“Wie ein Jungbulle. Du hast einen Blutdruck wie ein Jungbulle”, feixt der Doktor und legt Manschette und Horchgerät ab. Ich muss kurz auflachen, weil ich mich auf der Weide stehen sehe, die Haxen mächtig aufgepumpt und einen Ring durch die Nase. “140 zu 80. Pulsschlag auch okay. Zwar kein Jungbulle, aber auch kein Alteisen.”
Er nimmt eine Stablampe und leuchtet in meine Augen, dann guckt er mir in den Mund.
“Zunge rausstrecken und laut a sagen.”
“aaa..”
“Lauter.”
“AAAA!!”
“He.. Gut.”
Nächste Aufgabe: die Nasenspitze antippen. Erst mit dem linken, dann mit dem rechten Zeigefinger. Darin bin ich gut. Das hat mit Sport zu tun. Mein Abgangszeugnis, in der 11. Klasse war ich ein halbes Jahr nicht zum Unterricht erschienen und von der Schule geflogen, war voller Vierer, Fünfer und Sechser, aber in Sport hatte ich bis zum Schluss eine Eins, und was ist Nasenspitzen-Antippen anderes als Gesichtsturnen.
“Sehr schön. Und jetzt der Linie entlang gehen.”
“Welcher Linie? Da ist keine Linie.”
“Witzbold. Natürlich nicht. Stell dir eine vor. Nur ein paar Schritte gehen, geradeaus. Als würden dich die Bullen anhalten, Samstagnacht vor der Disko.”
“Ich hab keinen Lappen, den die Bullen mir abnehmen könnten.”
“Nu mach schon.”
Ich schreite auf das massive weiße Wandregal zu, ein ganzer Fachwald ist darin, bißchen wackelig. Also ich. Nicht das Regal. Mein Gang. Die Beine. Deine Beine werden dich eines Tages verraten, hat die Gräfin gestern noch gemeint, in einem komplett anderen Zusammenhang. Merkt das denn hier niemand? Wie wackelig ich auf den Beinen bin?! Nicht mal die Gräfin?
“Gut”, urteilt der Doktor. “Und jetzt das ganze mit geschlossenen Augen.”
Ich stakse blind die zwei Meter in Richtung Regal und bin froh, dass ich mich nicht lang lege.
“In Ordnung. Soweit okay alles. Keine Ausfälle im Gehirn.”
Die Gräfin ist mitgekommen, trotz Kopfweh. Sie möchte wissen, was los ist.
“Ich mein, der Mann betrübt mich. Ich hab ihn noch nie so erlebt, so deprimiert. Ich glaub, er hat in der letzten Woche mehr geflennt als in den ganzen zwanzig Jahren zuvor. Langsam schwimmen uns die Felle weg. Das sind zwar keine Zobel, aber es sind unsere Felle.”
Keine Zobel? Wie, keine Zobel? Warum sagt sie so was? Warum macht sie uns so klein? Natürlich sind unsere Felle Zobel, die uns schützen, solange wir zusammen sind. Und was zum Teufel meint sie mit “mehr geflennt als in den letzten zwanzig Jahren”? Ich hab lediglich leicht getränt beim Zwiebelschälen, zwei Mal.
“Ach was.. bestimmt fünf Mal”, widerspricht sie. “Ohne Zwiebeln.”
Es liegt an meinem Nervensystem und den Biestern darin, die durch die Kanäle wuseln, die Material heranschaffen und ihre Nester bauen, die auf meinen Sinnen sitzen wie Insekten und Verwirrung stiften. Deshalb seh ich auch so komisch in letzter Zeit. Ich steh auf und will losgehen, und plötzlich ist kein Boden mehr unter meinen Füßen.
“Wann hat das angefangen?” fragt der Doktor, und ich schildere ihm, wie ich morgens aus dem Haus ging und im Vorgarten aus den Latschen kippte.
“Hast du das Bewusstsein verloren?”
“Nein.”
