Der Brandanschlag von Solingen

29. Mai 93, Pfingstsamstag

Die Luft ist bleiern und schwül, ich finde seit Tagen kaum Schlaf. Wenn ich um halb acht vom Nachtdienst komme und mich aufs Ohr haue, bin ich keine zwei Stunden später wieder wach und starre erschöpft zur Decke.

Mittags klopft es ans Fenster, das auf kipp steht. So fordernd klopft nur mein Bruder. Er steht mit den Fingern praktisch schon im Bett und zerrt an mir.

“Steh auf, Bruder! Es hat gebrannt!”

“Hm..? Was?”

“Am Bärenloch ist heut Nacht ein Haus abgefackelt worden, es hat fünf Tote gegeben. Fünf Türken, oder vier.. Ich weiss nicht.”

“Was denn, bei uns?? Wer?”

Sofort bin ich am Fenster und sperre es ganz auf. Die Morgensonne brennt in den Augen.

“Woher weißt du das?”

“Brauchst nur das Radio anzumachen. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Zieh dich an. Nun mach schon.”

Als ich die Schuhe zubinde, fällt es mir wieder ein. Zwischen zwei und drei in der Nacht saß ich im Hotel vorm Fernseher und hörte die Sirenen. Ein endloser Mahlstrom aus Feuerwehr, Krankenwagen und Polizeiautos, doch ich dachte mir nichts dabei. In schwülen Nächten, zumal bei Vollmond und vor einem langen Wochenende, ist es nichts besonderes, wenn Feuerwehr und Notarzt im Dauereinsatz sind.

In den Parkanlagen laufen wir der Gräfin und Daisy in die Arme. Die Beiden, bepackt mit Tragetaschen und Tüten, kommen vom Einkaufen.

“Guck an, die Herrschaften”, stöhnt die Gräfin. “Könnt ihr gleich mal anfassen und..”

“Am Bärenloch hat es gebrannt”, sag ich sofort, “ich hab dir einen Zettel geschrieben. Es soll fünf Tote gegeben haben.”

“FÜNF.. TOTE? In Solingen??!”

“Ja, fünf Türken”, sagt mein Bruder fast schon genervt. “Oder vier.”

“Wir haben oben im Laden auch so was gehört, aber da war nur von Brandstiftung die Rede”, meint Daisy blass. “Nicht von Toten..”

“Das waren Nazis”, sagt die Gräfin.

Wir bringen die Einkäufe rein, dann machen wir uns auf die Socken. Erst Richtung Papageiensiedlung, dann die steile Schlachthofstraße hoch. Ein großes düsteres Gemurmel liegt über der Nordstadt, und je näher wir dem Bärenloch sind, desto bedrohlicher klingt es.

“Die Nordstadt ist fest in türkischer Hand. Wenn das wirklich Brandstiftung war und die Täter irgendwelche Neonazis, was glaubt ihr, was dann die Post abgeht.”

“Hier gibt’s ne Menge Grauer Wölfe”, wirft die Gräfin ein. Sie kennt Solinger Türken aus der Zeit, als sie noch mit Senol zusammen war, einem in Deutschland geborenen Alleviten. “Für die Grauen Wölfe ist das ein gefundenes Fressen. Können sie den Deutschen endlich was aufs Maul hauen, darauf haben die nur gewartet. Das ist deren Chance. Das sind Faschos, die grauzen Wölfe. Die hassen Deutschland, die hassen Demokratie.”

“Sind doch nicht alle so brutal wie die Grauen Wölfe”, wendet Daisy ein, bleich und außer Puste.

“Natürlich nicht. Aber die heizen die Stimmung an.”

Am Schlagbaum, der großen Hauptverkehrsader der Nordstadt, biegen wir in die Kuller Strasse ein, von da aus geht’s runter zum Bärenloch. Am Rand des weitläufigen Parkgeländes steht das abgebrannte Fachwerkhaus, inmitten benachbarter Häuser, die nichts abbekommen haben und so intakt dastehen, als wäre nichts passiert. Als könnten selbst die adretten Häuschen kaum glauben, was da in ihrer Mitte geschehen ist.

Trauben von Menschen versperren die Sicht auf die Ruine, nur der Dachstuhl ist aus der Entfernung gut zu erkennen, ein Gerippe aus verkohlten rußigen Balken, das in den Himmel ragt. In den oberen Fensterkreuzen hängen Blumensträuße, darüber weht eine rote Fahne, der türkische Halbmond. Es stinkt nach Briketts, nach nassem Papier. Ein Geruch, der mich an meine Kindheit erinnert, als die Kohleöfen nach langen Sommern in Gang kamen und Schornsteine ihren schwarzen Rauch zögerlich in die Luft pumpten.

Überall stehen Grüppchen auf der Strasse, ich seh bekannte Gesichter. Man nickt sich betreten zu. Ausgerechnet Solingen, wa? Ausgerechnet. Ja. Nicht zu fassen. Ein Hubschrauber donnert über uns hinweg, die Leute ducken sich nervös, bis der Helikopter endlich abdreht und über dem nahen Bärenloch zur Landung ansetzt.

