Archiv für Mai 2009

Ecke Kasinostrasse, Part I & II

31. Mai 2009

1

Ecke Kasinostrasse, wo früher ein Briefkasten gehangen hat und jetzt nur noch ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran erinnert, bleibt die alte Frau mit dem Pudel abrupt stehen.

„Hab mich heut morgen böse hingelegt“, sagt sie so selbstverständlich, als träfen wir uns täglich an dieser Ecke und plauderten miteinander. Sie hält sich die Backe. Die ist etwas gerötet. Bißchen geschwollen. Als ruhe eine Kartoffel in ihrem Oberkiefer. Keine große Kartoffel. Eine Frühkartoffel, vielleicht.

„Ich war schon zu Hause und hab beim Arzt angerufen und einen Termin gemacht. Ist ja so nah am Auge. Nicht, dass das noch wandert. Ist nicht ungefährlich.“

Nicht ungefährlich, richtig, so ne Kartoffel im Auge. Ne Wanderkartoffel. Frau Moll, mein Hund, und ihr Hund, die Pudeldame, die aussieht wie eine träge dicke Frisöse, stehen unbeteiligt auf dem Trottoir herum, zwei Weibchen, die sich gegenseitig der Teilnahmslosigkeit bezichtigen.

„Wie äh ist das denn passiert?“ frag ich höflich. Das hab ich so gelernt. Wenn einem alte Frauen erzählen, dass sie auf die Fresse geflogen sind: zuhören. Es könnte schließlich die eigene Mutter sein, der so etwas zustößt. Und dann möchte ich dich mal sehen!

Sie jammert und hält sich die Wange. „Dahinten, wo es so eng ist, bei dem Haus mit den Schindeln, da ist es passiert“, spricht sie so schleppend, als stünde sie unter Medikamenten. Oder unter Schock. „So eng ist da der Gehweg, dass man kaum als Fußgänger alleine drauf passt.“

Frau Moll guckt streng zu mir hoch, mit diesem He Kumpel, nun mach mal hin-Blick, ich hab keinen Nerv hier stundenlang neben ner fetten Frisöse rumzustehen, doch ich ignoriere sie. So was Arrogantes.

„Und genau da kommen mir zwei Schülerinnen entgegen, aber meinen Sie, die machen Platz, die beiden Flegel?! Pustekuchen! Da muss ich alte Frau auf die Strasse ausweichen und schon ist es passiert. Da bin ich mit dem Schuh hängen geblieben und gestolpert. Sind ja überall Schlaglöcher hier auf der Strasse. Die von der Stadt machen ja, was sie wollen.“

Als sie ihr Gesicht etwas zur Seite dreht, erkenne ich doch einen ziemlichen Hügel, der sich lila verfärbt, auf der Backe.
„Aber glauben Sie, die hätten mir hoch geholfen? Im Leben nicht! Die treten noch drauf! So sind die doch! Die Jugend von heute! Sogar die Mädchen!“

„Na ja, sind ja nicht alle so..“, verteidige ich die Jugend von heute, ein reiner Impuls, denn was ich dabei vor mir sehe, das sind zwei schwarzgekleidete Pokemons, die ihr Fotohandy über die gestürzte Alte schwenken, damit sie auch später noch was zu lachen haben.

Die arme alte Frau streichelt ihren Pudel.
„Ich geh mit der Backe gleich zum Arzt, ist besser. Nicht, dass das noch wandert. Ist ja so nah am Auge. Termin hab ich schon. Wenn meine Mikki dabei gewesen wär, ja, die hätte keinen an mich rangelassen. Die hätte mich verteidigt. Ja, Mikki?! Tapferes Mädchen, du. Und jetzt ist sie auch noch scheinschwanger, von all der Aufregung..“

So direkt angesprochen, macht die Pudeldame wie zum Beweis zwei hechelnde Schritte zur Seite, und die rosa Zitzen schleifen schlaff über den Boden, wie Schnürsenkel, die viel zu lang sind.
„Gebissen hättest du das Pack, voll in die Fotze rein! Nicht wahr, Mikkilein?“

Sie geht davon, ohne sich zu verabschieden. Auf der Kasinostrasse, in Höhe des alten Briefkastens, beziehungsweise wo früher einmal ein Briefkasten gehangen hat und jetzt nur noch ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran erinnert.

2

Liebster,

wir haben gleich 4 Std. Deutsch scheiß Blockunterricht, und ich könnte soo wegpennen. Hoffentlich klappt das morgen mit Nico. Der ist ja dann sowieso wieder total bekifft. Na, wer kennt ihn schon anders.. Hauptsache, morgen abend klappt alles und wir können schön einen ziehen.

Aber lass uns nicht wieder streiten, wenn wir breit sind. Lass uns lieber in die Gartensiedlung gehen und einen Quickie schieben. Ich hab morgen sowieso mein Kleid an. Ich mach mich richtig schön für dich.

So, jetzt muss ich wieder rein, Deutsch wartet. Vielleicht hast du recht, und wir beide sehn uns zu oft, aber ich mag dich eben. Nein, ich liebe Dich!! Bis morgen um 6 bei Nico.

Deine Nina

P.S.: Muss ich noch erzählen. War gestern mit Sylvie in der Stadt. Als wir nach Hause wollten, kam uns ne alte Frau entgegen und ist hingefallen. Die lag da und hat uns angeschrieen, wir wären asoziale FOTZEN (!!), dabei wollten wir ihr grade hochhelfen. Danach nicht mehr. Danach hat Sylvie noch so getan, als wollte sie der alten Tucke in den Arsch treten. Cool.

*

Auf 500beine: Curacao, genau!

Ich tanze, basta!

28. Mai 2009

Nach Lesungen geschieht es immer wieder, dass Leute mit großen neugierigen Augen auf mich zukommen und fragen, ob die Geschichten, die ich erzähle, wirklich alle authentisch sind.

„Hast du das alles selbst erlebt?“

„Ja.“

„Aber doch nicht alles, oder!?“

„Natürlich alles“, sag ich dann. „Jedes Wort ist wahr. Ich kann mir gar nichts ausdenken. Ich bin nicht gut im Ausdenken. Ich bin gut im Erzählen, was mir im Leben passiert. Mehr nicht.“

Auch nach dem x-ten Male bin ich überrascht, wie überrascht, ja ungläubig die Leute darauf reagieren. Sie scheinen regelrecht ein bißchen enttäuscht zu sein, dass die Geschichten nicht ausgedacht sind. Dass sie von einem Leben erzählen, in dem tatsächlich Heroin geschnupft wurde, und nicht bloß Koks.

„Ich wusste ja gar nicht, dass du das Zeugs wirklich genommen hast..“, sagt einer erschüttert, mit diesem Blick: aber das ist doch eine Droge für Verlierer! Du bist doch kein Verlierer! Oder bist du ein Verlierer..?

In Zukunft werde ich es mir einfacher machen. Ich sag einfach, nee, ist alles Fiktion, das ist alles ausgedacht – und alles atmet auf.

Ich bin doch einer von ihnen.

*

Die Gräfin hat ein wunderbares Bild gezeichnet, auf 500beine.

Oh! Darling

27. Mai 2009

Als ich nach Hause komm, tanzt die Gräfin, sie tanzt Reggae in der Küche. Die ist groß, die Wohnküche. Ne Menge Platz. Aber der Reggae klingt wie aus einem Blechspielzeug.

„DAS IST DAS LAUTESTE, WAS GEHT!“ ruft sie.

Auf dem Küchentisch steht ein kleiner Plattenspieler aus Holz, den ich nie zuvor gesehen hab. Er spielt Bob Marley, Rastaman Vibration, eine Live-Version. Leben ist ja immer nur Version, ist Geschichte, das nächste Geschrei – da tanz ich doch einen Schritt mit: Einen vor, zwei zurück. Etwas ungeschlacht, so gleich nach der Arbeit.

„I AND I VIBRATION..“

„..LIVE IF YOU WANNA LIVE…“

„..EIERMANN VIBRATION“, fallen wir in den Chor ein, „POSITIVE“, und Frau Moll, unser Hütehund, springt zornig kläffend um uns herum, weil Rockmusik ein Eindringling ist, mit spitzen Schuhen, grüner Dub-Beatjacke und silbrigen Knöpfen.

Die Gräfin hat mal wieder zugeschlagen. Einen Nostalgie-Plattenspieler aus dem Discounter für 40 Euro.

„DIE BÄSSE MUSS MAN SICH NATÜRLICH DAZU DENKEN!“

Tatsächlich gibt es nur einen Lautstärkeregler für die integrierten Boxen. Keine Höhen, keine Tiefen. Vor allem die fehlenden Bässe lassen den Bauch ratlos zurück. Voller Löcher.

„VIELLEICHT WENN WIR ETWAS WATTE EINBAUEN..?!“ schlägt die Gräfin vor.

Ihre Ideen waren schon schlechter. Schlechter zu verwirklichen.

Sie verschwindet in ihr Zimmer und kehrt mit dem Abbey Road-Album der Beatles zurück. Das wollten wir schon lange noch mal hören. Seit man meinem regulären High-End-Plattenspieler die Organe in einer Nacht-und Nebel-Party entfernt hat.

„EINMAL NOCH ABBEY ROAD HÖREN!“ ruft die Gräfin.

„Ist ja gut“, sag ich, „du brauchst nicht zu schreien.“

Da läuft ja gar nichts, im Moment. Ist ja Stille. Bis sich die Diamantnadel für exzellenten Klang in die verkratzte Rille von Abbey Road niedersenkt.

„DAS IST KEINE DIAMANTNADEL, DAS IST EIN CHINESISCHER EIERPICKER“, vermute ich.

„ACH, NUN SEI DOCH NICHT IMMER SO. FREU DICH EINFACH, DASS WIR NOCHMAL DIE BEATLES HÖREN KÖNNEN!“

Schön, da hat sie Recht. Auch Frau Moll rockt wie Hund bei „Golden Slumbers“, wo es gar nichts zu rocken gibt: „Golden Slumbers“ ist eine Ballade, die einem das Herz vermöbelt.

„Little darling, do not cry, I will sing a lullaby“.

„SCHEISSE, HAB ICH DAMALS GEHEULT“, erinnert sich die Gräfin an ihren ersten richtigen Liebeskummer.

Sie wird ein bißchen traurig. Traurig, dass alles schon so lange her ist. Once there was a way to get back home. Sweet little darling, do not cry..

Sie setzt sich hin.

„Da war ich neunzehn. Eigentlich war das gar nicht mein erster Liebeskummer. Den hatte ich wegen Nico, da war ich sechzehn. Oder siebzehn. Sechszehneinhalb. Da hab ich auch geheult wie ein Schloßhund, aber nicht zu den Beatles. Zu den Doors. Roadhouse Blues. Und das war kein Blues, das war ein schmissiger Rock-Song.“

Sie verfällt der Erinnerung. Das ist schönes weites Land. Man kann überall aussteigen.

„Mit neunzehn hab ich wegen dem Hagemann geheult. Ich hing besoffen unten im Ölkeller, in so ner winzigen Ecke, wo gerade mal der Öltank reinpasste, deswegen hat mich keiner gefunden. Am nächsten Tag dann hab ich Abbey Road gehört. Abbey Road und vier Hügel Taschentücher.“

Damit will Frau Moll nichts zu tun haben. Sie schnappt sich die Möhre, die neben ihrem Napf liegt, und verzieht sich in ihre Ecke, wo sie das Gemüse unter der Schmusedecke verbuddelt.

Die Gräfin dreht die Lautstärke runter.

„Wie lange hat man Rückgaberecht?“

Unter dem Einfluss populärer Oldies in die Vergangenheit reisen, das ist ein bisschen wie Koksen. Auf ein Super-Highlight folgt der Katzenjammer, und zwar ganz schnell.

„DIESER SCHEISSKASTEN HIER FLIEGT GLEICH IN DEN GARTEN!“ ruft sie.

Mal abgesehen von vergangenem Liebeskummer: Abbey Road ist gut. Selbst dieser miese Holzapparillo kann die Platte nicht verhunzen. Sie kommt direkt aus der Großhirnrinde der Beatles. Die subversive Version der Beatles. Ihr letzter Aufschrei. Als die Gräfin mit neunzehn bei Golden Slumbers geheult hat, war das Album schon elf Jahre alt. War schon ein Oldie.

