Komma ich blute

Ganz am Ende hat natürlich wieder alles so geklappt, wie es niemals hätte klappen dürfen.

(November-Notizbuch 1985)

 

23. Dezember 85

Mittags im Karstadt-Schnellrestaurant. Zigeunerhacksteak, Pommes, Salat, Cola. Nachts rinnt mir der Schweiss an den Beinen runter, wenn ich nichts gesoffen hab. Ich fühle mich nicht mal leer, ich bin nicht vorhanden, grüße teilnahmslos. Das Serviermädchen schiebt Tabletts in den Geschirrwagen. Wischt über den Tisch, an dem die dicke Frau sitzt und Linsensuppe löffelt, Serviette im Ausschnitt. Ein überlanges Bockwürstchen ragt über den Tellerrand, über Lautsprecher werden pausenlos Nummern aufgerufen.

“366, bitte!”

Andere Frauen, ähnlich dick, nur jünger, führen Selbstgespräche, bis ich sie dabei ertappe. Viele zittrige Hände. Unkontrolliert. Mutter und Sohn. Ja klar schreib ich über euch, seht nur hin. Wie ihr Maggi in eure Linsensuppenteller pumpt. Ich schreibe über euch, aber mich vernachlässige ich. Ich nehme mir nicht die Ruhe, die mir zusteht. Ich sollte ficken fahren. Morgen ist Heiligabend.

Hauptbahnhof Solingen. Die Schnellbahn Richtung Düsseldorf-Flughafen rollt ein. Es gibt kein Raucherabteil. S-Bahnen haben kein Raucherabteil, sagt der Schaffner. Lesen Sie doch was. Da liegt eine Zeitung. Ich will nichts lesen, sag ich, ich will nichts mitkriegen, ich will rauchen. Die meisten Menschen lesen und wollen nichts mitkriegen. Ausser, dass nichts mitzukriegen ist.

Wenn ich aus Solingen flüchte, dann nie nach Köln, ich nehme immer Düsseldorf. Düsseldorf ist mein großer Bruder. Die Türen der S-Bahn spreizen sich automatisch, und ich trete auf den Bahnsteig. Unschlüssig, ob ich gleich in den Puff soll. Jetzt, wo ich am Hauptbahnhof Düsseldorf bin, weiß ich nicht, was das überhaupt soll. Ob mir der Ankauf von Sex helfen könnte. Ich sollte vielleicht erst mal auf die Nordstrasse. Paar Bilder gucken. Test machen. Ob eine nackte Alte überhaupt was für mich tun kann, heute.

Über letzte kleine Schneehaufen, die wie schmutziges, mit Rollsplitt verbackenes Pürree vorm Eingang liegen, steige ich in den Pornoladen. Der erste Anblick: Herren vor Schaukästen mit Spezialwerkzeug, so unbeholfen wie Jungs an der Fleischtheke.

“Ich hätte gern.. ähm.. von dem.. da..”
“Von dem hier, kleiner Mann?”
“Genau, ja! Von dem.. da!”
“Das ist Gehacktes, mein Junge. Rindergehacktes.”
“Gehacktes? Ja.. ein.. Pfund..”
“Ein Pfund, wird gemacht. Für die Mutti, hm? Sonst noch ein Wunsch?”
“N- nein.., danke! Auf Wiedersehen.”

Ich nehm die erstbeste Videokabine und schließe die Tür. Es ist so eng, dass man sich kaum wenden kann, und es müffelt wie auf dem Dixie-Klo, trotz cws air control. Lena und ich wollten mal ein Nümmerchen schieben in so einer Kabine. Wir hatten die Tür kaum zugesperrt, schon klopfte es. “Ihr kommt schön da raus, aber zackig!” Auf der Sitzbank eine Rolle Kleenex, sie glotzt mich traurig an.

Der Video-Bildschirm hat 64 Programme, per Knopfdruck abrufbar, und zwar “zur richtigen Zeit”, wie der Aufkleber suggeriert: Spürt der Masturbierende, dass es gleich kommt, muss er den Button nur so lange weiterdrücken, bis er in einem der 64 Filme auf eine Szene stößt, wo es dem Akteur auch gleich kommt, zur dekorativen Ejukalala.

