Mein erster Wagen war ein 79er Datsun Cherry. Er war fabrikneu und gehörte nicht mir, er gehörte dem dicken Hansen, doch ich hab ihn größtenteils bezahlt, in schmerzhaften kleinen Raten, und das nur, weil der dicke Hansen tief und fest am pennen war in dieser Samstagnacht 1979.
Vorsichtig fischte ich den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche.
“Scheiße, lass lieber”, versuchte der kleine Bruder vom dicken Hansen noch, mich davon abzubringen, bevor auch er nicht mehr anders konnte und in Pepes ansteckendes leises Gackern einfiel. Wir waren stockbesoffen. Wir waren andauernd stockbesoffen damals, und ohne Kiffen ging gar nichts. Eine schöne Zeit.
Draußen kam die Sonne raus.
Karlos war auch mit von der Partie.
“Ich will fahren!” rief er, als wir vor dem Wagen standen.
“Nix da, ich hab den Schlüssel gezogen”, rief ich und schloss auf. “Ich fahre!”
“Ich bin Erster! Ich hab Heimrecht!” Das war Pepe. Es ging hin und her. Nur der Bruder vom dicken Hansen hielt sich raus. Er hatte seinen eigenen Japaner um die Ecke stehen, einen beigen Nissan Sowieso, und war heilfroh, dass ihm dieser Fauxpas nicht unterlaufen war, das Wegnicken im Wohnzimmer der Wipperaue morgens um fünf, während alle anderen noch wach waren und besoffen um den Glasbong herumsaßen und krankes Zeugs ausbrüteten.
Das Fachwerkhaus stand nicht weit von der Wupper entfernt und hatte den Schwamm in den Wänden. Wenn ich ab und an in der Wipperaue übernachtete, waren am nächsten Morgen alle Kleider klamm und es dauerte seine Zeit, bis man den Geruch einer Moorwanderung von der Haut hatte.
Pepe hatte das Haus mit seinem großem Bruder und dessen Freundin Maria gemietet, einem launischen Flittchen, das immerzu von Zimmer zu Zimmer wuselte und Muttizeugs plärrte, “Kifft nicht soviel! Hebt euren Hintern hoch!” etc. Das kam besonders bei Pepe schlecht an, der gerade von zu Hause ausgezogen war.
Und dann war da noch Snoopy, der Mischling. Dumm wie ein Union-Brikett, aber stets wie aus dem Ei gepellt, auch wenn nie jemand Hand an sein Fell legte. Man konnte ihn wunderbar veräppeln. Man hielt ihm ein Stöckchen hin und Snoopy sprang hoch, ganz narrisch wurde er, und kurz bevor er zuschnappen konnte, zog man das Stöckchen weg und sein Gebiss schnappte ins Leere. Es klang wie eine vergebliche Kastagnette. Wir hatten viel Spaß mit Snoopy.
“Scheiße, Mann! Wie geht die Karre an?” brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an. Die Reihenfolge der Songs auf der Kassette hab ich heute noch im Ohr. MC 5, KICK OUT THE JAMS – live. Dann Bowie, YOUNG AMERICANS, und T. Rex: DANDY IN THE UNDERWORLD und WE LOVE TO BOOGIE.
“Ich dachte, du hättest schon Fahrstunden gehabt”, brüllte Pepe, “du Lutscher!”
“Hat der Glumm schon wieder alles vergessen”, antwortete Karlos für mich, worauf es etwas ruhiger wurde in dem Viertürer. Dass ich nicht mal wusste, wie man so ein Fahrzeug ans Laufen kriegte, streute erste Bedenken, ob das auch alles richtig war. Das mit der Spritztour durch die Wupperberge.
“Lutscher.” Pepe beugte sich vom Rücksitz aus nach vorn und drehte den Schlüssel im Zündschloss herum. “Kupplung treten, Gang einlegen, langsam Gas geben..!”
Ich gehorchte, der Datsun machte drei Bocksprünge, “LANG-SAM!” riefen alle, dabei soff die Karre fast ab. Unter Gejohle probierte ich es weiter, bis es endlich klappte.
Ich blieb zwei Kilometer im ersten Gang.
“ZWEITER GANG, GLUMM!” rief der kleine Bruder vom dicken Hansen. Er schien ziemlich genervt.
Zur Wipperaue gab es ein Pendant, den berüchtigten Dorperhof nahe der Bienenhalle, wo in einer alten Villa wechselnde Freaks mit langen Zähnen und schlechten Haaren zur Miete wohnten, tausend Mark kalt. Wenn am Dorperhof die Bullen zur Hausdurchsuchung anrückten, was im Schnitt alle drei oder vier Monate vorkam, wurde die Telefonkette aktiviert, denn im Anschluss fuhr das Rauschgiftdezernat direkt zur Wipperaue runter, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Darauf konnten sich alle Beteiligten verlassen. Das ging in Ordnung. Dachte man. Und so klingelte in der Wipperaue wie gehabt das Telefon, als die Schmiere am Dorperhof wieder mal in Mannschaftsstärke einlief.
