Die Wiese war unsere Strasse

Fußball war der Befreiungsschlag. Ich hatte keine Lust mehr, Matchboxautos über den Sims des geöffneten Wohnzimmerfensters zu schieben und blutige kleine Unfälle zu inszenieren, nur um die Nachbarschaft bei Laune zu halten, die immer waghalsigere Überholmanöver forderte. Mit kleinen Blechschäden kam ich da nicht mehr weit. Ich war fünf Jahre alt, ich war ein alter Matchboxhase, jetzt war es genug; ich musste raus auf die Strasse, bevor es Tote gab auf dem Fensterbrett.

Ich erinnere mich, wie ich auf einer Wiese an der Hasseldelle mit einigen Großen Fußball spielte. Weil ich der Kleinste auf dem Feld war, stellte man mich ins Tor. Niemand wollte ins Tor, dessen Pfosten aus zwei Haufen zusammengeknüllter Jacken bestanden. Im Tor war man allein auf sich gestellt, vom Rest der Spieler abgeschnitten, mit dem Fußballgott auf du und du. Es war perfekt, es war wie für mich gemacht. Ich hechtete über den Grasboden, ich machte mich lang und streckte mich wie eine Wasserpumpenzange, ich sprang dem Ball hinterher wie ein Flummi. Auch wenn ich den Treffer nicht verhindern konnte, ich hörte zum ersten Mal ein Lob auf dem Fußballplatz.

“Der Kurze hat ja richtig was drauf”, staunten die Großen, zwölf, dreizehn Jahre alt. Strassenidole, unerreichbar eigentlich, einer applaudierte. Ab sofort war ich jeden Tag auf den Wiesen, bis die Dunkelheit anbrach.

Dass ich auf Dauer nicht im Tor blieb, lag daran, dass Tore schiessen noch mehr Laune machte als Tore verhindern. Einer der Großen, Alex, sprach bei meinen Eltern vor. “Der Kleine gehört in den Verein.” Er selbst spielte beim RSV und übernahm die Anmeldung. Den Sportplatz kannte ich schon vom Blick aus unserem Küchenfenster, der bis weit ins Kohlfurther Tal reichte, wo der RSV seinen seltsamen Platz hatte, Luftlinie zwei Kilometer entfernt. Er bestand zur Hälfte aus schwarzer Asche (in der Mitte) und Rasenbelag an den Rändern.

In der ersten Saison wurde ich Torschützenkönig der E-Jugend, Gruppe 5 . Als ich auch in der zweiten Saison König wurde und aus Lob längst Warnung geworden war, “Ihr müsst den Lockenkopf decken!”, sprachen Vereine beim RSV vor. Auch die Union, größter Club der Stadt, schickte einen Co-Trainer, um mich abzuwerben, doch meine Eltern, die mit Fußball nicht die Bohne am Hut hatten, waren dagegen. Der Platz des RSV war zwar ein Unikum, lag aber in der Nähe der Hasseldelle, und das war, was zählte.

Besonders für meinen Vater. Ein vorsichtiger Mensch. Schon Jahre zuvor hatte er ein Angebot von Brandt Hagen abgelehnt, die für ihre Zwieback-Verpackung ein neues Kindergesicht suchten. Wer Brandt damals das Schwarz-Weiss-Foto zugespielt hatte, auf dem ich aus dem Kinderwagen grinse, eine Locke keck auf der Stirn, ist heute nicht mehr nachvollziehbar, doch meine Eltern wollten mein Gesicht nicht jedes Mal anschauen müssen, wenn sie Zwieback kauften. Für kein Geld der Welt hätte Papa dein Lächeln verkauft, erzählte mir Mutter viele Jahre später.

