Seit ich wählen darf, gibt es alle Nase lang irgendeine Wahl. Meist stecke ich am Wahltag meine Karte ein und zieh los ins Wahllokal. Es ist wie eine schlechte Angewohnheit. Man weiß schon gar nicht mehr, warum man etwas tut, aber man hat es schon immer getan, also warum ausgerechnet jetzt nicht. Diesmal aber hab ich die Nase voll. Sollen sie doch sehen, wie sie zurande kommen, ohne meine Stimme. Arschlöcher.
Das war Stand der Dinge am Samstag, einen Tag vor der Europawahl, genauer gesagt: am Samstagnachmittag vor dem Lärm, der plötzlich über die Siedlung kam wie ein 57er Chevy ohne Auspuff.
Die Gräfin glaubte zunächst, unser Spezi hätte mal wieder die Hände im Spiel gehabt, unser Althippie, der arbeitslose Werkzeugmacher, der die gesamte Nachbarschaft mit Rock-Oldies überzieht, doch dazu hätte der Lärm aus dem Garten kommen müssen, stattdessen schallte es von der anderen Seite, von der Straße her rüber, und was für ein herrlicher Lärm: Tutti Frutti, Little Richard!
ALL ROOTIE!
Das Original! Aus dem Megaphon gespieen, im Schritttempo sich nähernd, den Berg runter, am Fenster vorbei! UHHH! HAVE SOME FUN TONIGHT!
„Überlassen Sie Europa nicht den Finanzhaien..!“
Moskautreuer VW-Bus, auf dem Rücksitz ein großer lässiger Hund mit Negerkrause, die Schnauze aus dem geöffneten Seitenfenster gereckt wie der Grammophonhund von RCA.
SHE ALWAYS DRIVE ME CRAZY
(Rock’n Roll wird eines fernen Tages bei einem Blitzeinschlag gefunden und ausgegraben. Da bin ich mir relativ sicher.)
„Die wähl ich!“ ruf ich und rocke. „Wer ist das?“
„Little Richard!“ ruft die Gräfin.
„Nee! Welche Partei!“
„Tutti Frutti!“
Ich lese auf dem Wagen: DIE LINKE. Ach du Scheiße.
Sonntag. Der Wahlzettel ist einen Meter lang. Wir stehen ratlos im Wahllokal. Frau Moll hat die Stimme verloren über Nacht. Wimmert so erbärmlich, als wäre sie gestern im Stadion gewesen. Keine Ahnung, was los ist. Was defektes gefressen, das auf dem Weg rumlag? ne Fahrradhupe? („Ihr wisst ja gar nicht, wie das ist, immer Hunger zu haben, ihr Schweine.“)
Vorm Wahllokal in der Gesamtschule ist die obligatorische Kuchenbar aufgebaut. Bei jeder Wahl verkauft die AG Backen selbstgemachten Kuchen, der Erlös kommt der Partnerschule in Nicaragua zugute. Wir nehmen vier Stück Apfelkuchen, dazu Kirschkuchen und zweimal Käsetorte. Alles selbstgemacht. Aber nicht von der AG Backen, sondern von den Müttern. Ist auch besser so. Außer die Rosinen. Die pule ich raus.
Es gibt 3 Rentnerparteien und Die Grauen. Auf Listenplatz 25: Die Piraten. Aber kein Tutti Frutti. Wir warten, dass die Wahlkabinen frei werden.
„Wählt der Hund auch?“ scherzt der Vorsteher der Wahlkommission, ein flotter Hecht mit mopsigem Gesicht.
„Sicher“, sag ich. „Die Mopse.“
Schweigen.
„Sie meinen die Tierschutzpartei?“ fragt er freundlich. Alles lacht. Ich nicht. Wenn der mich noch mal ungewollt anscherzt, gibt es einen Gong. Dann ist hier aber die eine oder andere politische Karriere strikt im Eimer.
Als ich dran bin, führe ich alle an der Nase herum. Ich wähle SPD. Die tut mir so leid, die kleine Partei. Mit dieser Silberlocke als Kanzlerkandidat, der so gerne wie der Gerhard die Ärmel hochkrempeln möchte, aber unterwegs verreckt er immer, der Arme, und übrig bleibt Frank-Walther, der nur die Ärmel hochkriegt. Ich verdrücke heimlich ein Kreuzchen und mache, dass ich nach Hause komm, 7 Kuchen einschieben, mit der Gräfin und dem Hund.
Später schlafen wir unheimlich gut alle drei in einem Bett.
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