Abends hocke ich in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung.
“Was machst du?” ruft sie. Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, und der Fernseher läuft.
“Lesen”, antworte ich matt.
Tatsächlich liegt die Zeitung vor mir, doch unterm Lokalteil stecken die drei Pillen, die der dicke Methadonhändler mir vor Wochen schon in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.
“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Ist aber nichts zum Antörnen. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir dreckig geht.”
“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte sie später, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”
“Klar hätte ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich’s heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Mist. Ist doch logisch, oder?”
“Na, super logisch. Du bist wie ein Mono-Plattenspieler, der immer dieselbe verdammte Single runternudelt, weißt du das!? Nicht mal ne anständige LP kriegst du hin.”
Noch liegen die Pillen vor mir. Noch hadere ich. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man es zu früh nimmt, wenn die Rezeptoren noch nicht völlig frei sind, wird dir auf einen Schlag das letzte Quäntchen Opium entzogen und dann sitzt du da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean, von einem Moment auf den nächsten, dass du nur noch abwarten kannst, bis die Attacke vorüber ist. Sagt man. Sagt die Szene.
Dabei ist das gar kein richtiger Affe, den ich schiebe. Es ist eher das Grauen vor der Nacht. Dass der Affe sich anschleichen könnte, noch bevor der Morgen dämmert und ich zum Doc latschen kann, das neue Rezept abholen für die Wochenration Methadon. Für meinen über alles geliebten Apothekenzustand. Der keinen Gott neben sich duldet.
Ich wiege die Pillen in der Hand. Die Küchentür ist einen Spalt geöffnet, ich seh das blaue Licht des TV-Bildschirms die Wände rauf- und runterflackern, ein zentralnervöser Schneiderwipphopp. Sie ahnt nichts von meinem Dilemma. Sie ahnt nicht, dass ich mal wieder auf dem Trockenen sitze, dass ich mal wieder tagelang mit Unmengen Methadon unterwegs war, wie in Watte gepackt, damit nichts drankommt, so wie mein Vater uns Kinder immer in Watte packte, damit nichts drankam, und in der Nacht träumte ich von Reisen in gläsernen U-Booten, die mich als Knirps mollig warm durch die Tiefsee schleusten.
Während ich mit dem Rücken an der Heizung sitze, (das Erdgas aus Russland erreicht mich nicht, es verpufft in weiß lackierten, harten Heizungsrippen), ackere ich den Beipackzettel ein weiteres Mal durch, doch ich kann mich kaum konzentrieren, die Worte fliehen über den faltigen Zettel.
Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.
Weiter unten entdecke ich was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats. Vier Stunden, was denn, nur vier? Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hab ich vor 18 Stunden genommen! Was also spricht dagegen, wenn ich jetzt Subutex einwerfe, damit ich über die Nacht komme. Andererseits weiß ich von Leuten, dass sie vor der ersten Einnahme von Subutex sechsunddreißig Stunden clean bleiben mussten. Sechsunddreißig, und nicht vier.
JA, WAS DENN NUN!??
Ich nehme die erste Pille à 2 mg in die Hand. Jetzt bloß nicht lange fackeln. Jetzt sublingual.. jetzt.. löst sich die erste Tablette schon im Mund auf, versickert.. Ich blättere in der Zeitung und warte. Horche in mich rein. Ob da was kommt, warm anflutet. Natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nur ein Klacks. Welchem Junkieherz genügt ein Klacks. Es dauert keine Minute, schon liegen die beiden restlichen Pillen unter der Zunge. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es reitet sich selbst über den Oxer. Jetzt wird es wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein. Doch nicht. Schlechter geht’s mir aber auch nicht. Immerhin.
Eine halbe Stunde ist vergangen, als ich mich zu ihr lege. Der Fernseher läuft, doch ich bin woanders mit meinen Gedanken. Allein mit meiner Sucht. Wenn Heroin schon kein Publikumsknaller ist, dann sind Ersatzmittel ein wirklich einsames Geschäft. Wer sitzt schon in trauter Runde und kippt gemeinsam ein Töpfchen Methadon, eins nach dem anderen.
