Wenn man eine Frau hat und Popsongs

By glumm

1
Wenn man eine Frau hat, die ständig das letzte Wort für sich in Anspruch nimmt, das geht schon in Ordnung. Weil das allerletzte Wort, das steht sowieso im Notizbuch.

2
1975 war es noch möglich, dass ein schräger und schleppender Song wie “Benny and the Jets” von Elton John (jawohl, Elton John!) No. 1 werden konnte in den amerikanischen Billboard Charts.

Ich mag solche Popsongs, die sich voranschleppen wie ein Tag, an dem man es schwer hat und am Abend ist die Sache ausgestanden.

Randy Newman ist ein Meister solcher Songs. Oder Allen Toussaint. “With you in mind” beginnt wie eine durchschnittliche Südstaaten-Schnulze, steigert sich zum langsamen Abschleppversuch und endet in Küssen gegen das Zungenbein, aber im Stehen, und es regnet.

3
Es dauerte nicht mal einen halben Takt, schon war ich wieder drin. Als wäre der Song niemals weg gewesen, als hätte ich ihn nicht das letzte Mal vor über zwanzig Jahren gehört.

Ein TV-Beitrag über kurzlebige Modetänze wie Lambada oder Letkiss wurde mit Fetzen von “Loco-Motion” unterlegt, nicht mal drei Sekunden lang, schon verschwand die Nummer wieder unter der harschen Stimme aus dem Off.

Aber es reichte. Es reichte, um wieder vorm Plattenspieler zu sitzen, den Kopfhörer umgeschnallt, zirka 1974 bis 1977.

Den Song hab ich damals wohl tausend Mal gehört, abgespielt von einer brettharten 45er-Single des London-Labels.

“Loco-Motion” von der wunderbaren Little Eva. Ein treibender Tanztsunami, einerseits, andererseits so schwer und massiv wie ein Motorblock, come on, Baby, that’s right. A-ha. Wie tanzen, und doch nicht vom Fleck kommen.

Als liefe eine Horde Schuljungs hinter dem Song her und feuere ihn an, “he, schwere Lokomotive, schnauf!”

Produziert wurde “Loco-Motion” 1962 von Phil Spector, dem Erfinder des Wall of Sound.

Da wurde nicht mit Stereo experimentiert, die Songs kamen tatsächlich wie eine Wand aus dem Studio, eine Wand aus Gusseisen, die einem gegenüberstand und an der man sich abarbeiten musste, die einen forderte und verschlang und süchtig machte.

Andererseits war der Wall of Sound ein dünnes Eis, auf dem Phil Spector sich bewegte, es gab immer wieder Nummern, die nicht funktionierten. Sie regten mich auf, sie nervten mich, sie waren nichts anderes als 3 Minuten falsches Talmi, billiges fieses Mono: “Zip-A-Dee-Doo-Da” etwa, von den Ronettes. Was ein Müll.

4
Meine Bibel dieser Jahre hieß A-Wop-Bop-A-Loo-Bop-A-Wop-Bam-Boom, ein Buch über den frühen amerikanischen Rock’n Roll und die britische Beatmusik, geschrieben von Nik Cohn.

Bis heute das vielleicht witzigste und intelligenteste und rotzigste Buch, das ich je gelesen hab, ich hab es beim Lesen regelrecht zerfetzt, so sehr pochte mein Herz.

Übrig geblieben sind einzelne, vergilbte Artikel.

Hach ja.

5
Manchmal warte ich nur darauf, dass es passiert, dass der Alltag endlich aufgebrochen wird, dass die Magie ihr Köpfchen erhebt und.. ach, was. Wenn man drauf wartet, passiert sowieso nichts.

Da bin ich schon froh, wenn der Hippie-Nachbar seinen alten VW-Käfer startet, mit diesem Geräusch aus meiner Kindheit: Als würde sich serienmäßig der Zündschlüssel mitdrehen, während der Motor anläuft.

Hach.

Schlagwörter: , ,

7 Antworten zu „Wenn man eine Frau hat und Popsongs“

  1. Mückenschreck sagt:

    oder ein Geruch der plötzlich eine Tür aufstösst:
    Zweitakterabgase, die riechen noch immer jedes Mal nach Jugend, Abenteuer und machen einen wunderschönen Herzschmerz…

  2. amadea sagt:

    Die Magie hebt ihr Köfchen wenn du schreibst.

  3. KleinesF sagt:

    In dem Motor stecken tausend Knöpfe im boxenden Zylinder.

  4. Axel sagt:

    Sag’ mal, sind die Hach und Hach ja von Dir oder von der Gräfin? Ich fürchte ja, von Dir.
    Mensch Glumm, Du wirst alt !!

    Nr. 2: Absolute Zustimmung und Hut ab für diese Formulierung:
    … und endet in Küssen gegen das Zungenbein, aber im Stehen, und es regnet.

  5. Axel sagt:

    … und weil es gerade so schön passt, lies’ href=”http://www.mattwagner.de/2009/02/die-verpasste-engtanzchance.htm”>das hier mal.
    Das Weblog kann ich Dir empfehlen – Herr Wagner schreibt wunderbar.

  6. glumm sagt:

    axel. ich bin. alt.

  7. axeage sagt:

    @glumm
    quatsch. mit. 50. ist. man. erst. alt.
    nein. mit. 60.

Einen Kommentar hinterlassen