Archiv für November 2008

Blueshunde

29. November 2008

Morgens um acht, gleich nach dem Nachtdienst, nehm ich den Omnibus in Richtung Hästen. Oben am Pfaffenberg steig ich aus und schlag mich durch den Busch runter ins Schellbergtal.

Ich habe ein großes weißes Hotel-Handtuch dabei und die Badehose drunter. Und dann, als ich vor dem Tor stehe, hat das Freibad geschlossen!

Öffnungszeiten in der Woche:
11-20 Uhr.

Das Wasser schimmert so blau und still wie hinterm Haus in Los Angeles. Da ist auch nie jemand im Pool. Ich entdecke Libellen, die zackig über die Wasseroberfläche rotieren, und einen Mann, in einiger Entfernung. Er trägt einen Trainingsanzug und marschiert auf der Liegewiese auf und ab, mit einem riesigen, überdimensionierten Fritten-Pieker.

Ich rüttle am Gitter.
„Halloo!“
Keine Reaktion.
„HALLOOO!!“
„JA??“
„SAGEN SIE, KÖNNEN SIE MICH REINLASSEN?“
„Ist geschlossen!“
„WAAS?!“
„IST GESCHLOSSEN! WIR MACHEN ERST UM ELF UHR AUF!“
„JA SCHON, ABER ICH BIN EXTRA ZU FUSS RUNTERGEKOMMEN!“
Er stiert herüber.
„HÄH??!“
„ZU FUSS, ICH BIN EXTRA..!“
„JA, SCHON GUT. ICH KOMME..“

Ich warte vor dem heruntergelassenen Gitter. Der Knabe lässt sich Zeit. Er trottet an den Umkleidekabinen vorbei. Noch zwanzig Meter. Er sagt etwas.
Ich soll zu einem anderen Tor kommen.
In Ordnung. Ich geh um die Ecke, da steht er plötzlich mit einer Töle, die er stramm und kurz an der Leine hält. Wo hat er die denn plötzlich her? Ein Mordsvieh. Hektor. Garantiert.
„Was gibt’s denn?“
„Ich will rein.“
„Wir machen aber erst um elf auf.“
„Meister, ich hab Nachtschicht gehabt und bin vom Pfaffenberg hier runter gelatscht! Zu Fuß! Können wir nicht eine Ausnahme machen?“
Die Töle gibt keinen Mucks von sich. Der Bademeister mustert mich. Wuppertaler SV steht auf seinem Trainingsanzug. Ganz schön abgewetzt das Teil, so aus der Nähe.
„Aber ins Wasser erst ab elf. Vorher ist das Schwimmen untersagt.“
„Okay! Kein Problem. Ich will mich nur was hinlegen..!“

Er macht das Tor auf, ich drück ihm das Eintrittsgeld in die Hand, drin bin ich.
Ist das still hier. Nur das Plätschern des Brunnens im Kinderbecken und das Knistern der Stromleitungen, die von Mast zu Mast durchhängen. Das Gras ist noch feucht von der Nacht. Völlig übermüdet schlafe ich auf der Stelle ein. Ein windiger Schlaf. Der Himmel bedeckt sich. Unterm Strommast sammeln sich die Stechmücken und machen sich ausflugfertig, für elf Uhr. Einmal glaube ich den Bademeister schimpfen zu hören.
„Ja, gottverdammich! Wieso springt der denn nicht an?!“
Kurz darauf startet ein Auto und entfernt sich.
Vielleicht ist er Würstchen kaufen. Für um elf.
Es dauert keine Minute und ein paar prüfende Blicke, schon bin ich im Wasser, mit einem sportlichen Sexualköpper.
Erst als ich durchs Schwimmerbecken pflüge, fällt mir Hektor ein. Dauert keine Minute, liege ich wieder auf meinem Handtuch.

„He, woher kenn ich dich denn?!“
Die Frage kommt von weit her, und ich öffne die Augen. Ein Kerl mit schmuddeligem T-Shirt über einer Bierplauze steht direkt über mir.
„Ich kenn dich doch“, wiederholt er sich.
An seiner Schläfe wächst eine riesige braune Warze.
„Vielleicht aus dem Mumms“, murmle ich. „Die meisten kennen mich aus dem Mumms.“