Es folgt Oh! Darling. Wenn Oh! Darling lief, hab ich 1973 mit der ersten Scham am Bein selbst dann geflennt, wenn es überhaupt keinen Grund zum Flennen gab, einfach so, weil Oh! Darling zum Flennen gemacht war, von Paul McCartney.

„DAS HÖREN WIR NOCH, DANACH BRINGEN WIR DEN KASTEN ZURÜCK!“

Der chinesische Billigeierpicker gibt sein Bestes und reitet die Rille, aber getanzt wird nicht mehr. Wir kochen schöne Sachen auf dem E-Herd während Abbey Road blechern zu Ende läuft.

„Das neue Sonnenblumenöl hat einen komischen Beigeschmack“, meint die Gräfin. „Als hätte jemand die Hose auf.“

Auch Frau Moll bekommt ihre Abendration. Sie frisst ja nicht, auch Schlingen kann man das nicht mehr nennen, nein, sie brüllt sich das Futter in den Hals, wie einen Blues. Was die Gräfin und mich betrifft, es gibt Lauchgemüse mit Gehacktes.

„Was meinst du, nehmen die den Plattenspieler auch mit Zwiebelgeruch zurück?“

*

Oh! Darling

Das Jahr, in dem ich klebte

25. Mai 2009

Hochsommer 89, ich wohnte mit Karlos zusammen. Er hatte die Angewohnheit, die aktuelle EXPRESS, Ausgabe Düsseldorf, mitzubringen, wenn er mittags vom Friedhof kam, und so lagen auf dem Küchentisch immer ne Menge Schlagzeilen herum.

exp.gold!

Eines Tages hatte ich die Nase voll. Ich nahm Schere, Uhu und einen Zeichenblock und begann meine eigenen Balkenüberschriften zu setzen. „Wieso machst du dir so eine Scheißarbeit?“ fragten die Leute, wenn sie zu Besuch kamen, ich aber in meinem Zimmer blieb, wo ich schwitzend auf dem Boden hockte, den Rücken krumm, und Buchstabe für Buchstabe aus der Zeitung holte und neu zusammenkloppte.

„Keine Ahnung.“

exp.flora

Cinzano

22. Mai 2009

Das Hühner-Frikassee an der Raststätte war verdorben gewesen. Ich bekam nicht mal mehr die Scheibe runtergekurbelt, schon landeten schlierige Geflügelbröckchen, Soße und Reis auf dem Rücksitz und im Schoß meiner großen Schwester. Wir waren auf dem Weg zum Gardasee, im Ford 20 M, und mein Vater hatte Mühe, die Spur zu halten, weil alles durcheinanderschrie und kotzte, bei Tempo 120. Seit damals hab ich kein Hühner-Frikassee mehr angepackt. Allein das Wort löst bei mir Unruhe aus in der Speiseröhre. So ähnlich verhält es sich auch mit Cinzano. Keinen Schluck krieg ich davon mehr runter, und das nur, weil ich es im Jahre 1984 partout nicht wahrhaben wollte, dass Pilze, die nebenan auf der Wiese wachsen, genauso törnen können wie synthetisch hergestellte Trips, die man teuer bezahlen muss beim dicken LSD-Händler um die Ecke.

Sehr schön. Und was hat das nun mit Cinzano zu tun?

„Wartet doch einfach ab.. Ihr werdet schon sehen. Aber die Pilze müssen dunkelbraune Lamellen haben und ein weißes Hütchen, sonst taugen sie nichts“, sagte Danny, der den rechten Arm in Gips trug, seit Wochen schon. Er war stoned am Tisch eingeschlafen, den Schädel auf dem Arm gestützt, und als er wach wurde, war der Arm gebrochen. „Die besten findet man auf Pferdewiesen, in dunklen, geschützten Ecken. Wo kaum Licht hinfällt. Wo die Pferde hinscheißen.“

„Was denn, was denn..!? Pferde, die LSD ausscheissen?“ fragte Karlos mit großen Augen, gut gespielt.

„Blödmann. Psilos wachsen auf dem Dung. Oder besser gesagt, dazwischen. Psilos sind Mistbewohner.“

Danny wusste, wovon er sprach. Von Psilocybin. Magic Mushrooms. Zauberpilzen. Dem rituellen Gift der Atzteken. Vom Frösche lecken.

„Und Psilos sind genauso verboten wie LSD“, dozierte Danny weiter. Er war eins Neunzig lang und schmal, trug immer dieselbe abgewetzte Jeansjacke und hatte einen ziemlichen Silberblick, an dem auch die altmodische Hornbrille nichts zu ändern vermochte. Im Gegenteil, sie machte seinen Blick nur noch schräger und man wusste eigentlich nie, wen genau er nun eigentlich meinte, mit seinem Blick. Am besten, man guckte weg. Woanders hin.

„Wieso verboten? Psilos wachsen doch auf der Wiese“, meinte Karlos. „Die kann doch jeder sammeln. Ist doch öffentlich. Kann einem doch niemand verbieten. Blödsinn.“

„Und ob, Psilocybin ist dem Opiumgesetz unterstellt und verboten“, sagte Danny, „genau wie LSD oder Koks. Mit Verbieten hat Deutschland doch keine Probleme, wisst ihr doch.“

„Nee, is klar.“

„Stimmt. Ist richtig.“

Weil Danny gut in Chemie war und sich mit Rechtslagen auskannte, nannten wir ihn auch den Proff. Hatte jemand Ärger mit der Schmiere, wälzte sich der Proff durch Gesetzestexte und gab Rat. Saß er jedoch selbst in der Patsche, ließ er niemanden an sich heran. Was aus ihm geworden ist, keine Ahnung. Ich hab ihn Mitte der 80er Jahre aus den Augen verloren, wie viele andere Leute auch. Vielleicht hat er Jura studiert, vielleicht ist er Meteorologe geworden, („He, Langer! Wie ist die Luft da oben!?“), vielleicht hat er im großen Stil Speed nach Hongkong verschoben und ist gleich dageblieben, im Knast. Ich weiß es nicht. Er war ein Draufgänger, der sich aber rasch abseilen konnte, wenn ihm eine Sache zu heiß wurde. Dann sah man nur noch einen Wusch – weg war Dannyboy.

Wir hatten uns bei Karlos getroffen, in seiner düsteren Mansarde am Bismarckplatz, nun marschierten wir zu dritt runter ins Schellbergtal, Danny, Karlos und ich. Es war nicht weit. Keine halbe Stunde Fußweg. Die Sonne kam raus. Überm Schellbergtal lag ein warmer wilder Salbeiduft, als würde man mit dem Mund in der Badewanne sitzen, doch je tiefer wir hinabstiegen, desto barscher roch es nach Dammwild, nach Moos und Morast. Nach Solingen eben, wo die Schweine sich suhlen, wie es der Name der Stadt ursprünglich bedeutet hatte.

„Ich kenn unten im Schellberg eine Eins-a-Wiese“, hatte Danny getönt. „Die absolute Superwiese, die Nummer eins. Da wachsen die besten Psilos. Und wisst ihr auch warum?“ Er gab sich die Antwort gleich selbst. „Weil nirgends sonst Pferde dickere Haufen kacken.“ Dummerweise schien sich das bereits herumgesprochen zu haben: Der Eigentümer hatte den Zaun der Koppel nicht nur erhöht, sondern auch gleich mit elektrischen Kontakten versehen.

„Scheisse, da ist Blitz drin“, fluchte ich, als ich das gelbe Hochspannungsschildchen entdeckte, „na, Dingens.. Strom!“

„Na und“, sagte Danny und führte uns keine fünfzig Meter weiter, zu einem Törchen im Gatter. Es war nicht mal abgeschlossen. Er grinste zufrieden. Siehste! sagte sein Blick, ihr müsst das nur den Proff machen lassen. Pflücken allerdings war nicht sein Ding. Wegen des Gipsarms. Sagte er. Das müssten wir schon erledigen. Karlos und ich. Die Drecksarbeit.

„Typisch“, knurrte Karlos. „Wer muss mal wieder den Buckel krumm machen? Na!?“

„Na, wir“, sagte ich.

„Ja, aber ich hauptsächlich auch!“

Weil die Schauspielerei kaum Kohle brachte, jobbte Karlos nebenher auf dem Friedhof als Sargträger. Das brachte zwar auch kaum Kohle, aber zweimal kaum Kohle war besser als zweimal gar keine Kohle. Als Sargträger durfte er keine Gräber ausheben, das war den festangestellten Gärtnern vorbehalten, laut Friedhofsordnung. Karlos durfte den Sarg von der Friedhofs-Kapelle zum Grab tragen, sich verneigen und die dünnen weißen Handschuhe auf den Sarg werfen, fertig, aus. Streng genommen machte Karlos also den Buckel gar nicht krumm. Ausser zum Verneigen. Gut. Das schon.

Danny zeigte auf einen alten Tunnel. Der Eingang war zur Hälfte zugemauert.

„Da drin wohnen Fledermäuse“, sagte er ehrfürchtig. „Die lieben Feuchtigkeit, genau wie Pilze.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Bessere Voraussetzungen für Psilos findet ihr nirgends. Hier gedeihen die prächtigsten Giftpilze.“

So einfach, wie Danny getönt hatte, waren die Dinger aber nicht zu finden, sie machten sich rar, zudem musste man auf der tiefen Wiese ständig auf der Hut sein, um nicht in Pferdemist zu trampeln.

„Typisch Bergisch Land-Klepper“, stieß ich Karlos an, „keinen Arsch in der Hose, aber dicke Haufen äppeln.“

Zwischendurch fiel etwas Regen, große einzelne Tropfen leckten hinter uns her. Wie in China, Große Platte-Tropfen. Köstlich. Man wurde überhaupt nicht nass. Bis auf Karlos.

„He, der Himmel hat mir auf den Mund gespuckt!“

„Darf er doch“, sagte ich. „Das ist der Zungenkuss Gottes.“

„Wow..“, meinte Danny, „wie poetisch“, und grinste doof.

Während der Pilzsuche dikutierten wir, ob es Gott überhaupt gibt. Danny war dagegen, Karlos wusste nicht genau, ich auch nicht.

„Keine Ahnung, ob Gott existiert. Ich glaub nicht, aber ich hätte es gern“, sagte ich. „Ich fände es besser, wenn es Gott gibt. Und ich würd mich für einen Mann entscheiden als Gott, keine Frau. Stellt euch vor, die Alte kriegt ihr Tage und ist unzufrieden..“

„Verdammt richtig“, sagte Karlos, „unzufriedene Frauen sind die schlimmste Waffe der Welt. Schlimmer als Atombomben.“

„Siehste. Deswegen ist Gott ein Mann. Wenn es ihn gibt. Ein österreichischer Lagerarbeiter, vierzig Jahre alt. Er hat sein Stammcafe und er nuschelt ein wenig. Keine große Sache. Gott eben.“

Schließlich hatten wir zwei Beutel Pilze zusammen. Mit weißen Hütchen. „Die mit braunen Hütchen sind Mist“, hatte auch Karlos schon gelernt.

„Brav“, nickte der Proff zufrieden. „Richtig.“

Zurück in Karlos dunkler Bude am Bismarckplatz kippten wir die Pilze auf dem Küchentisch aus, samt jeder Menge Erde und Wurzelwerk.

„Schmeckt wie Radi“, meinte Karlos, der sofort zu knabbern anfing.

„BIN I RADI, BIN I KEENIG!“ grölten wir im Chor, Karlos und ich, den alten Peter Radenkovic-Hit, dem ulkigen Keeper von 1860 München.

„HE!“ rief Danny entsetzt. „Seid ihr doof!? Die müssen erst trocknen! Die kann man nicht einfach so fressen! Asis!“

Das Trocknen der Pilze übernahm er selbst, trotz des Gipsarms.

„Ach nee! Sieh an! Auf einmal gehts!“ murrte Karlos. Er öffnete eine Flasche Cinzano, das einzige Getränk, das er im Haus hatte, während Danny mit einer Hand die gut zwei Dutzend Psilocybin-Pilze wusch und so sorgsam auf der Heizung ausbreitete, auf einem Küchenhandtuch, einen Pilz neben dem anderen, als handelte es sich um sündhaft teureTrüffel.

