Zuckerplätzchen

Samstagabend lese ich in Wuppertal, und es ist nicht das erste Mal. 1985 gab es einen Literaturmarkt in der Volkshochschule Elberfeld. Paar Dritte Welt-Bücherstände, paar Kaffeeschlürfer zweite Wahl. Ich war schlecht drauf, hatte Streit mit Lena. Mal wieder. War ja nichts neues. Eigentlich war ich nur da, um das Honorar einzusacken. Siebzig Mark. Das reichte für Samstagnacht in Solingen und einen doppelten Rittberger.

Dem Programm nach war ich in dreißig Minuten dran. Nach einer Karla Müller. “Karla Müller in Dresden” hieß ihre Story, so war es im Programmheft angekündigt.

Ich zog mir am Weinstand die Becher rein. Neben mir ein Gel-Gesicht, es schaufelte Sandkuchen. Ich kannte kein Schwein. Ich war nervös. Ich bin heute noch nervös, wenn ich vor Publikum lese. Was heißt vor Publikum. Ich bin schon nervös, wenn ich mir selbst eine Bundesligatabelle vorlese. (Es sei denn, Leverkusen ist Erster mit 10 Punkten Vorsprung vor Bayern.)

“Die Zigarette aus!” murrte die Aufseherin.

Die Tür zu einem Klassenraum ging auf, der Lese-Block vor uns war fertig. Ich schob mich mit anderen Besuchern in den Raum. Hinter den Tischen, in Hufeisenform aufgestellt, hatten Fans von Karla Müller ein Transparent ausgerollt. GO, KARLA, GO! Lauter Frauen da. Ich wackelte angetrunken zur Tafel. Da standen noch mehr Frauen. Alles Hooligans.

“Ich wollt nur mal fragen, ob ich vielleicht vor Karla lesen könnte, ich muss dringend weg”, sagte ich. “Ich hab noch was vor. Geht das?”
“Scheisstypen!” terzte mich sofort eine blonde Dürre an. “Müsst euch ewig vordrängeln!”
Ich rutschte mit dem Hintern halb aufs Lehrerpult.
“Wieso vordrängeln? Ich brauch nur zehn Minuten für meine Geschichte, und eure Karla ne halbe Stunde. Ausserdem kotzt mich das hier sowieso an.”
“Na, dann zieh doch Leine!”
“Ich brauch aber die Kohle.”
“Dann warte gefälligst, bis du dran bist!”
“Ich habe keine Zeit. Ich muß ..”
“Ach Klappe, du mieser kleiner Macho!”

Ich nahm einen Schluck Wein. Wieso kleiner Macho?
“Ich bin nicht klein”, sagte ich.

Ich fühlte mich wie beim Discounter: Ein Haufen schnatternder Hühner an der Kasse, mit überquellenden Einkaufswagen, dahinter ich, zwei Zuckerplätzchen in der Hand.

“Bist du Karla?” fragte ich die Blonde.
“Nee.. das ist Karla!”
Eine kleine Dichterin mit dem Duktus einer Putze trat aus dem Tross hervor. Unauffällig, krauses Haar. Wieso, dachte ich, sehen alle Frauen, die schreiben, unauffällig und nett aus?
“Karla, kann ich vor dir lesen? Ich brauch nicht mal zehn Minuten, schon dampf ich ab. Versprochen!”
Stühle knarrten übers Parkett, Getuschel. Karla guckte mir kaum in die Augen. Ich glaub, sie wollte einfach ihren Frieden haben.
“Meinetwegen”, sagte sie leise.
“Scheisstyp!” giftete die dürre Blonde.

Wo ich schon mal halb auf dem Pult hockte, legte ich gleich los mit SCHARFER HUND, der Geschichte, in der ich zu Beginn zum Telefon trudel und “Müttergenesungswerk, Kuhvotze am Apparat!” in die Muschel krähe. Pfiffe im Klassenraum. Buhrufe. Krähenfüße.
“BOYKOTTIERT DAS SCHWEIN!” kreischte die Rädelsführerin, und der Damenchor polterte geschlossen zur Tür hinaus.

Vor dem verbliebenen Häuflein ratterte ich die Story runter bis zum Showdown, wo ich fünfzig Meter über der Stadt an einer Feuerleiter hänge – auf der Flucht vor einem Rottweiler.
Keine Reaktion.
Nicht mal ein Hüsteln.
Ich zerknüllte den Text und brauste durch die Bankreihen.
“Eisiges dreckiges Wuppertal! Drecksgeschichte!”
Auf dem Flur spalierten die Schlangen und zischelten.
“Die Zigarette aus!”

Ich freu mich schon auf Samstag.

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6 Antworten zu „Zuckerplätzchen“

  1. Charlotte sagt:

    Zu Uni-Zeiten hatte ein Kumpel von mir immer den Plan, seinen Hosenlatz zu öffnen, ins Zimmer des Frauen-Referats (lila Wände, viele Teekannen) zu marschieren und zu sagen: “Mir ist da ein Knopf abgegangen, ob eine Damen mir den wieder annähen könnte?”. Hat er leider nie getan, zu meinem ganz tiefen Kummer.
    Und heute wurde ich entschädigt. DANKE!!!

  2. latal sagt:

    ‘nette’ geschichte, krauselig und nett, nee wirklich .. hat mich grad richtig gefesselt .. und dann flog auch mir der letzte .. knopp noch vonner latzhose .. die aber nicht lila ist, schöner guido .. schreib man fein .. so weiter .. linse jetzt öfter mal rein .. skurril & amüsant .. ahoi PeT

  3. skibowski sagt:

    Täglich, wenn ich täglich lesen könnte, ließe mich die b_equemlichkeit nur so etwas tun, würde ich lesen, hier.

    Ski

  4. Erdge Schoss sagt:

    Was für eine Scheiße, werter Herr Glumm,
    und Sie mittendurch.

    Respekt
    Ihr Erdge Schoss

  5. Ettore Schmitz sagt:

    Das summiert sich halt alles. Und dann. Sehn wir ja.
    Weiter! Wir sehn immer weiter.
    Nein, und wir denken nicht zu Ende, Glumm, wir nicht!
    Sackzement.
    Irgendwann kommt wieder Stroh, dann Holz, dann Homeland unter die Füsse. So lange aber muß der Mensch sich quälen.

    Lichtgeblitzdingst:
    Dein Schmitz

  6. Amanda sagt:

    Hallo,

    mein Kommentar bezieht sich auf “nur ein paar dumme Stunden”:
    Ich würde diesen Text gerne in meinem Blog unter Quellenangabe veröffentlichen.

    Füe eine positive Rückantwort wäre ich dankbar.

    A.

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