Mit Thomas Kling in Bochum *

Nikolaustag 1987

“Beim nächsten Ton ist es.. sieben Uhr.. zehn Sekunden”, dröhnt die Stimme des telefonischen Auftragsdiensts durch meinem Schädel, als kreise eine Messerschmitt in mir. Das Herz wummert wie verrückt. Ich richte mich vorsichtig auf, und stiere in die Dunkelheit. Warte, dass der Herzschlag sich beruhigt. Dass ich nicht draufgehe. Dass das Telefon nochmal klingelt. Dass sie es ist.
Ich rufe an, hatte sie gesagt, wenn ich Lust habe. Mitzukommen. Mache ich deinen privaten Weckdienst, um kurz nach sieben. Doch Modell Hamburg, das braune Spezialtelefon für Sehbehinderte stand im Telefonladen im untersten Regal, so hässlich und voller Riesentasten, dass Karlos und ich es kaufen mussten, aus Mitgefühl für hässliche Unika, bleibt stumm. Dann eben nicht. Fahr ich eben alleine. Alleine bin ich sowieso besser. Alleine bin ich am besten. Warum ruft sie nicht an.

Karlos pennt noch, natürlich. Keine Ahnung, wo er gestern abgeblieben ist. Im Mumms jedenfalls nicht. Keine drei Stunden her, da stand ich noch am Tresen und hab “einen Gespritzten!” geschrieen. Hosianna.
Seine schwarzen Sargträgerschuhe, sonst penibel auf Hochglanz poliert, so verlangt es die Friedhofsordnung, liegen verschmiert im Flur, wie gestrandete Containerschiffe. Es stinkt nach Fusel. Die ganze Bude stinkt nach Fusel und Tabak.

Einen schnellen Mocca und eine Kippe später stiefle ich Richtung Hauptbahnhof. Viel zu dünn angezogen. 8.07 läuft der Ruhrgebiets-Express ein. Neue Ausfallerscheinung nach übermäßigem Konsum von Schnaps: dieses tumbe, wattierte Gefühl im Ohr, als würde ich allmählich mein Gehör einbüßen. Als zöge sich das linke Ohr, es ist ausschließlich das linke, langsam in die Tiefe zurück. Als hätte es genug gehört. Genug für diesmal, in diesem Dasein.

Auf nach Bochum! Zur Matinee-Lesung mit Thomas Kling. Als wir uns das erste Mal über den Weg liefen, während der Preisverleihung im Herbst 86 in der Düsseldorfer Kunsthalle, wo er mit dem NRW-Preis für Lyrik ausgezeichnet wurde und ich für Prosa, linste beim Aufstellen zum Pressefoto ein Pöttchen Löwensenf aus der Tasche seines Trenchcoats. Da hab ich ihm die Hand gereicht. Danach musste ich pissen. Er kam mit.

In Hagen heißt es umsteigen. Am Bahnhofskiosk hole ich zwei Dosen Bier und widme sie Pepe, der seit dem 3. Juli in Hagen unter der Erde ist, gleich neben seinen Großeltern. Eine Woche zuvor hatte er sich in München einen Speedball zu viel geschossen, auf einem Wirtshausklo an der Leopoldstrasse. Dem Wirt war aufgefallen, dass der Kaffee zwanzig Minuten unangerührt auf dem Tresen stand und ist nachschauen gegangen. Schweres Atmen hinter verschlossener Klotür, ein Mann auf den Fliesen, nicht ansprechbar, verstreutes Fixerbesteck. Der Wirt rief sofort den Notarzt, der konnte nur noch den Tod feststellen.
Pepes letzte Augenblicke gehen mir nicht aus dem Kopf. Verfolgen mich. Was er gefühlt haben muß, als die versehentliche Überdosis ihn flutete, er umkippte. Als er geschnallt haben muß, dass er diesmal definitiv zu viel auf den Löffel geschaufelt hatte. (Heroinsüchtige sind Showstars, die ihre Bühne knallhart nach innen zimmern.)
Wie lange er wohl noch lebte, während die Bodenfliesen seine Stirn kühlten, sind Szenen seines Lebens vorüberzogen? War ich dabei? Sonst jemand von den alten Jungs?

Nachdem Pepe fünfzehn Monate Knast und Therapie hinter sich hatte, ließ sein dauergebräunter Herr Vater einen Jeans-Shop springen, als Neustart in ein cleanes Businessleben, in München, Leopoldstrasse. Weit weg von Solingen. Wenn schon, denn schon. Es dauerte nicht lange, und Pepe bediente sich wieder aus der Ladenkasse. Gelernt ist gelernt. Ruckzuck wieder drauf, ließ er sich mit Vorstadt-Bimbos ein, die den Jeansshop als Treffpunkt nutzten, um Bubbles an die Schickeria zu verticken. Sie gingen ein und aus.
“Wenn ich ihn darauf ansprach, hat er nur von afrikanischen Geschäftsfreunden gesprochen”, meinte seine Münchner Freundin konsterniert, als sie nach seinem Tod ein Dutzend Pumpen unter Pepes frischer Wäsche fand. Trotz Therapie, er war in Wirklichkeit kaum je wirklich clean gewesen. “Alter, ich roll mir nach Feierabend schon mal einen kleinen Joint, mehr nicht”, hatte Pepe allen Ernstes behauptet, als er das letzte Mal zu Besuch in Solingen war. Und dass er dafür extra die Rolladen herunter ließe. Ja genau. (Wenige Stunden später kam er im Hotel vorbei, ich hatte Nachtdienst. Er war so breit, dass er alle halbe Stunde kotzen musste. “Ich hab den gleich Hustle wie immer”, beichtete er. Ich musste hoch und heilig versprechen, niemanden davon zu erzählen.)

