KETTENHUNDE
Nachhauseweg, ich nehm die Abkürzung über den Friedhof. Gegenüber der kleinen Kapelle sitzt jemand auf der Bank, der mich, bisschen schief, ein Schrank von einem Kerl, blass um die Nase, an den Woller erinnert. Das kann nur der Woller sein.
“Na klar.. das ist der Woller..!”
“Och..!” hustet Woller und reicht mir die Hand. Würde ich ihn nicht kennen, ich hielte ihn für mit seinen tätowierten kräftigen Unterarmen und einer Fahne für einen pausierenden Bauarbeiter.
“Scheiße, hab ich gestern gesoffen.. Wodka mit den Russen und dem Saarländer. Ich war voll wie ein Treteimer. Ich weiß kaum, wie ich nach Hause gekommen bin. Der Saarländer soll mich in ein Taxi gesetzt haben, dem Fahrer die Kohle in die Hand gedrückt und gesagt, hier, fahr den Sack zum Katternberg 11, zweite Schelle von unten..”
“Na, das ist doch okay.”
“Sollte man meinen. Bloß dass der Sauhund vorher die Kohle aus meiner Brieftasche gezockt hat, und zwar die ganze Kohle, nicht nur den Zehner fürs Taxi. Da war dicke noch ein Fuffie drin.”
“Das ist nicht okay”, sag ich.
“Siehste, das mein ich auch. Der Sausack weiß genau, dass er mir besser nicht unter die Augen tritt in den nächsten Tagen. Dann setzt es ne Schelle auf zwei, glaub mir das.”
Wenn Woller Schelle sagt, meint er Schelle. In Großformat und in Metall gegossen. Also mehr eine Glocke.
Einen Gong.
Woller hat zwanzig Jahre Kampfsporterfahrung und Maloche auf dem Bau auf dem Buckel. Er hat Hände wie Black&Decker-Motorsägen, die, wenn er jähzornig wird, auch ähnliche Betriebsgeräusche verursachen.
In den Neunzigern hat er drei Jahre absitzen müssen, weil er einer Reihe von Leuten Schellen, Ohrfeigen und Kinnhaken verpasst hat, die das nicht gut vertragen haben. Es geschah durchweg im Suff, wenn ihn etwas ärgerte und er jähzornig wurde. Dann machte es gong! und irgendjemand lag in der Ecke und weinte.
Ich hör für mein Leben gerne solche Stories von früher. Von heute auch, logisch, aber früher war einfach mehr los. Da lag andauernd irgendwo einer in der Ecke und weinte, da konnte man hergehen, wo man wollte.
Andererseits meinte schon mein Großvater, früher wäre mehr los gewesen, mein Vater meinte, früher wäre mehr los gewesen, und ich meine auch, früher war mehr los. Natürlich glaubt jede Generation, früher sei alles besser gewesen. Selbst in der späten Jungsteinzeit saßen die Alten am Feuer und trauerten der Altsteinzeit hinterher, als es noch Mammuts gab zum Jagen und kein verdammtes Brot angebaut werden musste. Und was werden die Leute sagen, wenn 2030 in Fernsehen genmanipulierte Neon-Babies als Quizgewinn ausgelobt werden?
“Früher war aber mehr los.”
So gesehen ist natürlich zu jeder Zeit ne Menge los, weil ja für irgendwen immer gerade die Zeit ist, die wir später früher nennen, wo noch richtig was los war. Wo es noch gong! gemacht hat, wenn dem Woller der Kragen platzte.
Das ist auch der Grund, warum so viele Geschichten in diesem ominösen Land namens FRÜHER spielen, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert. Früher ist eine spannende Monarchie. Ein Königreich für einen Gong.
Er hat soviel Rest-Promille im Blut, Wollers Zunge sitzt locker wie einem Cowboy der Colt nach einer Nacht bei Kitty im Saloon. Und als ich wieder hinhöre, ist er schon mittendrin, in dieser Sache mit der Bundeswehr.
