Archiv für August 2009

Aus dem geheimen Hausbuch der Susanne Eggert, IX

28. August 2009
Schuhfrau (3)

Schuhfrau (3)

Double Barrel (Glumm verklärt die Popmusik, 3)

26. August 2009

In the summertime, Mungo Jerry, 1970, war eine 45er-Single, die noch auf diesem störrischen Vinyl erschien, das schnell zerbrach, wenn es zu Boden fiel. Man musste sich schon ziemlich in Acht nehmen, wenn man die Platte aus Unterhose und Inlet holte und auflegen wollte.

Erst nach 1970 verschwand dieses Material peu a peu vom Markt und wurde von besserem biegsameren Vinyl verdrängt. Andererseits ist es mir noch Jahre später passiert, dass ich per Mail Order aus Sheffield, England, ein Live-Album von Jerry Lee Lewis zugeschickt bekam, das mir beim Auspacken prompt aus den Händen rutschte. Fortan fehlte der LP ein Stück, wie rausgebissen sah das aus, als wäre ein LP-Monster aus den Tiefen des Kinderzimmers aufgetaucht, mit mächtig Appetit auf zwei Songs Rock’n Roll auf PVC, denn ab Track 3 war die Platte noch intakt und konnte problemlos bis zum Ende gespielt werden, genauer gesagt ab (Put on your) Hi Heel Sneakers (’cause we boogie out tonight):

Pump dir’n paar Pömps, Babe, die Post geht ab.

Angeblich war das Material so stumpf und unelastisch, weil wegen der aufkommenden Ölkrise bei der Plattenproduktion weniger Erdöl als üblich verarbeitet wurde. Keine Ahnung, ob da was dran war, oder ob mal wieder jemand Scheiße erzählt hatte. Ich war ein Teenager und kaufte Singles, wenn das Taschengeld reichte. Eine Weile klaute ich mich durch die Schallplattenabteilungen großer Warenhäuser, bis man mich erwischte, dann war Schluß. Ich war ein lässiger Krimineller. Das geht nie gut. Das sind die ersten, die geschnappt werden. Also versuchte ich an preiswerte Alternativen zu kommen.

Richtig scharf war ich auf ausgediente Automaten-Singles. Double Barrel von Dave and Ansil Collins etwa, I AM THE MAGNIFICENT!, war so ein ausgedientes Automaten-Exemplar in meiner Platten-Sammlung.

Bis in die späten 70er Jahre wurde in großen Kaufhäusern auf eng gepackten Sonderverkaufs-Tischen Jukebox-Single an Jukebox-Single verhökert, nicht selten Tausende, ein Meer aus Platten, die keinen Profit mehr abwarfen, weil sie in den Kneipen niemand mehr hören wollte. Sie alle wurden aussortiert und verramscht, auf herrlichen Grabbeltischen, über denen noch der schmutzige, kupferne Geruch hing von 50-Pfennig- und Eine-Mark-Stücken, mit denen die Wurlitzer in den Kneipen und Clubs gefüttert worden waren, Wolken aus Kleingeld und Sehnsucht und Noch’n Helles, Heinz!

Diese Sonderverkaufs-Bestände waren für mich ein Abenteuerspielplatz, auf dem ich stundenlang schmökern konnte, auf der Jagd nach einem Schätzchen, einer 45er-Perle, die andere Sammler übersehen hatten. Oftmals machten sich die Leute nicht die Mühe, GANZ HINTEN zu wühlen, wo die Platten am dichtesten gepackt waren, wo es richtig Arbeit machte, dranzukommen, wo man sich richtig lang machen musste, und wenn man es endlich geschafft hatte, tat einem das Kreuz weh, sogar mit fünfzehn, wo man im allgemeinen aus Gummi besteht, aus Gummi und Morgenlatte.

Manchmal erwischte ich so ein Exemplar, das ich lange gesucht hatte, ich war richtig aufgeregt und konnte es kaum erwarten, den gehobenen Schatz zu hören, doch zuhause musste ich enttäuscht feststellen, dass sich der Kneipenstaub so tief in die Rille reingefressen hatte, daß die Abtastspitze des Tonabnehmers keinen Halt fand und in einem einzigen Schwung durch bis zum Mittelloch sauste, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben, außer dem sssssssstt….!! der Nadel war nichts zu hören, Scheißdreck.

