SHINDIG!

Immer mal wieder begegnet einem so ein Wort, das einen anknallt wie erstklassiges Koks, das dampft und zischt wie ein Brandzeichen, das aufbraust wie der Hitzkopf unter den Worten, kurzum – das ein für alle Mal die Dinge auf einen magischen Nenner bringt, in schwarz geteerten Blockbuchstaben und mit Ausrufezeichen:

SHINDIG!

Wer nach raren Oldies der 60er Jahre googelt, nach Doo Wop und Girl Groups, der wird zwangsläufig auf SHINDIG! (Umgangssprache für laute ausgelassene Party) stoßen, US-amerikanische TV-Show zwischen 1963 und 65.

Eine Zeit, als Musiksendungen im deutschen Fernsehen Namen trugen wie Musik aus Studio B, ausgedacht von TV-Redakteuren, die ihr Leben auf Festanstellung, vier Wochen Jahresurlaub und ein gutes Verhältnis zur Sekretärin aufbauten. (Andererseits, wie  hätte eine Show jener Jahre in Deutschland schon heißen sollen, mit Acts wie Siggy Klein, Gerhard Wendtland und Hans-Jürgen Bäumler? SCHROTTIG?)

Und auch amerikanische Shows liefen ja nicht alle unter griffigen Titeln, auch dort gab es nur ab und an diesen einen Redakteur, der kurz davor stand, gefeuert zu werden, dessen Ehefrau gerade abgehauen war und der zugesoffen und mit nacktem Hintern den Highway überquert hatte, genau in dem Moment, als die State Patrol Streife fuhr.

Und dann lag tagsdrauf dieses neue Format auf seinem Schreibtisch, eine Show mit Live-Musik, die noch keinen Namen hatte: SHINDIG!

(Let’s Turkey Trot war eigentlich die B-Seite von Little Evas einzigem großen Hit, Loco-Motion.)

Es dauerte nicht mal einen halben Takt, schon war ich wieder drin. Als wäre der Song niemals weg gewesen, als hätte ich ihn nicht das letzte Mal vor über zwanzig Jahren gehört.

Ein TV-Beitrag über kurzlebige Modetänze wie Lambada wurde mit Sprenkeln von Loco-Motion unterlegt, nicht mal drei Sekunden lang, schon verschwand die Nummer wieder unter der harschen Stimme aus dem Off.

Aber es reichte. Es reichte, um in meiner Erinnerung wieder vorm Plattenspieler zu hocken, den Kopfhörer auf, etwa 1974 – 76. Den Song Loco-Motion hab ich damals wohl tausend Mal gehört, eine brettharte 45er-Single des wunderbaren London-Labels, schon damals ein Golden Oldie, ein treibender Tanztsunami, andererseits schwer und massiv wie ein Motorblock, come on, Baby, that’s right, a-haa; wie tanzen klang das, und doch nicht vom Fleck kommen.

Fand ich gut.

Produziert wurde „Loco-Motion“ 1962 von Phil Spector, dem Erfinder des Wall of Sound. Da wurde nicht groß mit Stereo experimentiert, im Gegenteil, die Songs kamen als Wand aus dem Studio, die einem gegenüberstand und an der man sich abarbeiten musste als Zuhörer, die einen forderte und verschlang und süchtig machte nach dem nächsten dicken Ziegelstein.

Andererseits war der Wall of Sound dünnes Eis, auf dem Phil Spector sich bewegte, es gab immer wieder Nummern, die nicht funktionierten. Sie regten mich auf, sie nervten, waren nichts als 3 Minuten Talmi, sie waren nichts als falsches, allerfiesestes Mono: „Zip-A-Dee-Doo-Da“ etwa, von den Ronettes. Was ein Müll.

*
Meine Bibel hieß A-Wop-Bop-A-Loo-Bop-A-Wop-Bam-Boom, ein Buch über den frühen amerikanischen Rock’n Roll und die britische Beatmusik, geschrieben von Nik Cohn. Ich entdeckte es in der Stadtbücherei.

Es ist das witzigste, das intelligenteste und das rotzigste Buch, das ich jemals gelesen habe,  ich habe es regelrecht zerfetzt beim Lesen, so sehr pochte mein Herz, wenn Nik Cohn vom Leder zog. Übrig geblieben sind einzelne vergilbte Seiten, die mir heute noch entgegenfliegen, wenn ich mit der  Hand ins Regal fahre.

*
Manchmal warte ich nur darauf, dass es passiert. Dass der Alltag endlich aufgebrochen wird, dass die Magie ihr Köpfchen erhebt und.. ach, was. Wenn man drauf wartet, passiert sowieso nichts.

Da ist man schon froh, wenn der Hippie-Nachbar seinen alten VW-Käfer startet, mit diesem Geräusch aus meiner Kindheit, als drehe sich serienmäßig der Zündschlüssel mit, während der Motor anläuft.

Hach.

*

Wo wir schon mal in der Zeit sind: einen der schönsten und hoffnungsvollsten Songs, der (für meine Ohren) je geschrieben wurde, hab ich mal in Sachen, die ich gut finde erwähnt:

..

Ich mag seit langer Zeit “People get ready” in diversen Versionen und bin stolz darauf, dass es die Ur-Version der Impressions auf Rang 24 der 500 Greatest Songs of All Time geschafft hat, gewählt vom Rolling Stone im Jahre 2004.

 

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3 Antworten zu „SHINDIG!“

  1. axeage sagt:

    Die Urversion von People Get Ready ist wirklich großartig!
    Vor allem das Timing ist dermaßen ausgeklügelt. Von den mehrstimmigen Gesängen gar nicht zu sprechen.
    Eins-A-Plus !!

  2. kurt sagt:

    das hätte ich ohne die etwas süssen, dunklen zappelbeinchen im hintergrund wahrscheinlich übersendiert,
    und türke iss doch ein alter hahn, oda wie, oda watt…!

  3. Sachen, die ich gut finde – That’s the way I like it « Glumm sagt:

    [...] SHINDIG! [...]

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