Feuerland

Die dritte Nacht hintereinander hatte sie bei mir geschlafen, und jeden Morgen ließ sie sich mehr Zeit, bis sie unter die Dusche stieg. Problem dabei:  Sie bedeutete mir nichts. Es konnte mir nicht schnell genug gehen, bis sie endlich weg war. Wir hatten uns nichts zu erzählen, ihr Hintern war plump, sie watschelte durch die Küche wie Daisy Duck. Immer, wenn Daisy Duck im Micky-Maus-Heft auftauchte, war mir schon als Junge sterbenslangweilig geworden. Sie störte nur bei den Jungensgeschichten. Andererseits küsste sie sehr süß mit ihrer winzigen Zunge, wie ein Nagetier, es machte mich rasend. Wir rissen uns die Klamotten runter, schoben eine Nummer, zogen uns wieder an. Manchmal vergaß ich sogar das Rauchen. Es war das erste Mal, dass ich so mit einer Frau zusammen war. So unentschieden. So la la. Ich war auf dem absteigenden Ast.

Wir saßen in der Küche und tranken Mocca. Es war fast noch dunkel. Ich hatte keine Lust, Licht zu machen. Licht hätte Leben bedeutet, eine Einladung. Ich wollte meine Ruhe haben.

“Ihr habt eine komische Brause. Mal ganz heiß, dann eiskalt. Und der Strahl ist so hart, der tut schon weh. Kann man das ganze nicht irgendwie.. gleichmäßiger einstellen?”

“Mal sehen”, sagte ich schlecht gelaunt.

Obwohl die Tür zu Karlos Zimmer zugezogen war, hörte man ein Knarzen von dort, ein Kratzen, ein Strampeln. Vielleicht kam das Geräusch auch aus der Nachbarswohnung, wo ein Neugeborenes lebte. Vielleicht war ich auch einfach froh, überhaupt etwas zu hören. Die Stille, die uns einhüllte, wenn wir zusammen saßen, war nicht zu ertragen. Ich wusste nie, was ich sagen sollte, in ihrer Nähe. Eine Viertelstunde später war es geschafft. Sie musste los. Die Frühschicht begann um Sieben. Sie arbeitete in den städtischen Kliniken als Kinderkrankenschwester.

“Vielleicht bis morgen Abend..?” sagte sie, als das Taxi da war.

“Ja”, sagte ich. “Sicher.”

Ich setzte noch einen Kaffee auf. Ich wusste nicht, was ich so früh mit dem Tag anfangen sollte. Das Telefon ging. Wer rief so früh an? Eigentlich nur das Arbeitsamt. Ich liess den Apparat klingeln, doch weil der Anrufer hartnäckig blieb, hob ich im Bereich ds zwanzigsten Klingeln ab.

“Ich hab dich gestern in der Stadt gesehen, du hast ja die Haare ab..!” rief Lena, ohne groß hallo zu sagen.

“Ja, aber schon seit ein paar Tagen.”

“Das siehst furchtbar aus. Wie ein entflohener Sträfling.”

“So, findest du?”

“Ja, gefällt mir nicht. Ist ja nicht eine Locke übrig. Geht’s dir so schlecht?”

“Wieso solls’ mir schlecht gehen?! Nur weil ich beim Frisör war? Blödsinn.”

“Nee, wegen uns mein ich. Willst du dich mit den kurzen Haaren selbst strafen?”

“Was.. redest du da? Ich hab mich beschissen benommen letztens im Nordpol, das tut mir auch leid, war überflüssig, aber ich komm schon klar.”

“Na, wenn du meinst..”

Ich kam überhaupt nicht klar, nicht die Bohne. Besonders nicht so früh am Tag, wenn ich nichts mit mir anzustellen wusste. Aber Lena war die letzte, der ich das auf die Nase gebunden hätte. Ein entflohener Sträfling. Da war ja Karlos’ wiehernder Kommentar noch besser gewesen, “du siehst aus wie ein schwuler Berliner.”

Karlos kam am frühen Nachmittag vom Friedhof. Er hatte es eilig. Raus aus dem schwarzen Panzer, die Totenschuhe wechseln gegen Sneakers. Die Probe wartete. Am Wochenende war Premiere. In der Einsamkeit der Baumwollfelder, geschrieben von einem Franzosen, der an AIDS gestorben war. Ich hatte den Text gelesen, konnte nichts damit anfangen. Aber der Titel war gut. Der gefiel mir.

“Warte”, sagte ich zu Karlos, “ich komm mit in die Stadt.”

