Nachmittags, 1983

By glumm

In den achtziger Jahren wohnte ich auf der Schillerstrasse in einer Zwei-Zimmer-Bude im Erdgeschoss. Das Fenster stand im Sommer offen und die Kumpel kamen nach Lust und Laune reingeklettert. Die Nachbarn murrten, waren empört, doch was sollten sie machen – schließlich war es nicht verboten, die Wohnung seines Freundes durchs Fenster zu betreten.

An einem Nachmittag im September war es mal wieder rappelvoll, oder, um mit Karlos zu sprechen, da war Schlagabtausch im Ballungsraum.
In Ordnung.
Wer war alles da?

Karlos natürlich, mit seinem Gesicht wie eine unbehandelte Spanplatte sechzehn Millimeter versank er auf der kleinen roten Couch und zeichnete verantwortlich für die Joints. Wenn er zwischendurch Zeit fand, warf er belangloses Zeugs in die Runde, Hauptsache laut und aufbrausend.
“Scheiß aufs ganze Geld!” krähte er. “Spaß will ich auch nicht haben! Aber irgendwas schon! Verdammt!!” Oder: “Man kann mich nicht ärgern! Ich weiß, wie ich aussehe!”

Neben ihm füllte der dicke Hansen einen wackligen, nur notdürftig mit Schnürsenkeln verarzteten Sessel, der kurz vorm Zusammenbruch stand.
Gerade war Hansen damit beschäftigt, mit Daumen und Zeigefinger seine Unterlippe so weit nach unten zu ziehen, wie es ging. Bis zur Kinnlade schaffte er es, beinah. Er sah aus wie ein meschugge gewordener Nussknacker.
“Hier.. wie fändet ihr das? Wenn ich mir eine Tellerlippe stehen lasse?”
“Zu spät”, entgegnete Karlos, “damit musst du schon als Kind anfangen. So einen Teller kriegst du nicht mehr hin. Nicht mal ein Untertässchen aus der Puppenstube.”
Der dicke Hansen ließ nicht locker.
“Und wenn ich mir einen Mercedes-Stern in die Lippen einklöppeln lasse? Das müsste doch funktionieren, mit so nem stabilen Stern drin, oder nicht?”

Ein Schneiderwipphop tänzelte über den Teppichboden, leicht und locker, wie der Rauch einer Gauloises.

“Du bist schon ein Eingeborener, Hansen”, mischte sich der Mitsubishi Boy lallend ein. Er trug sein knallgelbes Lieblings-T-Shirt mit der schwarzen Aufschrift UNTERKANDIDELTE LEUTE, zerknautscht hing es über seinen Gürtel.
Eine Stunde zuvor hatte er sich beim portugiesischen Arbeiterverein an der Klauberger Strasse, wo man preiswert essen konnte, von hinten an mich herangepirscht und mir die Augen zugehalten, mit fettigen Gambafingerchen, “Wer bin ich..?!”
So ein Lausbub.

Jetzt saß er sturzbetrunken in meiner Bude, eingeklemmt zwischen Karlos und Hansen, und hatte nur noch einen Schuh an. Den anderen hatte er aus dem Fenster geschmissen. Da lag er nun im Vorgarten, der Halbschuh.
“Irgendjemand wird den schon aufheben und mitbringen.. irgendein.. blödes Schuhschwein.. ma haa!”

Friedrich, mein späterer Hausarzt, der damals noch studierte, saß still in der Ecke und beobachtete alles. Ein sehr spezieller Vogel, der ein halbes Jahr seiner Jugend im Rollstuhl verbracht hatte, obwohl er gar nicht behindert war. Sich von Mitschülern über den Schulhof und durch die Innenstadt schieben zu lassen, Woche für Woche, einfach nur so, das war das Größte gewesen für ihn, damals. Warum, keine Ahnung. In den 70er Jahren fragte niemand nach warum, und es hätte auch niemand eine Antwort gehabt.

