Ich war im Westen der Stadt, irgendwo am Weyer. Um die Ecke war ein Park. Stiehl’s Teich. Zwei Gärtner überholten mich auf ihren Elektrokarren. Hallo, sagte ich. Hallo, antworteten die Gärtner und stoppten ein paar Meter vor mir. Sie machten Pause auf ihrem Karren, mit von Nässe und Kälte steifen Arbeitshandschuhen.
„Wie heißen die Dinger?“ fragte ich einen der Gärtner.
Er hatte eine Halbglatze. “Welche Dinger?”
Ich zeigte auf seine Maschine. Er zuckte mit der Schulter.
“Karren?” sagte er. Sie lachten. Ich ging weiter.
Ich hatte den Teich fast erreicht, da hörte ich den Elektrokarren hinter mir. Als er mich erreichte, stoppte er und die beiden Gärtner sprangen herunter.
“Wollen Sie so ein Ding nachbauen?” fragte der Halbglatz eifrig. Sein Kompagnon holte einen Spaten vom Anhänger und begann, Mutterboden zu schaufeln.
“Was.. ? Na ja.”
“Maschinengespann”, sagte er. “Firma Polder.”
Ich antwortete nicht.
“Wollen Sie so ein Ding nachbauen?”
Ich ging weiter, umrundete den Teich, bis mir warm wurde. Auf dem Rasen kickten zwei Jungs. Ich setzte mich auf die Bank und zündete mir eine Camel ohne an. Einer der beiden Jungs stand abwechselnd im Tor, der andere schoß drauf. Der Kleine war talentiert, hatte Witz im Fuß, der Ältere machte einen Riesenanlauf für einen harmlosen pomadigen Roller, der im Gebüsch verendete. Der Kleine gab sich loyal und zerrte die Pille aus dem Dickicht. Lass doch liegen, dachte ich. Lass den großen Blödmann sich schmutzig machen.
Unterwegs kaufte ich Brötchen, Brombeermarmelade und einen Topf Fleischsalat. Ich ließ sämtliche Bushaltestellen aus. Die kühle Luft tat gut. Zwei Stunden später war ich endlich zu Hause.
Ich hatte den ersten Kaffee gerade auf, da ging das Telefon.
“Hier ist Manu, hallo mein Freund. Wie isses? Stabil?”
“Ja, gut..”
“Erinnerst du dich?”
“Na ja sicher”, sagte ich.
Manu war in der Szene nur als der Schuss bekannt. Ihr verlebtes Gesicht, Make up zwecklos, verlieh ihr etwas Verruchtes, sie hatte langes blondes Haar und eine Bombenfigur. Sie konnte kiffen und saufen wie ein Kerl.
“Was machst du gerade?”
“Frühstücken”, sagte ich. “Bin eben erst nach Hause gekommen.”
“Das trifft sich prima. Kannst du gleich wieder abhauen und einen Frühschoppen dranhängen. Wir sitzen hier mit ein paar Leuten, Bier ist noch genug da und ne Gulaschsuppe köchelt auf dem Herd. Keine Lust?”
“Also.. warum nicht.”
“Kannst auch Leute mitbringen, wenn du Lust hast, kein Thema. Und wenn du venezianisch frühstücken willst, mit Weißwein und rotem Campari, auch kein Thema.”
Sie nannte die Bushaltestelle, wo ich in Ohligs aussteigen musste, und erklärte mir den restlichen Fußweg.
“Hätte ich das gewusst, wär ich gar nicht erst nach Hause gefahren”, sagte ich. “Ich komm eben aus Ohligs. Hätte ich direkt dableiben können.”
Kennengelernt hatte ich Manu, den Schuss, auf der Party von Leon an Heiligabend, als ich ihr im besoffenen Kopf die Ohren vollsabbelte, dass ich zwar ein Mädel für die Nacht suchte, aber nicht zum Ficken. Sie war entsetzt.
“Wie, nicht zum Ficken? Wofür dann?”
“Damit ich nicht allein bin. Ich kann nicht allein sein, wenn niemand da ist.”
