Heiligabend 1976 schenkte mir der langhaarige Freund meiner Schwester, mit dem sie heute noch verheiratet ist und der so gerne ein Zugvogel geworden wäre, “weil die sich immer schön im gleichen Rhythmus bewegen”, ein Doppel-Album der Doors, Weird Scenes Inside the Goldmine, eine Art Best of.
Von da an war ich süchtig nach der Band, und bald steckte ich auch Karlos damit an. Zwar war Jim Morrison bereits seit dem 3. Juli 1971 tot, angeblich ertrunken in einer Badewanne in Paris, doch das förderte den Kult nur. Unsere Ledertornister zierten fortan mächtige I.N.R.I.-Kreuze, das Anarcho-Zeichen und THE DOORS in verschiedenen Schriftzügen.
Wir begannen, Textzeilen von Jim Morrison in die Schulbank einzuritzen. Break on through to the other side stand da, There will never be another one like you. Selbst in der großen Pause blieben Karlos und ich im Klassenzimmer zurück, This is the end, beautiful friend. Wenn die Beatles, die es auch längst nicht mehr gab, Petting waren, und die Stones waren Sex und Led Zeppelin Fellatio, dann waren die Doors Bumsen in der Badewanne mit anschließendem Selbstmordversuch, ein schwermütiges Vergnügen.
Wir ließen uns das Haar über die Schultern wachsen, mopsten die ausgedienten schwarzen Persianer unserer Mütter vom Speicher und begannen, Schweinereien und düstere Gedichte in einem Notizbuch festzuhalten.
Und weil mir meine Gedichte gefielen, ritzte ich sie ebenfalls in die Schulbank, neben Jim Morrison, den ich fortan als Kumpel betrachtete.Ein kurzes Gedicht endete: Gestern erlag die Utopie ihren inneren Blutungen. Bisschen steif, bisschen verschwurbelt, bisschen 16 Jahre jung. Aber einprägsam. In Klammern ritzte ich meinen Namen dahinter. Damit auch jeder wusste, mit wem er es zu tun hatte, verdammt!
Ein anderes Poem war Du bist mein Schatz, du bist mein Stern, auch wenn du stinkst und wichst und säufst, ich hab dich gern, ein neu arrangiertes Traditional, und nicht mal von mir selbst neu arrangiert, sondern von Lena, meiner ersten richtigen Freundin, die mir in die Hose ging. Beziehungsweise meiner ersten Freundin, die mir richtig in die Hose ging. Prompt wurde ich dabei von Rasemann erwischt, unserem Deutschlehrer, den alle nur Sausi nannten. Sausi war ein gerechter, aber strenger älterer Herr, der morgens im sonnengelben Mercedes vorfuhr und es nicht gerne sah, wenn Schüler Eigentum der Schule beschädigten.
“Wieso hat die Utopie Blähungen?? Was soll der Blödsinn, Glumm!?” stauchte er mich vor der versammelten Untertertia zusammen.
“Blutungen”, verbesserte ich ihn. “Die Utopie erliegt ihren inneren Blutungen.”
“Na schön. Und warum Blutungen? Was soll der Blödsinn?”
Sausi gab nicht nur Deutsch, sondern auch Philosophie, und als mir auf seine Fragen keine plausible Antwort einfiel, brach ihm der Schweiß aus und er schrie, was er immer schrie, wenn er nicht mehr weiter wusste: “Glumm! Nimmst du etwa Kokain?!!”Und das nur, weil ich irgendwas von Utopie und Tod geschrieben hatte, was mir selbst ein Rätsel war.
Das andere kleine Gedicht dagegen, .. auch wenn du stinkst und wichst und säufst, ich hab dich gern, schien Sausi weniger zu beeindrucken. Er verlor kein Wort darüber. Auch mein hymnisches Feiern der Songtexte von Jim Morrison und den Doors übersah er geflissentlich. Doch diese kurze und schwer sechzehnjährige Abhandlung über das Wesen der Utopie, das war zuviel für ihn.