Kneipen-Staub konnte ein geübtes Auge natürlich schnell identifizieren, wie paniert sahen die Scheiben aus, was auch der Grund war, warum ausgediente Jukebox-Singles ausschließlich in Folie eingeschweißt verkauft wurden. So war es schlicht unmöglich, die Platte vor Ort zu untersuchen, man musste schon warten, bis man zu Hause war, was den Kauf zusätzlich spannend und abenteuerlich machte. Von solchen Auktionen kehrte ich selten unter 10 neuen (gebrauchten) Singles heim.

Double Barrel, Dave and Ansil Collins, fünfzig Pfennige, KaufHalle Solingen, ging hingegen in Ordnung. Zwar noch aus diesem seltsam harten störrischen Vinyl hergestellt, aber ohne Staub auf der Rille und selten abgespielt, Glück gehabt.

Ein obskures Instrumental war Double Barrel, vom Reggae-Rhythmus und einem hingelächelten Western-Piano getragen. An den Drums, erstmals überhaupt, der legendäre Sly Dunbar. Ein echtes One-Hit-Wunder, unterlegt von peitschenden !Hey!- und Kung Fu-Rufen: I AM THE MAGNIFICENT! Ja natürlich. Ich doch auch.

Zahnarztstory No.1

25. August 2009

Zahnschmerzen, die ganze Woche schon. Manchmal gibt der entzündete Backenzahn zwei, drei Stunden Ruhe, dann geht’s wieder los, ganz plötzlich, als sickerte ein Bündel Reißzwecken durchs Zahnfleisch. Ich zucke bis in die Zehspitzen, der Schweiß bricht mir aus.

„JETZT ISSES SOWEIT!“ taumle ich durch die Wohnung. „JETZT ISSES SOWEIT!“

Dummerweise hat die Gräfin diesen verzweifelten Aufschrei in den letzten Tagen so oft gehört, sie kann es kaum mehr ernst nehmen.

„Geh endlich zum Zahnarzt! Mach überhaupt mal irgendwas!“

Also fresse ich Schmerztabletten, eine Packung Dolomo nach der anderen, obwohl das überhaupt nichts bringt, bei einer Entzündung. Aber irgendwas muss man ja tun.

Freitagvormittag, nach dem Frühstück, („JETZT ISSES SOWEIT! JETZT ISSES SOWEIT!“), ist es soweit. Die Tabletten sind alle. Als obendrein das nächste Bündel Reißzwecke die Backentaschen stürmt, greife ich zum Telefon und ruf bei meinem Erzfeind an, Zahnarzt Doktor Kettenbach.

„Ich brauche einen Termin“, jammre ich. „Ich hab Zahnschmerzen..“

„Na, da schau ich doch erst mal nach, wann wir einen Termin frei haben“, entgegnet die Sprechstundenhilfe. Ihre Stimme klingt nach einundvierzig tadellos geweißten Power-Zähnen. „Nächste Woche Donnerstag kann ich Ihnen anbieten.“

„Nächste Woche? Wie, nächste Woche?! Ich bin ein Notfall!“

„Ein Notfall, so.. Wie ist denn Ihr Name, bitteschön?“

„Glumm.“

Stöhnen am Apparat.

„Herr Glumm, dann kommen Sie vorbei, in Gottes Namen. Aber bringen Sie viel Zeit mit.“

Halb eins. Der Warteraum ist leer. Wieso ist der Warteraum leer? Und kaum hab ich eine Zeitschrift in der Hand, die Bunte, beordert mich der Lautsprecher in Raum 2. Ich lande in Raum 3. Eine stämmige Schwester holt mich da raus.

„Hier lang, junger Mann.“

Doktor Kettenbach, da ist er. Das feudale Energiebündel. Wischt durch seine Praxis wie ein Kittelherr. Er mag mich nicht, ich mag ihn nicht. Allein seine Unterarme, dicht behaart wie im Großhandel, machen mich ganz krank. Als ich ihn vergangenen Sommer wegen der Extraktion eines defekten Zahns konsultierte, musste er mir vier Betäubungsspritzen verpassen, ehe ich Ruhe gab. Ich spreche diese unangenehme Erinnerung sicherheitshalber kurz an, ich meine, wär ja möglich, dass nichts davon vermerkt ist, im Patientenblatt.

