Madam Pompadour

Ich hatte dieses merkwürdige Stechen im linken Ohr, als sägte jemand vorsichtig und mit spitzen Fingern an den Gehörknöchelchen. Es war kein Geräusch, kein Tinnitus, mit dem ich auch schon Bekanntschaft gemacht hatte, sondern ein Schmerz.. Manchmal spürte ich auch tagelang gar nichts, und so dauerte es fast zwei Monate, bis ich mich endlich aufraffte und Madam Pompadour aufsuchte.

Madam Pompadour, platinblonde Fachärztin für Hals,-Nase,-Ohren, war Polin und hieß eigentlich Pompokowsky, aber Pompadour klang stimmiger. Der alte HNO-Doktor mit den roten Patschehändchen, zu dem ich sonst gegangen war, hatte den Beruf aufgeben müssen, wegen einem Nervenleiden und schwerem Tinnitus. (Ist wahr.)

Montagmorgen, acht Uhr. Wie üblich nach dem Wochenende, an dem sich die halbe Republik mal wieder gegenseitig im Hals gestanden bzw. in den Ohren gelegen hatte, platzte Madam Pompadours Warteraum aus allen Nähten. Nasenkranke mussten in den Gang ausweichen, andere hockten in schlecht belüfteten Durchgängen. Es müffelte.

“Waren Sie schon mal bei uns, Herr Glumm?”

“Weihnachten letztes Jahr.. nee, Moment. Ist schon länger her.”

Zungenwurzelentzündung. Ich bekam zehn Tage Penicillin, dann war der Fisch abgeschwollen.

Die freundliche Thekenkraft blickte auf den Bildschirm. Das Telefon klingelte, Schwestern wuselten durchs Bild, jemand stöhnte. Das war ich – in meinem linken Ohr war plötzlich der Teufel los. Ein Schmerz, so stechend, als drehe sich im Innenohr eine ungekochte Spiral-Nudel um die eigene Achse. Meine linke Seite war gestört. Die künstlerische Seite. Voll einen an der Klatsche.

“Richtig.. hier haben wir Sie schon, Herr Glumm. Gut. Haben Sie etwas Zeit mitgebracht?”

“Na ja, ich hätte da noch was zu erledigen”, sagte ich, obwohl ich nichts zu erledigen hatte. “Ich mein, es ist so voll, ich könnte doch später wiederkommen.”

Lieber eine Weile draußen durch den Schneeregen laufen, dachte ich, doch das schien bei Madam Pompadour keine gängige Praxis zu sein. Wer ohne Termin da war, musste dableiben und sich anstellen. Hinsetzen ging ja nicht. War ja alles besetzt. Brechend voll.

“Na schön”, murmelte die Schwester, “ausnahmsweise. Kommen Sie in einer dreiviertel Stunde wieder.. Aber bitte pünktlich!”

Stunde später. Als ich den Warteraum betrat, war genau ein Schalensitz frei, hinten bei den Spielsachen, wo ein kleines wildes Mädchen Kampfschaf spielte, das Gesicht im leeren Omo-Eimer. Kaum hatte ich mein Notizbuch, den Kugelschreiber, den Ersatzkugelschreiber, meinen Tabak und den neuen SPIEGEL, den ich mir gekauft hatte, um mir die Zeit zu vertreiben, aus der Jacke gezogen, wurde ich aufgerufen und durfte den ganzen Mist gleich wieder einsammeln, vom Omo-Eimer beäugt.

“Nehmen Sie schon mal im Gang Platz, Herr Glumm”, bat die Schwester.

Die Atmosphäre war überraschend relaxed, die Leute hatten die Ruhe weg, obwohl es doch Montag war und die ganze Scheiße von vorne losging. Es schien, als hätten sich die Leute daran gewöhnt im Gang zu sitzen, zwanzig Minuten zu lesen und andere Wartende beim Warten zu beobachten.

