
Als ich vor meiner Tür stehe, halbe Stunde später, sträube ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit haben wir hier verbracht. Wegen der Buntkiste, der Badewanne, überhaupt.
Die Schillerstrasse war unser Quartier.
Ich knall mich aufs Bett. Wünsch mir, dass alles nur ein böser Traum ist, doch Morgen, wenn ich wach werde.. ist es vorbei.. mit der Zeit.. in der wir zusammengehalten haben.. jetzt ist sie zwanzig.. und hat den Streifen satt.. hat lange genug.. Sonntag für Sonntag.. Gulasch gekaut.
Ich wälze mich von einer Seite auf die andere.
Immer wieder taucht Lena auf. Ihr kleiner Busen. Die Schenkel, in die irgendein gesichtsloses Schwein eindringt.
Ihre zärtlichen Worte.
Es schnürt mir die Kehle zu.
Ich spring aus dem Bett, zieh mir den Parka über und laufe durch den Schnee zur Telefonzelle auf der Margaretenstraße.
Ich muss mit ihr reden!
Ich brauche einen Hoffnungsschimmer.
Es kann doch nicht einfach so vorbei sein!
Knall – und aus!
Ich werfe ein Markstück in den Schlitz. Sie hat meinen Anruf erwartet. Befürchtet.
Ich frage, ob es denn keine Möglichkeit mehr gebe für uns.
„Es gibt immer eine Möglichkeit“, sagt sie. Sie ist genervt. Sie weiß selbst nicht, was Sache ist. Trotzdem jammere ich wie ein kleiner Junge, dem man sämtliches Spielzeug weggenommen hat.
„Was soll ich denn machen ohne dich?!“
„Pack meine Sachen zusammen.. Stell ein paar Möbel um. Ich weiß nicht..“
Wieder starrt mich so ein FUNKTAXI-Plakat an.
„Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. ich bin so durcheinander..“
Ich schleiche nach Hause und hau mich hin.
Bete, dass die Nacht bald ein Ende hat, doch als es hell wird, kommt die Angst vor dem Sonntag.
Ohne Lena. Ohne Liebe. Ohne Film.
2
Sonntag. Der magische Sonntag. Im Tierpark.
Sie trug ihr braunes Indianerkleid und war gut gelaunt.
„Los, zu den Kamelen!“
Im Freigehege rekelten sich Lamas in der Nachmittagssonne und kauten Gras, gelassen, synchron.
„Beiß mich“, flüsterte Lea, die mal behauptete, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben verändert.
Ich lugte hinüber zu den Lamas und biss zu.
Das Kettchen knirschte.
Vorm Gehege der Stachelschweine wartete ein Tierpfleger mit Harke in der Hand und Pfeife im Mund. Er versuchte uns irgendetwas zu erklären, nuschelte dabei aber so unverständlich, wir kapierten kein Wort.
Da erkannte ich ihn wieder.
„Der hat hier schon vor ein paar Jahren gearbeitet“, flüsterte ich Lena ins Ohr, „als Arsch für alles.“
„Früher?“ fragte Lena.
„Ja, als ich hier mit Pepe Arbeitsstunden machen musste. Wegen dem bißchen Brösel, dass die Bullen vorm Keller bei uns gefunden haben.“
Ich zeigte Lena den Stall der schwarzen Zwergziegen, den Pepe und ich jeden Morgen ausmisten mussten. Einmal ist uns ein kleiner Bock abgehauen, ich hatte vergessen, das Gatter zu schließen.
„Vergessen?“ meinte Lena. „Ihr ward wahrscheinlich wieder bekifft bis zum Kragen.“
„Ist ja auch egal. Jedenfalls ist der durchs Gehege der Pfauen und Truthähne geflüchtet, das gab ein Mordsaufruhr und hat bestimmt ne Stunde gedauert, bis wir ihn endlich wieder in den Stall gescheucht hatten.“
„Hast du wieder die Hosen voll gehabt, wa?“
„Baby, ich zeig dir gleich, wie voll meine Hosen sind.“
„Angeber.“
Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an einem nackten Stahlgerüst.
Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, galten sie als heilig. Unantastbar.
„Wir bleiben uns ewig heilig“, schworen wir uns.
Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine einsame, schattige Bank. Wir hörten Esel wiehern, Störche klappen. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und warf sie ins Gebüsch. Sie stieg auf meinen Schoß. Schob ihren Slip beiseite. Ich schmeckte ihren Hals. Es war alles sehr eng und aufregend. Jederzeit hätte ein Besucher um die Ecke kommen können. Fast flog die Bank um.
„Los, du Vieh!“ feuerte sie mich an, und wir mussten lachen.
Küsse. Papageienschreie.
Rote Flecken.
Und dann kippte die Bank im richtigen Moment.
3
Bis in den Nachmittag hinein bleib ich im Bett liegen. Ich bin wie gelähmt. Rauche tausend Marlboros.
Dann bade ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir Platznot hatten in dieser Wanne, jetzt ist sie eine Arena und verschlingt mich.
Immerzu muss ich an sie denken.
An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir.
Es schmerzt und macht wütend.
Lena ist natürlich fein aus dem Schneider. Hat einen neuen Kerl und demnächst zieht ihre beste Freundin zu ihr, Britta. Nahtloses Timing. Wozu braucht sie mich noch?! Ich bin wie Gulasch. Gekaut. Verdaut. Abgezogen. Mein Selbstbewusstsein liegt auf dem Klo und schielt zur Uhr.
Wenn das Mumms wenigstens schon auf hätte..
Margaretenstraße, die Telefonzelle.
Ich ruf Karlos an. Er klingt verpennt.
„Was ist los?“
„Lena hat Schluss gemacht.“
„Oh.. Scheiße.“
„Ich komm vorbei.“
„Ja, klar.. Mach das.“
Ich laufe eine halbe Stunde durch den Schnee, ein ausgelaugter Körper, der sich von alleine bewegt. Eine pure Beinmaschine. Ich jedenfalls hab damit nichts am Hut. Ich funktioniere nur. Fühle mich wie ein halber Mensch und frage mich, wie ich das aushalten soll in nächster Zeit.
Finkenstraße. Drei Stunden sitzen Karlos und ich uns im Sessel gegenüber, und ich rattere mir alles aus der Seele.
Karlos hört zu, sagt nicht viel, wirft nur zwischendurch Sachen ein.
„Chaos im Kopf ist nie umsonst“, sagt er.
Oder:
„Vielleicht musste das passieren. Vielleicht musste mal was Unglaubliches in dein unverschämt sicheres Leben platzen, damit du langsam mal aufwachst und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat.“
Ich guck ihn an.
„Ja.. wahrscheinlich.“
Wir trinken schwarzen Tee und ich bin froh, dass es Karlos gibt.
Dass ich einen Freund habe.
Dass jemand da ist, der sich mein Gejammre anhört.
Er kennt Liebeskummer nur zu genau. Ist zwar schon zwei Jahre her, dass Biene ihn verlassen hat, seine große Liebe, aber so richtig ist er immer noch nicht darüber hinweg.
„Die Sache ist noch längst nicht gegessen.“
Er erzählt, dass es keine vier Wochen her ist, da stand er mitten in der Nacht unter ihrem Fenster und hat nach ihr gepfiffen wie ein Fünfzehnjähriger.
„Und?“ frag ich.
„Was, und?“
„Na, hat Biene aufgemacht? Oder nicht?“
„Nee. Die war gar nicht hat da. Die war im Urlaub..“
Wir verabreden uns für sieben Uhr im Mumms. Ich geh solange nach Hause, müde und aufgekratzt zugleich.
Ich leg mich hin und versuch zu lesen. „Uns verbrennt die Nacht“, geschrieben von einem Indianer, der angeblich eine Weile mit Jim Morrison rumgezogen ist, im Los Angeles der 60er Jahre, doch ich kann mich nicht konzentrieren.