„Nun lassen Sie mich mal machen, junger Mann, ich kenne mich schon ein bisschen aus in der Materie, das müssen Sie mir zugestehen“, weist er mich schroff ab. „Und mit einer Spritze muss ich ja schließlich anfangen. Eine nach der anderen.“

Zwischen den Spritzen, es werden insgesamt fünf, wechselt er in den benachbarten Behandlungsraum, wo er mit einer Patientin scherzt, während ich mit taub werdender Backe die Hinrichtung erwarte.

„Oje, oje, der ist hin, der ist hin“, hatte Kettenbach nur gemurmelt, als er zuvor das Röntgen-Foto meiner Ruine betrachtete. „Tja, ich würde sagen, Totalschaden, junger Mann.“

Nach der vierten Spritze verliert er allmählich die Nerven, ich hab längst keine mehr. Da der Zahn immer noch nicht vollends betäubt ist, reicht schon die leiseste Berührung mit der Zange und ich steh schreiend im Stuhl.

„Sie scheinen mir ein wenig übersensibel, junger Mann!“

„Sag ich doch!“

Die fünfte und letzte Spritze setzt er mitten in das Zentrum des erkrankten Nerves.

„Das ist die letzte Möglichkeit“, höre ich ihn durch den Mundschutz schnauben. „Kann natürlich sein, dass die Entzündung bereits so weit fortgeschritten ist, dass keine Anästhesie mehr greift.“

Als Kettenbach erneut die Zange ansetzt und DIESE EINE STELLE berührt, ganz leicht nur, röhrt ein Schmerz durch meinen Kiefer, dass ich glaube, es geht zu Ende mit mir, „MOOOOARRRGGH..!!!“

„Fertig! Aus! Das hat keinen Zweck mit Ihnen!“

Kettenbach wird hektisch. Reißt den Mundschutz ab, knipst die OP-Lampe aus.

„Sofort in die Lukasklinik mit dem Mann! Sollen die entscheiden. Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr!“ weist er die stämmige Sprechstundenhilfe an. „Fertig, aus!“

Den Tränen nahe stehe ich im Behandlungszimmer, während Kettenbach mit dem Rücken zu mir den Bericht abfasst.

„Vielleicht machen die in der Lukas-Klinik eine Schnellanästhesie, keine Ahnung. Sollen die entscheiden. Dafür übernehme ich keine Verantwortung mehr. Fertig. Aus.“

„Kommt das öfter vor?“ frage ich vorsichtig und wische mir mit einem Taschentuch über die blutbesudelte betäubte Fresse. Ein Gefühl, als putze ich einen fremden Gesteinbrocken, der auf meinem Balkon gelandet ist.

„Öfters?“ Kettenbach fährt herum. „Das ist mir noch nie passiert, junger Mann! In den ganzen dreiundzwanzig Jahren nicht, seit ich selbständig bin!“

Als er den Schock in meinen Augen sieht, mildert er seinen Ton, wenn auch nur geringfügig.

„Am einfachsten wär ja, Sie saufen ne Flasche Whisky und dann ruckzuck raus das Ding. Wegen so nem scheiß Zahn. Aber so was kann man ja nur unter Freunden machen..“

Wir sind keine Freunde. Ich würde gern lächeln, und suche den Ausgang.

„Da geht’s raus, junger Mann.“

Die sind so verdächtig mitfühlend plötzlich, der Doktor und seine Assistentinnen, die umherschleichen wie liebes Vieh.

Am Graf-Wilhelm-Platz steige ich in ein Taxi.

„Lukas-Klinik“, murmle ich.

Der Fahrer ist Grieche.

„Direkteinweisung?“ fragt er mit Blick auf den Umschlag in meiner Hand, auf dem mit schwarzem Edding LUKAS-KLINIK geschrieben steht.

Ich nicke. „Fünf Spritzen hab ich gekriegt, hat nichts gebracht. Ist voll entzündet, der Zahn.“

„Kenn ich, kenn ich..“, winkt er ab. „Hab ich auch durchgemacht. Mit so was haben die in der Lukas keine Probleme. Da kriegst du ne Narkose und wenn du wieder zu dir kommst, ist es schon vorbei und du kannst praktisch wieder nach Hause. Das sind Profis. Ist kein Thema für die..“

Während der Fahrt über die Stadtautobahn hören wir Lokalradio. Die beiden Täter, die am Wochenende einen jüdischen Friedhof in Wuppertal geschändet haben, sind gefasst. Der eine ist zwölf, der andere dreizehn.

„Das sind ja noch Blagen“, schimpft der Grieche. „Die brauchen ne richtige Tracht Prügel. Richtig was aufs Maul, so wie wir früher. Was wir alles angestellt haben!“

Ich nicke.