Da war etwa die Frau auf Schlappen, die nur für fünf Minuten aus dem Haus gegangen war und sich plötzlich, so erzählte sie, in einer ambulanten Hals,- Nasen,- Ohren-Klinik wiederfand. Neben ihr ein verheiratetes Paar. Er trug einen fleischfarbenem Spionage-Bart, vom Hals kaum zu unterscheiden und so akkurat geschnitten, als folgte er einer geheimen DIN-Richtlinie der untergegangenen DDR. Sein Weib redete auf ihn ein, er ließ sie reden. Ließ sie auflaufen. Alte Kaderschule. Als wäre sein Körper mit Beton ausgegossen, keinerlei Reaktion.

“Herr Glumm, geradeaus durch ins Chefzimmer bitte.”

Madam Pompadour, ganz in weiß, saß auf ihrem Hocker, in sich versunken. Drehte sich wie in Zeitlupe um, als ich Platz nahm. Kein Händeschütteln, kein Guten Tag – es ging sofort zur Sache.

“Was haben wir denn Hübsches?”

Ich erklärte ihr die Beschwerden.

“Mein linkes Ohr schmerzt. Ist wahrscheinlich entzündet.”

Madam Pompadour, die ohne Akzent Deutsch sprach, sah nicht die Bohne polnisch aus. Höchstens insofern, als dass sich ihre Mutter in einer übermütigen Silvesternacht vor vierzig Jahren vielleicht von einem Polen hatte bumsen lassen, der kurz vorm Kommen sein Ding herauszog und das ganze Auto bekleckerte. Und dessen Freudentröpfchen punktgenau gelandet war und nun, Jahrzehnte später und voll entwickelt, vor mir saß, in all seiner Pracht und Ärzte-Kittel.

Madam Pompadour hatte eine verdammt große Klappe.

“Mannomann, wie die Asozialen!”

Sie schloss die Fenster, eins nach dem anderen, um sich das Gejohle und Getröte der Abiturienten, die das Ende ihrer Schulzeit feierten und auf Traktoren durch die Straßen ritten, nicht mitanhören zu müssen.

“Ach na ja”, sagte ich zur Verteidigung der jungen Menschen, “die haben ihr Abi gemacht. Die wollen feiern. Ist doch okay. Oder nicht.”

“Ja schon, aber kann man das nicht leiser feiern?! Muss das immer gleich so asozial sein und ausarten?” Sie brachte den Behandlungsstuhl in Position und kehrte innerlich zu ihrem Job zurück, das Spährohr in der Hand.

“So. Welches Ohr?”

“Links”, sagte ich.

“Oh, na! Grundgütiger..! Da ist Ohrenschmalz drin.. Himmel!”

Ich seufzte. “Schon wieder?”

“Was heißt schon wieder?”

“Na, da ist schon mal durchgespült worden. 1989. Glaub ich.”

“1989, ach so. Das sind ja erst zwanzig Jahre”, spöttelte sie. “Mein Freund, da müssen wir erst mal durchspülen, bevor ich richtig sehen kann, was da los ist. Ob vielleicht eine Entzündung vorliegt. Im Moment sehe ich nur einen Riesenberg Schmalz.”

Sie zog eine Gummispritze mit einer Lösung auf, und presste eine kühle Kunststoffschale direkt unters linkes Ohr.

“Schön festhalten, damit nichts daneben läuft.”

Das Wasser schoss warm in mein Ohr, ein Zutscheln und Schlürfen wie beim Zahnarzt, wenn Speichel und Blut abgesaugt wird.

“He! Stillhalten! Sonst dauert es noch länger!”

Sie wiederholte die Prozedur auf der rechten Seite.

“Hier, schauen Sie”, sagte sie, und zeigte mir das Ergebnis ihrer Bemühungen in der Petrischale. Ich guckte rasch woanders hin. Da war auch schön.

“Sie sollten alle sechs Monate zum Spülen kommen, nicht alle zwanzig Jahre. Bei Ihrer Überproduktion an Schmalz. Wenn bei der Haarwäsche Shampoo ins Ohr läuft und sich mit dem Sekret verklumpt, da kommen solche Geschichten heraus.”

Aber sie war ja noch gar nicht zufrieden mit meinem linken Ohr, selbst nach der zweiten und dritten Spülung nicht. Im Gegenteil. Madam verzweifelte langsam.