Karlos und ich lümmelten am Fenster. Wir genossen die Frühlingssonne, die sich schüchtern in die Haut reinfummelte, und nippten am Cinzano. Zwei Stunden später waren die Pilze soweit getrocknet, das Abenteuer konnte beginnen. Allerdings in veränderter Besetzung. Danny hatte sich nach getaner Arbeit dadurch getan, ohne auch nur einen einzigen Pilz probiert zu haben, was uns zunächst stutzig machte, aber dann war es auch egal.

„Scheiß doch der Hund drauf“, sagte ich.

“Yes“, bekräftigte Karlos.

Zudem war der dicke Fitting aufgekreuzt, und zwar just in dem Moment, als sich der Proff verabschiedete.

„Als hätte ich’s gerochen“, freute sich Fitting, wie immer hungrig. „Lecker Pilzpfanne.“

„Idiot.“

Da allerdings keiner von uns dreien jemals Magic Mushrooms probiert hatte, wussten wir nicht, welche Dosierung es brauchte. Ich nahm erst mal einen und spülte den fingerlangen Lamellenpilz ohne groß zu kauen mit einem Schluck Cinzano runter. Karlos und Fitting folgten, wobei der dicke Fitting sich gleich zwei Exemplare in den Mund schob. Fitting war nicht wirklich dick. Er hatte ein paar Pfund Übergewicht, mehr nicht. Trotzdem hieß er überall nur der dicke Fitting, auch wenn er selber von sich sprach.

„Der dicke Fitting hat am Wochenende ne Puppe aus Recklinghausen klar gemacht“, verzog er kauend das Gesicht. „Die konnte aber nicht gut küssen. War scheiße.“

Nach drei Pilzen war Schluss. Mehr ging nicht. Der Geschmack war zu widerlich. Als hätte man die Schnauze tief in die Erde gesteckt und Mutterboden gemümmelt. Wir würgten die Dinger mit dem öligen Cinzano runter, der zum Runterspülen nicht wirklich geeignet war. Mit Wasser wäre es besser gewesen. Aber Psilos mussten ja unbedingt mit Alkohol runtergespült werden., wegen der besseren Verwertung. Das war das letzte gewesen, was Danny uns mit auf den Weg gegeben hatte.

„Ja, sehr hübsch. Und wann geht’s los?“ fragte Karlos ungeduldig. „Können wir dann mal?“ Was Acid anging, war er komplett unbefleckt, während Fitting und ich alte Acidhasen waren. Yellow Sunshines, Red Stars. Blue Hotels. Die meisten hatte ich mit Pepe geteilt, aber das war schon Jahre her. „Wann es losgeht? Ist wie bei Linsen, schätz ich“, meinte Fitting. „Dauert ne halbe Stunde, Stunde. So um den Dreh.“ „Das sind aber keine Linsen, das sind Pilze“, stellte ich richtig, immer noch skeptisch. Wenn Pilze, die auf öffentlich zugänglichen Pferdewiesen wuchsen, genau törnten wie LSD, warum kaufte die Leute dann das teure Zeugs aus dem Labor? Warum bezahlten sie Geld dafür statt einfach auszuschwärmen und eine Pferdewiese aufzutun?

Wir gurkten unentschlossen in Fittings rotem Peugeot durch die Strassen. Es war früher Nachmittag. Wolken zogen den Märzhimmel entlang wie Gasflämmchen an einer langen Schnur.

„Bisschen Sex mit ner Frau wäre jetzt nicht übel“, meinte Fitting am Steuer.

„Gegen Sex hätt ich auch nix einzuwenden“, meinte Karlos. „Ne kurze schmutzige Nummer auffem Dixie-Klo, wo es schön stinkt, geil.“

Wir lachten alle drei.

An der Katternberger Strasse gab es einen riesigen Billardsaal. Fitting hielt an. Ben’s Billard Kingdom.

„Ne Partie auf Linse kommt garantiert gut“, sagte er in einem Ton, als hätte er das schon tausend Mal gemacht. „Außerdem hab ich Hunger.“

„Da gibt’s aber nix zu essen. Das ist ne Spielhölle.“

„Wie, nix zum Essen? Nicht mal was zum Aufbacken? Ne heiße Hexe? Shit.“

Fitting war der Amerikaner in unserem Freundeskreis. Auf einer USA-Reise hatte er sich monatelang im Mississippi-Delta herumgetrieben. Es war die Lebensart der Leute, die ihm gefiel, das easy going, die Musik. Fitting, der von Kind auf Klavier spielte, hatte komplette Sendungen aus dem US-Radio auf Cassette mitgeschnitten, spezielle Cajun,- Blues- und Southern Rock-Sendungen, mit denen er uns nach seiner Rückkehr fütterte, und so lernte ich Dr. John schätzen, The Meters, Allen Toussaint, Leon Russell, die ganze wunderbare fingerschnippende New Orleans Clique, die es nie wirklich nach Europa geschafft hat.

In Ben’s Billard Schuppen fochten wir ein kleines Turnier aus. Jeder gegen jeden, mit Rückspiel. Als ich gegen Karlos gerade auf der Siegerstrasse war, fing es an. Ich wollte einen Stoß setzen, da hob sich das grüne Tuch vom Billardtisch, wölbte sich, knickte ein. Ich setzte den Queue ab. Lauter kleine Hügel und Pyramiden standen auf der Billardplatte, das Tuch kringelte sich, wie eine übergroße benutzte grüne Serviette. „Ehh.. zum Teufel..“, wich ich zurück. Um der schieflaufenden Optik zu entgehen, drehte ich mich weg und sah den dicken Fitting, wie er an der Wand lehnte, kerzengerade, ein in Acid gegossenes Ausrufezeichen, den Zeigefinger in der Nase. Er bohrte wie besessen, er suchte Pilze in seiner Stirn, in der anderen Hand den Queue. „Wo.. isn Karlos hin..?“ fragte ich und meine Stimme klang wie die Stimme von jemand anderem, den ich nicht kannte. Den ich noch nie gesehen hatte. Ein Fremder in meiner Kehle. „Auffem Pott, kotzen. Glaub ich. Weiß nicht. Er hat nix gesagt. Aber er sah so aus.“

Ich drehte mich vorsichtig zum Billardtisch um. Wollte sehen, ob das Tuch sich immer noch kringelte. Wie ein Murmeltier stand ich da, das nach langen Wintermonaten aus dem Bau steigt und die Gegend nach verrückten, grünen Billardtischen absucht. „Ich muss hier.. raus..!“

Autofahrt. Der rote Peugeot. Viermal mindestens hielten wir an, weil jemand kotzen musste, dann steuerte der dicke Fitting, immer noch hungrig, Börse 17 an, das berüchtigte Nacht-Restaurant überm Western Saloon. Aber es war nicht Nacht, es war hellichter Tag. Und da die Küche um diese Uhrzeit eigentlich noch geschlossen hatte, musste er schon sämtlichen Charme aufbieten, um ein argentinisches Hüftsteak mit Bratkartoffeln und Salat zu bekommen. Unterdessen schwappte das Psylocibin durch meinen Körper, in Wellen. Ich wusste nicht, woran ich war. Mal wähnte ich mich im fiebrig vibrierenden Vorraum einer bereits bekannten LSD-Hölle, dann wieder ließ sich das Grienen in meinem eben noch zur Fratze erstarrten Gesicht kaum kontrollieren: ich beobachtete den dicken Fitting, wie er in rasendem Tempo seinen Teller abarbeitete. Das war Slapstick. Das war frühes Zelluloid. DA SASS AMERIKA UND HAUTE SEINE SCHNEIDEZÄHNE INS FLEISCH!

„Habt ihr schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?“ murmelte Amerika mit vollem Mund. „Ich glaub, zwischen zwanzig und dreißig hat man nur Sex im Kopf. Und Geld, logisch. Sex und Geld.. Junge Frau! Ne Cola! Kann ich noch..?“ Wie Fitting in diesem Zustand überhaupt einen Bissen runterkriegen konnte, war mir schleierhaft. Allein der Gestank in dieser Spelunke machte mich krank, der Gestank von zigtausend aufgewärmten Portionen Spaghetti Bolognese, der abgestanden aus der Kirschbaumvertäfelung troff.

Fitting und Karlos dagegen schienen unbeeindruckt. Sie beharkten sich mal wieder. Karlos: „Fitting, du dickes Klötzl, mundet es dir denn, hm?“ Fitting: „Schnauze.“ „Trinkst du auch artig deine Coca Cola auf, Fitting?“ „Weiß nicht.“ (Schmatz.) „Das musst du aber auftrinken, dicker Fitting. Guck mal, in Afrika verdursten die Kinder, und du trinkst deine Coca Cola nicht auf.“ „Afrika? Pfft“, schnaubte Fitting. „Sollen sie doch Altkleider saufen in Afrika. Dann haben sie keinen Durst mehr.“ So lässig Fitting sonst auch sein mochte, auf Drogen wurde er zum großspurigen Arschloch. Mich erreichte die nächste Psylocibin-Welle. Eine Monsterwelle. Ich sah das Besteck in Fittings Hand heftig in die eigene Halsschlagader stossen, ich sah roten Farbstoff sprudeln, ich sah es bräunlich aus seinem Mund sickern wie Harz aus einem aufklaffenden Astloch; S-I-R-U-P,

eine Gabel kratzte tief im Porzellan.

„Je mehr ich in mich reinfuttere, desto mehr Hunger krieg ich!“ kreischte Fittings Stimme in meinen Ohren, ein toxisches Orchester. „Nun kaue er doch nicht so laut“ hörte ich in der Ferne Karlos, in einem anderen Erdteil. „Mh?“ „Du sollst nicht so schmatzen, du Ferkel! Die Kellnerin glaubt schon, draußen trabt ein Pferd über die Strasse!“

Pferde! Ich stand abrupt vom Tisch auf.

„He.. was ist denn mit dem los!?“ sagte jemand. Eine Kellnerin. Ich sah noch das abgegriffene Bluna-Glas auf dem Tisch, dann kraulte ich in Richtung Tür, schob den Holzperlen-Vorhang beiseite, im Hintergrund das Rascheln aufblitzender Messer.

Draussen. Parkplatz. Sonnenschein.

„He! Warte..“ Karlos. Er kam mir nach. Gottseidank. Ohne Fitting. Ich konnte ihn nicht mehr ertragen. Durch die Scheibe sah ich ihn noch am Tisch sitzen, vor seinem Trog, aus dem er sich mit Fleisch fütterte. Er guckte uns nicht mal hinterher. Wir kreuzten die Fußgängerzone, die vielbefahrene Goerdeler Strasse, ohne ein Wort zu wechseln. Karlos kannte mich lange genug, um zu wissen, was los war, und auch wenn er das nicht wusste, nicht wissen konnte, so ahnte er es zumindest. Jahre zuvor hatte ich mit Pepe einen LSD-Trip geteilt, der so böse endete, so schief, ich hätte beinahe den Verstand verloren. Karlos hatte die Geschichte benutzt, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken. Vor der Musterungskommission erzählte er einfach meine Story, nur dass er sich selbst als Hauptdarsteller einsetzte. Man erklärte ihn auf der Stelle „untauglich“ und empfahl ihm, mit aschfahlen Gesichtern, ein Psycho-Drama, um sich von diesem traumatischen Erlebnis jemals befreien zu können. Und jetzt ging alles von vorne los. Ich steckte wieder in einem Trip drin, in der Angst, nie mehr zurückkehren zu können. Für immer gefangen zu bleiben in drastischer Intensität. Im Über-Ich, das man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt, in dem ich kopfüber verloren war. Und das nur, weil ich partout nicht glauben wollte, dass Pilze von einer Pferdewiese.. wie blöde muss man eigentlich sein..

Im Stadtpark hinterm Haus der Jugend, dem Malteser Grund, war die große Wiese frisch gemäht, es roch nach Lagerfeuer, als wir an einem der Gärtner vorüber gingen, der das Unkraut des langen Winters abfackelte, mit dem Bunsenbrenner, betrieben von Propangas aus roter Flasche, mit finster entschlossener Miene. Auf der Wiese hatte er das Gras zu Häufchen zusammengeschoben. Wir stoppten weiter unten an einer Bank. Ich sprach keinen Ton. Es war nicht möglich. Zu reden. Zu schildern.