Für den Doktor ist sein Schreibtisch eine Trutzburg, hinter der verschanzt er sich zusehends, und er wird immer fetter. Bei jedem Besuch hat er einige Kilos mehr drauf. Zuletzt saß ich hier wegen Migräne accompagnée. Sehstörungen, die mich überfallartig erwischten, im letzten Sommer, morgens, wenn ich zur Arbeit hastete, auf den letzten Drücker. Wenn ich das Institut endlich erreichte, begann es mit einem kleinen dunklen Fleck in der Mitte des Gesichtsfeldes. Nur eine kleine Bildstörung. Ich konnte ein Wort auf dem Bildschirm des Rechners nicht richtig lesen. Dann ging’s los. Im Zickzack laufende Lichtblitze, die von Minute zu Minute mehr wurden, ein ganzes Arsenal an Zacken und scharfen Wellen stürzte auf mich ein; Sommer-Silvester im Augendorf, im linken Sehfeld.
Ich flüchtete aus der Bibliothek, weil ich dachte, ich verliere den Verstand. Diese komplette Linienverwirrung. Als hätte sich ein Konstrukteur von Pop Art auf Millimeterpapier verlaufen und würde nicht mehr heimfinden. Kaskaden von Schnittmustern, ein visuelles LSD-Gemurmel zwanzig Minuten lang, erst dann klang das Flimmern ab, die kranke Geometrie, der Blitzkrieg, bis ich endlich wieder normalen Sehgang hatte. Die Welt zurück, auf die wir uns geeinigt haben.
“Migräne accompagnée. Ein neurologisches Phänomen”, befand der Doktor damals. “Auch die Visionen von Hildegard von Bingen führen Spezialisten neuerdings auf solche Anfälle zurück. Du siehst, du bist in guter Gesellschaft.” In Gesellschaft von Jungbullen und Hildegard von Bingen. Es hätte tatsächlicher schlimmer kommen können. Ein bißchen.
Jedes Mal, wenn ich den Mund aufmache, um mich zu verteidigen, beobachtet der Doktor das Spiel meiner Hände. Immerzu stiert er einem auf die Hände. Man sieht es regelrecht arbeiten in seinem Kopf, wenn er die Hände seines Gegenübers beobachtet: ruhen sie in Höhe des Bauches, sind die Finger ineinander verhakt? Gestikuliert man italienisch in der Luft? Hängen die Hände womöglich schlaff von der Stuhllehne herab? Schlaff herabbaumelnde Hände sind der Kardinalsfehler. Das lässt man lieber bleiben. Das stellt dich beim Doktor in ein ganz schlechtes Licht. Dann hast du ein Problem. Dann hat er dich erwischt. Dann weiß er Bescheid.
Meine Hände sind krebsrot und haben keine Lust, irgendetwas zu tun oder auszudrücken. Sie sind kaum anwesend. Eine Art mobiler Tatort, mit rot-weissen Bändchen abgeriegelt, GEFAHRENGEBIET! HIER IST WAS PASSIERT! BITTE GEHEN SIE WEITER!
Der Doktor tut so, als lausche er der Gräfin, in Wirklichkeit rüstet er schon zum großen Medizinpalaver. Theorieblabla. Nur als die Gräfin ein weiteres Mal meine “weinerliche Verfassung” einwirft, verzieht er kurz den Mund. Er kennt mich seit geraumer Zeit. Ist so ne Art Hausarzt. Ein in seiner Feistheit gefangener Hausarzt, der mich mit Mittelchen aller Art und Ratschlägen versorgt.
“Du hast die Wahl, mein Freund”, hat er mal getönt, als wir uns noch nicht so gut kannten, “du kannst Schriftsteller werden oder Puffmutter. Das musst du entscheiden. Es ist deine Wahl.”
Fand ich gut.
