Ich war zwölf Jahre alt, als im Erdgeschoß unseres Mietshauses dieses sonderbare kinderlose Paar einzog. Die Frau hatte lange Beine und hennarotes Haar, er war klein und bestand nur aus Nase und gierigen Augen. Ich traute ihm nicht. Ich ging ihm aus dem Weg.
Mittagszeit, ich kam aus der Schule. Mit meinem schreiend blonden Lockenhaar und femininen Gesichtszügen machte ich ersten Eindruck auf Schwule, eine nervende Geschichte, die ihren Höhepunkt erreichte, als ich Mitte Zwanzig war und Drago, der verrückte schwule Kellner, für mich tanzen wollte.
„Nur einen kleinen Kuss“, bettelte Drago, „und einmal Eierpacken.“ „Drago, hau ab“, sagte ich. „Keine Chance. Und jetzt.. tanz!“
Ich schloss die Haustüre auf. Der kleine Mann, dem ich nicht übern Weg traute, stand im Flur. Die Tür zu seiner Erdgeschoßwohnung stand offen. Er bat mich, auf einen Sprung rein zu kommen. Ob ich mal eben anfassen könne. Ein Sofa. Alleine ginge das nicht.
Dem ersten Impuls folgend wollte ich ihn stehen lassen, einfach weitergehen, die Treppe rauf, hoch ins zweite Obergeschoß, doch dann dachte ich, was soll passieren. Wir wohnten im selben Haus, er hatte eine Frau. Er brauchte nur kurz Hilfe. Ich nickte. Er ging vor ins Wohnzimmer. Er bot mir was zu trinken an. Ich sagte nein.
“Limonade?”
Ich schüttelte den Kopf.
“Setz dich”, sagte er. “Keinen Durst?”
Es war Mittagszeit. Ich war hungrig. Ich setzte mich. Ich wollte die Sache erledigen und hochgehen. Er setzte sich zu mir. Er war klein und streng. Seine Haut sah aus wie Sackleinen, von groben Poren durchzogen. Er rückte näher. Ich sah seine Schläfen pochen, die riesige Nase, und plötzlich rotzte eine Hitze durch meinen zwölfjährigen Körper, es kam einem Blitzschlag gleich, wie in diesem lähmenden Moment, als mich der Ladendetektiv vorm Kaufhof am Schlafittchen gepackt hatte: „Darf ich mal in deine Tasche sehen?“ und ich dachte, Scheiße, jetzt ist es passiert. Erwischt.
Blut sprudelte in mir hoch, als er mit knochigen klobigen Männerfingern meine Schenkel zu streicheln begann, zu bearbeiten, ungeduldig. Fordernd. Den Jeansstoff knetete. Sein Männerblick, wie auf der Jagd. Ich sprang auf, schnappte die Schultasche und lief zur Etagentür. Drückte die Klinke runter. Ich sprintete die Treppe hoch, neunzig Stufen, die ich so oft gezählt hatte, wenn ich von der Schule kam oder zum Fußball ging. Oben angekommen, klingelte ich Sturm. An meine eigenen Schlüssel dachte ich nicht in der Panik.
Mutter stand in der Küche, eine Pfanne zischte, das Radio plärrte. Sie hörte mich nicht. Unten, im Erdgeschoß, schlug die Türe zu, Schritte. Ich klingelte wie verrückt. Tap, tap, tap – ich sah ihn hinter mir, „..he!“ Endlich öffnete meine Mutter. „Hast du den Schlüssel vergessen?“ Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen. Stattdessen blieb ich still. Ich war verwirrt. Ich fühlte mich schuldig. Warum war ich auch mit in die Wohnung gegangen? Ich hätte ja nicht mitgehen müssen. Ich sagte kein Wort. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Ich war schuld.
Das Paar zog wenig später aus, doch Zwerg Nase ist mir in den folgenden Jahren noch einige Mal über den Weg gelaufen. Er erkannte mich nicht, oder er tat jedenfalls so, er glotzte stur an seiner Zigarette saugend woanders hin, und jedes Mal fuhr mir der Schreck in die Glieder. Noch mit Dreißig ist mir das passiert, als ich ihn längst um Haupteslänge überragte und mühelos hätte umhauen können, zur Strafe. Ich bin schuldig bis heute. Dass ich es nicht getan habe.
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