“Vorsicht.. RD rückt gleich an..”
“Gleich..? Die sind schon da.”
Das Dezernat hatte die Kette durchschaut und war zeitgleich mit zwei Teams ausgeströmt. Pfiffig.
Weil auf dem Beifahrersitz niemand sitzen wollte, nicht mal Karlos, war vorne viel Platz und hinten war es eng. Ich schaukelte die Bande zunächst brav der Wupper entlang, dann ging es die Berge rauf, ich wurde schneller, fuhr riskanter, und auch im Wageninneren ging es hoch her: WE LOVE TO BOOGIE ON A SATURDAY NIGHT, bis zu dieser fatalen Kurve am Klingenring, wo es wieder bergab ging und ich mit dem starken rechten Schussbein das Pedal verwechselte und statt der Bremse das Gas durchdrückte und wir von der Strasse flogen. In die “.. KARPATEN!” hörte ich Karlos erregt schreien, hinter mir, und Pepe, ganz durcheinander, “FALUTSCHA VORSICHTIG, MANN!!” Zu spät. Der Wagen krachte in einen haushohen Haufen Schotter, rrummmzss!, und blieb stecken. Wäre in dieser Kurve nicht zufällig Winterstreu aufgeschüttet gewesen, es hätte uns geradeaus vor den nächstbesten Baum getragen.
Die Schnauze des vier Monate alten Datsun Cherry war komplett in der anthrazitgrauen Masse abgetaucht. Es war, als steckten wir in einer Höhle fest: vorne der Tod und hinten das Licht. Die Karosserie war so verzogen, ich bekam die Fahrertür nicht auf und musste über die Sitze klettern und hinten aussteigen. Knirschender Schotter schob sich durch die Türritzen.. Die Musik lief die ganze Zeit weiter.
Jitterburg Boogie.
“Totalschaden”, murmelte Karlos.
“Du Idiot!” fluchte Hansens Bruder, der die bitteren Vorhaltungen seines großen Bruders schon im Ohr hatte, zu Recht, wie ich fand: “Wie in aller Welt konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen?? Spinnst du??!”
Aber echt.
Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ab und zu, wenn sich im Urlaub eine schnurgerade südfranzösische Landstraße vor uns auftut, übergibt mir die Gräfin mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich dann vom Beifahrersitz aus mal halten darf, aber ans Gaspedal lässt sie mich nicht ran. Oder an die Bremse. Wobei. Ist doch sowieso alles dasselbe. Oder nich.
*
Nicht mal einen Monat später waren wir spätabends im Oberbergischen unterwegs, im Nissan von Hansens kleinem Bruder. Der saß auf dem Beifahrersitz, Pepe und ich hinten und am Steuer Karlos, alle Mann stinkbesoffen, außer dem Bruder von Hansen. An der Abbiegung von Wermelskirchen rechts runter nach Glüder, verlor Karlos die Kontrolle über den Wagen und setzte ihn ohne groß zu bremsen frontal vor die Hauswand. Totalschaden. Ob tatsächlich T. Rex lief (WHATEVER HAPPENED TO THE TEENAGE DREAM) wurde lange im Freundeskreis verhandelt, ohne klares Ergebnis, alternativ waren eine Ska-Kassette mit den Specials und Steve Miller im Gespräch.
“Wie konntest du so einen besoffenen Kerl fahren lassen und dich NÜCHTERN daneben setzen?”
Der dicke Hansen machte seinem glatzköpfigen kleinen Bruder, der trommeln konnte wie ein Gott und kurz darauf nach Havanna abhaute, erneut schwere Vorwürfe. Und so richtig nachzuvollziehen war es ja auch wirklich nicht.
*
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Es gibt Gesichtsausdrücke, wenn man damit zum Intelligenztest erscheint, ist direkt schlecht.
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aus Ist ja genug Zeit bei 500.
5. Mai 2010 um 17:39 |
ich dachte immer es wär-the vodoo is in you..- ich bin zwar auch
aus der kurve geflogen da unten im tal ins getaway nur ich hatte nur einen platten und ne verbeulte oldtimertür..-den hat mir der liebe ralf noch gewechselt .-ich war zu geschockt..-
alle überlebt..hauptsache..-
5. Mai 2010 um 17:45 |
Habe nur die erste Story gelesen – keine Zeit – toller Text, guter Stil, muss dranbleiben;-))
5. Mai 2010 um 22:27 |
wieso malst du nich mal ne zeitlang und die irre gräfin könnte dazu singen..-