Ich habe eine Knastszene drin. Wärter rammelt blonde Inhaftierte, zweiter Wärter stößt hinzu, sich selbst rammelnd, wortlos, im Hintergrund eine dichte skandinavische Schonung. Jedenfalls ein Haufen Holz. Ich konzentriere mich mehr auf das Stöhnen aus der Nachbarskabine:

“..endlich kümmert ihr euch um mein Fötzchen.. hab ich auch was davon..”
“blas ihn mir wieder hoch..”
“und jetzt.. zwei Schwänze.. ooh Mann..”
“das hat es ja nicht mal.. in Paris gegeben..!”
(Dabei war es in Paris genauso.)
“..super.. jaaa.. spritz alles raus.. gleich.. jaa.. jeeetzt.. hast du es geschafft..”
“He! Ich bin auch noch da..!”

Ja. Ich auch. Ich will aber gar nicht spritzen. Will nur meine Konstitution prüfen. Pimmel-TÜV. Er steht so dreiviertel. Schlechtes Zeichen. Kommt es mir im Puff gleich zu schnell. Kann ich mir auch gleich einen kloppen lassen. Kommt billiger.

Fragt sich bloß, wo der Puff überhaupt ist. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich da war, ich war besoffen und die Nutte war noch besoffener und wollte andauernd MEHR GELD, ich hatte aber kein MEHR GELD, da hat sie sich als Trophäe meine Kapitänsmütze gekrallt, die ich den ganzen Abend auf dem Kopp trug, mir doch egal.

Kann mich ansonsten nur daran erinnern, dass der Puff ein großer hässlicher Kasten war und Hinterm Bahndamm hieß, also lauf ich durchs Bahnhofsviertel, Hände in den Hosentaschen, mies drauf wegen Lena, einsam, auf der Suche nach einer Hure, Schwachsinn alles, doch es treibt mich voran unter dichten fleckigen Wolken.

Bestimmt eine Stunde irre ich umher, ohne Mumm, jemanden nach dem Weg zu fragen. Einmal begegnen mir zwei Asis mit einem Kasten Bier, sie sind unrasiert und haben Spaß, die hätte ich fragen können, doch dann sind sie schon weg, bevor ich mich aufraffen kann, sie anzusprechen. Es ist diese verfluchte Einsamkeit. Weil jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit, versucht er seine Einsamkeit zu kaschieren – als wäre es reiner Zufall, allein unterwegs zu sein. Eine seltene Ausnahme.

Mir scheint, als wäre ich in der Gegend schon mal gewesen, vor ein paar Jahren, mit dem dicken Hansen, Haschisch kaufen. Der Dealer wohnte in einer Sozialwohnung. Parterre war ein Kiosk, das weiß ich noch, die verkauften nämlich Kölschbier, und das in Düsseldorf, das vergisst man nicht. Nachdem der Dealer, ein langer hektischer Kerl, endlich öffnete, auf Klingelzeichen, verrammelte er die Etagentür gleich wieder, mit schwerer Kette und diversen Sicherheitsschlössern. Und das bei meiner Bullenparanoia.

Das vergisst man nicht, die Bude, nicht mehr als ein Loch, Teppiche voller Brandlöcher. Das Licht kroch gelb und spärlich aus Wandlampen, und aus mannshohen Boxen wummerte Rodigan’s Rockers, die wöchentliche Reggae-Show auf BFBS, dem englischen Soldatensender im Rheinland.

“Der Kerl hat soviel Material im Haus, das können wir in einem Jahr nicht wegrauchen”, hatte der dicke Hansen auf der Hinfahrt geprotzt, doch jetzt heisst es plötzlich, ihr müsst euch gedulden, einen Moment, der Brösel muss noch gepresst werden.

“Geht aber schnell”, meint der Dealer, er hustet. Er bietet uns Rauchproben an. Zwei verschiedene Haschischsorten stehen zur Wahl. Es gibt Grünen Türken oder Roten Libanesen.
“Libbi”, sagt der dicke Hansen.
Ich würde am liebsten abhauen, auf der Stelle, doch das Geld ist Hansens Geld, wir sind mit seinem Wagen da. Er hat ein dickes Fell und wippt mit den Füßen zur Musik. Ein Reggae nach dem anderen. Eine endlose Parade von Reggaesongs. Immer der gleiche verfluchte Reggaerhythmus.