Die erste Dose Bier kippe ich auf ex. Auf den guten alten Pepe. Aufs Heroin, das nichts anderes ist als ein Warmwassertank, den man um seinen Körper herum baut, auf die Sucht, die wie ein bösartiger Juckreiz funktioniert. Man weiß nur zu gut, dass, wenn man sich jetzt kratzt, es danach nur umso schlimmer juckt, aber erstmal wird es: BESSER. Für einen klitzekleinen Moment der Erleichterung. Gibt ein Junkies: sein Leben.
Als ich Ende Juni von seinem Tod erfuhr, durch den Anruf von TB, der in München eine Schauspielschule besuchte, musste ich erstmal lachen. Nicht laut. Es war eher leise. Ich konnte nicht anders. Ich glaube, es war nicht mal ein Lachen.

Bochum, halb Elf. Ein Mitarbeiter des Kulturamts erwartet mich am Bahnsteig. Daneben Thomas Kling. Wir reichen uns die Hand und steigen ins Auto ein, beide hinten. Ich hab eine ziemliche Fahne, was aber niemand bemerkt, weil der Knabe vom Kulturamt vorn am Steuer sitzt und Kling in einem fort quasselt. Er ist schmal und blass. Fehlt nur der Schmiss auf der Backe, denk ich, und er kann seine eigene Bruderschaft aufmachen. “Kling hat was extrem maschinelles in seiner Sprache”, hat die Gräfin gestern noch gemeint, und: “Ich mag ihn trotzdem. Er ist eine Seelenmaschine.”

Bochum, Innenstadt. Eine Ampel steht auf rot, an einem zugefrorenen Teich. Schulkinder rutschen lärmend übers Eis. Sie spielen Hockey mit langen Holzstöcken und einer dicken Scheibe Hartsalami, und der Kinderschiedsrichter macht Kunststückchen auf dem BMX-Rad. “He! Guckt euch das an..!” fasse ich den Anblick nicht, doch der Kling quasselt weiter und der Mann vom Kulturamt hat genug mit dem Verkehr zu tun. Was soll’s. Oder um mit Karlos zu sprechen: Ich könnte tausend Mal am Tag meinen Mund aufmachen, und ich könnte es tausend Mal am Tag unterlassen, so, wo ist da der Unterschied?

Die Lesung findet im Museums-Cafe statt. “Mahlzeit”, sag ich und hol mir an der kleinen Bar den ersten Osborne. Es werden insgesamt zehn Osborne, über den Tag verteilt. Oder sechs, vielleicht auch siebenunddreißig, ich zähl doch meine Schnäpse nicht. Der Moderator, auch er angestellt beim Kulturamt Bochum, stellt uns Autoren vor: “Beides Preisträger des letztjährigen NRW Literaturtreffens.” Und Kling gar ein kommender Liebling des Feuilletons. Sagt der Moderator. Sein Ton ist sachlich und ruhig, er hat das Matinee im Griff. Ich fang dann mal an. Ich bin Erster! Ich lese aus Komma, ich blute, wo ich krank vor Liebeskummer und Einsamkeit durchs dunkle Düsseldorf torkle, kurz vorm Weihnachtsfest, ein schön-depressiver Dezembertext. Wie es sich gehört, endet er mit der Einsicht, dass jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit. So ist das.

Im Publikum gut ein Dutzend Leute, von denen alle selber schreiben. Minimum zehn plus zwei Leseratten. Der Moderator bittet um Reaktionen. Ich war gut in Form. Eine Frau meldet sich zu Wort, schnippt fast mit dem Finger wie in der Schule. Als sie drangenommen wird, spricht sie mich direkt an: “Herr Glumm, das könnte ich stundenlang weiterhören.”
“Ja gut”, antworte ich und gucke zum Moderator rüber, “ich könnte auch stundenlang weiterlesen. Setzen.” Der Saal tobt. Der vierte Osborne. Sonst keine Wortmeldung. Doch, Moment. Kling. Er meint, “Glumm schreibt ehrlich”, was mir nicht gefällt, das geht überhaupt nicht, ehrlich. Aufrichtig kann man versuchen, wird aber auch langweilig. Dann wendet er sich, fast privat, an mich. “Pass auf, dass du nicht verheizt wird.” Hm, ja. Der Moderator fragt noch irgendwas, der Ordnung halber, ich antworte der Ordnung halber, irgendwas, dann legt der Meister los. Die Performance wird von einem befreundeten Musiker am Keyboard begleitet, Jansen. Jansen gibt eine merkwürdige Figur ab. Wirre Mähne, kurze Beine, die in weiten Flanellhosen stecken. Fehlen nur die Pantoffeln, und der kleine Muck steht höchstpersönlich am Synthi, Furchen der Verzweiflung in die Stirn getrieben.

