Chip wirkte schmal und zerbrechlich, und das Haar fiel ihm lang und dünn über die Schultern und glänzte so intensiv, als hätte er ewig im Regen gestanden. Er war ein großer Fan von Deutschrock. Er besaß eine Menge Scheiben von Eloy, NEU und Kraftwerk, und er hatte den penibelst ausgekämmten Mittelscheitel der Welt, genau in der Schädelmitte, null Uhr, Greenwich-Time.
Mit langen zittrigen Fingern strich er sich das Haar aus dem Gesicht.
“Ins Klo”, rief er, “kotz in das scheiß Klo, nicht daneben!”
Ich hing überm Pott und kotzte alles aus, was nicht niet und nagelfest in meinem Inneren verschraubt war. Wir hatten schwer gesoffen und dann ein Bong geraucht, obwohl mir die Bongraucherei nicht bekam, wenn ich besoffen war. Bongrauchen war nichts für mich, es gab mir jedes Mal den Rest, doch wenn man bei Leuten herumhing, die auf Effizienz achteten, kam man am Bongrauchen nicht vorbei. Entweder man zog den Blubber, oder man war draußen. Draußen sein war aber das letzte, was ich wollte, wenn ich einen im Kahn hatte, im Gegenteil. Nie war ich schärfer aufs Kiffen, als nach zehn, zwölf Bier und ein paar Schnäpsen, auch wenn ich es nicht besonders vertrug. Mein Kreislauf zeigte mir einen Vogel und brach zusammen, und so fand ich mich auf dem Rand der Badewanne wieder, in einer kleinen Dachgeschoßwohnung in der Nordstadt.
“Nicht in die Wanne! Ins Klo! Ooh Scheiße.. DA IST DAS KLO! NICHT DANEBEN! NICHT IN DIE WANNE!!”
Ich wusste gar nicht, dass Chip so hysterisch werden konnte. So motzig. Chip wohnte bei seiner Mutter, die schon so alt und runzelig aussah wie eine Oma. Konnte eine Mutter denn so alt aussehen? Ging das überhaupt? Manch einer glaubte Chip das nicht. Sie bekam schließlich eine kleine Rente und ihr Mann war schon längst tot, sie war Witwe. Doch warum zum Teufel hätte Chip seine Oma als seine Mutter verkaufen sollen? Nein, es machte keinen Sinn. Sie sah verdammt alt aus, und nett war sie auch nicht. Aber sie war seine Mutter.
Chip hielt mir einen nassen Aufnehmer hin.
“Hier, putz das weg.”
“Tut mir leid, Chip”, röchelte ich. Ich war noch nicht fertig mit Kotzen.
“Klar, Mann. Mach einfach weg.”
Viertelstunde später. Ich war müde und wollte nur noch nach Hause, in mein Bett. Vielleicht vorher kurz den Kühlschrank in der Küche leerfressen. Mal sehen. Ich wankte durchs Treppenhaus, und verlor das Gleichgewicht. Ich stolperte die Stufen hinunter, und da ich nicht mehr in der Lage war, mich zu fangen, knallte ich der Länge nach durch die geschlossene Türe der Parterrewohnung. In der Mitte befand sich ein Glaseinsatz, der klirrend zerbarst. Ich fand mich in der Diele wieder, in der Diele einer fremden Bude, in den Scherben einer geborstenen Etagentür. Der Mordslärm vom Sturz und das Geklirre brachte die Mieter der Wohnung auf den Plan, mit erschrockenen Gesichtern standen sie um mich herum.
“WER IST DAS?” schrie der Herr des Hauses.
Ich glotzte zu ihm hoch. Ich lag da und sah in sein haßerfülltes Gesicht, das nicht glauben wollte, was es da sah: Ein stinkebesoffener Jüngling, der mit voller Wucht in seine Diele gerauscht war, mitten durch die Tür, durchs Glas, und nun vor ihm lag.
Ich rappelte mich auf. Nirgendwo war Blut zu sehen, weder an mir, noch auf dem Boden. Nur Scherben und das gesplitterte Holz vom Türrahmen.