1977 sind wir uns in der Kölner Sporthalle zufällig über den Weg gelaufen, auf einem Konzert von Frank Zappa, als er als Pan Tau verkleidet durch die Reihen stolzierte, den Schirm aufgespannt. Seine Eintrittskarte war gefälscht. Nur mit einem Satz Buntstifte hatte er das orangefarbene Ticket nachgemalt. Es war perfekt gewesen.

An diesem Nachmittag im September 83 wirkte er wie ein russischer Filmarzt, wie er da in der Ecke am Fenster saß, mit seinen großen widerspenstigen Ohren und dem exakt gestutzten Kinnbart. Nicht ein Wort sagte er an diesem Nachmittag. Saß nur da und schaute sich alles an, als wäre er auf einem turbulenten Planeten zwischengelandet.

“Tu doch mal die schwermütige Pampe da runter”, maulte der dicke Hansen, der so dick gar nicht war. Nicht besonders dick jedenfalls. Eher halbdick. Ach was, der Hansen war ein fettes Schwein! Und die schwermütige Pampe, die er meinte, kam von Schallplatte, die hatte Jonathan Richman eingespielt, mein Rock’n Roll-Held, der auch Balladen gab, als säße er am Rand des Sandkastens und das Förmchen war weg.

Hansen war mies drauf, 1983. Er hatte sich für zehn Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, und nun wusste er nicht mehr, wie er aus der Nummer rauskommen sollte. Es machte ihn fertig. Es war jedes Wochenende das Gleiche. Nachdem er sich unter Schwierigkeiten durchs Fenster gewälzt hatte, (keine Frage, Hansen wäre lieber durch die Haustür gekommen, aber er wollte sich keine Blöße geben), saß er Stunde um Stunde im Sessel und jammerte mir was vor.
“Was soll ich denn machen?”
Der Sessel ächzte bedrohlich.
“Mir tun die Füsse weh von den Nachtmärschen! Außerdem bin ich zu fett für die Hose hier, guck mal!”

“In diesem Kaff müsste ein Riesentelefon stehen, das alle fünf Minuten läutet, damit ich nicht einpenne, verdammt”, gab der Mitsubishi Boy ein letztes energisches Lebenszeichen von sich, bevor ihm die Augen zuklappten, während Karlos eine Grundsatzdiskussion anzettelte, mit Denis Hahn.

“Ich finde Sucht sehr positiv!” krähte Karlos. “Wie soll ich sagen..? Die Neigung zur Sucht ist ja sehr normal. Nee. Nee! Nee, ist klar. Ich wollte das auch nur als Gedanke mal so reinbringen hier.”

Denis Hahn, der erfolgreiche Tatort-Schauspieler, hatte drei sehr blonde Lufthansa-Stewardessen mitgebracht, die mit offenem Mund dabei saßen. Nicht, weil es hier so furchtbar irre zuging, sondern weil es sich mit geschlossenem Mund einfach schlecht saufen, kiffen und kichern ließ.
Hansen hatte sich unterdessen gefangen.
“Ich bin eine ernstzunehmende Persönlichkeit manchmal.. Und meine Freundin ist eine Schlagersängerin, die ist nur deswegen nicht berühmt, weil sie lieber für sich alleine berühmt bleiben will”, legte er einen seiner Klassiker nach, was bei den Mädels definitiv besser ankam als Karlos’ Gedanken zur Suchtproblematik: “Jetzt müßte es einen Knall geben und ich bin voll!”
“Dreh lieber mal die Tüte fertig”, sagte ich.

Die Stewardessen, auf den ersten Blick Tussen, hochnäsiges Pack, entpuppten sich mehr und mehr als nette Mädels, doch bis auf Denis Hahn und Hansen hielt es niemand für nötig, sich groß mit ihnen zu unterhalten.
Denis Hahn hatte sie direkt vom Set in Bochum mitgebracht, wo sie am Morgen einige Takes für den Duisburger Tatort gedreht hatten, mit Schimanski. Was die Mädels da zu suchen hatten, blieb unklar. War auch egal. Jetzt waren sie hier, sie hatten das Maul auf, sie waren blond, fertig.

