Wo wir auch spielten, wir spielten auf Asche. Samstags im Verein, unter der Woche auf dem Bolzplatz. Ich hab heute noch Asche in den Knien von den Ascheplätzen meiner Jugend. Als ich die Gräfin im Winter 87 kennenlernte, war ich perplex: auch sie führte den Schotter der Kindheit in den Knien spazieren.
“Als kleines Mädchen hatte ich ständig blutige Knie, so oft bin ich hingeflogen. Beim Gummitwist, beim Radfahren, beim Reiten. Und natürlich beim Rollschuhlaufen. Ich hatte eine verdammt blutige Kindheit, da in Trills.”
Sie sitzt in der Küche und schnürt sich die Schuhe zu. Sie hat einen Termin beim Zahnarzt. Nichts besonderes. Routinecheck. Trotzdem ist ihr mulmig zumute, wie vor jedem Zahnarztbesuch.
“Hab ich dir eigentlich je von Frau Doktor Süß erzählt?” sagt sie.
“Frau Doktor Süß? Nee. Wer soll das sein?”
“Die Zahnärztin in meiner Kindheit. Eine alte Hexe. Die hatte strohiges blondes Haar und einen Mundgeruch, ich glaub, die hat Stinkbomben gemampft wie andere Leute Colafläschchen. Und ihr Lippenstift war ständig verkrustet, ihre Mundwinkel voller rosa Bröckchen. Ich mochte die olle Kuh von Anfang an nicht. Wie konnte man Süß heissen, und so aus dem Maul stinken.”
“Wahrscheinlich war sie magenkrank”, gebe ich zu bedenken.
“Ach, die! Die war überall krank!”
Die kleine Gräfin war gerade eingeschult worden, als sie einen Termin bei Frau Doktor Süß hatte. Ein Loch im Milchzahn. Ihre Mutter stand neben dem Behandlungsstuhl und hielt ihr Händchen, doch erst nach gutem Zureden durfte Frau Doktor ihrer Arbeit nachgehen, mit diesem kalten chirurgischen Haken, mit dem sie einem in den Zähnen pulte.
“Die ganze Praxis jagte mir Angst ein, alles war so fremd und hell und klinisch, und als dann noch der Bohrer angeworfen wurde und die alte Zahnärztin beugte sich über mich mit ihrem fauligen Fisch-Atem, da war Schluss. Da hatte ich genug, ich machte den Mund zu. Sonst hätte ich kotzen müssen.”
“Mh. Und deine Mutter?”
“Na, du kennst doch meine Mutter. Die war natürlich genervt, weil es mal wieder nicht so lief, wie sie das wollte. Dabei hatte ich doch nur Angst in diesem Moment. Ich seh noch mein kleines Händchen vertrauensvoll in ihrer Hand, doch dann schlug sie sich auf die Seite der Zahnärztin und ließ mich los, und das Vertrauen war hinüber.”
Frau Doktor aber hatte genug gesehen: Karies, und wurde rabiat. Die Hand zur Greifzange geformt, hebelte sie der 6jährigen den Mund auf, trotz heftigster Gegenwehr.
“Ein Spalt nur genügte der ollen Kuh, um blitzschnell den Bohrer einzuführen. Und da hab ich instinktiv zugebissen, auf den Bohrer, und nicht mehr losgelassen. Der ging nicht vor und nicht zurück, der steckte bombenfest. Das war die pure Angst, die mich auf den Bohrer beissen ließ.”
“Jetzt ist aber Schluss!” brüllte Frau Doktor Süß, und die Mutter der Gräfin bekam einen roten Kopf vor Aufregung.
“Nun lass Frau Doktor doch mal machen!”
“Aber nichts da. Die hätten mich totprügeln können, ich hätte den Bohrer nicht hergegeben. Was ich hab, das hab ich. Da bin ich störrisch wie ein Esel.”
“Und wie bist du rausgekommen aus der Nummer?”
“Die olle Kuh musste erst den Raum verlassen, da hab ich den Mund wieder aufgekriegt.” Sie pfeift einmal kurz auf. “Und als sie wieder reinkam und einen dritten Versuch starten wollte, hab ich mich auf den Boden geworfen und um mich getreten und gebrüllt: die stinkt, hab ich gebrüllt. Die alte Hexe stinkt! Den Gestank hab ich heut noch in der Nase.”
