Die Machthaber

Er war schmal geworden. Noch schmaler. Ich hatte ihn lange nicht gesehen, nun saß er rechts von mir an diesem langen gedeckten Tisch. Um uns herum gedämpftes Palaver. Wirtshaus-Suppe wurde aufgetragen. Schlagartig war Stille, und nur noch das Klappern von Besteck war zu hören. Porzellangebell.

Tim war der bescheidenste Junkie, den ich je kennengelernt hab. Er wollte niemanden auf den Sack gehen mit seiner Sucht, niemanden belästigen. Er hatte sämtliche Verbindungen gekappt. Nicht mal seine geliebte Schwester kannte seine aktuelle Handynummer. Er war ein Eremit geworden, der nur noch die nötigsten Connections aufrecht hielt. Ein König der Wüste, der Wüste in sich.

An diesem kühlen Novembertag, auf der Beerdigung von Ringo, war er blass und durchgefroren, er zitterte und die Nase tropfte. Die Machthaber in ihm hatten den rohstoffreichen Körper heruntergewirtschaftet. Und sie gaben keine Ruhe. Der Abbau ging weiter. Sie schufteten im Akkord.

Doch nun zog mit jedem Löffel Suppe etwas mehr Wärme in seinen Kreislauf ein. Nach einer Weile wurde Tim sogar redselig, für seine Verhältnisse. Er sah immer noch gut aus. Ein Ska-Boy.
“Tja-ja, der Ringomann”, sagte er und zeigte eine Reihe brauner Mausezähnchen, “hat’s hinter sich.”

Offensichtlich sprach Tim von sich selbst. Dass er es noch vor sich hatte. Dass er mittendrin war. Und dass der Tod eines guten Bekannten, eines Freundes beinahe, kein Grund war, gegen die Machthaber anzustänkern. Eine Revolution anzuzetteln, eine Revolution von ganz unten.

“Wohnst du noch da in der Papageiensiedlung?” fragte ich Tim.
Er löffelte seine Suppe, als wäre es die erste warme Mahlzeit seit dem Krieg. Allmählich kroch auch die käsige Blässe aus seinem Gesicht. Tim schüttelte den Kopf, “nee”, und ich fragte mich, wo zum Teufel bleibt eigentlich Blässe, die aus einem Gesicht verschwindet? Wohin verkrümelt sie sich? Sie ist ja nicht aus der Welt. Sie kommt wieder. Sie wird wieder Einzug halten in dieses ebenmäßig geplünderte Gesicht.

Es ist ein bißchen wie mit Parkscheinen, die nicht abgelaufen sind, man fragt sich: Was ist mit der Restzeit? Du kehrst zum Wagen zurück, hast aber noch zwanzig Minuten auf der Parkuhr. Du kannst dich in den Wagen setzen und abwarten, bis die zwanzig Minuten um sind. Es ist die Zeit, für die du gezahlt hast. Doch was, wenn du sofort losfährst, ohne die zwanzig Minuten Restzeit abzusitzen? Wem gehört die Zeit? Wo bleibt sie? Sie ist ja nicht aus der Welt, nur weil sie nicht genutzt wurde. Sammeln vielleicht Parkplatzbetreiber nach Feierabend alle nicht eingelöste Parkuhrzeit ein und türmen sie zu Stunden auf, zur persönlichen Extrazeit, die sie eines Tages abbauen, wenn ihnen mal ein Stündchen zum Glück fehlt? Ja? Macht ihr euch ein schönes Tete-a-tete mit der Restzeit?

“Wo dann?”
“Hm..?”
“Wo du wohnst..”
Natürlich wollte Tim nicht darüber reden. Die Frage machte ihn nervös. Die Antwort. Er war kein halbwegs organisiertes Männchen, das wie jedes andere halbwegs organisierte Männchen ein Zuhause hat, wo sonst soll man die Weibchen hinlocken? untern Tresen? hintern Karstadt? Nein, Tim war ein total kontrolliertes Männchen. Die Machthaber forderten drei Pulvermahlzeiten täglich. Plus Tribut.

“..hab ich verloren”, flüsterte er.
“Was..?” Ich hatte nicht hingehört. Ich war mit den Gedanken woanders gewesen. Ich hatte den Tisch runtergeguckt, wo die Mutter von Ringo, fast neunzig Jahre alt und blind, ihre Wirtshaus-Suppe löffelte.
“Verloren.. Die Wohnung. Die Wohnung hab ich verloren.”
“Verloren?”
Seltsame Formulierung. Als wäre sie ihm plötzlich aus der Hosentasche geplumpst. Und er wär weiter gegangen.
“Ich hab die Miete nicht gezahlt.”
“Wie lang?”
“Halbes Jahr.”

In diesem Gesicht war alles klein und milchig. Die Nase, die Pupillen. Die Mausezähnchen.
“Und jetzt? Irgendwo musst du doch untergekommen sein”, sagte ich. Ich war neugierig. Ich wollte ihn nicht besuchen kommen. Ich wollte nur Bescheid wissen.

Tim sah sich sorgsam um. Dreißig, vielleicht vierzig Leute waren nach der Zeremonie in der kleinen Friedhofskapelle in die Gaststätte am Schlagbaum gefolgt, Verwandtschaft und Freunde von Ringo, zum Leichenschmaus.
“Im alten Proberaum.”
“Was denn?” stutzte ich. “Im alten Proberaum am Nordbahnhof?” In dieser stillgelegten Fabrik, wo der Bruder vom dicken Hansen mit seiner kubanischen Tanzkapelle geprobt hatte, als er noch nicht in Köln lebte? “Das ist doch arschkalt da. Da ist doch keine Heizung drin.”
“Ein kleiner Heizlüfter, doch. Aber seit zwei Wochen ist der Strom abgestellt.”

Auf seiner Backe hatte sich ein rötlicher Flaum gebildet. Ein dünnes Hitzeschild.
“Wenn ich breit bin, brauch ich eh keine Heizung. Da hat man zehn Katzen im Bett”, grinste Tim.
“Du wirst doch gar nicht mehr richtig breit”, sagte ich.
“..das ist die Scheiße, ja.. Und wehe ich bin affig, dann ist doppelt Scheiße. Dann ist zehnfach kalt.”

Tim langte zum Brotkorb, nahm einen Kanten Weißbrot und tunkte ihn in die restliche Suppe.
“Irgendwann..”
Er schob den Teller kauend von sich fort, und ließ den Satz unvollendet.

*
..
Und das, liebe Freunde, ist auch der Grund, warum so viele Geschichten in diesem ominösen Land namens FRÜHER spielen, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert. Früher ist eine spannende Monarchie. Ein Königreich für einen Kinnhaken.
..
aus Die Kettenhunde auf 500be

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