Morgens um acht, gleich nach dem Nachtdienst, nehm ich den Omnibus in Richtung Hästen. Oben am Pfaffenberg steig ich aus und schlag mich durch den Busch runter ins Schellbergtal.
Ich habe ein großes weißes Hotel-Handtuch dabei und die Badehose drunter. Und dann, als ich vor dem Tor stehe, hat das Freibad geschlossen!
Öffnungszeiten in der Woche:
11-20 Uhr.
Das Wasser schimmert so blau und still wie hinterm Haus in Los Angeles. Da ist auch nie jemand im Pool. Ich entdecke Libellen, die zackig über die Wasseroberfläche rotieren, und einen Mann, in einiger Entfernung. Er trägt einen Trainingsanzug und marschiert auf der Liegewiese auf und ab, mit einem riesigen, überdimensionierten Fritten-Pieker.
Ich rüttle am Gitter.
„Halloo!“
Keine Reaktion.
„HALLOOO!!“
„JA??“
„SAGEN SIE, KÖNNEN SIE MICH REINLASSEN?“
„Ist geschlossen!“
„WAAS?!“
„IST GESCHLOSSEN! WIR MACHEN ERST UM ELF UHR AUF!“
„JA SCHON, ABER ICH BIN EXTRA ZU FUSS RUNTERGEKOMMEN!“
Er stiert herüber.
„HÄH??!“
„ZU FUSS, ICH BIN EXTRA..!“
„JA, SCHON GUT. ICH KOMME..“
Ich warte vor dem heruntergelassenen Gitter. Der Knabe lässt sich Zeit. Er trottet an den Umkleidekabinen vorbei. Noch zwanzig Meter. Er sagt etwas.
Ich soll zu einem anderen Tor kommen.
In Ordnung. Ich geh um die Ecke, da steht er plötzlich mit einer Töle, die er stramm und kurz an der Leine hält. Wo hat er die denn plötzlich her? Ein Mordsvieh. Hektor. Garantiert.
„Was gibt’s denn?“
„Ich will rein.“
„Wir machen aber erst um elf auf.“
„Meister, ich hab Nachtschicht gehabt und bin vom Pfaffenberg hier runter gelatscht! Zu Fuß! Können wir nicht eine Ausnahme machen?“
Die Töle gibt keinen Mucks von sich. Der Bademeister mustert mich. Wuppertaler SV steht auf seinem Trainingsanzug. Ganz schön abgewetzt das Teil, so aus der Nähe.
„Aber ins Wasser erst ab elf. Vorher ist das Schwimmen untersagt.“
„Okay! Kein Problem. Ich will mich nur was hinlegen..!“
Er macht das Tor auf, ich drück ihm das Eintrittsgeld in die Hand, drin bin ich.
Ist das still hier. Nur das Plätschern des Brunnens im Kinderbecken und das Knistern der Stromleitungen, die von Mast zu Mast durchhängen. Das Gras ist noch feucht von der Nacht. Völlig übermüdet schlafe ich auf der Stelle ein. Ein windiger Schlaf. Der Himmel bedeckt sich. Unterm Strommast sammeln sich die Stechmücken und machen sich ausflugfertig, für elf Uhr. Einmal glaube ich den Bademeister schimpfen zu hören.
„Ja, gottverdammich! Wieso springt der denn nicht an?!“
Kurz darauf startet ein Auto und entfernt sich.
Vielleicht ist er Würstchen kaufen. Für um elf.
Es dauert keine Minute und ein paar prüfende Blicke, schon bin ich im Wasser, mit einem sportlichen Sexualköpper.
Erst als ich durchs Schwimmerbecken pflüge, fällt mir Hektor ein. Dauert keine Minute, liege ich wieder auf meinem Handtuch.
„He, woher kenn ich dich denn?!“
Die Frage kommt von weit her, und ich öffne die Augen. Ein Kerl mit schmuddeligem T-Shirt über einer Bierplauze steht direkt über mir.
„Ich kenn dich doch“, wiederholt er sich.
An seiner Schläfe wächst eine riesige braune Warze.
„Vielleicht aus dem Mumms“, murmle ich. „Die meisten kennen mich aus dem Mumms.“
Er setzt sich hin. Trotz des immensen Bauches ist er agil wie eine Wespe auf einem Koffer Fruchtzucker.
„Kennst du Rolf der Wolf und die Blueshunde? Das ist meine Band!“
Den Namen kenne ich, ja. Von Plakaten. Gefällt mir. Nicht so ein blöder englischer Bandname.