Wir teilen uns einen Bong. Das Wasser blubbert in der Flasche, als der Dealer plötzlich aufsteht und nervös hin und her tigert. Er bleibt stehen und späht aus dem Fenster, als erwarte er jeden Moment ein Sondereinsatzkommando, Deckname RHEINUFER, etwas durchsticht mein inneres Pergament, ich kriege Platzangst. Implodiere. Der Typ hat doch nicht umsonst so ne Action gemacht mit seiner scheiss Wohnungstür. Es kippt. In mir. Dieses schiefe Gefühl, dass etwas reißt in mir, irreparabel ist, ich es nicht mehr zurückdrehen kann, auf ewig ausgeliefert bin, schief bleibe: die alte LSD-Angst, wenn ich im falschen Moment am falschen Ort ein zu starkes Kraut rauche. Eigentlich dürftest du gar nichts mehr kiffen, meinte Lena mal zu mir.

Der dicke Hansen hält seinen Autoschlüssel in der Hand und spielt damit, völlig unbeeindruckt, während der Dealer vom Fenster tritt und die nächste Pfeife stopft, es ist dieser gottverflucht monotone Reggae, der wuchtet meinen Bauch, der schlitzt ihn auf, ich muss abkühlen, mich runterholen, Glumm, komm runter, sag was, sag irgendwas, irgendwas belangloses.. jetzt scheint der Dealer was zu merken, er glotzt so komisch zu mir rüber, irritiert.

“Kennst du auch Soul Train..?” frag ich endlich, er versteht nicht, ich werd lauter, mit ausrutschender Stimme, “..Soul Train.. auf BFBS.. immer mittwochs.. ob du das kennst”, doch er glotzt nur in seinen Bong und meint desinteressiert, “Soul? Nee, Soul find ich nicht gut, ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden. Was für ein Satz. Die ganzen 80er Jahre in einen einzigen Satz gepfercht: Ich kann nicht immer alles gut finden. Ich kann auch jetzt nicht gut finden, dass ich so blöde und feige durchs Bahnhofsviertel stiefle, aber ich stiefle so blöde und feige durchs Bahnhofsviertel, auf der Suche nach dem Bahndamm, so ist das nun mal, so und nicht anders, also reisse ich mich zusammen und frage endlich einen Typ in meinem Alter, wo der verdammte Puff zu finden ist.
“Da vorn durch den Tunnel, dann rechts und immer geradeaus.”

Richtig. Hinterm Bahndamm. Da ist es. Ich erkenn es wieder. Vorm Eingang zum Kontakthof drückt sich eine Gruppe türkischer Männer rum, lamentierend, Kerne spuckend, rauchend. Ich geh rein in den Hof. Zwei Nutten lehnen an der Backsteinmauer.
“Kommste mit?”
Ich grinse.
“Da grinst der nur.”

Ich streife die unterste Fensterreihe ab. Die meisten Vorhänge sind zugezogen. Auf den Scheiben Zimmernummern, manchmal der Name. Gabi. In der Hofmitte, an den Münzgeldautomaten, scharen sich die Freier, die sich hier den ganzen Tag den Schwanz in den Bauch stehen. Dann steht sie neben mir.
“Magst du dich verwöhnen lassen..?”
Lederstiefel, dunkles Haar, freundliche Augen.
“Weiß nicht”, krieg ich so gerade raus.
“Komm.”
Sie hakt sich bei mir unter.

Mit dem Lift gehts drei Etagen hoch, Zimmer 55.
“Das erste Mal hier?” fragt sie, als ich in dem engen Kabuff stehe, die Hände in den Hosentaschen.
“Was.. nein.”
“Wieso guckst du dich dann so um?”
Ein Bett mit brauner Decke, zwei Stühle, eine Schale mit Präservativen und Bonbons. Ich zuck mit der Schulter.
“Nur so.”
“Und? Schön bumsen und blasen?”
Ich bin zu nervös zum bumsen, zu verschwitzt. Die Fischangst meiner Hände.
“Nee. Nur runterholen. Ist besser.”
“Och”, sagt sie enttäuscht und zieht sich nicht weiter aus.
“Vierzig Mark. Warum nicht schön bumsen und blasen?”

Ich lege die zwei Zwanziger auf den Tisch. Sie grabscht danach und stopft die Scheine in eine Dose, zu den anderen Scheinen.
“Dann mach dir es mal bequem.”
Ich setz mich auf den Bettrand.
“Schwanz waschen?” fragt sie noch.
“Nee.. Nachher.”