“Da sitzt der Seiters drin!” ruft jemand, als käme der Teufel persönlich, um nachzuschauen, ob gute Arbeit abgeliefert wurde. Von irgendwoher ertönt das Wehklagen einer einzelnen Frau, ein arabischer Todessingsang, eine Litanei, die sich nicht lokalisieren läßt.

Wir drängeln uns durch die Menge, bis wir vor dem stinkenden abgebrannten Haus stehen. Auf dem Grundstück sind Wäscheleinen gespannt, an denen Kleider hängen, Unterhosen, weiße Hemden, ein Strampelanzug. Zwei Kinder und drei Frauen, hört man, sollen tot sein. Die Feuerwehr sei zu spät eingetroffen und habe wegen der vielen parkenden Autos Schwierigkeiten gehabt, die Drehleiter auszufahren. Wertvolle Zeit sei verstrichen. Ein Kleinkind soll aufs Pflaster geknallt sein, hat das Sprungtuch verfehlt. Ein Türke liegt angeblich im Koma, die Haut nahezu ganz verbrannt.

Die Gräfin tippt mich an. Auf einem kleinen Betonsockel neben dem von rot-weissen Bändern abgesperrten Hauseingang stehen große, beschriftete Einmachgläser. “Teppich-Probe Eingangsbereich”, entziffert sie eins der Etiketten, und: “Probe Fußmatte. Labor.”

“Das Haus hat gebrannt wie eine Fackel”, spricht ein Anwohner in ein ZDF-Mikrofon, umringt von Presseleuten mit Notizbüchern und Diktiergeräten. “Die Schreie haben mich geweckt. Das war gegen.. halb zwei. Eine Frau hat ein kleines Kind im Arm gehalten und stand im brennenden Fenster.. dann ist sie gesprungen. Da vorn schlug sie auf, auf dem Beton.. ja, da vorn. Ja, da war die Feuerwehr schon da, aber die haben.. nein, so schnell nicht. So schnell konnten sie das Sprungtuch nicht aufspannen..”

Innenminister Seiters taucht auf, mit Gefolge. Er wird mit schrillen Pfiffen und Buhrufen empfangen..

“Who the fuck is Seiters?” spottet mein Bruder. “Kohl müsste hier sein. Aber der ist ja nie da, wenn es brenzlig wird.”

Angeblich sind Skinheads in der Nacht gesehen worden. Mal drei, mal einer, mal war es eine ganze Gang, die flüchtete, nachdem das Feuer ausgebrochen war.

“Soviel Skinheads gibt’s hier doch gar nicht”, sag ich.

“Was denn? In ganz Solingen keine drei Skinheads?” zieht mein Bruder die Augenbrauen hoch. “Hast du das Zählen verlernt?”

“Quatsch. Ich mein, hier gibt’s keine echte rechte Szene.”

“Nur weil hier kaum Kids in Springerstiefeln durch die Gegend rennen, SS-Runen auf den rasierten Schädel tätowiert?”

Immer mehr Leute strömen zur Ruine am Bärenloch, die meisten sind Türken, zornige junge Männer, die eine brodelnde Arena betreten. Aufruhr liegt in der Luft. Unheil.

“Ich krieg es langsam mit der Angst”, meint die Gräfin. Sie will nach Hause. Sie mag keine Gewalt, die in der Luft liegt. Sie und Daisy nehmen ein Taxi, während mein Bruder und ich dableiben. “Passt auf euch auf.”

Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt. Solingen ist kein Dorf wie das niedersächsische Mölln, wo ebenfalls ein von Türken bewohntes Haus gebrannt hat und wo es Tote gab. Solingen liegt nicht im Osten wie Rostock-Lichtenhagen, wo Vietnamesen auf der Flucht vor dem deutschen Mob beinahe gelyncht wurden, es ansonsten aber kaum Ausländer gibt, die auf Rache sinnen konnten. In Solingen und Umgebung, dazu zählt der Ruhrpott und der gesamte Köln-Düsseldorfer Raum, leben hunderttausende Türken, die einen Brandanschlag auf ihre Landsleute nicht einfach hinnehmen, die Gerechtigkeit fordern.

Wenig später beginnt an der sechsspurigen Verkehrskreuzung am Schlagbaum eine erste Sitzblockade. Erst sind es nur ein paar Dutzend Türken, die sich auf dem von der Sonne erhitzten Asphalt niederlassen, schnell sind es hunderte. Autoreifen werden herangerollt und übereinander gestapelt, Matratzen aus einem nahen Betten-und Matratzenmarkt herübergetragen und in Brand gesteckt, der Schlagbaum lodert am hellichten Tag. Autos kurven vorsichtig um die Blockierer herum, mit Schrittgeschwindigkeit. Zwei Spuren sind auf eigene Faust absperrt, Richtung Südstadt geht nichts mehr. Die Polizei läßt sich nicht blicken. Dennoch murrt kein Autofahrer, niemand hupt – schon im eigenen Interesse.