Wir stiefelten schweigsam nebeneinander her. Die Weihnachtstage waren vorüber, die Fußgängerzone voller Leute, die ihre Geschenkgutscheine einlösten. Es nieselte. Graues Krähenwetter. Auch unter uns beiden war die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Ohne besonderen Anlass. Es war einfach so, dass wir seit ein paar Monaten zusammenwohnten, aber die Dinge sich nicht grundlegend änderten. Sie änderten sich überhaupt nicht. Ich fragte mich, was zum Teufel wir erwartet hatten, wenn zwei Freunde, Mitte Zwanzig, ihre Wohnungen zusammenwarfen. Zwei Freunde mit künstlerischen Ambitionen, von denen der eine so lala mit Daisy Duck zusammen war und auch ansonsten nicht wusste, was das alles bedeuten sollte. Außer dass Weihnachten vorüber war. Immerhin.

Karlos stiefelte Richtung Theater, ich bog in die Kneipenmeile ab. Die Nachmittage im Mumms waren tödlich. Kaum Publikum, nicht mal Nikotin, eine behäbige Skatrunde. Andererseits konnte es stets passieren, dass plötzlich die Türe aufging und irgendein Großmaul spazierte herein, das eben noch auf allen 7 Weltmeeren unterwegs gewesen war, mit dem großen Schleppnetz. Ich konnte schon immer gut mit Typen, die eine große Klappe haben. Fatzkes mit langer Zunge, große Klappe, nichts dahinter. Aber davor: jede Menge herrlich lauter Luft.

“Wie oft hab ich früher im Mumms gestanden und dir zugeguckt, wie dich irgendwelche Großschnauzen vollgesabbelt haben, und du warst ganz begeistert und hast mit großen Notizbuchaugen zugehört”, meinte die Gräfin einmal zu mir. “Junge, waren das Blödmänner, und was hattest du einen Spaß.”

Wenn sich aber kein Großmaul blicken liess, blieb mir nichts anderes übrig, als auf den Abend zu warten. Nacheinander trudelten sie alle ein. Karlos, Schnaat, der dicke Hansen, Ringo, der Mitsubishi Boy, Benzini, die wilde Inge, und all die Namenlosen. Mit Jose verschwand ich nach draußen, einen Stickie rauchen. Jose war ein Spanier mit prächtigen schwarzen Locken. Die Deutschen waren für ihn nichts als Fische. Wir saßen unter der überdachten Bushaltestelle.

“Jose, gibs zu, du bist überhaupt nicht in Spanien geboren. Du bist selbst ein Fisch.”

“Alter, meine Eltern waren ein halbes Jahr in Deutschland, als ich geboren wurde, aber..”

“Dachte ichs mir doch. Du bist ein Fisch.”

“Ich bin aber noch in Spanien angesetzt worden, in Sevilla, also bin ich ein.. andalusischer Fisch! Die sind nicht so nass wie die deutschen Fische!”

Ein paar Wochen zuvor hatte Jose im Gedränge des Mumms “Ich liebe das heiße Leben!” in mein Notizbuch gepinselt, übers ganze Gesicht strahlend, auf die letzte Seite. Jose, den jeder nur Juschi rief, war ein Stehaufmännchen. Zu Beginn der 80er Jahre hatte er im Übermut eine Handvoll Papers eingeworfen, auf Löschpapier geträufelte LSD-Säure. Er irrte tagelang durch die Stadt, bildete sich ein, das TV-Programm manipulieren zu können, hielt sich für Jesus. Zuletzt lief er nackig über die Autobahn und regelte den Verkehr. Er war so neben der Kappe, dass die Autobahnpolizei ihn noch in derselben Nacht nach Langenfeld brachte, ins zuständige Landeskrankenhaus.

Zwei Jahre blieb er in der Geschlossenen. Man hörte Schauergeschichten. Fett sei er geworden aufgrund der starken Medikamente gegen die Psychose, willenlos, apathisch – ein dickes Fass Chemie. Einmal half ich einem Freund beim Wohnungsumzug, als er mir zufällig begegnete. Er hatte Freigang und besuchte seinen Bruder, er tippelte über den Bürgersteig. Mit winzigen Schritten schob er sich vorwärts. Ich grüsste ihn, “Juschi, wie gehts dir, mein Freund”, er erkannte mich nicht. Er hatte mich noch nie gesehen. Zu diesem Zeitpunkt hätte niemand auch nur einen Pfifferling auf seine Genesung gesetzt. Mittlerweile war er aber wieder in der Stadt, lebte vorübergehend bei seinem Bruder an der Teufelsinsel. Und – Juschi hatte sich tatsächlich erholt. Auch wenn er ein bißchen gesetzter geworden war, er kiffte und bumste sich wieder durchs Land, als wäre nie etwas geschehen.

