77

Ich war sechzehn und fand Drogen doof. Am Wochenende trafen wir uns in den Malteser Gründen hinterm Haus der Jugend und tranken Dosenbier und Wein und etwas Schnaps, mehr war nicht mit Drogen. Unsere Haare waren lang, wirklich jeder hatte eine Matte, und wir trugen die ausgemusterten Persianer und Pelzimitate unserer Mütter, bis auf den dicken Hansen, der lief in roten Westernstiefeln und gefütterten amerikanischen Fliegerjacken durch die Stadt. Meist fuhr er Mofa. Zündapp, Zwei-Gang.

Der Sommer 77 brachte die Wende. Zunächst trampte ich mit Karlos und Schnaat durch Frankreich und Süd-England, wo uns in Brighton die ersten Punks begegneten, in schwarzen Turnleibchen. In meinem Rucksack versteckt war ein winziger Klumpen Haschisch. Im Nachhinein hab ich keine Erklärung, wieso ich überhaupt Haschisch dabei hatte, geschweigedenn von wem es stammte. Ich rauchte es heimlich in Paris auf meinem Hotelzimmer nahe dem Montmartre. Das war meine kleine Rache.

In Paris hatten wir auf der Rückreise den schwulen Franz kennengelernt, einen greisen Österreicher, der Karlos und Schnaat in seine exklusive Stadtwohnung im 17. Bezirk eingeladen hatte, zum Übernachten.
“Wenn der uns an die Wäsche will, kriegt er das hier zu sehen”, meinte Schnaat und zeigte sein Springmesser, das er stets griffbereit bei sich trug. Auf mich stand Franz nicht: meine Locken waren ihm zu wild, zu ordinär.

Also musste ich mir für die letzten Tage ein Hotel suchen. Schon nach der ersten Nacht hatte ich die Nase voll. Ich war mittags mit Karlos und Schnaat am Arc de Triomphe verabredet, Punkt zwölf Uhr “am Arkde”, aber ich ging nicht hin. Ich blieb auf meinem Zimmer und rauchte mit grimmiger Miene den Joint, es war mein erster Joint überhaupt, ich kriegte ihn kaum gedreht, so ungeschickt stellte ich mich an, auch sonst tat sich nichts.
Am nächsten Morgen nahm ich den Eilzug nach Köln. Später erzählten Karlos und Schnaat, dass sie noch tags drauf alle zwei Stunden am Arkde vorbeischauten. Hä hä.

Im Spätsommer 77 war der zweite Joint fällig, und wieder spürte ich keine Wirkung. War auch egal, denn eigentlich fand ich Kiffen immer noch dämlich. Erst nach dem dritten Versuch änderte sich das, in der ganzen Clique. Es war wie ein Lauffeuer. Plötzlich waren alle Leute, die Alkohol tranken, Penner, und Haschischraucher cool.

Zu der Zeit traf ich zufällig Fryda wieder, meine allererste Freundin. Wir hatten uns ein Jahr lang aus den Augen verloren. Sie war etwas älter als ich, 18, und hübscher als je zuvor, doch etwas schien mit ihr nicht zu stimmen. Sie sah aus, als würde sie bei Les Humphries singen. Dann rückte sie mit der Bombe heraus: Sie war auf Heroin. Auf “H”, wie wir das damals nannten, “Eitsch”.

“Wenn wir uns einen Druck setzen”, erzählte sie von ihrem neuen Leben in ihrer Ohligser Clique, “dann machen wir uns schön, wir putzen uns richtig raus mit Make up und Lidschatten und alles und dann fahren wir nach Köln auf die Rolle.”
Ich war empört. Alkohol war das letzte, aber H und Köln, das war allerletzte. Ich schimpfte sie aus, ich verstand es nicht, doch sie blieb unerreichbar für meine Worte.

1995 stattete ich Fryda einen Überraschungsbesuch ab, in Dortmund, wo sie mit ihrem Mann lebte. Ich hatte von Jerry, einem gemeinsamen Bekannten, der Kontakt zu ihr hielt, die Adresse bekommen, und da ich in Dortmund zu tun hatte, ich war verabredet mit dem Verleger einer holländischen Hardrock-Enzyklopädie, die ich mit Schnaat ins Deutsche übersetzen sollte, stand ich unangemeldet bei ihr auf der Matte, in der Dortmunder Nordstadt.