Am frühen Abend werden Extra-Blätter der Lokalpresse verteilt: MIT KIND IM ARM IN DEN TOD GESTÜRZT. Ein Trauermarsch bewegt sich zur Unteren Werner Strasse, flankiert von einer Kolonne türkischer Taxifahrer aus Duisburg und Bochum, die feierlich und aufsässig zugleich Einzug hält. Zum Schluss sind es über zehntausend Bürger, die sich schweigend zum Tatort bewegen. Noch nie habe ich die Straßen der Stadt auch nur annähernd so voller Menschen gesehen. Wütende Sprechchöre flammen auf, in türkischer Sprache, ebben ab, scheitern. Niemand weiß, wohin mit dem Zorn. Der Trauer. Die Atmosphäre ist seltsam heiß und morbide, und doch beinah zart.

30. Mai ’93, Pfingstsonntag

Der Generalbundesanwalt erlässt am Nachmittag Haftbefehl gegen einen 16jährigen Hauptschüler aus Solingen. Nach drei weiteren Komplizen wird gefahndet. Sie haben aus Frust gezündelt, heißt es, weil sie zuvor auf einer Party in einem Schrebergarten Hausverbot erhalten hatten.

Unter den Tätern ist ein Arztsohn, dessen Vater ich zufällig kenne. Wir haben gemeinsam Fußball gespielt in der Auswahl des Städtischen Klinikums, als ich 1980 Zivildienst leistete. Ein Liberaler, ein Linker, der sich für Ärzte gegen den Atomkrieg engagierte, der auf dem Sportplatz vor Einsatzfreude nur so sprühte, der immer gute Laune hatte. Wieso fackelt sein 15jähriger Sohn das Haus einer türkischen Familie ab, als wäre es lästiger Abfall?

Sonntagabend beginnt für mich die letzte von sieben Nachtdiensten. Das Turm-Hotel ist komplett ausgebucht. Pausenlos klingelt das Telefon, ob noch ein Zimmer frei sei. Mein Chef macht das Geschäft der Saison. Die Preise ziehen an.

“Sagen Sie, können Sie noch ne Besenkammer von zu Hause mitbringen?” strahlt der Chef mich an, “die können wir auch noch verkaufen.”

Alle deutschen Fernsehsender haben Reporter und Kamerateams vor Ort, sogar aus Frankreich und England reisen Medienleute an. Der Los Angeles Post hingegen muss der Chef absagen: Sorry, sorry, we’re so sorry, no room, no, no! Sorry.

Absurde Situation an der Rezeption. Der Nachrichtensender n-tv wiederholt just in dem Moment seine Schalte zum Haus am Bärenloch, als derselbe Reporter, der angeblich LIVE vor der Ruine zu sehen ist, vor der Rezeption auftaucht und lauthals seinen Zimmerschlüssel verlangt. Als gleichzeitig seine Stimme aus dem Fernsehapparat plärrt, so sonor, so souverän, so.. LIVE, muss ich auflachen, es platzt richtig aus mir heraus, doch der Anchorman aus der zweiten Reihe verzieht nicht mal eine Miene.

Bis spät in die Nacht schellt das Telefon, laufen Fax-Nachrichten ein, stehen Journalisten am Tresen. Die Welt will wissen, warum die Neonazis hier zugeschlagen haben. Warum ausgerechnet in diesem kreuzbraven Kaff, in dem selbst Punks ihre Leber pflegen wie einen englischen Rasen.

Techniker des WDR hocken im Frühstücksraum und nehmen ein letztes Bier. Ein Journalist steht lässig an der Rezeption und gibt seinen Text per Telefon durch: In der Feuerwehrleitstelle laufen in der Brandnacht 37 Anrufe von Anwohner ein. Einer davon, jetzt Originalton: Unser Türkenhaus brennt!

Nur allmählich kehrt Ruhe ein. Ich setz mich ins Büro, will eine Kippe rauchen, etwas relaxen, da läutet das Telefon. Die Gräfin. Sie ist für zwei, drei Tage nach Soest geflüchtet, wo ihre Lieblings-Oma im Krankenhaus liegt, immer noch, es ist das Herz.

“Oma Soest schläft viel”, erzählt sie, und wie immer, wenn die Gräfin weg ist, und sei es nur für wenige Tage, bin ich froh, ihre warme Stimme zu hören. “Wenn Oma Soest wach wird, ist sie ganz verwirrt. Sie zupft an der Bettdecke wie ein kleines Mädchen und summt Hope hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.”

Ich muss lachen.

“Ist eigentlich nicht zum Lachen”, meint die Gräfin, und lacht leise. “Als ich heute an ihrem Bett gesessen hab, sagt Oma Soest plötzlich, leg dich doch zu mir. Ist doch genug Platz im Bett.”

“Wann kommst du zurück?”

“Wenn es vorbei ist, mit Oma.. Im Moment muss man ja nicht daheim sein, um mitzukriegen, was sich abspielt in der Stadt. Läuft ja alles im Fernsehen.”

