Seit Tagen ist der Dschungel in der Stadt. 31 Grad, die Luft schwer und süßlich, wie in einer Kammer, in der Fleisch verwest, weißes Fleisch, zugeschnürt und nackig. Ammoniakgestank verzerrt unsere Gesichter. Cro Magnon Menschen sind wir, die letzten Überlebenden auf der Flucht vor den Sonnenmassen, tief im Süden von Gott.
Ich hab sogar im Bett seifige Füße.
Die Gräfin schwört beim Leben ihrer Mutter und des Dschungelbuchs, sie habe bereits Mowgli im Garten gesehen, Mowgli und die Schlange Kaa. Von den vielen Wetterberichten und Wettersondersendungen nach der Tagesschau befinden wir uns in permanenter Gewittererwartungshaltung, doch es findet nicht statt, kein Gewitter, keine Entladung. Das Hoch kommt aus Zeeland. Alles steht still. Nichts rührt sich.
Ich komm früh am Morgen aus der Bäckerei, eine Tüte Brötchen in der Hand, als Kilian meinen Weg kreuzt.
“Kilian”, sag ich.
“Glumm-Mann”, sagt er. Er sagt stets Glumm-Mann. Sein Bruder sagte früher stets Eh, Riemen, wenn er mich sah. Wir reichen uns die feuchten Tatzen und unterhalten ein bißchen, aber wir haben es eilig, jeder für sich.
“Grüß deinen Bruder”, sag ich.
“Mach ich.”
Ich bleib stehen. “Sag mal.. Wieso sieht man den Kikki gar nicht mehr?”
“Der hängt jetzt dauernd bei mir ab. Der hat ein dickes Bein. Der kann kaum noch laufen. Kommt vom Saufen.”
Auf dem Heimweg denke ich darüber nach, was den Leuten alles widerfährt. Der eine baut Kulissen für Pro7 und ist dick im Geschäft, der andere hat sich das Bein dick gesoffen. Dass man sich das Bein überhaupt dick saufen kann, ist mir neu. Ich kenne Leute, die schiessen sich Methadon in die Vene, und weil Methadon eine zähe klebrige Lösung ist, nicht zum Injizieren zugelassen, sondern zur oralen Aufnahme, verklumpt das Blut, die Beine schwellen an. Manchem sind schon Elefantenbeine gewachsen, und wen es ganz übel erwischt, dem muss das Bein abgeknipst werden, wie eine olle Zigarre. Aber dicke Beine vom Schnaps? Junge, Junge.
Zur selben Zeit, als ich den Kannenhof erreiche, fährt ein grüner Pritschenwagen vor, und hält an. Die Siedlungsgärtner. Wollen wohl Frühstückspause machen. Hier unten hat man seine Ruhe. Der alte Kannenhof ist eine Sackgasse. Dahinter beginnt der Urwald. Der Ordnung halber: Erst kommen einige Flachdachbungalows, in denen sich soziale Emporkömmlinge schnell die Fontanelle stossen, wenn sie noch höher hinaus wollen. Dann erst das Dickicht.
Ich schliesse die Türe auf, und Frau Moll läuft kläffend auf mich zu. Ein wütendes Kläffen, weil ich ohne sie aus dem Haus gegangen war. Die Tür zum Zimmer der Gräfin ist noch zugezogen, da geh ich mal davon aus, dass sie noch schläft und setze das kleinere der beiden Espresso-Kännchen auf.
Plötzlich ein Aufschrei.
“WAS MACHEN DIE DENN DA? HEE!! SIND DIE BLÖD?”
Ich eile in ihr Zimmer, der Hund ebenso, mit Gebell. Ein Hütehund. Immer bestrebt, die Herde zusammenzuhalten, Ärger aus der Welt zu schaffen. Zur Not tut’s auch Krawall. Die Gräfin steht am Fenster, verschlafen, das Haar aufgeworfen wie ein Rembrandt-Helm.
“Die haben sie wohl nicht mehr alle!! Die wollen unseren Goldregen killen..”
Im Vorgarten stehen die drei Gärtner um den Goldregen herum, der sich jetzt, Anfang Juni, in vollem Wichs präsentiert. Dutzende von schweren gelben Blütenkelchen, Bienen summen, überall Hummeln. Der Meister legt ein Seil um den Stamm, und zurrt es fest.