“Der ganze Scheiß ging los, als der Bund mich als Gebirgsjäger einzog. Als Zeitsoldat für vier Jahre. Blöd und jung wie ich war, hab ich meine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt, dabei wollt ich bloß raus von zu Hause.”
Ich setz mich neben ihm auf die Bank.
“Da war ich neunzehn, und danach kam erstmal nix mehr, gar nix, sieben Jahre lang. Ich war schon sechsundzwanzig, ein alter Knacker, als die mir den Stellungsbefehl ins Haus schickten. Antritts-Termin: der zweite Januar 1989. Den Termin werd ich mein Lebtag nicht vergessen.”
Er nimmt einen Schluck Almdudler und rülpst. Ein Rest von Wodka flirrt durch die Luft, und wir halten uns kurzfristig auf einem orthodoxen Schnapsfriedhof am Rande von Moskau auf, den manche Leute als Abkürzung benutzen.
“2. Januar 89..”, sinniert Woller. “Oder 88, zweiter Januar 88, kann auch sein. 88 oder 89.. Ich glaub, 89. Klar, 89. Oder 88. Jedenfalls, ich hab damals gar nicht mehr mit denen gerechnet, sieben Jahre später. Ich dachte, der Fisch wär gegessen. Ja, Scheiße. Der Fisch war voll aktiv. Das war so ein Brocken von einem Aktivfisch, ja, scheiße. Und dann noch die Einberufung auf den zweiten Januar, sag mal, ich mein, wie schräg muss einer drauf sein, um mich am zweiten Januar einzuziehen?! Da ist der Trouble doch vorprogrammiert, zwei Tage nach Silvester, oder nicht. Da glaubt man doch, die suchen den Gong förmlich..”
“Und?” sag ich.
“Und was?”
“Warst du vier Jahre beim Bund?”
“Nee, das nicht. Aber versuch mal als Zeitsoldat aus dem Vertrag rauszukommen, kannst du vergessen, auch wenn du den Dienst noch gar nicht angetreten hast. Kannst du vergessen. Geht nicht. Die wollen dich, die holen dich. Der Bund vergisst nix.”
Wir schreiben den zweiten Januar 1989, als Benno, ein Kumpel, den ich auch noch kenne, vom Sehen, Woller zur Kaserne nach Mönchengladbach bringt, bis vors Tor.
“Warte ne Viertelstunde, hab ich noch zum Benno gesagt. Bleib im Wagen und warte. Ich hatte so ein mulmiges Gefühl, mal ganz abgesehen vom Silvesterkater, klar. Ich also rein in die Kaserne. Noch reichlich Fusel im Blut und auf Koks, natürlich, unbekokst bin ich damals ja gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, Ende der Achtziger, wa. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wie Bäume riechen, so kaputt war meine Nase. Na, ich rein in die Kaserne, steht da ein kleiner Uffz, weißt du, so ein Männeken von Unteroffizier. Ich grüß noch nett, FROHES NEUES JAHR!, bißchen laut vielleicht, war ja gut drauf, da blökt der Uffz mich an, was mir denn einfällt, von wegen Schönes neues Jahr, ich wüsste wohl nicht, wo ich hier wär. Doch sicher, hab ich gesagt, beim Bund, sieht man doch, ist ja nicht zu übersehen, und da ist der Knabe explodiert. SIE STEHEN JETZT STRAMM UND GRÜSSEN ORDENTLICH, SONST ORDNE ICH SOFORT SIEBEN TAGE BAU AN und so Zeugs. SIEBEN TAGE DUNKELHAFT. Und das schlimmste: Der Blödmann betatscht mich die ganze Zeit..”
Logisch, dass Woller von der Bank aufsteht und mir das demonstriert. Dabei haut er mir so feste auf die Schultern, dass ich fast in die Büsche fliege.
“Pff..”, mach ich.