Wir verabschieden uns mit kleinen Küssen, die immer leiser werden, wie ein Licht, das herunterdimmt bis es finster ist. Das dauert. Danach setz ich mich vor den Fernseher und guck eine alte Folge von Kojak, Einsatz in Manhattan. Eher beiläufig nehme ich von draussen ein Rumpeln wahr, als würden Container über das Kopfsteinpflaster geschoben, irgendwo unten in der Innenstadt.

Ich denk mir nichts dabei, oben im elften Stock kommen die Geräusche der Stadt häufig merkwürdig verzerrt an, doch dann wird der Lärm so extrem, dass ich kaum noch den Fernseher verstehe. Was treiben die Penner denn da unten? Kippen die Müll-Container um?? Und wer ist das überhaupt, die ?!!

Ich wechsle in den Frühstücksraum, wo Panoramafenster einen grandiosen Ausblick übers Bergische Land bieten, und beobachte elf Stockwerke tiefer, im phosphorgelben Licht der Laternen, eine aufgeputschte Menge in einer breiten Schneise über den Graf-Wilhelm-Platz spurten. Steine werden geschleudert, Schaufenster angesprungen, parkende Autos umgestoßen.

Was zum Teufel..?!? Revolution!!

Vom Tumult überrumpelt, recke ich die Faust zur Decke, in die Nacht hinaus: “JUNGS! JAAA!”

Es dauert keine Minute, da rasen die Streifenwagen heran, die Hauptwache ist keine dreihundert Meter entfernt. Blitzartig teilt sich die Menge in kleine Grüppchen, stiebt auseinander. Einige flüchten in Richtung Eingang Turm-Hotel. Da ist Sackgasse, Jungs, da kommt ihr nicht weiter, da ist Schluss, verdammt! Ich eile rüber zur Rezeption, sehe im Monitor, wie die Burschen, viele vermummt, vor die verschlossene Eingangstür laufen, nicht weiter wissen, während Polizeiwagen aufkreuzen und ihnen den Rückweg abschneiden.

Ich zögere einen Moment, öffne dann per Summer die Eingangstür, und die Gruppe, es sind nicht mehr als fünf oder sechs Leute, verschwindet hastig im Treppenhaus. Wenn sie clever sind und sich auskennen, können sie übers Parkdeck Rot das Weite suchen, durch den Ausgang der Tankstelle. Die Polizei, die eh nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, lässt die Brüder flüchten und macht kehrt, mit kreiselndem Blaulicht und Martinshorn.

31. Mai ’93, Pfingstmontag

Sieben Uhr morgens. Als die Chefin einmarschiert, um mich abzulösen, stapft sie erst mal zum Kühlschrank und entnimmt eine eisgekühlte Cola. Setzt die Flasche an und trinkt sie in einem Zug leer. Dann stöhnt sie wie eine Concierge im Pariser Hochsommer.

“O la la, ist das heiß, Herr Glumm, ich schwitze schon wieder, puh..! Haben Sie schon gesehen, was die Chaoten heut Nacht angerichtet haben?! Die ganze schöne Innenstadt liegt in Trümmern.”

Wovon spricht sie? Die ganze schöne Innenstadt? Die ist tot, seit Solingen am Ende des zweiten Weltkriegs ausgebombt wurde, und was in den 50ern wieder aufgebaut wurde, dieses schmucklose, ängstliche Beton, war wie das letzte Verbrechen der Nationalsozialisten.

“Ich geh mal gucken”, verabschiede ich mich in die Freiwoche.

In den Fußgängerzonen sind tatsächlich so gut wie alle Schaufenster zu Bruch gegangen. Ausnahme: türkische Geschäfte und eine Musikalienhandlung am Schlagbaum, der Inhaber ist Jugoslawe. Griechische Pommesbuden dagegen sind extra platt gemacht worden. Auch vor meiner Lieblings-Kaffeestube am Graf-Wilhelm-Platz, wo es ofenwarme Rosinenschnecken gibt, türmt sich ein Haufen Glas und Schutt.

“Wir sind nicht versichert gegen Glasschaden”, sagt Inhaberin Rosi, die mit ihrem Mann eine große Dämmplatte an der Stelle anbringt, wo zuvor das Schaufenster war. Die Beiden haben ihre letzten Kröten in den Laden gesteckt, und plötzlich schäme ich mich für die Revolution, für meine nächtliche Begeisterung. Scheiß Revolution, aus der Nähe betrachtet.

Die Innenstadt, eine einzige Reparaturwerkstatt. Überall wird genagelt, gehämmert, geküppert. Als Notbehelf werden dicke Pressholz-Platten eingezogen, wo vorher Fenster waren, die beauftragten Schreiner wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht.

Plünderer sollen unterwegs gewesen sein in der Nacht, was ich nicht recht glaube, bis mir auf den Treppenstufen vorm Kaufhof ein Kleiderständer auffällt, an dem nur noch die leeren abgefressenen Bügel hängen.

