27. August 06, Autobahn A 46. Ein heftiger Regenschauer zwingt die Gräfin zu einem rasanten Abbremsmanöver, unser grauer Nissan bäumt sich auf, als wolle er Männchen machen, ein Männchen nach dem anderen.
„Scheiße!“ ruf ich und klammere mich am Handschuhfach fest.
„Nur die Ruhe..“, meint die Gräfin gelassen, sie sitzt hinterm Steuer, „bis jetzt ist noch immer alles gut gegangen.“
„Früher, klar“, sag ich, als der Regen und die Windböen nachlassen und wir wieder unsere 90 Stundenkilometer auf dem Tacho festzurren, „früher ist alles gut gegangen, klar, da waren wir jung, da geht alles gut, aber die Zeiten sind irgendwann vorbei, dass immer alles gut geht, oder nicht?“
Autobahnfahrten irritieren mich zunehmend, machen mich fickrig, dabei ist die Gräfin eine gute, eine sportliche Fahrerin, eine Kubanerin der Straße.
Sie findet immer eine Lösung.
„Hat Holland eigentlich einen ADAC?“ fragt sie.
„Will ich doch hoffen“, murmle ich.
Anderthalb Stunden noch bis Zeeland. Ich wundere mich, wie harmonisch wir unterwegs sind. Normalerweise ist die Hinfahrt die Achillesferse unserer Reise, nicht selten geht die Sonne im Rückspiegel unter, als Blutball.
Einmal, auf einem Rastplatz in der Picardie, gerieten wir uns dermaßen in die Haare, dass fortan jeder auf eigene Faust weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich im Schnellzug.
Das Gepäck war schon aufgeteilt, als mir endlich aufging, dass ich der Gelackmeierte gewesen wäre in dieser Situation, und nicht sie. ICH hätte erstmal einen Bahnhof finden müssen in der nordfranzösischen Pampa, an einem Sonntagabend im Hochsommer, den Koffer in der verschwitzten Hand, während SIE lustig davon gezuckelt wäre, im Fiat 500 mit dem offenen Verdeck, damals noch.
Da hab ich mir das ganze noch mal durch den Kopf gehen lassen.
Während der Fahrt erzählt sie von dem gut aussehenden Lehrer, der seit ein paar Monaten gegenüber wohnt, den ich aber nicht einmal vom Sehen kenne.
„Seine Freundin besucht ihn alle paar Tage. Und letztens sind sie eine Woche in Urlaub gefahren.“
„Eine Woche? Woher weißt du das so genau?“
„Weil ich zufällig mitgekriegt hab, wie sie den Wagen gepackt haben. Die machen auch Camping. Am nächsten Morgen sind sie gefahren.“
„Na gut, aber woher weißt du, dass sie genau eine Woche weg waren?“
„Ja, wie gesagt, ich kenne das Auto, ein roter Renault Megane. Das war eine Woche weg, dann stand es wieder da.“
„Was du alles mitkriegst“, murmle ich.
„Wenn ich morgens meinen ersten Kaffee trinke, guck ich aus dem Fenster, weißt du doch, eine alte Angewohnheit. Dann steht da sein Wagen noch. Und wenn ich den zweiten Kaffee einschütte, ist er meist schon weg. Immer um dieselbe Zeit, zwanzig vor acht. Der ist bestimmt Lehrer.“
Sie zieht an ihrer Zigarette.
„Ab und zu fällt ein Blatt vom Gummibaum auf seiner Fensterbank, wenn er vergessen hat, ihn zu gießen.“
Ich bin platt. Ich dachte immer, ich wäre neugierig, stattdessen krieg ich überhaupt nichts mit!
„Aber wieso gutaussehend? Wieso sagst du ein gutaussehender Lehrer?“
„Ja, weil er das ist, gutaussehend.“
Na schön.
„Und seine Freundin?“ sag ich.
„Was ist mit der?“
„Na, ist die auch gutaussehend?“
Sie wechselt auf der Stelle das Thema.
„He, du hast ja deine beiden Brötchen schon auf!“ stellt sie verwundert fest, als sie kurz hinter Bergen op Zoom im Proviant stöbert. „Sollen wir uns mein letztes teilen, hast du noch Hunger?“
„Na ja, klar.“
Autobahnfahren macht hungrig. Vor allem auf dem Beifahrersitz. Ich hab ja keinen Führerschein, hab nie einen gemacht.
Zwar absolvierte ich mit 18 ein paar Fahrstunden, die waren auch in Ordnung, doch dann kam diese durchgesoffene Nacht, als ich dem dicken Hansen im Morgengrauen den Schlüssel seines nagelneuen Toyotas aus der Hosentasche angelte, während er tief und feste schlief.