“Du verdammter Thunfisch!” strahlte ich ihn unterm Dach der Haltestelle an, und er strahlte zurück mit seiner Lücke in den Schneidezähnen, dem kleinen Tor nach Andalusien. Ich riet ihm, mit dem Kiffen aufzupassen, “hinterher drehst du wieder ab.”

“Nee, nee, ich pass schon auf. Komm, wir gehen wieder rein.”

Bekifft am Tresen stehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief. Das war der Nachteil. Ich war ruckzuck betrunken. Als der Kellner kurz nach eins den Gong schlug, “LETZTE RUNDE!”, grinste mich diese Trulla an, mit ihren unordentlichen Zähnen. Richtig frech grinste sie rüber, einer Aufforderung gleich. Schon stand sie neben mir. Ich kannte sie vom Sehen, eine gekünstelt wirkende, immer euphorische, hart an der Grenze zur Hysterie agierende Frau. Sie lud mich ein, mit zu ihr zu kommen. Ich zögerte keine Sekunde. Ich hatte keine Lust, die Nacht allein zu verbringen.

Erst im Taxi kriegte ich mit, dass ich nicht der einzige war, den sie abschleppte. Außer mir stiegen der lange Picard und sein Kollege zu, ein stiller Trinker. Die beiden Loser hatten im Mumms in einer Nische gehockt und stundenlang gequatscht, jedenfalls Picard. Er war ein Spinner vom alten Schlag, der, wenn er nicht gerade in der Kneipesaß, daheim auf der Couch seine sechs Katzen streichelte und selbstgebackene Haschischplätzchen futterte.

Das Taxi brachte uns in eins der besseren Viertel am Rande der Stadt. Kein reines Villenviertel, die gibt’s in Solingen nicht. Es gibt vereinzelte Reiche-Leute-Spots am Stadtrand, mit seltenen Rosenstöcken im Vorgarten.

“Meine Eltern sind verreist”, meinte die Unordentliche, als wir das großzügige Einfamilienhaus betraten. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Kein Wunder, dass sie noch daheim lebte. Alles an ihr war unordentlich. Die Zähne, das Haar, die Augen. Die waren riesig, wie die einer Eule. Einer unordentlichen Eule. Ich fragte mich, ob mein Freund Ringo Spaß an ihr gehabt hätte. Ringo mochte Frauen mit einem gewissen Schlampenfaktor. Wenn das Strumpfband speckig war, der Lippenstift verrutscht, solche Sachen.

Wir ließen uns im Wohnzimmer nieder, das sie nur ourliving-room desaster nannte, krankhaft gackernd. Blitzsaubere Weingläser füllte sie mit einem erlesenen Tröpfchen, wie sie dreimal hintereinander versicherte, schwärmerisch ihr beknacktes unordentliches Haar in den Nacken werfend. Dabei entblößte sie ein riesiges Pferdegebiss.

“Dieses Jahr Heiligabend”, überschlug sie sich, “war ich glücklich WIE NOCH NIE! Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt wäre im Freudentaumel..! im Freu-den-tau-melll.. Kinder! Die ganze Fam-milie war ü-b-e-rglücklich!”

Picard und sein Kollege stierten ratlos in ihr Glas. Niemand wusste, was er von der Situation halten sollte. Sie hatte offensichtlich einen noch größeren Knall als erwartet. Ich bediente mich aus einer offenen Karaffe und kippte etwas, das wie Campari aussah, in meinen erlesenen Weißwein.

“Venezianisch frühstücken?” gurrte die Unordentliche.

Das war aber kein Campari, das war Sirup. Danach hatte ich die Nase voll.

“Ich leg mich schon mal aufs Ohr.”

Das war plötzlich alles, was ich von dieser Nacht noch erwartete. In einem fremden Bett schlafen. Am nächsten Morgen ein fremdes Haus verlassen. In einer fremden Gegend, als hätte ich mich in der Nacht verlaufen. Dann den nächsten Tag beginnen. Das neue Leben.

“Wo kann ich mich hier hinlegen?”

“Bedien dich, Cherie”, flötete die Dame des Hauses. “Im ganzen Desaster-House sind genug leere Betten. Such dir einfach eins aus.. à la vôtre!”