“Genau, pff! Hab ich auch gemacht! Wenn ich was nicht abkann, dann wenn mich einer antatscht. Ich sag also zum Uffz, lass das lieber, pack mich nicht an, das gibt Trouble, die Finger da weg, doch der hört einfach nicht auf, der gräbt mich weiter an, da hab ich ihm ne Schelle verpasst, Junge, da hat die Tapete geflattert, den ganzen Gang hoch. Ich mein, was sollt ich machen, Alter, der hat nicht aufgehört mich anzutatschen. War nicht meine Schuld.”
Ich muss lachen.
“Stimmt. Ist nicht deine Schuld, wenn der nicht die Finger bei sich behalten kann.”
“Nee, wa? Da lag der Uffz also in der Ecke, die Nase gebrochen, der schien wirklich beeindruckt, und ich dreh mich um und latsch einfach raus aus der Kaserne zum Wagen und sag zum Benno, gib Gas, Benno, lass uns abhauen, hab ich nur gesagt und dann sind wir die nächsten Wochen in Amsterdam versackt. Ich hatte ja dreitausend Flocken Abfindung auf der Tasche, vom Gerüstbau. Junge, danach waren meine Nasenwände so porös, als hätt ich zehn Eimer Atta geschnüffelt.”
Ja, genau, so war das früher. Da wurde nicht viel Federlesen gemacht, auf keiner Seite. Man wusste genau, wo der Feind stand. Problematisch wurde es nur, wenn man beim Feind unterschrieben hatte, weil man jung war und nicht nachgedacht hatte.
“Danach ging die Scheiße aber erst richtig los, ich hatte die Kettenhunde auf den Fersen, genau einundzwanzig Monate lang. Die haben einfach nicht locker gelassen..”
“Kettenhunde..?” sag ich. “Du meinst die, na..”
“Ja.. ich komm auch nicht drauf, die.. na, die harten Spürnasen vom Bund.. wie heißen die noch, verdammt.. die Kettenhunde.. ich komm nich..”
“FELDJÄGER!” ruf ich.
“Genau. Feldjäger! Kettenhunde!”
Zwei alte Damen, adrett zurecht gemacht mit weißer Bluse und das Mäntelchen ausgeklopft, nutzen den sonnigen Tag, um die Gräber ihrer verstorbenen Männer zu pflegen. Auf dem Weg zur Wasserstelle, wo die Gießkannen hängen, kommen sie an unserer Bank vorbei und grüßen freundlich. Woller und ich grüßen nett zurück. Wir wohnen schließlich alle im selben großen Land. Da grüßt man nett. Ich hab ein Herz für Verlierer, ein Faible für Gesockse, und für alte Damen.
“Und wenn einen die Kettenhunde einmal auf der Agenda haben, dann bist du geliefert, die lassen nicht locker”, fährt Woller fort. “Die kamen immer zu dritt. Vor allem der Anführer, so ein Langer, der hat das persönlich genommen, weil ich denen dauernd durch die Lappen gegangen bin. Da fällt mir ein, weißt du, wer mich mal vor den Kettenhunden bewahrt hat, in höchster Not?”
“Nee.”
“Der Max vom Mumms.”
“Der Max?”
“Ja, der Max. Glaubt man nicht, ne?”
Max, das war der Wirt vom Mumms. Früher.
“Pass auf, Alter. Da kommen die Kettenhunde abends ins Mumms rein, drei Stück in voller Kampfmontur, ich steh ganz hinten in der Ecke, neben der Zapfanlage und seh die in allerletzter Sekunde, dass ich mich so eben noch wegducken kann. Scheiße, die Kettenhunde, sag ich zum Max und da steckt der mich in ein leeres Bierfass, unten im Keller, ungelogen, Deckel drauf, fertig. Zwei Stunden hab ich da drin geschwitzt und kaum Luft gekriegt, bis die Brüder endlich weg waren.”
“Hätte ich dem Max gar nicht zugetraut”, sag ich anerkennend.
Woller nickt und greift in seine Jackentasche: einen kleinen Jägermeister.
“Frühstück.”
Auf ex.
Einen Moment lang hat er ziemlich grünen Schlammassel am Mund.