Sie wundert sich, warum ich so still bin.
“Ist was?” fragt sie, doch ich winke nur ab. “Ich bin müde.” Ich dreh mich zur Wand und schlafe auf der Stelle ein.
Als ich wach werde, steckt mein Brustkorb in Stahlzwingen. Ich bin klatschnass geschwitzt. Oh Gott.. mein Gott..!! Ich flüchte aus dem Bett. Bloß raus..!
“Was ist denn los?”
Ich bin voll auf Affen. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an mir herunter. Ich hab nicht mal eine halbe Stunde geschlafen. “Ich fühl mich.. scheiße!”
“Wie, du fühlst dich scheiße!? Was hast du angestellt!?”
Es ist, als wälzte ich mich durch ein großes überwürztes Feuer, als brenne ich lichterloh. Ich flüchte ins Bad, vor den Spiegel. Riesige schwarze Bratpfannen glotzen mich an. Wie lang schon hab ich nicht mehr solche Pupillen gehabt. Mein Herz rast wie auf durchdrehenden Rädern. Ich lass mich auf den Wannenrand nieder.
“Was hast du gemacht?”
“Ich hab.. Scheisse gebaut. Ich hab Subutex genommen..”
“Du hast..? BIST DU BESCHEUERT!?? SUBUTEX! Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”
“Ich weiß..”
“Wie, du weißt!? Warum hast du es dann gemacht??”
“Ich dachte, also.. ich weiß nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte kaum noch Metha für heute.. Scheisse! SCHEISSE!!”
So halte ich die Nacht nicht aus, das steht fest. Ich schreie, doch kein Ton kommt heraus. Ich renne durch die Wohnung, panisch, in Auflösung. “Ich halt das nicht aus..!”
“Du hältst das aus”, versucht sie mich zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..” Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen. Die ganze Nacht! All die Stunden. Bis zum Morgen. Bis acht Uhr. Bis endlich der Doc aufmacht.
“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer heraus. Es ist kurz vor Mitternacht. Natürlich springt der Anrufbeantworter an.
“Was hast du denn gedacht?” sag ich. “Dass der Doc nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”
“Nee, dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”
Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt. Hält mir den Hörer hin.
“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”
“Du kannst. Natürlich kannst du. Frag, was du machen sollst.”
Ich nehm den Hörer in die Hand. Es dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.
“Ja..?”
“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört?”
“Hmm.. wer isn da?” nuschelt er, als habe er was im Mund. Ich nenne meinen Namen und räuspere mich. “Ich hab scheiße gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”
“Experimentiert? Mit Subutex? Ja, das ist schlecht.”
Doktor Hilten ist ein stattlicher Mann. Ein Fress-Buddha, der sich mit einer Trutzburg aus Fett vor seinen süchtigen Patienten schützt, die ihn mit ihrer Sucht zu sehr an die eigene Fettsucht erinnern. Er kann sie nicht leiden. Er hasst Junkies.
“Dann hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bisschen. Kann aber nichts passieren.”
“Ich fühl mich aber scheiße.. extrem. Ich mein.. sollte ich nicht.. können Sie mir nicht was Methadon..”
“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”
Ich sag nichts mehr. Hat eh keinen Sinn. Sie beobachtet mich.
“Du schaffst das schon”, meint Hilten leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du es schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”
Ich lege auf. Tiger durch die Wohnung. Nur ein paar dumme Stunden. Arschloch! Was weiß der denn. Na klar, was zu fressen hat man immer in der Tiefkühltruhe. Die ganze verfluchte Nacht.. Und ich hab das Gefühl, dass es schlimmer wird, von Minute zu Minute knappst das Subutex mehr Opium ab. Das Gewebe zieht und zerrt und rüttelt in mir, wie der Sturm an einem Gerüst. Ein Tornado. Wieso zum Teufel hab ich auch alle drei Pillen auf einmal genommen?! Ich Idiot! Ich Trottel!