“Alter, hat das geknallt heut Nacht!” grüßt Benno, ein Junkie, der schon morgens vorm Kaufhof abhängt. Heut Morgen ist er besonders früh dran. Das lässt er sich nicht entgehen, den ganzen schönen Krawall. Er kickt eine zerdepperte Bierpulle vor sich her und setzt sie gegen eine Hauswand, wo sie in noch kleinere Scherben zerspringt. “Wie in Kreuzberg, Alter! Wa?”

Am Straßenrand sammeln sich die braven Bürger der Stadt, ihr Palaver klingt längst nicht mehr so reserviert wie in den Tagen zuvor, als man sich geschämt hat für die jugendlichen deutschen Täter, das ist Geschichte, jetzt wird wieder gezetert: Chaoten, Autonome, türkische Krawallbrüder! raus aus unserer schönen Stadt! Benno zieht den Kopf ein und trollt sich.

“Mach’s gut, Alter.”

Am Nachmittag findet im Bärenloch ein großes Benefizkonzert statt. Zur gleichen Zeit ziehen tausend Türken zum Polizeipräsidium an der Goerdeler Strasse. Sie wollen Gesinnungsgenossen befreien, die in der vorangegangenen Nacht festgenommen wurden. Wieder fliegen Steine, diesmal zwischen rivalisierenden türkischen Gruppen: Linke gegen Graue Wölfe. Die Stadt befindet sich permanent im Ausnahmezustand. Aber nur die Innenstadt. In anderen Ortsteilen bleibt es ruhig. Ruhig, wie immer. Beschaulich. Man trinkt sein Feierabendbier im Garten.

Mein erster freier Abend nach einer Woche Nachtdienst. Das Mumms, eng wie ein Karnickelschlauch, ist rappelvoll, wie sonst nur am Wochenende. Autonome aus Wuppertal und Berlin treffen ein, holen sich Tipps, wo sich Fluchtwege in der Stadt auftun und wo sogenannte Boxringe stehen, falls Nazis auftauchen und es im Kampf Mann gegen Mann geht. An jedem zweiten Tisch liegt ein Stadtplan aus.

“Und sonst? Wie isses? Machste immer noch Nachtdienst?” näselt Micks, dem die Stimme schräg überm Jochbein sitzt, vom vielen Koksen, und den ich länger nicht gesehen hab.

Ich nicke missmutig. Ich meine, gibt es irgendwo einen dämlicheren Job auf der Welt als Nachtportier, für einen Mann Mitte Dreißig? Es sei denn, man hat keine Ambitionen. Dann geht so ein Job in Ordnung.

“Ist garantiert psychisch bedingt, glaub mir das”, nuschelt Micks, “das mit dem Nachtdienst.”

Ich weiß nicht genau, was er damit meint, schätze aber, er hat Recht.

“Wo ist die Gräfin?”

“In Soest”, sag ich. “Auf der Flucht.”

“Vor dir?”

“Vorm Chaos.”

In den TV-Nachrichten kommentiert RTL die Ausschreitungen der letzten Nacht mit dem schönen Satz, “Von der Nordrhein-westfälischen Landesregierung zum Nichtstun verdonnert, antwortet die Polizei mit gaanz vorsichtigem Schlagstock-Einsatz”, und der Tresen im Mumms vibriert vor Gelächter.

Nach Mitternacht statten wir der Brandruine einen Besuch ab. Wir, das ist in diesen Tagen eine wechselnde Geschichte, aber mein Bruder ist auffallend oft mit von der Partie. Karlos lässt sich nicht blicken, auch Schnaat nicht. Der dicke Hansen? Der weiß vermutlich nicht mal, was passiert ist in der Stadt.

Die Kamerawagen der TV-Stationen, von Satellitenschüsseln überwuchert, parken die Bürgersteige am Bärenloch auch zu nächtlicher Stunde zu, die Ruine wird mehr und mehr zum Wallfahrtsort. Zwei Tage schon brennt ein Mahnfeuer, immer wieder von Neuem angefüttert. In der ersten Nacht, so erzählt man sich, haben aufgebrachte Türken ihre Kleider vom Leib gerissen und in die Flammen geworfen.

Überall sind Kerzen und Teelichter, Blumen auf dem Bürgersteig. Das Haus ist merkwürdig unbeteiligt. Die Fenster im Erdgeschoß sind mit Pappe zugestellt, auf eine Fensterbank hat jemand kleine Babyschuhe abgestellt.
Transparente, zuvor auf Demonstrationen durch die Strassen getragen, verhängen die Fenster, fast alle mit türkischen Parolen, nur eins auf Deutsch: “UN-Truppen nicht nach Kuwait, sondern nach Bosnien und Solingen!”

Ich bin unrasiert, seit Tagen.

“Du siehst allmählich selbst schon aus wie ein grimmiger Schwarzkopf”, sagt mein Bruder, “mit deinen Killerstoppeln.”

Das sagt der Richtige. Verdammter Hippie. Wir beobachten den Einzug der nächsten türkischstämmigen Rächer, der Strom reißt nicht ab, ein Auto nach dem anderen, vollbesetzt, die Kennzeichen zugeklebt, den roten Halbmond aus den Fenstern flatternd.