“Ein anderes Mal, da haben sie mich auch fast gekriegt, hab ich bei nem Kumpel übernachtet, beim Thata, und mitten in der Nacht hör ich Lärm..”
“Moment”, unterbreche ich Woller. “Beim Thata?”
“Beim Thata, klar..! Kennst du den auch noch? Ist doch schon ewig her..”
“Der bekloppte Thata, na klar”, sag ich. “Wenn der breit war, sprang er immer auf und brüllte: ICH BIN UNHEIMLICH WEISS..”
“..UND ICH KOMM AUS DEM BETON!!” fährt Woller trompetend fort.
Wir klopfen uns die Schenkel, das es nur so wiederhallt. Die beiden alten Damen nicken uns lächelnd zu, während sie den Kies harken und ihrer Erinnerung an die Gatten huldigen mit frischem Heidekraut und Primeln.
“Ich werd also beim bekloppten Thata wach, mitten in der Nacht, und hör Geräusche aus dem Hausflur. Die marschierten ja immer im Gleichschritt, die Kettenhunde, die Treppe hoch mit ihren schweren, klirrenden Stiefeln. Da kommen die Kettenhunde, hab ich zum Thata gesagt, der war auch wach mittlerweile. Ach Quatsch, woher sollen die wissen, dass du hier bist. Doch, hab ich gesagt, das sind die drei, jede Wette. Weil ich damals Hose und Schuhe auch nachts an hatte, ich war ja ständig auf der Flucht, bin ich ruckzuck hinten in die Küche, da war so ein kleines Fenster, wo ich so eben noch durchpasste, ich mein, ich hatte damals gut dreißig Kilo weniger drauf, da ging das noch..”
Er klopft auf seine Wampe, und wieder liegt dieses stramme Flirren von Wodka in der Luft, wie ein kleiner fliegender Teppich, der nicht wegfliegt. Der einfach in der Luft stehen bleibt und nach Moskau müffelt.
“Moment mal, der Thata”, sag ich, “der wohnte doch Kurfürstenstrasse, wo die ganzen Altbauten stehen, oder nicht?”
“Genau, Kurfürstenstrasse, ne Bude im Erdgeschoss rechts. Ich zwäng mich also durchs Küchenfenster nach draußen, da treten die Kettenhunde die Wohnungstür ein. Ich meine, die klingeln ja nicht höflich, Guten Tag, ist der Herrn Zorrmann zu sprechen..?”
“Nee, natürlich nicht”, sag ich. “Wär ja auch blöd.”
“Eben. Direkt gegenüber vom Küchenfenster, aber einen Meter höher, oder anderthalb, war so ein Garagendach, da hab ich mich hochgeschwungen. Du glaubst gar nicht, was man für Kräfte entwickelt, wenn man auf der Flucht ist. Das Adrenalin pumpt und peitscht durch den Körper, du bist Superman, ehrlich, kein Scheiß, Superman und Batman und Spiderman. Ich mein, normalerweise wär ich an das Dach gar nicht rangekommen, ich hätt mich da gar nicht hochziehen können, aber mit dem ganzen Pott Adrenalin im Blut, also, irgendwie schaff ich das auf die Garage hoch..”
“Und die Kettenhunde?”
“Na, die erwischen mich fast noch am Hosenbein, die greifen nach mir. Ich da oben auf der Garage, mitten in der Nacht, war ja noch dunkel, nur das bisschen Licht aus der Küche, und die drei stehen da unten und wollen mir nach. Ich hab das Bild noch vor mir, davon träum ich heute noch. Das war original Kino, Alter, wie die drei aufs Dach hoch wollen und ich denen dauernd auf die Finger trample, damit die sich nicht hochziehen können. Bestimmt ein, zwei Minuten ging das so, ich am Treten wie ein Irrer auf die Finger, waren ja ne Menge Finger bei drei Männern, die glänzten wie Würstchen in der Metzgerei, die rumtanzen, bis die Brüder sich plötzlich zurückziehen.. Da bin ich losgerannt übers Dach und mit einem Riesensatz auf nächste Dach, und dann da runter in den Hof und ab durch die Mitte..”