Er setzt sich hin. Trotz des immensen Bauches ist er agil wie eine Wespe auf einem Koffer Fruchtzucker.
„Kennst du Rolf der Wolf und die Blueshunde? Das ist meine Band!“
Den Namen kenne ich, ja. Von Plakaten. Gefällt mir. Nicht so ein blöder englischer Bandname.
„Dann bist du der Rolf..?“
„Rolf der Wolf. Willst du auch nen Schluck?“
Er hält mir eine Flasche Malzbier hin.
„Nee, lass mal.“
Dann erzählt er.
Lymphdrüsenkrebs. Chemotherapie.
Psychose.
„Manchmal höre ich meine Stimme im Radio. Dann denk ich, wieso bin ich denn jetzt im Radio, scheisse?! Außerdem kann ich das Fernsehprogramm manipulieren.“
„Hat mir schon mal einer erzählt“, sag ich. Beeindruckt ihn aber nicht.
„Und manchmal denk ich, ich bin Jesus. Dann springen alle Ampeln auf grün, wenn ich mit dem Moped unterwegs bin.“
Je mehr Rolf erzählt, desto kurzatmiger wird er. Seine Nikotinfinger zittern.

Als er dann splitternackt über die Autobahn gesprungen ist, haben sie ihn das erste Mal ins Irrenhaus gesteckt.
„Da war ich genau fünfzehnmal, bis jetzt.“
Er zeigt mir seinen Handrücken, auf dem drei Buchstaben eintätowiert sind. LKH.
Landeskrankenhaus.
„Was willst du machen.“
Alle vierzehn Tage bekommt er eine Depotspritze.
„Gegen die Jesuseuphorie“, sagt Rolf. „Die ist am schlimmsten.“

Da er so kurzatmig ist, frag ich ihn, wie er das mit dem Gesang geregelt kriegt, auf der Bühne.
„Nö, mit Singen hab ich kein Problem. Ich bin live grundsätzlich voll. Der Bassist auch, der Organist sowieso, nur unser Schlagzeuger, der ist link. Der trinkt nicht und will nach jedem Konzert ausbezahlt werden.“
Da muss ich ihm zustimmen.
„Die linke Sau.“
Die Psychose liegt in der Familie, sagt er.
„Alle außer meiner mittleren Schwester haben voll einen an der Klatsche.“
Dann ist das Malzbier alle. Sein Schweiß fließt wie nach einer Wurzelbehandlung im Gehirn.
„Aber mit dem Krebs ist gut. Stillstand.“

Allmählich füllt sich das Freibad, die Wiese am Hügel. Stechmücken reiben sich den Rüssel, der Wolf den Bauch.
„Gleich geh ich mal ins Wasser, was gegen die Wampe tun.“
Er bleibt hocken, in seiner speckigen Jeans. Er schwitzt.
„Mann, ich schwitze wie eine Sau. Weißt du, woher das kommt? Vom Saufen. Ich sauf einfach zuviel. Letzte Woche zum Beispiel, da war ich in Kur. Die hat mich ruiniert. Direkt gegenüber vom Kurhaus war so ein SPAR-Markt. Kennst du die Halbe-Liter-Dosen?“
„Die, wo nur Bier draufsteht und sonst nix?“
„Genau die! Neunundreissig Cent. Von morgens bis abends. Eine nach der anderen. Die haben mich ruiniert.“
Er raucht Schwarzer Krauser. Kaum ist eine Kippe aus, dreht er die Nächste.

„Seit ich wieder mit ner Frau zusammen bin, geh ich kaum noch weg. Wir trinken unser Bier zuhause. Maria hab ich im Psychosozialen Verein kennen gelernt, sie hat da gearbeitet. Dann hat man sie rausgeschmissen, aber sie geht immer noch jeden Tag hin und arbeitet zwei Stunden, damit sie im Herbst vielleicht wieder eingestellt wird.“
„Aber Geld kriegt sie dafür?“
Er lacht höhnisch auf.
„Keinen Cent. Sogar das Fahrgeld muss sie selbst zahlen.“
„Und das nennt sich sozialer Verein“, sag ich.
„Psychosozialer Verein“, verbessert mich Rolf. „Ist aber egal. Sind alle Schweine.“
Er rotzt ins Gras.

Als ich am frühen Nachmittag aufbreche, höre ich die Lautsprecherdurchsage vom Bademeister.
„Die Kinder, die sich einen Euro verdienen wollen, bitte am Kassenhäuschen melden.“
Es bildet sich eine ziemliche Schlange am Ausgang. Der Mann im Trainingsanzug verteilt große Pieker an die Kinder.
Ich winke Rolf dem Wolf zu. Er schwitzt mit einer Dose Bier am Beckenrand, als säße er bereits im Fegefeuer. In der Endlosschleife. Er sieht mich nicht.

