Britta war auf die skandinavische Weise hübsch. Unzählige Sommersprossen verteilten sich wie eine Seenplatte in ihrem offenen Gesicht, sie hatte ein großes Pferd im Stall und langes blondes Haar, sie lachte viel. Nur ihr Nachname war nicht skandinavisch. Er begann mit Z und klang irgendwie polnisch und war der allerletzte im örtlichen Telefonbuch.
Britta verpasste mir 1974 den ersten Zungenkuss meines Lebens, im Metropol-Kino in der unterirdischen Karstadt-Passage. An den Film selbst hab ich keinerlei Erinnerung, aber diesen drängelnden Lappen Fleisch in meinem Maul habe ich nie vergessen.
Ich wurde gnadenlos überrannt. Im Sitzen. In meinem eigenen Mund!
Nachmittags trafen wir uns hinterm Karstadt. Sie war unverfrorene fünfzehn. Ich war vierzehn.
Es war Herbst.
Es war windig.
Es war überhaupt eine zugige Ecke damals, hinterm Karstadt.
Halb sieben, wenn Feierabend war, kam Benno, der schwule kleine Chef der Lebensmittel-Abteilung, aus dem Seitenausgang und versorgte uns Jungs mit Zigaretten. Mädchen existierten für ihn nicht. Er übersah sie einfach.
Einmal führte er ein Tänzchen auf, nur für Karlos und mich. Wie ein Gockel fegte Benno übers zugige Parkett, einfach so, ohne Musikbegleitung hinterm Karstadt, nur er und seine Beine und sein schwungvolles durchgeknalltes Schwulsein.
Wir haben geklatscht und gelacht und sogar die Mädchen mochten ihn an diesem Tag. Er rückte eine Extraschachtel Kippen heraus, für jeden eine, ohne Filter.
Meist standen wir pärchenweise hinterm Karstadt, an die große Schaufensterscheibe gepresst und machten stundenlang kisskiss, wie meine italienische Oma das früher genannt hat, wenn sie mich vor deutschen Frauen warnte. („Die wollen nur Geld und hier, kisskiss machen.“)
Karlos machte kisskiss mit Biene, Hansen machte kisskiss mit Elly, die alle nur Pottsau-Elly nannten, ich machte kisskiss mit Britta, der schwule kleine Benno machte heimlich kisskiss mit sich selbst auf dem Personalklo, das ein kleines Fenster hatte nach hinten raus.
Britta nahm meine Hand und führte sie in ihre Hose. Es war soweit. Der Tag war gekommen. Zentimeter um Zentimeter fingerte ich den Bauch runter, bis ich den Ansatz der Schamhaare erreichte. Zum ersten Mal fasste ich den Busch an. Ich musste an Tina denken, die Hündin meines Opas, ein Deutsch Drahthaar. Also die Hündin!
Aber wieso zum Teufel hatte ich eine Hündin im Kopf, wo ich doch grade der schönsten Frau weit und breit in der Hose war?!
„Besser, wir machen das mal bei mir zuhause, ganz in Ruhe“, meinte Britta schließlich. Sie hatte schon mit ganz anderen Jungs rumgefummelt, während es für mich die Premiere gewesen war.
Die Pettingpremiere. Wie auch immer. Aus der Nummer war ich vorerst raus.
Schlagworte: Geschichten, Glumm, Kultur, Kurzgeschichten, Literatur, Sex