Hitze, durch mein Gesicht rotzend, Quecksilbernerven, von den Knochen gelöst, ich war ein versehrtes Tier, Karlos, ich konnte Dich damals nicht angucken.. ich konnte es nicht; dein Gesicht, erstarrt zum gealterten Pinocchio.. Keine Ohren, nur rohes Knorpelmaterial, OBWOHL ICH GAR NICHT MEHR HINGUCKTE, HINGUCKEN KONNTE..

ICH SPRANG von der Bank, stürzte den Park hinauf, über die Wiese. DER FRISCH GEMÄHTE RASEN TRÄGT BUBIKOPF! lächelte jemand in mir, nein, ich nicht. Ich war das nicht. Auf meinen Fersen – ein Lärm, als würden Gullydeckel in die Luft gesprengt. (Schritte von Karlos auf dem Pflaster. Er ließ mich nicht allein.) DER RASEN WURDE NIEDERGEMÄHT! trieb eine Schleife durch mein Gehirn, ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT, ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT!

Ich hockte mich nieder, wollte das Gras berühren, in die Hand nehmen, ein ganzes Büschel, sollte mich beruhigen, durch Berührung beruhigen, ruhig kriegen, die Angst, die Panik abdämpfen, doch die Halme verkochten in meinen Händen zu grüner Lepra: nicht meine Finger, die in die Wiese griffen, selbst wenn mein Tastsinn Berührung signalisierte.. in weiter Entfernung –

stadiongroßer Fieberschub im ganzen Körper.

Die Angst, es nicht mehr zu schaffen.. dieses Mal nicht.. dieses Mal NICHT MEHR normal werden zu können.. keine Wiederkehr, für immer ELEKTRISCH. „..nie mehr normal..“, hustete ich, die Hand vor Augen. „Doch“, hörte ich Karlos, der die ganze Zeit neben mir blieb, „das wird.. wieder. Das geht vorbei..“ „Nur normal sein“, dachte ich und sagte was von „Fernsehen.. Nur abends im Bett liegen.. und fernsehen.. ganz normale, ganz einfache Sachen, Karlos..“ „Ja.. Natürlich.“

Auf immer ausgeliefert, geknechtet von Eindrücken, die wie vom Tauchsieder erhitzt sprudelten und blubberten, nicht aufhörten zu blubbern, zu sprudeln, auf Beinen, mit Marschflugkörpern bepackt, unterwegs zur Hölle,

ich hatte sämtliche Tickets gelöst.

Man winkte mich durch und die Engel kicherten: Ahh, da isser wieder. Der Fertige. Da war er wieder.

Der Stadtpark in den Malteser Gründen ist wie ein kleines Stadion. Folgt man dem äusseren Weg, der um den Park herum führt, läuft man ziemlich genau eine Stadionrunde. Mit dem Unterschied, dass sich der Park in Hanglage befindet. Führt also die eine Hälfte der Stadionrunde bergab, so führt die andere Hälfte bergauf. Bergab, bergauf. Bergab, bergauf bringt Linderung auf einem schlechten Trip, auf gutem LSD zur falschen Zeit, bloß immer in Bewegung bleiben, die Zeit umkriegen, nicht komplett durchdrehen, gehen, gehen, gehen. Marschieren: weil das Bewusstsein nicht funktioniert, ein überquellendes Postfach ist und der Sortierer kommt nicht, du musst weiter und die Dämonen marschieren mit im Gleichschritt – niemals Stehenbleiben, Stehenbleiben ist Tod, ist schon mitten in der späteren Psychose, im Superwachkoma

PRASSELND

sagte ich zu Karlos: „Ich .. Karlos, laß uns zu dir gehen. In die Badewanne. Laß uns baden.“ Die Vorstellung, in heißes Wasser einzutauchen, gemeinsam mit dem Freund, erschien wie ein letztes Versprechen, doch noch gerettet werden zu können, von einem warmen Lasso, in allerletzter Sekunde, eingeholt zu werden. Vom großen Cowboy Wasser. „Sicher“, nicktest du sofort. „Lass uns gehen.“

Wir gingen nicht zu Karlos, wir stiegen nicht in die heiße Badewanne. Wir blieben zusammen, bis die Wirkung der Pilze von allein abflaute, vielleicht eine Stunde nur dauerte es, bis aus der Angst, die mich so niedergedrückt und gekrümmt hatte, plötzlich (und wie schnell ging das!) Befreiung wuchs. Und ich mich ein zweites Mal niederließ im Malteser Grund und das frisch gemähte, vom Regen feuchte Gras durch die Finger rieseln spürte, wie Samt, glücklich wie ein kleines Kind. Ein kleines Königskind. Dass der Trip endlich ausatmete..

und die Nacht holte Luft.

RSV Kohlfurth: Zum 100jährigen Bestehen einer untergegangenen Legende

19. Mai 2009

“He, schiess her!”
Der Junge zögert. Erst als er meine O-Beine entdeckt, die gar keine echten O-Beine mehr sind, eher zwei Satzzeichen, Klammer auf, Klammer zu, (es reicht jedoch, um den alten Fußballer noch erkennen zu lassen: dreimal die Erde umrundet mit dem Ball am Fuß), da endlich wirft mir der Junge die Pille zu.

Ich stoppe sie mit dem Oberschenkel, lasse sie tänzeln, fünf Mal, sechs Mal, dann abtropfen und gebe sie per Dropkick zurück, schön trocken, wie eine Frikadelle vom Tresen des Vereinslokals.

Das ist natürlich nicht ohne Risiko, mit Mitte Vierzig einen Lederball auf dem Oberschenkel tänzeln zu lassen, aus dem Stegreif, und dann per Kunstkick zurückzubefördern. Ohne sich zuvor warm zu machen. Ohne die Muskeln zu lockern.

Die Mistpille könnte ja schon nach dem ersten Tänzeln abrutschen vom Oberschenkel und plump zu Boden fallen, dann steht man da wie ein Anfänger, dem das Blut zu Kopfe steigt, mit Mitte vierzig so ne Bombe, im günstigsten Falle. Weniger günstig: man zieht sich einen doppelten Bandscheibenvorfall zu, der einen bis ans Lebensende jeden Morgen beim Aufstehen an diese wehmütige kleine Einlage erinnert.

Ich sollte es lieber bleiben lassen. Aber ich kann nicht anders. Sehe ich einen Ball, muss ich handeln. Meist handelt der Ball. Er sucht mich. Ich bin sein Magnet.

Sein Mekka.

Wenn ich irgendwo herlatsche, wo gebolzt wird, dauert es keine dreißig Sekunden und der Ball rollt auf mich zu. Schön, vielleicht muss ich einen halben Schritt nach links oder nach rechts machen, um ihn annehmen zu können, aber im Ergebnis rollt er in meine Richtung. So ungefähr. Direkt auf mich zu. Ein Orakel. Denn tut er es nicht, ist etwas nicht in Ordnung. Mit dem Leben. Dem Ball.

The Spielfreude.

Fußball. Wir spielten auf den weiten saftigen Wiesen der Hasseldelle, bevor die Neue Heimat dort frech ihre grauen Hochhäuser aufschlug. Erst stellten sie mich ins Tor, die Großen, weil ich noch zu klein war, um im Feld mitspielen zu können, „der wimmelt uns nur zwischen den Beinen rum“, doch dann sprang ich als Torwart von Pfosten zu Pfosten wie ein Flummi, hielt die unmöglichsten Bälle, ich war sechs Jahre alt.

Danach durfte ich im Feld mitspielen.

Ich war ein dreister Dribbler. Ein Fummelkopp. Beine anderer Jungs waren für mich nichts als gegnerische Stangen, die es zu umkurven galt, so eng wie möglich. Wäre ich im Friaul geboren wie der mütterliche Zweig meiner Vorfahren, aus mir wäre ein alpiner Slalomfahrer geworden. Ein Risiko-Bergsteiger, ein echter Sherpabescheißer.

Als ich sieben wurde, meldeten mich meine Eltern in der E-Jugend des RSV Kohlfurth an, und ich blieb bis zu den A-Junioren, da war ich achtzehn. Den vereinseigenen Platz konnte man von unserer Wohnung in der Hasseldelle aus sehen, vom Küchenfenster aus. Da unten lag er, im Kohlfurther Kessel, Entfernung Luftlinie einen langen Kilometer, wenn kein Nebel war. Wie ein Versprechen.

Eine Verheißung.

Sonntagnachmittags stand ich mit dem schwarzen Feldstecher von Carl Zeiss am Fenster und guckte mir ein Spiel unserer 1. Mannschaft an. Winzige Figuren in bunten Trikots, die sich merkwürdig geräuschlos bewegten. Das wurde schnell anstrengend in den Armen und ich ging lieber vor die Tür, irgendwo ein eins null schießen.

Ich war eine Monokanone, ich hatte von Anfang an nur einen rechten Fuß. Mit links ging so gut wie nichts. Das linke Bein war mein Standbein, wie bei einer Tipp-Kick-Figur, damit ich nicht umfiel. Das war auch der Grund, warum ich es laut Ekki, unserem Trainer, bei all dem Talent nicht in den bezahlten Fußball geschafft hätte. Man mußte auch damals schon beidfüßig unterwegs sein.

Der RSV war ein Arbeiterverein, beinahe britisch in seinem trotzigen Stolz. Als Rasspe Sport Verein Kohlfurth ging der Club im Jahre 1909 aus dem Betriebssport hervor. Rasspe, ein mittelständischer Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen, führte einen Pfeifenkopf im Firmen-Emblem, der vom höchsten Schornstein aus die Gegend bedampfte, den Kohlfurther Kessel an der Stadtgrenze zu Wuppertal. Spötter tauften den RSV daher „Ormsnut“, Solinger Platt für Atemnot.

Dass ich im Gegensatz zu meinen Mitspielern keine Schlosserlehre bei Rasspe absolvierte, sondern das Gymnasium besuchte, wurde mir so richtig erst bewusst, als unsere Klasse kurz vor der Mittleren Reife eine Betriebsbesichtigung bei Rasspe durchführte. Da standen meine Teamkameraden vom RSV im Blaumann an ölverschmierten lärmenden Pressen, während ich reichlich schnöselig daherkam in meinen Gary Glitter Jeans, umgeben von Mitschülern, deren Eltern zum Teil so vermögend waren, dass sie Sporting Lissabon einfliegen ließen für das gelungene Sportabzeichen ihres 16jährigen Sohns Carl-Rainer.

Unser Platz war eine Rarität. In der Mitte Asche, an den Rändern Rasen. Nicht Fisch, nicht Fleisch, oder Fisch und Fleisch, ganz wie man will, jedenfalls ein gottverfluchter Acker, gefürchtet bei den Gastmannschaften, die mit dem Belag nicht klar kamen.

Ich hab heute noch schwarze Aschekörner in den Knien, und Wiese.

sanne.rsv-gross

Die seltsamen Platzverhältnisse hatten auch ihr Gutes. Weil man als Spieler automatisch danach strebte, aufs weiche Gras am Spielfeldrand auszuweichen, zog unser Team ein offensives Flügelspiel auf. Ich wartete als Vollstrecker in der Mitte bis die Pille zu mir kam, und dann – paff!

„Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt den Lockenkopf decken!“ war der Spruch, der mich durch die Jugend begleitete, bis die krausen Haare glatter wurden und ich keine Tore mehr erzielte, weil ich am Abend zuvor wieder mal versackt war in einer Kneipe an der Mummstrasse.

Eine weitere Kohlfurther Besonderheit: Vereinsheim und Umkleidekabinen lagen gut einen Kilometer vom Platz entfernt. Dazwischen Felder voller Kuhscheiße und ein Rübenacker, der vor allem im Winter zur wahren Schlammwüste mutierte. Manch ein Team war schon erledigt, bevor es endlich unseren erbarmungswürdigen Nicht-Fisch, Nicht-Fleisch Platz erreicht hatte.

Wir waren schon eine gefürchtete Heimmannschaft.