Ich steuerte das erstbeste Zimmer an und knallte mich aufs Doppelbett, dessen Tagesdecke Motive zierten, die ich nicht kapierte. Geometrie, Zirkelgeschäfte. Ich zog Schuhe und Hose aus. Auf dem Nachttisch lag ein Diercke Welt-Atlas und eine Schachtel Pralinen. Ich riss das Zellophan von der Packung und stopfte mir ein paar Böhnchen in den Mund, die Finger im Atlas. Ich tastete die Südspitze von Südamerika ab. War das Feuerland? Die Tür ging auf. Als die Unordentliche mich sah, lachte sie erst, doch schnell schlug die Stimmung um – sie wurde aggressiv, und richtig böse.

“Was zum Henker würdest DU sagen, wenn ICH das Bett DEINER Eltern mit Schokolade einsauen würde??”

Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an, sie warf das Roßhaar in den Nacken.

“Ich saue nichts ein”, erwiderte ich, auch wenn ich mir da nicht sicher war. “Aber ich kann auch woanders hin.. kein Problem.”

Ich schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Welt-Atlas, und verschwand eine Tür weiter ins nächste Zimmer. Es war kleiner und sah unbenutzt aus, ein Gästezimmer. Ich erkannte auf Anhieb Interlübke. Interlübke, ein in weiß gehaltenes Kompaktschlafzimmer, das auch bei meinen Eltern stand. Sie hatten lange darauf gespart, und als sie es sich 1970 endlich leisten konnten und es aufgebaut vor ihnen stand, weinte meine Mutter vor Freude. Ich warf den Atlas aufs Interlübke-Bett, und mich hinterher. Am frühen Morgen erwachte ich mit der Nasenspitze direkt vor Kap Hoorn. Ahoi.

Der Digitalwecker zeigte 12:02, als ich das zweite Mal wach wurde. Regen klimperte gegen das Fenster. Ich setzte mich auf den Bettrand und zog mir die Strümpfe an. Mir war übel. Die kleinste Bewegung verursachte ein Stechen im Schädel, als stießen hohe Stuhllehnen gegen ein Gehäuse aus Stahl und Glas. Bevor ich meine Hose anziehen konnte, sank ich zurück ins Bett. Ich hörte Schritte. Die Tür ging auf. Die Unordentliche. Sie lugte ins Zimmer. Ich tat so, als wäre ich noch im Schlaf.

“Ich lasse mich krankschreiben”, sagte sie mit kläglicher Stimme. “Aber erstmal hau ich mich noch für zwei Stunden aufs Ohr. Kaffee ist in der Küche, ein Brot kannst du dir auch schmieren. Fühl dich wie zu Hause.”

Ich hörte, wie sie die Treppenstufen runter klapperte.

Im Wohnzimmer, das mir kleiner, gedrungener erschien als in der Nacht, griff ich mir eine Camel ohne vom Tisch, und ging scheißen. Ich stöberte im Badezimmer nach Rasierklingen, die konnte ich immer gebrauchen, fand aber keine. Da war nur der Elektrorasierer. Ich mochte keine Elektrorasierer, und ich mochte auch keine Väter, die Elektrorasierer benutzten. Die rasierten sich nicht, um sich zu erfrischen, die rasierten sich aus Verachtung für Haare.

Die Warmhalteplatte der Kaffeemaschine machte keinen vertrauenserweckenden Eindruck, dennoch goss ich mir eine Tasse ein. Der Kaffee war kalt und schmeckte so grässlich, dass ich die Brühe auf der Stelle in die Spüle spuckte. Ich steckte mir eine Zigarette an und kam mir vor wie in einer Derrick-Folge, als ich die Schränke nach einer ausklappbaren Schrankbar durchsuchte, in der in notdürftig verschlossenen Glaskaraffen Scotch und Dujardin verrottete.

Nein, ich war in einem x-beliebigen amerikanischen Roman, wo spätestens nach zehn Seiten der Satz kam: er mixte sich einen Drink. Wenn man amerikanischen Romanen Glauben schenken durfte, und das wollte ich, ich liebte amerikanische Literatur, schien ganz Amerika den Feierabend mit einem Drink in der Hand einzuläuten, niemals trank ein US-Amerikaner einen Schluck Bier aus der Flasche.

