Cool Jazz / Ein cleveres Mädchen

By glumm

COOL JAZZ

Samstagnachmittag, mein Bruder lädt zum Grillen auf der Hazienda. Regen tropft ins Lagerfeuer, das Stockbrot bleibt teigig, Atmosphäre: leicht apathisch. Wie das so ist, manchmal. Es sind alle zusammen, die man gern hat, doch die Stimmung kommt nicht vom Fleck.

Tage, wie ins Kühlregal gegriffen.

Erst als es dunkel wird und mein Schwager (55) beginnt, alte, längst verblichene Pauker des Gymnasiums Schwertstrasse zu imitieren, (an die ich zum Teil auch noch Erinnerung habe), wärmt Gelächter die wilden Wupperberge.

Geschichtslehrer Kuhn, fünf Jahre russischer Kriegsgefangenschaft und Gehirnwäsche hinter sich, war ein Bär von einem Kerl mir riesigen Pranken und einem immensen Verbrauch an Zeigestöcken, die er, während er vor der Klasse hin-und hermarschierte, über die Schultern legte und waagerecht knacken ließ, bis sie mit Getöse zersplitterten.

Stante pede musste der Klassensprecher oder sein Vize ins Sekretariat eilen und einen neuen Zeigestock anfordern.

In der Schülerschaft berüchtigt waren Kuhns Ausfälle, wenn er aus Zorn mit dem zwanziggliedrigen Schlüsselbund um sich warf, was ihm spätestens am darauffolgenden Tag dermaßen leid tat, dass er dem getroffenen Schüler eine große Tafel Milchschokolade mitbrachte.

Am Wandertag ging es durch den Park am Hippergrund. Marschiert wurde in Zweier-Reihen, Lehrer Kuhn als Spähtrupp voran. Ließ der Feind sich aber zum Verrecken nicht blicken, wurde umdisponiert, „DREI MANN RAUS ZUM BLUTRÜHREN!“

„Das war zur APO-Zeit“, erzählt mein Schwager, „das fanden wir super.“

„VORSICHT, MÄNNER! PANZER-DIVISION VON LINKS, GRANATEINSCHLAG RECHTS! ALLES IN DIE BÜSCHE!!“

„Die Panzer-Division war eine Frau mit Kinderwagen, die uns im Park zufällig begegnete. Die hat sich fast in die Hosen gemacht, als sich vor ihr dreißig Jungs in die Büsche schlugen und Blut anrührten mit Spucke und Ahoi-Brause.“

Im Sommer 1968 erschien Neef, Rotschopf und Erster Rüpel der Klasse, mit einer Blumenkette am Hals zum Unterricht.
„Ich bin jetzt ein Hippie“, erklärte Neef. An der Kette hing ein Glöckchen. Aber nur bis zur Geschichtsstunde, dann war Sense.

Als Kuhn die Kette zu Gesicht bekam, riss er sie Neef vom Hals und pfefferte sie durchs offene Fenster, sie landete auf dem Schulhof und zerschellte bimmelnd.
„Männer!! Ich hab fünf Jahre Lagerhaft in Russland mit Sonnenblumenkernen überlebt! Immer nur Sonnenblumenkerne! Sonnenblumenkerne morgens, Sonnenblumenkerne mittags, Sonnenblumenkerne abends! Das macht Männer aus euch! Und keine Bimmelglöckchen!“

Nun lagen Blumenkettchen und Sonnenblumenkerne nicht so weit auseinander, doch das fiel niemandem auf, im Gegenteil: tief beeindruckt erschien die Klasse zur nächsten Geschichsstunde mit großen Tüten voller Sonnenblumenkerne. Lehrer Kuhn erhob sich, den Zeigestock waagerecht im Genick. Seine Hosenträger waren zum Zerreißen gespannt. Eigentlich waren es Flitzebogen.
„Männer, was ist hier los!? Was knistert da??“
„Sonnenblumenkerne, Herr Kuhn!!“
„Wie..!?“
Er ging zur ersten Bankreihe, in der Neef saß, der Rotschopf.
„Lass mal probieren, Neef.“
Kuhn griff in die Tüte, „Hmm.. lecker“, und dann in seine Weste. „Hier, Neef, was Süßes.“
Eine Tafel Milchschokolade.

Musiklehrer Triesch war ein Säufer vor dem Herren. Er trug grüne Knickerbocker und dünnes fettiges Haar, aus dem die Schuppen rieselten wie Vollkornmehl, aber er war eine Legende am Piano und anerkannter Cool Jazz-Veteran.

Er hatte die Angewohnheit, seinen Schnaps in Fanta-Dosen umzufüllen, bevor er sie hinter der mobilen Tafel auf ex runterspülte. Dann setzte er sich an den Flügel und spielte Cool Jazz bis die Aula erleuchtete, in grünen Knickerbockern und karierten Kniestrümpfen, die seine Waden vortrefflich stramm in Szene setzten.