“Die sollen aufhören!” ruft die Gräfin gegen das geschlossene Fenster an. Um es zu öffnen, müsste man zunächst all die Pflanzentöpfe von der Fensterbank räumen. Dafür ist keine Zeit. Schnelles Handeln ist angesagt. Ich stürme aus der Wohnung und biege um die Hausecke. Fast wäre ich mit dem Fuß umgeknickt.
“He! Ihr könnt doch nicht unseren Goldregen fällen!”
Der Meister blickt überrascht auf.
“Junger Mann, der ist morsch. Der Goldregen muss weg. Das ist unser Auftrag.” Seine fleißigen, krummen Finger fassen den Stamm, unterhalb des Seils. “Die knicken um wie die Fliegen. Die Strasse hoch ist schon einer umgefallen. Gestern. Pfokk! – lag er da. Zum Glück hatte da kein Auto geparkt.”
“Na, das ist immer wichtig”, murmle ich, “eure scheiss Autos.” “Und Sie, haben Sie kein Auto?” “Nee, ich nicht. Also, doch. Da vorn. Dann eben unsere scheiss Autos.”
Ich schaue hoch zum Fenster. Frau Moll steht auf ihren Hinterpfoten und lächelt, daneben die konsternierte Gräfin. Der Goldregen ist ihr Baum. Er spendet Schatten, wenn sie am Zeichentisch sitzt und arbeitet, er spendet Trost, wenn sie nicht voran kommt. Und er winkt die Honigbienen heran. Sie liebt ihren Baum. Sie liebt jeden Baum. Sie liebt jedes kunterbunte Wachsen. Besonders unter ihrem Fenster.
Ich blicke den Meister an, und schalte einen Gang zurück. “Lässt sich da nichts machen, Chef?” Das sind schließlich Genossenschaftsgärtner. Die haben hier Verfügungsgewalt. Wenn die der Meinung sind, mein linker Fuß hätte fiese Knöchel: weg damit.
“Nee, junger Mann, der muss weg. Der steht schon ganz schief, sehen Sie doch. Eine einzige Windböe und der Kamerad stürzt um, so morsch ist der. Den brauchen Sie nur anzutippen, weg isser. Werden Sie gleich sehn, wenn wir den aus dem Boden holen. Der Kannenhof ist zu feucht für Goldregen, die Wurzeln faulen weg. Kann man nichts machen, nein.”
Dass die Gegend hier zu nass ist für viele Pflanzen, haben schon andere Macher erfahren müssen. Der Gustav Coppel-Park vor unserer Haustür war in früheren Zeiten der Botanische Garten der Stadt, wurde aber wegen widriger klimatischer Verhältnisse (zu nass) geschlossen. Noch heute besticht der Park durch seine Hanglage, asiatische Ziersträucher und nordamerikanische Amberbäume, die bei Herbstbeginn glutrote Blätter abwerfen, als kämen sie aus dem Pizzaofen. Bei einbrechender Dunkelheit schwirren Fledermäuse im Zick Zack durch die Luft, dass man sich unwillkürlich wegduckt: Als wäre hinterhältiges kleines Militär unterwegs, die Park-Junta.
Es gibt zwei Ententeiche, Hundegebell von fernen Höfen und Singvögel, die ob der unmittelbaren Nähe zum Penny-Markt an der Wupperstrasse ihre Lieder knallhart kalkulieren.
“Ist wirklich ein Jammer”, mischt sich Gärtner Nummer Zwei ein, mit gequetschter Stimme, als wohne tief in seiner Kehle eine Kartoffel. “Früher war die ganze Gegend übersät mit Goldregen.”
“Ja, früher war alles übersät”, sag ich.
Die freundliche alte Nachbarin im Haus gegenüber erscheint im Morgenmantel am Fenster. Sie winkt schüchtern herüber. Sie lächelt. Alte Damen am Fenster und Hunde auf Hinterbeinen lächeln. Sie können nicht anders.
Kommen wir zu Gärtner Nummer drei. Gärtner Nummer drei trägt das Haar strähnig und lang, als wäre er in den Regen gekommen, und löchrige Arbeitshandschuhe, die zu seinen Zähnen passen. Ein süchtiger Free Jazz-Saxophonist. Wenn drei Männer zusammenarbeiten, gibt es immer einen Meister, eine Nummer Zwei und einen süchtigen Saxofonisten, der zunächst die Klappe hält und dann abrupt alles nachplappert.
