Sein raffiniertes Leben

By glumm

Selbst in der Nacht, wenn er über den schwach beleuchteten Flur zum Klo ging, steckte die Pfeife in seinem Mund. Es hätte ihm ja jemand begegnen können, um vier Uhr in der Früh. Und dann ohne Piepe im Mund?!
Das alte Meerschaum-Modell, das Mundstück schon schwarz vom vielen Heißrauchen, war zu seinem Markenzeichen geworden. Kaum jemand konnte sich erinnern, wie Rudi überhaupt ausgesehen hatte, ohne Pfeife in Mund.

Bei Rudis Geburt war etwas schief gegangen, doch was genau, das wusste er nicht. Rudi wusste vieles nicht genau. Er war, so hatte er es einmal aufgeschnappt, „geistig auf dem Stand eines Zweitklässlers stehen geblieben.“

Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ein freundlicher Zeitgenosse zu sein, im täglichen Leben auf Wiederholungen bedacht. Er mochte es gern, immer das gleiche zu tun. Zum Beispiel rauchen.

Sein quadratischer Schädel ähnelte einem Schinkenwürfel, und sein Mund war bis auf die wenigen braunen Stumpen im Unterkiefer zahnlos. Dass aber sein Atem so furchtbar stank, als hätte er einen kalten Haufen in der Hose, lag weniger am ruinösen Zustand seines Gebisses, sondern am Tabak selbst.

Rudis Tabak war kein herkömmlicher Pfeifentabak, sondern eine aus sämtlichen Heim-Aschenbechern zusammengeklaubte Mixtur aus ausgedrückten Kippen, die er geduldig aufdröselte und mit der er dann seine Pfeife befüllte. Ein schönes Ritual. Das beruhigte ihn. Denn eigentlich war Rudi ja ein nervöses Hemd.

Wenn ihm der Tabak gelegentlich ausging, weil alle Aschenbecher leer waren, tigerte er die Treppen im Hausflur rauf und runter, stundenlang, wie im dreistöckigen Käfig, bis sich die Raucher unter den Pflegern endlich erbarmten und ein paar Zigarettchen qualmten, jeweils zur Hälfte, versteht sich.

Was außer Kippenresten sonst noch in seiner Pfeife köchelte, wollte niemand im Heim so genau wissen.

Einmal vermisste Mattes, der Kochlehrling, einen Teller mit neun neuen Matjes, und zwar just an dem Tag, als Rudi stolz wie Oskar das ganze Gebäude einräucherte, wobei die olle Meerschaum-Pfeife schuppige Wölkchen ausstieß.

Eine Stunde vor dem Mittagessen, das Rudi grundsätzlich in abenteuerlicher Hast verschlang, hatte Rudi seinen Auftritt: Punkt elf Uhr kam er aus seiner Kammer geschritten, die Piepe vor Freude vibrierend, hieß es doch nun wie jeden Tag um diese Zeit: Vor die Tür gehen und.. „..Mäke kukke!!“
Rudi tänzelte von einem Bein aufs andere. „MÄKE KUKKE!“ rief er. „MÄKE KUKKE!“

Als Mattes seine Lehre als Koch begonnen hatte, war er zur Stations-Leitung gegangen und hatte sich erkundigt, was Rudi denn damit meinte, mit „Mäke kukke“.
„Na, Mädchen gucken! Eine Stunde vorm Mittagessen geht Rudi immer vor die Tür, Mädchen gucken.“

Vor dem Heim marschierte Rudi erregt auf und ab, im Trainingsanzug, Piepe im Maul, Augen wie Feuerräder, und es kam sogar vor, dass er all seinen Mut zusammenraffte und eine junge Frau ansprach, doch die wechselte rasch die Straßenseite. Weniger aus Angst, vielmehr wegen des Gestanks.
„Cheiche.“ (Rudi.)

Zu Weihnachten gönnte ihm das Personal mal einen guten Pfeifentabak, ein wirklich exquisites Stöffchen. Das war durchaus auch im eigenen Sinne, schließlich war der Gestank von schon mal gepafftem Nikotin bisweilen unerträglich, doch so leicht war Rudi nicht zu überzeugen. Nein, er blieb lieber bei seiner bewährten Stinkemischung. Die war besser. Bis auf Sonntags.

Da lag die Sache anders. Da stolzierte Rudi im gebügelten weißen Hemd die Showtreppe runter, die Haare frisch an den Schädel geklatscht, eine geschniegelte Manchester-Hose an – und, tatsächlich, in seinem Rauchgerät dampfte der teure leckere Weihnachtstabak!

Eine solche Wohltat war das für die Nase, Pfleger und Mitbewohner konnten nicht genug davon bekommen, alles sammelte sich in Rudis Nähe, drängte sich um ihn und schnupperte anerkennend. Rudi fühlte sich wie ein Kamin.

„Mäke gukke! Mäke gukke!“ klopfte er allen verschwörerisch auf die Schulter und ging vor die Tür. Es war aber gerade mal acht Uhr früh. Am Sonntag. Da war draußen nichts los. Keine Mädchen – nichts.

Enttäuscht drehte Rudi sich um, ging auf sein Zimmer, rein in den ollen Trainingsanzug und ab durchs Wohnheim, Etage für Etage die Aschenbecher abgrasen, damit die Piepe wieder wie gewohnt dampfen konnte. Und auch um ihn herum war wieder jede Menge Platz. So wie er es am liebsten hatte.

Ein raffiniertes Leben.

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4 Antworten zu „Sein raffiniertes Leben“

  1. Flusskiesel sagt:

    Sehr schön. Ich hätte vielleicht echten Tabak in die Aschenbecher geschmuggelt … ;-)

  2. Falk S sagt:

    Schuppige Wölkchen. Herrlich.

  3. Rudi sagt:

    Kaka_kakakakakkakakak_kack!

  4. lava sagt:

    chöne cheiche ..!

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