“Klingt wie Rififi”, sag ich. “Und die Kettenhunde? Was war mit denen? Kamen die nicht hinterher?”
“Nee. Keine Ahnung. Ich hab nichts mehr von denen gehört oder gesehen. Nie wieder.”
Er nimmt den letzten Schluck Almdudler aus der Pulle und wirft sie in den Mülleimer.
Er trifft sogar.
“Yepp.”
Ein lässiger Korb.
Und dann den Rest Jägermeister hinterher.
“Wieso nie wieder?” frag ich.
“Wegen Fahnenflucht und Körperverletzung haben die alles nach 21 Monaten an die Schmiere übergeben. Und die hat mich dann ganz unspektakulär klar gemacht, da war ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern. Als hätten die das gerochen, dass ich da war. Na ja, die haben mich nicht mal unbeobachtet Pissen lassen, bis ich in U-Haft war.”
Woller steht auf und reckt sich. Seine Knochen knacken, als öffne sich irgendwo ein Grab. Die beiden Mütterchen halten inne beim Harken und lächeln selig.
“Scheiße, hab ich einen Brand..!” meint Woller.
*
DER BIENENKÖNIG
„Weißt du eigentlich, wie man mich früher genannt hat?“
„Nee. Woher soll ich das wissen?“
„Bienenkönig.“
Wir kraxeln den Klauberg hoch. Ein steiler Berg. Wäre er eine Bergankunft bei der Tour de France, man würde ihn als einen kleinen schmutzigen Scharfrichter fürchten, bei seinen 17 Prozent Gefälle.
„Bienenkönig..? Wie, Bienenkönig?“
„Na, Bienenkönig. König der Bienen.“
„Ja, das hab ich schon verstanden. Aber du erzählst mir hier jetzt keinen Problemfilm oder so?“ sag ich, ich kenne den Woller nämlich. Manchmal spielt er sich nur auf, oder er verzettelt sich und aus einer anfangs witzigen Schote wird plötzlich eine triste Urnenbestattung. Darauf hab ich keinen Nerv.
„Bienenkönig, Mann!“ blökt er beleidigt. „Keine Probleme!!“
Woller, der wieder als Gerüstbauer arbeitet, trägt neuerdings Glatze, streng poliert. Wer ihm im Hellen begegnet, macht Platz, ist es dunkel, flieht man. Und er hat ein Tattoo, das ist einzigartig, nehme ich an. Von einem befreundeten Schlachtermeister hat er sich im Kokswahn einen Schweinestempel auf den Hintern brennen lassen, im Jahre 1991.
„Alter, ich war so steif, da hab ich nix von gemerkt. Erst am nächsten Morgen weckt mich die Schlauchlippe: eh, du alte Kuh, geh arbeiten. Ich sag, wieso alte Kuh, seit wann nennst du mich alte Kuh? Na, dann guck dir mal im Spiegel deinen Arsch an, sagt sie.“
Im Moment ist Woller krankgeschrieben. Die Venen machen nicht mehr mit. Sind alle dicht.
„Hier, Stützstrümpfe“, sagt er und krempelt das Hosenbein ein Stück hoch. Er soll viel spazieren gehen, hat der Doktor gesagt.
„Hat auch seine Vorteile, Spazierengehen“, meint Woller. So kann er eine Weile Biggi aus dem Weg gehen, seiner Alten, die alle Welt nur Schlauchlippe nennt.
„Alter, den ganzen Tag die Schlauchlippe auf der Pelle, das hält der stärkste Gaul nicht aus.“
Ich frag ihn, wie das eigentlich gekommen ist, dass Biggi, seine Frau, so aussieht, wie sie aussieht. Nicht einmal hässlich übrigens, aber gegen ihre Oberlippe hat Mick Jagger ein Fischmäulchen.
„Wie was passiert ist?“ guckt Woller mich ratlos an.