“Wir müssen die Goldregen fällen, sonst knallen die auf parkende Autos drauf und machen die Dächer kaputt. Ist zu nass der Boden hier. Alles übersät.”
“Ja, wie früher”, sag ich.
Es ist soweit. Die Gärtner vertauen das Seilende an der Anhängerkupplung ihres Pritschenwagens. Sie machen jetzt keine Worte mehr, jetzt wird geschwitzt und entwurzelt. Ich verlasse den Tatort. Beim Abschlachten ihres Lieblings muss ich der Gräfin beistehen. Eisern Union. Sie sagt nicht einen Ton. Selbst Frau Moll gibt sich leise. Ausgerechnet sie, die alte Hupe. Als der Wagen langsam anfährt, zeigt sich das mürbe Holz von der kämpferischen Seite und bäumt sich ein letztes Mal auf.
“Da, schau mal!! Der wehrt sich”, bangt die Gräfin und hofft kurz auf ein Wunder, doch kaum zieht der Wagen den zweiten Meter, kippt der Baum zur Seite – das Seil hält die Spannung nicht aus und zerreisst mit einem flitzenden zzzzatss! – PFOPP in zwei Hälften. Der Goldregen liegt jetzt halb auf dem Gehweg, halb im Vorgarten. Die Strasse, ein Meer aus gelben Blüten. Ein goldenes totes Meer.
“Und mein lauschiges Plätzchen, was ist damit?” Die Gräfin starrt ratlos auf den Zeichentisch, auf den die Morgensonne knallt. Ungehindert. “Das fühlt sich an, als käme ich aus dem Dschungel und müsste plötzlich in der Steppe leben. So vollkommen.. ungeschützt.”
Ich setze neuen Espresso auf. Das dicke Kännchen diesmal. Klopfgeräusche währenddessen aus dem Zimmer der Gräfin – es wird ans Fenster getrommelt und laut gesprochen. Gerufen. Die Stimme des Meisters.
“Sagen Sie dem jungen Mann, er soll mal rauskommen und sich das angucken.”
Ich sitze am Küchentisch. Ich will endlich Kaffee trinken. Ich hab die Nase voll von Aktionen, die nichts bringen. Ich bin ein abgehalfteter Blogger, der für seine ständigen Wiederholungen keinen Cent sieht und langsam die Nase voll hat. Diese Nase ist reichlich voll. Mach doch mal was anderes. Was richtiges. Schreib ein Buch.
“Du sollst rauskommen”, wiederholt die Gräfin resigniert, als hätte ich das nicht gehört. Na schön. Ich geh vors Haus. Ja ja. Ich sehe es ja ein. Der Stamm war innen hohl, das Fleisch kränkelte schon lange, der musste weg, besser heute als morgen, der wär sonst umgekippt, der hätte Sachen beschädigt, das hätte Geld gekostet, hätten Sie dafür aufkommen wollen, nur weil Sie einen schönen Baum vorm Fenster stehen haben wollen.
Ach, haltet doch einfach alle eure Fresse.
“Der hätte es nicht mal mehr bis zum Winter gemacht”, meint der Free Jazzer, die nervige Nummer drei, und wirft die Kettensäge an. Mit einem Swing im Arm, als besteige er eine Harley.
“Moment”, tippe ich ihn an, und er schaltet die Maschine wieder aus. Ich seh die Gräfin am Fenster, wild gestikuliernd. Sie will ein Stück vom Baum, interpretiere ich ihre Geste. Als Andenken.
“Sicher – machen wir.”
Zuletzt bleibt im Boden lediglich ein Stumpf zurück. Der bleibt drin zum Vermodern. Das armdicke Stück Holz, das der Free Jazzer abgesägt hat, bringe ich der Gräfin. Sie ist direkt mit der Nase drüber, und Frau Moll macht es ihr nach – das große Schnuppern.
“Mhm, schön würzig. Wie das Arschloch eines Elefanten..”
Na, Gott sei Dank. Sie kommt wieder auf die Beine.