Das war einer meiner Lieblingssätze, ich glaube, er stammte vom Mitsubishi Boy. Nicht allein sein können, wenn niemand da ist. Von so was konnte ich den Hals nicht vollkriegen. Ein Satz, auf den ersten Blick banal, doch wenn man darüber nachdachte, stimmte er hundertprozenzig. Ihr hingegen wollte es nicht in den Kopf.
“Glaubst du, ich will dich auffressen, oder was?”
Sie war mit zu mir gekommen, hatte mir zwei Mal einen runtergeholt, ich ihr zweimal einen geblasen. Am nächsten Morgen steckte ich ihn rein. Danach, es war eine dünne Schicht Neuschnee gefallen, machte sie sich in dünnen schwarzen Strümpfen und knappem Leder-Rock und auf Stöckelschuhen vom Acker, nicht ohne Frohe Weihnachten zu wünschen. Ein nettes Mädel. Geradeaus, ohne großes Vertun.
Ich legte auf und glotzte in den Garten. Dicke Regentropfen hingen aufgereiht an der Wäscheleine. In der ersten Etage rief Frau Fischer nach ihrem Liebhaber.
“MAMMFREEED!”
Ich hörte ein schnelles Rumpeln, von einem Zimmer ins andere, dann war Stille. Ich löffelte den Rest Fleischsalat aus dem Plastiktöpfchen, nahm noch ein Brötchen auf die Faust und machte mich auf die Socken.
Erst mal in die Stadt, ins Mumms. Das Bier lief mühsam. Ich schüttete zwei Beaujelais drüber. Posse saß auf seinem Stammhocker am Tresen, wenn man rein kam, links, und meinte, dass viele Alkoholiker Gelbsucht bekämen nicht vom Trinken, sondern vom Ekel vor den ersten paar Gläsern am Tag.
“Ist wahr?”
“Keine Ahnung. Ja sicher.”
Possehl war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er nie einem Job nachging, hatte er immer Geld auf der Tasche und kleidete sich wie ein Businessmann, der Popcorn-Maschinen verlieh oder bunte Partyzelte. Vom vielen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse angeschlagen, und weil nun jedes Schnäpschen ein Schnäpschen zuviel sein konnte, ließ er den Schnaps aus dem Bauch und soff konsequent Sekt, dem er zuvor durch ständiges Rühren den Sprudel entzog, zur Plirre machte, wie er es nannte. “Alles Plirre.” Dafür hatte er seinen eigenen speziellen Rührlöffel, extralang und in feines Anstecktuch gewickelt.
“Komm, trink ne Plirre mit”, forderte er mich auf.
Um die Uhrzeit Sekt, da war ich schnell hinüber.
“Ich will noch ein bißchen leben.. heute.”
“Heute?” echote er. “Muß das unbedingt heute sein?”
“Nee, nicht unbedingt.”
Er lachte.
“Na bitte.”
Posse war voller Marotten und Tics. Er musste ständig Dinge berühren, anfassen. Man ging mit ihm durch die Stadt, runter zur Chinesischen Mauer, was essen, und Posse blieb alle paar Meter stehen und spürte mit den Fingerspitzen der Hauswand entlang. Ganz leicht nur, wie eine Spinne, mit einem seligen Lächeln im Gesicht, als lausche er einer Arie. Liebe braucht keine Beweise, behauptete er gerne, nur einen Fingerabdruck
Posse war schwul, aber auf eine solch unschwule Weise, dass kaum jemand davon wußte. Schwulsein war ihm unangenehm.
“Aber was soll ich machen? Ich würde sogar das Saufen an den Nagel hängen, Hauptsache, ich wär nicht schwul.”
“Ist wahr?”
“Keine Ahnung. Ja sicher.”
“Blödsinn”, sagte ich. “Kann doch kein Mensch dafür, was ihn antörnt.”
“Ja.. trotzdem.”
Weil er seine eigene Sexualität nicht sonderlich und keiner Arbeit nachging, aber immer Kohle hatte, (woher auch immer), verschrieb er sich ganz dem exzessiven Trinken. Alles in seinem Tagesablauf war dem Trinken untergeordnet, drumherum organisiert. Selbst der Vorgang des Trinkens an sich war auf soldatische Art ritualisiert. Blitzschnell zog er das Glas vom Tresen, (fast so schnell wie ein Zauberer die Tischdecke unterm Geschirr wegzieht), setzte es an den Hals, wobei der glasführende Arm kantig wie ein Billard-Dreieck in der Luft stand, und zack, runter damit. Bloß kein langes Federlesen.