Die widrigen Platzverhältnisse und ein für die damalige Zeit hoher Ausländeranteil, Söhne italienischer und türkischer Väter, die bei Rasspe ranklotzten, sorgten dafür, dass der RSV nicht gut gelitten war. Für einen Gegner wie Union Solingen, im zwanzig Kilometer entfernten Stadtteil Ohligs beheimatet und schon von der Mentalität eher zu Düsseldorf gehörend, bedeutete ein Auswärtsspiel in Kohlfurth eine Reise ins Ungewisse, eine Partie bei den Schmuddelkindern, „die haben Messer im Stutzen! Die jagen uns durch ihren Kuhdung!“

Wirklich verfeindet aber waren wir mit der 1. Sportvereinigung, deren Jungs stets in blütenweißen schmucken Trikots aufliefen und vor Arroganz kaum aus den Stutzen kamen. Für sie waren wir die Prolls aus der Nordstadt, die Kohlfurther Juffen, während sie für uns nur Bubis darstellten, die sich von Mutti den Bauch waschen ließen. Wir hassten die 1. Sportvereinigung, sie hassten uns.

Ein faires Spiel, es wogte hin und her.

Zu den magischen Momenten zählte der Freitagmittag, wenn die Postkarte im Briefkasten lag. Absender: RSV Kohlfurth. Inhalt: Spielort, Anstoßzeit, Treffpunkt der nächsten Begegnung. Nun war das alles während des Trainings unter der Woche bereits bekanntgegeben worden, doch erst die Postkarte mit der nüchternen Präsenz einer abgestempelten Briefmarke machte es offiziell: Ein Punktspiel stand an! Der Countdown lief! Fußballschuhe putzen! (50 Pfennig in die Mannschaftskasse, wenn man mit dreckigen Tretern zum Spiel erschien.) Abgenudelte Schraubstollen auswechseln! IST DAS TRIKOT GEWASCHEN, MUTTI!? Mit Wiwi Wupperbusch, Rechtsaußen, Hassgesänge auf die 1. Spvgg. einstudieren, im Kanon!

Mein Lieblingstrainer war der Ekki, in der A-Jugend. Mit Ende zwanzig war er gerade mal zehn Jahre älter als wir, er nahm uns Jungs ernst, er hatte ein Händchen für uns.

Ein Spiel ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war gegen Ende der Saison, es ging um alles oder nichts. Aufstieg in die Niederrheinliga, wo Fortuna Düsseldorf und der Wuppertaler SV warteten, oder ein weiteres Jahr gegen die Sportfreunde Witzhelden. Konkurrent um den Aufstieg war der Sportclub Reusrath mit dem kuriosen Trainer Zimmermann, der nicht nur eine Stimme hatte wie ein Huhn, er sah auch so aus. Mit seinem dürren langen Hals war er kaum vom Federvieh zu unterscheiden, das er in einem Bretterverschlag hinter dem Aschenplatz hielt.

Wenn wir zum Auswärtsspiel nach Reusrath fuhren, in der üblichen Wagenkolonne, krähte und gackerte es aus den Seitenfenstern, bis wir die Auffahrt zu den Umkleidekabinen erreichten. Dann war schlagartig Stille, wir hielten die Luft an. Da stand er, Zimmermann, das eiserne Huhn. Er führte ein straffes Regiment mit seiner hohen Hühnerstimme, die wie eine Sirene durch die Tinnitus-Schluchten von Reusrath hallte.
„MENSCH, MANNI!! DU TRIFFST KEINEN MÖBELWAGEN AUS ZWEI METERN! DIE PILLE VERHUNGERT JA! DIE KRIEGT UNTERWEGS JUNGE!!“

Ekki nahm mich vor dem Match beiseite. Ich sollte nicht nur die Nummer 10 des Gegners mattsetzen, sondern auch das eigene Spiel ankurbeln.
„Trainer“, sagte ich, „das schaff ich nicht.“
Zwar hatte er mich im Laufe seiner Amtszeit schon vom Sturm ins Mittelfeld zurückbeordert, was überraschend gut funktionierte, doch dem Spielmacher der gegnerischen Mannschaft auf den Füßen stehen und den Ball in den eigenen Reihen verteilen..?
„Glummi“, sagte er, „du machst das. Das ist dein Spiel.“

Ohne dass Ekki je ein Wort darüber verloren hätte: Er war hochrangiger Manager bei einem renommierten Solinger Schneidwaren-Unternehmen. Kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag fiel er in der Kantine tot vom Stuhl. Einfach so. Das Herz. Der Stress. Die Beisetzung fand 2003 an einem klaren blauen Wochentag statt. Ein Schwarm Kraniche zog hoch über den Parkfriedhof, als ich am offenen Grab stand und mich fragte, warum zum Teufel niemand „Hintermann!“ ruft, wenn der Tod daherkommt, auf seinen schwarzen Tretern, so wie auf dem Spielfeld, damit der Mitspieler weiß, aha, da isser. Da kommt er. Von hinten.

Und man schnell noch die Biege machen kann.

Das Entscheidungsspiel beim SC Reusrath endete unentschieden, was uns nicht weiterbrachte. Wir hätten gewinnen müssen, um in die Niederrheinliga aufzusteigen. Dennoch war es das Spiel meines Lebens, an diesem Nachmittag. Ich rannte mir die Blutkörperchen aus dem Leib, ich verteilte die Lederpille wie eine ehrgeizige Stationsschwester auf der Chirurgie, ich riss das Trikot der gegnerischen Nummer 10 noch in hautähnliche Fetzen, als die Hühner des Herrn Zimmermann in ihrem Bretterverschlag längst den Aufstieg feierten.

Einige Jahre zuvor, in der D-Jugend, war es noch andersrum gewesen. Auch damals konkurrierten wir mit Reusrath um den Aufstieg in die Bestengruppe. Kurz vor Ende der Begegnung wurde uns ein Elfer zugesprochen, und ich als Mittelstürmer und Torschützenkönig machte mich ans Werk. Und dann trat ich mit meinen zwölf Jahren mehr in den Boden als vor den Ball. Die entsetzten Aufschreie meiner Kameraden im Rücken schaute ich dem Lederball hinterher, der feixend in Richtung Torwart holperte, es sich kurz vor der Linie aber anders überlegte und eine grobe Unebenheit des Platzes nutzend von einem Hubbel abhob und dem verdutzten Keeper durch die fangbereiten Arme glitt: 1:0! Wir waren Meister!

Unser erster Trainer in der E-Jugend hieß Alfred Schütz. Ein untersetzter 60jähriger Schlosser mit Schiebermütze und riesigen Ohren, der uns Knirpse nicht mit Samthandschuhen anfasste. Das waren Kohlenschlepperfäustlinge, mit denen er uns bearbeitete und beknetete und beschimpfte, wobei Kohlenschlepper niemals Fäustlinge trugen, wir wurden also von einem unechten Kohlenschlepper mit riesigen Ohren und schlimmen Blähungen trainiert: es spotzte wie ein defektes Heizöfchen, wenn er an der Seitenlinie stand.

Den dicken Duce hatte Trainer Schütz besonders auf dem Kieker. „Duce, fauler Hund!“ rief er und seine riesigen Ohren wackelten wie Hausschlappen. „Duce, Duce, Duce…! Dir kann man beim Laufen die Schuhe besohlen!“ Und wenn Duce mal wieder neben das Tor geschossen hatte, weil er es nicht besser konnte: „Oooh jeee.. Der Duce trifft aus drei Metern keinen Möbelwagen, der dicke Depp!“ Und bei einem zu lasch ausgeführten Freistoß, „Duce!! Der Ball kriegt ja unterwegs Junge!“

Duce war ein kleiner dicker Sizilianer, dem ich im Februar 1987 die erste Begegnung mit der Gräfin verdankte. Er sah ein bisschen so aus wie Honore de Balzac, wenn Honore de Balzac wie der Duce ausgesehen hätte, sonst nicht, sonst hätte er anders ausgesehen. Ein freundlicher Vogel, ein bißchen verschroben.

So wie es sich gehörte, beim RSV.

Dann war da noch Tempelmaier, der Trainer, der uns nur eine halbe Saison lang gecoacht hat, es muss in der B-Jugend gewesen sein. Ein Volltrottel vor dem Herren. Von nichts eine Ahnung, aber immer am Plappern. Bei Heimspielen lief Tempelmaier nervös hinterm Tor auf und ab, ein langes Elend, dem der Wind das dünne Haar zu einer Sturmfrisur hochbrutzelte, die er verzweifelt in den Griff zu bekommen versuchte, indem er das Haar platt drückte bis zur nächsten Böe. „Kommt heiß aus der Sahara, der Wind!“ plapperte er und niemand hörte hin.

Als Geschäftsmann sorgte er mit ein paar Hunderten in die Vereinskasse nicht nur dafür, dass sein hüftsteifer Sohn Achim als Vorstopper einen Stammplatz genoss, er schusterte ihm sogar Berufungen in die begehrte Niederrheinauswahl zu.

Am Wochenende fuhren sie gerne auf die Königsallee nach Düsseldorf. Da hockten Tempelmaier und Sohn Achim dann zwischen den einheimischen Bonzen und Schickimickis und furzten vorstädtisch ins Gestühl.

Irgendwann in den späten Neunzigern hab ich sie wieder gesehen, Vater und Sohn, in einem schäbigen Kiosk am Stadtrand, den sie übernommen hatten. Das ganze war ihnen so peinlich, sie taten, als hätten sie mich nicht erkannt. Ich ließ mich aber nicht lumpen und kaufte eine schöne Tüte Süßigkeiten, für fünf Mark. Aber nur süß-sauer, Herr Tempelmaier! Ohne Lakritze!
„Die schmiert immer so von innen!“ lachte ich.

RSV by Sanne Eggert

Da die Jugendspiele meist am Samstag stattfanden, hatte ich sonntags Zeit, um mir die Senioren anzugucken. Dummerweise krebste die erste Mannschaft des RSV in der 2. Kreisklasse herum, das war uninteressant, also ging ich fremd: Alle vierzehn Tage zum Heimspiel der ersten Mannschaft der verhassten 1. Sportvereinigung 03..

Die spielte damals Oberliga und hatte einen schlagkräftigen Anhang. Tausend Zuschauer an der Nibelungenstrasse waren keine Seltenheit. Der Platz hatte einen Belag aus roter Asche, und die Zuschauer standen dicht gedrängt hinter den Geländern, die mit Werbetafeln bestückten waren und einen Höllenlärm verursachten, wenn Hunderte von Zuschauern mit den Fäusten gegen das Blech boxten, und feste Schuhe hatte man ja auch an, besonders im Winter.

Der harte Kern der Fans war bewaffnet mit Fahrradhupen, deren blanke metallische Töne aus den Stadien heutzutage gänzlich verschwunden sind. Ausgestorben.

Wenn im Nachtprogramm gelegentlich Wiederholungen laufen von legendären Fußballschlachten der 70er Jahre, dann hört man es noch mal massenhaft von den Rängen hupen, als hätten dort 50.000 Herrenfahrräder gesessen, und nicht Zuschauer.

Diese Sonntage an der Nibelungenstrasse gehörten mir ganz alleine. Ich war elf Jahre alt und ging alleine hin und blieb während des ganzen Spiels alleine, selbst wenn der nächste Angriff der 1. Sportvereinigung roten Staub aufwirbelnd aufs gegnerische Tor zurollte und ich in meine Tröte blies.

Nach dem Match ging ich allein in die überfüllte Vereinskneipe und holte mir eine Schachtel Pommes rot-weiß, ohne mit irgendjemand ein Wort zu wechseln. Und dann ging ich alleine nach Hause.

Ich war vielleicht nie wieder alleine so glücklich wie an diesen Sonntagen, die so einsam und turbulent zugleich waren. Introvertiert und doch mittendrin, das war das Leben, das mir gefiel, selbst an einem Sonntagnachmittag beim verachtenswerten Intimfeind.

*

2009 hätte der RSV sein hundertjähriges Bestehen gefeiert. Honoratioren wären „Ri, Ra, Rau, Er, Es, Vau!“ skandierend noch aus dem letzten Kohlfurther Fachwerkhäuschen gekrochen, um der Legende zu gratulieren, doch es sollte nicht sein.