Und jetzt hier rumheulen!
“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Bleib ruhig. Ich lass dir eine Wanne einlaufen. Entspann dich”, meint die Gräfin. Ich höre sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem ich mich befinde. Die Klippen. In meinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Wo man um diese Zeit was auftun kann. Schore, Metha, Pillen, irgendwas. Und das ohne Kohle.
WIESO STAND AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL AUCH VIER STUNDEN!!?
Ich grapsche meine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar keine Kohle drin, aber Telefonnummern von allen möglichen Leuten.
“Wohin willst du..?”
“Ich.. weiß nicht. Raus hier. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”
“Angelo? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT? Wenn du jetzt auf Subutex noch irgendein Opiat nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das ein Zuckerschlecken jetzt gegen das, was dich danach erwartet! Lass es bloß sein!!” Ich hab sie lange nicht so zornig erlebt.
Es ist Mitternacht durch. Alles wird immer enger, je länger ich warte und nichts unternehme. Auf der Platte in der Nordstadt ist um diese Zeit kein Mensch mehr. Die Platte am alten Bahnhof ist fast aufgelöst, die Schmiere hat ganze Arbeit geleistet. Angelo kann ich von hier aus nicht anrufen, dann packt sie noch heut Nacht ihre Klamotten. Ich muss in die Telefonzelle, in eine, die Münzen annimmt. Ich wollte nie ein Handy, weil ich keine Lust hab, ständig erreichbar zu sein, jetzt hab ich den Salat. Auf der Klingenstrasse steht ein Telefonhäuschen. Ich sag, dass ich ins Städtische gehe, in die Notaufnahme.
“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”
“Was soll passieren?”
“Dass ich umkippe. Keine Ahnung.”
“Ich kann dich doch ins Spital fahren.”
“Nein..! Ich muss.. gehen. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann? Was mach ich den Rest der Nacht?”
“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, bist du auch in ner dreiviertel Stunde da.”
“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich werd langsam gehen, dann brauch ich mehr als eine Stunde, durch die Nordstadt. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”
Ich sitze auf dem Badewannenrand und schnüre schwerfällig die Stiefel. Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?
“Bau keinen Scheiß”, fleht sie.
“Ich hab keine Kohle für Scheiße bauen.”
“Ach, seit wann braucht der Herr Kohle, um Scheiße zu bauen?”
Ich kann nicht einen Cent vom Konto abheben. Es ist alles sinnlos. Es wird immer später. Gleich ein Uhr. Vielleicht steht doch einer auf der Platte in der City. In der Finsternis. Und wartet auf Vollidioten.
“Mach dir keine Sorgen”, sag ich zu ihr an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte bibbernd. “Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”
“Soll ich dich nicht doch fahren?”
“Nein…! Nein.”
Das Thermometer zeigt zwei Grad unter Null. Vollmond. Wenn ich durch den Coppel-Park gehe, in Richtung Klingenstrasse, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will. Ich dreh mich um. Unsere gemeinsame Wohnung ist hell erleuchtet wie ein Kasino, aber ich seh sie nicht am Fenster. Sie will nicht wissen, wohin ich gehe. Ich dreh ab in den Park, begleitet vom zornigen Schnattern der Enten. Meine Füße sind schwach, sie tun es nicht richtig, ich eiere mehr als dass ich gehe, als wäre ich auf weichgekochten Sohlen unterwegs.
Richtung Telefonzelle Klingenstrasse ist auch Richtung Eisenbahnbrücke, die höchste Deutschlands, 110 Meter hoch. Wo man den ganzen Scheiß unter sich lassen kann. Die Verwüstungen. Die inneren Debakel.