Lukas-Klinik. Auf dem Weg zur Kieferchirurgie eilen mir zwei Schwestern entgegen, die ein Krankenbett über den Flur schieben. Der Patient hat Drähte im Gesicht, im Nasenloch steckt ein blutiger Schlauch. Er stöhnt herzerweichend.

„Ich arme Sau“, seufze ich.

„Nun machen Sie mal die Tür zu, junger Mann.“

Die blonde Frau an der Anmeldung sitzt da wie die Gattin eines Mafiosi, der die Schürfrechte besitzt und zu der man besser freundlich ist. Ich bin nicht in der Lage, freundlich zu sein. Ich seh aus wie Frankenstein.

„Eigentlich ist ja nur bis zwölf Bereitschaftsdienst“, sagt sie. „Na, ich werd mal sehen, was sich machen lässt. Nehmen Sie solange im Wartezimmer Platz. Aber nicht türmen, junger Mann. Es kann was dauern.“

Ich suche ein Münztelefon in der Klinik und ruf zu Hause an. Die Gräfin hat meinen Anruf schon erwartet. Mit der dicken Backe klinge ich verbeult und kläglich.

„Ich bin in Ohligs in der Lukas-Klinik.. Ja.. Genau.. ja. Richtig. Hm? Nee, das nicht. Die müssen mich richtig betäuben.“

Erst kriegt die Gräfin einen Schreck, dann findet sie es komisch, und ich lege auf.

Kaum nehme ich im Warteraum Platz, werde ich schon wieder aufgerufen. „Herr Glumm, in den OP-Raum zwei!“ Schon wieder die zwei. Ist hoffentlich kein schlechtes Omen.

Der diensthabende Zahnarzt ist mir gleich sympathisch. Sein Gesicht ist voller Sommersprossen, ein ganzes Tablett voll. Wie Likörchen. Zur Vertiefung der Anästhesie reicht er mir eine Pille, und gleich im Anschluss zwei Betäubungsspritzen. Macht dann insgesamt sieben. Damit kann ich arbeiten. Er erklärt mir seine Vorgehensweise. Erwähnt was vom wichtigen ph-Wert im Gewebe und so Sachen, ich nicke ihn nur an und denke, du bist ein Profi, nicht wahr? Bist du ein Profi? Sag, dass du ein Profi bist.

SAG ES!!

Eines allerdings leuchtet mir nicht ein. Dass ich keine Narkose bekomme. Schließlich hatte es der Taxifahrer versprochen.

„Wieso krieg ich keine Narkose?“

„Nee, machen wir nicht mehr, wegen einem einzigen Zahn. Zuviel Aufwand. Und hinterher noch ne Stunde im Aufwachraum und solche Geschichten, nee, nee, vorbei. Das machen wir nicht mehr. Ist vorbei. Das kriegen wie auch so hin, keine Angst.“

Keine Angst, der ist gut. Ich bin Angstpatient No.1 Im Gegensatz zum verpimpelten Kettenbach trägt er weder Mundschutz noch Einmalhandschuhe, er hat keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ein Profi, natürlich. Oder aber er hat bereits AIDS. Dann kommt es sowieso nicht mehr drauf an. Für ihn.

Er versucht es erst gar nicht mit der Zange, er setzt gleich das Brecheisen an, und eine Schwester hält meinen Kopf fest. Ein Schlauch steckt in meinem Mundraum und saugt schmatzend den Speichel ab.

„Sie müssen jetzt mal eine halbe Minute tapfer sein. Sehr, sehr tapfer.“

Scheiße.. wie klingt das denn..?? Ich klammere mich an der Armlehne fest. Arbeite mit den Beinen. Strample. Die Schwester ist mein Schraubstock. Ich schreie durch meinen Kopf.

„Toll, wie Sie mitarbeiten. Ganz toll machen Sie das.. Gaanz, gaanz toll..!“

Ich bin sechs Jahre alt, und am Ende. Ruckzuck ist das Ding draußen. Mit einem einzigen, schmerzbekloppten Ruck, dass ich fast in Ohnmacht rutsche.