T. Rex hämmerten im Quattro-Sound, WHAT HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM, meine damalige Lieblings-Fünf-Minuten-Oper: SURPRISE, SURPRISE, THE BOYS ARE HOME!
Ich saß am Lenker, Pepe daneben und Karlos hinten, und während die Flasche Wodka die Runde machte, „der Glumm fährt Auto! Der Glumm fährt Auto!“, ging es bergab in eine enge Kurve und Glumm verwechselte fatalerweise Gaspedal und Bremse und der Wagen flog in den Wald.
Glücklicherweise türmte sich genau an dieser Stelle ein Haufen schwarzer Schotter, in dem die Schnauze des Toyotas komplett verschwand.
Hätte der Haufen nur einen Meter weiter links oder rechts gestanden, wir wären frontal gegen den nächsten Baum geknallt.
Wir hatten Mühe, die Türen aufzukriegen, wir mussten uns regelrecht gegen den Schotter behaupten, bis wir endlich aus dem Wagen herausklettern konnten.
„Hallelujah, Glumm“, meinte Karlos trocken, und Pepe reichte mir die Hand, „Gold.“
Es hat mehr als drei Jahre gedauert, bis ich in kleinen Raten den Totalschaden reguliert hatte, bei der Oma vom dicken Hansen, die ihm den Wagen zum 18. Geburtstag geschenkt hatte. Das war der Preis dafür, dass die Schmiere keinen Wind bekam von der Sache.
Seither hab ich niemals wieder hinterm Lenkrad gesessen.
Dass ich den Lappen nicht gemacht hatte, stellte ich den Freunden gegenüber als coole Sache hin, aber in Wahrheit verfolgte es mich bis in meine Träume.
Nacht für Nacht sah ich mich hinterm Steuer sitzen, ich fuhr zur Arbeit, ich war ein normaler Mann mit motorisierter Gegenwart und Zukunft.
Tja, war wohl nichts.
„Sei bloß froh“, meint die Gräfin dazu. „Irgendwann ist es nämlich soweit und man will so sein wie alle anderen. Man will dazugehören. Da kann man von Glück reden, wenn es nicht soweit kommt, aus welchen Gründen auch immer.“
6 Kilometer noch bis Dishoek.
„Guck mal, der liebe Gott hat Bügelwetter“, sagt die Gräfin mit Blick in den Himmel.
„Bettleber? Der liebe Gott hat ne Bettleber?“ hab ich nicht richtig verstanden, der Verkehr ist so aufbrausend.
„Bügelwetter! Der ist da oben mit dem Dampfbügeleisen unterwegs! Brauchst doch nur hoch zu gucken! Wie das dampft!“
Na logisch, jetzt geht’s doch noch los, so kurz vorm Ziel. Sie wird rappelig. Die berühmte Hinfahrtrappeligkeit!
Frau Moll scheint nur darauf gewartet zu haben, wie auf Kommando behechelt sie zornig den Rücksitz, den wir mit Handtüchern drapiert haben, falls sie mal kotzen muss. Sie fährt ungern Auto. Sie hasst Autofahren noch mehr als ich. Sie bellt um ihr kleines Hundeleben.
„HALT DIE KLAPPE, HUND!“
Da kotzt sie.
Welkom op Zeeland!
Die Silhouette von Vlissingen taucht auf, der größten Stadt auf Zeeland, ein aus dem Himmel gestürztes Spielzeug-Chicago, mit Kaimauer und Funkturm.
„Kijk, een helle fremde Vrouw!“ zeigt die Gräfin auf ein dralles Meisje, das den Straßenrand entlang stakst.
„Kijk, een helle fremde Vrouw!“, das hat sie noch aus dem letzten Holland-Urlaub, da stand der Spruch auf dem Stiel von Cat Ballou, dem leckersten Wassereis Zeelands mit einer Kaugummikugel als Überraschung.
Ich streich die Alu-Folie glatt, in der unsere belegten Brötchen eingewickelt waren, und falte sie ordentlich zusammen, zu einer kleinen Decke.
„Damit können wir uns zudecken, wenn es nachts kalt wird im Zelt“, sag ich fürsorglich.
Sie lächelt vergnügt.
„Komm, wir bedanken uns mal beim lieben Gott, dass der Wagen gehalten hat, bis hierhin.“
Während die Gräfin, wir stehen vor einer Ampel und warten auf grün, Richtung Himmel betet, werfe ich ein Gebets-Küsschen zu Boden.
Ich meine, wer sagt denn, dass Gott OBEN wohnt. Außerdem rostet der Nissan UNTEN durch.
Überraschung, als wir auf Camping Dishoek ankommen und den Schlagbaum passieren. Da die Nachsaison gerade begonnen hat, können wir das Zelt aufbauen, wo wir wollen. Überall ist Platz. Wir entscheiden uns für Areal 18, wo auf der Größe eines halben Fußballplatzes ein einziges Wohnmobil steht. Kennzeichen Remscheid. Au, Kacke.