Sein größter Traum: “JETZT MÜSSTE ES EINEN KNALL GEBEN – UND ICH BIN VOLL!”
Es sollte zehntausend Mal in Erfüllung gehen.
Weil Posse nichts besseres vor hatte, kam er mit nach Ohligs. Die Party lief seit zwei Tagen, wie wir als erstes erfuhren, als wir per Taxi einliefen, im Reihenhaus in Ohligs. Ohligs war fast schon Düsseldorf. Ich mochte Düsseldorf.
“Meine Eltern sind verreist”, begrüßte uns Manu, der Schuß. Sie trug Mini. Ihre Beine waren immer noch der Knaller, obwohl sie seit zwei Tagen darauf unterwegs war. Sonst war nicht viel los. Von wegen Party. Keine zehn Leutchen waren übrig geblieben, aufgeputscht von zu wenig Schlaf und endloser Bongkifferei, darunter drei Kölner, die gut aufeinander eingespielt um den Tisch herum saßen und einen Joint nach dem anderen bauten. Sie stimmten ein Lied an, einen Kanon. “Die Arbeit ist kein Frosch”, sangen sie, “sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft uns nicht davon..!” Dabei schlugen sie sich auf die Schenkel und klatschten sich ab. Possehl starrte zu mir herüber: wohin zum Teufel hast du mich verschleppt? Ich will nach Hause, an den Tresen. Links, wenn man reinkommt. Zu meiner Plirre.
Leon, seit Weihnachten im Dauerrausch, kam rüber und entschuldigte sich, dass er das Burgfräulein und mich aus dem Ehebett seiner Eltern geschmissen hatte, auf seiner Heiligabendparty. “Ganz übler Fauxpas!” krähte Leon. Leise sprechen war noch nie sein Ding gewesen. “Ich störe sonst NIE bei der Liebe, NIEMALS, aber ich war so besoffen, ich hatte voll einen an der Klatsche!”
“Schon in Ordnung”, sagte ich.
Die Kölner mit ihrer aufgesetzten rheinischen Fröhlichkeit gingen mir auf den Sack. Ich mochte Kölner nicht besonders. Kölner meinten immer, Köln sei die lockerste Stadt im Universum. Dabei waren Kölner meist nur aufdringlich und plapperten. Die Arbeit ist kein Frosch, sangen sie wieder und der Joint kreiste, sie hüpft uns nicht davon. Posse verdrehte die Augen.
“Obwohl der Text ist gut”, meinte er.
“Eines Tages mach ich es wie du”, sagte ich, woanders mit den Gedanken.
“Wie ich? Was meinst du?”
“Ich kauf mir Businesschuhe und ein schönes Sakko, und jedes Mal, wenn ich in die Tasche greife, ist da Geld drin. Wo gibt’s so ein Sakko?”
Weil das Faßbier alle war und sonst nur süßes Gesöff rumstand, hielt ich mich an Flaschenbier und versuchte mein Level zu erreichen. Es war die reinste Plackerei. Alle saßen blöde rum. Warum hatte der Schuß überhaupt angerufen? Sie war in ein Gespräch mit Leon vertieft, doch als Posse meinte, er rufe sich jetzt ein Taxi, er habe die Nase voll, und ich sofort sagte, “ich fahr mit!”, war sie ganz schnell bei mir und packte mich am Ärmel.
“Wo willst du hin? Warum bleibst du nicht?” funkelte sie mich böse an.
“Ich komm wieder”, sagte ich. “Ich muss auf einen Sprung weg, nur was erledigen.”
Blödsinn. Aber ich versprach, wieder zu kommen.
Wir fuhren ins Mumms. Ich verlor mich zwischen den Gesichtern, zu denen ich keinen Draht hatte, von meinen Leuten war niemand da. Kein Karlos, kein Schnaat, kein Mitsubishi Boy, kein Harry, nicht mal der dicke Hansen. Ich trank die paar Bier, die noch reinpassten und ging rüber in den Stahlhof.