So wurde ich nicht Timm Thaler, und so blieb ich beim RSV. Ich lernte besser mit dem Ball umzugehen und entwickelte mich mehr und mehr zum Fummelkopp. Ein Fummelkopp sucht den Sololauf, er treibt den Ball voran, um ihn behalten zu können. Interessant wird es ab zwei oder drei Gegenspielern, die man hintereinander ausschaltet, umfummelt, nass macht, stehen lässt, dumme Beine sein lässt, zu Vieh degradiert. Zwar ruhen deine Augen auf dem Lederball, darüber hinaus nimmst du aber jede gegnerische Regung wahr, jede mögliche Blockade muss vorausgesehen und einkalkuliert werden.

Bei jedem Solo gibt es diesen Moment, wo du zu scheitern drohst, wo du dich beinahe vertändelst und es dir erst in allerletzten Augenblick gelingt, den Ball noch irgendwie mit der Fußspitze mitzunehmen und weiterzumarschieren. Immerzu heisst es beim Dribbling den Ball zu feiern, zu kosen, zu huben und zu hadern, aufzubocken, zu frikassieren, zu tunneln, zurück zu erbeuten.

Zuletzt ist nur noch den Keeper vor dir. Er ist ein wilder Hund, der sein Haus bewacht, er darf dir die Pille vom Fuß beissen, er ist der Feind, der wahre Drecksack, dem es die Kirsche eiskalt durch die Beine zu schieben gilt.

Abdrehen, Küsschen, Jubelrufe.

“Hab ich euch nicht gewarnt, ihr sollt den verdammten Lockenkopf decken??”

Dann stiess Enrico zu uns, der grösste und leidenschaftlichste Fummelkopp aller Zeiten, eine mitleidlose kleine Dribbelmaschine, und ich war nur noch Nummer 2. Wenn Enrico den Ball abgab, dann aus Versehen. Er war ein europäischer Maradona, bloß doppelt so eigensinnig und absolut unfähig, ein Tor zu erzielen. Sein anarchischer Umgang mit dem Ball war geprägt von einem tiefen unbewussten Verständnis für Physik. Er wusste instinktiv, wie so ein Behälter funktioniert, der mit Luft aufgepumpt ist, wie man ihn treten muss. Er war ein Genie, vielleicht das einzig wirkliche Genie, das Gott je über den Weg gelaufen ist.

Enrico war klein und wendig, er kam aus Süditalien und sprach kein Wort Deutsch. Er stiess in der D-Jugend zum RSV, im Alter von zehn Jahren, mit Gummibeinen und einem undurchschaubaren, gleichmütigen Gesichtsausdruck. Er steckte mich in die Tasche, gegen ihn war ich bloß ein Mittelstürmer, ein Gerd Müller, kein Künstler, doch ich war ihm nicht böse. Er war zu gut, um ihm böse zu sein, und ich konnte seine Lust nachvollziehen. Denn auch wenn Fußball eine Menge brillianter Dinge zu bieten hat, ein Dropkicktor aus 30 Metern, einen direkt verwandelten Einwurf in der Nachspielzeit, nichts geht über diesen Moment, wenn man einen Lauf hat und den Gegner reihenweise aussteigen lässt. Es ist der totale Rausch. Ohne, dass du selbst genau weisst, was du als nächstes tun wirst, überrascht du den Verteidiger mit der nächsten Trickexplosion, der nächsten Finte, und, nicht zu vergessen: Jeder Verteidiger muss mit einer eigenen Finte ausgespielt werden, es ist kaum möglich, die gleiche Finte noch einmal zu verwenden in derselben Spielsituation.

Enrico fummelte nicht nur den Gegner um den Verstand, auch sich selbst verschonte er nicht. Immer wieder passierte es, dass er die gesamte gegnerische Hintermannschaft schwindlig spielte, doch sobald er allein auf den Torwart zulief, war sie plötzlich da, sie war im letzten Winkel noch zu spüren, an der Eckfahne und bis hoch zum Flutlichtmast: seine Angst vorm Torwart. Es war, als wäre er aus seinem rassigen Traum erwacht und nun baute sich die Wirklichkeit vor ihm auf, groß und unüberwindbar und universell fischte sie ihm mühelos den Ball vom Fuß. Ich kann mich an keinen einzigen Treffer erinnern, den Enrico je für den RSV erzielt hätte.

