Sie hieß Karin. Ich wusste, wo sie wohnte. Nach der Schule hockte ich auf der neuen Mülltonnenbox aus Edelstahl und wartete, dass sie das Haus verließ. Ich war in sie verliebt, doch sie wußte nichts davon. Sie war älter als ich, nicht sehr viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn man acht Jahre alt ist und die Frau, die man liebt, neun, ist das eine Menge Holz.
Sommer 1968. Filmaufnahmen und Fotos aus dieser Zeit zeigen revolutionäre Straßenschlachten und Wasserwerfer und ich war verliebt in ein kleines Mädchen mit dunklem Haar. Ihre Haut war weiß, sie trug weiße Strümpfchen und ein weißes Lackmäntelchen.
Ich saß auf der Müllbox, die nach gar nichts roch, weil sie so neu war, so unschuldig, und guckte zu ihrem Fenster hoch. Ich wartete auf ein Zeichen. Eine Bewegung hinter der Gardine. Ich sehe mich dort sitzen, immerzu, und warten. Sie kommt nie. Sie ist ein Engel in einem Lackmäntelchen. Ein fernes, stilles Mädchen. Sie wußte nichts von mir. Das Haus lag ruhig da. Niemals geschah etwas.
Einmal kam der Vater von der Arbeit heim. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, auf der Müllbox gegenüber seines Hauses, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, ob er mich kannte. Wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Mülltonne saß und seinen Gedanken nachhing. Er schloss die Haustüre auf. Niemand begrüßte ihn. Keine Frau, nicht die Tochter. Ein trauriger Moment. Er hatte alles, was ein Mann brauchte, doch niemand freute sich auf ihn. Ich verrenkte meinen Kopf, um einen Blick in den Hausflur zu werfen, es gab nichts zu sehen.
Ihr Zimmer lag im ersten Stock. Das Reihenhäuschen war das erste von fünf, die wie Bastelarbeiten aus Beton aneinander lehnten. Schachtel-Beton. Unsere Familie wohnte im unteren, alten Teil der Hasseldelle, einer 20er-Jahre-Siedlung mit hohen Hecken und der spitznasigen Frau Drexelius, die über ihr klitzekleines Büdchen wachte wie die Vogelmama über ihre Brut. Karin und ihre Eltern waren ins Neubaugebiet gezogen, das man mitten ins Grüne gesetzt hatte. Uptown: Flachdach-Bungalows und Reihenhäuschen mit Vorgärten, wo dürre Bäumchen und Sträucher, grade erst angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Staub strich um die Ecken, Bauschutt. Nur mein Platz auf dem Container war geschützt, in einer Ecke.
Zuhause spielte ich die Schlager und Beat-Singles meiner großen Schwester. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky Leandros, einer jungen Griechin, waren der Soundtrack meiner ersten großen Liebe: „Dich mit Anderen teilen kann ich nicht..“ Dann saß ich wieder uptown auf meiner Edelstahlbox, Stunde um Stunde, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit Munition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung. Das Haus lag ruhig da.
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Als die ersten Menschen sich aufrichteten, um die Welt zu erobern, konnten sie nicht ahnen, dass sechs Millionen Jahre später ein mit O-Beinen und häufig wechselndem Notizbuch ausgestatteter Nachfahre durch die Landschaft stapfen würde, und vermutlich wäre es ihnen auch schnurzpiepegal gewesen. Ein Notizbuch? Kann man darin mit dürren Tierknöchelchen nach Ameisen graben? Läßt sich damit das Jagdglück beschwören?
Ja.
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Schreiben ist eine Möglichkeit, fortzulaufen, obwohl man mit dem Arsch daheim bleibt.
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Als Pico hab ich eine Theatervorstellung besucht, in der eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht erzählt wurde, mit aufwändigem Bühnenbild, riesigen samtweichen Vorhängen und bunt gekleideten Komparsen.
Seither warte ich bei jedem Theaterbesuch darauf, dass endlich der Junge mit dem Turban aus dem Boden gesprungen kommt, in verzauberten goldenen Pantoffeln, und losrennt wie der Wirbelwind – zum Großwesir.
Ich geh nur ins Theater, wenn Der kleine Muck auf Tournee ist.
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Wenn ängstliche Menschen, bei dem was sie tun, ihre Angst überwinden, das kommt gut. Das liefert die schönsten Resultate. Presley zum Beispiel war ein ängstlicher Charakter, doch wenn er gesungen hat.
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Davon überzeugt, dass der Tod uns nicht wirklich vom Leben abhält, glaubt sie außerdem daran, dass, wenn wir dereinst in den Himmel kommen, dort all jene wiedertreffen, die jetzt schon tot sind.
„Und jede Wette – wenn du im Himmel über die Straße latschst und dir kommt jemand entgegen, dann ist es da oben nicht anders als hier unten: verdammt, der kommt mir bekannt vor, woher kenne ich die Nase nochmal?“
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Da, wo wir wohnen, am Kannenhof nämlich, sind wir umzingelt von Schulen. Rechts die große Gesamtschule mit über 1000 Gesamtschülern, links das altehrwürdige Gymnasium Schwertstrasse, geradeaus (und dann den Berg runter) die Grundschule Klauberg.