„Na, das mit der Schlauchlippe.. Dass sie so eine Lippe hat.“
„Ach so. Beim Bügeln. Die ist beim Bügeln ausgerutscht.“
„Wie, beim Bügeln?“
„Ihr ist das Bügeleisen übers Bügelbrett geschossen, und da ist sie gestolpert und aufs heiße Eisen geknallt, hier, mit der Fresse vorneweg, voll aufs Maul. Ist wahr. Ich war dabei. Also nebenan.“
Aber ich wollte ja gar nicht von der Bügelkönigin erzählen, sondern vom Bienenkönig.
Anfang der neunziger Jahre ist Woller als Gerüstbauer in Remscheid beschäftigt. Er und seine Kollegen sind mit dem großen Firmen-Lkw unterwegs. Ihr Auftrag: Ein Eigenheim rundherum einrüsten und das Dach begrünen. Dazu muss der Giebel entfernt werden. Der ist morsch und droht abzustürzen.
Als das Gerüst soweit steht, macht sich einer der Gesellen oben am Dachgiebel zu schaffen, mit dem Holzhammer.
„Verdammt! Ist alles pechschwarz hier oben!“ ruft er noch und trifft mitten in ein Wespennest.
„Scheissdreck!“
Der Geselle flieht in Panik die Leiter runter.
„War ne Zwölfer-Leiter, damals noch aus Holz“, erzählt Woller, während wir den steilen Klauberg hochschlendern und ins Schwitzen geraten. „Heutzutage ist ja alles aus Stahl.“
Als die Insekten sich oben am Dach allmählich beruhigen, beratschlagen die Gerüstbauer unten, was zu tun ist.
„Den Kammerjäger holen, der soll das Nest ausräuchern!“ schlägt einer vor.
„Nee, lasst uns lieber erst den Dicken anrufen. Den können wir nicht einfach so übergehen, der schmeißt uns alle raus, wenn er das rauskriegt“, meint ein anderer.
Der Dicke, das ist ihr Chef.
„Spinnt ihr!?“ Woller glaubt, er hört nicht richtig. „Wer den Dicken wegen so einem Kleinkram belästigt, der wird erst recht gefeuert!“
Zustimmendes Gemurmel.
„Ist richtig.“
„Der Dicke ist ne Sau.“
Es hilft nichts, einer muss den Job erledigen. Keiner sagt einen Ton, man hört nur das Summen am Dach. Alle gucken zu Boden. Auch Schmitti, der schmächtige Bierholer.
„Okay“, seufzt Woller. „Ich machs.“
Er klettert die zwölf Meter hoch. Am Dach angekommen, legt er sich mit dem Rücken aufs Laufbrett zwischen den Gerüsten, holt Schwung mit dem Hammer und putzt den Giebel in einem Hieb weg. Den Giebel, der ein Wespennest beherbergt. Oder ein Biennenest. Oder Hornissen. Wer weiß das schon.
„Woller, mach schnell! Komm runter!“
So flott ist Woller nicht auf den Beinen, wie das Wespenvolk sich auf ihn stürzt. Er wird in die Arme gestochen, in die Brust, in den Nacken, ins Gesicht. Er taumelt die Leiter runter, verfehlt beinahe zwei, drei Sprossen, verfolgt von der zornig dröhnenden schwarz-gelben Traube.
Als er endlich unten ankommt, spritzt alles panisch auseinander. Bis auf Schmitti. Schmitti, der Bierholer. Leute, die das Bier holen, sind meist in Ordnung. Er versucht die Viecher mit wilden Bewegungen zu vertreiben, ein Bienentorero, so ungeschickt allerdings, dass er Woller am Hinterkopf erwischt, mit der Handkante.
Woller stöhnt auf.
„Auuu.. ruf einer den Dicken an. Der soll mich ins Krankenhaus bringen..! Ich geh sonst kaputt..“
Geschlagene zehn Minuten steht Woller am Straßenrand und wartet auf seinen Chef, über und über zerstochen. Die Stacheln stehen senkrecht in der Haut, wie winzige Eckfahnen, er kann kaum noch aus den Augen gucken, so geschwollen sind seine Lider. Als der Dicke endlich vorgefahren kommt und den wild gestikulierenden, von Quaddeln übersäten Woller am Straßenrand stehen sieht, winkt er freundlich und startet durch.
