Ich mochte ihn nicht, seine penible Art, sich noch nach dem letzten Häppchen Herbstlaub zu bücken und es aufzukehren, seine mißmutigen Blicke, wenn wir uns auf der Straße begegneten, seine ganze zur Schau gestellte Unnachgiebigkeit, doch nun, wo er tot ist, von einem Tag auf den anderen, tut es mir leid um seine Frau. Dass er fehlt.
Mitten in der Nacht steh ich am Fenster und seh die Wohnung gegenüber in grelles Licht getaucht, alle Zimmer schreien, einen Tag nach seinem Tod. Schlagen still um sich.
“Ich war eine Klassenkameradin Ihrer Mutter, in den Dreißigern”, sprach sie mich vor Jahren an, mit einem unsicheren kleinen Lächeln, und als ich meiner Mutter davon berichtete, erinnerte sie sich an das kleine Mädchen, aus dem eine kleine alte Frau geworden war, deren hochgewachsener hagerer Mann unbeliebt war in der Siedlung, weil er kleinlich war und Nachbarn beschimpfte und der sie nun zurückläßt, mit überm Boden schleifender Einkaufstasche auf dem Weg zum Supermarkt.
Ein fesches blondes Ding soll sie gewesen sein, mit Schleifchen im Haar und Krönchen, gar nicht schüchtern, die kleine Miss Weltkrieg, deren Mann jeden Morgen das Doppelbett machte.
Stets zur gleichen Zeit hingen die schweren Daunendecken zum Lüften aus dem Fenster, fünfzehn korrekte Minuten lang, acht Uhr bis acht Uhr fünfzehn. Seit seinem Tod nicht mehr. Seither bleiben die Fenster geschlossen, es brennt Licht. Halte durch, kleines Mädchen. Und flieg davon.
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500beine zeigt Ich kannte ihn nicht
Schlagwörter: Deutschland
18. März 2010 um 15:04 |
Wenn Du sie sehen solltest, so richte auch von mir ein “Halte durch” aus.
18. März 2010 um 22:15 |
Derbe, Glumm. Wie immer.
19. März 2010 um 14:17 |
warum schmerzt mich das so? ich weiss es.
19. März 2010 um 18:58 |
Hallo Glumm,
Grosser Blog der kleinen Dinge des Alltags, vielen Dank!
Bin erst seit ein paar Wochen Dein Fan, wuensche Dir aber neben ein paar Aufstiegen von Union Solingsn einen fetten Buchvertrag und bis dahin viel Fliess beim Online-Schreiben – damit wir mehr und mehr und noch mehr von Dir lesen koennen.
20. März 2010 um 02:01 |
Halte durch, kleines Mädchen… Wie traurig.