Nachtdienst im Hotel. Die fünfte Nacht hintereinander. Ich bin ziemlich groggy. Die Zimmer sind alle belegt, bis auf ein Einzel, das kann ich noch verkaufen. Gegen drei Uhr, ich will mich im Büro gerade aufs Ohr hauen, auf dem provisorischen Nachtlager aus Sitzkissen und Decke, da schellt es. Scheiße. Auf dem Bildschirm des Überwachungsmonitors erkenne ich verschwommen eine Person. Ein Mann. Ohne Gepäck. Es ist Samstagnacht. Ein Übriggebliebener.
„Hm, ja..?“ brumme ich in die Gegensprechanlage.
„Äh.. haben Sie noch ein Zimmer für heut Nacht?“
„Ein Einzel hab ich noch“, sag ich mürrisch.
„Gut. Lassen Sie mich rein?“
Per Summer öffne ich die Eingangstüre, elf Stockwerke tiefer. Ich sehe zu, wie der späte Gast die Türe aufdrückt und im Bauch des Turmzentrums verschwindet.
Während er mit dem Lift hochgefahren kommt, in den elften Stock, zieh ich mir die Klamotten an. Und die Schlappen vom Chef. Es bleiben anderthalb Stunden, um noch ein bißchen Schlaf zu kriegen. Spätestens um fünf, wenn der Bäcker die Brötchenkörbe in den Aufzug stellt und das ganze Hotel warm nach Weizen riecht, ist die Nacht vorüber.
Ganz unvermittelt steht er da, im Neonlicht der Rezeption. Ich hab weder den Gong! des ankommenden Aufzugs gehört, noch seine Schritte. Ein junger Bursche, groß, blond, Borstenschnitt. Dunkler Trenchcoat.
„Morgen“, sagt er vorsichtig, wie eine Frage beinahe. Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Vielleicht ähnelt er auch nur jemandem. Oder er war schon mal hier und hat ein Zimmer gemietet. Keine Ahnung.
„Morgen“, erwidere ich.
Er kommt nicht näher, bleibt, wo er ist, einen Meter vom Tresen entfernt. Das tun Leute, die sich einfach mal erkundigen wollen, was ein Zimmer kostet, ob das Frühstück im Preis enthalten ist, gibt es Rabatt, wenn man länger bleibt. Aber solche Leute klingeln nicht nachts um halb vier.
Sein Blick flackert.
„Kann man bei euch nur gegen Vorkasse übernachten?“
Sofort liegt Ärger in der Luft. Mit diesen Augen stimmt was nicht. Sie sind kalt, und sie schnüffeln.
„Genau“, sag ich, „nur gegen Vorkasse. Sonst geht gar nichts.“
Er wirkt gereizt.
„Was ist mit einem Scheck?“
„Nein“, sage ich, geht nicht.
„Wenn ich meinen Personalausweis hinterlege?“
„Haben wir alles schon gehabt. Da hat auch jemand seinen Ausweis hinterlegt und ist nie wieder aufgetaucht. Der liegt heute noch hier, der Ausweis“, sag ich und klinge wie mein Chef. Er und seine Frau nächtigen hier im elften Stock, Zimmer 13, am Ende des Flurs. Sie haben ihre Wohnung aufgegeben und sind ins Hotel gezogen, um die Miete zu sparen. Seither können zwei geräumige Eckzimmer nicht mehr vermietet werden. Die Rechnung geht nicht auf. Und die Beiden sind Tag und Nacht im Haus. Das nervt.
„Und warum keinen Scheck?“
Ruhig bleiben, denk ich, und zucke mit den Schultern.
„Order vom Chef.“
Er fährt sich durchs kurzgeschorene blonde Haar, das fast weiß ist, nestelt nervös an seinen Mantelknöpfen. Trotz seiner Größe wirkt er eher wie ein Vögelchen, das kurz davorsteht, einen Riesenradau anzuzetteln, weil es sich von einem Bussard verfolgt fühlt.