Ich lass die Jeans runter, sie setzt sich dazu, den Pullover knapp über die Titten hochgeschoben.
“Und wirklich nur wichsen hallelujah? Nicht schön bumsen und blasen?!”
“Nur wichsen.. hallelujah.”
“Na schön. Machs dir bequem.”
Ich lege mich auf dem Rücken zurück, mit aufgestützten Ellbogen. Sie nimmt ein Kleenextuch und breitet es in Spritzrichtung über meinen Bauch aus. Wie ein kleines Auffangtuch sieht das aus, von der Feuerwehr.
“Magst du geile Bilder sehen?”
Ich mag nicht.
“Präser drüber?”
“Nee!”
Dann macht sie es. Ich guck ihr zu. Sie guckt zu. Sie macht es gut. Gekonnt. Ich dreh an ihren Titten rum, lass es schnell sein.
“Spritz in die Luft!” ruft sie, als ich komme.

Sie lächelt.
“Ging schnell..”, sag ich, halb fragend.
“Naja. Bei manchen Typen musst du das Ding nur berühren, schon explodieren sie. Dagegen war das ja Langlauf.”
Sie geht zum Waschbecken.
“Komm, du auch, schön Schwanz waschen.”
“Lass mal”, sag ich.
“Na, okay. Musst du wissen. Jetzt hast du schön leer gespritzt und du weißt, dass ich gut bin. Kommst du später noch mal wieder, schön bumsen und blasen.”
“Mh”, sag ich und nehme die Treppe.

Im Kontakthof schnitze ich mir was markantes um den Mund rum, wer weiß, vielleicht hat einer von den Pennern mitgekriegt, wie ich mit der Kleinen aufs Zimmer verschwunden bin, und jetzt, keine zehn Minuten später, bin ich schon wieder unten im Hof.
“Schnellspritzer”, höre ich sie mich verhöhnen, “dreimal hoch, dreimal runter, ha-ha-ha!”
Also schnitze ich mir was markantes, will sagen: Ich hab mit der Kleinen nur ein Geschäft abgewickelt, oder ich hab sie auf die Schnelle erdrosselt, was weiß ich. So lüge ich mich bis zum Ausgang, wo die Türken lamentieren, lebhaft mittlerweile und Pistazienschalen ausspuckend, und natürlich hat niemand was mitgekriegt von meiner Schnitzarbeit, geschweige denn mich ausgelacht. Männer im Puff interessieren sich für alles mögliche, nur nicht für andere Männer. Ich will jetzt auch nur noch raus aus dem Bahnhofsviertel.

Mit der Straßenbahn Richtung Altstadt. Morgen ist Heiligabend, die Leute haben es eilig. Schieben sich in Kolonnen durch die Fußgängerzone, vorm Horten seh ich einen dicken Junge mit Brille und Sheriffstern, zu seinen Füßen liegt eine Zigarrenkiste mit Münzen, er trällert ein Adventslied, fünf Minuten vorm Stimmbruch, aber sehr ruhig, souverän. Ich bin fast bestürzt über seine jugendliche Souveränität.

Ich stoppe an einer Bratwurststube.
“Drei Reibekuchen.”
Das einzig Wahre nach einem nietigen Bordellbesuch.
“Mit Apfelmus?”
“Na sicher.”
Denkt der denn. Der Chef, er trägt ein weiße Kochmütze, schiebt mir den Pappteller über den Tresen und erkundigt sich bei dem Touristen neben mir, “May I help you?”
“Yes, Sir. Wurst. We want this wurst.”
Der Koch nickt in Richtung Schwenkgrill, auf dem Thüringer Bratwürstchen kokeln.
“A long one?”
Der Tourist schaut sich unsicher um, sucht seine Frau, die in einiger Entfernung das Gepäck hütet.
“Mh, from Heidelberg, this wurst?”
“Heidelberg?” Der Koch nickt. “Yes. Heidelberg.”
Ich beisse in den Reibekuchen, Apfelmus kleckert.

Dann reih ich mich ein in den Strom der Passanten. Verhätschelte Gesichter, andere wie aus der Asservatenkammer. Von der Helligkeit eines Schaufensters angezogen, bleib ich vorm Frisörsalon stehen, guck mir die Auslage an, voller Portraits im stylishen neuen Look, Dreadlocks. Könnte mir auch noch mal die Haare schneiden lassen. Immer nur Locken, dicke unordentliche Dinger, seit Ewigkeiten. Komm mir überhaupt so siffig vor. Keine Alte guckt mich mehr mit dem Arsch an. Also, los jetzt.
Rein da.
“Womit kann ich dienen?”
Na, Haare schneiden.
Ob ich einen Termin habe?
Nein. Ich habe nicht sehr oft Termine. Der Geschäftsführer mustert mich geringschätzig und überfliegt eine offen liegende Kladde.
“Siebzehn Uhr hätte ich etwas frei.”
“Jetzt gleich geht’s nicht?!”
“Nein, leider. Sie sehen ja, alles besetzt. Tut mir leid.”
Ich finde, dass er im Schritt stinkt und probiere es in zwei, drei anderen Salons, bei Gina schließlich habe ich Glück.