Um kurz vor sieben, im Mumms. Karlos und ich saufen Bier und Tequila. Ich hab dieses aufputschende Gefühl, alles rauszulassen, mit jedem Glas mehr.
Benzini, eine Kinnlade wie ein Balkon, Säbelbeine, stellt sich dazu.
„Du blutest aber gut“, sagt er mit einem süffisanten Lächeln. „Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, hätte ich dir gar nicht zugetraut, dass dich das so fertig macht mit Lea.“
Cool und abgewichst. Darauf saufen wir einen.
Kunststoß, der mit Nachnamen Huntzock heisst und den nur ich Kunststoß nenne, weil ich seinen Namen mal fasch verstanden hab, ist ein Leidensgenosse: Auch seine Alte hat ihm gestern Abend den Laufpass gegeben, nach sechs Jahren, konsequent.
Wir grinsen uns dämlich an, Kunststoß und ich. Wir sind beide unterm gleichen Sternzeichen geboren, Jungfrau, im Jahr der Ratte, er hat blondes krauses Haar wie ich und er ist genauso im Eimer wie ich. Irgendwie tröstlich.
Um halb drei ist Sperrstunde, das Mumms macht zu.
Inge Fitting, die Wunderbare, streckt mir die Zunge raus.
„Wird Zeit, dass du mir mal über die Hüfte rutscht, hör mal!“
Sie lässt ein Lachen dröhnen, als würde eine schmutzige kleine Lokomotive in ihre Kehle einbiegen, und baut sich vor mir auf.
„Ich trag heute meine Kontaktlinsen, hör mal! Ich weiß genau, was hier abgeht!“
Karlos kommt von hinten und fischt ihr die Schachtel Camel aus der Jackentasche.
Er steckt sich eine an.
„Kippe jemand?“
„Her damit..“, lalle ich.
„He, seit wann raucht ihr beiden Camel!?“
Inge dreht sich um und tippt Karlos, der sich auch umdreht, auf die Schulter.
„Sag mal, hast du etwa in meiner Tasche gewühlt?“
„Ich??! Ja, sicher. Du merkst doch nix mehr, Inge. Ich hab dich schon gefickt, ohne dass du was gemerkt hast!“
„Jetzt übertreibst du aber, hör mal!“ lacht sie, und die Lok dröhnt im Tunnel.
„RAUS HIER JETZT!“ brüllt Michael, der Geschäftsführer mit dem roten Schürzchen.
Karlos und ich torkeln rüber zum Taxistand, die ganze Breite der Kölner Strasse nutzend. Wir wollen zur Finkenstraße, noch einen rauchen. Karlos hat einen Hunni Gras klar gemacht. Plötzlich taucht ein Streifenwagen auf, wie aus dem Nichts, und hält an.
Ein Polizist steigt aus, ein anderer bleibt sitzen.
„Augenblick mal, die Herren!“
Wegen Überqueren der Strasse und Behinderung eines Streifenwagens sollen wir jeder zehn Mark berappen.
„Hier ist doch überhaupt kein beschissenes Auto unterwegs!“ ereifert sich Karlos. „Und wo haben wir euch behindert?! Ihr seid behindert!“
„Keine Diskussion, meine Herren! Jeder zehn Mark, und die Sache ist erledigt!“
Kohle haben wir keine mehr, alles versoffen, auch keinen Ausweis dabei, also müssen wir mit zur Wache.
Unterwegs, wir sitzen auf der Rückbank, stimmen wir „Fahr mit im grün-weissen Bullenbus!“ an, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter, der Kindersendung. „Wir nehmen jeden mit, wir haben sehr viel Platz!“
„Na, da haben wir aber zwei Witzbolde aufgegabelt“, meint der lange Polizist auf dem Beifahrersitz. „Passt nur auf, dass es keine Backpfeifen hagelt.“
„Was willst du grüner Wicht?!“ geb ich zurück, und der Bulle wird böse und droht mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung.
Auf der Wache werden unsere Personalien aufgenommen.