Die überladene Brieftasche

29. November 2008

Hab endlich mal meine überladene Brieftasche ausgemistet. Da haben sich im Laufe der Zeit so viele Visitenkarten, Notizen, Telefonnummern und abgestempelte Bahn-Tickets angesammelt, das Ding wirkt auch ohne einen einzigen Geldschein prallvoll. Ist also ne Täuschung. Ne Selbsttäuschung. Also, raus mit dem Müll. Und Geld rein. Hm. Na schön. Erst mal raus mit dem Müll. Und was fällt mir da in die Hände? Die Handynummer von Ringo. Der ist schon über ein Jahr tot. Die Zahlenfolge guckt mich merkwürdig an. Nur weil jemand tot ist, heißt das doch noch lange nicht, er wäre nicht mehr erreichbar. Oder? Wir leben im 21. Jahrhundert, Kinder, da ist alles möglich. Oder zumindest: Mehreres. Mobil erreichbar sein bis über den Tod hinaus. Ich weigere mich die Nummer wegzuwerfen. Ich steck sie zurück.
„Ruf doch mal an“, meint die Gräfin. „Mal gucken, was er sagt.“
„Hallo, hier Himmel.“ Das ist Ringo, mit seinem typisch dunklen Stimme!
„Ich bin’s!“ sag ich.
„Wer ist ich?“
„Na, der Glumm! Ich wollt mal vorbeischauen, dich mal besuch..“
Ach nee. Lieber doch nicht.

*
Wo wir schon mal beim Thema sind: Was passiert eigentlich mit Fallschirmspringern, die sich in den Tod stürzen? Kommen die hernach zurück in den Himmel? Oder bleiben die ungespitzt im Boden?

Montags, im Büdchen

25. November 2008

Ich steh vorm Zeitschriftenständer.
„Wo habt ihr den neuen Spiegel?“
Yüksel, Sohn von Ali, der heute nicht vor Ort ist, kommt hinterm Tresen hervor. Sein Blick erinnert mich an Hugh Grant, berufsverwirrter britischer Schauspieler.
„Ich nix wiss.“
Er wühlt sich durch einen Stapel Illustrierte, und stoppt freudestrahlend.
„Du meinen Frau im Spiegel?!“
Ach du Scheiße.

Lustige Sachen, die einem das Leben spielt

24. November 2008

1
Heut morgen treff ich nach einer windigen Nacht den Hacki in der unterirdischen Kaffeestube. Er zeigt mit dem Finger auf mich und wir trinken eine Tasse Kaffee zusammen. Bis halb vier in der Früh ist er bei einem Bekannten versumpft, hat Carrom und Backgammon und Koksrauchen gespielt.
„Seh ich arg zerstört aus?“
„Für drei Stunden Schlaf geht das vollauf in Ordnung“, beruhige ich ihn.
Ich guck dem Hacki gerne ins Gesicht. Da sind Falten drin wie früher die Flöze im Erdkundebuch. Die haben mich auch immer fasziniert. Eigentlich sieht Hacki über Tage aus wie der Pott unter Tage, damals.
„Ich glaub, ich leg mich noch ein Stündchen unter die Auadecke, was meinst du?“
„Tu das, Hacki. Tu das.“

2
„Je älter man wird, desto mehr wartet man auf das Besondere.
Und wenn das Leben dann nur Langweiliges zu erzählen hat,
sackt man wieder in sich zusammen.“
(Die Gräfin.)

3
Manchmal begegnen einem alte Klassenkameraden, die man lange nicht gesehen hat. Ich bin dann einen Moment lang verwirrt. Denke: Moment mal, der sieht ja aus wie der Vater von, sagen wir, Tommy Schiller..! Und dann kommt der Mann näher und ich erkenne: DAS IST NICHT SEIN VATER, DAS IST TOMMY SCHILLER HÖCHSTPERSÖNLICH! Teufel auch! Mitte Vierzig, und wir sehen aus wie unsere eigenen Väter. Aus. Und vorbei.

4
Dagegen hilft nur Streunen. Frische Luft ist die schönste Schminke der Welt.

5
Ich kann nicht immer alles gut finden.

Kinder, wie die Zeit zunäht!

17. November 2008

Ein Tag ohne Glück ist ein beschwerliches Leben.

*
(Manche) Menschen sind schnelle Vergesser,  aber lange Einpräger.

*
Den ganzen Sonntag nieselt es so fein, als würde der Regen durch ein Sieb gedrückt.