Kleiner Palast. Gina persönlich hilft mir aus der Jacke und bietet mir einen Platz an, an einem Bistro-Tischchen.
“Möchtest du Kaffee?”
“Warum nicht.”
Sie serviert ihn postwendend und lauwarm. Ich schnappe mir eine Illustrierte, ein Stadtmagazin, wo Leute für eine Szene schreiben, die längst verreckt ist an ihren eigenen Leuten, aber was rede ich hier überhaupt? Wen juckt das. Gina hilft mir da raus.
“Kommst du mit?”

Vor einer Galerie von zwanzig Spiegeln versinke ich in einem ledernen Drehstuhl, Gina greift mir ins Haar.
“Gefällt dir das? Steht dir doch viel besser so, kommen deine Augen mehr zur Geltung.”
Augen? Die ist gut. Trübe Glubscher. Blutunterlaufenes Material. Ich bin unrasiert und blass. Es juckt. Junge, bin ich lädiert. Seh ich scheisse aus. Bin ich froh, wenn der Mist runter ist.
“Stehst du mal auf?”
Sie bindet mir einen Kittel um.
“Noch einen Kaffee?”
Bloß nicht. Ich setz mich und schau mir ein bißchen die Stylisten an, wie sie um die Kundschaft herumwieseln und dabei Konservation machen, mit flatternden Augenlidern.
“Kommst du mal mit?”

Ich bin hier nur am Mitkommen. Diesmal nicht mit Gina, sondern mit einer Rothaarigen. Lobsterrot. Es geht eine Etage höher, zum Haarewaschen.
“Such dir ein Waschbecken aus.”
Ich nehme das erstbeste. Behutsam drückt sie meinen Kopf in die Nackenschale, Wasser braust durch mein Haar.
“Temperatur angenehm?”
“Hm.. ja.”
Es gluckert leise im Abfluss. Sie legt Shampoo auf und massiert meine Kopfhaut. Ich schließe die Augen und entspanne, fast scheint es, als mache sie es zärtlicher als nötig, vielleicht ist es auch der Hygiene wegen, egal, heute bin ich für alles am löhnen, für die Hure, für die Frisöse, all diese zarten Finger.
“So”, sagt die Rote, rubbelt mein Haar trocken, “fertig.”

Ich wendle die Treppe runter, wieder auf meinen Drehstuhl.
“Magst du noch einen Kaffee?” kommt Gina an.
Will die mich verscheißern? Sie reicht mir das Stadtmagazin, das ich wortlos weglege, und dann fängt sie an. Zu reden. Sie redet und schneidet das Haar und redet und schneidet das Haar, dass ich mich irgendwann genötigt sehe, auch mal was zu sagen, bloß – was? Ihr französisches Aussehen verleitet mich schliesslich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei.
Sie lacht.
“Nein. Italienerin.”
Gott sei Dank.
“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.”
Scheiße.

Sie trägt ein schwarzes Leibchen, das viel Bauch herzeigt, und während sie mit scharfem Schnitt in meine Parade fährt, versuche ich einen Blick von ihrem Busen zu erhaschen, aber der ist gut und feste eingepackt. Schließlich ist es soweit. Der Struwwel ist entpetert, und Gina rasiert schon meinen Nacken aus. Sie präsentiert mir ihr Werk. Ich bin hart an der Grenze zum Hautkopf. Doch, sehr diszipliniert. Gina föhnt, Gina gelt.
“Pass nur auf. Gleich auf der Strasse guckt sich jedes Mädel nach dir um.”
“Ich nehme dich beim Wort”, sag ich, und zahle vierzig Mark.
“Hier”, Gibna reicht mir ihre Visitenkarte, “falls du mich weiterempfehlen möchtest.”