Da der Platz dem Ausbau des benachbarten Kühlhauses der Frischdienst-Zentrale im Wege stand, die das Gelände aufgekauft hatte, löste sich der Verein Ende der 90er Jahre auf. Bitter: zu dem geplanten Ausbau kam es nie, die Frischdienst-Zentrale zog nach Wuppertal.

So liegt der alte RSV-Platz heute verlassen da, eine verwilderte Pferdekoppel, ohne Pferde. Quasi im vorauseilenden Gehorsam hatte die damalige Vereinsführung den RSV ausradiert für immer. Und dagegen protestiere ich jedes Mal scharf mit rechts, wenn mir eine Pille über den Weg läuft.

Woller

14. Mai 2009

KETTENHUNDE

Nachhauseweg, ich nehm die Abkürzung über den Friedhof. Gegenüber der kleinen Kapelle sitzt jemand auf der Bank, der mich, bisschen schief, ein Schrank von einem Kerl, blass um die Nase, an den Woller erinnert. Das kann nur der Woller sein.

“Na klar.. das ist der Woller..!”
“Och..!” hustet Woller und reicht mir die Hand. Würde ich ihn nicht kennen, ich hielte ihn für mit seinen tätowierten kräftigen Unterarmen und einer Fahne für einen pausierenden Bauarbeiter.

“Scheiße, hab ich gestern gesoffen.. Wodka mit den Russen und dem Saarländer. Ich war voll wie ein Treteimer. Ich weiß kaum, wie ich nach Hause gekommen bin. Der Saarländer soll mich in ein Taxi gesetzt haben, dem Fahrer die Kohle in die Hand gedrückt und gesagt, hier, fahr den Sack zum Katternberg 11, zweite Schelle von unten..”
“Na, das ist doch okay.”
“Sollte man meinen. Bloß dass der Sauhund vorher die Kohle aus meiner Brieftasche gezockt hat, und zwar die ganze Kohle, nicht nur den Zehner fürs Taxi. Da war dicke noch ein Fuffie drin.”
“Das ist nicht okay”, sag ich.
“Siehste, das mein ich auch. Der Sausack weiß genau, dass er mir besser nicht unter die Augen tritt in den nächsten Tagen. Dann setzt es ne Schelle auf zwei, glaub mir das.”

Wenn Woller Schelle sagt, meint er Schelle. In Großformat und in Metall gegossen. Also mehr eine Glocke.
Einen Gong.

Woller hat zwanzig Jahre Kampfsporterfahrung und Maloche auf dem Bau auf dem Buckel. Er hat Hände wie Black&Decker-Motorsägen, die, wenn er jähzornig wird, auch ähnliche Betriebsgeräusche verursachen.

In den Neunzigern hat er drei Jahre absitzen müssen, weil er einer Reihe von Leuten Schellen, Ohrfeigen und Kinnhaken verpasst hat, die das nicht gut vertragen haben. Es geschah durchweg im Suff, wenn ihn etwas ärgerte und er jähzornig wurde. Dann machte es gong! und irgendjemand lag in der Ecke und weinte.

Ich hör für mein Leben gerne solche Stories von früher. Von heute auch, logisch, aber früher war einfach mehr los. Da lag andauernd irgendwo einer in der Ecke und weinte, da konnte man hergehen, wo man wollte.

Andererseits meinte schon mein Großvater, früher wäre mehr los gewesen, mein Vater meinte, früher wäre mehr los gewesen, und ich meine auch, früher war mehr los. Natürlich glaubt jede Generation, früher sei alles besser gewesen. Selbst in der späten Jungsteinzeit saßen die Alten am Feuer und trauerten der Altsteinzeit hinterher, als es noch Mammuts gab zum Jagen und kein verdammtes Brot angebaut werden musste. Und was werden die Leute sagen, wenn 2030 in Fernsehen genmanipulierte Neon-Babies als Quizgewinn ausgelobt werden?
“Früher war aber mehr los.”

So gesehen ist natürlich zu jeder Zeit ne Menge los, weil ja für irgendwen immer gerade die Zeit ist, die wir später früher nennen, wo noch richtig was los war. Wo es noch gong! gemacht hat, wenn dem Woller der Kragen platzte.
Das ist auch der Grund, warum so viele Geschichten in diesem ominösen Land namens FRÜHER spielen, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert. Früher ist eine spannende Monarchie. Ein Königreich für einen Gong.

Er hat soviel Rest-Promille im Blut, Wollers Zunge sitzt locker wie einem Cowboy der Colt nach einer Nacht bei Kitty im Saloon. Und als ich wieder hinhöre, ist er schon mittendrin, in dieser Sache mit der Bundeswehr.

“Der ganze Scheiß ging los, als der Bund mich als Gebirgsjäger einzog. Als Zeitsoldat für vier Jahre. Blöd und jung wie ich war, hab ich meine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt, dabei wollt ich bloß raus von zu Hause.”
Ich setz mich neben ihm auf die Bank.
“Da war ich neunzehn, und danach kam erstmal nix mehr, gar nix, sieben Jahre lang. Ich war schon sechsundzwanzig, ein alter Knacker, als die mir den Stellungsbefehl ins Haus schickten. Antritts-Termin: der zweite Januar 1989. Den Termin werd ich mein Lebtag nicht vergessen.”

Er nimmt einen Schluck Almdudler und rülpst. Ein Rest von Wodka flirrt durch die Luft, und wir halten uns kurzfristig auf einem orthodoxen Schnapsfriedhof am Rande von Moskau auf, den manche Leute als Abkürzung benutzen.
“2. Januar 89..”, sinniert Woller. “Oder 88, zweiter Januar 88, kann auch sein. 88 oder 89.. Ich glaub, 89. Klar, 89. Oder 88. Jedenfalls, ich hab damals gar nicht mehr mit denen gerechnet, sieben Jahre später. Ich dachte, der Fisch wär gegessen. Ja, Scheiße. Der Fisch war voll aktiv. Das war so ein Brocken von einem Aktivfisch, ja, scheiße. Und dann noch die Einberufung auf den zweiten Januar, sag mal, ich mein, wie schräg muss einer drauf sein, um mich am zweiten Januar einzuziehen?! Da ist der Trouble doch vorprogrammiert, zwei Tage nach Silvester, oder nicht. Da glaubt man doch, die suchen den Gong förmlich..”
“Und?” sag ich.
“Und was?”
“Warst du vier Jahre beim Bund?”
“Nee, das nicht. Aber versuch mal als Zeitsoldat aus dem Vertrag rauszukommen, kannst du vergessen, auch wenn du den Dienst noch gar nicht angetreten hast. Kannst du vergessen. Geht nicht. Die wollen dich, die holen dich. Der Bund vergisst nix.”

Wir schreiben den zweiten Januar 1989, als Benno, ein Kumpel, den ich auch noch kenne, vom Sehen, Woller zur Kaserne nach Mönchengladbach bringt, bis vors Tor.
“Warte ne Viertelstunde, hab ich noch zum Benno gesagt. Bleib im Wagen und warte. Ich hatte so ein mulmiges Gefühl, mal ganz abgesehen vom Silvesterkater, klar. Ich also rein in die Kaserne. Noch reichlich Fusel im Blut und auf Koks, natürlich, unbekokst bin ich damals ja gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, Ende der Achtziger, wa. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wie Bäume riechen, so kaputt war meine Nase. Na, ich rein in die Kaserne, steht da ein kleiner Uffz, weißt du, so ein Männeken von Unteroffizier. Ich grüß noch nett, FROHES NEUES JAHR!, bißchen laut vielleicht, war ja gut drauf, da blökt der Uffz mich an, was mir denn einfällt, von wegen Schönes neues Jahr, ich wüsste wohl nicht, wo ich hier wär. Doch sicher, hab ich gesagt, beim Bund, sieht man doch, ist ja nicht zu übersehen, und da ist der Knabe explodiert. SIE STEHEN JETZT STRAMM UND GRÜSSEN ORDENTLICH, SONST ORDNE ICH SOFORT SIEBEN TAGE BAU AN und so Zeugs. SIEBEN TAGE DUNKELHAFT. Und das schlimmste: Der Blödmann betatscht mich die ganze Zeit..”

Logisch, dass Woller von der Bank aufsteht und mir das demonstriert. Dabei haut er mir so feste auf die Schultern, dass ich fast in die Büsche fliege.
“Pff..”, mach ich.
“Genau, pff! Hab ich auch gemacht! Wenn ich was nicht abkann, dann wenn mich einer antatscht. Ich sag also zum Uffz, lass das lieber, pack mich nicht an, das gibt Trouble, die Finger da weg, doch der hört einfach nicht auf, der gräbt mich weiter an, da hab ich ihm ne Schelle verpasst, Junge, da hat die Tapete geflattert, den ganzen Gang hoch. Ich mein, was sollt ich machen, Alter, der hat nicht aufgehört mich anzutatschen. War nicht meine Schuld.”
Ich muss lachen.
“Stimmt. Ist nicht deine Schuld, wenn der nicht die Finger bei sich behalten kann.”

“Nee, wa? Da lag der Uffz also in der Ecke, die Nase gebrochen, der schien wirklich beeindruckt, und ich dreh mich um und latsch einfach raus aus der Kaserne zum Wagen und sag zum Benno, gib Gas, Benno, lass uns abhauen, hab ich nur gesagt und dann sind wir die nächsten Wochen in Amsterdam versackt. Ich hatte ja dreitausend Flocken Abfindung auf der Tasche, vom Gerüstbau. Junge, danach waren meine Nasenwände so porös, als hätt ich zehn Eimer Atta geschnüffelt.”

Ja, genau, so war das früher. Da wurde nicht viel Federlesen gemacht, auf keiner Seite. Man wusste genau, wo der Feind stand. Problematisch wurde es nur, wenn man beim Feind unterschrieben hatte, weil man jung war und nicht nachgedacht hatte.

“Danach ging die Scheiße aber erst richtig los, ich hatte die Kettenhunde auf den Fersen, genau einundzwanzig Monate lang. Die haben einfach nicht locker gelassen..”
“Kettenhunde..?” sag ich. “Du meinst die, na..”
“Ja.. ich komm auch nicht drauf, die.. na, die harten Spürnasen vom Bund.. wie heißen die noch, verdammt.. die Kettenhunde.. ich komm nich..”
“FELDJÄGER!” ruf ich.
“Genau. Feldjäger! Kettenhunde!”

Zwei alte Damen, adrett zurecht gemacht mit weißer Bluse und das Mäntelchen ausgeklopft, nutzen den sonnigen Tag, um die Gräber ihrer verstorbenen Männer zu pflegen. Auf dem Weg zur Wasserstelle, wo die Gießkannen hängen, kommen sie an unserer Bank vorbei und grüßen freundlich. Woller und ich grüßen nett zurück. Wir wohnen schließlich alle im selben großen Land. Da grüßt man nett. Ich hab ein Herz für Verlierer, ein Faible für Gesockse, und für alte Damen.

“Und wenn einen die Kettenhunde einmal auf der Agenda haben, dann bist du geliefert, die lassen nicht locker”, fährt Woller fort. “Die kamen immer zu dritt. Vor allem der Anführer, so ein Langer, der hat das persönlich genommen, weil ich denen dauernd durch die Lappen gegangen bin. Da fällt mir ein, weißt du, wer mich mal vor den Kettenhunden bewahrt hat, in höchster Not?”
“Nee.”
“Der Max vom Mumms.”
“Der Max?”
“Ja, der Max. Glaubt man nicht, ne?”
Max, das war der Wirt vom Mumms. Früher.

“Pass auf, Alter. Da kommen die Kettenhunde abends ins Mumms rein, drei Stück in voller Kampfmontur, ich steh ganz hinten in der Ecke, neben der Zapfanlage und seh die in allerletzter Sekunde, dass ich mich so eben noch wegducken kann. Scheiße, die Kettenhunde, sag ich zum Max und da steckt der mich in ein leeres Bierfass, unten im Keller, ungelogen, Deckel drauf, fertig. Zwei Stunden hab ich da drin geschwitzt und kaum Luft gekriegt, bis die Brüder endlich weg waren.”
“Hätte ich dem Max gar nicht zugetraut”, sag ich anerkennend.