„Wunderbar! Geschafft!“ höre ich von weit her die Stimme des Arztes. „Der war ganz infiziert, der Zahn. Hier, schauen Sie!“

Ich schaue woanders hin, und sacke in den Stuhl zurück. Alles voller Blut. Mein Kinn, die Nase, das ganze Gesicht. Ich glaub, ich hab während der Extraktion irgendwie den Schlauch aus meinem Mund weggekickt, mit den Füßen. Die Schwester lächelt und stopft so viel Watte in die Wunde, als rolle sie ihren Wintermantel aus. Egal. Geschafft. Die Ruine ist draußen.

Zurück nehme ich den Regionalexpress. Ein Tampon ragt aus meinem Maul wie eine blutige kleine Zigarre. Die Leute im Zug starren mich an. Ich bin die Ruhe selbst. Ich bin glücklich. Erleichtert.

Schwebe heimwärts, Engel.

zahn

Zappa (Glumm verklärt die Popmusik, 2)

21. August 2009

1

Bobby Brown, Zappas einziger Single-Hit, erschien 1980 und strotzte nur so vor Witz und Selbstbewusstsein, aber unsere große Zappa-Zeit war eigentlich schon vorbei. Das war ein paar Jahre zuvor gewesen, als wir uns jeden Abend beim Rüttgers trafen.

Rüttgers war der erste, der seine eigene Bude hatte, nachdem ihn sein  kurzer psychopathischer Vater in einer Nacht-und Nebelaktion, die wir alle miterleben durften, rausgeworfen hatte, die Treppe runter, paar Klamotten hinterher, LASS DICH NIE MEHR HIER BLICKEN! NIE WIEDER, HÖRST DU, DROGENSÜCHTIGES ARSCHLOCH?! MACHST DEINER MUTTER NUR KUMMER! Vierzehn Tage später bezog Rüttgers keine hundert Meter entfernt eine Zwei-Zimmer-Genossenschaftswohnung, die sich schnell zur lokalen Zappa-Zentrale mauserte.

Rüttgers im Tross auf die Bude rücken, aus allen Tüten, Pfeifen und Shilums kiffen und Zappa & The Mothers mitgrölen, zählt zu den schönsten Erinnerungen an 1977, dem Jahr, als wir gemeinsam das Rauchen von Haschisch entdeckten und die RAF in Westberlin irgendwelche Polit-Bonzen entführte, die wir nicht kannten. Nein, bei uns wurden keine Steine geschmissen, bei uns hieß es: SCHMEISS ZAPPA UND DIE MÜTTER DRAUF, RÜTTGERS!!!

Wer jemals nächtelang gemeinsam gekifft und gesungen hat, vergisst das nie wieder, auf alle Ewigkeit bleibt ein rührendes Gefühl von Zuneigung zurück. Man kann nicht gemeinsam singen, wenn man sich nicht liebt, und Jungs mit 17 können bedingungslos lieben, ganz besonders sich selbst und sämtliche Kumpel.

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE,
SO I FOLLOWED UP THE STEPS..
(Camarillo Brillo)

2
Zappa war der rotzfreche Gockel vom Schulhof, der sich über alles lustig machte. Über Mädels, die sich Tonnen von Clerasil ins Gesicht klatschten, weil sie es nicht besser wussten, aber alles glaubten, über schnieke Jungs mit strahlenden amerikanischen Zähnen, über deutsche Sofas, die No. 2 hießen (DENN DU BIST MEIN SOFA), Zappa hatte für jeden ein As im Ärmel.

Er sprach den Siebzigern, diesem schroffsten aller Jahrzehnte, mehr aus dem Herzen als alle Saturday Night Fevers, Punks und Anfänge des Rap zusammen. Zappa war düster und kompliziert und radikal, er war boshaft und eingängig. Und er hasste alles, was mit Plastik zu tun hatte.

Das körnige S/W-Poster, das Seine Haarigkeit Frank Zappa nackt auf dem WC zeigt, klebte in den Siebzigern auf WIRKLICH jedem vierten Scheißhaus,  inklusive Steuerbehörden, Davidswache und Puff in Barcelona. Rekordwert. Bis heute.

Als ich 1978 das erste Mal einen Film der Marx-Brothers sah, war ich irritiert. Der Typ, der da mit Zigarre im Mund, Ziegenbart und Dada-Grinsen auf der Bildfläche erschien, war das nicht Frank Zappa!? Das war Frank Zappa! Was hatte Frank Zappa in einer Komödie aus den 40er Jahren zu suchen?! Fortan und bis zum Ende aller Screwballkomödien waren Frank Zappa und Groucho Marx für mich ein und dieselbe Person, darauf ließ ich nichts kommen.

