Lüttkenhorst bleibt unbeeindruckt

Erster September. Der Althippie, der aus seiner Blockhütte heraus die Nachbarschaft tagtäglich mit Oldies versorgt, brennt das nächste Sixties-Feuerwerk ab, auch wenn seine Sixties mehr und mehr in die dunkleren Seventies überzugehen scheinen. Gerade läuft Norman Greenbaum, “Spirit in the sky”.

Bevor die Sonne untergeht, schmeißt der Hippie weitere Hits auf den Grill, genug für den ganzen Hippie-Clan. Es riecht nach Speck und massenhaft Mon Cherie.

“Blödmann, das ist Brennspiritus”, berichtigt die Gräfin. “Aber was hast du immer mit deinem Hippie, das ist kein Hippie, das ist ein Großvater. Ein Rentner.”

Ich krieg mal wieder nur die Hälfte mit. Die Gräfin ist ohnehin der Auffassung, man müsse schon kleine TV-Bildschirme um die Dinge herumbasteln, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Damit ich auch mal länger hinschaue. Aber die Blockhütte im Garten macht es einem auch nicht leicht. Sie ist von einer mannshohen Hecke umsäumt und schwer einsehbar. Und weil ich ihn nie gesehen hab, stellte ich mir unter dem Discjockey einen nach Ahoi-Brause duftenden Althippie mit jeder Menge Haaren und Zeit vor, aktiv wie ein Hamster im Laufrad, die Backentaschen vollgestopft mit Beatles und San Francisco und Deep Purple, schwer dominiert von seinem Suchtverhalten.

Wobei schleierhaft bleibt, was er da eigentlich treibt in seiner Hütte, wenn er stundenlang dasitzt und Oldies hört, Tag für Tag, bis in die Puppen und darüber hinaus. Andererseits, was solls. Sitzen nicht überall auf der Welt Menschen in ihren vier Wänden und niemand weiß, was sie da tun? Löst er Rätsel, masturbiert er im Dunkeln? Schaut der Mensch zu “The Letter” von den Box Tops dem eigenen Schulterzucken zu? Oder versinkt er still in sein Stühlchen und stiert in die alten Zeiten?

Ich hab ihn niemals gesehen, ich höre bloß seine Musik, die Musik ist ständig präsent, er spielt die Songs meiner Jugend. Der Knabe füttert und nervt uns mit soviel ollen Kamellen, ich schrecke schon in der Nacht hoch. Ich hab geträumt, man hätte mich in Woodstock vergessen. Ich lebe als letzter Hippie im legendären Schlamm, in Patchwork-Decken eingehüllt, und warte immer noch auf den Helikopter, der Ten Years After und mich nach der Show abholen soll, er lässt auf sich warten.

Popmusik. Jeder schleppt seine eigene Musikbox mit sich herum, seinen privaten kleinen Wurlitzer-Buckel, die Erinnerungen sind durchnumeriert von A1 bis T8. Die erste Liebe (Electric Light Orchestra), die Fahrt in den Jugendarrest (The Specials), der Kiff-Urlaub in St. Tropez  (Bee Gees) – alles unterlegt von einer bestimmten Klangspur. Kurz angespielt, und man liegt wieder am Strand und kotzt Pernod aus.

Ich mag kleine einfache Melodien. Songs wie freundliche Scharlatane, die einem den Bauchraum mit bloßer Hand öffnen und innerhalb drei Minuten wieder verschliessen, ohne dass Blut strömt, (nur rauscht). Die allerbesten Songs sind die zunächst unauffälligen, die man ein paar Mal hören muss bis sie einen am Wickel kriegen. Wie eine achtlos weggeschnippte Kippe, die eine Weile vor sich hin glimmt bis sie endlich einen Zipfel deines Gemüts zu fassen kriegt und damit einen Flächenbrand auslöst und alles niederfackelt in deinem inneren Musikzimmer; zurück bleibt ein Klumpen Erinnerung, eingeschmolzen auf alle Ewigkeit.