Woller nickt und greift in seine Jackentasche: einen kleinen Jägermeister.
“Frühstück.”
Auf ex.
Einen Moment lang hat er ziemlich grünen Schlammassel am Mund.

“Ein anderes Mal, da haben sie mich auch fast gekriegt, hab ich bei nem Kumpel übernachtet, beim Thata, und mitten in der Nacht hör ich Lärm..”
“Moment”, unterbreche ich Woller. “Beim Thata?”
“Beim Thata, klar..! Kennst du den auch noch? Ist doch schon ewig her..”
“Der bekloppte Thata, na klar”, sag ich. “Wenn der breit war, sprang er immer auf und brüllte: ICH BIN UNHEIMLICH WEISS..”
“..UND ICH KOMM AUS DEM BETON!!” fährt Woller trompetend fort.

Wir klopfen uns die Schenkel, das es nur so wiederhallt. Die beiden alten Damen nicken uns lächelnd zu, während sie den Kies harken und ihrer Erinnerung an die Gatten huldigen mit frischem Heidekraut und Primeln.

“Ich werd also beim bekloppten Thata wach, mitten in der Nacht, und hör Geräusche aus dem Hausflur. Die marschierten ja immer im Gleichschritt, die Kettenhunde, die Treppe hoch mit ihren schweren, klirrenden Stiefeln. Da kommen die Kettenhunde, hab ich zum Thata gesagt, der war auch wach mittlerweile. Ach Quatsch, woher sollen die wissen, dass du hier bist. Doch, hab ich gesagt, das sind die drei, jede Wette. Weil ich damals Hose und Schuhe auch nachts an hatte, ich war ja ständig auf der Flucht, bin ich ruckzuck hinten in die Küche, da war so ein kleines Fenster, wo ich so eben noch durchpasste, ich mein, ich hatte damals gut dreißig Kilo weniger drauf, da ging das noch..”

Er klopft auf seine Wampe, und wieder liegt dieses stramme Flirren von Wodka in der Luft, wie ein kleiner fliegender Teppich, der nicht wegfliegt. Der einfach in der Luft stehen bleibt und nach Moskau müffelt.

“Moment mal, der Thata”, sag ich, “der wohnte doch Kurfürstenstrasse, wo die ganzen Altbauten stehen, oder nicht?”
“Genau, Kurfürstenstrasse, ne Bude im Erdgeschoss rechts. Ich zwäng mich also durchs Küchenfenster nach draußen, da treten die Kettenhunde die Wohnungstür ein. Ich meine, die klingeln ja nicht höflich, Guten Tag, ist der Herrn Zorrmann zu sprechen..?”
“Nee, natürlich nicht”, sag ich. “Wär ja auch blöd.”
“Eben. Direkt gegenüber vom Küchenfenster, aber einen Meter höher, oder anderthalb, war so ein Garagendach, da hab ich mich hochgeschwungen. Du glaubst gar nicht, was man für Kräfte entwickelt, wenn man auf der Flucht ist. Das Adrenalin pumpt und peitscht durch den Körper, du bist Superman, ehrlich, kein Scheiß, Superman und Batman und Spiderman. Ich mein, normalerweise wär ich an das Dach gar nicht rangekommen, ich hätt mich da gar nicht hochziehen können, aber mit dem ganzen Pott Adrenalin im Blut, also, irgendwie schaff ich das auf die Garage hoch..”
“Und die Kettenhunde?”
“Na, die erwischen mich fast noch am Hosenbein, die greifen nach mir. Ich da oben auf der Garage, mitten in der Nacht, war ja noch dunkel, nur das bisschen Licht aus der Küche, und die drei stehen da unten und wollen mir nach. Ich hab das Bild noch vor mir, davon träum ich heute noch. Das war original Kino, Alter, wie die drei aufs Dach hoch wollen und ich denen dauernd auf die Finger trample, damit die sich nicht hochziehen können. Bestimmt ein, zwei Minuten ging das so, ich am Treten wie ein Irrer auf die Finger, waren ja ne Menge Finger bei drei Männern, die glänzten wie Würstchen in der Metzgerei, die rumtanzen, bis die Brüder sich plötzlich zurückziehen.. Da bin ich losgerannt übers Dach und mit einem Riesensatz auf nächste Dach, und dann da runter in den Hof und ab durch die Mitte..”

“Klingt wie Rififi”, sag ich. “Und die Kettenhunde? Was war mit denen? Kamen die nicht hinterher?”
“Nee. Keine Ahnung. Ich hab nichts mehr von denen gehört oder gesehen. Nie wieder.”
Er nimmt den letzten Schluck Almdudler aus der Pulle und wirft sie in den Mülleimer.
Er trifft sogar.
“Yepp.”
Ein lässiger Korb.
Und dann den Rest Jägermeister hinterher.
“Wieso nie wieder?” frag ich.
“Wegen Fahnenflucht und Körperverletzung haben die alles nach 21 Monaten an die Schmiere übergeben. Und die hat mich dann ganz unspektakulär klar gemacht, da war ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern. Als hätten die das gerochen, dass ich da war. Na ja, die haben mich nicht mal unbeobachtet Pissen lassen, bis ich in U-Haft war.”

Woller steht auf und reckt sich. Seine Knochen knacken, als öffne sich irgendwo ein Grab. Die beiden Mütterchen halten inne beim Harken und lächeln selig.
“Scheiße, hab ich einen Brand..!” meint Woller.

*

DER BIENENKÖNIG

„Weißt du eigentlich, wie man mich früher genannt hat?“
„Nee. Woher soll ich das wissen?“
„Bienenkönig.“

Wir kraxeln den Klauberg hoch. Ein steiler Berg. Wäre er eine Bergankunft bei der Tour de France, man würde ihn als einen kleinen schmutzigen Scharfrichter fürchten, bei seinen 17 Prozent Gefälle.
„Bienenkönig..? Wie, Bienenkönig?“
„Na, Bienenkönig. König der Bienen.“
„Ja, das hab ich schon verstanden. Aber du erzählst mir hier jetzt keinen Problemfilm oder so?“ sag ich, ich kenne den Woller nämlich. Manchmal spielt er sich nur auf, oder er verzettelt sich und aus einer anfangs witzigen Schote wird plötzlich eine triste Urnenbestattung. Darauf hab ich keinen Nerv.
„Bienenkönig, Mann!“ blökt er beleidigt. „Keine Probleme!!“

Woller, der wieder als Gerüstbauer arbeitet, trägt neuerdings Glatze, streng poliert. Wer ihm im Hellen begegnet, macht Platz, ist es dunkel, flieht man. Und er hat ein Tattoo, das ist einzigartig, nehme ich an. Von einem befreundeten Schlachtermeister hat er sich im Kokswahn einen Schweinestempel auf den Hintern brennen lassen, im Jahre 1991.
„Alter, ich war so steif, da hab ich nix von gemerkt. Erst am nächsten Morgen weckt mich die Schlauchlippe: eh, du alte Kuh, geh arbeiten. Ich sag, wieso alte Kuh, seit wann nennst du mich alte Kuh? Na, dann guck dir mal im Spiegel deinen Arsch an, sagt sie.“

Im Moment ist Woller krankgeschrieben. Die Venen machen nicht mehr mit. Sind alle dicht.
„Hier, Stützstrümpfe“, sagt er und krempelt das Hosenbein ein Stück hoch. Er soll viel spazieren gehen, hat der Doktor gesagt.
„Hat auch seine Vorteile, Spazierengehen“, meint Woller. So kann er eine Weile Biggi aus dem Weg gehen, seiner Alten, die alle Welt nur Schlauchlippe nennt.
„Alter, den ganzen Tag die Schlauchlippe auf der Pelle, das hält der stärkste Gaul nicht aus.“

Ich frag ihn, wie das eigentlich gekommen ist, dass Biggi, seine Frau, so aussieht, wie sie aussieht. Nicht einmal hässlich übrigens, aber gegen ihre Oberlippe hat Mick Jagger ein Fischmäulchen.
„Wie was passiert ist?“ guckt Woller mich ratlos an.
„Na, das mit der Schlauchlippe.. Dass sie so eine Lippe hat.“
„Ach so. Beim Bügeln. Die ist beim Bügeln ausgerutscht.“
„Wie, beim Bügeln?“
„Ihr ist das Bügeleisen übers Bügelbrett geschossen, und da ist sie gestolpert und aufs heiße Eisen geknallt, hier, mit der Fresse vorneweg, voll aufs Maul. Ist wahr. Ich war dabei. Also nebenan.“

Aber ich wollte ja gar nicht von der Bügelkönigin erzählen, sondern vom Bienenkönig.

Anfang der neunziger Jahre ist Woller als Gerüstbauer in Remscheid beschäftigt. Er und seine Kollegen sind mit dem großen Firmen-Lkw unterwegs. Ihr Auftrag: Ein Eigenheim rundherum einrüsten und das Dach begrünen. Dazu muss der Giebel entfernt werden. Der ist morsch und droht abzustürzen.

Als das Gerüst soweit steht, macht sich einer der Gesellen oben am Dachgiebel zu schaffen, mit dem Holzhammer.
„Verdammt! Ist alles pechschwarz hier oben!“ ruft er noch und trifft mitten in ein Wespennest.
„Scheissdreck!“
Der Geselle flieht in Panik die Leiter runter.
„War ne Zwölfer-Leiter, damals noch aus Holz“, erzählt Woller, während wir den steilen Klauberg hochschlendern und ins Schwitzen geraten. „Heutzutage ist ja alles aus Stahl.“

Als die Insekten sich oben am Dach allmählich beruhigen, beratschlagen die Gerüstbauer unten, was zu tun ist.
„Den Kammerjäger holen, der soll das Nest ausräuchern!“ schlägt einer vor.
„Nee, lasst uns lieber erst den Dicken anrufen. Den können wir nicht einfach so übergehen, der schmeißt uns alle raus, wenn er das rauskriegt“, meint ein anderer.
Der Dicke, das ist ihr Chef.

„Spinnt ihr!?“ Woller glaubt, er hört nicht richtig. „Wer den Dicken wegen so einem Kleinkram belästigt, der wird erst recht gefeuert!“
Zustimmendes Gemurmel.
„Ist richtig.“
„Der Dicke ist ne Sau.“
Es hilft nichts, einer muss den Job erledigen. Keiner sagt einen Ton, man hört nur das Summen am Dach. Alle gucken zu Boden. Auch Schmitti, der schmächtige Bierholer.
„Okay“, seufzt Woller. „Ich machs.“

Er klettert die zwölf Meter hoch. Am Dach angekommen, legt er sich mit dem Rücken aufs Laufbrett zwischen den Gerüsten, holt Schwung mit dem Hammer und putzt den Giebel in einem Hieb weg. Den Giebel, der ein Wespennest beherbergt. Oder ein Biennenest. Oder Hornissen. Wer weiß das schon.
„Woller, mach schnell! Komm runter!“

So flott ist Woller nicht auf den Beinen, wie das Wespenvolk sich auf ihn stürzt. Er wird in die Arme gestochen, in die Brust, in den Nacken, ins Gesicht. Er taumelt die Leiter runter, verfehlt beinahe zwei, drei Sprossen, verfolgt von der zornig dröhnenden schwarz-gelben Traube.

Als er endlich unten ankommt, spritzt alles panisch auseinander. Bis auf Schmitti. Schmitti, der Bierholer. Leute, die das Bier holen, sind meist in Ordnung. Er versucht die Viecher mit wilden Bewegungen zu vertreiben, ein Bienentorero, so ungeschickt allerdings, dass er Woller am Hinterkopf erwischt, mit der Handkante.
Woller stöhnt auf.
„Auuu.. ruf einer den Dicken an. Der soll mich ins Krankenhaus bringen..! Ich geh sonst kaputt..“

Geschlagene zehn Minuten steht Woller am Straßenrand und wartet auf seinen Chef, über und über zerstochen. Die Stacheln stehen senkrecht in der Haut, wie winzige Eckfahnen, er kann kaum noch aus den Augen gucken, so geschwollen sind seine Lider. Als der Dicke endlich vorgefahren kommt und den wild gestikulierenden, von Quaddeln übersäten Woller am Straßenrand stehen sieht, winkt er freundlich und startet durch.
„He! Anhalten! Du Sau!“ brüllt Woller hinterher.