“Das ist Anarchie, Glumm! Du nimmst Kokain! GLUMM, NIMMST DU KOKAIN??!”
Als Strafe brummte er mir auf, das Schreibpult wieder in seinen tadellosen Ur-Zustand zu versetzen. “Wie du das hinkriegst, ist deine Sache! Aber besser ist, du kriegst es hin!”
Typisch war, dass Karlos heil aus der Sache herauskam, weil er nicht so viel Aufhebens um seine Bankschmierereien machte, während ich alles tat, um als Fink identifiziert zu werden. Aber irgendwie war ich stolz darauf. Es waren meine Worte. Der Vater eines Klassenkameraden betrieb eine Schreinerei, wo ich mir an zwei heißen Sommernachmittagen einen Wolf schmirgelte, bis die Holzoberfläche des Pults wieder blank war “wie ein Kinderpopo!” Das brüllte der Vater des Klassenkameraden jedes Mal, wenn er mir in der lauten Werkstatt über die Schulter blickte, “blank wie ein Kinderpopo!”
Ich hörte diese Worte an den beiden Nachmittagen in der Schreinerei so oft, dass es mich nicht die Bohne wunderte, als mein Klassenkamerad mir Wochen später bedrückt erzählte, man habe bei seinem Vater eine Erbse im Gehirn entdeckt, die operativ nicht zu entfernen war. Noch heute ist das Wort Kinderpopo ein rotes Tuch für mich. Begegnet es mir irgendwo, sehe ich einen Packen Schmirgelpapier vor mir sowie einen alten Schreinermeister, der mir zornig über die Schultern glotzt, mit einer Erbse im Kopf.
Insgesamt war die Geschichte eine traumatische Erfahrung: Texte bringen Scherereien, eigene ganz besonders, jedenfalls wenn man sie ins Holz ritzt und keinen Hehl aus seiner Autorenschaft macht. Ich versuchte es bald darauf mit dem Tippen auf Papier, mit einer Maschine. Das war schon besser. Da wurde man nicht so schnell erwischt. Jedenfalls wenn man seinen Namen dahinter wegliess. Doch genau das fiel mir sehr, sehr schwer.
Und auf 500beine: Intermezzo am Spülstein
Tags: Jim Morrison, Jim Morrison Tod in der Badewanne, Rock'n Roll, The Doors


15. September 2010 um 11:12 |
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24. Januar 2012 um 13:39 |
die sausis gab es an jeder schule
die sausis gingen
die schulbänke blieben
die inschriften auch
das alte holz trägt immer noch die restspur dieser leidenschaften
manche im museum
manche verschrottet,,verbrannt und eingestampft
manche haben ein neues leben
meine
da steht: kein zwang bricht diesen geist
…
15. September 2010 um 14:59 |
Also erstmal Glückwunsch zum fuchzigsten!
Aber sag’ mal, wenn ich das auf der Erektionszeichnung richtig lese, steht da unten Glumm 97. Du warst also bereits 37, als Du das gemalt hast.
Wie soll ich das denn deuten?
15. September 2010 um 15:13 |
.. so kommt am Ende alles raus. Es stimmt, dass ist ’97 gezeichnet, aber in Reminiszens an 1977. Ich hinke ja im Schnitt 20 Jahre meiner Vergangenheit hinterher. 20-30 Jahre. Das ist mein Tempo. Von einzelnen schnellen Tempogegenstößen abgesehen, bin ich ständig im Gegentempo unterwegs.
16. September 2010 um 09:06 |
Wieder mal köstlich, Herr Glumm.
16. September 2010 um 18:56 |
Amüsant…
17. September 2010 um 07:54 |
Daumen hoch.
3. Januar 2011 um 11:40 |
[...] Bumsen in der Badewanne September 20106 comments 3 [...]
4. Januar 2012 um 16:23 |
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