Da Karlos letztes Jahr umgezogen ist, sich aber noch nicht umgemeldet hat, gibt es Ärger. Er weigert sich Mietparteien zu nennen, die ebenfalls in dem Haus an der Finkenstraße wohnen.
„Finkenstraße 9 wohn ich! Und ich hab ne cholerische neurotische Lady zu Hause, die mir dauernd ins Bett pisst. Mehr sag ich nicht! Müsst ihr schon aus mir herausprügeln!“
Lady ist seine Katze.
Karlos schraubt seinen cholerischen Schädel ins Neonlicht.
„Na, kommt schon her! Hier, schön auf die Nuss! Könnt ihr doch so gut!!“
Natürlich spielt Karlos seine Wut nur. Als wäre das eine Theaterprobe. Er macht es aber so gekonnt, sogar ich bin froh, als er endlich die Klappe hält.
Der lange Bulle steht kurz vorm Überkochen und kündigt an, uns bis morgen früh in Gewahrsam zu nehmen. Dann will er mir den Hintern versohlen, weil ich erneut mit dem grünen Wicht rüberkomme.
„Jetzt macht doch nicht so einen Öschekk hier!“ versucht sein Kollege einzulenken und zu beschwichtigen, worüber ich lachen muss, weil ich das lange nicht mehr gehört hab, einen Öschekk machen.
„Sagt doch kein Mensch mehr.“
„Ein Mensch vielleicht nicht“, kräht Karlos, „aber ein Bulle!“
Trotzdem, die Situation entspannt sich etwas, bis wir uns weigern das Präsidium zu verlassen. Wir wollen es uns lieber auf den harten Bänken bequem machen, wie früher in den 70ern, als wir jedes zweite Wochenende Ärger mit der Schmiere hatten.
Da platzt dem Langen der Kragen.
„Ihr kriegt gleich wirklich was auf die Fresse!“
„Ja, ja! Komm nur mit nach draußen!“ rotzt Karlos zurück, schon in der Tür stehend. Tatsächlich hätte der lange Bulle Lust dazu, doch sein Kollege hält ihn zurück.
„Jetzt macht endlich, dass ihr wegkommt!“
„Ich hab mal die härteste Knallplättchenpistole
der Welt gehabt!“ brüllt Karlos noch, als wir schon unten auf der Strasse sind. „Und ihr?! Was habt ihr? Ne Schlampe zuhause habt ihr, und sonst gar nix!“
Von der ganzen bescheuerten Aktion ernüchtert, gehen wir um die Ecke in die feuchten Malteser Gründe und setzen uns auf die Bank.
Zum Glück haben die Bullen versäumt, Karlos zu durchsuchen. Schließlich hat er einen Beutel Marihuana dabei. Wir dampfen ein mächtiges Dreiblatt. Der ganze Malteser Grund stinkt nach Gras und frisch gemähter Wiese.
„Wer außer einem Rasenmäher braucht schon einen Rasen?!“ grunzt Karlos.
Wir schalten einen Gang zurück.
„Sag mal, was wollte Lena eigentlich?“
Sie hatte um Mitternacht herum im Mumms angerufen und sich erkundigt, wie ich die letzte Nacht überstanden habe.
„Ich hab kein Auge zugetan, aber dafür mach ich mich jetzt zu. Weißt du eigentlich, dass du mir das Herz gebrochen hast?“ hab ich gesagt.
„Ich weiß“, hat sie kleinlaut geantwortet. „Ich mir auch..“
Halbe Stunde später verschwindet Karlos in Richtung Finkenstraße, ich zur Schillerstrasse. Aufgeladen wie ich bin, hebe ich einen Pflasterstein vom Wegesrand auf und schmettere ihn in die rückwärtige Fensterfront des Gesundheitsamtes.
Das Klirren der Scheibe potenziert sich in der Stille der Nacht, aber ich latsche weiter den Park runter, als sei nichts geschehen.
