Ja, richtig. Ich bin meine eigene Kultstätte. Mein Name ist Glumm. Ich mache ständig Bohei um mich. Und das, wo es mich doch hunderte von Millionen Mal gibt, alleine in Europa, so eine Scheiße. Und dann kommen noch die vielen hundert Millionen Menschen in Nord-und Südamerika hinzu, und die in Australien und Neuseeland sind auch nicht viel anders. Von dem Milliardengewimmel in China ganz zu schweigen. Wie soll man da noch was Besonderes sein. Einzigartig. Und warum auch? Hat Gott etwa einzelne unter uns dazu ausersehen, etwas besonderes zu sein, nur weil er einmal in zweitausend Jahren einen Knüller auf Erden geschickt hat?
Es geht heute um mein Gesicht. Glumm-Antlitz. Klingt wie eine Metro-Station zwischen Mund und Nase, wo neuerdings eine kleine Warze gezüchtet wird, ohne dass man mich gefragt hätte.
Nun wäre das Ding nicht weiter erwähnenswert, würde es mit der Zeit nicht zerfasern wie ein altes Blumenkohlröschen. Die Leute gucken schon komisch.
“Mach dir mal die Schnötte da weg!” sagen die Blicke, ohne dass Worte fallen.
“Ist keine Schnötte”, entgegne ich, “ist eine Warze.”
“Hm..? Ich habe doch gar nichts gesagt..”
“Dann glotz gefälligst nicht so!”
Ein ähnliches Teil ist mir vor Jahren schon mal aus der Haut gefahren, allerdings nicht im Gesicht, sondern weiter unten, am Hals, in Höhe des Kehlkopfes.
Der Tonspur.
“Kommt von dem ganzen Bullshit, den du quasselst”, hat der dicke Hansen damals gemeint. “Das hat sich entzündet. Ist doch logisch. Wenn ich dein Kehlkopf wär, ich würde auch versuchen zu türmen. Bloß raus aus dem Hals.”
“Wenn du meinst”, hab ich geantwortet. “Du Stück Scheiße.”
Zuletzt hatte die Warze Ähnlichkeit mit einem Propeller und drehte sich wie wild, wenn ich daran herumspielte, bis es plötzlich, es war Sommer, einfach herunterfiel, ganz von selbst, auf den Boden. Zur Sicherheit hab ich nochmal drauf getreten. Das ist meine liebste Methode. Warten, bis die Dinge sich von alleine lösen, und dann noch mal drauftreten.
Auch die neue Hautirritation zwischen Mund und Nase nimmt sich Zeit, um von selbst zu verschwinden. Mittlerweile sieht es aus, als würden Popel aus meiner Nase kriechen. So versteinerte Mini-Lava. Die Popel-Rose von Kairo.
“Mach dir endlich die Schnötte da weg!”
Mein Onkel Fitting, für jeden spirituellen Schnickschnack zu haben, kriegt es mit der Angst, als wir uns zufällig auf dem Frühlingsfest begegnen.
“SÖHNCHEN”, ruft er erschrocken am Bierstand, “DIE WARZE LIEGT JA MITTEN IM MAGISCHEN DREIECK..!”
Er geht auf Abstand.
“Das ist eine gefährliche Angelegenheit, eine Warze im magischen Dreieck. Glaub mir das. Geh zum Arzt.”
Vielleicht hat er ja recht. Vielleicht haben ja alle recht. Die Gräfin meint ja schon lange: “Pflege dich doch mal ein bißchen. Trage mal Creme auf nach dem Duschen, wenigstens das. Und geh zum Hautarzt, lass den Propeller wegmachen. Oder willst du im Alter aus der Wäsche gucken wie ein blatternverseuchter alter Dattel-Opa?”
Sie übertreibt natürlich. Wir übertreiben alle gern. Übertreibung ist wie Tinte: man könnte das Leben sonst nicht lesen.
Mein Hautarzt, ein uralter Pole an der Konrad-Adenauer-Straße, gehört längst in Ruhestand, weigert sich aber, die Praxis aufzugeben. Und er nuschelt. In seinem Proppezimmer ist es wartevoll. Lauter Türkinnen, seltsamerweise. Eine Frau kommt aus Deutschland, die resolute Arzthelferin. Sie stolpert fast über meine Beine, als sie reinplatzt mit der Neuigkeit.
“Frau Hatice?”
“Ja?”
“Kommen Sie bitte mit durch. Und Herr Glumm?”