Der Campingplatz liegt unmittelbar vor den Dünen, man muss lediglich die kaum befahrene Küstenstraße überqueren, schon ist man am Meer – perfekt.
Das zentrale Waschhaus, es gibt auch dezentrale, kleinere, ist riesig und sauber, auch wenn ich mir bei der ersten Inspektion die Nase zuhalten muss, ein Alt-Hippie aus Duisburg kommt aus der Toilette gestiefelt: Atomkraft nein danke, aber auf dem Klo ein stiller Brüter, das haben wir gern.
Es gibt sogar einen Extra-Wickelraum für Babies, mit dem Hinweis: HIER GEEN TOTGEBURTEN PLAATSEN. DANK U.
DE DIREKTIE
„Steht das da echt?“ fragt die Gräfin ungläubig, als ich ihr davon berichte.
„Ja, glaub mir. Keine Totgeburten plaatsen. Die gehören in den Abfall.“
„Du spinnst!“
„Dann guck selbst!“
Wir sind beim Zeltaufbau, nach der Hinfahrt regelmäßig die zweite große Nagelprobe unserer Ferien-Allianz.
Es wird geschrieen, Heringe werden vermisst, es wird hinterhältig taktiert und Beinchen gestellt.
Einmal, auch in Holland, aber woanders, nämlich in Belgien, segneten die an sich unzerstörbaren Fiberglas-Stangen unseres brandneuen Zwei-Mann-Zelts schon beim Auspacken das Zeltliche, worauf wir vom scheiß Camping die Nase so voll hatten, dass wir den ganzen Krempel einfach zurückließen und uns in Knokke ein schweineteures Studio mieteten, für vierzehn Tage.
Genauer gesagt: in Knokke-Heist.
Das war der Urlaub, in dem uns kaum Kohle zum Essen blieb, aber jeder neue Tag mit dem knackigen Spruch begann: „Nur Knokke-Heist heisst Knokke-Heist!“, und das war ja auch nicht so verkehrt.
Diesmal aber, nächste Überraschung, alles easy beim Aufbau. Jeder weiß, was er zu tun hat, keiner redet dem Anderen rein und weiß alles besser. Zwischendurch finde ich sogar Zeit, auf dem kleinen Campingkocher den ersten Espresso anzublasen, der allerdings merkwürdig schmeckt, wie nachlässig aufgerollte Nylonstrümpfe, was sich keiner so recht erklären kann.
Am Abend ein erster kleiner Strandspaziergang. Es ist jedes Mal aufs Neue ein erhebendes Gefühl, die Düne hochzuschnaufen, und dann steht man oben auf dem windigen Kamm und guckt zur See hinunter, die ihr Silber heranrollt, die Gischt, und ist überglücklich, allein vom Anblick des Meeres. Dem Geräusch anschwappender Wellen. Dem Geschrei der Möwen.
Es ist wie eine Rückkehr in fast vergessene Zustände, als wir alle noch Fisch waren.
Quallen.
Wir finden tote Quallen am Strand und jede Menge angespülter Zwiebeln. Große, ungeschälte Gemüsezwiebeln und kleine verschrumpelte, vom Salzwasser gehäutete Günter Grass-Zwiebeln.
„Da hat jemand Zwiebeln verloren“, kämpfe ich mit tiefer Stimme gegen den Wind an, „auf hoher See“, aber die Gräfin hört mich nicht. Kann mich nicht hören. Sie ist längst im Wasser.
Wenn sie Schnee sieht, muss sie rodeln, wenn die See ruft, ist sie drin.
Ihre Klamotten hat sie am Strand zurückgelassen, ein kleiner Hügel aus Handtuch, Batik-Shirt und kleinem Rucksack. Immerhin hat sie den Slip anbehalten.
Ich seh sie winken, inmitten einer Welle, und winke zurück. Frau Moll, auch längst im Wasser, paddelt hinter ihr her wie ein Küken der Entenmutter, ein kläffendes Küken.
Die paar Leute, die außer uns am Strand sind, bleiben stehen und glotzen, ach, wie süß. Süß, ja. Ich hocke im feuchten Sand, umgeben von Silber.
„Das ist toll, das Wasser! Vor allem die Wellen!“
Keuchend lässt sich die Gräfin neben mir in den Sand fallen.
Die erste Nacht im Zelt. Ich kann nicht schlafen und geh runter ans Meer. Frau Moll kommt mit. Ich pinkle in die Wellen.
Als wir zum Zelt zurückkehren, lugt die Gräfin verschlafen aus der Kabine heraus.
„Wo ward ihr..?“
„Unten, am Meer. Pissen.“
„So lange?“
„Ist doch ein großes Klo.“