Das Weib des Lyrikers

Mode-Messe 95 in Düsseldorf, das Hotel war ausgebucht. Unter den Gästen befand sich ein kleiner Vertreter aus Offenbach, er stand vor der Rezeption, die Hände tief in den Hosentaschen.
Ich reichte ihm den Zimmerschlüssel.

“Das ist verdammt schwer für einen Auswärtigen, euer Turm-Hotel zu finden. Man sieht es zwar schon von weitem, ist ja ein markantes Gebäude, als hätte ein Riese seinen Stiefel stehen lassen, aber man weiss einfach nicht, wo man reinfahren soll, zum Parken.”
“Ja, stimmt. Ist schlecht beschildert hier, und ziemlich verbunkert, der ganze Komplex.”
“Verbunkert, genau..! Ha!” Der Mann schlenderte Richtung Treppenhaus. “Als hätte es hier mal einen Massenmord gegeben!”

Er zog die schwere Stahltüre auf und stieß beinahe mit dem spitzbärtigen Mann zusammen, der in diesem Moment aus dem Treppenhaus trat.
“Huch! Verzeihung..”, erschrak Herr Maurits, der deutsche Lyriker, der samt Eheweib im zwölften Stockwerk logierte, Zimmer 27.

Maurits, ein gebürtiger Solinger, lebte schon seit geraumer Zeit in München, und wie man der Lokalpresse entnehmen konnte, sollte ihm in diesen Tagen ein Kulturpreis verliehen werden. Ein feiner Herr. Etwas umständlich vielleicht, auf eine altmodische Art sittsam. Zum Spitzbart trug er Baskenmütze und Seidenschal.

“Zimmernummer 27, bitte”, sagte er leise, als er am Tresen stand, um seinen Schlüssel abzuholen. Vorsichtig wendete er seinen Blick zur Seite, wie ein 60jähriges Reh, das Angst hat, in freier Wildbahn entdeckt zu werden, vom bösen Wolf.
“Die 27, aber ja, weiss ich doch, Herr Maurits.”

Ich mochte diesen merkwürdigen Mann. Ich mochte die meisten merkwürdigen Männer. Frauen auch. Da war ich nicht wählerisch. Hauptsache merkwürdig. Johann F. Maurits hatte bislang fünf Gedichtbändchen veröffentlicht, seine Gedichte waren eher scheuer Natur. Ich hatte ein paar in der Zeitung gelesen. Ich konnte nichts damit anfangen, und andere Leute scheinbar auch nicht. Zur gross angekündigten Lesung im Kammermusiksaal (“Einer der grossen Lyriker unserer Zeit!”) waren am Abend zuvor nicht mehr als siebzehn nicht zahlende Besucher erschienen.
Ich reichte den Schlüssel rüber.
“Angenehme Nacht wünsche ich”, wünschte er mit fisteliger Stimme.

Zehn Minuten später klingelte das Telefon. Auf der digitalen Anzeigentafel leuchtete die 27 auf.
“Rezeption..?”
“Ja, Maurits, Zimmer 27. Wir haben hier ein kleines Problem.. Das Radio rauscht.”
“Das Radio rauscht?”
“Das Radio rauscht. Wir haben schon alles probiert, es abzustellen, aber es rauscht immer weiter, man kann es nicht abstellen. Wissen Sie vielleicht, was man da tun kann?”
Im Hintergrund war tatsächlich ein Geräusch zu hören. Ein Rauschen.
“Wie wär’s denn mit dem Aus-Knopf”, sagte ich.
“Geht nicht. Es rauscht trotzdem weiter. Wären Sie so nett, mal eben hochzukommen und nachzuschauen?”
“Ähem.. ja, ich komme gleich.”
“Das wäre aber furchtbar freundlich von Ihnen.”

Ich schnappte mir den roten Generalschlüssel vom Haken und fuhr in die Sandalen meines Chefs. Öfter mal was neues. Dass ein Radio sich nicht abstellen liess, hatte ich in meine langjährigen Karriere als Nachtportier auch noch nicht erlebt. Möglicherweise hatte Maurits auch aus seiner Wahlheimat Bayern einen murmelnden Gebirgsbach mitgebracht, zur Nervenberuhigung und um das Lampenfieber zu bekämpfen, und nun wusste der Mann das fliessende Süßwasser nicht mehr zu bändigen, im zwölften Stock. Komm, bei Lyrikern ist alles möglich. Erzähl mir nix.

Ich fuhr mit dem Aufzug nach oben. Er erwartete mich bereits am Ende des Flurs. Seine französische Mütze hing schief auf dem Kopf, wie verrutschte Panade auf einem Schnitzel, und sein Spitzbart kam mir noch spitzer vor als sonst schon.
“Wenn Sie mal schauen möchten..?”
Geübt liess er mir den Vortritt, und in den offenen Gesundheitsschlappen meines Chefs schlurfte ich ins Zimmer. Es war exakt Mitternacht.
Mitternacht im Bunker.
Massenmordzeit.
“N’abend”, sagte ich.