Während die Kollegen ihrer verdienten Mittagsruhe nachgehen, besorgt Schmitti den Verbandskasten aus dem Firmenlaster. Alles, was er darin findet, sind zwei gebrauchte Watte-Pads.
„Hier.“
„Schmitti, Scheiße! Fahr mich ins Krankenhaus!“
„Geht nicht“, meint Schmitti. „Wenn der Chef zufällig zurückkommt und sieht, dass ich dich hier von der Arbeitsstelle wegschaffe, mit dem Firmenlaster, dann bin ich..“
„..gefeuert, schon klar..“

„Ich mein, der Schmitti war ja nur im Gerüst, wenn Not am Mann war. Ansonsten war er zuständig fürs Bierholen. Und fürs Fahren. Schmitti war der letzte von uns, der noch nicht den Lappen weg hatte!“ trompetet Woller, als wir oben am Klauberg, wir haben es fast geschafft, das Haus der beiden Flossbach-Brüder passieren.

Die grüßen mich normalerweise überschwänglich, schließlich kennt man sich seit früher Kindheit, doch als ich jetzt mit Woller, diesem großen lauten Punk, den Klauberg raufgehe, schwitzend, lachend, da stehen sie mit verschränkten Armen im Hauseingang, feindselig.

„Ich war richtig betäubt von dem ganzen Insektengift“, lässt Woller sich nicht aus der Story bringen. „Mir tat überhaupt nix mehr weh. Das war wie taub überall. Ich steh also da an der Strasse, der Chef ist über alle Berge, hält ein Wagen an. Eine Frau, und die karrt mich bis nach Solingen, oben an der Krahenhöhe.“
Am Kiosk lässt er sich absetzen.
„Ich kann Sie auch ins Spital bringen“, bietet die Frau noch an, „mit den vielen dicken Stacheln da“, doch Woller winkt ab.
„Ist nett, aber ich hab jetzt erst mal Durst. Ich muss mal was trinken. Danke fürs Mitnehmen.“

Am Büdchen besorgt er zwei Flaschen Bier und klingelt bei Roberto, dem nuschelnden Italiener, der gleich hinter Kiosk eine kleine Mansarde bewohnt. Und er ist sogar daheim.
„Ehh, ragazzi, wie siehste du aus inne Fress!? Wie eine scheise Pizza, hömma!“

Roberto ist auch so ein herzensguter zuvorkommender Süchtiger. Er zieht Woller nicht nur die Giftstacheln aus dem Fleisch, er dreht auch einen dicken sizilianischen Joint. Sie sitzen nebeneinander auf dem Boden und hören Gianna Nannini.
„Och, nee, mach die Hupe aus – hast du nix anderes außer die Hupe da!?“

Als Woller sich ein Stündchen später verabschiedet, ist er nicht mehr der auslaufende Pocken-Dampfer von zuvor, er schwebt geradezu durch die Strassen, leicht wie ein Luftkissenboot, die verschiedensten Gifte im Blut.

Am nächsten Morgen. Die Belegschaft wartet schon vor der Werkstatt, als Woller um die Ecke biegt.
„Ach nee, guck mal einer an! Wer kommt denn da!? Der Bienenkönig!“
„Bienen? Das waren Wespen, ihr Knallköppe! Oder Hummeln! Schnaken! Was weiß ich , was das für scheiß Viecher waren, aber Bienen waren das ganz bestimmt nicht, ihr Lutscher!“

Na ja – Bienen, Wespen, Schnaken, als würden solche Feinheiten gestandene Gerüstbauer interessieren. Und so war der Woller in seiner Firma fortan nur noch der Bienenkönig. Der Rum-Summser. Und eine Wespentaille, die hatte er ja nun wirklich nicht.
Definitiv.

Zwei Damen teilen sich ein Haar *

13. Mai 2009

sanne.2damen.gross

by Susanne Eggert
aus ihrem Geheimen Hausbuch
Merz 2009

Die Bresche *

13. Mai 2009

sanne.diebresche

* by Susanne Eggert
aus ihrem geheimen Hausbuch,
April 2009

77

12. Mai 2009

Ich war sechzehn und fand Drogen doof. Am Wochenende trafen wir uns in den Malteser Gründen hinterm Haus der Jugend und tranken Dosenbier und Wein und etwas Schnaps, mehr war nicht mit Drogen. Unsere Haare waren lang, wirklich jeder hatte eine Matte, und wir trugen die ausgemusterten Persianer und Pelzimitate unserer Mütter, bis auf den dicken Hansen, der lief in roten Westernstiefeln und gefütterten amerikanischen Fliegerjacken durch die Stadt. Meist fuhr er Mofa. Zündapp, Zwei-Gang.

Der Sommer 77 brachte die Wende. Zunächst trampte ich mit Karlos und Schnaat durch Frankreich und Süd-England, wo uns in Brighton die ersten Punks begegneten, in schwarzen Turnleibchen. In meinem Rucksack versteckt war ein winziger Klumpen Haschisch. Im Nachhinein hab ich keine Erklärung, wieso ich überhaupt Haschisch dabei hatte, geschweigedenn von wem es stammte. Ich rauchte es heimlich in Paris auf meinem Hotelzimmer nahe dem Montmartre. Das war meine kleine Rache.

In Paris hatten wir auf der Rückreise den schwulen Franz kennengelernt, einen greisen Österreicher, der Karlos und Schnaat in seine exklusive Stadtwohnung im 17. Bezirk eingeladen hatte, zum Übernachten.
„Wenn der uns an die Wäsche will, kriegt er das hier zu sehen“, meinte Schnaat und zeigte sein Springmesser, das er stets griffbereit bei sich trug. Auf mich stand Franz nicht: meine Locken waren ihm zu wild, zu ordinär.

Also musste ich mir für die letzten Tage ein Hotel suchen. Schon nach der ersten Nacht hatte ich die Nase voll. Ich war mittags mit Karlos und Schnaat am Arc de Triomphe verabredet, Punkt zwölf Uhr “am Arkde”, aber ich ging nicht hin. Ich blieb auf meinem Zimmer und rauchte mit grimmiger Miene den Joint, es war mein erster Joint überhaupt, ich kriegte ihn kaum gedreht, so ungeschickt stellte ich mich an, auch sonst tat sich nichts.
Am nächsten Morgen nahm ich den Eilzug nach Köln. Später erzählten Karlos und Schnaat, dass sie noch tags drauf alle zwei Stunden am Arkde vorbeischauten. Hä hä.

Im Spätsommer 77 war der zweite Joint fällig, und wieder spürte ich keine Wirkung. War auch egal, denn eigentlich fand ich Kiffen immer noch dämlich. Erst nach dem dritten Versuch änderte sich das, in der ganzen Clique. Es war wie ein Lauffeuer. Plötzlich waren alle Leute, die Alkohol tranken, Penner, und Haschischraucher cool.

Zu der Zeit traf ich zufällig Fryda wieder, meine allererste Freundin. Wir hatten uns ein Jahr lang aus den Augen verloren. Sie war etwas älter als ich, 18, und hübscher als je zuvor, doch etwas schien mit ihr nicht zu stimmen. Sie sah aus, als würde sie bei Les Humphries singen. Dann rückte sie mit der Bombe heraus: Sie war auf Heroin. Auf “H”, wie wir das damals nannten, “Eitsch”.

“Wenn wir uns einen Druck setzen”, erzählte sie von ihrem neuen Leben in ihrer Ohligser Clique, “dann machen wir uns schön, wir putzen uns richtig raus mit Make up und Lidschatten und alles und dann fahren wir nach Köln auf die Rolle.”
Ich war empört. Alkohol war das letzte, aber H und Köln, das war allerletzte. Ich schimpfte sie aus, ich verstand es nicht, doch sie blieb unerreichbar für meine Worte.

1995 stattete ich Fryda einen Überraschungsbesuch ab, in Dortmund, wo sie mit ihrem Mann lebte. Ich hatte von Jerry, einem gemeinsamen Bekannten, der Kontakt zu ihr hielt, die Adresse bekommen, und da ich in Dortmund zu tun hatte, ich war verabredet mit dem Verleger einer holländischen Hardrock-Enzyklopädie, die ich mit Schnaat ins Deutsche übersetzen sollte, stand ich unangemeldet bei ihr auf der Matte, in der Dortmunder Nordstadt.

Wir hatten uns bestimmt zehn Jahre nicht gesehen. Sie ahnte nichts von meinem Besuch. Mir öffnete eine geschrumpfte Heroinhausfrau die Tür, immer noch blond, aber soo klein geworden, und sie trug Brille. Nach einem ersten ungläubigen Austausch von Blicken fiel sie mir um den Hals.
“Bist du’s..?!”

Ich hatte die Taschen voller Kohle, der Verleger hatte einen ordentlichen Vorschuss rausgetan, und so dauerte es keine zehn Minuten, bis ich Fryda gestand, warum ich da war. Was ich wollte.
“Kannst du was klarmachen?”
Sie war nicht so überrascht davon, wie man meinen könnte, schließlich hatte ihr Jerry, von dem ich die Adresse hatte, von meiner latenten Sucht schon berichtet.
“Wieviel willst du setzen?” fragte sie nach der ersten Wiedersehensfreude und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank.
Ich blieb eine Stunde und lernte ihren Typ kennen, sie erledigte einige Telefonate, es tat sich nichts, ich fuhr nach Hause. Ich sah Fryda nie wieder.

Zurück ins Jahr 1977. Das zweite Mal Kiffen, das war im Spätsommer in Chalon, nach der England-und Frankreichreise mit Schnaat und Karlos. Im Rahmen eines Jugendaustauschs fielen wir mit einer Busladung Jungs und Mädchen aus dem Haus der Jugend in der französischen Partnerstadt Chalon-sur-Saone ein, für knapp drei Wochen.
Karlos und Pepe waren mit von der Partie, der träge Mickes, der immer alles scheiße fand, die ewige Orangenmarmelade zum Frühstück, das Wetter, und der Mitsubishi Boy, der die meiste Zeit mit der akustischen Gitarre im Gras saß und Blues spielte, und ein paar unserer Freundinnen, meine nicht, die musste daheim bleiben.

Untergebracht waren wir im Maison de L’Enfance, einem neugebauten Hochhaus am Rande der Innenstadt, wo wir eine ganze Etage für uns hatten. Wir trafen uns täglich mit Jugendlichen aus Chalon, die sich aus einer ähnlichen Einrichtung rekrutierten wie unserem Haus der Jugend.

Die Mädchen riefen mich „On-dree-ass!“, Karlos war „Car-looo!“, sie gackerten wie die Hühner. Französische Mädels, jedenfalls die in der Provinz, hatten große Nasen und dünnes langes Haar, das von ihren Köpfen herab hing wie ungekochte Nudeln.

Jeanne war anders. Sie war charmant, sagte aber kaum ein Wort. Sie schien nie recht anwesend zu sein. Während man ihren Freundinnen bei allem, was sie taten, schon die spätere Ehefrau und Mutter und pharmazeutisch-technische Assistentin ansah, blieb sie undurchsichtig. Sie alleine konnte es nach Paris schaffen, vielleicht. Oder wenigstens nach Lyon, auf den Feudal-Strich.

Erst hieß es, Jeanne habe bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, später, auf unser Drängen hin, vertraute uns eins der anderen Mädchen an, Jeanne sei abhängig. Abhängig wovon? Von Heroin. Heroin..? Wir waren platt. Heroin war was für Leute von einem anderen Stern. Wir waren 16, das war unser Planet, Jeanne 15. Wir wollten ihr helfen, wir mobilisierten all unsere Kräfte: wir saßen zusammen und tuschelten.

Jeanne trug Boots und braune Cordhosen, ein Halstuch aus Seide und Jungenhemden. Ihr Haar war rund geschnitten wie eine Mütze. Und da war dieses kleine traurige Lächeln, das uns alle in den Bann zog, und ihre Teenagertränen, auch wenn wir sie niemals weinen sahen: Jeanne war die perfekte, süße fünfzehnjährige Hoffnungslosigkeit.

(Fortsetz.)