Als wir gegen drei Uhr auf dem Heimweg sind, geht urplötzlich ein mächtiges Gewitter nieder. Es blitzt, es donnert, der Regen prasselt auf die Strassen.

1. Juni ’93. Dienstag.

Erst ruft der Mitsubishi Boy an. Er ist vor zwei Jahren nach Hamburg gezogen.

“Ich häng die ganze Zeit vorm Fernseher und guck, ob ich einen von euch Vögeln erkenne, wenn mal wieder ne Demo ist, aber nie ist einer zu sehen. Hängt ihr nur im Mumms rum? Oder habt ihr noch gar nicht mitgekriegt, was bei euch los ist?”

Kaum hab ich aufgelegt, ruft die Gräfin an. Sie ist traurig.

“Ich glaub, Oma Soest lebt nicht mehr lange.”

Ihre Mutter, die Onkel und Tanten wollen nun dafür sorgen, dass sie aus dem Krankenhaus kommt und daheim sterben kann, im Kreise der Familie.

“Weißt du, Oma Soest hat die schönsten krummen Finger der Welt.. Da steckt der ganze Schmerz des Lebens drin.”

Als kleines Mädchen hat sie Oma Soest fasziniert in der Küche dabei zugeschaut, wie sie das Gulasch zauberte und Torten, und niemals musste Oma Soest eine Waage zu Hilfe nehmen, sie hat alles nach Gefühl gemengt und gewürzt. Und wie lecker sie immer gerochen hat, nach Nivea und nach Essenmachen, für die Gräfin war es der leckerste Geruch der Welt. Zum Abschied sagt sie, ich solle aufpassen, wenn ich auf eine Demo gehe.

“Nicht, dass du dir einen Stein einfängst und blind wirst. Lach nicht.. Kann doch passieren. Ein blöder Querschläger, und das war’s. Wärst du nicht der erste, dem das passiert.”

“Ich halt mich zurück”, sag ich. “Du kennst mich doch.”

“Na, eben, deswegen. Du hast ein Talent für den falschen Moment.”

“Ist wahr?”

“Na, manchmal schon.”

Später Nachmittag, nächster Protestmarsch. Ich bin nur noch auf der Strasse. Das ist meine Stadt, das sind meine Strassen, das sind meine Toten. Einmal, als der Zug am Mumms vorüber zieht, seh ich bekannte Gestalten vor der Tür stehen, Glas Bier in der Hand und so dämlich glotzend, wie ich sonst vorm Mumms stehe, Glas Bier in der Hand und dämlich glotzend.

Nachdem es in der Nacht zuvor erneut gekracht hat und auch die letzte Schaufensterscheibe in der Innenstadt zu Bruch gegangen ist, greift die Polizei härter durch, die Kinnriemen der Helme fest gezurrt. Vor allem auf Autonome, aus der ganzen Republik angereist, haben sie es abgesehen. Auf den schwarzen Block. Selbst die GSG 9, ein lässiges Trüppchen, verschanzt sich in Hofeinfahrten und Seitengässchen, die Beine hochgelegt und am Sack kratzend, bis es los geht.

Abends findet auf dem zentralen Mühlenplatz eine Protestveranstaltung der Gewerkschaft statt. Ich treffe Leute, die ich lange nicht gesehen hab. TB, seit Jahren in Berlin, wo er bei Synanon untergekrochen ist, einer Drogenselbsthilfe, klatscht mich ab.

“Alter.. das gibt’s doch nicht..!”

Das letzte Mal in Solingen war er Ende der 80er, da übernachtete er beim dicken Hansen, dem er freundlicherweise gleich in der ersten Nacht dreihundert Mark und den fabrikneuen Audi 80 geklaut hat. Die Bullen stellten TB keine Stunde später auf der Autobahn, kurz vor der holländischen Grenze.
TB, das Gesicht wie aus der Asservatenkammer, beklagt sich, das man ihn heut schon aus zwei Solinger Kneipen raus geworfen habe, nur weil er ständig in schwarzen Klamotten rumläuft.

“Die halten mich alle für einen Autonomen”, grinst TB, der lange Schlaks. “Mögt ihr keine Autonomen? Dabei bin ich doch nur ein Junkie.” Mit dem Wagen vom dicken Hansen wollte er damals nach Rotterdam, erzählt er ungefragt. “Den Wagen zu Geld machen, von dem Geld Schore kaufen, mit der Schore zurück nach Berlin, Kasse machen.”

“Genialer Plan”, sag ich.

TB legt mir den Arm um die Schulter.

“Alter, du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, endlich clean zu sein.”

Ich glaube ihm kein Wort. Er erzählt, dass er in Haft Gitarrespielen gelernt habe.

“Echt, Alter, da muss man mich erst verhaften, damit ich anfange, Gitarre zu lernen.”

Als ich mich umdrehe, läuft mir der gute alte Kitty über den Weg. Der alte Super-Kapitalist. Wir haben auf dem Gymnasium die Schulbank geteilt und erregt diskutiert. Er hat das Geld verteidigt, ich das Geld der Menschen. Nun lebt er schon lange in den USA. Was ich nicht wusste: er leitet die deutsche Niederlassung der Commerzbank für Nordamerika. Er ist in der Pool Position.