„Und was.. wenn das hier eine Waffe ist, was würdest du dann sagen? Würde ich dann ein Zimmer kriegen?“
Er setzt einen entschlossenen Schritt zurück und zielt auf mich, den Finger in der Manteltasche ausgestreckt. Schätz ich mal. Oder was soll das sein? Hat er da eine Pistole in der Tasche? Ein Messer? Will er mich veraschen? Und wieso duzt er mich? Duzt man sich beim Überfall?
„Dann pass mal auf“, sagt der Kerl. „Ich habe hier eine Waffe! Und du rückst jetzt schön die Kohle raus!“
Alles geht so flott, ich kann es kaum ernst nehmen. Beinah muss ich auflachen. Ist das jetzt ein Raubüberfall?
„Du machst jetzt schön die Kasse auf, nimmst die Kohle raus und schiebst sie mir rüber!“
Er lässt sich schlecht einschätzen. Je länger er hier steht, desto psychopathischer wirkt er. Erst Milchbubi, jetzt Gangster. Und auch, wenn ich kaum glaube, dass in seinem Mantel wirklich eine Waffe steckt – wer weiss das schon. Es sind genug Bekloppte unterwegs.
„Jetzt mach keinen Scheiss“, sag ich, „Lohnt sich doch nicht.“
„Mann, jetzt rück die scheiss Kohle raus! Und nur Scheine! Kein Wechselgeld!“
Na gut. Ich lasse die Kasse aufspringen, trete zurück und höre mich sagen: „Dann komm hier um den Tresen rum und hol dir das Geld selber ab.“
„Was? Nein..! Du gibst mir die Kohle!“
Ich hab selbst keinen Plan, was ich mit der Aktion bezwecke. Will ich Zeit gewinnen? Aber Zeit wofür? Dass er plötzlich Kniepäugelchen macht und Ätsch sagt!? War nur ein Joke?
„Jetzt mach schon!“ wird er ungeduldig. „Und nur die Scheine!“
Ich packe alles, was an Zehnern, Zwanzigern und Fünzigern da ist, auf den Tresen. Vielleicht fünf-, sechshundert Mark.
„Die Hunnies auch!“
„Hunnies? Hier sind keine Hunnies. Kannst dich ja selber überzeugen. Hier, komm rum.“
Während eine Hand weiterhin im Mantel steckt und auf mich zielt, grabscht er mit der anderen nach dem Geld und stopft es in seine Hosentasche. Ich seh einen silbernen Stecker in seinem Ohrläppchen, er blinkt im Neonschein.
„Ist dir klar, dass du für die paar Mark in den Bau gehst? Das ist doch bescheuert!“
Er hält inne und scheint einen Moment lang zu realisieren, was er hier abzieht. Dass das ganze keine Show mehr ist.
„Pass auf“, versuche ich die Situation zu nutzen. „Du gibst mir jetzt einfach die Knete wieder, steigst in den Aufzug und verschwindest in die Nacht, und Schwamm drüber.“
„Ich brauch das Geld aber!“
Sein Blick läuft Hürden.
„Das ist das erste Mal, das ich so was mache..“
„Dann lass den Quatsch doch und gib mir die Kohle wieder!“
Er greift in die Hosentasche, zieht ein paar zerknüllte Scheine hervor und wirft sie auf den Tresen. Zweihundert Mark vielleicht, bißchen weniger.
Hier, flackert sein Blick. Steck ein.
„Dann tu den Rest auch noch raus“, sag ich.
„Geht nicht, nee.. Den Rest nicht. Den Rest brauch ich.“
„Wofür?“
„Für ein Taxi.. Für ein Hotelzimmer in Düsseldorf.“
„Wieso? Wieso Düsseldorf?“
Er antwortet nicht.
„Mach dich doch nicht unglücklich, Junge. Für die scheiss paar Mark“, wiederhole ich mich, doch die Situation ist festgefahren.Er droht, in der nächsten Nacht wieder zu kommen und mich abzuknallen, sollte ich die Bullen sofort rufen, wenn er gleich weg ist.
„Ich bin ein scharfer Hund, pass auf.. und wehe, du drückst den Alarm!“
„Hier gibt’s überhaupt keinen Alarm“, sag ich, und verschwinde kurz ins Büro, um meinen Tabak zu holen.
Er ist sprachlos.
Ich dreh mir eine Zigarette.