Dauert keine Minute und auf der gegenüber liegenden Seite biegt ein Streifenwagen in den Malteser Grund ein. Geistesgegenwärtig ducke ich mich, versteck mich im dichten Gebüsch am Hochhaus, das wie ein Leuchtturm den Park überragt.
Der Wagen rollt ohne Licht im Schritttempo vorüber. Hinter dem Gesundheitsamt bleibt er stehen, mit ausgeschaltetem Motor.
Nicht passiert.
Er fährt ab.
Ich warte zwanzig Minuten, bis ich mich aus der Deckung wage und in der Dunkelheit nach Hause wanke.
5
Als ich aufwache, hab ich einen Geschmack im Mund, als wär mir eine Packung Kippen unter der Zunge eingeschlafen.
Verkatert hock ich auf der Heizung und rauche. Vielleicht hat sie ihren Entschluss schon bereut..!?
Ich peitsche zur Telefonzelle und ruf in der Zahnarzt-Praxis an.
„Ich muss mit dir sprechen. Können wir uns treffen?“
„Klar. Doch.“
„Heut Abend im Mumms?“
Sie zögert einen Moment.
„Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?“
Ich geh in die Stadt. Such mir beim Amerikaner einen Fensterplatz und blättere im alten Notizbuch, in den Geschichten, die passiert sind..
..dieser Abend in der Pizzeria. Eine Karaffe Lambrusco und zwei Calzone mit mächtig scharfer Bolognesesauce. Nachher schoben wir unsere schweren Mägen Richtung Matratze, und schliefen ein.
Mitten in der Nacht wurde ich wach, weil Lena „Durst“ murmelte..
Im Halbschlaf stellte ich mir vor, wie ich sie wecke und wie ich ihr eine Flasche O-Saft einflöße, von HITCHCOCK, ihrer Lieblingsmarke.
Sie richtete sich im Bett auf.
„Ooh.. Wir beide sind grade im Hubschrauber über eine Seenplatte geflogen, und du hast mir Orangensaft mitgebracht von HITCHCOCK..“
Noch ganz verstrickt in den Traum blickte sie mich an.
„Ich glaub, wir blättern zu oft in derselben Illustrierten“, meinte ich und holte uns ein Glas Leitungswasser aus der Küche.
Ich packe das Notizbuch wieder weg. Zwei Tussis nehmen Platz an meinem Tisch. Ich kann ihnen nichts abgewinnen. Herzen aus Stahl.
Dann geh ich zur Jobvermittlung. Ich brauche Ablenkung. Muss irgendwas tun. Da kann ich mir auch einen Job suchen.
Frau Düstersiek („Na, Sie As! Was macht Ihr Kumpel, wie heißt er noch gleich..?“ „Karlos.“ „Ja, genau, Karlos! Was ist Sache mit Karlos?! Warum kommen Sie alleine?“) hat so gut wie nichts im Köcher, rückt schließlich aber doch die Telefonnummer einer kleinen Firma heraus, die in Türklinken macht.
Türklinken. Firma Weidner, am Schaberg. Ich ruf an und sage, dass ich auf der Stelle anfangen kann.
Gut. Ja. Ich soll vorbeikommen.
„Jetzt sofort?“
„Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben.“
„Äh.. ja, natürlich.“
Scheiße.
Andererseits, ein Job, das wird Lea gefallen. Es wurmt sie doch immer, dass sie früh raus muss und ich kann ratzen bis in die Puppen.
Ich kaufe einen Strauß Blumen, klemme ihn an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel.
„Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt.“
Der Betrieb am Schaberg ist eine üble Hinterhofklitsche. Ich werde sofort in der Endmontage eingesetzt. Meine Aufgabe: Türbeschläge aus Messing montieren, Klinken polieren, Kartons falten.
Meine Hände flattern. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tue, ich hab nur Lena im Sinn.
Lüttkenhorst, der Kollege, der mich einarbeitet, meint, ich solle nicht andauernd doof in der Gegend herumsitzen und ordentlich die Kartons falten. Heut Abend im Mumms werd ich alles auf eine Karte setzen. Ich hole sie mir zurück.