“Und du? Was machst du so?” fragt er aus diesem etwas zu klein geratenen, spöttischen Mund.

“Ich protestiere”, sag ich.

Nach Reden von Lokalpolitikern und Gewerkschaftern marschieren ein paar tausend Türken und Deutsche zur Unteren Werner Strasse. Es ist die fünfte oder sechste Demo, ich komm mit dem Zählen nicht mehr mit, aber zum ersten Mal ist die Polizei mit großem Aufgebot dabei. Wir fühlen uns wie Hooligans, die zum Stadion begleitet werden, damit wir nicht aufs feindliche Lager treffen. Bloß, da ist kein feindliches Lager in den Strassen von Solingen, nirgends. Keine Nazis, die man bekämpfen könnte, niemand, der sich mit offenem Visier in den Weg stellt und ruft, Jawohl, ich verbrenne Kinder, ich verbrenne Frauen, ich verbrenne Türken! Und weil das niemand sagt, endet auch die Randale nicht.

Der Zorn auf die Brandstifter, der Hass auf die schweigende Mehrheit, für die der ruinierte Ruf der Stadt wichtiger ist als der Tod von Menschen, findet kein anderes Ventil. Die Täter sitzen, obwohl gefasst, daheim.

Und dann rauscht am Schlagbaum, der großen Verkehrskreuzung, die eigentlich abgesperrt ist, ein weißer Volvo in das Ende des Protestzugs. Niemand weiß, woher der Wagen so plötzlich gekommen ist. Ein Mädchen, 15 Jahre alt, wird auf die Motorhaube geschleudert.

“NAZIS!” brüllt jemand.

Ich glaube, das bin ich. Mein Bruder wird kreidebleich. Der Volvo, HA – Hagener Kennzeichen, versucht zu flüchten, wird von aufgebrachten Türken verfolgt. Zwei Streifenautos schneiden dem Wagen in letzter Sekunde den Weg ab. Stoppen ihn, zerren zwei Männer aus dem Wagen. Deutsche, militärisch kurzer Haarschnitt, Doc Martens Stiefel.

Pflastersteine fliegen aus den angrenzenden Gärten, Polizisten reißen ihre Schutzschilder hoch, schützen die beiden Nazis vor jungen Türken aus der Nordstadt, schnell sind weitere Streifenwagen da. Die Stimmung in der Stadt ist auf dem Siedepunkt. Erneut lodern am Schlagbaum Brände auf, Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes donnern im Tiefflug über die Stadt, setzen Sondereinsatzkommandos ab. Eine dritte Nacht mit Millionenschaden soll es nicht geben. Das Viertel am Schlagbaum ist ein Meer aus weißen Polizeihelmen und schwarzen Kapuzen von Autonomen und jungen Türken, andere Leute trauen sich kaum noch auf die Strasse.

Es folgt die bislang härteste Nacht, aber ich bin nicht dabei. Ich bin müde und geh nach Hause. Als ich im Bett liege, höre ich die Konzerte aus der Stadt, es klingt wie das Geblöke von Kampfschafen bei Vollmond.

3. Juni ’93, Donnerstag

Heute findet die offizielle Trauerfeier für die Opfer statt, für den kommenden Samstag ist eine letzte Groß-Demo geplant mit 50.000 Teilnehmern. Die vier Brandstifter sitzen in U-Haft. Außer einem bereits inhaftierten 16jährigen drei weitere Solinger im Alter zwischen 15 und 23 Jahren. Alle wohnen in der Nähe des Tatorts und waren dafür bekannt, im Bärenloch paramilitärischen Scheiß veranstaltet zu haben.

In der Lokalpresse wird eine Skizze veröffentlicht, mit der sich verfolgen lässt, welchen Weg das Quartett in der Nacht von Freitag auf Pfingstsamstag zum Bärenloch genommen hat, nachdem es auf einer Party rausgeschmissen wurde. Zur Strafe, schworen sie, sollte das Türkenhaus büßen.

Ich verfolge den Weg in der Zeitung mit dem Finger. Selbst die eingezeichneten Abkürzungen kenne ich so gut, dass ich den Weg in der Phantasie mitgehe. Auch wie die vier gezielt die BP-Nachttanke aufsuchten und einen Kanister Benzin kauften, ist nachvollziehbar. Aber was sie in dieser schwülen Nacht geredet haben mögen, da hört es bei mir auf. Das funktioniert nicht. Ich kenne ihre Sprache nicht. Ich weiß nicht, was sie geredet haben, beim Pläne schmieden.

6. Juni ’93, Sonntag

Statt der erwarteten fünfzigtausend Leute sind es nicht mal fünfzehntausend, die sich am Samstag zum großen Finale versammeln, zur Großdemonstration auf dem staubigen Platz unten am Weyersberg, wo sonst die großen Zirkusse gastieren. Tausende Autonome aus dem ganzen Bundesgebiet und linke Türken verbrüdern sich gegen rechte Graue Wölfe, und alle zusammen gegen die Bullen.

