Das Blut einer Nacht

Die 90er Jahre. Ich bin mir bis heute nicht im Klaren, was dieses ganze Jahrzehnt sollte. Vielleicht hätte ich mich in der Silvesternacht 1989 aufs Ohr legen sollen, um am Neujahrstag 2000 wieder aufzuwachen. Was hätte ich schon groß verpasst, außer hunderttausend Mannstunden und zehn Silvesterballereien und den Krieg gegen mich selbst.

Dabei hat es sich lange nicht falsch angefühlt. Diese Hingabe mit Haut und Haaren an etwas, das auch der eigene Körper in kleinen Dosen produziert, etwa wenn er fünfzig Kilometer läuft ohne anzuhalten. Nur dass ich es nicht einsah, jedes Mal fünfzig Kilometer laufen zu müssen ohne anzuhalten, wenn ich den gleichen Zustand, nur zig Mal stärker, auch anders haben konnte.

Der Montag hatte es in sich. Entweder begann montags meine Nachtschichtwoche, was sieben Nächte am Stück und kaum Schlaf bedeutete, oder die Nachtschichtwoche endete mit der Nacht auf Montag und es wartete der erste freie Abend auf mich. Mein Absturz-Montag.

Ich schlief meist bei in den Nachmittag. Wobei Schlaf das falsche Wort ist für eine rauschhafte Stampede von Fratzen und Masken. Doch an diesem Montag weckte mich die Gräfin schon kurz nach eins. Wir hatten Karten fürs Kindertheater. Eine spritzige kleine Geschichte, in der Karlos sehr entspannt den Riesendummkopf gab, der mit seinem Kompagnon eine Würstchenbude eröffnete, mitten in den Wupperbergen.

Karlos, hochtalentiert, konnte alles spielen, vom schlurfenden Nazi-Greis bis zum Erz-Hallodri, doch aus irgendwelchen Gründen schaffte er den Absprung nicht. Ende der 90er Jahre hatte er einen Vertrag an einem guten Düsseldorfer Theater, doch nach einer Saison war das Gastspiel beendet und er kehrte zurück in die Provinz.

Nachdem ich Karlos in der Maske kurz gratulierte, wollte ich so schnell wie möglich an den Tresen. „Premierenfeier ist beim Italiener“, meinte Karlos genervt. Zum Italiener? Bloß weg hier. Bloß nichts essen. Dann eben alleine an den Tresen.

Die Gräfin war bereits auf dem Heimweg.

„Weißt du, was die langweiligste Zeit meines Lebens war? Das waren die Stunden, als ich darauf wartete, bis du endlich mit dem Trinken fertig bist. Davon hab ich die Nase voll. Das brauch ich nicht mehr.“

Und sie gab mir noch etwas mit auf den Weg.

„Du hast etwas Komatöses in deinem Charakter.. Wenn du Pech hast, fällst du im Suff eines Tages ins Koma.“

„Blödsinn“, meinte ich unsicher.

An diesem Montag ließ ich es noch schneller angehen als sonst. Weil ich in der Nachtschichtwoche keinen Alkohol trank, war ich montags besonders heiß aufs Saufen. In der Regel blieb ich beim Bier. Kam im Laufe der Nacht noch Osborne hinzu oder ein Näschen Koks oder Schore, endete der Absturz-Montag auch mal im Desaster.

Die wenigen Leute, die sich montags am Tresen blicken ließen, hatten einen Schädel vom Wochenende und machten sich nach dem zweiten Bier aus dem Staub. Ausnahme war das echte Inventar, Leute wie Possehl, der nie ein Ende fand, oder Wiegand, der schnell peinlich wurde, oder der Mitsubishi Boy, wenn er in der Stadt war. Mitsubishi („Wenn ich ne große Klappe hab, krieg ich direkt Farbe im Gesicht“) lebte seit Jahren in Hamburg, kam aber quartalsweise in die alte Heimat und ließ es krachen. Er stand besoffen am Tresen, als ich das Mumms betrat, nachmittags um halb fünf.