*
„Hinterm Haus war ein Bach, der war voller Blutegel“, erzählt sie aus ihrer Kindheit. „Ein kleiner wilder Bach, nicht kanalisiert, und wenn der im Sommer Hochwasser hatte, das ging ganz flott, ein Sturzregen genügte, dann war ich nicht mehr zu halten. Ich tauchte und planschte bis meine Mutter aus dem Haus kam und mich rausholte, dann mussten die Blutegel sofort runter. Ich hab geschrieen, so weh tat das, weil die so an den Beinen klebten, aber wenn die ab waren, stürzte ich mich direkt wieder ins Wasser rein. Ich war Tarzan.“

Zu spät

15. November 2008

Je älter man wird, desto seltener kann man mal richtig ausschlafen. Ob man will oder nicht, man wird früh wach. Darüber musste ich heute nachdenken, und ich glaube, ich weiß jetzt, was einen unbewusst so früh aus den Federn treibt: Man könnte ja sterben an dem Tag, und dann ist man zu spät aufgestanden.

Yes!

12. November 2008

„Markenklamotten anbeten“, meint die Gräfin, „das ist wie dem Kommerz den Arsch küssen.“

6 Herrengedecke und 1 Sessel aus Plüsch..

10. November 2008

.. erscheint die Tage.

Bestellung: hier!

Stiefelwetter

10. November 2008

Novembersonntag im Bergischen Land. Stiefelwetter, stabil. Wir kraxeln durch die Wupperberge. Das Schöne an Gummistiefeln: Man kann ohne Rücksicht durch den Sumpf waten, man kann von Pfütze zu Pfütze bumsen. Und wenn es crrk!! macht unter den Stiefeln, hat eine Schnecke mit Häuschen Pech gehabt. Ich kann nicht überall sein mit den Augen. Mit dem Stiefel schon.

*
„Wenn man Babybilder sieht von mir“, sagt sie beim Gehen, „also, ich war nur Speck und große Augen. Große traurige Augen. Man könnte meinen, ich wäre lebensmüde geboren. Und gerettet haben mich nur meine Neugier und meine großen Augen.“

*
Stiefelwetter findet nicht jeder gut. Vor allem unser wildes Stiefeln. Manch einer ist sogar im Wald um Korrektheit bemüht. Am Wegesrand hat jemand das Laub so quadratisch übereinander geschichtet, als hätte er lieber Ritter Sport gefuttert. Die Laub-Edition. NUR IM NOVEMBER.

*
Und der Gräfin ist gar nicht recht, dass ich so gedankenlos eine Schnecke platt trete, und dann noch eine Kolonie Pilze.
„Mann, du trittst aber auch überall drauf!“
„Na und? Das muss der Wald aushalten. Ich könnte ja auch ein Hirsch sein mit großen Schuhen.“

*
Sie bleibt an einer Schonung stehen.
„So klein die Bäumchen auch sind, aber Herbst haben die auch schon.“

*
Manches Laub-Blatt saust senkrecht zu Boden, wie von einer Guillotine gekappt, kunstlos, andere schaukeln und trudeln durch die Luft, langsamen Akrobaten gleich, die ihr eigenes Geschick genießen.

*
Ich pfeife Beatles-Lieder im Wald. Ziemlich viele Beatles-Lieder. Ist ja auch viel Wald. Bergauf, bergab. Das Laub unter den Stiefeln, eine ständige Rutschpartie.
„Von zu viel Beatles wird mir schlecht“, ächzt sie.
Mir nicht. Liegt vielleicht daran, dass ich mir als Kind gerne was vorgestellt hab: Ich sitz mit Lennon/McCartney in einem Liverpooler Reihenhäuschen oben unterm Dach, drei akustische Gitarren, Zigaretten glühen im Aschenbecher, wir komponieren „I should have known better“ (Lennon/Glumm/McCartney).

Und vom Singen eigener Songs wird einem nicht schlecht. Oder? Na ja.. Verdammt.

*
Zur Apfelernte tritt die Absurdität offen zu Tage. Während in den Gärten die leckersten Äpfel vergammeln, rennen die Leute zum Bio-Bauern um die Ecke und kaufen die gleiche Sorte für 3 Euro das Kilo.

Beinah wäre uns das auch passiert, doch dann fiel uns auf, wieviel ungepflückte Apfelbäume den Weg säumen, den Weg rauf zum Theegarten, zum Bio-Bauern um die Ecke.
Haben wir uns spontan die Taschen gefüllt.
Frau Moll war ganz aufgeregt. Sie wollte auch einen Boskop tragen, in ihrer Schnauze. Wollte uns helfen. Vier Meter weit, da war mit Helfen Sense.
„Noch einen!“

Wir sind dermaßen aufs Kaufen fixiert und geeicht, sagt die Gräfin, wir glauben mittlerweile, alles, was nicht gekauft wird, ist nichts.

„Wir haben das Ernten verlernt.“