Ich steh auf.
“Sie nehmen bitte schon mal in der Kabine Platz.”
Die ist eng, die Kabine. Bis aufs Höckerchen und einem stehenden Kassenarzt passt da nicht viel rein. Vielleicht zwanzig Hautschüppchen, paar Rötungen, 1 schrumpeliger Hautsack. Doch noch ist sowieso kein Arzt da.
Ich warte.
Öde Stellwände.
Doktor kommt. In die Kabine nebenan, aber immerhin.
Kann man schön mithören.
“Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Herr Doktor. Können die Pilze auch in die Scheide gelangen? Mein Frauenarzt weiß nicht mehr weiter. Das juckt wie Harri.”
Die hingenuschelte Antwort vom Doktor lässt sich nicht dechiffrieren, beim besten Willen nicht. Er schlürft die Silben in sich rein wie Soße, die schmeckt so lecker, da will er nicht teilen.
Danach sucht er die Kabine rechts von mir auf. Hat er mich vergessen in der Mitte? Das Sandwichkind? Die werden immer übersehen, die Sandwichkinder, und wenn sie groß sind, ist auch das Geschrei groß, weil sie dann mächtig Wirbel um sich machen, um endlich wahrgenommen zu werden: ICH BIN DIE BEATLES!
Die Patientin nebenan hat andere Probleme. Sie klagt über schweren Haarausfall.
“Das Mittel hat nichts genutzt, Herr Doktor.”
Ich höre ein Rascheln.
Dann, der Doktor: “Verlieren mehr als hunnert Haar an Tag, Frau?”
Hüsteln.
“Hundert, Doktor, bestimmt. Besonders viel liegt morgens im Abfluss. Wie bei meinem Hund. Den kann ich nicht alleine zu Hause lassen, der verliert direkt Haare. Ganze Büschel, sobald ich die Türe zuziehe..”
Der Rest ihrer Worte geht unter im leisen Tonfall des Nuschelpolen. Ich versteh nur “ei, ei, ei” und “Nervensilvester” und “Störung”, na, ich weiß nicht.
Nervensilvester.
Endlich bin ich an der Reihe. Ich hab den alten Doktor lange nicht mehr gesehen. Er erinnert mich zunehmend an Wojtola, den früheren Papst. Genauso klein und gebeugt, das Gesichtchen zäh.
Bevor ich auf meine Problemzone zu sprechen komme, schlurft der alte Nuschelkopp schon auf mich zu, mit der riesigen Lupe.
“Aaah ja, sehscho..”, murmelt er und wippt mit der Lupe vor und zurück, wie ein gut geöltes Jojo. “Iseifadwazz.”
“Bitte? Ist was? Ist schlimm..?!”
“Nix schlimm, eifadwazz.”
Er nuschelt eine Helferin herbei, auf polnisch, und weist sie an, zu übersetzen.
“Eine Fadenwarze”, sagt sie. “Kein Problem. Kriegen wir mit Stickstoff weg.”
Ich folge ihr ins Behandlungszimmer. Sie rollt einen großen silbernen Kessel heran, aus dem Dampf steigt, als sie den Deckel öffnet. Sie tunkt ein Wattestäbchen in den Kessel, rührt darin herum wie in Zuckerwatte, und schließt den Behälter.
Mit dem Stickstoff auf dem Stäbchen wird die Warze eingepinselt, und bei jeder Berührung zischt und knistert es unterhalb meiner Nase, als zünde die Arzthelferin ein kühlendes Feuerchen. Ich sitze auf dem Hocker und atme kleine kühlende Feuerchen.
“Mal nicht atmen”, sagt sie.
Ach so.
Dann hebt sie den Deckel des Silberbottichs nochmal an, tunkt das Wattestäbchen nochmal in den Stickstoff, kurzum: die Prozedur wird wiederholt. Dann ist gut für heute. Ich soll nächste Woche wiederkommen, um die gleiche Zeit.
“Ich hatte schon mal so ne ähnliche Warze”, sag ich beim Rausgehen zur Arzthelferin, damit sie weiß, mit wem sie künftig zu tun hat, nächste Woche um die gleiche Zeit. “Das sah aus wie ein Propeller, hier am Hals. Wo man redet. Wie bei einem Modellflugzeug.”
Sie guckt verständnislos.
“Hm. Nächste Woche also. Und nicht dran knibbeln.”
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31. Januar 2012 um 13:37
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