Es ist nicht mal dreizehn Uhr. Ich hab Feierabend. Ich zieh mir ein Bier nach dem anderen rein. Dazu einen Osborne. Ja, sicher. Scheiße, bin ich besoffen.

Nach der Lesung landen wir in der gediegenen Altbauwohnung einer Dame. So stelle ich mir eine Mäzenin vor. Alleinstehend, um die fünfzig, genug Asche, im Wohnzimmer ein gewienertes Bechstein-Klavier. Überraschend: sie serviert Stachelbeertorte mit selbst geschlagener Sahne. Unangenehm: Jansen gräbt die Frau an. Nicht nur das, er wackelt dabei so komisch auf dem Klavierhocker. Kann der nicht einfach die Fresse halten und auf dem Sofa einpennen? Er kann kaum noch aus den Augen gucken, so müde ist er. Nachdem er Schubert gegeben hat, sackt er zusammen und pennt im Sitzen ein.

Kling erzählt der intimen Runde, dass er und Jansen seit 72 Stunden auf den Beinen seien und eigentlich halbtot. Die Beiden kommen direkt von einem interdisziplinären Kunst-Happening in Zürich. Es folgen, im Plaudertaschenton, theoretische Anmerkungen zur deutschsprachigen Literatur. Kling bringt Fremdwörter, von denen ich niemals gehört hab. Ich bin froh, dass ich Die Situation kenne, das ist ein sehr schönes deutsches Fremdwort. Kling ist der Star. Ich zähle nicht wirklich. Ich bin betrunken. Einmal werfe ich ein, wie sehr ich moderne deutsche Literatur hasse, sie sei provinziell und lumpig. “Deutsche Autoren schreiben, als hätten sie Muffen, was die Nachbarn dazu sagen könnten.” Sag ich. Und bin mir im Nachhinein nicht mal sicher, ob ich es vielleicht doch nur gedacht habe.

Abends lädt das Kulturamt Bochum zum Essen bei einem stadtbekannten Griechen. Kleine Marihuanasticks glühen an meinem Tisch, endlich bessert sich meine Laune. Übermütig ordere ich beim Kellner ein Schnitzel in Klarsichtfolie aus dem Kotelett-Automat. Kling, neben mir, lacht, aber nicht wirklich. Irgendetwas stimmt mit dem Kerl nicht. Na schön. Mit wem stimmt überhaupt irgendetwas. Irgendwann ist Feierabend. Jansen und Kling, die beide in Köln leben, bestehen darauf, mich nach Hause zu bringen. “Ist doch kein Umweg, über Solingen.” Jansen hat einen großen kalten Ford Transit. Er kommt mit den kurzen Muck-Beinchen gerade an die Bremse heran, auch ans Gaspedal. Kling (“Erprobung herzstärkender Mittel”) und ich stellen fest, dass wir außer kümmerlich dotierten Literaturpreisen noch was gemeinsam haben: wir können beide nicht Autofahren. “Leute, die schreiben, können so gut wie nie Autofahren”, sag ich, “liegt in der Natur der Masche.”

Kling, der die Dreißig schon erreicht hat, rechnet mir auf der A3 in Höhe von Langenfeld vor, dass er sieben Pfennig an jedem Gedichtband verdient und in Helsinki gelebt hat und auf der Rückreise nach Deutschland mit dem Schiffskapitän dicke war. Kling spricht sogar ein bißchen finnisch, und ich sage euch, es klingt, als würde ich versuchen, ungarisch zu denken. Es ist scheiße laut und kalt vorne im Ford Transit. Wir sind richtig erschöpft, als wir in der Stadt sind. Die Beiden lassen mich an der Mummstrasse raus, direkt vor der Kneipe.
“Kommt ihr noch mit rein, auf einen Sprung?”
Nein. (Heftig.) Man sieht sich. (Nie.)

Karlos steht am Tresen.
Es ist weit nach Mitternacht.
“Och, guck an, die alte Tante Glumm! Die kannst du lesen schicken und alles – die geht nicht kaputt.”
“War aber knapp”, sag ich.

*
In Erinnerung an Thomas Kling (1957-2005)

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5 Antworten zu „Mit Thomas Kling in Bochum *“

  1. malle sagt:

    starke geschichte. danke.

  2. Claudia sagt:

    Eine schöne Widmung zum Todestag. Ob sie ihm gefallen hätte?

  3. glumm sagt:

    Denke doch. Ja.

  4. Bochum - Blog - 30 Mar 2009 sagt:

    [...] Mit Thomas Kling in Bochum * « The Glumm [...]

  5. 2011 in review « Glumm sagt:

    [...] 38. Mit Thomas Kling in Bochum [...]

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