Kaum ist die Sonne draussen, bereiten sich die örtlichen Rotzlöffel aufs erste große Schaulaufen des Jahres vor. Der rothaarige kurze Nachbarsjunge, der nicht mehr wächst, wird im Coppel-Park in den Mülleimer gestopft, mit dem Gesicht nach unten. Was mich gleich an die Zeiten erinnert, wo wir selbst in Cliquen durch den Park streiften und Sachen grölten wie Ein schönes Tier, das ist die Ratte, doch noch viel schöner ist die Morgenlatte!
Das ulkigste Ding hatte Klat, Rußland-Deutscher aus Kasachstan. Ein schwerfälliger Knabe. Er gehörte nicht wirklich zu unserer Clique, trieb sich aber mit uns herum. Sein Schwanz war von so vielen Adern durchzogen, oder sie waren so gut sichtbar, dass er dunkelblau schimmerte – es sah aus, als wäre Tinte darin ausgelaufen.
Fortan hiess Klat nur noch Tintenfisch, blaue Donau, blauer Bomber, und die Mädels giffelten Blau blau blau blüht der Enzian, wenn er um die Ecke kam und an nichts blaues dachte. Klat selbst plädierte für Blue Hawaii als Spitzname, was nahe lag. Sobald nämlich am großen Platz am Weyersberg ein Rummel seine Fahrgeschäfte aufbaute, war Klat vom Blue Hawaii nicht mehr loszueisen. Wenn er pleite war, ging er sammeln für die nächste Fahrt.
Ich bin Blue Hawaii so gut wie nie gefahren, aber Blue Hawaii war auf jeder Kirmes Anlaufstelle No. 1, wenn es um Mädels ging.
Sie war klein und kompakt und hatte dichtes blondes Haar. Ein pudriger weißer Film lag über ihrem Gesicht, wie der Zucker auf einem Streifen Wrigleys-Kaugummi, den man frisch aus der Packung holt. Sie trug knackig-enge Jeans und achtete streng auf ihr Äußeres, gleichzeitig strahlte sie etwas mildes und nachsichtiges aus. Ihre Augen blitzten grüngrau, echte Katzenwelten, darüber lange Lider, wie die Markisen eines Pelzhändlers.
Ich wusste nie, wie ich sie ansprechen sollte. Es war auch nicht gerade leicht. Wir Jungs standen in einer Ecke des Fahrgeschäfts, der Pulk der Mädchen auf der gegenüberliegenden Seite, dazwischen rotierte die Drehscheibe mit den vielen Gondeln, vom dröhnenden Glitter-Rock der Glitter Band angetrieben, Rock’n Roll. Part One.
Sie hatte keinen Freund, das stand mal fest. Ich sah sie stets mit den anderen Mädels über die Kirmes ziehen, zum Auto Scooter oder zum Kentucky Derby, zur Spinning Racer Achterbahn oder zum Stand mit den roten Zuckeräpfeln. Selbst unter den Freundinnen schien sie nur für sich zu sein. Eine kleine hübsche Einzelgängerin. Die anderen Mädchen waren bloß Staffage. Jedenfalls für meine Augen. Karlos hatte eine andere im Blick, und beachtete meinen Schwarm überhaupt nicht. Er nannte sie nur die kleine Katze.
Wenn mein Blick sie traf, guckte sie schnell woanders hin, während die Gondeln vorübersausten, in ihrer ständigen Kurvenlage so laut und rumpelnd, dass die Beine erzitterten. Doch wenn sie dann endlich zurückguckte, wenn sie sich endlich traute, fixierte sie mich regelrecht. Mir wurde mulmig. Ihre Katzenaugen hatten etwas kühles, gleichzeitig höchst inniges. Sie war ein Rätsel. Ich träumte von ihr.
Ihre Stupsnase passte zu ihrem Gesicht, der Kragen ihrer Jeansjacke war ständig hochgeschlagen. Ihr Bruder, so alt wie ich, war Gitarrist und stieg Anfang der 80er bei Fehlfarben ein. Mit der familieneigenen Stupsnase.
Unsere Blicke trafen sich auf der Frühjahrskirmes, auf der Herbstkirmes und auf der Sommerkirmes, und immer standen die mitreisenden Schausteller gegen den Fahrtwind gelehnt auf der rotierenden Drehscheibe, aufrecht und stolz wie die Stehruderer auf venezianischen Gondeln. Die Haare geföhnt, hielten sie sich an den Rücklehnen der Sitze fest. Sie kriegten nie ein Mädel ab. Die Mädels gehörten den einheimischen Jungs. Die Mitreisenden durften ruhig ein bißchen aufschneiden, auf dicke Hose machen, vier Tage später hiess es eh das Fahrgeschäft abbauen und ab ging’s Richtung Gelsenkirchen. Wir blieben hier, wir hatten es in der Hand. Wir guckten, wie es weiterging.
Wenn ich mich nur getraut hätte.
Jahre später traf ich sie wieder. Sie lächelte schüchtern und hatte ein Kaugummi in Arbeit. Sie war immer noch kompakt wie ein Block Wrigleys, sie roch nach Minze und frisch gewaschener Jeansjacke, der Kragen war hochgeschlagen. Ich wollte rübergehen und sie ansprechen, nach all den Jahren, warum nicht, wir waren keine Kinder mehr, doch ich liess es sein. Es hätte keinen Sinn gemacht. Es war zu spät. Jetzt konnte es auch bleiben, wie es ist. Ich lächelte.
Schlagwörter: Blue Hawaii, Kurzgeschichten, Liebe, Malerei
18. März 2011 um 11:05 vormittags |
hast nichts verpasst…frigide oder lesbierin..wer weiss..
18. März 2011 um 1:43 nachmittags |
Geblieben ist Dir die Magie der Begegnung mit ihr.
“… stolz wie die Stehruderer auf venezianischen Gondeln …” und schwups setzt eine Zeitreise in die Jugend ein. Topp!
19. März 2011 um 12:34 nachmittags |
… und wenn mich heut genau die gleiche Schüchternheit befällt, wie ‘früher’, genau dann fühlt es sich gut an. Gut geschrieben
19. März 2011 um 7:22 nachmittags |
war der mmulg in venedig..hihi