Ob Wermutbruder oder Nobelpreisträger, letztlich sind wir alle nur in die Welt gefallen. Der eine zu früh, der andere pünktlich, und ein ganz anderer, einer wie der Mitsubishi Boy, fällt daneben.

„Weißt du, was ich gern mal machen würde?“ nahm er mich beiseite. „Supergern sogar?“

„Du wirst es mir bestimmt gleich sagen“, antwortete ich eine Spur zu gelangweilt, denn Mitsubishi drehte beleidigt ab.

„Wer nicht will..“, murmelte er.

Er war eine sensible Seele, wie alle großen Meister, aber nicht nachtragend. Er hatte ein weitmaschiges Herz, in dem nicht jeder verdammte Fitzel hängenblieb, den man unbedacht äußerte.

„Na, nun sag schon..“

Er war sofort zur Stelle.

„Ich würd gern mal..“

„..super-gern sogar“, warf ich ein, um zu zeigen, dass ich auf dem Laufenden war..

„.. ner kalten Frau die Schuhe vergraben. So einer, die an sich selbst erfriert! Und dann – peng! Sind die Schuhe weg! Tief vergraben in der Erde! Wie die Glocke! Ma-haaa-haa! Ner kalten Frau die Schuhe vergraben, wa! Alter!! Oder!“

Ich stieg in eine Skat-Runde um kleines Geld ein, nur um schnell zu merken, dass ich mit Kartenspielen an diesem Tag daneben lag. Ich guckte ein bisschen aus dem Fenster und hielt Ausschau nach Karlos. Wir waren zwar nicht mehr so dicke wie in unseren Jugendtagen, aber er blieb mein Vertrauter. Der Eingeweihte. An manchen Tagen wartete ich regelrecht auf Karlos, um das neueste aus meinem Dasein loszuwerden.

Ich begann mich zu langweilen. Auch der Mitsubishi Boy hatte den trübsinnigen Teil des Tages erreicht, den frühen Abend, wo andere Leute geschafft von der Arbeit kamen.

„Ich hab kein Interesse an gar nix, Alter. Ich könnte nicht sagen, was Sinn macht. Alles ist zu in mir. Ich bin zu bis obenhin. Alles ist zu sehr zu.“ Hamburg hatte erste Spuren hinterlassen. Er war wegen einer Frau weggegangen, doch kein halbes Jahr drauf hatten die Beiden sich getrennt, und nun war er allein in der großen Stadt. „Es ist zu neblig, zu kalt.. und ich bin zu zu. Ich bin zu nass, zu blöd, zu verworren, zu nachlässig. Eigentlich bin ich ständig.. zu sehr.. zu.“

Ich guckte in sein schönes besoffenes Gesicht und ließ ihn reden. Das war das beste, was man machen konnte. Er umkreiste stets die Wahrheit, und fand sie nicht.

„.. und zu blöd zum Sterben bin ich am Ende wahrscheinlich auch noch.“

Er hielt seinen Wodka mit Eis in die Höhe, und wir prosteten uns zu.

Nach einer Woche ohne Alkohol brauchte ich keine zehn Bier, und ich war am wackeln. Jemand steuerte auf mich zu, den ich lange nicht gesehen hatte. Ich wusste nicht mal mehr, wie er hieß, so lange hatte ich ihn nicht gesehen.

„Hör mal“, flüsterte er statt einer Begrüßung, „ich hab ein Stöffchen auf der Tasche, das musst du probieren.“

In seinem verqualmten Honda Civic drehten wir eine Runde um den Block. Ich hatte noch einen Fuffie in der Tasche, den ich komplett setzte. Weil er keine Alufolie dabei hatte, von der ich das Pulver hätte rauchen können, zog ich es durch die Nase. Das halbe Pack. In einem Haps. Weg damit.

„Und sonst so?“ fragte der Kerl ohne Namen.