“Seh es als Alarmsignal deines Körpers”, meint der Doktor jetzt, “dass du nicht so weitermachen kannst wie bisher. Er will nicht mehr. Dein Körper hat dich satt.” Endlich mal ein Satz. Das klingt logisch. Das kann ich nachvollziehen. Ich möchte auch nicht in der Haut meines Körpers sein. Leber. Nieren. Nerven. Und meine Beine, die Verräter.
Der Doktor möchte wissen, ob etwas anders gewesen sei in letzter Zeit.
“Eigentlich nicht.”
“Blödsinn, es war außergewöhnlich, und ob”, mischt sich die Gräfin ein. “Du hast nur noch am Schreibtisch gesessen, wie ein Blöder. Du hast dir überhaupt keine Pause gegönnt. Immer nur dieses scheiss Gehacke am Computer. Hack hack hack. Und keinen verschissenen Erfolg.”
“Was heisst das, keinen Erfolg?”
Möcht ich auch gern mal wissen!
“Na, es klappte alles nicht so, wie er sich das gewünscht hat.”
Bevor mein Jahresvertrag in der Bibliothek verlängert wurde, hatte ich zwei Monate frei und versuchte, aus einer Reihe meiner Stories einen Roman zu machen. Nicht, dass viel dabei herausgekommen wäre. Schreiben ist der Versuch, Schattenreich und Existenz zu vereinigen, in vielfältigen Versionen, klappt nicht immer. Man verhilft Sätzen ins Diesseits, und wenn sie wie neugeborene Fohlen übers Papier staksen und hinfallen, müssen sie von allein auf die Beine kommen, sonst taugen sie nichts. Sonst hätten sie im Jenseits bleiben können, im großen Unübersichtlichen. So ist das mit den Sätzen. Vielleicht auch nicht. Woher soll ich das wissen.
“Weisst du, was dein Manko ist? Du denkst die Sachen nicht zu Ende”, sagt der Doktor. “Du reißt alles nur an. Und von daher weiss ich auch nicht, ob ich dein Buch kaufe. Ob das überhaupt von Interesse ist, für mich.”
Er wartet einen Moment ab, ob seine Drohung, mein Buch, das gar nicht existiert, nicht kaufen zu wollen, irgendwie Gewicht hat.
“Ein Buch von einem Autor, der die Sachen nicht zu Ende denkt, wen interessiert das? Oder besser gesagt, wem bringt das was? Hab ich davon einen Gewinn?”
Die Gräfin wird unruhig. Ihr Kopfweh. Sie nimmt einen Apfel aus ihrer Jackentasche und beißt hinein. Ein knackiger Bioapfel. Sie steht auf und läuft durchs Chefzimmer, während sie den Apfel isst. Der Doktor ist leicht irritiert und froh, als sie sich wieder niederlässt.
Im Chefzimmer gibt es für den Patienten, in der Regel kommt man ja allein, zwei Sitzgelegenheiten zur Auswahl. Links vorm Schreibtisch ein tiefer Sky-Sessel aus Leder, in dem man gemütlich versinkt, daneben ein Stuhl, auf dem man genau in Augenhöhe mit dem Doktor sitzt, aber unbequem ist auf Dauer. Das hat der alte Fuchs natürlich extra so angeordnet. Wer sich wo hinsetzt, verrät sofort eine Menge. Stellt einen ersten kleinen Psychotest dar. Im Sky-Sessel sitzt man gemütlich, aber devot und muss aufschauen zum Chef, auf dem Stuhl sitzt man hart und auf gleicher Höhe mit dem Chef, hat aber schnell einen unruhigen Hintern und rutscht hin und her.
Ich schätze, ich bin kein schwieriger Fall für den Doktor. Ich bin für mich ein schwieriger Fall. Jeder ist seine eigene Klinik.
“Ich könnte dir jetzt eine Diagnose stellen, irgendwas mit vegetativer Störung”, sagt der Doktor, “aber das bringt nichts bei dir. Das setzt sich nur in deinem Kopf fest und macht alles noch schlimmer. Weißt du was? Mach einfach mal ne Pause. Tu mal nichts. Einfach mal gar nichts tun. Nicht schreiben, kriegst du das hin? Was meinst du?”