Draußen beißt es mir am Hals, sehr ungewohnt, dieser ungehinderte freie Zugang zur Luft, zur Kälte. Ich taxiere die schönen Düsseldorfinnen, he, mal herschauen, der Onkel war beim Frisör, doch die Resonanz ist dürftig. Was möglicherweise auch an meinem Outfit liegt. Also – keine halbe Sachen. Eine neue ganze muss her. Sache. Hose. Stangenware. Warenhaus. Hier gibts die neuen ganzen Sachen.
Hosen.
Herrenmieder. Stangenware.
Aus Jux probiere ich eine Bundfaltenhose, die passt sogar, ist mir aber doch zu affig. Was mir gefällt, sind schwarze verwaschene Jeans in Karottenform. Ich nehm ein paar mit in die Umkleidekabine, die riecht nach grober Leberwurst. Oder sind das meine Schweißfüsse? Eine Hose ist mir zu weit, schlabbert an der Taille, die nächste Karotte ist zu kurz, eine weitere zu eng. Ich komme einfach nicht zurecht mit den amerikanischen Größen. Gebe entnervt auf. Stolpere durch die einbrechende Dunkelheit, die vorweihnachtliche Meute. Keine Sau nimmt Notiz von mir.

Ich versuch es im Kaufhof. Gehe zielstrebig auf den Verkäufer zu, ein Asiate mit langem roten Lederschlips.
“Meine Bundweite”, sage ich, “brauch ich.”
Er versteht nicht, ich wiederhole, er versteht und holt ein Zentimeterband.
“Was suchen Sie denn?”
“Schwarze Jeans in Karottenform”, erkläre ich bündig, er nickt und verschwindet und schleppt wenig später einen Haufen Hosen an, nur die nicht, die ich meine.

Ein deutscher Oberverkäufer stößt hinzu.
“Kann ICH Ihnen weiterhelfen..?”
Er bedeutet dem Chinesen, dass er sich vom Acker machen soll, und ist oberverkäuferfreundlich.
“Mein Kollege ist ganz neu hier”, sagt er entschuldigend, und ich trage dem Glattarsch auf, mir eine Karotte zu besorgen, er bringt drei Stück in verschiedenen Größen, ich mache Leberwurst aus der Kabine, die Jeans passen alle drei, mehr oder weniger, ich entscheide mich für die engere und behalte sie gleich an.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, trotzdem versuche ich das weibliche Düsseldorf zu provozieren, mit flackerndem Blick. Und an der Straßenbahnhaltestelle Richtung Hauptbahnhof gelingt tatsächlich ein Flirt mit einer hinreißenden Dunkelhaarigen, bis sie einsteigt und abrauscht, ohne sich noch mal umzudrehen, blöde Kuh.

Schnellbahn zurück nach Solingen. Ich starre nur noch aus dem Fenster. Dingsda e pericoloso. Bitte nicht hinauslehnen. Ja genau. Mir doch egal. Fall ich eben raus. Bin ich eben tot. Aber tot mit Kurzhaar. Mein Gegenüber, ein Türke, macht mich per Handzeichen auf das Kärtchen aufmerksam, das mir aus der Jackentasche gerutscht ist. Ich hebe es auf. Endstation. Noch vom Bahnsteig aus rufe ich die Nummer an und frage, was sie mir denn da versprochen habe, so leichthin.
“Wie..? Wer.. spricht denn da?”
“Na, der Kerl, dem du eben die Locken geschnitten hast.”
“Ah.. ja.. und was hab ich dir versprochen?”
“Na, dass sich jedes Mädel nach mir umdreht. Das haut nicht hin. Lüge!”
Gina gackert.
“Du darfst nicht aufgeben.”
“Ja”, sag ich, und lege auf.

*
500beine sind ein träges System

*

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10 Antworten zu „Komma ich blute“

  1. fk sagt:

    Großartig.

  2. Herr Baron sagt:

    Wohl meine Lieblingsgeschichte hier (und dort).

  3. Minotaurus sagt:

    sporgersi.

  4. Mark sagt:

    Echt witzig. Vielen Dank für deine Auswüchse ;-)

  5. links for 2010-12-18 sagt:

    [...] Komma ich blute « mmulG "Ihr französisches Aussehen verleitet mich schliesslich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei. Sie lacht. “Nein. Italienerin.” Gott sei Dank.“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.” Scheiße." – ein sehr langer Text, aber jeder Satz lohnt. Ab 18! Aber super. 500, eben! [...]

  6. kurt sagt:

    geiler arsch..

  7. kurt sagt:

    gut getroffen sanne..hihi

  8. kurt sagt:

    oder doch in die eier..

  9. 2010 in review « mmulG sagt:

    [...] Komma ich blute December 20108 comments [...]

  10. 2011 in review « Glumm sagt:

    [...] 11. Komma ich blute [...]

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