Als ich die Telefonzelle erreiche, ein in der Dunkelheit erstrahlendes gelbes Juwel, hab ich kaum noch Kraft in den Beinen. Ich lege die Brieftasche auf dem Fernsprecher ab. Da ist ein einziges 50 Cent-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Cent. Ich hab einen einzigen Schuss frei. Und dann finde ich die Telefonnummern nicht. Es sind Dutzende von Zetteln in der scheiß Brieftasche, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern verzeichnet sind. Ich hab ihn zu Hause liegen lassen. Ich bin zu geschlaucht, um Scheiße zu brüllen. Wie betäubt versuche ich mich an Angelos Handynummer zu erinnern. Ich werfe das 50 Cent-Stück ein. Probiere ein paar Nummern, aber ich hab dauernd einen Zahlendreher drin. Ich krieg es einfach nicht hin. Bevor es zum Anschluss kommt, drücke ich nach vier oder fünf Freizeichen schnell die Gabel nieder, damit nichts flöten geht von den 50 Cent.
Und dann versuch ich es doch mit der Nummer, die ich für richtig halte. Es hebt jemand ab. Halb zwei in der Nacht. Eine unbekannte weibliche Stimme.
“Schuldigung”, flüstere ich und leg sofort auf. 20 Cent sind damit schon weg, heruntertelefoniert. Verflucht. Ich krieg diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen! Aber schuldigung sagen zu irgendeiner beschissenen Tussi, die du nicht kennst, das geht, du Pisser!
Plötzlich fällt mir Ringo ein.. Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Ich hab ihn lange nicht gesehen, vielleicht ein halbes Jahr. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, in den späten 60ern. Eine Menge Leute sind damals gemeinsam aufgewachsen. Und auch wenn ich mich an Ringos Handy-Nummer nicht erinnere, seine Festnetznummer steht wie eine 1 auf meinem inneren Display.
Vor einigen Tagen hab ich noch seine Ex getroffen, die kleine Simone. Sie meinte, dass Ringo aus Angst vor der Schmiere kaum noch ans Telefon ginge.
Nach dem zweiten Läuten hebt er ab. “Jaa..?”
“Ich bin’s”, schnappe ich auf, tonlos, als wäre meine Stimme in einen Industriestaubsauger geraten. Selbst meine Stimme ist nackig. “Wie siehts aus.. kannst du mir.. weiterhelfen?” Ringo braucht einen Moment, um meine Stimme zu erkennen. “Das bist du.., Glumm, oder? Alter, bei mir siehts auch nicht gut aus.” Ringo atmet schwer. Noch 10 Cent. “Hör zu, Ringo. Mir gehts dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht kommen soll. Ich brauch.. nicht viel.” Ringo schwenkt um. “Okay. Komm vorbei. Aber mach schnell.” “Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich.” “Mach hin. Ich hab ne Schlaftablette drin.”
Klick. Weg ist er.
Ich pack die Brieftasche ein und schleiche los. Es ist eiskalt, ich friere und schwitze abwechselnd, dann gleichzeitig, und zuletzt kann ich es nicht mehr auseinanderhalten, ob ich nun schwitze oder friere. Ich halte das Licht kaum aus, das grelle Licht von Reklamen und Straßenlaternen, und nehme den Umweg über den dunklen alten Güterbahnhof, der zur Kunstmeile umgebaut wird. Schneefall setzt ein. Vor lauter Schwäche kriege ich kaum noch einen Fuß vor den anderen gesetzt.
Dieser Geruch in der Nase, als würde irgendwo ein Bauer Pferdehufe abbrennen.
Ich halte mich an einem Bauzaun fest. Ein Taxi fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt rüber. Hoffentlich glotzt er auch, wenn ich gleich umkippe. Ich schleiche durch den fallenden Schnee, die Arme verschränkt, immer tiefer im roten Bereich versinkend. Hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, so bräsig, wie er geklungen hat.