„He! Anhalten! Du Sau!“ brüllt Woller hinterher.
Während die Kollegen ihrer verdienten Mittagsruhe nachgehen, besorgt Schmitti den Verbandskasten aus dem Firmenlaster. Alles, was er darin findet, sind zwei gebrauchte Watte-Pads.
„Hier.“
„Schmitti, Scheiße! Fahr mich ins Krankenhaus!“
„Geht nicht“, meint Schmitti. „Wenn der Chef zufällig zurückkommt und sieht, dass ich dich hier von der Arbeitsstelle wegschaffe, mit dem Firmenlaster, dann bin ich..“
„..gefeuert, schon klar..“
„Ich mein, der Schmitti war ja nur im Gerüst, wenn Not am Mann war. Ansonsten war er zuständig fürs Bierholen. Und fürs Fahren. Schmitti war der letzte von uns, der noch nicht den Lappen weg hatte!“ trompetet Woller, als wir oben am Klauberg, wir haben es fast geschafft, das Haus der beiden Flossbach-Brüder passieren.
Die grüßen mich normalerweise überschwänglich, schließlich kennt man sich seit früher Kindheit, doch als ich jetzt mit Woller, diesem großen lauten Punk, den Klauberg raufgehe, schwitzend, lachend, da stehen sie mit verschränkten Armen im Hauseingang, feindselig.
„Ich war richtig betäubt von dem ganzen Insektengift“, lässt Woller sich nicht aus der Story bringen. „Mir tat überhaupt nix mehr weh. Das war wie taub überall. Ich steh also da an der Strasse, der Chef ist über alle Berge, hält ein Wagen an. Eine Frau, und die karrt mich bis nach Solingen, oben an der Krahenhöhe.“
Am Kiosk lässt er sich absetzen.
„Ich kann Sie auch ins Spital bringen“, bietet die Frau noch an, „mit den vielen dicken Stacheln da“, doch Woller winkt ab.
„Ist nett, aber ich hab jetzt erst mal Durst. Ich muss mal was trinken. Danke fürs Mitnehmen.“
Am Büdchen besorgt er zwei Flaschen Bier und klingelt bei Roberto, dem nuschelnden Italiener, der gleich hinter Kiosk eine kleine Mansarde bewohnt. Und er ist sogar daheim.
„Ehh, ragazzi, wie siehste du aus inne Fress!? Wie eine scheise Pizza, hömma!“
Roberto ist auch so ein herzensguter zuvorkommender Süchtiger. Er zieht Woller nicht nur die Giftstacheln aus dem Fleisch, er dreht auch einen dicken sizilianischen Joint. Sie sitzen nebeneinander auf dem Boden und hören Gianna Nannini.
„Och, nee, mach die Hupe aus – hast du nix anderes außer die Hupe da!?“
Als Woller sich ein Stündchen später verabschiedet, ist er nicht mehr der auslaufende Pocken-Dampfer von zuvor, er schwebt geradezu durch die Strassen, leicht wie ein Luftkissenboot, die verschiedensten Gifte im Blut.
Am nächsten Morgen. Die Belegschaft wartet schon vor der Werkstatt, als Woller um die Ecke biegt.
„Ach nee, guck mal einer an! Wer kommt denn da!? Der Bienenkönig!“
„Bienen? Das waren Wespen, ihr Knallköppe! Oder Hummeln! Schnaken! Was weiß ich , was das für scheiß Viecher waren, aber Bienen waren das ganz bestimmt nicht, ihr Lutscher!“
Na ja – Bienen, Wespen, Schnaken, als würden solche Feinheiten gestandene Gerüstbauer interessieren. Und so war der Woller in seiner Firma fortan nur noch der Bienenkönig. Der Rum-Summser. Und eine Wespentaille, die hatte er ja nun wirklich nicht.
Definitiv.