Zum Abschluss nimmt mir er mir noch Blut ab, Blut für ein großes Blutbild.
“Der Doc hat blaue Flecken am Unterarm, hast du das auch gesehen?” flüstert die Gräfin, als wir die Praxis verlassen und im großen Lift runterfahren.
“Nee.”
“Unterm Ärmel vom Kittel, richtig dicke blaue Klatschen.”
“Fesselspiele?”
“Nee, dann wären das Striemen.”
“Vielleicht hat er sich am Backofen verbrannt, als er den Fisch rausholen wollte.”
“Keine Verbrennungen! Flecken!”
“Vielleicht hat der Fisch ihn ja geboxt.”
“Also, bei dem Scheiss, den du redest, möchte man glauben, du wärst schon wieder gesund. Blödmann.”
*
“Natürlich waren die 90er ein verlorenes Jahrzehnt”, sag ich zum Mitsubishi Boy. “Aber man muß auch mal zehn Jahre am Stück verloren gehen können. Sonst fehlt einem was. Auf Dauer. Im Leben.”
(aus Die Gräfin spricht, der Mitsubishi Boy ruft an, und so)
Schlagwörter: 500beine, Angst, Arbeit, Deutschland, Glumm, Literatur, Story
2. April 2010 um 12:30 |
Was fehlt: Sonne, Meer, Menschlichkeit.
Sonst soweit alles klar.
(Super Text wie immer, Five-Oh-Oh!)
2. April 2010 um 18:01 |
[...] Schattenreich und Existenz « Glumm "Schreiben ist der Versuch, Schattenreich und Existenz zu vereinigen, klappt nicht immer. Ist va banque, das Spiel." [...]
3. April 2010 um 22:42 |
Gut! Warte gerne auf die Fortsetzung!
6. April 2010 um 07:45 |
Wenn du son nervöser Typ bist wie ich, kann das Internet schon problematisch werden. Ich muss auch immer mal Abstand nehmen und mich zwingen, mal wieder mit echten Leuten zu reden. Sonst arbeitet man sich in einen Nervenzusammenbruch.
Mir gab mal jemand den Tipp:
“Wenn du’s noch nicht gemacht hast, dann würde ich dir raten, sortiere deine Geschichten und verwirf, wo du auch nur einen Anflug von Zweifel hast. Dann mach dir eine Liste von Literaturzeitschriften, die du anschreiben willst – und auf geht’s. Honorar ist da natürlich nicht zu machen. Aber es ist ein Anfang.”
Vielleicht ist das ja doch noch so: Papier ist Papier und Internet ist Internet.
lg solo
8. April 2010 um 10:33 |
da ich das noch nicht gelesen -(nebenan bohrt grad wida der )
..hat aufgehört der idiot -
der hat nix besseres zu tun als zu bohren wenn er zu haus iss
anscheinend wer es vermessen zu beurteilen was die nerven mit einem machen-
abgesehn von vitanin b12 mangel
der klitze kleine unterschied
was ich träume hat oft mehr nachhall als medikatröse unlust
jetzt bohrt der wixer fast in mein hirn
diese lautstärke tu ich übersehn
die arbeit .hihi…meine
alles hat ein ende..-
ich liebe dich
12. April 2010 um 13:51 |
der kummer ist wie dein seebad-
musst es nur hin und wida leeren
sonst platzt der schädel
beim versuch es aufzuhalten..-
ein echter fluch mit der begabung..-#hihi..-
denn lieber staumauer senkbachtal
sei einfach du selbst…mr.stinkstiefel
alias schweinbacke
geh mal an bord -und grüss die flamingos..
in liebe
16. Dezember 2010 um 18:57 |
du hast das zeug zum ritter
nur du vergisst mitunter das du nicht allein bist
und wenn du kämfst auch mit worten
holt sich der geist manschmal deine seele
dasist sein b ad der
luda
16. Dezember 2010 um 18:57 |
bruder