Hier gab es keine Bar. Vielleicht einen Weinkeller. Auf einem Sideboard entdeckte ich Weihnachtspost. Zwei Postkarten. Eine war in der DDR abgestempelt, eine in Braunschweig. Zwei Karten, zweimal der gleiche Tenor: Wieso lasst Ihr nichts mehr von Euch hören? Ihr lebt doch noch. Da war ich mir nicht so sicher. Überm ganzen Haus lag eine leichte Fäulnis, ein unsichtbares und engmaschiges Netz des Todes.

Auf dem Vollschaumsofa saß ich nicht allein. Da waren zwei nagelneue Porzellan-Puppen, lieblos in die Sofakissen gedrückt. Daneben, auf einem Teewagen, ein Porzellanpuppen-Bildband. Beim Durchblättern stieg mir ein Geruch in die Nase, der mich an den druckfrischen Hochglanzporno erinnerte, den ich als Halbwüchsiger bei meinen Eltern im Schlafzimmerschrank gefunden hatte. Von dem ich lange nicht lassen konnte. Es war wie immer nach einem versoffenen Abend. Wenn ich aufwachte, war ich geil. Es war keine wirkliche Geilheit. Es war wie durstig sein und ein Glas Wasser runterstürzen. Einen Berg Plankton auskotzen.

Ein Regenschauer klatschte gegen die Panoramafenster. Im Garten miaute eine fette graue Katze, sie wollte rein. Ich versuchte, die Verandatür zu öffnen, kam mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte, bäumte sich auf. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den gräulichen Rasen. Endlich schnappte die Tür auf. Das Vieh musterte mich skeptisch, drängelte sich rein.

Es schlich um mich herum. Ich hockte mich nieder, auf den flauschigen Teppich, der alle Geräusche schluckte. Es hatte aufgehört zu regnen, nur das Ticken einer Wanduhr war zu hören. In Häusern, in denen nichts zu hören ist bis auf das Ticken einer Wanduhr, stockt einem der Atem vor lauter Stille. Es ist, als greife der Tod nach einem. War die Familie wirklich in Urlaub, wie die Unordentliche behauptet hatte? Oder lagen Vater und Mutter den Schädel eingeschlagen in der Mansarde, dem einzigen Ort, zu dem kein Zutritt war?

Ich holte meinen Schwanz raus und ließ die Katze daran schnuppern. Ich spürte ihre Schnauzhaare. Sie war fett. Sie trollte sich. Sie war wahrscheinlich der Familienkater. Ich war ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der sich aufs Feld schlich und heimlich einen dicken Esel bumsen wollte. Verdammt. Ich saufte zu viel. Ich soff. SIFF. Himmel! Ich kannte nicht einmal mehr die Vergangenheitsform von saufen, weil sich mein verfluchtes kleines Dasein ständig im Hier und Jetzt abspielte, auf dem kläglichen Transportband zwischen Vergangenheit und Zukunft, ohne jegliche Reflexion. Ständig stand ich neben mir und beobachtete, was der Kerl wohl als nächstes tat. Das war alles. Die pure Gegenwart. Mehr war nicht.

Himmel, half!

Ich war am Ende. Der Mensch war am Ende. Irgendwann würde er nach Afrika zurückkehren. Er würde den aufrechten Gang verlernen und wieder oben in den Bäumen leben. Nur wie wir die verfluchte Gefrierkombination hinauf kriegten, stand noch in den Sternen. Die Katze kam zurück. Ich saß auf dem Teppich. Sie hatte Vertrauen gefunden, drückte sich an meine nackten Beine. Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich die Hose angezogen, die Schuhe geschnürt, das Haus verlassen.

Ich stand draußen im Eingang. Ein sanfter Regen setzte ein, als stünden Engel vorm Urinal. Ich versuchte mich zu orientieren. Jemand schneuzte sich. Im Erdgeschoss war das Fenster auf Kipp. Die Unordentliche. Sie war erkältet. Ich hörte ein leises Strampeln, knöpfte den Mantel zu, und ging.

*

Fortsetzungen:

Der Schuss

Transportschaden

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4 Antworten zu „Feuerland“

  1. fk sagt:

    Immer wieder gut.

  2. MC Winkel sagt:

    Sogar noch besser!

  3. links for 2011-02-24 > delicious-links > MC Winkels weBlog sagt:

    [...] Feuerland « glumm "Bekifft am Tresen stehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief. Das war der Nachteil." – lest Glumm! Share GA_googleFillSlot("MCWinkel-300×250"); Keine Meinung?! Sag was oder setz einen Trackback. [...]

  4. 2011 in review « Glumm sagt:

    [...] 10. Feuerland [...]

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