REVOL lese ich an den alten Güterhallen. Da wollte wohl jemand REVOLTE sprayen, und noch vor dem T und dem zweiten E kam die Bahnpolizei.
Ringo öffnet in Unterhose und grünem OP-Hemd. “Schließ die Tür ab”, sagt er knapp, der Schlüssel steckt von innen. Er geht vor, auf langen dünnen Beinen. Seine Nase läuft. “Mitten in der Nacht.. Alter, dir muss es ja übel gehn..” Seine Bude ist überhitzt, seit Tagen nicht gelüftet. Aber aufgeräumt. Wie immer. Ringo ist penibel.
“Ich könnte kotzen vor Knochenschwäche”, sag ich. Ein Gefühl, als würde man mit Mitte 30 noch mal wachsen. Ich erzähle, was los ist.
“Alter! Subutex auf Reste von Metha! Wie scheiße bist du denn drauf!? Ich hab mal auf Subutex so die Panik gekriegt, ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!” Ringo ist laut. Wunderbar laut. Er baut sich steifbeinig vor mir auf, als wolle er eine Weltneuigkeit verkünden. “Ich war nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher Rotwein gesoffen hatte, war das ganze Scheißhaus eine einzige blutrote Pfütze. Als wär ein Ochse ausgeblutet, Alter. Subutex auf Metha. Wie schräg bist du denn drauf?”
Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht, und zieht ein Säckchen Heroin aus der Schublade. Gutes Rotterdam-Heroin.
“Ich bin aber..blank”, sag ich.
“Kein Thema, Alter.. .” Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line über die Glasplatte. “Hier.. zieh das erst mal weg. Dann gucken wir weiter. Aber so dolle bin ich auch nicht bepackt. Heut Mittag haben mich die Rabauken fast leer gekauft.”
Er verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft. Eine DVD. “Ausser Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo.”
Ich sitze unentschlossen vor dem Pulver. Weiß nicht, ob ich es wagen soll. Wenn es stimmt, was alle sagen, macht Heroin einen Subutexentzug nur noch schlimmer.
“Was ist los, Alter?” knurrt Ringo, die Augen auf Halbmast. “Nimm doch erst mal die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”
Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Was er mir da gestreut hat, bringt auf der Platte locker einen Fuffie. Ringo ist eine Klasse für sich. Wenn er lacht, zeigt sich Zahnfleisch in der Größe von Immobilien und ein Satz brandneuer Teleskopzähne. Er pendelt täglich mit der S-Bahn nach Düsseldorf, wo er einen gut dotierten Bildschirmjob hat.
“Wir sind Übriggebliebene”, hat er mal im Zug zu mir gemeint, “nichts als Übriggebliebene. Wenn ich von Heroin rede, fühl ich mich schon wie Opa, der aus dem Krieg erzählt.”
Ich steh vom Tisch auf, ohne gesnieft zu haben, und stakse durch die Bude. Hole die Sammlung kleiner Hieronymus Bosch-Figuren aus dem Regal, die Ringo an einer ganz bestimmten Tankstelle in Rotterdam kauft. Ich setz mich an den Schreibtisch, steh wieder auf. Bin unschlüssig und schlapp und hibbelig. Ein Schweißausbruch fällt über mich her.
“Alter, du machst mich wahnsinnig!” Ringo bietet mir einen Schluck roten Schnaps aus der großen Pulle an.”Artilleriefeuer, Alter! Ich dachte erst, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer. Aber Teufel, das Zeugs tut es. Kommt sogar dem ziemlich nahe, warum ich irgendwann das Jägermeistersaufen angefangen hab.”
“Nee, keinen Schnaps. Bloß nicht.”
“Also, langsam werde ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – du traust dich nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an – willst du auch nicht. Mann, warum holst du mich überhaupt mitten in der Nacht aus dem Bett? Um dauernd nee zu sagen??”
Ich sniefe die Straße in einem einzigen Haps weg.