“Ja, das ist schlecht”, sag ich. “Unternehmenstechnisch jetzt. Eine Zahnärztin, die aus dem Hals schlammt.”
“Die hat auch aufgehört, kurz darauf.”
“Siehste.”
“Ist pensioniert worden.”
“Mh.”
“Hat einen Vertreter geheiratet. Für Fischstäbchen.”
“Ist wahr?”
“Weiss ich nicht. Aber die Geschichte geht ja noch weiter. Die Praxis lag auf halbem Weg zwischen Trills und Alt-Hochdahl, und direkt gegenüber war die Bushaltestelle. Und als wir da auf den Bus warteten und meine Mutter noch vor sich hindampfte, kam da so ein Nachbar von uns an, stockbesoffen, am hellichten Tag. Der wackelte richtig hin und her, ich hatte richtig Angst mit meinen sechs Jahren, dass er uns vollkotzt. Ich glaube, an dem Tag hab ich einen gewaltigen Knacks erlitten, was Erwachsene angeht. Meine Mutter mit ihrer Das-wird-jetzt-durchgezogen-Mentalität, die rabiate Zahnärztin und ihr Magengeruch, und zum Schluss der besoffene Nachbar mit seinen unberechenbaren Bewegungen. Er war ein schlaksiger hagerer Mann, der Hut trug und einen grauen Anzug, und meine Mutter pflaumte ihn noch an, ob er sich nicht schäme, um diese Uhrzeit. Es war ein total heisser Sommertag, und das komische war, je länger es dauerte, desto ruhiger wurde ich, ja, ich war sogar hochzufrieden. Ich hatte mich erfolgreich gewehrt.”
“Aber was war mit den Zahnschmerzen?”
“Zahnschmerzen? Ich hatte keine Zahnschmerzen. Ich hab auch heute keine Zahnschmerzen und trotzdem den Termin. Apropos, wieviel Uhr ist es?”
“Zehn vor.”
“Verdammt! Ich quatsch mich hier fest, dabei muss ich längst weg sein!”
“Audmbohrbenn”, rufe ich ihr nach, als sie schon draussen ist.
“WAS?”
“IN DEN BOHRER BEISSEN NICHT VERGESSEN!”
“NEE! IS KLAR!”
Schlagwörter: Deutschland, Glumm, Gräfin, Kurzgeschichten, Lesen, Literatur, Susanne Eggert, Zahnarzt

6. Oktober 2010 um 11:21 nachmittags |
Ich verstehe warum Du die Gräfin liebst!!!!
6. Oktober 2010 um 11:23 nachmittags |
…und das Bild – total irre. gefällt mir unheimlich gut.
6. Oktober 2010 um 11:24 nachmittags |
sorry, ich nerve, aber ich meinte natürlich das Gemälde.
7. Oktober 2010 um 3:49 nachmittags |
Lets face it: Die Worte und du, ihr werdet niemals Freunde sein. Lass doch bitte das Schreiben. Alternativ kannste ja eruieren, deine sicher jedes Mal akkurat in die Schüssel drapierten Würste zu knipsen und hochzuladen. Das hätte 100 x mehr Charme als die Grütze hier.
7. Oktober 2010 um 5:37 nachmittags |
Unsere Frauen.
Ähneln sich.
Verrückt.
11. Oktober 2010 um 4:53 nachmittags |
Werter Herr Diepold,
sie sind längst gute Freunde.
15. Oktober 2010 um 4:42 nachmittags |
wer hat die denn in die eier getreten
ich hoffe doch sehr ein drakonisches drop -out
oder bezeichnender weise
ungebildeter kotzbrocken..du armleuchter SIe..hr
penner
mfg kurt
pschen für till
25. Oktober 2010 um 1:43 nachmittags |
Till Diepold ist nen Spam-Bot oder jemand der ernsthaft lange weile hat
Hier schaut einfach mal: ^^
http://www.google.de/search?hl=de&source=hp&q=%22Das+h%C3%A4tte+100+x+mehr+Charme+als+die+Gr%C3%BCtze+hier%22&meta=&aq=f&oq=%22Das+h%C3%A4tte+100+x+mehr+Charme+als+die+Gr%C3%BCtze+hier%22