„Was sonst so?“

„Na, was weiß ich. Sonst so eben. Ob du einen Job hast..“

„Na, Nachtdienst. Im Hotel. Weisst du doch..“

„Was denn, was denn? Immer noch?“

Er hatte ein breites Kreuz, Sportlerbrille und sah nicht die Bohne nach Junkie aus. Er war Chef eines kleinen aluminiumverarbeitenden Betriebs. Eine Zeitlang hatte er ab und zu nachts im Hotel vorbeigeschaut, ob ich was brauchte, wobei er sich stets großzügig gezeigt hatte. Doch man konnte sich nicht auf ihn verlassen, und von Telefonbestellungen wollte er nichts wissen. “Sonst kriegt meine Alte noch mit, dass ihr Köppe zuhause anruft.“ Ein komischer Kauz, der die dicksten Packs der Stadt machte.

Als Gratis-Zugabe streute er eine kleine Straße auf die PENTHOUSE-Ausgabe, die ich zuvor vom Rücksitz geholt hatte. Gierig sniefte ich das braune Pulver vom Hochglanzpapier.

„Das ist bestimmt psychisch bedingt“, meinte er noch, als er mich absetzte. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte, fand aber, dass er Recht hatte, und beliess es dabei.

Wieder am Tresen setzt meine Erinnerung aus. Ich weiß noch, wie Karlos zur Türe reinkommt und ich ihm mindestens drei Mal hintereinander hocherfreut versichere, „wir können gleich noch schön einen blowen, wenn du Alu auftreibst..“

Am nächsten Morgen werde ich in Haan wach, der Nachbarstadt. Sandy, Karlos Freundin, jobbt als Hostess auf einer Messe in Nürnberg, deshalb ist genug Platz im Bett. Karlos pennt noch. Mir ist speiübel. Das ganze Gesicht ist rot. Lauter geplatzte Adern, bis zum Haaransatz. Mein Mund, übersäuert..

Als Karlos die Augen aufschlägt, guckt er mich lange an, und hustet.

“Das war knapp, Junge..”

Er zündet sich eine Kippe an und erzählt, wie wir nach der Sperrstunde in seinem Wagen saßen und uns eine fette Nase machten. Ich kann mich nur bruchstückhaft erinnern.

„Junge, knall dir nicht soviel rein“, hatte er noch gewarnt, „du bist zu voll!“, aber ich winkte nur ab. Und dann muss ich für mindestens zwanzig Minuten das Bewusstsein verloren haben.

„Dein Atem ging ganz flach, ich hab deine Augenlider hochgeschoben, und da war nur noch das Weiße zu sehen. Scheisse, ich hab auf dich eingeprügelt, ich hab versucht, dir Luft in die Nase geblasen, ich hab voll die Panik gekriegt, ich dachte, der verreckt mit jetzt hier auf dem Beifahrersitz.“

Erst wollte er mich in die Notfallambulanz bringen, bog aber in letzter Sekunde ab, zum Kannenhof runter.

„Vielleicht kriegt die Gräfin dich wach, dachte ich. Ich war total durcheinander.“

Just in dem Moment, als wir vor unserer Haustür zum Stehen kamen, öffnete ich die Augen. „Lass mich in Ruhe, Karlos..!“ Wie das so ist, wenn man eine Weile durchgerüttelt und angeschrien wurde, wenn man Ohrfeigen kassiert und etwas Reanimation genossen hat: Erstmal ist man stinksauer, dass einen irgendeine Knalltüte aus dem perfekten Rausch herausgerissen hat, zurück ins Leben.

„Aber blau angelaufen bin ich nicht?“

„Nee, blau nicht“, meint Karlos. „Dann hätte ich dich auch schleunigst aus der Karre getreten.“

Was er erzählt, lässt mich den Flur entlangstürzen zum Badezimmer, ich kotze Blut. Erst denk ich, das wär Kaffee, was da in die Kloschüssel klatscht, aber ich hab noch keinen Kaffee getrunken. Als ich mir die sämige rötliche Brühe näher angucke, muss ich gleich noch mal kotzen, tief aus dem Inneren des Körpers heraus. Das Blut einer ganzen Nacht.

Vierzehn Tage lang war ich clean gewesen, hatte die Finger vom Pulver gelassen. Hatte zu Hause keine verdammten Heroinbriefchen versteckt, hatte keine böse Telefonnummern gewählt – mit welchem Ergebnis? Kaum bietet sich die erstbeste Gelegenheit, schmiere ich dermaßen ab, dass der Tod schon mal Maß nimmt.