“So kenn ich dich”, wiehert Ringo. “Mit dem dicken Rüssel, Alter..!”
Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und singt und wiehert und plaudert aus dem Krieg, während ich gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa ununterbrochen Rad fahre, so sehr zucken und krampfen meine Beine. Nur ganz allmählich wird mir wärmer und das Heroin wirkt. Vonwegen, es macht alles nur schlimmer. Ich versuche ein bisschen zu schlafen. Ringo kommt leise rüber und deckt mich mit einer Baumwolldecke zu. Ich bin gerührt, wie sehr er sich bemüht, aber pennen kann ich nicht. Ich sitze bald wieder auf dem Sofa – und strample.
Ringo erzählt aus der Zeit, als er noch Messebau machte und alle vierzehn Tage in einer anderen Stadt zu tun hatte. Ein Junkie in einer fremden Stadt hat ein Problem, ohne seine vertrauten Leute weiß er kaum, wohin. In den Metropolen geht’s noch, doch schon in kleineren Städten ohne offene Szene ist man aufgeschmissen.
“Die Härte ist Hannover, Alter. Hannover hat ne härtere Platte als Berlin oder Rotterdam. Da schleichen am Bahnhof Hunderte Fertige um dich herum und alle wollen für dich was klarmachen, die abgerissensten Vögel, alle total krank. Ich steh da also mit meinem Hunni wie der König von Hannover und weiß nicht, wem ich trauen soll. Urplötzlich umkreisen mich fünf, sechs Leute, schirmen mich regelrecht ab, und ein kleiner Bimbo kommt an und zählt mir elf Bubbles in die Hand. Eins, zwei, drei, vier.. ein Handel unter ehrlichen Kaufleuten, elf Bubbles fürn Hunni, korrekt fette Teile, kein Thema. Ich sofort ins Hotel, die Türe zu und einen Bubble nach dem anderen weggeraucht..”
“Der König von Hannover”, sag ich.
“Der König von Hannover mit elf Bubbles!”
Um fünf in der Früh geht’s mir endlich besser. Wir sitzen nebeneinander auf Ringos Bett und gucken Ausser Atem, wo Belmondo in einer Szene ebenfalls im Bett sitzt, nur mit Unterhose und Hut bekleidet.
“Der zieht sich morgens immer den Hut auf, bevor er im Bett telefoniert”, johlt Ringo, der sich gern schick macht.
“Das Schlimmste im Leben ist Feigheit”, sagt Belmondo zu seiner amerikanischen Geliebten und nuckelt an einer Mais-Zigarette. Dann steht er auf und wechselt den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
“Da, cool!” ruft Ringo. “Alter!”
(2001)
*
Für Ringo (1961-2007)
24. Februar 2008 um 18:08 |
Gut geschrieben, Meister. Jetzt, wo ich wieder atmen kann bleibt nur noch zu sagen: gut dass ich den „Affen“ nicht kenne. Gut, dass der Kelch an mir vorüber ging. Hatte nur dran genippt, das hat mir gereicht.
26. Februar 2008 um 06:19 |
Wahnsinnig gut geschrieben.
2. März 2008 um 18:53 |
Bin schwer beeindruckt.
22. Oktober 2009 um 11:56 |
[...] für Ringo: Nur ein paar dumme Stunden Geschichte auf 500beine: Eine Nacht im [...]
17. September 2011 um 22:30 |
Halleluja.
21. September 2011 um 19:50 |
Hallo glummi,
da bist du aber schwer an den hacken von richard brautigam., ken kesey. und charles bukowski.
Sehr dicht und einfühlsam und vor allen dingen schade um ringo.
einen fuffi stand-up-mässig mal eben so raus-zu-tun: respekt.
gruss
Jens
22. September 2011 um 04:38 |
“.. ein zentralnervöser Schneiderwipphopp..”
puh.
4. Januar 2012 um 16:23 |
[...] 05. Nur ein paar dumme Stunden [...]