Endlich halb Fünf. Feierabend.
Mit dem Bus ins Mumms.
Sie ist schon da. Sitzt in der hintersten Ecke. Mit einem Glas Tee.
Sie sieht umwerfend aus.
Ich hol mir ein Bier, setz mich zu ihr.
Ich hab keine Zeit für Tändeleien.
„Ist wirklich Schluss?“
Ängstlich schaut sie mich an. Und nickt.
Ich reiße mich zusammen. Bestehe darauf, dass ich eines schon kapiert habe, in den letzten äh vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung.
„Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben.“
Sie ist überrascht.
„Ein Buch..? Na, das ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er mal einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Arsch. Guck einer an.“
Sie nimmt einen Schluck Tee.
„Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun.“
„Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein.“
Ich spüre, dass sie nachgibt. Damit hat sie nicht gerechnet.
„Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen..“
Wir blicken einander in die Augen.
Dieses Bauchgefühl.
Dann sagt sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.
„Ja.“
Ich fliege ihr um den Hals. Vergrabe ihren Kopf an meiner Brust.
„Hast du wirklich ja gesagt?!“
„Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los.“
Ich drifte zum Tresen. Glaub es gar nicht. Dass es so schnell geht. So ohne viel Widerstand. Wollte sie mich nur prüfen?
Ich bestelle Tequila. Wir lachen.
Küssen uns.
„Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen“, stellt Lea klar.
„Ja“, sag ich, immer wieder ja. Ich würde ihr einen Bestseller versprechen, wenn sie es nur ernst meint.
„Wann machst du mit dem Typ Schluss?`“
„Ich werd.. es ihm gleich sagen.“
Wir verabreden uns für morgen Nachmittag um Fünf, bei mir.
Ich bleib im Mumms und besauf mich.
Karlos taucht auf. Er ist aufgebracht.
„Die Schmiere hat mich heut Nacht auf dem Nachhauseweg noch mal klargemacht, weil so ein Idiot im Malle ein Fenster eingeschmissen hat!!“
Und dabei ist er dummerweise wieder an dieselbe Streifenwagenbesatzung geraten, die uns zuvor schon in der Mache hatte.
Mit dem Unterschied, dass Karlos dieses Mal die Taschen leeren musste.
„Da waren achtzehn Gramm im Beutel!“ schimpft Karlos.
Der lange Bulle muss vor Freude nur so geglüht haben.
„Wie ein scheiss Lampion. Und das nur wegen irgend so einem Vollidioten!“
„Aber echt!“ sag ich.
Als ich Karlos von Lena erzähle, dass wir wieder zusammen sind, warnt er mich, „Freu dich nicht zu früh“, aber ich freu mich.
6
Die Maloche am nächsten Tag nervt. Ich kann kaum noch meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzt mir zu. Aber ich liebe Lena und habe sie wieder. Das ist die Hauptsache.
„Mann, Mann! Die Kartons sind aus Pappe!“ blökt Lüttkenhorst. „Die kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das aber! Da kannst du aber Gift drauf nehmen, Männeken!“
Punkt fünf Uhr bin ich zu Hause. Vielleicht wartet sie schon vor der Tür.
Tut sie nicht.
Ich rauche und höre Radio. Mach ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs.
Ich werde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein. Überpünktlich.
Vielleicht ist was mit Britta dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal.
Ich steh am Fenster und warte.
Watching and waiting.
Sechs Uhr, halb Sieben.
Autos fahren vorüber, Autos halten. Türen schlagen zu.
Nur die Strasse zählt.
Um sieben Uhr ist Lena immer noch nicht da.
Ich tiger von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, ich gerate in Panik.
Schreie „Lea, was machst du mit mir?!“ Raufe mir die Haare und schleuder mich gegen die Wand.
Bleib liegen. Steh auf. Kann es einfach nicht fassen, wie ich verarscht werde.
Knall mich gegen den Türpfosten.