Dabei hätten es zwölf Bier auch getan. Aber erzähle das mal deiner Seele, wenn die Montagabend Stunde um Stunde den Tresen nach Euphorie absucht, und dann kommt ein Mann ohne Namen daher und flüstert was von Bombenstöffchen. Zwei schlecht heilende Heroinwunden hat mir die Aktion eingebrockt, zwischen Mittel-und Zeigefinger der rechten Hand. Wo ich die Kippe gehalten haben muss, die bis auf die Haut runterbrannte, als ich in Karlos Wagen wegsackte, bewusstlos.

Bewusstlos..

Tags daruf, ich hatte der Gräfin von dem Vorfall nichts erzählt, außer natürlich, dass ich in der Nacht bei Karlos gelandet war, brüllte sie mich während eines Streits an, ich wäre in letzter Zeit zunehmend bewusstlos geworden, meiner Umwelt gegenüber.

„Du kriegst überhaupt nichts mehr mit! Pass auf, dass du nicht eines Tages ins Koma fällst!“

 

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10 Antworten zu „Das Blut einer Nacht“

  1. Oliver sagt:

    Boah, mich als Spießer vor dem Herrn schüttelt es – aber auch, peinlich, vor Neid. Neid auf so viel Hingabe an den Augenblick, bis hin zur Selbstaufgabe. Natürlich lautet meine eingeübte Antwort auf die Frage, ob es das wert war: auf keinen Fall. Natürlich würde ich das offiziell als verlorenes Jahrzehnt abhaken. Aber weiß man, wie (ob überhaupt) Sie heute schreiben würden, wenn Sie das nicht durchlebt hätten? Und ob ich dann was zu lesen hätte, das meinen lauen Alltag ein wenig zurechtrüttelt? (Brecht/Weill, Dreigroschenoper: “… damit die Spießer etwas Kühnes lesen.”) Außerdem gibt es wirklich genug, das im Grunde nur noch auf Koks oder H zu ertragen ist, wenn man ein denkender, fühlender Mensch ist. Mit jedem Tag mehr. Und das Beste ist: Sie waren zu clever für den Tod. Chapeau!

    • Anhora sagt:

      Hingabe an den Augenblick? Das klingt ja, als ginge es um eine bewusste Entscheidung! Aber hier befiehlt eine Krankheit und du machst es. Basta. Schön, wenn ein paar Spießer sich daran gruseln können, zur Unterhaltung sozusagen, wenigstens das. Ich danke dem Herrn auf den Knien, dass er mir sowas erspart hat.

  2. Sofasophia sagt:

    bin zum ersten mal hier und kann es nicht lassen, gleich ein zutiefst betroffenes kompliment zu diesem text zu machen.
    stark geschrieben, vielschichtig, komplex …
    auf wiederlesen
    s.

  3. kurt sagt:

    endlich wida krank werden durfte..so als beispiel ..
    das genau das ding ,sich erholt quasi genesen ans werk machen
    mit energieüberschuss..
    und sich eingestehn abhängig zu sein..
    von kicks und gut drauf sein also komplett frei..
    von morgen oder wars gestern..hihi..

  4. kurt sagt:

    so jetz schreib ein buch
    damit das elend hier ein ende hat..
    kapitel 6008975
    ein fach unmöglich..

  5. amadea sagt:

    Wermut hat, der zeigt ihn auch.

  6. MC Winkel sagt:

    eins a, wie immer!

  7. links for 2010-11-29 sagt:

    [...] Das Blut einer Nacht « Das Glumm "An diesem Montag ließ ich es noch schneller angehen als sonst schon. Weil ich in der Nachtschichtwoche kaum Alkohol trank, war ich montags besonders scharf aufs Saufen. In der Regel blieb ich beim Bier. Kamen im Laufe des Abends noch ein paar Osborne hinzu und/oder ein Näschen, endete der Absturz-Montag auch mal im Desaster." – Lest Glumm! [...]

  8. 2011 in review « Glumm sagt:

    [...] 31. Das Blut einer Nacht [...]

  9. kurt sagt:

    gut

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