Das ist ein Raubüberfall, denke ich.
„Kann ich mir auch eine drehen?“ fragt er.
„Klar“, sag ich und lege den Tabaksbeutel auf die Rezeption, aber er dreht sich keine. Wahrscheinlich fällt ihm ein, dass er dazu beide Hände braucht und dann nicht mehr auf mich zielen kann.
„Also, ich hau jetzt ab. Denk daran, nicht die Polizei rufen!“
Ich zünde mir die Kippe an.
„Nicht die Polizei rufen, du bist gut. Was soll ich denn meinem Chef erzählen, wo das Geld hin ist, bitteschön?“
„Das ist deine Sache.“
Wir einigen uns darauf, dass ich die Polizei erst rufe, wenn er das Hotel durch den Haupteingang verlassen hat, plus drei Minuten. Wie früher auf dem Bolzplatz. Wenn das unterlegene Team mit den vielen Knirpsen fünf Tore Vorsprung bekam. Und dann trotzdem unterging.
„Dann hab ich genug Vorsprung“, sagt er.
„Okay“, sag ich. „Das ist fair.“
In dem Moment, als die Aufzugstür sich schließt und der Lift ruckelt los, reiße ich den Telefonhörer von der Gabel und wähle 110.
„Notruf..“
„Ja, hier ist der Nachtportier vom Turmhotel. Ich bin grade überfallen worden!“
„Wie ist Ihr Name?“
Ich spüre ein Zittern in meiner Stimme, und bin darüber richtig aufgebracht.
„Mein Name..!? Ich bin überfallen worden! Der Kerl verschwindet gerade in Richtung Graf-Wilhelm-Platz und Sie fragen nach meinem Namen! Da, ich seh ihn auf meinem Monitor, der flieht zum Taxistand! Der ist gleich weg! Der will nach Düsseldorf!“
Nachdem ich seine Person beschrieben habe, höre ich schon im Hintergrund, wie die Personenbeschreibung über Funk rausgeht. Ich leg den Hörer auf und eile in den Frühstücksraum, von dort hat man den perfekten Überblick über den Graf-Wilhelm-Platz, paar hundert Schritte entfernt von der Polizeiinspektion.
Zwei Streifenwagen halten mit Blaulicht und Sirene direkt auf den Taxistand zu, zeitgleich schellt es Sturm im Hotel. Unten steigen die Bullen aus, laufen auf ein Taxi zu, aber es schellt und schellt, also lauf ich zur Rezeption. Da sind vier Personen auf dem Monitor. Alles Männer, kein Gepäck..
„Kripo Wuppertal. Machen Sie uns auf?“
Hm? Wo kommen denn so schnell so viel Bullen her? Ich drücke per Summer die Eingangstür auf und lauf zurück in den Frühstücksraum, gerade noch rechtzeitig, um unten die Verhaftung mitzukriegen. Polizisten zerren den Täter aus dem Wagen, vom Rücksitz herunter, ich seh ihn strampeln, (sein brachial-kurzes Haar, schlohweiß im Licht der Laternen), ein weiterer Bulle packt seine Kehle, nimmt ihn in den Würgegriff. Wollen die den abmurksen, für die paar Mark? Lohnt doch gar nicht.
Später auf der Hauptwache. Ich mache meine Zeugenaussage. Eine Waffe ist beim Täter nicht gefunden worden, erfahre ich von dem Beamten, der meine Aussage aufzeichnet. Es ist halb sechs mittlerweile. Alle sind müde. Selbst der Funkverkehr schweigt. Das gestohlene Geld hatte der Täter in seine Backentaschen gestopft, als er im Taxi saß und die Streifenwagen auf sich zukommen sah. Alles ins Maul, wie ein irrer Hamster. (Deshalb auch der Würgegriff, wodurch der Beamte verhindern wollte, dass das Geld verschluckt wird.)
„Respekt“, sag ich. „Das waren ne Menge Zehner, Zwanziger und Fuffies.. Ich meine, den ganzen Papierkram muss man erst mal ins Maul kriegen.“
Der Wachtmeister guckt überrascht auf.
„Stimmt!“
Als hätte er diesen Aspekt der Geschichte bislang total übersehen.