Es schellt. Nicht ihr Schellen. Es ist der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber.
Ich zerre Poster von der Wand, trete Tassen durch die Küche.
Sie zersplittern unter dem Spülstein.
Eli begreift gar nichts.
„Du kommst wegen Lena so drauf? Gibt es das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt..“
Ich lass ihn stehen, klockere auf Hollandblotschen zur Margaretenstraße, durch den Schnee. Zur Telefonzelle.
Britta hebt ab.
„Ist Lena da?!“ ruf ich.
„Die ist schon lange weg.“
„Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?“
„Lea hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist.“
Ich hetze durch die Strassen. Guck in die vorübersausenden Autos, ob Lena irgendwo drinsitzt. Auch im Mumms ist sie nicht. Natürlich nicht.
Das Mumms ist mein Wohnzimmer.
Nicht ihres.
Cobra hockt am Tresen.
„Hallo.“
Cobra wollte mich mal anmachen, nicht lange her, da hab ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten.
Jetzt bin ich froh, dass sie da ist. Frage, wie es ihr geht und so. Spendiere Bier und Schnaps.
Klaus und seine neue Braut kommen rein, trinken einen mit.
Dauert nicht lange, und wir beschließen, aus dem Mumms zu verduften. Wir rufen ein Taxi, kaufen unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fahren dann zu Klaus nach Hause und versinken in den Ledersesseln.
Klaus erzählt von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hat, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.
„Das sind die Tanten, die wir brauchen!“ wiehert Cobra. Sie und Klaus verstehen sich prächtig. Das gefällt mir nicht. Muss ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsame Person. Ihre Nase ist zu groß, schief und spanisch, wie eine vergeigte Steinmetzarbeit.
Wir reden über Musik. Im Radio laufen Bronski Beat. It ain’t necessarily so.
Muss doch alles nicht sein.
„ACH, GEHT DOCH UM NIX!“ brüllt Klaus.
Irgendwann in der Nacht liegen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen sind zuviel für mich. Ich bin sturzbetrunken und hab Lenas Körper im Kopf.
Cobra und Klaus verschwinden ins Wohnzimmer.
Während sie auf dem Eichentisch vögeln, hantiere ich an seiner Braut herum.
Die Musik scheppert. Irgendein amerikanischer Heckmeck.
Cobra kommt wieder ins Schlafzimmer.
„Na, gut abgespritzt?!“
Ich sag gar nichts und penn ein.
Als der Morgen dämmert, pocht mein Herz wie verrückt. Ich steh auf und such das Telefon.
Cobra folgt mir mit den Augen.
„Vergiss es“, sagt sie, „das Telefon ist gesperrt.“
Ich zieh mich an und mach mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle.
Lena, klöpft es in meinem Bauch, sei bitte zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Bitte!
Es ist arschkalt. Pisse im Schnee. Hundepisse. Ich friere. Als ich eine Brücke überquere bleib ich stehen und guck runter. Frag mich, ob die Höhe ausreichen würde, um mich zerschellen zu lassen.
Endlich eine Zelle. Ich wähle die Nummer. Es dauert. Ich leg auf und wähle nochmal.
Lea hebt verschlafen ab.
„Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!“
„Es ging nicht.“
„WIESO GING ES DENN NICHT?“
„Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!“
Meine Stimme schnappt über.
„IST DER TYP DA?“
„Ja“, sagt sie. „Er ist hier.“
„Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!“
Lena seufzt.
„Ich weiß.. Aber ich kann nicht.“
„WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!“
„Weil du mich so gequält hast..“
Ich raste aus. Erkenne mich selbst kaum wieder. Beschimpfe sie.
Sie legt auf.
Ich stapfe zurück durch den Schnee. Cobra macht mir die Tür auf.
„Ich muss mit dir reden“, sag ich.
Wir holen Bier am Kiosk und fahren mit dem Bus zu mir.
Wir verstehen uns plötzlich. Gleiche Wellenlänge. Ich spiele ihr sogar Jonathan Richman vor.
Sie muss lachen.