Keine drei Monate zuvor hatten meine Eltern einen guten Riecher bewiesen und eine Haftpflichtversicherung für mich abgeschlossen. Das war doch schon mal was. Ich sah Chip durch das riesige Loch in der Tür, er stand oben auf dem Treppenabsatz und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen.
“Mann, Scheiße”, räusperte ich mich, “tschulligung.”
Paar Wochen drauf war Chip von der Bildfläche verschwunden. Niemand wusste, was aus ihm geworden war. Gelegentlich sah ich seine Mutter, wenn sie zum Supermarkt schlich. Ihr Blick war so eisig und nach innen gerichtet, so abweisend und grau-verloren, ich traute mich nicht, sie nach Chip zu fragen. Außerdem war sie seit der Sache im Treppenhaus nicht gut auf mich zu sprechen.
Ich traf ihn zwei Jahre später auf dem Mühlenhof wieder, einem Platz mitten in der Stadt, voller Wasserspiele und schattiger Fleckchen. Er saß auf der Mauer, blass wie eh und je. Er habe in einer Drückerkolonne gearbeitet, erzählte er mit schmalen Lippen und kleinen Froschäuglein, und sie hatten ihm übel mitgespielt. Geld vorenthalten, verprügelt, Psychoterror. Die ganze Kiste.
Aus der Nähe betrachtet sah sein langes dünnes Haar immer noch so aus, als wäre es ewig im Regen gewesen. Aber der Glanz war dahin. Es war nur noch nass.
“Und jetzt?” .
“Nächste Woche bin ich wieder weg. Schnauze voll. Jetzt schon.”
“Und was machst du? Was hast du vor?”
“Na, Zeitschriftenwerber.. Was sonst.”
“Ich denk, die haben dich abgezogen..?”
Seine Beine baumelten die Mauer hinab. Er lächelte, und er guckte mich klein und traurig an.
“Ich weiß. Aber Hauptsache, ich bin unterwegs. Zuhause würde ich ja doch nur rumsitzen und darauf warten, dass Freunde klingeln und mir das Bad vollkotzen. Und die werden weniger mit den Jahren, die Freunde, achte mal drauf. Hinterher klingelt niemand mehr. Nicht mal eure Kotze darf ich dann noch wegwischen. Nee, da bin ich lieber unterwegs und tu so, als würde ich nicht merken, wie ich verarscht werde. Wenn die ihren Spaß daran haben.. sollen sie doch. Hauptsache, ich bin unterwegs. Weisst du, was das wichtigste ist im Leben?”
Ich guckte ihn an.
“Wegkommen”, sagte er.
Wir gingen rüber ins Mumms und tranken ein paar Bierchen.
Schlagwörter: Deutschland, Glumm
7. Juli 2010 um 18:03 |
[...] Chip « Studio Glumm "Bongrauchen war einfach nichts für mich, aber wenn man bei Leuten rumhing, die auf Effizienz achteten, kam man daran nicht vorbei. Entweder man zog den Blubber, oder man war draußen." – lest 500! [...]
7. Juli 2010 um 21:23 |
Will was schreiben, weiss nicht was. Die alten Freunde, ich hab auch solche und bin für manche so einer. Glumm, schöne Erinnerung.
7. Juli 2010 um 21:42 |
Herr Glumm,
nur geil, einfach nur geil. Vielen Dank von einem sonst stillen Leser, der hat echt gesessen. Hach wie war das schön früher…
völlig zustimmend,
der pferd
8. Juli 2010 um 08:12 |
sehr schön geschrieben und dann dieser Wiedererkennungswert.
Daumen hoch.
Grüße aus Hamburg
8. Juli 2010 um 10:07 |
Darauf, werter Herr Glumm, ein Helles (oder drei).
Herzlich
Ihr Schoss
9. Juli 2010 um 08:02 |
Der Trick ist, erst zu kiffen und danach zu saufen.
9. Juli 2010 um 17:23 |
mit den türen hast es aber auch,besonders die zerbrechlichen glastüren ziehen dich magisch an.
wie wärs mit ner brille ,chef.?hihi
31. Januar 2012 um 13:38 |
[...] 37. Chip [...]