Frau Maurits lag auf der rechten Seite des Doppelbetts, die Decke hochgezogen bis unter die Nase. Sie starrte zur Zimmerdecke. Das Ganze schien ihr immens unangenehm zu sein.
“Guten Abend”, wimmerte sie.

Vor Ort entpuppte sich das Rauschen als schwer definierbare Mixtur aus Brummen und leisem Geblöke. Es kam eindeutig aus dem Radio, das gleich überm Nachtschränkchen in die Wand eingelassen war.
“Bei dem Lärm kann man nicht einschlafen, beim besten Willen nicht”, meinte Maurits, in Besorgnis erregt.
“Ja, das ist richtig”, sagte ich, und fummelte eine Weile an den Knöpfen des Radios herum, so als wüsste ich schon, was ich da tat, oder hätte zumindest eine Idee. Nichts passierte. Was sollte auch passieren. Ich wusste ja nicht, was ich da tat. Nicht mal einen popeligen Armee-Sender kriegte ich rein, es rauschte einfach in einem fort, egal, was ich auch versuchte.

“Komisch”, sagte ich, während Dichter Maurits, das 60jährge Vers-Wild, mich unentwegt beäugte.
“So ein Abenteuer”, schien es zu denken. “Muss das sein?”

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte so schnell wie möglich wieder runter ins Büro und des Rest der Nacht vorm Kabelfernsehen verklumpen, doch da das Hotel ausgebucht war, konnte ich dem Ehepaar kein Ersatz-Zimmer anbieten. Zur Not musste ich das Radio eben im Klump treten, mit den offenen Schlappen meines Chefs, damit es endlich Ruhe gab. Damit dieses elende Rauschen aufhörte, das sich niemand erklären konnte, weder der Lyriker, noch das Weib des Lyrikers, noch der Nachtportier, die alle drei nichts als ihre Ruhe haben wollten.

Vielleicht lag die Sache ganz einfach. Vielleicht existierte irgendwo ein Stecker, den man nur herausziehen musste, und schon war Stille. Die meisten Lösungen fußten auf einer schlichten Überlegung. Ich rückte das Nachtschränkchen zur Seite, das direkt unterhalb des in der Wand eingelassenen Radios stand, doch Maurits winkte enttäuscht ab.
“Aber nein, das haben wir doch schon alles probiert. Es gibt nirgends einen Stecker, den man einfach rausziehen kann und das Rauschen hört auf.”

Ach so.

Sein Weib starrte angestrengt zur Decke, und das Radio rauschte weiter, wie ein Massenmord auf Mittelwelle. Dann aber, als ich das Schränkchen wieder nach rechts an seinen ursprünglichen Ort zurückschob, klang es, als rückte auch der Massenmord auf Mittelwelle nach rechts. Nur – was sollte das? Das gab doch keinen Sinn.

Und dann passierte es gleichzeitig: Ich dachte gerade noch, “das Nachtschränkchen rauscht!? Wieso rauscht das verdammte Nachtschränkchen?!”, da rief der Dichter schon: “Aber ja doch!! Das gibt es doch nicht! Das ist ja mein.. Rasierapparat, der da rauscht!”

Er griff nach dem schwarzen Kulturbeutel, der auf dem Nachtschränkchen lag, und öffnete den Reißverschluss.
“Mein.. äh Rasierapparat, Schatz!!”
Komischerweise holte er den Apparat aber nicht heraus, um ihn abzustellen. Er ließ ihn im Kulturbeutel, wo er munter weiterbrummte und blökte.

“Sind Sie auch sicher, dass es daran liegt?” fragte ich noch, doch wie ein Lyriker, der sich im Bauerntheater verirrt hatte und nun froh war, endlich vorm Ausgang zu stehen, strahlte Maurits mich an:” Aber natürlich!”
Erleichtert entschuldigte er sich, dass ich mich umsonst herauf bemüht habe.
“Och, macht nichts”, sagte ich. “Und ich dachte schon, Ihr Nachtschränkchen rauscht! Ha-hah!”

Trotz der Freude um die Aufklärung, Frau Maurits blieb erstaunlich still, die Bettdecke bis unter die Nasenspitze hochgezogen. Erst als ich das Zimmer verließ, hörte ich, bereits auf dem Gang, ihr zittriges und doch forsches Stimmchen.
“Hoffentlich ist die scheiß Batterie nicht leer.”

*
Ein schönes Wort, das ist schinant, behandelt von 500beine

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5 Antworten zu „Das Weib des Lyrikers“

  1. Tetti sagt:

    “Hoffentlich ist die scheiß Batterie nicht leer.” Jeder in seiner Welt, dass macht das Leben so abwechselungsreich. ;-)

  2. Caschy sagt:

    Mal wieder danke für deine texte.

  3. kurt sagt:

    hoffentlich ,höflich und sehr sauber nach
    gezimmert
    der alte sack..
    der portier war auch in form beim bücken..
    hihi

  4. sweetkoffie sagt:

    Wieso mußte ich beim Lesen an die Zahnarzt-Story denken, wo vor Jahren eine Stimme aus dem Spu(c)kbecken kam? ;-)

    LG Sweetkoffie

  5. 2011 in review « Glumm sagt:

    [...] 20. Das Weib des Lyrikers [...]

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