Wer mittags der Wupperstrasse entlanggeht, um Besorgungen zu machen, (es gibt zwei Discountläden, zwei Frisöre, zwei Kioske, zwei Generalvertretungen von Versicherungen), dem begegnen auf Schritt und Tritt Grüppchen junger Männer, die einem frisch gepflückte Autoradios andrehen wollen, sonst lassen sie dich nicht durch. Und die Lotto-Annahmestelle ist dermaßen überfüllt, dass die Inhaberinnen, zwei Damen, regelmäßig die Notbremse ziehen.
„NUR REINKOMMEN, WER GELD HAT! “ zetert die jüngere der beiden, „DIE ANDEREN WARTEN DRAUSSEN!“
Klare Kiste, dass der Bürgersteig vor ihrem Kiosk gerammelt voll ist mit Rabauken, Schlampen und unterbezahlten Referendaren. Sie sind es, die diese rigorose Geldpolitik ausbaden müssen, bis sie zornig weiterziehen zur zweihundert Meter entfernten PLUS-Filiale, wo sie sich an süß-sauren Vampir-Schnüren durch die Gänge hangeln wie an Urwaldlianen.
„Gibst du mir drei gelbe Wrigleys, kriegst du zwei von denen hier!“
Nur Süßkram. Ich weiß nicht, wann mir das letzte Mal ein Schüler begegnet ist, der herzhaft in seine Stulle gebissen hat. Und die wenigen, die sich noch mit Butterbrotdose in die Schule wagen, müssen sich damit in die hinterste Raucherecke verdrücken, um nicht was auf die Mappe zu kriegen, „du Leberwurstluser!“
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Samstagmittag, die Sonne ist draußen, der Hund und ich sind auf der Korkenziehertrasse unterwegs.
„Na, das ist ja klar! Wo der Glumm ist, da sind auch die Frauen!“
Franky bringt sein Rad zum Stehen und läßt eine Kostprobe seiner Ziegenlache hören, eine gemäßigte Kostprobe. Ich hab ihn schon Lachen gehört, da glaubten sich alle Beteiligten von scheißenden Fleischkühen umzingelt.
Das junge Mädchen, das stehen geblieben ist, um ihrem Jagdhund Gelegenheit zu geben, Frau Moll zu beschnüffeln, blinzelt beunruhigt in die Sonne.
„Frankyboy“, sag ich und schüttle seine Hand, „die Zeiten sind vorbei, wo Frauen wegen mir stehen bleiben, die bleiben stehen, weil ich einen wuscheligen Hund hab.“
„Scheiß drauf“, kräht Franky, „im Alter spielt man auf Ergebnis! Das Ergebnis zählt!“
Franky gehört zu den Kalibern, die irgendwie immer gleich sind, wenn ich sie treffe. Er wird einfach nicht älter. Er sieht genauso aus, wie er 1988 ausgesehen hat. Der einzige Unterschied: damals sind die Weiber noch wegen mir stehen geblieben, und nicht wegen meinem Hund.
„Ich bin mit meinen beiden Neffen unterwegs. Die sind mit Inlinern schon voraus.“
Ach so.
„Ich muss hinterher, sonst sind die über alle Berge. Machs gut, Glummi.“
Er springt aufs Rad, und das junge Mädchen, von seinen Sprüchen zunächst irritiert gewesen, fällt wieder ins pubertierende Dunkel ihres 13jährigen Daseins zurück.
„Schönen Gruß!“ höre ich Franky rufen.
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Ich mag einfache, ehrliche Popsongs, die ans Herz gehen wie ein freundlicher Scharlatan, der den Bauchraum mit der bloßen Hand öffnet, ohne dass Blut fließt, aber es rauschen läßt.
Zuhause höre ich keine Musik mehr, schon seit Jahren. Was mich unterwegs erreicht, muss reichen, und selbst das ist noch zu viel. Ich bin keine Freund mehr von Popmusik. Um so mehr macht es mich sprachlos, wenn plötzlich ein Lied aus der Vergangenheit auftaucht, und mich überrollt. So wie an diesem Abend im Park, unten im italienischen Teil, als aus einem der angrenzenden Gärten ein Song von Cat Stevens zu hören ist, leise, basslastig. Ein Sommerabend, der Hund stöbert im Gestrüpp, friedlich und selbstvergessen, und ich lasse mich wie ferngesteuert auf den Stufen einer Treppe nieder und höre eine halbe Stunde lang Lieder, die wir früher auf Gitarre gespielt haben.
Die Texte, obwohl 30 Jahre nicht mehr gehört, kann ich bei einigen Strophen Wort für Wort mitsingen, ich sitze da und mir rollen Tränen übers Gesicht.
Warum zum Teufel rührt es einen so an, wenn Gefühle auferstehen aus ferner Zeit, als die Nadeln noch tief vorstiessen ins Vinyl, wo sie winzige Verletzungen auslösten, bei jedem Abspielen, bis der Datensatz daherkam und übernahm? Ich weiß es nicht – switch on summer, like a slot machine.

Schlagworte: Geschichten, Glumm, Literatur, Schreiben