Der Stahlhof war eine harte Trinkerkneipe. Ich hatte mal mitten in der Nacht am Stadtrand ein besetztes Taxi angehalten und gefragt, ob ich mitfahren könne.
“Sicher, Jungchen”, lallte die Alte auf dem Beifahrersitz, stockbesoffen.
Auf der Fahrt, ich saß hinten, konnte ich die Augen nicht von ihren knochigen faltigen Händen lassen. Es war sexy, sexy und brutal. Die Adern traten hervor wie blauen Schlangen, die aus dem Körbchen tanzten.
“Wo kommt die Alte her?” fragte ich den Fahrer, nachdem er sie rausgelassen hatte.
“Die hängt immer im Stahlhof rum”, antwortete er, “die ist jeden Abend so blau.”
Stahlhof also, Montagnacht. Nichts los. Nur die Kellnerin hinterm Tresen machte was her, eine mittelprächtige Blondine, Pumphose, hohe schwarze Reiterstiefel, sehr resolut. Ein Bier kriegte ich gerade noch runter, dann setzte ich mich ins erstbeste Taxi und ließ mich nach Ohligs zum Schuss kutschieren, obwohl mit schwante, dass der vermutlich längst nach hinten losgegangen war.
So war es denn auch. Manu, der Schuss, lag betrunken im Bett, doch als sie mich im Türrahmen stehen sah, war sie sofort munter.
“He, damit hab ich nicht mehr gerechnet..”
Ich legte mich zu ihr, wir knutschten was rum und standen dann auf.
“Da ist noch was Bier drin im Fass”, sagte sie. “Lass uns noch was trinken.”
“Ich denk, das Fass wär leer.”
“Fürn paar Bier reichts noch.”
Wir gingen rüber ins Wohnzimmer. Die drei Kölner hingen abgeschlafft vor der Glotze. Der Rest der Party war eingepennt. Endlich lief es bei mir. Jetzt machte Trinken Spaß. Es war ein schmaler Grat, zwischen dem zwanzigsten und dem dreiundzwanzigsten Bier. Aber für die drei Bier lohnte es sich. Ich war charmant und überbot mich in schrägen Wortspielereien.
“Mir gefällt nicht, was du schreibst”, unterbrach mich der Schuss.
“Mir auch nicht”, sagte ich. “Hast du überhaupt schon mal was gelesen von mir?”
“Klar. Bei dir auf der Schreibmaschine. Als du geschlafen hast.”
“Ist wahr?”
“Ja, glaubst du, ich erzähl dir einen. Willst du den harten Macker geben, wenn du schreibst?”
“Mh. Warum? Liest sich das so?”
“Was ich gelesen hab, schon.”
Wir landeten eine Etage tiefer im Bett. Mal wieder war es das Ehebett der verreisten Eltern. Diesmal zu dritt. Während ich nämlich mit dem Schuss zugange war, schnarchte zur Linken ihre Busenfreundin, die in meiner Abwesenheit gekommen war und sich sofort ins Bett verzogen hatte. Ich kannte sie nur vom Sehen. Ein hübsches kleines Ding, selbstverliebt, aber im Kern unsicher, eine vertrackte Mischung. Eine Weile machte ich extralaut mit Manu rum, damit ihre Freundin aufwachte und uns zusah, eine Vorstellung, die mich mächtig antörnte, doch was ich auch versuchte, sie wachte nicht auf. Ich bearbeitete den Kitzler vom Schuss nach ihren Instruktionen mit der Zunge, sie kam heftig und sprudelte wie ein kleiner Zimmerspringbrunnen.
“Schlaf mit mir”, forderte sie mich auf.
“Nee, ich bin zu voll”
Sie nahm meine Eier in die Hand, spielte damit, sie versuchte mir einen runterzuholen.
“Mach dir keinen Stress”, meinte sie, aber schließlich lohnte sich die Ackerei, ich spritzte in den Dienstag rein.
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Tags: Glumm
22. Februar 2010 um 16:42 |
[...] By glumm Als ich wach werde, ist der Schuss aus dem Bett verschwunden, nur ihre finnige kleine Freundin liegt neben mir, tief in den Decken [...]
23. Februar 2011 um 15:30 |
[...] Der Schuss [...]
12. Januar 2012 um 11:14 |
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