Wir hatten uns bestimmt zehn Jahre nicht gesehen. Sie ahnte nichts von meinem Besuch. Mir öffnete eine geschrumpfte Heroinhausfrau die Tür, immer noch blond, aber soo klein geworden, und sie trug Brille. Nach einem ersten ungläubigen Austausch von Blicken fiel sie mir um den Hals.
“Bist du’s..?!”

Ich hatte die Taschen voller Kohle, der Verleger hatte einen ordentlichen Vorschuss rausgetan, und so dauerte es keine zehn Minuten, bis ich Fryda gestand, warum ich da war. Was ich wollte.
“Kannst du was klarmachen?”
Sie war nicht so überrascht davon, wie man meinen könnte, schließlich hatte ihr Jerry, von dem ich die Adresse hatte, von meiner latenten Sucht schon berichtet.
“Wieviel willst du setzen?” fragte sie nach der ersten Wiedersehensfreude und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank.
Ich blieb eine Stunde und lernte ihren Typ kennen, sie erledigte einige Telefonate, es tat sich nichts, ich fuhr nach Hause. Ich sah Fryda nie wieder.

Zurück ins Jahr 1977. Das zweite Mal Kiffen, das war im Spätsommer in Chalon, nach der England-und Frankreichreise mit Schnaat und Karlos. Im Rahmen eines Jugendaustauschs fielen wir mit einer Busladung Jungs und Mädchen aus dem Haus der Jugend in der französischen Partnerstadt Chalon-sur-Saone ein, für knapp drei Wochen.
Karlos und Pepe waren mit von der Partie, der träge Mickes, der immer alles scheiße fand, die ewige Orangenmarmelade zum Frühstück, das Wetter, und der Mitsubishi Boy, der die meiste Zeit mit der akustischen Gitarre im Gras saß und Blues spielte, und ein paar unserer Freundinnen, meine nicht, die musste daheim bleiben.

Untergebracht waren wir im Maison de L’Enfance, einem neugebauten Hochhaus am Rande der Innenstadt, wo wir eine ganze Etage für uns hatten. Wir trafen uns täglich mit Jugendlichen aus Chalon, die sich aus einer ähnlichen Einrichtung rekrutierten wie unserem Haus der Jugend.

Die Mädchen riefen mich “On-dree-ass!”, Karlos war “Car-looo!”, sie gackerten wie die Hühner. Französische Mädels, jedenfalls die in der Provinz, hatten große Nasen und dünnes langes Haar, das von ihren Köpfen herab hing wie ungekochte Nudeln.

Jeanne war anders. Sie war charmant, sagte aber kaum ein Wort. Sie schien nie recht anwesend zu sein. Während man ihren Freundinnen bei allem, was sie taten, schon die spätere Ehefrau und Mutter und pharmazeutisch-technische Assistentin ansah, blieb sie undurchsichtig. Sie alleine konnte es nach Paris schaffen, vielleicht. Oder wenigstens nach Lyon, auf den Feudal-Strich.

Erst hieß es, Jeanne habe bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, später, auf unser Drängen hin, vertraute uns eins der anderen Mädchen an, Jeanne sei abhängig. Abhängig wovon? Von Heroin. Heroin..? Wir waren platt. Heroin war was für Leute von einem anderen Stern. Wir waren 16, das war unser Planet, Jeanne 15. Wir wollten ihr helfen, wir mobilisierten all unsere Kräfte: wir saßen zusammen und tuschelten.

Jeanne trug Boots und braune Cordhosen, ein Halstuch aus Seide und Jungenhemden. Ihr Haar war rund geschnitten wie eine Mütze. Und da war dieses kleine traurige Lächeln, das uns alle in den Bann zog, und ihre Teenagertränen, auch wenn wir sie niemals weinen sahen: Jeanne war die perfekte, süße fünfzehnjährige Hoffnungslosigkeit.

(Fortsetz.)


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