Als ich einen dreifachen Espresso später in ihr Zimmer gucke, liegt sie auf dem Bett, vor sich das Stück Holz. Sie zählt die Jahresringe. Sie kommt auf zwanzig.
“Ist schon komisch, wie sich der Goldregen in den letzten Tagen noch mal aufgeplustert hat.. als hätte er sein Ende geahnt.”
Trotz der feuchten Hitze stand er so prachtvoll in seiner Blüte, als wollte er sich den Honigbienen ein allerletztes Mal andienen, im hauseigenen Motodrom. Vorbei. Stattdessen wird im Vorgarten noch mal angeblasen. Gärtner Nummer Zwei sorgt für den Sound, mit dem Laubsauger fegt er das goldene Blütenmeer von der Strasse. Zurück bleibt eine kleine braune Wunde im Vorgarten. Eine Leerstelle. Ein x.
Es wird wieder ein heißer Tag. Ringsum schließen sich Fenster und Türen, geräuschlos, der Dschungel ist in der Stadt. Die Luft stickig und süßlich, als betrete man ein Zimmer, in dem weißes Fleisch verwest, der Ammoniakgestank verzerrt unsere Gesichter: Cro Magnon Menschen sind wir, die letzten Überlebenden auf der Flucht vor den Sonnenmassen, tief im Süden von Gott.
Ich hab sogar im Bett seifige Füße.
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Weiter auf 500beine: Anruf 89
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Es begann mit einem Telefonanruf. Die meisten Dinge beginnen mit einem Telefonanruf. Ein Telefonanruf ist so lapidar, dass man gar nicht auf die Idee kommt, damit würde eine neue Ära eingeläutet. Aber dann hebt man den Hörer ab, und die Sache geht ihren Weg.
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Schlagwörter: 500beine, Geschichten, Glumm, Gräfin, Kurzgeschichten, Literatur, Sommer

7. Juli 2011 um 12:32 nachmittags |
Im Wald Elefantenarschloch gefunden. Wirklich. Aus Holz.
7. Juli 2011 um 12:46 nachmittags |
weil es mir so gut <<<<<<<<<<<<<<<<<8
(ge f ä llt .-)
ich leide
und rieche
und zähle
die ringe
50
wer fällt isch..-misch
7. Juli 2011 um 4:02 nachmittags |
jau! n buch. herr glumm, bitte! würd ich kaufen selbst wenn eigentlich gar kein geld da is. weil: you made my day… sooooft schon. ja fast schon zu oft – auf dauer ist diese einseitige fr3eudemacherei ja auch irgendwie voll anstrengend zu ertragen.
nich nur immer fleissig mojo in die welt ballern – auchma was annehmen. lass dir geben -ersma ersatzweise- sonnige grüsse!
7. Juli 2011 um 4:14 nachmittags |
der glumm gemixt mit nem schuss bunter liebe aus adliger hand zwischen zwei pappen von dem hier http://www.blog.druckerey.de/
7. Juli 2011 um 9:08 nachmittags |
Umwerfend.
7. Juli 2011 um 11:44 nachmittags |
Beeindruckendes Stück. Mit lachendem und weinendem Auge zu lesen.
8. Juli 2011 um 11:46 vormittags |
zeig her deine füsse..
9. Juli 2011 um 9:01 vormittags |
“Wenn drei Männer zusammenarbeiten, gibt es immer einen Meister, eine Nummer Zwei und einen süchtigen Saxofonisten, der zunächst die Klappe hält und dann abrupt alles nachplappert.”
Mal wieder ein ganz wunderbarer Text, anrührend und mitreißend. Und nein, kein abgehalfterter Blogger. Und ja, ein Buch.
9. Juli 2011 um 9:54 vormittags |
Was lava. noch sagen wollte “und ja 1 Buch, natürlich” schon lange.
11. Juli 2011 um 9:29 nachmittags |
Ich will auch ein Buch! Ich lade das bei irgendeinem Südseeseppel herunter und lese es dann auf meinem Rechner, so wie ich schon immer auf meinem Bildschirm lese, wenn ich bei Glumm zu Besuch bin. Nein, ganz im Ernst, ein echtes Buch wäre schon toll.
13. Juli 2011 um 6:59 vormittags |
Buch wär gut
5. August 2011 um 8:16 vormittags |
Sätze, tief im Süden von Gott..