3
Bei dem hohen THC-Gehalt der heutigen auf Power getrimmten Marihuanasorten hat Kiffen nur noch wenig mit dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten gemein. Obwohl. Moment. Gemütlich ablachen, dass ich nicht lache. War das nicht 1977, als wir einen Afghanen rauchten, der direkt aus dem Fegefeuer zu kommen schien? Der einem die Augen von innen mit Schuhcreme verbrannte? Und war RAUCHT AHMED’S SCHUHE! nicht DAS Graffito, das von 1979 bis 1985 eine Autobahnbrücke in Solingen-Ohligs zierte? Und was war mit dem Pfund Sensemilla, im Schrebergarten von Benzinis Eltern gezüchtet und geerntet und in zwei heißen Septembernächten verbraten, dass wir alle dachten, au, das wird nie wieder, da bleibt was zurück im Kopf?

Es blieb was zurück. Es blieb eine Menge zurück. Ich danke Gott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

4
Gelacht haben wir beim Rüttgers, wie im Leben nie wieder. In seinem kleinen Erdgeschoss-Bude roch es wie im Stall, wenn zwölf Jungs, keine Frau, das Rollo runtergelassen, dicht gedrängt auf dem ochsenblutroten Genossenschaftsholzboden hockten und sich gegenseitig Kopfschüsse aus dem dampfenden Shilum setzten bis zum finalen Lachkollaps, wobei Rüttgers am Plattenspieler den Einpeitscher gab.

Rüttgers war die Nordkurve von Frank Zappa. Rüttgers kannte sämtliche Texte in-und auswendig, und wir folgten ihm. Noch heute wundere ich mich, wie selbstverständlich mir manche Passage ab und zu in den Sinn kommt, etwa von CAMARILLO BRILLO, das ich zum letzten Mal wohl 1982 gehört habe:

SHE SAID HER STEREO
WAS FOUR-WAY..
SO I FOLLOWED UP
THE STEPS..

Rüttgers, ältestes von vier Geschwistern, hatte schon früh einen festen Job als EDV-Fachmann. Er hatte einen energischen Mund, ein lautes herausplatzendes Organ zum Lachen und Singen und dichtes krauses Haar. Als er ein Knirps war, hatte sich ein Topf brodelndes Wasser über seinen Nacken und den Rücken ergossen. Soviel Wasser hatte er abgekriegt, dass die Nachbarskinder ihn fortan Feuerhals riefen.

Die Narben am Hals ließen sich kaum kaschieren, nicht mit diesem Haar, das zu kraus war, sich immer wieder aufschneckte und in die Breite ging statt in die Länge, wo es ihm was gebracht hätte. Zuletzt trug Rüttgers eine Art Afro mit Seitenscheitel, was ich in dieser Form nur ein Mal noch gesehen hab, beim Sänger von Boney M., der gar kein Sänger war, wie sich später herausstellte. Rüttgers aber war Sänger, er war die begnadete europäische Autokino-Stimme von Frank Zappa, wenn der in Amerika im Bett lag, Zigarren paffte und schlief. Obwohl, Zappa schlief nie.

5
Rüttgers hatte ständig Trouble mit den Nachbarn, weil die mal wieder kein Auge zugetan hatten in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, es muss die Hölle gewesen sein. Gelächter, Geschepper, Gegröle, Mütter die ganze Nacht. Und Banane-Martin.

Es war aus einer kleinen Situation heraus entstanden, doch mit der Zeit dickte die Sache mehr und mehr an, wie ein Schneeball, der durch den Pappschnee rollte und mehr und mehr Masse ansetzte bis zuletzt ein riesiger Jux übrigblieb und alle den Lachflash bekamen und sich jeden Abend bepissten vor Vergnügen, dabei war alles, was wir zu sehen bekamen, afghanisches Bauerntheater.

Rüttgers machte irgendwann den Anfang. Zugedröhnt mit schwarzem Afghanen zog er das Brotmesser aus der Besteckschublade und wackelte von hinten auf Banane-Martin zu, der am Tisch saß und sich wimmernd wegduckte, wusste er doch, was auf ihn zukam, was alles nur noch schlimmer machte, denn bekifft konnte Banane-Martin sich nicht wehren, und je näher Rüttgers kam, mit dem langen Messer in der Hand, von hinten, desto schlimmer wimmerte Banane-Martin bis er zuletzt mit den Nerven am Ende vom Stuhl rutschte und den hysterischen Kiffertod starb, während Rüttgers, der Ripper, ungerührt weiter auf Martin einstach, pantomimisch, dabei More trouble every day mitschmetternd, von Zappas Live-Album Roxy and elsewhere, ohne Messer freilich, das war längst abgelegt, während wir Jungs im Dutzend alles und jeden anfeuerten, wir drehten durch, jeden Abend, jede Vorstellung, 12mal Bauerntheater Afghanistan, bitte.