Denis Hahn war gut im Geschäft, damals. Er hatte dieses ebenmäßige, mild erloschene ZDF-Gesicht, für das jede Schwiegermutter ihr Häuschen gegeben hätte.
“Ja klar, aber nur ihr scheiß Gartenhäuschen”, ergänzte Karlos grunzend. Er war auch Schauspieler, aber nicht im Fernsehen.
“Was?!” fragte Denis Hahn, ein eitler Fatzke, aber ich mochte ihn, irgendwie.

“Herr Glumm?!”
Im ersten Moment wunderte ich mich, wer so nach mir rief, hier in meiner eigenen Bude, so dienstlich, trotzdem antwortete ich automatisch mit “Hier!”
Man ist ja Deutscher. Man macht Meldung, wenn man angesprochen wird.
Alle glotzten mich an.

Die Stimme kam vom Fenster her. Hinter der Gardine bewegte sich etwas. Ich sah eine Mütze. Eine grüne Mütze. Grün..?! Der dicke Hansen war sofort auf den Beinen, trotz seiner Wampe, die er wie einen prall gefüllten Militärrucksack vor sich her schob.
“Scheisse..”, flüsterte er, “Bullen..”

Geistesgegenwärtig warf er seine Bundeswehrjacke über den kleinen Cocktailtisch, auf dem der fertig gedrehte Joint auf seinen Einsatz wartete, und da lag noch ne Menge türkische Mischung aus Tabak und Brösel.
“He, aufgemerkt”, motzte Karlos, der noch nicht geschnallt hatte, was Ambach war, “fliegt doch alles weg hier!”
“HERR GLUMM..?!”
“Jawoll!” sagte ich und ging zum Fenster.
Ein Polizist stand im Vorgarten und guckte zu mir hoch, während sich sein Kollege noch an der Haustür zu schaffen machte, wo er meine Klingel suchte. Es gab keine Klingel. Es gab nur ein offenes Fenster.

“Moment”, sagte ich und verschwand im Zimmer, wo ich die Stereoanlage leiser drehte.
Der dicke Hansen, tief in seinen Sessel abgetaucht, sah aus, als hätte er innerhalb einer Minute zehn Kilo zugelegt.
“Das sind alles nur Sorgen, Herr Wachtmeister, nur Sorgen.. nein, nein, kein Fett.”

“Man hat uns informiert, hier wäre eingebrochen worden!” rief der Polizist, der im Vorgarten stand, schön laut, damit die Nachbarschaft gut mithören konnte.
“Was denn, hier? Bei mir?!”
“Ja. Es sind mehrere Männer beobachtet worden, wie sie durchs Fenster eingestiegen sind.”

Hinter mir, im Ballungsraum, machte sich Erleichterung breit. Auch Friedrich, der stille russische Filmarzt, atmete kaum hörbar auf.
“Nee, Herr Wachtmeister”, sagte ich, “das hat schon alles seine Richtigkeit”, und klärte den Sachverhalt auf. Die Schmiere, zunächst misstrauisch, ließ sich überzeugen.
“Und was ist hiermit? Gehört der Ihnen?”
Der Polizist reichte den Schuh hoch.
“Äh.. ja. Sicher.”
Sie zogen feixend ab.

“Wer hat die Polizei denn gerufen?” wollte ich noch wissen.
“Ein Nachbar..!”
“Klar! Aber welcher?”
“Das wissen wir nicht.”

Der Mitsubishi Boy schlug nicht mal die Augen auf, als ich ihm seinen verlorenen Halbschuh zuwarf. Er landete punktgenau in seinem Schoß.
“Na also”, schnarchte er nur.

*
Ein Tag, 1995: Du bist so kalt.

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