Melodien, die, kurz angespielt, sofort losrennen wie quiekende Schweine, sobald man nur einen Fetzen vernimmt, etwa wenn ein Cabrio vorüberfährt, in dem grade “Let’s dance” von Bowie im Verkehrslärm untergeht, ich aber sofort “put on your red shoes” fortführe, “and dance the blues”, obwohl das Fahrzeug längst um die Ecke, nichts mehr zu hören ist.

Ich spiele zu Hause kaum noch Musik. Was mich unterwegs an Musik erreicht, reicht. Ich verlasse mich aufs Schicksal. Das guckt ohnehin unentwegt zu und entscheidet.

Da war dieser Sommertag im Coppel Park, im unteren schummrigen Teil, wo sich Fledermäuse und hohe Nadelbäume gute Nacht sagen, als mir aus einem der angrenzenden Gärten Cat Stevens entgegenschleicht. Erst sehr leise, wie das Versprechen eines Indianers, dann allmählich erkennbar, Switch on Summer, like a Slot Machine, ein sauberer Sound, die Bässe noch warm.

Während der Hund friedlich das Gebüsch abschnüffelt, lasse ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und höre die alten Cat Stevens Hits, die wir im Haus der Jugend auf Gitarre spielten. Die Texte, obwohl über dreissig Jahre nicht gehört, singe ich Wort für Wort mit. Ich sitze da und lausche meiner Vergangenheit, einer Zeit, als Plattennadeln noch tief ins Vinyl vorstiessen und mit jeder Umdrehung winzige Verletzungen riskierten, Kratzer, Staubeinlagerungen, bis eines Tages der Datensatz kam und übernahm.

Es ist diese klare blaue Stimmung, die er hinkriegte, als Cat Stevens jung war. Mir laufen Tränen übers Gesicht, bei Father and Son. Während ich sie auf der Haut spüre und nicht fortschicke, weil ich gerne gerührt bin von meiner eigenen Rührung, (aber nicht länger als eine halbe Minute, Freundchen!), frage ich mich, warum es einen so tief anrührt, wenn solche Momente auferstehen, die doch normal waren – damals, mit 15. Man trauert keinen tollen Sachen hinterher, man trauert Normalität hinterher. Nicht nur das. Wenn schlechte Zeiten nur lange genug vorüber sind, trauert man selbst schlechten Zeiten hinterher. Schlechten Angewohnheiten. Mögen sie auch schlecht gewesen sein, ungesund und selbstzerstörerisch, du warst mittendrin und hast Verletzungen riskiert, du bist tief vorgestoßen ins Dumme, ins Kranke, ins Schlechte, ins Menschliche, und ja, vielleicht hast du nicht einmal was daraus gelernt: großartiger Song.

Später am selben Tag läuft mir der Hippie, der kein Hippie ist, über den Weg. Keine halbe Stunde her, ich hab dem Hund im Garten ein paar Stöckchen geworfen, begegnet mir ein 60jähriger Mann mit groben Gesichtszügen, ein unscheinbarer, schon vor Jahren in die Arbeitslosigkeit entlassener Werkzeugmacher. Er sieht aus, als hieße er Lüttkenhorst mit Nachnamen, und bleibt unbeeindruckt, als ich hallo sage.

“Mhh”, murmelt er.

About these ads

Schlagwörter: ,

2 Antworten zu „Lüttkenhorst bleibt unbeeindruckt“

  1. kurt sagt:

    wow . das muß ich erstmal setzen lassen..

    oder besser nochmal lesen.

    musik in meinen OHREN.

  2. lava. sagt:

    Jeder schleppt seine eigene Musikbox mit sich herum, seinen privaten kleinen Wurlitzer-Buckel, die Erinnerungen durchnumeriert auf Tasten von A1 bis T8.

    love,
    lava.

Klappe auf

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 669 Followern an