Yüksel, ein türkischer Taxifahrer, den ich schon lange kenne, erklärt die plötzliche Radikalität seiner Landsleute auch damit, dass man in der Heimat traditionell überzeugt sei, jeder Türke sei als Soldat geboren. Mich nervt es nur noch, die ganzen Auto-Korsos, die Pfeifkonzerte, der ganze beschissene Hass, der ständig geschürt wird. Vor allem der schwarze Block ist auf nichts anderes als Krawall aus. Wie alle Spießer haben sie ein fest umrissenes Feindbild, unumstößlich: Bullen sind Schweine, und es läßt sich nicht reden mit ihnen. Ich seile mich ab. Ich bin erledigt. Erschöpft. Ich brauch Entspannung.

Weil ich in der Nähe bin, klingle ich bei Fleschkönigs. Ein Prinz aus dem Poesiealbum meiner Kindheit. Er trug schon als Junge das rote Haar schulterlang, und ich hab noch etwas gut bei ihm, seit er mich 1965 im Sandkasten beschissen hat, bei einem Tauschgeschäft. Weil er von mir damals ein fast nagelneues Matchboxauto ergaunerte, einen hummerroten Maserati, während ich von ihm bloß einen gelben Plastik-Citröen bekam, eine 2CV, eine miese Ente, bei der auch noch die Räder vorne blockierten.

“Du hast noch was gut bei mir”, hatte er letztens versprochen, als ich daran erinnerte, an den Beschiss, und jetzt ist es soweit, ich werde das Versprechen einlösen. Ich brauche Entspannung. Flesch ist der lässigste Mann, der mir je begegnet ist. Schon sein Gang ist von einer afrikanischen Schwere und Duldsamkeit, als trüge er Kohlensäcke über den Schultern. Ich klingele.

Er öffnet. Er hat Besuch. Ein Kumpel. Zu zweit sitzen sie auf der Couch, bis zum Kragen zu mit Heroin. Sie verfolgen im Fernseher eine Live-Reportage von den Krawallen in der Stadt, genauer gesagt: unten vor der Haustüre. Welch eine Momentaufnahme. Das Pfeifkonzert kommt in Stereophon, links von der Strasse, rechts aus dem TV-Gerät. Eine ohrenbetäubend skurrile Live-Installation.

“Flesch, was hältst du von der Sache?” rufe ich, nachdem er mir eine Line gestreut hat, und Fleschkönigs, lange rote Haare, Sonnenbrille X-Large, die Augen auf Halbmast, entgegenet: “Alter, ich guck mir das seit Tagen in der Glotze an, das ist mir zu heftig. Das muss ich nicht haben, hör mal..”

Nicht ein einziges Mal habe er in den vergangenen Tagen den Fuß vor die Türe gesetzt, obwohl er mitten im Getümmel wohnt. Andererseits, was soll ein Junkie auch da draußen? So lange er genug gutes Material im Haus hat und im Fernsehen alles live übertragen wird.

“Scheiße, ich kack ab”, murmelt sein Kumpel, den ich nicht kenne, und nickt ein. Joghurt tröpfelt ihm vom Kinn.

Flesch ist erst seit kurzem wieder im Lande, nachdem er eine Weile versc. Keiner wusste, was Sache war, nicht mal seine besten Kumpel. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer Klinik in New England vor sich hin, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Spanien verhaftet worden. Als er mir dann Anfang des Jahres wieder über den Weg lief, am Mühlenhof, sah er aus wie ein verdammter Banker, mit verspiegelter Sonnenbrille und teurem Nadelstreifenanzug. Nur, dass er statt der gefalteten FAZ die BILD unterm Arm trug, leger zusammengerollt.

Nachdem wir uns kurz in den Armen lagen, fragte ich ihn, wo er gesteckt habe, all die Zeit. Ob das wahr sei, mit AIDS und so.

“Quatsch, Alter! Ich war drei Jahre im Zigeunerlager in Rotterdam, bin unter Messerwerfern und Feuerschluckern abgetaucht. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und einen großen Puffi-Hund. War cool. Jetzt wohn ich bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse.”

Zwischen Rotterdam und den Hühnern war dann noch die Sache mit dem internationalen Haftbefehl, der ihn ereilte, Flesch musste achtzehn Monate in Wuppertal absitzen.

“Am Siemonshöfchen hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, du verstehst..”

Er machte eine Geste, als ob ich schon Bescheid wüsste, und nahm die Sonnenbrille ab.

Ich lege Flesch einen Zehner auf den Tisch, worauf er noch einen streut. Kein langes Palaver. Ich zieh eine ordentliche Nase, zwischen leeren schimmligen Joghurtbechern, und dann sehe ich zu, dass ich Land gewinne.

Schlagwörter: , , , , , , ,

Eine Antwort zu „Der Brandanschlag von Solingen“

  1. 2011 in review « Glumm sagt:

    [...] 24. Der Brandanschlag von Solingen [...]

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 42 other followers