„Was ist das denn für einer?“
„Na, der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen.“
Er gefällt ihr. Ich interessiere sie. Schade, dass ihre Titten so dick sind.
6
Am nächsten Mittag geht Cobra nach Hause und ich ins Mumms. Karlos ist auch da und legt den Leuten die Karten. Hat er gestern erfunden. Mir prophezeit er, dass ich immer Checkerei haben werde mit der Herz Dame. Na so was.
Abends ist Cobra wieder da. Die Karo Dame.
„Flüchtige Liebschaft“, flüstert sie.
„Du hast mich verwirrt“, sagt sie.
Karlos ordert Tequila und entwickelt das Kartenlegen weiter.
„Kreuz As und Pik As gibt Mofaführerschein.“
Cobra erzählt, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt.
Pik Sieben ist die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.
„Liebe ist nicht alles“, tröstet mich Cobra.
Ich bin geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena.
Cobra schleppt Tequila an. Tequila baut auf.
„Liebe ist nur Spinnerei im Kopf“, sagt sie.
Zitronenscheiben rutschen unter den Tisch.
Kreuz Zehn bedeutet: Entziehungskur. Folgt darauf die Herz Zehn, wird man: rückfällig.
„Heut bin ich in dich verknallt“, summt Cobra in mein Ohr, „und
morgen ist alles wieder vorbei. Lass uns noch was trinken.“
Der nächste Tequila.
Endzeithunger.
Mad dog days.
Zwei dunkelhäutige Frauen setzen sich an unseren Tisch. Eine sieht aus wie eine Brasilianerin.
„Du hast schöne Augen“, sagt sie zu mir.
Karlos legt ihr die Zukunft. Verlegen stehe ich daneben und überlege, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelt sich ihre Freundin dazwischen und funkelt mich böse an.
„Mein Zug ist abgefahren“, schreibt Cobra in mein Notizbuch, das offen auf dem Tisch liegt. Ich hol das nächste Tablett Bier und wende mich Karlos zu.
„Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist..“ sag ich.
Sturzbesoffen redet er auf mich ein.
„Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen.“
Mein Kopf hängt geknickt an seinem Mund.
Samstagmorgen werd ich früh wach.
Detonierter Bauch.
Vollrauschnerven.
Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrt sich in meinem Gehörgang fest.
Ich hol mir einen runter.
Zünde mir eine Marlboro an. Die erste von den nächsten Tausend.
Draußen regnet es. Tauwetter.
7
Samstagmittag. Ich geh zu meinen Eltern rüber zum Essen.
Beim Nachtisch erzählt Mutter eine Geschichte aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählt, ist es mir, als lüfte sich ein Schleier und dahinter taucht der Kern auf, der Kern von mir.
Vage erinnere ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern kletterte, auf die Seite meiner Mutter, und dort blieb bis zum Morgengrauen.
„Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich.“
Dann, 1967, die Beatles waren gut im Geschäft und die Doors beschlossen, nicht nur eine Million sondern zehn Millionen Dollar zu machen, wurde mein Bruder geboren. Es war im Jahr der Ziege.
Ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab.
Mein Vater war dran, er rief aus dem Krankenhaus an.
Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.
„Was?! Ein Junge..?“ rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung an der Hasseldelle, von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.
„Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!“
Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt.
Mein kleiner Bruder beanspruchte nun den Thron an ihrem Busen.
„Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen.“
Bedauern klingt durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln, Bedauern, dass sie mich nicht darauf vorbereitet hatte.
„Es war ein Schock für dich. Ich weiß nicht, wie oft du nachts schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund.“
„Schaum vorm Mund?“
„Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus..“
Wie sie so erzählte, spürte ich in mir das Kitzeln einer tiefen Erinnerung, auch wenn es mehr ein Kitzeln war als ein tatsächliches Bild vor Augen.
Immerhin, nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, eine Frau mich verließ mit ihrem Busen.
„Und warum du so viel Bier trinkst, Andreas“, meint Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstatte, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als: Blume.