5
Auf dem Live-Album Fillmore East, The Mothers, 1971 gibt es ein Stück namens The Mud Shark, eine Mischung aus Hollywood-Erzählung und Rockmusik, es geht es um ein Motel voll wilder Groupies. They will only have sex with a guy in a group with a big hit-single in the charts – with a bullet! steigert sich der Erzähler, von einer lässigen kleinen Strassen-Melodie getrieben, zur Wahrheit: And the dick – that’s a monster!! Was 12 pubertierende, bis zum Kragen mit Pot gesegnete Jungs voller Elan mitbrüllten.

Wenn wir Do you like my new car? vom selben Album hörten, saßen wir inmitten einer Las Vegas Show und lauschten dem Dialog zweier Männer, die sich mit den schneidigsten Stimmen der Rockgeschichte ein Wortgefecht liefern, eine Art Talking Blues. Es geht um ein futuristisches neues Auto namens Fillmore und um schwangere Citroens und feuchte Manhattan-Schlitze, alles endet im totalen Chaos bevor die Band es sich anders überlegt und eine gewaltige Live-Version des alten Turtles-Hits So happy together spielt.

Nach dem Hören von Fillmore East waren wir regelmäßig so im Eimer, als hätten wir einen Porno-Zehnkampf hingelegt und schleppten uns beim abschließenden 1500-Münzen-Einwerfen ausgepumpt über die Ziellinie.

6
Überm Rüttgers wohnte Holbein, ein undurchschaubarer, bleicher Bursche, der versuchte LSD in Heimarbeit herzustellen. Sein Gesicht war aschfahl, bis auf die Bäckchen, die glühten wie Abendrot, fast wie auf dem Etikett von Rotkäppchen, einem Vitamintrunk, der damals in keinem Kinderzimmer fehlen durfte. Aber beim Rüttgers saß das Rotbäckchen leibhaftig unter uns und bekiffte sich so heftig, dass wir es die Treppe hochtragen mussten, mitten in der Nacht. Das machte den Unterschied.

Kiffen war eigentlich nicht sein Ding. Holbein hatte keinerlei Kontakt zur Szene. Und auch an uns war er nur zufällig geraten, weil er schon eine Weile in dem Haus wohnte, als Rüttgers einzog. Er studierte angeblich Chemie in Bonn, aber man sah ihn nie zu Vorlesungen fahren. Wir wussten nicht, was er da oben trieb in seiner Wohnung, außer dass es sich um schräge Experimente handeln sollte. Auch von Rüttgers, sonst doch so leutselig, erfuhren wir in dieser Hinsicht wenig. Einmal hörten wir ihn im Treppenhaus lauthals schimpfen, DU JAGST UNS ALLE NOCH IN DIE LUFT!, worauf der bleichgesichtige Holbein seinen glänzenden Gestapo-Mantel zuknöpfte, den Gürtel festzurrte und beleidigt abmarschierte.

Dass es wirklich um LSD ging, erfuhren wir erst viel später, da war schon fast alles vorbei. Holbein hatte sich auf dem Speicher eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, weil Derivate unter Lichteinwirkung verfielen, wie er mir und Pepe in einer vertraulichen Stunde anvertraute. Holbein, sonst so gehemmt, blühte richtig auf, als er von Massenformeln, Molekülen und Problemen bei der Vakuum-Herstellung sprach, und Pepe und ich glotzten ihn an, wir kapierten kein Wort.

Holbein war ein LSD-Soldat, eine seltene Pflanze mit bleichem Fruchstand. Weil er trotz mühsamer Recherche nicht an Mutterkorn herankam, unerläßlich für die Herstellung von LSD, versuchte er über uns an eine Alternative zu gelangen, den Samen einer Pflanze namens Morning Glory. Das klappte aber nicht. Es gab zwar Schieber, die mit LSD dealten, aber von Einzelheiten bei der Herstellung hatte keiner einen blassen Schimmer, geschweigedenn hatte je einer von Morning Glory gehört.