Eine weitere Legende, Rosenthal, war ein kleines Kerlchen, das überall nur „der Gilb“ hieß. Von den vielen Burger Stumpen, einer Mischung aus Zigarillo und Zigarre, war er knallgelb geworden. Im Gesicht, am Hals, die Hände, alles vergilbt. Sogar die Krawatte, die er trug, war zitronengelb.

Im Gegensatz zu Geschichtslehrer Kuhn, den die Schüler teils fürchteten, teils verehrten, wurde Lehrer Gilb von den Schülern nicht wirklich ernst genommen, aber man mochte ihn irgendwie.

Der Gilb hatte ein Glasauge, das saß rechts, und so konnte die von ihm aus gesehene (beziehungsweise nicht gesehene) rechte Seite der Klasse getrost dem Unterricht fern bleiben, er merkte nichts davon. Und die zwei, drei Schüler, die rechts saßen, aber keine Lust hatten nach Hause zu gehen, vertrieben sich die Zeit mit Schiffeversenken und gegenseitig am Sack spielen, so waren alle zufrieden.

Bis zu dem kleinen Mißgeschick, als der Gilb seinen Hals einmal ein Stück weiter nach rechts drehte als üblich, so daß er mit dem intakten linken Auge die nahezu leere rechte Seite des Klassenraums erfasste. Da stapfte er beleidigt von dannen.
„Wenn Sie lieber zu Hause bleiben als meinem Unterricht zu folgen, meine Herren, dann kann ich ja auch nach Hause gehen.“
Schön, dagegen hatte niemand etwas einzuwenden. Eigentlich waren alle hochzufrieden.

*
EIN CLEVERES MÄDEL

Seitdem der Nissan nicht selten eine Woche und länger unter unserem Fenster parkt, ohne gefahren zu werden, wird er von einer kleinen schwarzen Spinne bewohnt. Sie hat ihr Netz zwischen Außenspiegel und Seitenfenster gesponnen.

Neuerdings hat die Gräfin aber im Stadtteil Ohligs ein Atelier eröffnet, das bedeutet jeden Tag zehn Kilometer hin und zehn zurück, aber die kleine Spinne? Weigert sich umzuziehen.
Sie ist eine sture kleine Spinne.

„Wenn ich die Stadt-Autobahn nehme, streckt sie bei voller Fahrt ihr Köpfchen heraus und guckt nach, ob das Netz auch hält“, erzählt die Gräfin. „Ich weiß manchmal nicht, wohin ich zuerst gucken soll. Auf die Straße oder auf die Spinne.“

Gestern dann, mitten auf der Stadt-Autobahn, hat sich die mutige kleine Spinne beinah ein Stück zu weit herausgewagt.
„Sie baumelte nur noch an einem seidenen Faden, war fast schon verloren im Fahrtwind, da bin ich in die Bremse gestiegen und sie hat sich auf den letzten Drücker noch reingehangelt, in ihr Versteck hinterm Seitenspiegel.“

„Ich glaube, die findet Autobahnfahren aufregend und scharf. Das ist eine James Bond Spinne. Null Null Acht.“

Und sie lernt. Damit das Netz bei Tempo Hundert nicht reißt, wenn ihr der Fahrtwind frische Insekten und anderes Boulevardfutter ins Netz spült,
geht Null Null Acht nun dazu über, ihr Netz lockerer zu spinnen. Nachgiebiger. Damit mehr hängenbleibt.
Ein cleveres Mädel.

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3 Antworten zu „Cool Jazz / Ein cleveres Mädchen“

  1. Herr Schwaner sagt:

    Unser Mathematik-Pauker ähnelt in gewissem Maße Eurem Musiklehrer. Zwar spielte er weder Cool Jazz noch mochte er Fanta mögen, jedoch teilte er die Vorliebe des Schnaps-in-anderer-Flüssigkeit-Versteckens. Er goss ihn sich in die Termoskanne mit Kaffee und während er im Unterricht eifrig Kaffee trank und in seinen eigenen Sphären aus Span und Kreide an der Tafel selig rechnete, war es an uns zu erraten, ob mehr Kaffee oder Schnaps in seiner Kanne schwappte.

  2. Mo sagt:

    Das mit die kleinen Spinne gefällt mir,
    so richtig aus dem Leben gegriffen. ;-)

  3. buchstaeblich sagt:

    So einen wie den Gilb hatten wir früher auch, sein blindes (oder Glas-?)Auge schaute präzise Richtung Nasenspitze. Einmal führte er Aufsicht bei einer Klausur, erwischte einen beim Schummeln: Der leugnete natürlich, darauf brüllte „unser Gilb“: „Ja, schiel’ ich denn?!?!?!?!
    Es war kurz davor, die Klausur abbrechen zu müssen.

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