“Das ist so verklebt da drin, das müssen wir erstmal aufweichen. Wir versuchen es mit speziellen Tropfen, die den Ohrschmalz auflösen.. wenn’s gut geht. Dazu müssen Sie aber zwanzig Minuten ruhig auf die Seite liegen.” Sie schaute mich fragend an und wiederholte: “Zwanzig Minuten. Schaffen Sie das?”

Sah ich so aus, als könnte ich keine zwanzig Minuten ruhig herumliegen!?

“Na schön. Kommen Sie mit.”

Ich folgte ihr in die benachbarten Behandlungsräume, wo Patienten in ganzen Grüppchen akupunktiert wurden.

“Bitte rechtsrum auf die Liege”, befahl Madam Pompadour. Die Liege, mit einer speziellen Ein-Mal-Folie bezogen, verknuddelte und rutschte weg und hing schon auf dem Boden, bevor ich überhaupt aufgestiegen war. Sie träufelte die Emulsion ins Ohr, kaum mehr als ein paar Tröpfchen.

“Zwanzig Minuten schön liegen bleiben, dann bin ich zurück”, ordnete sie an, im gleichen Tonfall übrigens, mit dem ich zum Hund sprach, bevor ich das Haus verließ und sechsundzwanzig Stunden später stockbesoffen heimkehrte.

Stabile Seitenlage. Zu meiner Rechten lauter akupunktierte Existenzen. Wie der Fettleibige da. Sein haarloser Schädel, über und über mit Nadeln bepflanzt, wie Wimpel über der Einkaufszone. Still und regungslos sitzt er da, ein sedierter übergewichtiger Herr, der sich wahrscheinlich warme Mahlzeiten zufächelte wie andere Leute Luft an heißen Sommertagen.

Weil mir fad wurde und um auf mich aufmerksam zu machen, schabte ich mit meinen Fußknöcheln übers  die Liege, die Folie knisterte. Ich suchte den Kontakt von Patient zu Patient, doch man nahm mich nicht wahr. Niemand nahm mich wahr. Nach einer halben Stunde hatte ich die Nase voll. Ich versuchte mich bei einer der Schwestern bemerkbar zu machen, die ab und zu nach mir schauten und schnell wieder weg waren.

“He!” rief ich exakt in dem Moment, als Madam Pompadour über den Gang eilte.

“Ja”, stöhnte sie, “ich komme gleich.”

Wenig später, Chefzimmer. M. Pompadour setzte zur vierten Spülung an. Ich fühlte mich wie ein verstopftes WC, während Frau Klempnerin, ganz in weiß, schwer mit dem Pümpel zugange war, ZUUUTSCH! SCHLÜRF!

“Geschafft!”

Alle Brocken aus dem Hinterhalt: geholt. Von einer Entzündung: nichts zu sehen.

“Ja aber, kann das denn sein?” fragte ich. “Dass man Ohrweh kriegt von zu viel Ohrschmalz?”

“Natürlich. Wenn das so verklebt ist wie bei Ihnen, Herr Glumm, werden die Nerven in Mitleidenschaft gezogen. Das kann sein. Klar.”

Paar Tage später war der Schmerz wieder da. Von wegen, zu viel Schmalz. Ich machte einen neuen Termin bei Madam P., ging aber nicht hin. Die Gräfin hatte einen anderen Verdacht.

“Du sitzt so oft bei offenem Fenster am Schreibtisch, du hast dir bestimmt Zug geholt. Davon sind die Ohrenschmerzen.”

“Blödsinn. Mach ich doch seit Jahren so, bei offenem Fenster am Schreibtisch sitzen. Hat mir noch doch noch nie geschadet.”

“Lass einfach mal das Fenster zu, sitz einfach mal nicht im Durchzug. Mal sehen, was passiert. Kann ja nicht schaden.”

Es schadete nicht, stimmt. Und nicht nur das. Die Schmerzen im Ohr wurden weniger, und waren bald ganz weg.

“Das gibt’s doch gar nicht”, sagte ich. “Mann, da hätte ich auch selbst draufkommen können.”

“Nee, du nicht”, sagte sie.

Ach so. Ja klar.

 

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Eine Antwort zu „Madam Pompadour“

  1. Vau sagt:

    Prima Story!

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