Na ja, bis auf Betty aus Remscheid. Die meinte, Morning Glory kenn ich, ist ne Teesorte, kann ich klarmachen, ein Früchtetee, wieviel? ein Karton? Doch als wir Holbein davon erzählten, fing er vor Wut an zu schnauben und zu zittern und stieß gepresst hervor, muss das LSD dann fünf Minuten ziehen, oder was!?

Ich weiß nicht, was aus Holbein geworden ist, das Haus, in dem er und Rüttgers und ein Haufen Zappaplatten wohnten, wurde 1978 abgerissen. Holbein verschwand irgendwo auf der Rheinschiene und wurde nie wieder gesehen, Rüttgers zog in die Nordstadt.

Auch da trafen sich zum Zappahören noch mal die Cracks, Pepe, der alte Benzini, die Hansen-Brüder, Banane-Martin, Karlos und der Mitsubishi Boy und andere, doch es war nicht mehr das gleiche. Es war anders geworden. Die 80er Jahre brachen an. Bobby Brown war fällig.

Bobby Brown Video, mit dtsch. Übersetzung

Roxy Music (Glumm verklärt die Popmusik, 1)

13. August 2009

Was es heißt, ganze Nachmittage dem Radio zu opfern, den Finger an der Aufnahmetaste des Kassettendecks, bis endlich der Song kam, auf den man seit Beginn der großen Ferien wartete, Roxy Music, Virginia Plane, (WHAT’S HER NAME?), davon haben die wahllos konsumierenden, sich ins Koma saufenden Kids von heute, gewohnt in Sekundenschnelle ganze Alben aus dem Internet herunterzusaufen, keinen blassen Schimmer – woher auch.

Und wenn das Stück tatsächlich angespielt wurde und das Herz schon einen Sprung tat, quasselte einem der Discjockey ins Intro rein: Staumeldungen von der A3, Grußworte an Heidi aus Hannover, Kutte wird 13, und man konnte nichts dagegen tun, rein gar nichts, nur aufnehmen, das Band füttern, Fäuste ballen und beten, der Idiot möge bald die Fresse halten.

Ärgerlich war es auch, wenn der Song zur Hälfte schon im Kasten war, und plötzlich, Nachrichten! Kein sanftes Rausschleichen, kein Abblenden, einfach CUT! und – raus.
„17 Uhr, die Nachrichten auf WDR2. Bonn.“
Dermaßen abgewürgte Blockbuster hießen bei uns geile Krüppel auf CrO2.

Das Gequassel ließ sich ja nicht ausmerzen im Nachhinein. Man konnte nicht mit Voice-Ex drübergehen, es gab keine spezielle Löschfunktion für Worte, man musste es nehmen, wie es kam.

Aber es war ja so: wenn man die Kassette nur oft genug gehört hatte, gingen das Gequassel des DJ’s und das Intro des Songs irgendwann eine Verbindung ein, verschmolzen miteinander, als wären sie füreinander bestimmt gewesen. Das ging soweit, dass ich das Gefasel regelrecht vermisste, wenn ich Virginia Plane mal woanders hörte, in der Disco, bei Freunden im Auto. Dann sehnte ich den gewohnten “zäh fließenden Verkehr auf der A3 in Fahrtrichtung Köln” geradezu herbei.

Noch heute geistert der BFBS-Moderator durch meinen Kopf, der eine Nummer von Womack & Womack, die im Hintergrund anlief, mit folgenden Worten einleitete: „Ain’t it strange and funny„, philosophierte er gut aufgelegt, „how time slips away when you’re enjoying yourselves..

Jawohl, Sir.

Und heute? Kauft man für 29,90 eine Software, die aus über 3500 Web-Radiosendern automatisch die gewünschten Songs herausfischt und mitschneidet. Reinquasselnde DJ’s kann die Software allerdings auch nicht verhindern. Und Voice-Ex, nee, gibt’s immer noch nicht, drauf geschissen. Ich lach mich tot ins Koma, wie früher am Wochenende. Was haben wir uns früher schön ins Koma gesoffen. Und, hat es uns etwa geschadet? dem Schädel? geschädelt?

Nein. Es hat sich nichts geändert. Schön, die Nachmittage, die man früher am Radio absitzen musste, gehören einem mittlerweile. Aber es gibt ja eh keine großen Ferien mehr.

Nur noch Urlaub.