Niemand von uns Jungs hat Enrico wirklich kennengelernt. Nicht mal der Duce, der andere kleine Italiener in unseren Reihen, verbrachte ausserhalb des Platzes Zeit mit ihm, und so blieb er bis zum Schluss ein Rätsel. Dass wir trotz seines Supertalents und zwei, drei weiteren guten Spielern bis auf ein Jahr in der Bestengruppe stets in den unteren Jugend-Ligen kickten, lag an der unglückseligen Zusammensetzung unseres Teams. Es gab einfach zu viele hüftsteife Krücken und Schussel, die einen Stammplatz sicher hatten, aus dem einen oder anderen Grund. Mal war der Vater einer Krücke unser Trainer, mal bekamen wir ohne Schussel kein vollständiges Team zusammen. Man musste Minimum acht Mann aufbieten, sonst ging das Spiel automatisch 0:2 verloren.

Eines Tages erschien Enrico nicht mehr zum Training, am folgenden Samstag fehlte er beim Spiel. Seine Familie, von der wir nicht mehr wussten, als dass es eine unüberschaubare Anzahl von Geschwistern gab, war zurück in die Heimat gegangen, eine lang geplante Geschichte, doch Enrico hatte kein Wort gesagt. Aber welches Wort hätte er auch nehmen sollen, ein deutsches wohl nicht.

Drei Jahre später, in der A-Jugend, kehrte Enrico nach Kohlfurth genauso zurück, wie er gegangen war, ohne Ankündigung, Knall auf Fall. Diesmal war er nur mit dem Vater gekommen, der wieder seine Arbeit bei Rasspe aufnahm, einem Hersteller von Landwirtschaftsgeräten sowie Sponsor und Namensgeber des Rasspe Sport Vereins. Enrico war kaum gewachsen, hatte sich aber in Italien einen kleinen Nudelbauch angefuttert. Seine Ballbehandlung war weiterhin großartig, er fummelte auf engstem Raum, als wollte er das Völkerrecht aushebeln, er war der Reiter, der die feindlichen Linien in der Nacht durchstiess, übertölpelte, Haken schlagend. Wäre es möglich gewesen, jeder Gegner hätte ihn zur unerwünschten Person erklärt und an der nächstbesten Grenze festsetzen lassen, bis zum Saisonende.

Doch etwas war anders geworden. Kaum 17 Jahre alt, machte er einen erschöpften Eindruck. Der kleine Bauch, für den seine Mama viele Portionen Nudeln geknetet haben musste, war nur äusserliches Anzeichen für seine Schwermut. Schon nach zwei, drei Spielen geschah es, dass er plötzlich den Ball abgab, in einer völlig unbedrängten Situation. Hätten wir uns Jahre zuvor noch darüber gefreut, dass Enrico sich mannschaftsdienlich zeigte und den Ball zum Nebenmann weitergab, das Spiel fliessend machte, so wussten wir nun nicht, was wir davon halten sollten.

Einmal, nach dem Training, gingen wir gemeinsam in Richtung Vereinslokal, wo auch die Umkleidekabinen und Duschräume untergebracht waren, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er uns etwas sagen wollte. Tatsächlich holte er Luft, doch er räusperte sich nur und schwieg. Der kleine Italiener habe es mit dem Herzen, sagte unser damaliger Trainer. Enrico kehrte ein halbes Jahr später in die Heimat zurück, ohne den Vater, und erhängte sich.

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A-Jugend RSV Kohlfurth, etwa 1977

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500beine zeigen  Schreiben und Authenzität

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Eine Antwort zu „Die Wiese war unsere Strasse“

  1. Oliver Driesen sagt:

    Hab ich erst jetzt gelesen. Saustarker Text über das Wesen des Fußballs, vor allem jetzt nach Enke.
    Und: Echt wahr, dass du fast das neue Brandt-Zwieback-Gesicht geworden wärst? Gibt’s ja gar nicht … Starke Haltung vom Vater.

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