„Dann bist du der Rolf..?“
„Rolf der Wolf. Willst du auch nen Schluck?“
Er hält mir eine Flasche Malzbier hin.
„Nee, lass mal.“
Dann erzählt er.
Lymphdrüsenkrebs. Chemotherapie.
Psychose.
„Manchmal höre ich meine Stimme im Radio. Dann denk ich, wieso bin ich denn jetzt im Radio, scheisse?! Außerdem kann ich das Fernsehprogramm manipulieren.“
„Hat mir schon mal einer erzählt“, sag ich. Beeindruckt ihn aber nicht.
„Und manchmal denk ich, ich bin Jesus. Dann springen alle Ampeln auf grün, wenn ich mit dem Moped unterwegs bin.“
Je mehr Rolf erzählt, desto kurzatmiger wird er. Seine Nikotinfinger zittern.
Als er dann splitternackt über die Autobahn gesprungen ist, haben sie ihn das erste Mal ins Irrenhaus gesteckt.
„Da war ich genau fünfzehnmal, bis jetzt.“
Er zeigt mir seinen Handrücken, auf dem drei Buchstaben eintätowiert sind. LKH.
Landeskrankenhaus.
„Was willst du machen.“
Alle vierzehn Tage bekommt er eine Depotspritze.
„Gegen die Jesuseuphorie“, sagt Rolf. „Die ist am schlimmsten.“
Da er so kurzatmig ist, frag ich ihn, wie er das mit dem Gesang geregelt kriegt, auf der Bühne.
„Nö, mit Singen hab ich kein Problem. Ich bin live grundsätzlich voll. Der Bassist auch, der Organist sowieso, nur unser Schlagzeuger, der ist link. Der trinkt nicht und will nach jedem Konzert ausbezahlt werden.“
Da muss ich ihm zustimmen.
„Die linke Sau.“
Die Psychose liegt in der Familie, sagt er.
„Alle außer meiner mittleren Schwester haben voll einen an der Klatsche.“
Dann ist das Malzbier alle. Sein Schweiß fließt wie nach einer Wurzelbehandlung im Gehirn.
„Aber mit dem Krebs ist gut. Stillstand.“
Allmählich füllt sich das Freibad, die Wiese am Hügel. Stechmücken reiben sich den Rüssel, der Wolf den Bauch.
„Gleich geh ich mal ins Wasser, was gegen die Wampe tun.“
Er bleibt hocken, in seiner speckigen Jeans. Er schwitzt.
„Mann, ich schwitze wie eine Sau. Weißt du, woher das kommt? Vom Saufen. Ich sauf einfach zuviel. Letzte Woche zum Beispiel, da war ich in Kur. Die hat mich ruiniert. Direkt gegenüber vom Kurhaus war so ein SPAR-Markt. Kennst du die Halbe-Liter-Dosen?“
„Die, wo nur Bier draufsteht und sonst nix?“
„Genau die! Neunundreissig Cent. Von morgens bis abends. Eine nach der anderen. Die haben mich ruiniert.“
Er raucht Schwarzer Krauser. Kaum ist eine Kippe aus, dreht er die Nächste.
„Seit ich wieder mit ner Frau zusammen bin, geh ich kaum noch weg. Wir trinken unser Bier zuhause. Maria hab ich im Psychosozialen Verein kennen gelernt, sie hat da gearbeitet. Dann hat man sie rausgeschmissen, aber sie geht immer noch jeden Tag hin und arbeitet zwei Stunden, damit sie im Herbst vielleicht wieder eingestellt wird.“
„Aber Geld kriegt sie dafür?“
Er lacht höhnisch auf.
„Keinen Cent. Sogar das Fahrgeld muss sie selbst zahlen.“
„Und das nennt sich sozialer Verein“, sag ich.
„Psychosozialer Verein“, verbessert mich Rolf. „Ist aber egal. Sind alle Schweine.“
Er rotzt ins Gras.
Als ich am frühen Nachmittag aufbreche, höre ich die Lautsprecherdurchsage vom Bademeister.
„Die Kinder, die sich einen Euro verdienen wollen, bitte am Kassenhäuschen melden.“
Es bildet sich eine ziemliche Schlange am Ausgang. Der Mann im Trainingsanzug verteilt große Pieker an die Kinder.
Ich winke Rolf dem Wolf zu. Er schwitzt mit einer Dose Bier am Beckenrand, als säße er bereits im Fegefeuer. In der Endlosschleife. Er sieht mich nicht.